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Full text of "Zeitschrift für französische sprache und literatur"

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Zeitscluiffc 



für 



französische Sprache und Litteratur 



unter besonderer Mitwirkung ihrer Begründer 



Dr. G. Kcerting und Dr. E. Koschwitz 

Professor a. d. Akademie sn Mfinster i. W. Professor a. d. ünWersitfct in Oreifiiwald 



herausgegeben 



von 



Dr. D. Behrens ^nd Dr. H, Kcerting^ 

Privatdosent a. d. UniTorsität su Greifs wald. Professor a. d. UniTersitfct sn Leipsig. 



Band XL 



Oppeln nnd Leipzig. 

Eugen Franck's Buchhandlung 
(Georg Maske). 

1889. 



INHALT. 



Abhandlungen. 

Seite 

G. Bornhack. Zola als Dramatiker 29 — 40 

J. ten Brink. Moderne französische Romanschriftsteller . 41 — 64 
E. Dannheisser. Zur Geschichte des Schäferspiels in 

Frankreich • . 65—89 

J. Frank. La Satyre des Satyres et la Critiqae desint^ressäe 1 — 22 
E. Guglia. Antoine RivaroFs Plan einer Theorie du corps 

politique 266—264 

A. Haase. Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des 

XVII. Jahrhunderts 203—237 

W. Knörich. Zur Kritik des Preziösentums 167—176 

R. Mahrenholtz. Bemerkungen über die Correspondance 

philosophique, litt^raire et critique (1747 — 93) . . . 90 — 104 

. Thörese Levasseur 177—187 

Ph. Plattner. Personal- und Gentilderivate im Neufran- 
zösischen 106—166 

W. Ricken. Grundzüge der Entwickelung des e sourd. 
Ein Beitrag zur Beantwortung der Frage: Wie sind 

die französischen Verse zu lesen? 238 — 255 

E. Ritter. Le programme du prix proposä par l'Acadämie 

de Dijon et remportä par Jean-Jacques Rousseau . . 23 — 28 

-■ . La Correspondance de Sainte-Beuve 188 — 202 

MiSZELLEN. 

J. Aymeric. Evolutions de la langue fran^aise .... 267 — 269 

Lohmann. Ein Roman Victor Cherbuliez* 270—272 

R. Mahrenholtz. Die Bildnisse Moliäre*s 266-266 



* » ♦ ^ > 



Druck von Erdmaim Baabe in Oppeln. 



La Satyre des Satyres et la Critique dösintöressee. ^) 



So lauten bekanntlich die Titel zweier Satiren, die Boileau 
und Moli^re in schärfster Weise angreifen, nicht nur in ihrer 
Eigenschaft als Dichter, sondern auch in ihrem Privatcharakter. 
Sie werden in der Regel dem Abb6 Cotin zugeschrieben; doch 
gilt seine Autorschaft (wie man sehen wird) durchaus nicht als 
unbestritten, und wir werden uns mit dem Beweismateriale für 
und wider noch eingehend zu befassen haben, um schliesslich 
(so hoffen wir) Cotin als Verfasser der beiden Satiren sicher zu 
stellen. Bevor wir aber auf die Erörterung dieser Streitfrage 
näher eingehen, müssen wir uns mit den gegenseitigen Beziehungen 
der drei genannten Schriftsteller und mit dem Inhalte der beiden 
in Rede stehenden Schriften etwas näher vertraut machen. 

Moli^re und Boileau waren bekanntlich intime Freunde. 
Innere Wahlverwandtschaft hatte sie zusammengeführt, in erfreu- 
licher Übereinstimmung hatten sie den Kampf gegen das Preziösen- 
tum gewagt und im schönen Gleichtakte ausgeführt, ebenso wie 
die Talentlosigkeit Gotin's als Dichter und seine niedrige Denkungs- 

^) Die Hauptanregung und das wichtigste Hilfsmittel zu diesem 
Aufsatze bot der als XII. Bändchen der Nouveüe Coüeciion Molieresque 
erschienene Neudruck : La Satyre des Satyres ei la Critique desinidressee 
sur les satyres du iemps par Tabbö Cotin avec une notice par le 
bibliophile Jacob. Paris, 1883. Librairie des bibliophiles, rne Saint- 
Honor^, 338. Die Vorrede Jacob's (bekanntlich Pseudonym für Paul 
La er o ix) gibt eine gedrängte Zusammenstellung der im Molieriste 
durchgefochtenen Streitfrage, die aber, wie uns scheint, einer weiteren 
Kontroverse noch immer Baum lässt. — Wenn dieser unser Aufsatz 
ein Verdienst für sich in Anspruch nehmen darf, so ist es das, auf den 
Text der beiden Satiren gewissenhafter eingegangen zu sein und aus 
demselben für die Frage der Autorschaft weitere Aufschlüsse gesucht 
zu haben. Wir bemerken gleich hier, dass wir uns im Verlaufe dieser 
Arbeit für Satyi'e des Satyres der Abbreviatur „S. d. S." und für la 
Critique desinteressee „l. Cr. des.^ bedienen werden. 

Zscbr. f. fT& Spr. u. Litt. XIi. i 



2 /. Frank, 

art zwischen ihm und den Genannten frühzeitig eine hohe Scheide- 
mauer errichtete. Cotin war ein Habituö des Hotel Rambouillet, 
in dem die Unnatur und der forcierte Geistesreichtum, das stiss- 
liche Wesen und die falsche Sentimentalität hypertrophischer 
Herzen einen zweideutigen Verkehr mit den Musen pflegten. 
Boileau hatte zwar ebenfalls eine Zeit lang in diese hureaux 
d^esprit seinen Fuss gesetzt,^) aber bald wiederum die richtige 
Fährte aus denselben gefunden, er hatte diese poetische Ver- 
irrung bald überwunden und wie eine abgestreifte Schlangenhaut 
hinter sich liegen lassen, ja sogar seiner tiefen Abneigung 
gegen diese Richtung^) in seinen Satiren rücksichtslosen Ausdruck 
verliehen. Auch die SteUung Moli^re's gegenüber dieser poetischen 
Bewegung war vermöge seiner geistigen Eigenart genau vor- 
geschrieben und man weiss, wie tötlich er dieselbe getroffen hat. 
Diese prinzipiellen Gegensätze verschärften sich immer mehr und 
spitzten sich zu persönlichen zu, da Gotin von jener zänkischen 
Eitelkeit erfüllt war, die das verräterische Brandmal aller Schrift- 
steller ist, denen die Geltendmachung der lieben Persönlichkeit 
höchster Zweck ist. Cotin war seinen Gegnern an Schärfe 
nicht gewachsen, und so scheute er sich nicht, obzwar er sich 
als felsenfester Streiter des Herrn und Bewahrer des Heiligtums 
der Gesinnung gebärdet, in den beiden Satiren zu den ehrlichen 
Geistes Waffen erbärmliche Angebereien und Verleumdungen 
hinzuzufügen, von denen wir noch ausführlich zu sprechen haben 
werden. Begreiflicherweise stieg dadurch auch die Erbitterung 
der beiden Angegriffenen; besonders Boileau nahm Gotin auch 
weiter scharf aufs Korn und machte ihn in seinen Satiren zum 
ewigen Stichblatt seines Spottes. Mit der ihn auszeichnenden 
Feinfilhligkeit und dem starken Unterscheidungsvermögen zwischen 
der wahrhaften Poesie und der affektierten, koketten Empfindelei, 
zwischen den Schöpfungen von dauerndem und denen von nur 
ephemerem Werte, mit dem frohen Mute des Reformators hatte 
er neben anderen litterarischen Gecken und Götzen auch Gotin 
von seiner hohen Stellung herabgerissen, jenen Cotin, der wie * 
alle Schriftsteller, die ganz und ausschliesslich nur ihrer Zeit 
angehören, mit den oberflächlichen Salondamen ein zwar in- 
brünstiges, aber nur kurz anhaltendes Liebesverhältnis einge- 



1) Er achreibt selbst an Le Verrier: J^ai une espece de confusion 
davoir emphyä quelques hewres ä faire des vers damouretle ei d^itre 
iombe moi-mime dans le ridicule doni faccuse les autres, 

^) Ceite disposiüon Wesprit ei ceiie humeur semblaieni faire de 
Boileau Vennemi naiurel de ces riens galanis, de ce grand fin, de ce fin 
des choses, de ce fin du fin eic. (Nisard, Hisi, de la litt, fr,, II. Bd. 
S. 290.) 



La Satyre des Satyres et la CriHque ddsinieressäe. 3 

gangen war. Man muss es Boilean's damaliger Jagend zu Oute 
halten, wenn er im Eifer des Gefechtes zuweilen über den Strang 
schlägt und nicht nur den Bannerträger des Preziösentnms and 
Dichter, sondern auch den Kanzelredner Cotin hart mitnimmt, 
der den immer mehr gelichteten Reihen seiner andächtigen Zu- 
hörer in seinen Predigten ein wahres Pastoralopium verabreichte.^) 
Den vernichtenden Schlag gegen Gotin aber hatte Moli^re geführt, 
indem er mit einem Kernhiebe Cotin's Reputation vollkommen 
totschlug. Er stellte ihn nämlich in seinen Femmes savantes als 
Trissotin auf die Bühne, eine Figur, in der jedermann das 
Original wiedererkennen musste und in der Cotin's Gelehrten- 
dünkel und Rechthaberei, seine Selbstgefälligkeit und Scheelsucht, 
seine Pedanterle und Schalheit als Dichter einem unauslöschlichen 
Gelächter preisgegeben waren. Dieser Hieb sass so fest, dass 
sich der Betroffene seit dieser Zeit kaum mehr öffentlich zeigte 
und auch litterarisch mundtot gemacht war.^) Selbst der Um- 
stand, dass er 1655 in die Akademie aufgenommen worden war, 
konnte ihn bei der Nachwelt vor dem Fluche der Lächerlichkeit 
nicht bewahren. Übrigens machte ihm selbst der Abb6 de 
Dangeau, der ihm in der Akademie nachfolgte, kaum einige Elogen. 



1) Si Von rCest plus au large assis en un fesiin, 

Qu'aux Sermons de Cassagne, ou de tarne Cotm. (Sat III.) 

Dieselben Verse wiederholt Boileau auch anführend in der IX. Bat. 
in der er auch ironisch sagt, er wolle, am niemanden zu verstimmen, 
von nun an schreiben: 

Cotin ä ses sej'mons iratnant toute la terre 
Fend les flots d'audiieurs pour aller ä sa chaire. 

2) Man hat sogar behauptet, dass der Kummer, den Cotin über 
diese Behandlung empfunden, ihn zum Grabe geführt habe, und sogar 
Voltaire hat sich dazu hergegeben, dies Gerücht zu wiederholen. Cotin 
starb jedoch erst 1682, erst 10 Jahre nach der Aufführung des Stückes, 
im Alter von 78 Jahren. L*on voit, que si c*est au chagrin qu'il faut 
aitrihuer sa mort, ü fut pour Im comme le caf4 pour Fonteneile, un 
poisonlent (Tascherau, S. 44.) (Lion, Les Femmes Sav. S. 74, A. 721.) 
— Übrigens fand diese Aufführung nicht wie es bei Lacroix (La SaU d. S. 
et la Crii. des. S. VII) heisst, am 12. M'ärz, sondern am 11. d. J. 1672 
statt. — Wir fügen hier noch die vortreffliche Schilderung hinzu, die 
Moliere {Femmes sav. I, Sz. 8) von Trissotin gibt, 

La consianie hauteur de sa pre'somption 
Cetle intre'pidite de bonne opinion 
Cet indolent etat de confiance extrSme 
Qui le rend en tout temps si content de soi-mSme, 
Qui faitf qu*ä son esprit incessamment il rit, 
Qu'ü se sait si hon gre de tout ce qü'il ecrit^ 
Et qu'il ne voudrait pas changer sa renomniäe 
Contre tous les honneurs d'un g^ne'ral d^armee. 



4 J* Frank, 

Betrachten wir nun den Hauptinhalt der beiden in Rede 
stehenden Satiren, in denen Cotin (wir nehmen vorgreifend seine 
Autorschaft als erwiesen an) seine vergifteten Pfeile gegen seine 
beiden Gegner abschnellt, etwas näher. Nicht, als ob diese 
beiden an und für sich ziemlich wertlosen Machwerke der Mühe 
eines näheren Eingehens lohnten, auch nicht, weil Cotin, diese 
noch nicht einmal durch ihr Alter ehrwürdig gewordene litterarische 
Ruine, an und für sich ein wichtiges Objekt des litteraturgeschicht- 
liehen Studiums bilden kann, sondern weil sie auf zwei so be- 
deutende Männer wie Moli^re und Boileau starke Streiflichter 
werfen und eine Lösung der Autorfrage ohne die Kenntnis des 
Inhaltes nicht gut möglich ist. Es sind nun zunächst Aus- 
stellungen mehr ästhetischer Natur, die in der 8. d. S, und in 
der Crit dis, gegen Boileau ^und Moli^re erhoben werden, und 
der erstere ist es besonders, der nach dieser Seite hin angegriffen 
wird. Er wird als Plagiator schlimmster Sorte hingestellt, der 
bei den alten grossen Satirikern die unverschämtesten Anlehen 
mache, der in willkürlicher Weise wie ein Beherrscher des 
Parnasses seinen Freunden den poetischen Lorbeer reiche, und 
einen Moli^re zu einer litterarischen Grösse aufblähe, obzwar er 
doch nur ein gewöhnlicher Possenreisser sei; Boileau könnte keine 
Zeile schreiben,^) wenn er nur seine eigenen Gedanken nieder- 
schreiben sollte, und doch wage er es, bewährte Dichter zu ver- 
spotten. Es wird uns da besonders in der Crit. dis. neben 
mancher wohl richtigen, aber stark an den Gemeinplatz erinnernden 
theoretischen Ansicht Cotin's über die Satire vieles Schiefe vor- 
geführt, das dem Satiriker sein bestes Recht arg verkümmern 
möchte. In die Kategorie des letzteren gehört, wenn Cotin 
fordert, der Satiriker müsse sich einer besonders hoben Geburt 
und eines besonderen makellosen Lebenswandels berühmen können, 
um seines Amtes walten zu dürfen; er dürfe nur die angreifen, 
die ihm persönlich etwas zu Leide gethan; der Satiriker dürfe 
nur die Spitzen der Gesellschaft treffen, nicht aber in die 
Niederungen der mittleren und unteren Klassen hinabsteigen. 
Wenn Cotin die These aufstellt, der echte Satiriker werde zu 
stolz sein, um sich über seine Armut und sein Elend zu beklagen 
und die Welt unter dem Gesichtswinkel seines persönlichen Ge- 
schickes zu betrachten, so wird man wenigstens die Motivierung 
vUgnorant pas quon n*a point veu encore la Science mendier son 
pain sehr brüchig finden dürfen und zugeben, dass ohne den Be- 

*) Si le bon Juvenal estoU mori sans ecrire 

Le malin Desprdaux n'eusi poini faii de satyre, 

Et, s'ü ne disait rien que ce que vieni de luy, 

ß ne pourroii jamais rien dire conire autrut/. (S. d. S.) 



La Satyre des Saiyres ei la Criiigue desinieress^e, 5 

sitz gewisser Mittel selbst der Beste ein gefesselter Mensch ist; 
wenn er meint, die Satire dürfe nie dem Neide nnd der persön- 
lichen Feindschaft entspringen, so wird sich dagegen nichts ein- 
wenden lassen, ohne dass darum die Plattheit dieses Gedankens 
geringer wird. Er wirft Boilean vor, die Vernunft verspottet zu 
haben und sie absetzen zu wollen, weil dieser den Gedanken 
aussprach, dass der alles kritisch prüfende und analysierende 
Verstand zuweilen in die höchste Freude und Verzückung einen 
Wermutstropfen träufle und dass der am meisten Denkende nicht 
immer der Glücklichste sei. Boileau (so meint Cotin)^) müsse 
wie ein rasendes Tier behandelt werden, da er der Vernunft 
entsagt habe! Die wahre Satire kämpfe gegen das Laster und 
die Narrheit an, um der gesunden Vernunft zum Siege zu ver- 
helfen, bei Boileau aber sei das Umgekehrte der Fall! — Während 
Martial die von ihm gegeisselten Individuen nur mit fingierten 
Namen benenne, habe Boileau niemanden geschont und sogar 
die Regierung und die üeligion angegriffen, wobei die Verhüllung, 
unter der er seine Geschosse abgesendet habe, niemanden irre 
führen werde. Man müsse, nach dem Vorbilde des Horaz, nicht 
bloss das Beste, sondern auch das Mittelmässige loben und die 
Anerkennung müsse den Tadel überwiegen. Auch, dass sich 
Boileau einmal mit Ludwig XIV. verglichen habe, sei litterarisch 
unzulässig und es wird in sophistischer Weise eine haarspalterische 
Distinktion ausfindig gemacht, dass es etwas ganz anderes sei, 
wenn Ähnliches Virgil öfter gethan habe. Wie in der ganzen 
Crit dSs,, herrscht besonders in diesem Teile eine pedantisch 
schwerfällige Manier vor und ein serviler Sinn, der die Livree 
für das einzig richtige Staatskleid der Menschheit ansieht und 
an gewisse Dichter erinnert, die wie die Hunde sich stets krumm 
legen und nicht ohne einen Herrn leben können. 

Wenn sich die bisherigen Vorwürfe Cotin's besonders dahin 
erstreckten, Boileau habe ganz das Objekt der Satire verfehlt, 
so folgt weiter die Anschuldigung, er habe sich in der Art, den 
Stoff zu behandeln, arg vergriffen. Er habe (so peroriert 
Cotin weiter) anstatt der für die Satire allein geeigneten Sprache 

1) Meitez-lm le frein en boitche de peur qu'ü n'approche de vous 
ruft in rohester Weise der honnite ecclesietstique in der Crit das. (bei 
Lacroix S. 19), hinter den sich Cotin steckt, wenn er für seine Beden 
nicht die Verantwortung übernehmen will. Diese ganze Philippika 
gegen Boileau basiert Cotin auf des ersteren IV. Satire, aus der er 
die Stelle: 

Souveni de ious nos maux la raison est le pire 

aus dem Zusammenhange reisst, um Boileau als einen Verächter der 
Vernunft auszurufen. Wer diese Satire gelesen hat, weiss, wie ent- 
stellt bei Cotin ihr wahrer Sinn wiedergegeben wird. 



6 /. Frank, 

nüchterner mhiger Sachlichkeit den klassischen Hahnentritt des 
falschen Pathos gewählt und schlürfe, blühenden Unsinn sprechend, 
auf dem Kothurn einher.^) Boileau's Verse seien von Wulst und 
Schwulst überwuchert; dass sie den Regeln des Reimes Hohn 
sprechen, komme (meint er ironisch) bei so genialen Feuergeistem 
nicht weiter in Anschlag, und auch Grammatik und Orthoepie 
dürfe man von so einem grossen Dichter, der über den Regeln 
der Kunst stehe, nicht verlangen; trotzdem aber sticht Cotin in 
echt klein- und schulmeisterlicher Manier die geringfügigsten 
Kleinigkeiten auf, um sich geistig überlegen zu zeigen. Der 
Satiriker müsse mit feinem Hohne, aber nicht mit burleskem 
derbem Spotte arbeiten, er dürfe nur sticheln, aber nicht stechen 
und (so meint Cotin in einer bei ihm seltsamen Anwandlung von 
Kühnheit und im Widerspruche zu seiner früher geäusserten 
unterduckenden Gesinnung) dürfe selbst „vor den Göttern der 
Erde^ vor „Tiaren und Diademen^ nicht Halt machen.^) Es 
folgt schliesslich eine Standrede gegen das Schauspiel und die 
Schauspieler, die mit dem vorigen nur lose zusammenhängt und 
besonders (wie es scheint) ein Sträusschen für Moli^re enthalten 
soll, während die bisherigen Ausstellungen sich besonders auf 
Boileau bezogen. Es wird da in der bekannten Weise gegen 
den schnellen häufigen Szenenwechsel auf der Bühne und die 
Störungen in der poetischen Illusion durch die groben Ver- 



^) Cela firise U Gaiimathias; mais cela est beau pourtant, sagt er 
einmal spöttisch über ihn (Grit des., S. 46 bei Lacroix) und an einer 
anderen Stelle (ibid. S. 45) . . . . des meiaphores gvindees dhm poSte 
qui monte sur des e'chasses pour se faire voir. 

*) Je dy conire les premieres iesies du monde, conire les plus vains 
et les plus süperbes espriis, conire les faux phüosophes et contre les 
JHeux de la terre, suivant la pensee des Soges, que Tadmiration des 
t Mar es et des diadSmes est quelque/bis une marque de nostre foxblesse 
plütost que de leur grandeur, La Satyre Mönipp^e, le Catholicon 
d'Espagne en fait foy, et cet autre raiUeur qui joüe de son temps tous 
les potentats de VEurope etc. (Grit, des., S. 58 bei Lacroix.) — Und doch 
hat derselbe Cotin es an einer anderen Stelle als ein crimen kesce 
majestatis hingestellt, dass Boileau im Discours au Roy geschrieben hat : 

Quand ton öras, o Louis, des peuples 7*edouid, 
Va la foudre ä la main restdblir Üequite', 
Et retient les me'chants par la peur des suppüces, 
Moy, la plume ä la main, je gourmande les vices 

und ruft emphatisch aus: 

Tant cet audacieux mesle mal-ä-provos 
Les loüanges d!un fat ä celle d'un neros, 

und: Triomphant ä souhait dans une autre satyre, 

II se fait ä son prince egal comme de cire. 

Es ist doch eine schöne Sache um die Konsequenz 1 



La Saiyre des Saiyres ei la Critique de'sinteressee. 7 

sündigungen gegen die Wahrscheinliehkeit und materielle Möglich- 
keit zu Felde gezogen und daraus der Unwert der Bühnen- 
darstellungen überhaupt gefolgert. 

Doch ist diese ganze ästhetische Eannegiesserei, die 
sich besonders in der Crit dis, breit macht, wie man leicht sehen 
kann, für Cotin die Nebensache, und die Hauptsache sind ihm 
die persönlichen Ausfälle gegen Boileau und Moli^re. Man 
hat schon in unserer gedrängten Inhaltsangabe der mehr auf die 
Theorie bezüglichen Bemängelungen Cotin's solche persönliche 
Invektiven wahrnehmen können, doch verschwinden sie gegen 
die folgenden, und Cotin eröffnet gegen seine Widersacher ein 
wahres Rottenfeuer von Injurien. Er stellt sie als vom Spiel- 
dämon besessene Schlemmer und Prasser hin, als schmarotzende 
Lustigmacher, die den Reichen für die Tafelabfölle ihre Kapriolen 
vormachen.^) Ihre Angriffe gegen die Grossen entspringen bloss 
dem Neide und dem Ärger darüber, dass sie die Machthaber nicht 
favorisieren. Ein andermal gibt sich Cotin den Anschein souveräner 
Verachtung, ja des Mitleids für seine Oegner, um sie als arme 
Narren, als eine verlumpte, aber gute Haut und deren Werke 
als blosse Jugendeseleien hinzustellen, mit denen man nicht all 
zu strenge ins Gericht gehen dürfe.^) Dann sind sie ihm wieder 
die Cyniker, die weit entfernt von dem edlen Eifer, die aus den 
Fugen gekommene sittliche Welt ins Rechte zu bringen, am 
Schmähen Wohlgefallen finden und sich an das Heiligste heran- 
wagen. Am empörendsten sind aber die handgreiflichen Ver- 
leumdungen und Angebereien Cotin's. Es treibt dem Leser 
die Zomesröte ins Gesicht, wenn Cotin mit der Miene heuchlerischen 
Wohlwollens für Boileau recht besorgt thut und fürchtet, der 
König könnte diesen für seine vermessene Sprache züchtigen, 



*) Wir wollen hier nur eine Stelle aus der CHt. des. (S. 46 bei 
Lacroix) anführen: Ce joüeur desespere, gu*ü faui (bei Lacroix heisst es 
irrtümlich fait) mettre ä la chaisne, de peur que, comme un autre 
Capanee ou comme un auire Typhon, ü n^aiiaque Jupiter mesme, 

Qu*on le lie, ou je crains, ä son air furieux, 
Que ce nouveau Titan n'esccdade les cieux, 

Ce geant iiisensä de la jouante Academie und so geht das Geschimpfe 
weiter. Damit man die ganze Niedertracht dieser Schmähungen kennen 
lerne, zitieren wir dazu aus Nisard, a. a. 0. S. 294: Au milieu de ces cupides, 
de ces avares, il (Boileau) eut lesmcBurs des solitaires de Port- 
Roy al und {ib, o. 317): La säverite de moßurs de Boileau, ses scrupules 
de religion, sa probite peut-itre tres-exiyeante etc. 

^ Cest au moins un honneste voluptueux ei un faceOeux debauchä. 
11 ^empörte peut-esire un peu trop, mais ü faut excuser sa tendre Jeunesse, 
il n*a encore que trenie ans. (Crit. des., S. 24 bei Lacroix.). 



8 /. Frank, 

dabei aber indirekt den König dazu auffordert.^) Wenn Boileau*B 
Verse (das kann auch Cotin nicht leugnen^) von grosser Wirkung 
und bestechend seien, so sollte man ihm erst recht das Handwerk 
legen. Auch der Hof werde doch an diesen himmelstttrmenden 
Worten nicht etwa Gefallen finden und doch nicht vergessen, 
wie Übel Boileau ihm in seinen Satiren mitgespielt und welche 
Bilder er von ihm entworfen habe ; er mUsste denn von einer ganz 
ausserordentlichen Langmut und christlichen Nächstenliebe er- 
füllt sein,^) wenn er diese Backenstreiche ruhig hinnehmen 
könnte. Überhaupt scheint es Cotin angethan und seine Eitelkeit 
tief verwundet zu haben, wenn er daran denkt, Boileau könnte in 
den höheren Kreisen Schützer finden, und Cotin will einen 
solchen Gedanken gar nicht aufkommen lassen; Boileau möge 
nur auf den Rang eines Dichters Verzicht leisten, denn nach 
Horaz sei der Satiriker gar kein Dichter.*) Wenn der König 
einmal Boileau poetische Begabung zugesprochen und ihm nur 
eine unglückliche Hand in der Wahl seiner Stoffe vorgeworfen 
habe, so habe ein Höfling dem Herrscher richtig geantwortet, 
Boileau könne nur alles besudeln und begeifern und er werde 
schliesslich, wie Leute seines Gelichters, mit der Reitpeitsche 
behandelt werden. 

Dies sind im allgemeinen und in gedrängtester Kürze die 
in den beiden Satiren niedergelegten Gehässigkeiten gegen Boileau 
und Meliere. Während in der 8. d, S. die prinzipiellen Be- 
trachtungen ganz hinter den persönlichen Beschimpfungen zurück- 

1) En ceiie ridicttle comparaison que le moderne Satyrique fmt de 
ses vers avec la justice du Roy, combien de fois ay-je craini pour 
luy, iant je luy veux peu de mal, que la massuH de cet Hercule 
ne vint ä escraser ce pigme'e. (CriL dds. S. 40 bei Lacroix.) 

2) IJne seconde raison pourquoy le criiique du Censeur n'a pas tort 
d'avoir aüeaue les vers sonn ans et magnifiques de son ennemy etc, 
(Grit, des., S. 42 bei Lacroix) und (üf. S. 53): .... que le Censeur se flatte 
des applaudissements qü'ont donne ä ses pompeuses Satyres les raffinez 
de la Cour. Ces loüanges de heaux et de grands vers etc. etc. und 
qu'il a affecte de mauvaises rimes dans ses vers si riches ei si magnifiques 
a'ailleurs (ib. S. 50.) 

^) si elk loüe les vers du Censeur favoüe que la Cour 

est treS'Chrestienne, qiCeüefait le bien contre le mal etc. (Crit des. 
bei Lacroix S. 56.) 

*) Bien hin d^estre le premier des poetes, vous n^estes pas poeie 
seulenient etc. (Crit. des. bei Lacroix S. 70); und doch hat Boileau diesen 
Eigendünkel nie gehegt und er sagt z. B. in der VII. Sat.: 

Je sais coudre une rime au bout de quelques mots 

Souvent fhabiUe en vers une maligne prose 

Cest par la que je vaux, si je vaux quelque chose — 

und gerade Cotin hat als Ideal eines Satirikers aufgestellt: ü parle en 
vers comme nous parlerions en prose (Crit des. S. 44). ^ - 



La Saiyre des Saiyres ei la Critique desinteresse'e, 9 

treten, werden in der Grit dh. Untersuchungen über das Wesen 
der Satire angestellt, um aber nicht aus dem Eontexte zu kommen, 
stets wieder der Weg in das Fahrwasser der Angeberei und 
Verschwärzung gesucht und gefunden. Während die Ä d, S. 
auch gegen Moli^re mehrere ganz offene und einige kaum ver- 
hüllte Ausfälle enthält, beschäftigt sich die Crit des. fast nur 
mit Boileau. 

Nun zur Autorfrage! Es hat nicht an wissenschaftlichen 
Stimmen gefehlt, die die Autorschaft Cotin's für keine der 
beiden Satiren anerkannten^) und ihn selbst als den unschuldig 
Verfolgten hinstellten, während Boileau und Moli^re (man verzeihe 
den trivialen Ausdruck) das Karnickel gewesen sein sollen, das 
angefangen hat. Besonders ein Moli^reforscher hat unter der 
Devise Le Provincial (auch wir wollen ihn ferner so nennen) 
diese Ansicht mit merkwürdiger Zähigkeit verfochten. Es hat 
ihm an der verdienten Abfertigung nicht gefehlt und wir werden 
die Hauptargumente, die er vorgebracht und die Widerlegung, 
die er erfahren hat, zu würdigen und unsere eigenen Wahr- 
nehmungen in dieser Streitfrage darzulegen versuchen. 

Wenn (wie wir gesehen haben) die beiden Satiren ihre 
Spitze fast ausschliesslich gegen Boileau und Moli^re richten, 
so wird selbst der oberflächliche Leser den ersten Verdacht der 



*) Wenigstens sagt Lacroix in den Pre'face zu seinem Neudrucke der 
beiden Satiren (S. IV): Le Provincial ne $e rendaii pas et persisiaii 
ä se faire le champion de Colin, quUl declarait innoceni des deux 
Saures anonymes, qui avaieni motive les repressaiUes de la comedie 
des Femmes savantes. Den Wortlaut der Auseinandersetzungen des 
„Provincial", die im Molierisie niedergelegt sind, konnten wir leider 
nicht einsehen, da uns diese Zeitschrift nicht zugänglich war, doch 
glauben wir uns über seine Meinung durch die Auszüge Lacroix und 
durch ein R^sumö im Moliere- Museum (V. Heft, 1883, S. 161) genügend 
informiert zu. haben. — Zur bibliographischen Orientierung zitieren 
wir Lacroix (der in seiner Pre/ace sagt) : Nous ne croyons pas que la 
Satyre des Satyres existe dans aacune autre biblioiheque publique que 
Celle de V Arsenal, Ceiie piece imprimee secretemeni ä Paris en 1666, 
comme le prouveni Vexamen des car acter es italiques de Vimpression et le 
ßeuron qui figure en tHe de la page 3, forme 12 pages peiii in- 8^ sans 
nom de Heu ni de libraire. Öest une rdponse fr es violente, en vers, 
ä la sortie assez dddaigneuse que Boileau avaii faxte, dans sa iroisieme 
Satire, contre Tabhe Colin et ses sermons» On sait que le pätissier 
Mignot, ayant ä se venger de Boileau, qui V avaii iraite d^empoisonneur, 
fit imprimer ä ses frais la Satire de Colin, quHl distribuaii au public, en 
se servani de Vimprime pour envelopper ses biscuits. On ne s^explique 
pas comment ceiie Satire est aussi rare et aussi inconnue, puisqu^elle fui 
re'pandue de la sorte ä grand nonibre d^exemplaires. Nach Nisard (aist, 
de la Hit, fr.^ Bd. H S. 320) hatte Mignot seine Waren in die Crii, des. 
einwickeln lassen, wie man überhaupt eine Verwechselung der beiden 
Satiren auch anderwärts findet. 



10 J. Frank, 

Autorschaft dieser beiden Schmähschriften nach dem bekannten: 
Cui prodestf gegen eine Persönlichkeit richten, die von den 
genannten Schriftstellern bestgehasst werde und annehmen, dass 
dieselben eine Art Wiedervergeltung für erlittene Unbilden sein 
mögen. Nun ist aber thatsächlich Cotin so recht der Prügel- 
junge Boileau's in seinen Satiren und das ganze Wesen des 
Verspotteten musste in gewaltige Gährung kommen, wenn er 
solche Urteile über sich las. Es war also ebensowohl ein 
prinzipieller wie persönlicher Antagonismus, der die beiden zu 
den schärfsten Gegnern machte. Bei Moli^re liegen die äusseren 
Momente und Anlässe seiner Feindschaft mit Cotin allerdings 
nicht so klar zu Tage; desto unleugbarer ist, dass sie in ihren 
litterarischen Tendenzen geradezu Antipoden waren: während der 
eine die leere Ziererei und die raffinierte Empfindelei als den 
Gipfel der Poesie ansah, war der andere ein Feind jedes un- 
wahren hohlen Wortes und jeder unnatürlichen Wendung in der 
Dichtung; aber auch Spuren äusserer Friktionen zwischen Cotin 
und Meliere fehlen nicht so ganz, wie der Provincial glauben 
machen möchte, wenn auch die betreffenden Meldungen, wie so 
vieles bei den Biographen Moli^re's, nicht mit der wünschens- 
werten Sicherheit verbürgt sind. So ist doch schon das so in- 
time Freundschaftsverhältnis zwischen Boileau und Moliöre Grund 
genug für Cotin gewesen, den Freund seines Totfeindes nicht zu 
lieben und es wird sogar die Vermutung nicht allzu kühn sein, 
dass Cotin, der von der Kanzel herab für sein Schriftstellertum 
Propaganda machte, in seinen Predigten gegen seine beiden be- 
deutendsten Gegner ankämpfte^) und seine Zuhörer von seinen 
litterarischen Herzensangelegenheiten unterhielt. Cotin war es 
auch, der den Herzog von Montausier gegen Moli^re aufhetzte,^) 



^) Auch de Vis^ weiss zu erzählen, dass Meliere acht Jahre 
vor der Aufführung der Femmes savantes (das wäre also schon 
1664!) mit Cotin Streit gehabt habe! (Mercure galant I, S. 64.) 

^ So heisst es in den Analyses ou Remaraues historicrues et 
criiiques Voltaire's zu Moliäre's Werken (abgedructt im MoL-museum 
Schweitzer*8, März 1884, VI. Heft) in der Anmerkung zum Misantrope: 
On sait que les ennemis de Moliere voulurent persuader au duc de 
Montanster fameuoc par sa vertu sauvage, que c'etoit lui que Moliere jouoit 
dans Iß Misantrope. Le duc de Montausier alla voir la Pibce, et dit en 
sortant, qu*il auroit inen votdu ressembler au Misantrope de Moliere, 
Noch charakteristischer aber ist Voltaire's Notiz zu den Femmes sav. 
fa. a. ö. S. 42): . . . . Tous ceux qui sont au fait de rhistoire litteraire 
de ce tems-lä savent que Menage y est jouS sous le fwm de Vadius et 
que Trissotin est le fameux abbe Cotin, si connu par les satires de 
Vespreaux. Ces deux hommes e'toient pour leur malheur ennemis 
de Molihre; ils avoient voulu persuader au duc de Montausier, 
que le Misantrope dtoit fait contre lui, quelque tems apres 



La Satyr e des Satyres ei la Critiqve desinteressee. 11 

indem er dem ersteren die Meinung beibrachte, der AlceBte- 
Misanthrope sei nach seinem Modell gearbeitet und der Umstand, 
dass der Herzog, nachdem er das Stück gesehen hatte, den 
Wunsch aussprach, dem Misanthrop ähnlich zu sein, ändert nichts 
an Cotin's böser Absicht. Wenn der Provincial zwischen Cotin 
und Moli^re sogar eine Art Bundesgenossenschaft und Einigung 
zum Kampfe gegen das PreziÖsentum und gegen Manage er- 
blicken will, so ist das eine durch die thatsächlichen Verhältnisse 
geradezu widersprochene Annahme, denn der Wechsel im Verhalten 
Cotin's gegen die Preziösen,^) die mit ihm früher Abgötterei ge- 
trieben hatten, bedeutet bei ihm keine Umkehr der Geschmacks- 
richtung, sondern ist lediglich eine Seite seines niedrigen Cha- 
rakters. Denn Cotin wurzelte mit seinen Dichtungen immer 
im Lager der Preziösen, eher als M6nage, der dem jüngeren 
PreziÖsentum wirklich abhold war. Die Annahme Lacroix', dass 
in einer Stelle der Mdnagerie Cotin ebenfalls gegen Moli^re 
Partei nehme und dass sogar die Vermutung nahe liege, das 
bekannte Madrigal Mascarille's in den PrScieuses ridicides sei von 
Cotin, konnten wir auf ihre Bichtigkeit hin nicht kontrollieren.^) 
So viel aber geht aus dem Gesagten hervor, dass schon vor dem 
Erscheinen der 8. d. S. und der Grit. dSs,, also vor dem 



ils ai^oieni eu chez Mademoiselle, fille de Gasion de France, 
la scene si hien rendue dans les Femmes Savantes. Le 
malheureux Cotin e'crivoii egalement contf*e Menage, contre MoHere ei 
contre Despre'avx; les Satires de Despre'aux Vavoient de ja couvert de 
honte, mais Mpliere Vaccabla, Trissoiin e'toit appeüe aux pr emier es 
Representations Tricotin. LActeur qui le representoit avoii affecte, autani 
qu'il avoit pu^ de ressembler ä V Original par la voix et par le geste. 
Es folgt nun noch eine Beurteilung, ob Moliöre zu einer solchen 
moralischen Justifikation Cotin's berechtigt war, bei der man, wenn 
man sich erinnert, dass sie von Voltaire ausgeht, an das Gracchi de 
seditibne qucerentes denken muss, die aber doch ernst gemeint zu sein 
scheint. 

*) So spottet er in der Grit. des. (auch hier wieder durch eines seiner 
Echos, un des plus galands ei des plus polis seigneurs de la Cour): Au 
nom des muses, Monsieur, ou si vous taimez mieux, au nom de iS/*** 
la marquise de Rambouillet et de M^ Desloges, rendez-mcy, s'il 
vous plaisi etc, elc, fCrit dds, bei Lacroix 8. 74.) 

2) Weil wir weder die Menagerie noch den Moli^riste uns ver- 
schaflfen konnten! Wenn aber Cotm im Jahre 1666 in der Grit, des, 
(bei Lacroix S. 74) einen Höfling zu sich sagen lässt: Je ne sgay comment 
je pourray vous sauver des comediens, ils menacent de vous joüer ä la 
farce etc., so möchte man, da gebrannt Kind das Feuer fürchtet, daran 
glauben, Cotin sei schon vor den Femmes sav. von Moliöre mit einem 
Streifschusse bedacht worden. Da er eine dramatische Züchtigung in 
seiner Grit des. sich mit solcher Bestimmtheit voraussagen l&sst (und 
alles spricht dafür, dass er sie von Möliöre erwartete!) SQ muss er 
Letzterem gegenüber ein schlechtes Gewissen haben! 



12 J. Frank, 

Jahre 1666 nicht nur zwischen Ootin und Boileau, sondern 
auch zwischen Cotin und Moli^re eine sehr gereizte Stimmung 
bestand und dass schon dieser Umstand, die beiden Satiren als 
eine Revanche Cotin's anzunehmen, nahe legen wird. 

Dass diese Gegnerschaften sich in der Folgezeit immer 
yergrösserten, weiss man mit Sicherheit. Nicht nur kam Boileau 
immer wieder auf Cotin zurück, sondern Moli^re hat an ihm, 
wie wir oben schon kurz erwähnt haben, in seinen Femmes sav. 
eine wahre Exekution vorgenommen, er hat ihn moralisch und 
poetisch hingerichtet. Wenn nun der Provindal einmal die 
Bitte stellt, ihm doch eine einzige Beschwerde zu nennen, die 
Cotin gegen Moli^re hätte erheben können, und in der Annahme, 
dies werde nicht gelingen, weiter deduziert, Cotin stehe der 
Urheberschaft der beiden Satiren ferne, so kann man ihm diese 
(wie wir übrigens schon gezeigt haben) haltlose Einwendung 
auch durch die Gegenfrage zurückgeben: was hätte wo Hl 
Moli^re veranlasst, Cotin derartig dramatisch anzu- 
nageln und in der Figur des Trissotin zu stigmati- 
sieren, was hätte ihn veranlasst, Cotin's ganze Rach- 
sucht zu entfesseln und herauszufordern, wenn er nicht 
von Cotin provoziert worden wäre? Also schon diese Er- 
wägung wird uns nach einer Streitschrift suchen lassen, in der 
Moli^re mit argen Schmähungen überhäuft wird^) und wenn wir 

*) Wir finden in der S, d. S. folgende Artigkeiten gegen Moliäre : 

J*ai veu de mauvais vers sans blämer le poSte; 

Tai leu ceux de Mo Her e ei ne Tay point siffiä .... 

Iha's donnant ä ses vers une digne maiihre, 

Comme un des ses heros il (Boileau) encense Mo Her e . . . 

Je ne puis (Tun farceur me faire un demy-dieu .... 

Despreaux sans argent, crotie jusq%Cä Veschine, 

Sen va chercher son pain de cuisine en ciiisine 

San Turlupin fassiste, et joüant de son nez 

Chez le sot campagnard gagne de hons disnez: 

Despreaux ä ce jeu repona par sa grimace. 

Et faÜ, en basieleur, ceni tours de passe-passe'^ 

P^iis ensuite, enyvrez et du öruii et du vin, 

L' un sur Vautre iombant, renversent le festin. 

On le promet tous deux quand on faxt chere entiere, 

Ainsi que Von promet Tartuffe et Molihre etc 

// faui comme ä Vunique en piete sur terre, 

Inviter votre muse au grand , Festin de pierre* .... 

A ces vers empruniez la Bejar applaudit 
11 regne sur Parnasse, et Mo Her e V a dit. 

Selbst jene Stellen, wo Molihre nicht ausdrücklich genannt ist, 
lassen die Anspielung auf ihn schon durch den Zusammenhang aus- 



La Satyre des Satyres ei la CrUique dSsinieressee. 13 

eine solche thatsächlich finden sollten, so wird uns eine sehr 
leichte Kombination auf Cotin als Verfasser raten lassen. 
Ein solches Pasquill ist aber besonders die S, d. S. und einen 
Kritiker, der wie der Provincial in derselben nichts gegen Moliöre 
hat entdeken können, sollte man wegen seiner ganz unglaub- 
lichen Flüchtigkeit gar nicht mehr ernst nehmen. Allerdings hat 
sich der Provincial dann hinter der Ausrede verschanzt, die 
S, d. S. sei ja gar nicht von Cotin! Hat er doch sogar die Autor- 
schaft Cotin's für die Crtt dSs. geleugnet! Doch werden wir 
hoffentlich nachweisen können, dass diese seine Behauptung ebenso 
hinfallig ist, wie seine meisten anderen. 

Bevor wir aber diesem Beweise nachgehen, müssen wir 
noch erwähnen, dass es (seltsam genug) noch Moli^risten gibt, 
die es in Zweifel ziehen, dass Moli^re in Trissotin habe Cotin 
abkonterfeien wollen. Man bedenke dagegen nur: die Femmes 
sav, hiessen früher Trissotin oder eigentlich ursprünglich 
Tricotin,^) worin also der Name Cotin ganz ausgeprägt ist; 
die Szene mit dem Sonnette: A la princesse Uranie beruht auf 
Wahrheit, Cotin hatte nämlich ein Sonnett für Madame de Nemours 
gemacht und da er es eben Madame de Montpensier vorgelesen 
hatte, kam Manage und fand es elend, da er den Autor nicht 
kannte; die beiden von Trissotin vorgelesenen Gedichte sind 
thatsächlich ein Produkt Cotin's und seinen (Euvres galantes ent- 
nommen; die Minagiana sagen genau, Trissotin könne nur Cotin 
sein und berichten, Moliöre habe dem Darsteller der Rolle ein 
Gewand Cotin's gekauft, um ja keinen Irrtum aufkommen zu 
lassen; femer berichtet de Vise, Cotin habe sich von einer 
Audienz, die die Vertreter der Akademie im März 1672 (in dem- 

gemacht erscheinen. Zum Überflusse sei bemerkt, dass sich das 
Schimpfwort /ar{7£?wr für Moliöre, auch bei Saumaize (der auch zuerst 
das Stichwort „Plagiator" für Meliere ausgegeben , das später ein 
Embatterion aller Moli^refeinde wurde) und dem Jansenisten Rochemond 
wiederfindet (vgl. Schweitzer's MoHh-e- Museum IV. Heft, 1882, S. 2). 
Auf den Turlupin kommen wir noch zurück. Wie man aber nach 
obigen Sottisen Cotin's gegen Moliöre es noch nötig erachtet, es zu 
entschuldigen, dass Moli^re im Trissotin Revanche genommen hat, ist 
uns unbegreiflich. 

1) La comedie des Femmes savantes ftit d!ahord iniiiuUe Trissotin ; 
ce qui donnerait ä penser que ce personnage y avaii un role plus developpd 
que celui que MoUere lui a laisse, M^^ de Sevignd dit, dans une lettre 
datee de Livry, 9 mars 1672. Nous tächons ^amuser noire carditial (de 
Retz). Corneille lui a lu une comedie, qui sera joue'e dans quelque temps 
et qui fait souvenir des anciennes. moliere lui iira samedi Trissotin 
qui est une fort plaisante Piece! Cette piece representde le 12 du mime 
mois (wir finden sonst überall den 11.!) est mentionnee aussi sous le 
titre de Trissotin dans le registre de Lagrange, (Lacroix, Pref, S. XII, 
Anm.) 



14 /. Frank, 

selben Monate und Jahre wurden die Femmes sav. das erste Mal 
aufgeführt) bei Ludwig XIV. nahmen, ferngehalten, damit man 
nicht sage, er komme, um Moli^re für den ihm jüngst gespielten 
Streich zu verklagen; Perrault erzählt,^) dass Cotin nach sehr 
langer Unterbrechung im März 1672 wieder auf die Kanzel stieg, 
so dass es wahrscheinlich ist, er habe sich für den ihm von 
Moli^re angethanen Tort rächen wollen. Hält man nun alle diese 
Umstände zusammen, so kann man nicht begreifen, wie man über 
die von Meliere beabsichtigte Identität von Trissotin und Cotin 
noch irgendwie im unklaren sein kann^) und die zwei Tage vor 
der AufifÜhrung gethane Versicherung Moli^re's, er habe in Trissotin 
und Vadius keine Porträts zeichnen wollen, wiegt so federleicht, 
wie wenn er beteuert, er habe in seinen Fricieuses ridicules nur 
die Entartung des Preziösentums angreifen wollen! Beides 
glaubt man ihm nicht. Mit Vadius verhält sich die Sache indes 
etwas anders. Es unterliegt zwar auch keinem Zweifel, dass 
Meliere bei der Schöpfung dieser Figur an M6nage gedacht habe ; 
es fehlte auch in diesem Falle nicht an inneren Gründen, die 
Moli6re so handeln Hessen. Da aber diese Opposition eine 
weniger persönliche als grundsätzliche war, so hat Moli6re nicht 
so mit dem Finger auf ihn gewiesen und seinen Charakter nicht 
so bösartig gezeichnet. Es ist also erwiesen, dass Möllere gegen 
Cotin einen besonders tiefen Groll hegen musste und als Ursache 
derselben ergibt sich uns am ungezwungensten dessen Autorschaft 
der beiden Satiren, deren eine besonders Moli6re förmlich mit Kot 
bewirft. 

Suchen wir nun nach direkten Beweisen, die über die 
Autorschaft der beiden Satiren Aufschluss geben können. Der 
Provincial führt zu seinen Gunsten an, dass weder beim Abb6 
d'Olivet in der Geschichte der Acadimie frangaise^ noch bei Mor^ri 
ein anderes als die Crit, dis. unter den Werken Cotin's ange- 



1) Wir entnehmen dies der Pref. Lacroix', S. VII. 

2) Vgl. auch Taschereau S. 43 und 44. Wenn Mahrenholtz 
in seiner sonst so trefflichen Biographie Molifere's (Heilbronn, 1881, 
S. 275) sagt, dass für die Porträtierung Cotin's durch Meliere „die 
Motive um so weniger zu Tage liegen, als Cotin ein Bundesgenosse des 
Dichters im Kampfe gegen das Preziösentum war und als auch die 
Anspielung auf Möllere in der Satire des satires nichts 
weniger als unzweideutig ist,** so ist es erstens mit dieser 
Bundesgenossenschaft nicht weit her, noch weniger aber wird irgend 
Jemand, der die S. d, S. gelesen hat, die zahlreichen (oben zitierten) 
Schmähungen gegen Moli^re zweideutig finden können und daher nach 
den Motiven Moli^re's erst suchen müssen. Es ist also ganz überflüssig, 
mit Mahrenholtz anzunehmen, dass hierzu „Boileau habe den Aufhetzer 
spielen** müssen, (a, a, 0, S. 277.) Vgl. auch unsere obige Anmerkung 
mit dem Zitat aus den Remarques Voltaire 's zu den Femmes sav. 



La Saiyre des Satyres et la CriUque desmieressee. 15 

führt sei und folgert daraus siegestrunken, dass die 8> d. 8. 
also nicht von Cotin herstammen könne. Nun hat aber der Pro- 
vincial ja (wie man oben gesehen hat) auch die Crit d4s. als 
nicht von Cotin geschrieben ausgegeben, während an die Ver- 
fasserschaft Cotin's für dieses Werk ausser ihm niemand zweifelt 
und wir werden bald in der Lage sein, zu beweisen, dass, wer 
das Eine zugibt, das Andere nicht in Abrede stellen kann. Da 
ist zunächst auf eine Notiz von Boileau's eigener Hand hinzu- 
weisen, der da schreibt:^) II avoit icrit contre moi et contre 
Möllere,' ce qui donna ocassion ä Moliere de faire les Femmes 
savantes et d'y toumer Cotin en ridicule. Auch diese Stelle 
schon scheint sich mehr auf die S. d. S. zu beziehen, da die 
Crit dis. nur ganz beiläufig von Moliere spricht, während die 
erstere von Insulten gegen Moliere strotzt. Um aber ja keinen 
Zweifel darüber zu lassen, wie Boileau's Worte gemeint sind, 
sagt sein berufener, in seine Privatverhältnisse eingeweihter und 
von ihm inspirierter Interpret Brossette:^) Fier et pr^somptueux, 
comme il itoity Cotin ne put souffrir que son talent pour la chazre 
lui fUt contestS. Pour s'en venger, il fit une mauvaise 8atyre 
contre M, DesprSaux dans laquelle ü lui reprochoit, comme un 
grand crime, d'avoir imiti Horax^ et JuvSnal,^) Cotin ne s^en tint 
pas lä: il publia un libelle en prose, intituU: La Critique d6s- 
int6ress6e sur les Satyres du temps, dans lequel ü chargeoit 
notre auteur des injures les plus grossih'es, et lui imputoit des 
crimes imaginaires, II s'atnsa encore, maUieureusement pour lui, 
de faire entrer Moliere dans cette dispute, et ne tipargna pas 
plus que M, Despriaux. Celui-d ne s'en vengea que par de nou- 
velles raillerieSf comme on le verra dans les 8atyres suivantes; 
mais Molih'e acheva de le ruiner de reputation en Vimmolant, sur 
le tkedtre, ä la risSe publique, dans la comSdie des Femmes 
savantes, sous le nom de Tricotin quü changea dans la suite 



1) Hier ist auch eine Notiz des Libraire au lecieur zur IX. Sat. 
Boileau's zu erwähnen (S. 65 der Ausgabe Sainte-Beuve's): .... Quel- 
ques libelle 8 diffamatoires, que Vabb^ Kautain ei plusieurs 
autres eussent faxt imprimer contre lui, ü s'en tenoit assez vengä par le 
me'pris que taut le monde a fait de leurs ouvrages, qui rCont M lus de 
personne, ei que Vimpression mtme n^a pu rendre publics. Dies würde 
auch erklären, warum die S. d, S. trotz der krampfhaften Anstrengungen 
des pätissier Mignot keine rechte Publizität gewinnen konnte und auch 
heute so selten geworden ist. 

2) Wir entnehmen diese Stelle Lacroix iV^/*. S. XII, wo es auch 
heist: Brossette caracierise et de'signe bien la Satyre des Satyres 
en disani que ce fut Boursauli qui la fit impnmer sur une copie manuscrile 
que Tanteur avait fait mottrir. (Oben hiess es, der pätissier Mignot habe 
aas Geld dazu hergegeben.) 

8) Vgl. oben S. 4, Anm. 1. 



16 /. Frank, 

en celui de Trissotin. Wen alles das noch nicht überzeugen 
sollte, der kann durch eine Vergleichung der beiden Satiren 
(vorausgesetzt, dass er sich überhaupt überzeugen lassen will) 
überführt werden. Denn die Critique disintiressie ist thatsäch- 
lieh nichts anderes, als eine prosaische Paraphrase-^) der S, d. S.: 
in beiden ist der Tenor derselbe; in beiden konunen dieselben 
Beschimpfungen und die läppischen Rekriminationen vor, Boileau 
habe die Vernunft; entthronen^) und die Leidenschaften für 
souverän erklären wollen, er habe das Majestäts verbrechen be- 
gangen, sich mit dem Könige zu vergleichen, in beiden werden 
Boileau und Moli^re als zwei verkommene tellerleckende Spass- 
macher und Weinschwelger hingestellt.®) Zwar wird in der Orit. 
dis. anscheinend gegen die S. d. S. polemisiert, aber der Tadel 
ist so zahm und gelinde, die Aussetzungen sind meist so täppisch 
und schwächlich, und dagegen wird das Lob mit so vollen 
Händen gespendet, dass man nicht in die Falle gehen kann und 
leicht merkt, dass es selbst bei jenen Bemänglungen, die wirk- 
lich von Belang sein könnten, mehr auf eine verschämte ver- 
hüllende Form der Nachkorrektur, als auf eine wirkliche Kritik 
abgesehen ist. Ja man kommt beinahe auf den Gedanken, der 
Autor habe nachträglich die Schwächen dieses seines ersten 
Libells herausgefühlt und habe in dem zweiten hauptsächlich nur 
der Eventualität, dass er vielleicht doch als dessen Verfasser 
bekannt werden könnte, vorbeugen und zeigen wollen, dass er 
dessen Fehler gekannt und so selbst über seinem eigenen Werke 
gestanden habe. So verteidigt er z. B. den Autor der Sai. 
d, 8at. auch gegen den Vorwurf zu zahlreicher Zitate aus Boileau's 
Satiren damit, dass er ihm nachrühmt, er habe die bezeichnendsten 
charakteristischsten Stellen herausgehoben und also gut zitiert! 
Nun ist dieser Vorwurf um so berechtigter, als der Autor der 
Bat d. S. nicht nur Boileau da brandschatzt und plündert, wo 



*) Sehr richtig sagt Lacroix in der Preface zu seinem Neudrucke 
der beiden Satiren: mais encore dans la Critique de'sinie'ressee, 
qui n'est que le corollaire en prose de la Satire en vers, 

^) Sehr bezeichnend für Cotin's Selbstgefälligkeit und Hochmut 
ist es, wenn er als Beweis dafür, Boileau „entthrone die Vernunft" 
den umstand anführt: Vous (so spricht nämlich der honnSte ecclesiastique 
zu Cotin) Monsieur qui sgavez les loix, quelle antinomie! Vous qti'il 
traitte de predicateur d'aujovrd'hui, ^uoy que vous ayez cesse de prescher 
avani qu'il commengast d'ecfHre, die, Quintiliane, colorem (Crit. des. 
bei Lacroix S. 20.) 

8) Wir verweisen hier auf unsere obigen Zitate aus der S. d. S. 
und fügen nur noch aus der Crit. d^s. die Stelle hinzu, wo mit deut- 
lichem Hinweise auf Boileau (S. 20 bei Lacroix) von demselben gesagt 
wird: .... qui se creve tous les jours de vin et de bonne 
chere n' est qu^un pourceau etc. 



La Satyre des Satyres et la Criiique ddsinteresse'e. 17 

er dies mit dem Scheine einiger Berechtigung thut (da er die 
Zitate als solche anfuhrt) um gegen sie zu polemisieren,^) sondern 
auch da mit Boileau^s Kalbe pflügt, oder auf das von ihm ge- 
pflügte Land säet, wo dies für den unkundigen Leser nicht er- 
kennbar ist.^) Wo er etwas Kräftiges in der 8atyre des Satyres 

^) Die ganze Heachelei Cotin's und die unehrlichen Waffen, deren 
er sich in seiner Polemik bedient, kann man nur verstehen, wenn man 
seine Crit. d^s, liest. Einmal entschlüpft ihm ein für seine Moral sehr 
bezeichnendes Wort und er sagt mit naiver Unverschämtheit in hof- 
meisterlichem Tone gegen den Autor der S, d. S. (also gewissermassen 
sich selbst darüber einen Verweis erteilend, dass er einmal ehrlich ge- 
wesen!): // se faui hien garder d'exciier Vadmiration pour un 
ouvrage conire qui l on veut- exciter ou Vhorreur ou le 
me'pris; aber, meint er weiter, den Autor der S. d. S, (also sich selbst) 
für seine zu grosse Noblesse rechtfertigend, er habe eigentlich dabei 
doch eine dolose Absicht gehabt, da in der Satire die wohlklingenden 
Verse nicht die besten seien u. s. w. (La Crit. des,, bei Lacroix S. 43.) 
Ein andermal (S. 61, iöid.J sagt er vom Autor der S, d, S. sehr aner- 
kennend : II fait ailleurs galantiser son komme dans une estrange posture, 
le toiirnant en ridictUe ä un point qu*il fait pitie. La ftgure du damoiseau 
y est tout ä fait hurlesque et Von a quelque plaisir ä voir un nouveau 
Censeur qui ne peui plus avoir que Vesprit et non Peffet de la dehauche, 
.... Le style satyrique doit aonc estre clair et' inteüigible par tout. 
Lautheur de la Satyi-e des Satyres nous en pourroit donner quelques 
exemples. 11 s^ait assez comment on sHnsinüe dans les esprits et dit 
assez nettement ce qu*il veut dire. fibid., S. 64.) . ... La description 
quHl a faite de la maniere d^agir du Censeur, de sa vie austere et regle'e 
n'cst pas mal plaisante (ibid., S. 68). Wir wollen diese Zitate nicht noch 
vermehren und müssen den Leser auf die Lektüre der Crit. des. selbst 
verweisen. 

2) Solche wenigstens in dem Neudrucke bei Lacroix in der S. d. 8, 
nicht mit dem Zeichen der Anführung versehene Boileau 
wörtlich entnommene oder ganz gering veränderte Stellen sind: 

bei Boileau: Je ne puis rien nommer, si ce vÜest par son nom; 

Tappeüe un ckat un chat et Holet un fripon 

(Sat. L) 

in der S. d. S,: Je dis mon sentiment, je ne suis point menteur 

J'appelle Horace Horace et Boileau traducteur; 

bei Boileau: Et mile, en se ventant sop-mSme ä tout propos 

Les louanges d*un fat a Celles d'un he'ros 

(J)isc.auRoi.J 

in der S. d. S. : Tant cet audacieux mesle mal ä propos 

Les louanges d*un fat ä ceUes d'un ndros; 

bei Boileau : Tandis que CoUetet, crotte jusqu'ä Teschine, 

S'en va chercher son pain de cuisifie en cuisine .... 

(Sat. L) 

in der S, d, S. : Bespreaux sans argent, crotte jusqu'ä Ce'schine, 

S*en va chercher son pain de cuisine en cuisine. 

Wenn man nun weiter sieht, dass der grösste Teil der S. d. S. 
aus als solchen angeführten Zitaten aus Boileau besteht und dass Gotin 

Zschr. f. frz. Spr. n. Litt. Xl^. o 



18 - J. Frank, 

sagt, hat er sicherlich Boileau in Kontribution gesetzt! — Für 
die Lösung ' unserer Frage ist sehr bezeichnend, dass in der Crit 
dis. überhaupt der 8, d, S. eine so sorgfältige Beachtung geschenkt, 
dass die erstere nur der letzteren wegen geschrieben zu sein 
scheint. Nicht nur nimmt die Grit dds, an der S. d. 8, Nach- 
besserungen vor, die als solche ersichtlich gemacht sind und 
die oft wirklich lächerliche Subtilitäten betreffen,^) sondern sie 
weist auch in den Zitaten aus der 8. d, 8, kleine Eskamotagen 



aus Eigenem so wenig bestreitet, so ergibt sich daraus am besten 
desselben poetische Sterilität. Boileau scheint auch darauf anzuspielen, 
wenn wir bei ihm folgendes Epigramm finden (Sainte-Beuve's Ausgabe 
S. 281): Sur une satire tres-mauvaise que Cabhe Coiin avoii faiie, ei 
qu'il faisoii courir sous mon nom (1670). 

£n vain par miUe ei milie ouirages 
Mes ennemis dans leurs ouvrages 
Coiin pour decrier mon siyle. 
Oni crv me rendre affreiix atix yeux de Tunivers. 
A pris un chemin plus facile: 
C*esi de m'aiiribtier ses vers. 

Obzwar uns die Beziehung des Titels des Epigramms nicht be- 
kannt ist, scheint uns doch die oben gegebene Auslegung der letzten 
Verse desselben richtig zu sein, und doch rühmt sich Cotin in der 
S. d. S.: 

Je n'ay pas comme luy (Boileau) pour faire satyi^e, 
JPUlä dans les auiheurs ce que favois ä direl 

Auch in der Crii. des» arbeitet Cotin fort mit Zitaten aus Boileau, 
wie man sich leicht überzeugen kann. 

1) So heisst es in der Crii, des. (S. 61 bei Lacroix): Ceiie faqon 
de parier rC est pas fran^aise chez Vauiheur de la Satyre des Satyres: 

Luy que Con ne connoisi qu'ä cause de son frere 
Luy comme ü dii luy-mesme accable de misere, 
Luy qu'on ne connoisi poini dans le sacre valon, 
Veni trancher du Phebus ei faire CAppollön. 

car ce luy veut iient un peu de Vallemand, parce qu'ü esi si 
eloignd. Ce veut trancher du Phebus et faire TAppoUon dit deux fois 
la mesme chose. 11 falloii meiire: 

Ce jeune komme, inconnu dans le sacre vallon, 
En ddpii des neuf soeurs, iranche de rApoUon, 

Vauieur de la Saiyre continüe ce luy en siyle de declamaieur, ce 
qui esi une auire faute. — Weiter heisst es (bei Lacroix S. 62): Ces 
deux vers de la contre-saiyre ne sont pas encore irop bien iournez: 

Theophile jamais n'a dii ce mechani moi, 
Ei s*il paya ses vers de deux ans de cachoi. 

11 falloii meiire, ei si il paya ses vers, ou bien ainsi: 

Quand il paya ses v>ers de deux ans de cachoi. 



La Saiyre des Saiyres ei la Criiique däsinieressäe, 19 

des ursprünglichen Textes auf, die selbst ein Gotin sich nur 
gegen sein eigenes Geistesprodukt gestattet haben dürfte. So 
heisst es im Texte der Crit des. (S. 5 bei Lacroix): 

Le censeur sans argeni, crotte ßtsqu'ä Feschine, 

S*en va chercher son pam de cuisine en cuisine: 

Le FrarUaupin Vassiste, ei, joüoni de son nez, 

Chez le soi campagnard gagne de bons disnez 

Le censeur ä ce Jeu repond par sa grimace 

Ei faisi en hasieletar ceni iours de passe passe; 

Puis ensemble enyvrez ei du bruii ei du vin 

Uun sur Vautre iombani, renverseni le fesiin: 

On les donne ä Paris quand on fait chere eniüre, 

Comtne on donne ä la Cour et Tariuffe ei Moliere u. s. w. 

Vergleicht man nun diesen Wortlaut mit den (oben S. 12 
Anm. 1) zitierten aus der 8. d. S.y so bemerkt man zahlreiche 

Wir ersehen zunächst, dass auch hier Cotin sich die Freiheit 
des falschen Zitierens und des Nachbesserns unter der Hand 
herausnimmt, denn in der S, d, S. lautet die erstere Stelle: 

Luy qu^on ne voidjamais dans le sacr^ vallon 
Veui irancher du Phebus ei faire TApollon; 
Luy, que Von ne connoisi qu'ä cause de son frere, 
Luy, comme il dii luy-mesme accäble de misere etc. 

Silbenstecherei üben und dabei den Text des Rezensionsobjekts 
falsch zitieren, das wagt (wie bemerkt) selbst ein Cotin nur unter den 
von uns angenommenen Umständen. Und wenn es wahr wäre (wie 
Cotin glauben machen will), dass er nur aus dem Gedächtnisse zitiert, 
so spräche das erst recht dafür, dass er der Autor der S. d, S, sei^ denn 
ein fremdes Gedicht würde er doch nicht ohne Notwendigkeit auswendig 
gelernt haben. — In dasselbe Kapitel gehört folgende Nachkorrektur. 
Das Oracle am Schlüsse der S. d. S. lautet: 

Le desiin de ces freneiiques 

Que Von appeüe Saiyriques, 

Cesi de monrir le cou cass4 

Ei vivre le coude percd. 

Haec a te non multum abludit imago. (Hör.) 

Darauf heisst es in der Crii. des.: Quelques delicais, pensant rafftner 
ei ne s^chani ny la reparlie de M. D. G, ny U proverbe, ont esie 
choquez de ce que V Oracle de la Satyre des Satyres avoii mis „mourir'' 
devani „vivre"; mais ^u^ils s'en prenneni ä nos majeurs, lesquels Voni 
voulu ainsi, ei qu*üs Vtnterpretent benigemeni, comme nous Vavons iniet*- 
preie\ Ce neanmoins, pour le salis faire, fay d'office iourne 
le proverbe ainsi: 

Cesi le sori de ces phreneiiques 

Que Von appeUe saiyriques. 

De vivre le coude peixe 

Ei de mourir le cou casse. (Bei Lacroix S. 60.) 

Nun, diese von uns hervorgehoben und gesperrten Worte scheinen 
uns allein schon vollkommen zu beweisen, dass Cotin (der sich mit 
diesen Worten verraten hat) in der S. d. S. sein eigenes Opus verteidigt! 



20 /. Fi'ank, 

Verändernngen: Zunächst ist anstatt des oben genannten Boilean 
hier nur von Le censeur die Rede; aus dem Turlupin wird ein 
Frantawpin'^ der sot campagnard ist zu einem bon campagnard 
gemildert; aus ensuite wurde ensemble; aus promet wurde donne. 
Weiter heisst es in der 8. d. 8.: 

Et ne m'as jamais veu m'entreiemr (Cauiruy 
Qu*ä dessein dapprouver le bien qu'on dxt de luy; 



On ne nCa jamais veu d*un esprit incommode: 
Je permeis que chacun se gouverne ä sa mode; 
Dans ce quun auire fait je prens peu dHnterest, 
Et laisse volontiers ie monde comme ü est; 

in der Crit. dis. hingegen (S. 65 bei Lacroix) zitiert er: 

On ne m'a jamais veu m^entreienir d'autrug 
Q'ä dessein d^approuver le bien qu^on dit de luy; 
Je rCay jamais este d'un esprit incommode; 
Je permets que chacun se gouverne ä sa mode: 
Aux affaires d'auiruv je prend peu dinierest. 
Et laisse vohnliers le monde comme il est 

Allerdings thut Cotin, als zitiere er aus dem Gedächtnisse 
(ü commence ainsi, ce me semble) und als wolle er für die Ge- 
nauigkeit nicht einstehen; wenn man aber bedenkt, dass er 
andererseits gegen die 8. d. 8, eine Zärtlichkeit und Aufmerksam- 
keit beweist, die man für fremde überdies als verfehlt hinge- 
stellte Schöpfungen nicht zu haben pflegt, wenn man überdies 
seine Unaufrichtigkeit und Heimlichkeit erwägt, so wird man zur 
Überzeugung kommen, die 8. d. 8. müsse sein eigenes miss- 
rathenes Kind sein, das er aus mehrfachen Gründen nicht aner- 
kennen will, das er aber doch vor gänzlicher Verdammnis retten 
möchte, indem er dessen Vorzüge herausstreicht und dessen 
Schwächen liebevoll zu verhüllen sucht. Der von ihm selbst 
erhobene Tadel soll in uns nur die Entdeckung hintanhalten, 
Cotin, der doch im starken Verdachte stehen musste, sei dessen 
Vater, eipe Entdeckung, die er aus Eitelkeit ja nicht auf- 
kommen lassen möchte.^) Dass er sich dagegen mit allen 



1) So verteidifirt er (mit Eutrüstung) die Akademiker (und er 
selbst war ja ein solcher) gegen die Möglichkeit, einer von ihnen könnte 
dieses Büchlein geschrieben haben, comme s^ils ignoroient le beau tour 
du vers et le genie de letir langue (bei Lacroix 8. 63). — Ferner thut 
er, als habe er keine Ahnung, wer die S. d. S. geschrieben habe: J 
la v&ite, Vautheur de la Satjre des Satyres quel qu'il puisse 
estre ne däcrie ny le Parlement, ny le siede, ny la Religion, ny TEstat etc. 
(bei Lacroix S. 31.) 



La Saiyre des Saiyres ei la Critigue desinieress^e, 21 

Ejräften währt, kann unsere Überzeugung nur bestärken. Es 
wird keinen Kundigen irre fahren, wenn Gotin, der ehrsüchtige 
Mann, der auf den leisesten Atemzug und den schwächsten 
Pulsschlag der öffentlichen Meinung lauscht, in der Grit, dis, so 
thut, als sei ihm der Sinn für Lob und Tadel erstorben und als 
lebe er nur in stiller Beschaulichkeit an dem Werke der Selbst- 
erziehung rastlos arbeitend, wie ein Heiliger von antikem Zu- 
schnitte;^) es wird ihm niemand glauben, dass er mit der Aussen- 
welt nur durch einige wenige Personen verkehre und Jedermann 
erkennt in diesen mit ästhetischer Kleie ausgestopften Leder- 
puppen, die er als wahre Tugendrepositorien mit allen nur mög- 
lichen Vorzügen angefüllt hat, seine Fiktionen.^) Nach alledem, 
glauben wir behaupten zu dürfen, ist kein Zweifel mehr gestattety 
Gotin sei der Autor der beiden Satiren. 



^) Auch diese Komödie, wie die fingierten Mittelspersonen, die 
ihm als Sprachrohr dienen, hat Gotin wie die ganze Geheimthuerei 
der Saiyre MMppäe entlehnt, die er nach einer (oben zitierten) Stelle 
aus der Crit. des. gekannt haben muss. Danach beurteile man, was 
davon zu halten ist, wenn er sich als „Eremiten*' hinstellt (die Crit, 
des. endet mit den Worten: 

Chez rBermiie de Baris, 
Ä la CorrecHon fraterneUe,) 

3) Diese seine Kreaturen lässt er auch ohne Angabe der Quellen 
aus der S, d S. zitieren, abermals ein Beweis, dass er sich mit dem 
Verfasser derselben identisch fühlt. Ein solches Zitat findet sich z. B. 
bei Lacroix S. 22: 

Le Marais en convieni, et dit sans passion 
Qu^un tel effori d'esprit etc. 

Josef Frank. 



Le Programme du prix propose par TAcadömie de 
Dijon et remporte par Jean-Jacques Rousseau. 



Diderot ayant pabli6 la Lettre sur les Äveugles, ä Vusage 
de ceux qui voient^ il fut arr§t6, et conduit au chäteau de Vin- 
cennes, ä la fin du mois de juillet 1749. Apr^s @tre demeurö 
pendant vingt-huit jours enfermö dans le donjon, il vit son em- 
prisonnement s'adoucir, et il eut la libert6 de se promener dans 
le parc. Dans le courant de novembre, il fut 61argi et revint 
ä Paris. 

Pendant que Diderot ötait ainsi k Vincennes, Jean-Jacques 
Rousseau, jeune encore, inconnu, et qui 6tait son ami, alla le 
voir maintes fois pour le consoler et le distraire. 

Cette ann^e 1749, dit Rousseau, V4t4 fut d'une chaleur ex- 
cessive. On compte deux Heues de Paris ä. Vincennes. Peu en 
^tat de payer des fiacres, ä deux heures apres midi j'allais ä pied 
quand j'ltais seul, et j'allais vite pour arriver plus t5t. Les arbres 
de la route, toujours ^laguäs, ä la mode du pays, ne donnaient 
presque aucuue ombre ; et souvent, rendu de chaleur et de fatigue, 
je mätendais par terre, n'en pouvant plus. Je m'avisai, pour mo- 
dörer mon pas, de prendre quelque livre. Je pris un jour le Mer- 
eure de Fi'ance, et tout en marchant et le parcourant, je tombai 
sur cette question proposöe par l'Acadömie de Dijon pour le prix 
de rannte suivante: Si le progres des sciences et des aris a con- 
inbue ä corrompre ou ä epurer les mceurs. 

Si jamais quelque cnose a ressemblä ä une inspiration subite, 
c'est le mouvement qui se fit en moi ä cette lecture : tont ä coup 
je me sens Tesprit äbloui de mille lumiäres; des foules d'id^es 
vives s'y präsentent ä la fois avec une force et une confusion qui 
me jeta dans un trouble inexprimable ; je sens ma tSte prise par 
un ätourdissement semblable ä, Tivresse. Une violente palpitation 
m'oppresse, soulöve ma poitrine; ne pouvant plus respirer en 
marchant, je me laisse tomber sous un des arbres de Tavenue, et 
j'y passe une demi-heure dans une teile agitation, qu'en me rele- 
vant j'aper9U8 tout le devant de ma veste moaill^ de mes larmes, 
sans avoir senti que j'en r^pandais. 



24 E, Ritter, 

Arrivant ä. VincenneB, j'ätais dans nne agitation qui tenait 
du dälire. Diderot raper9ut; je lui en dis la causOf et lui lus la 
prosopop^e de Fabricius, ^cnte au crayon sons un ch^ne. II 
m'exhorta de donner l'essor ä. mes idäes et de concourir au prix. 

J'ai combin6 dans ces citations las deux r6cits que Rousseau 
a faits de cette anecdote, dans une lettre k Malesherbes du 
12 janvier 1762, et dans le Livre VIII des ConfessionSy qui fut 
6crit quelques ann6es plus tard. 

On Salt que Marmontel, et son oncle par alliance, Tabb^ 
Morellet, ont donn6 dans leurs Mimoires, de la conversation de 
Diderot et de Bousseau snr le programme de TAcad^mie de 
Dijon, un r^cit tout autre que celui de Jean -Jacques. Ils le 
tenaient de Diderot, et sans doute ils Favaient plus d'une fois 
entendu raconter au merveilleux causeur. 

Le r6cit du neveu et celui de l'oncle concordent en g6- 
neral, comme on va le voir. Tous deux ont 6te Berits plus de 
quarante ans aprös T^vönement. 

MSmoires de Marmontel, livre VIL J'ätais (c'est Diderot qui 
parle) j'^tais prisonnier ä. Yincennes; Rousseau venait m'y voir. 
II avait fait de moi son Aristarque, eomme il Ta dit lui-mSme. 
üu jour, nous promenant ensemble, il me dit que TAcad^mie de 
Dijon venait de proposer une question interessante, et qu*il avait 
envie de la traiter. Cette question ätait: Le re'iablissement des 
sciences et des arts a-t-ü cofttribue ä epurer les nuBurs? Quel parti 
prendrez-vous? lui demandai-je. II me räpondit : Le parti de ^affir- 
mative. — C'est le pont aux ä.nes, lui dis -je; tous les talents mö- 
diocres prendront ce cbemin-lä, et vous n'y trouverez que des iddes 
communes, au lieu que le parti contraire präsente k la pbilosophie 
et a IMloquence un champ nouveau, riebe et fäcond. — Vous avez 
raison, me dit-il aprös y avoir röflöchi un moment, et je suivrai 
votre conseil. 

Memoires de Mor eilet, chapitre V. Voici ce que j'ai appris 
de Diderot lui-m^me, et ce qui passait alors pour constant dans 
toute la sociäte du baron d'Holbach, oü Rousseau n*avait en- 
core que des amis, Arrivä ä Vincennes, il avait confiö ä Diderot 
son projet de concourir pour le prix, et avait commencä m§me k 
lui dävelopper les avantages qu'avaient apportäs ä la sociätä hu- 
maine les arts et les sciences. Je Tinterrompis , ajoutait Diderot, 
et je lui dis särieusement : Ce n'est pas \k ce qu^il faut faire: rien 
de nouveau, rien de piquant, c'est le pont aux änes. Prenez la 
tb^se contraire, et voyez quel vaste champ s'ouvre devant vous: tous 
les abus de la sociätä ä. signaler; tous les maux qui la däsolent, 
suite des erreurs de Tesprit; les sciences, les arts, employäs au 
commerce, ä la navigation, ä la guerre, etc., autant de sources de 
destruction et de misäre pour la plus grande partie des hommes. 
L'imprimerie , la boussole, la poudre ä canon, l'exploitation des 
mines, autant de progr^s des connaissances humaines, et autant 
de causes de calamitäs, etc. Ne voyez -vous pas tout l'avantage 
que vous aurez k prendre ainsi votre snjet? Rousseau en convint, 
et travailla d'apräs ce plan. 



Le frogramme du prix propos^ par VAcademie de Dijon etc. 



25 



Quant i Diderot, apr&s qn'il ent 6t6 gravement offeii»6 

par Rousseau (1758), il s'^pancha sur son compte en termes 

amers; k plus d'une reprise, dans ses lettres et dans ses öcrits, 

notamment dans les paragraphes LXI k LXVII du livre premier 

de V Essai sur les rlgnes de Claude et de Niron: c'est \k seule- 

ment qu'il a dit quelques mots de cette fameüse conversation 

qu'il eut un jour avec Rousseau, k Vincennes: 

Lorsque le programme de VAcaddmie de Dijon parut, il vint 
me consalter sur le parti qn'il prendrait. Le parti que vous pren- 
drez, lui dis-je, c'est celui que personne ne prendra. — Vous avez 
raison, me ripliqua-t-il. 

Les deux interlocuteurs paraissent avoir ^t6 seuls, et nous 
ne savons que par eux-m^mes ce qu'ils ont pu se dire. On a 
souvent opposö leurs t6moignages Tun k l'autre; je vais dire 
comment j'estime qu'il les faut combiner. 

On sait que Diderot et Rousseau avaient des moments 

d'^motion chaleureuse, de sensibilit6 expansive; mais ils ne 

s'6chauffaient pas toujours en m^me temps, et Diderot quelque- 

fois restait calme pendant que Jean-Jacques ötait tout transportö. 

On le voit, par exemple, lors de la premi^re visite que fit le 

philosophe de Oen^ve au prisonnier de Vincennes: 

Je Yolai, disent les Coftfessions, dans les bras de mon ami. 
II n'^tait pas seul: d'Alembert et le tr^sorier de la Sainte-ChapeUe 
dtaient avec lui. En entrant je ne vis que lui; je ne fis qu'un 
saut, un cri; je coUai mon visage sur le sien, je le serrai ätroite- 
ment sans lui parier autrement que par mes pleurs et mes sanglots; 
j'^touffais de tendresse et de joie. Son premier mouvement, sorti 
de mes bras, fut de se tourner vers l'eccläsiastique et de lui dire: 
Vous voyez, monsieur, comment m'aiment mes amis. Tout entier 
ä mon Emotion, je ne r^flächis pas alors ä cette maniäre d'en tirer 
avantage. 

Reprenons nos deux groupes de röcits, et essayons de re- 
Gonstruire la sc^ne en les ajustant beut k beut. Rappelons-nous 
seulement ce que Marmontel a tr6s bien dit, ä la fin du m@me 
Livre VII de ses Mimoires: „L'un des beaux moments de Di- 
derot, c'6tait lorsqu'un autre le consultait sur son ouvrage. n 
fallait le voir s'en saisir, s*en p6n^trer, et d*un coup d'ceil d6- 
couvrir de quelles richesses et de qnelles beaut6s il 6tait sus- 
ceptible." 

Apr^s r^blouissement que Rousseau raconte, et qu'il n'a 
pas Sans doute invent^, on le voit arriver k Vincennes tout 
^chauff^. Quand Diderot se fut fait expliquer de quoi il s'a- 
gissait: „Eh! sans doute, a-t-il dd s'^crier, le parti de Taffirma- 
tive, c'est le pont aux änes. Avec la thfese contraire, voyez 
quel vaste champ s'ouvre devant vous!^' Et dans la suite de 
rentretien, Diderot^ s'animant k son tour^ et s'appliquant k coii- 



26 E. Bitter, 

vaincre Jean-Jacques, comme si celoi-ci n'6tait pas da m^me avis, 
aura plaid6 devant Ini, pour le persnader qu'il fallait montrer 
combien le r^tablissement des sciences et des arts avait cor- 
rompn les moeurs. Qui sait si dös le soir meme, en repensant k 
son entretien avec Rousseaa, Diderot ne s'est pas dit, en sou- 
riant avec satisfaction: ^Je lui ai donn6 an bon conseil! Sans 
moi, il allait prendre le mauvais parti.'^ — Qu'il ait dans la suite 
parlö en ce sens k ses amis, cela est tout simple. 

Sans doate 11 faat soUiciter les textes pour les äccorder 
ainsi; mais ces textes ne sont pas paroles d'l^yangile: la trace 
de Tart s'y laisse sentir; et dans cet ^tat de choses, nous n'a- 
vons k chercher qne le vraisemblable. Or il n'est pas vraisem- 
blable qne Tun des deux philosophes ait menti da tout au tont. 

Quoiqu'il en seit, 11 y a quelque int6r^t k lire le texte 
m^me de ce Programme acadömique, qui frappa Rousseau si 
fort, et lui donna tant d' Emotion: 

Programme de FAcademie des Sciences et Beiles Lettres de Dijon 

pour le Prix de Morale de 1750. 

L'Academie, fond^e par M. Hector Bernard FousBier, Doyen 
du Parlement de Bourgogne, annonce k tous les Sfavans qoe le 
Prix de Morale pour Tannäe 1750 — coneistant en une Medaille 
d'or, de la valenr de trente pistoles, — sera adjugä ä celui qui 
aura le mieux r^solu le Probleme suivant: 

Si le retahlissement des Scienees ei des Arts a contribue' ä epurer 
les nuBurs. 

II sera libre k tous ceux qui voudront concourir d'äcrire en 
Fran^ois ou en Latin, observant qne leurs Ouvrages soient lisibles, 
et que la lecture de chaque Memoire remplisse et n'excäde point 
une demie heure. 

Les Mämoires francs de port (sans quoi ils ne seront pas re- 
tir^s) seront adressäs k M. Petit, secretaire de rAcadämie, rue du 
vieux Marchä k Dijon — qui n'en re^evra aucun aprös le premier 
Avril. 

Comme on ne scauroit prendre trop de pr^cautions, tant pour 
rendre aux S9avans la justice qu'ils m^ritent, que pour ^Carter 
autant qu'il est possible les brigues, et cet esprit de partialit^ qui 
n'entrainent que trop souvent les suffirages vers les objets connus, 
ou qui les en d^tournent par d'autres motifs ^galement irreguiiers, 
l'Academie d^clare que tous ceux qui ayant travaillä sur le sujet 
donnä seront convaincus de s'^tre fait connaitre directement ou 
indirectement pour Auteurs des Mämoires, avant qu'elle ait däcidä 
sur la distribution du Prix, seront exclus du concours. — - Pour 
obvier k cet incony^nient, chaque Auteur sera tenu de mettre au 
bas de son Memoire une Sentence ou Devise, et d'y joindre 
une feuille de papier cachetäe, sous le dos de laquelle sera la 
m^me sentence, et sur le cachet son nom, ses qualit^s et sa de- 
meure, pour j avoir recours k la distribution du Prix. Les dites 
Feuilles, ainsi cachetäes de fa9on qu'on ne puisse y rien lire k tra- 
vers , ne seront point ouyertes avant ce temps lä, et le secretaire 



Le yrogramme du prix proposä par VAcad4rme de Dijon eic, 27 

en tiendra un R^gistre exact. — Ceux qui exigeront un Räc^pissä 
de lears ouvrages le feront expedier sous un autre nom que le 
leur — et dans le cas ou celui qui auroit us^ de cette pr^caution 
auroit obtenu le Prix, 11 sera obligä, en chargeant une personne 
domicili^e k Dijon de sa Procuration pardevant un Notaire et 
l^galisäe par le Juge, d'y joindre aussi le Rdcdpissä. 

Si celui k qui le Prix sera adjugä n'est pas de Dijon, il 
enverra pareillement sa Procuration en la forme susdite: et s'il 
est de cette ville, il viendra le recevoir en personne le jour de la 
distribution du Prix qui se fera dans une Assembläe publique 
de l'Acadämie, le Dimanche 23 Aoüt 1750. 

(Le Mercure parle ensuiie du prix adjugd par CAcademie de 
Dijon, dans, sa seatice du 24 aoüi 1749, ä M. IHnot, medecin, sur le 
sujei de FElectricite,) 

C'est k l'aimable obligeance d'une dame anglaise, madame 
Friderika Macdonald, que je dois la copie du texte qu'on vient 
de lire. Je suis heureux d'^tre le premier sur le Continent k 
annoncer au public Fouvrage que madame Macdonald prepare, 
sur la vie de Jean-Jacques Rousseau. On aura sans doute beau- 
coup k j apprendre. On sait combien de recherches appellent 
encore les probl^mes qui se posent sur tant de points obscurs 
de la carri^re du philosophe genevois. 

Le Programme du concours ouvert par TAcad^mie de Dijon 
parut dans le Mercure de France^ num6ro d'octobre 1749. En 
supposant m^me que ce num6ro alt paru dans les demiers jours 
du mois de septembre, on voit que ce n'est pas au gros de 
r6t6 (comme on le croirait d'aprös le röcit des Confessions) 
mais k la fin de la belle saison, que se place ce moment d6- 
cisif de la vie de Rousseau, oü 11 vit, dit-il, un autre univers, 
et devint un autre homme. 

EüGÄNE Ritter. 



Zola als Dramatiker. 



Zola hat bereits vor Jahren den Versuch gemacht, auch die 
franz($sische Bühne als Ästhetiker und Dramatiker umzugestalten 
und auf eine naturalistische Grundlage zu stellen. Er hasst, wie 
er in dem Artikel Provdkon et Courbet (s. Mes Haines. Causeries 
littiraires et artistiques etc. 2me ed. Paris, 1880) sagt, die Mittel- 
massigen, die sich auf eine Idee steifen, um ihrem Götzen die 
grosse menschliche Wahrheit zu opfern. Er hasst die Spötter 
und die Fröhlichen, welche keine Thräne haben, die Thörichten, 
welche behaupten, dass unsere Kunst und Litteratur stirbt, die 
Schulfüchse, welche uns belehren, die Langweiligen und Pedanten, 
weil sie alle aus der Wahrheit von gestern die Wahrheit von 
heute machen wollen. Daher bewundert er in einem Kunstwerk 
nur den Künstler und behauptet, dass z. B. ein grosser Maler 
einen anderen nicht geradezu nachahmen werde. Denn er sucht 
in demselben nur die Naturwahrheit und den schöpferischen 
Künstler. Als Quellen der Kunst gelten ihm das Studium des 
Menschen und die Achtung vor der Wirklichkeit (Le Naturalisme 
au tMdtrej S. 40). Es ist eine notwendige Folge dieser An- 
schauungen, wenn er geschichtliche Stoffe aus der Dichtung ver- 
bannt wissen will. Die Geschichte der Vergangenheit ist ihm 
ein Rätsel, er kann die Jungfrau von Orleans nicht verstehen, 
noch die Geschichte Ägyptens (s. den Artikel ü£gypte ü y a trois 
müle ans). Er verwirft deshalb antike und mittelalterliche Stoffe 
und verlangt zeitgemässe, welche sich jeden Tag vor unseren 
Augen abspielen (Le Naturalisme au tMdtrey S. 194). Die 
Dramatiker der romantischen Schule missfallen ihm nicht bloss 
ihrer mittelalterlichen Stoffe wegen. Denn sie setzen der einen 
Rhetorik eine andere entgegen^ das Mittelalter dem Altertum, die 
Erregung der Leidenschaft der Erregung der Pflicht, die Personen 



30 G. Bomhak, 

bleiben Marionetten, nnr anders gekleidet; nichts ward verändert 
als der äussere Anblick und die Sprache {das. S. 13). Darum 
soll an die Stelle des Dramas der Klassizisten und Romantiker 
das naturalistische treten, welches eine Handlung enthält, die 
sich in ihrer Lebenswahrheit entwickelt und bei den Personen 
der Leidenschaften und Gefühle anhebt, deren genaue Zer- 
gliederung das einzige Interesse des Stückes sein würde. 

Die Forderung, dass das Drama Lebenswahrheit enthalten 
soll, ist nicht neu, aber nicht jede Lebenswahrheit eignet sich 
zur dramatischen Darstellung und es ist deshalb eine passende 
Wahl zu treffen. So werden z. B. unbedeutende Lebens- 
erscheinungen der Gegenwart kein dramatisches Interesse ge- 
währen können. Daher geht der dramatische Dichter bei seiner 
Arbeit von einer bestimmten Idee aus, nach welcher er seinen 
Stoff gestaltet. Zola verwirft zwar die Idee, weil sie die Lebens- 
wahrheit trübe, geht aber, ohne es sich selbst zu gestehen, bei 
allen seinen dichterischen Arbeiten von einer solchen aus, näm- 
lich das Leben in seinen schwärzesten Zügen zu malen. Und 
wenn er in einem Kunstwerke die Lebenswahrheit und den 
Künstler bewundert, was kann das anders heissen, als dass er 
die naturwahre Durchführung der künstlerischen Idee anerkennt? 
Denn ohne die Idee würden die einzelnen Teile des Werkes ohne 
Einheit, ohne Zusammenhang sein. Zola lebt ferner nur in der 
Gegenwart, die Erfahrungen der Vergangenheit gelten ihm nichts, 
und doch sind dies ebenfalls Lebenswahrheiten, die man nicht 
ungestraft missachtet. Nicht alle Sitten und Lebenswahrheiten 
der Vergangenheit finden sich in der Gegenwart durch andere 
ersetzt, viele haben sich als lebenskräftig erhalten und es wird 
dem einzelnen nicht gelingen, sie ohne weiteres über Bord zu 
werfen und somit gegen den Strom seiner Zeit zu schwimmen. 
Nicht eine Theorie, sondern die politischen und sozialen Zu- 
stände, unter denen ein Volk lebt, bestimmen seine Sitten und 
Gewohnheiten, und mit ihnen muss der dramatische Dichter 
rechnen, wenn die von ihm vorgeführte Handlung vom Publikum 
als wahrscheinlich anerkannt werden soll. Endlich will Zola 
die geschichtlichen Stoffe aus dem Drama verbannt wissen, weil 
sie der Gegenwart unverständlich seien. Wenn dies in Wahr- 
heit sich so verhielte, so wäre auch das Studium der Geschichte 
überflüssig. Es ist aber eine Hauptaufgabe echt menschlicher 
Bildung, die Geschichte der Vergangenheit zu studieren, um aus 
ihr die Gegenwart zu begreifen. Wenn es nun auch nicht die 
Aufgabe des dramatischen Dichters ist, Geschichte zu lehren, 
so hat er doch das Recht und die Pflicht, die grossen Thaten 
der Vergangenheit zu feiern und in der trüben Gegenwart zu 



Zola als Dramatiker, 31 

ähnlichen anzuspornen. Unmöglich kann man hierbei an den 
dramatischen Dichter die Forderung stellen, er solle das Leben 
der Vergangenheit gerade so schildern, wie es gewesen. Das 
kann selbst der Geschichtsschreiber nicht, da die Überlieferung 
nie ein vollständiges Bild gewährt. Vielmehr werden beide, der 
Dichter wie der Forscher, aus dem ihnen vorliegenden Stoffe 
eine Idee gewinnen, nach der sie denselben gestalten, wozu sich 
unwillkürlich moderne Anschauungen und Urteile gesellen. Auch 
das ist naturgemäss, denn der Mensch der Gegenwart kann sich 
wohl die Handlungen historischer Personen aus den Anschauungen 
der Vergangenheit erklären, sich dieselben aber, sofern sie mit 
seiner Zeit nicht übereinstimmen, nicht zu eigen machen, ohne 
mit dem Geiste seiner Zeit in Widerspruch zu geraten. 

Zola bestreitet eine besondere dramatische Begabung des 
Dichters, obwohl er im allgemeinen ein Talent voraussetzt Wenn 
man eine solche dramatische Begabung annähme, so würde dies 
zwei Folgen nach sich ziehen, denn es würde erstens in der 
dramatischen Kunst ein Absolutes geben und zweitens würde der 
damit Begabte unfehlbar sein. Mittelmässige Stücke hätten oft 
Erfolg unH vortreffliche, wie Racine's PhMre wurden ausgepfiffen. 
(Le Naturalisme S. 28.) 

Diese Theorie ist gewissermassen eine oratio pro domo. 
Denn, wenn auch verschiedene französische Dichter mit Erfolg 
auf dem Gebiete des Romans und des Dramas gearbeitet haben, 
so ist Zola nicht das gleiche Glück zu teil geworden; seine 
Dramen sind, wie er selbst bekennt, ausgepfiffen worden. Daher 
nimmt er für sich ein allgemeines dichterisches Talent in An- 
spruch und bestreitet die besondere dramatische Begabung. 
Das Urteil der anerkannten Dramatiker ist ihm unangenehm. 
Die Geschichte der Litteratur beweist, dass nicht jedes dichterische 
Talent zugleich eine dramatische Begabung besessen habe. 
Lafontaine war gewiss ein dichterisches Talent, für das Drama 
aber hatte er keinen Beruf, obwohl er sich in demselben ver- 
suchte. Wenn Zola sich in seinem Geschick mit der Thatsache 
tröstet, dass auch dem grossen Dramatiker Racine ein Stück 
ausgepfiffen wurde, so weiss jeder, der die Sache kennt, dass 
dies Urteil ein gefälschtes war und auf einer Intrigue beruhte. 
Er erkennt nur die Thatsachen an, die ihm passen, die anderen 
aber nicht. 

Er erkennt auch die Überlieferung in der theatralischen 
Technik nicht an, da sie die Lebenswahrheit vernichte. Gegen- 
wärtig sei das Leben eine andere Sache als das Theater. Wenn 
man jetzt ein Schauspiel machen wolle, müsse man das Leben 
vergessen und seine Personen nach einer besonderen Taktik in 



32 G, Bornhak, 

Bewegung setzen, deren Regeln man zu lernen habe. Daher 
gebe es keine originalen Stücke. Er hält deshalb einen jungen 
Mann, der niemals seinen Fuss in ein Theater gesetzt, für viel 
fähiger, ein Hauptwerk zu schaffen, als einen anderen, der den 
Eindruck von hundert Vorstellungen empfangen hat (das. S. 37). 
Er überschätzt damit geradezu die Kräfte des Talents. 

Das Theater kann nicht das Leben selbst darstellen, son- 
dern nur ein Bild desselben gewähren. Die Bretter der Bühne 
bedeuten zwar die Welt, sind aber nicht die Welt selbst. Der 
Dramatiker hat die Aufgabe, in uns die Täuschung hervorzurufen, 
dass wir Zeugen einer sich vor uns abspielenden Handlung sind, 
wie sie sich in Wirklichkeit zuträgt, und dazu bedarf er be- 
stimmter Mittel, welche die Erfahrung gelehrt Der Baum und 
die Zeit des Theaters sind in enge Grenzen gebannt und ent- 
sprechen den räumlichen und zeitlichen Verhältnissen der Wirk- 
lichkeit durchaus nicht. Wie kann also der dramatische Dichter 
oder Schauspieler der anerkannten Technik entbehren, um uns 
über diese Unwahrscheinlichkeiten hinweg zu helfen, wenn die 
vorgeführte Handlung den Eindruck der Lebenswahrheit in uns 
hervorrufen soll? Wie Zola ein besonderes dramatisches Talent 
nicht anerkennt, so begreift er auch nicht die Notwendigkeit von 
Regeln in der dramatischen Kunst, welche sich auf die Erfah- 
rung stützen. Denn alle Überlieferung ist ihm widerwärtig. 

Ebenso missfällt ihm die Kritik, welche von einer Theorie 
ausgeht. Die Wissenschaft des Schönen ist für ihn eine Narr- 
heit, die von den Philosophen zum grössten Vergnügen der 
Künstler erfunden worden ist. Den Kritikern ruft er zu: „Wir 
verlangen eure Eindrücke nicht zu wissen; jeder von 
uns hat die seinigen, welche ebenso viel gelten als 
die eurigen und welche nichts mehr beweisen als 
die eurigen. Ihr habt die Aufgabe, in einem Werke 
einen bestimmten Zustand des menschlichen Geistes zu 
studieren; ihr müsst alle künstlerischen Äusserungen 
mit einer gleichen Liebe aufnehmen, wie der Arzt alle 
Krankheiten aufnimmt, denn in jeder dieser Äusse- 
rungen werdet ihr einen Gegenstand für die Analyse 
und das Studium in physiologischer und psychologischer 
Beziehung finden." Und von sich selbst sagt er als Kritiker: 
„Ich stelle mir nicht die Aufgabe, zu loben oder zu 
tadeln; ich begnüge mich, das Werk und den Schrift- 
steller zu analysieren, zu zergliedern, und ferner zu 
sagen, was ich gesehen habe.^ (S. den Artikel Les 
Chansons des rues et des hois.) Dagegen verlangt er bei der feilen, 
abhängigen Kritik in der Beurteilung der Dramen eine bestimmte 



Zola als Dramatiker. 33 

Methode und erklärt deshalb die Theorie von der Souveränetät 
des Pablikams, das durch sein Urteil den Kritiker beeinflusse, 
für eine der grössten Thorheiten. In der Litteratur könne keine 
andere Souveränetät bestehen als die des Genies. Dies allein 
treibe vorwärts und bilde wie ein weiches Wachs die Erkenntnis 
der Bevölkerung um. (Le Naturalisme, S. 55 flf.) 

Es sind dies dieselben Grundsätze, wie sie V. Hugo bei 
abfälligen Beurteilungen seiner Werke geäussert. Die Werke 
des Genies sind nur zu bewundern, nicht zu beurteilen, und weil 
das Publikum oft anderer Ansicht sein kann als der dramatische 
Dichter, so hat sich der Kritiker gar nicht nach jenem zu 
richten, sondern das Drama mit einer gewissen Ehrfarcht zu 
studieren und zu zergliedern. Das Genie ist unfehlbar, die 
Menge hat sich vor demselben zu beugen und wie weiches Wachs 
umbilden zu lassen. Eine solche Knechtung der Geister hat 
selbst Napoleon I. in seinen berüchtigten Zensuredikten nicht 
versucht. 

Betrachten wir hiernach den Inhalt der drei Zola'schen 
Dramen: Thir^se Raquin, Drama in 4 Akten, zuerst aufgeführt 
am 11. Juli 1873 im Thedtre de la Renaissance; Les Hiritiers 
Rabourdin, zuerst aufgeführt am 3. November 1874 im Theater 
Cluny; und Le Bouton de Rose, zuerst aufgeführt am 6. Mai 1878 
im Theater des Palais Royal» 

Das erste Stück beginnt mit einem höchst langweiligen Ge- 
spräch über das Essen und die Wohnung zwischen Camille und 
Laurent, der den ersteren abkonterfeit. Ein solches kommt wohl 
auch im gemeinen Leben vor und mag demselben abgelauscht 
sein, aber für die Bühne sind solche naturalistische Beobachtungen 
nicht brauchbar. Dasselbe dient durchaus nicht zur Entwickelung 
der Handlung, denn nur das Gemälde soll später eine Rolle 
spielen, und dazu der Aufwand. Während Laurent malt und sich 
weiter mit Camille über seine Malerei unterhält, sitzt Therese, 
die Frau Camille Raquin's, und dessen Mutter fast teilnahmlos 
daneben. Man fragt sich unwillkürlich: Wozu sind sie auf der 
Bühne? Endlich ist das Bild fertig und Laurent soll dafür nach 
der Bestimmung Camille's und seiner Mutter durch eine Flasche 
Champagner und Kuchen belohnt werden. In der 5. Szene er- 
fährt man plötzlich, dass Therese und Laurent, die allein sind, 
sich heimlich lieben, aber Camille steht ihnen im Wege, „Wenn 
Du doch Witwe wärest!" sagt Laurent. Mit diesen Worten 
ist der Gang der nun beginnenden Handlung vorgeschrieben. Es 
fehlt die dramatische Entwickelung der Leidenschaft, welche 
wenigstens diesen Wunsch psychologisch erklärt haben würde. 
Als Laurent gegangen, erscheint Camille mit seiner Mutter. Er 

Zschr. f. firz. Spr. a. Litt. XV, q 



34 C. Bomhak, 

hat eben seine Frau ganz weiss wie ein Phantom gesehen und 
glaubt, dass diese Nacht eine weisse Frau um sein Bett herum- 
gehen wird, um ihn zu erdrosseln. Wie kommt er plötzlich zu 
einem solchen Gedanken? Eine Vermittelung gibt es nicht; auch 
würde diese Art von Ahnung in jedem anderen Drama weniger 
auffallen als in einem naturalistischen. Hier dient es dem Dichter, 
der in seiner Theorie vom Dramatiker nur die Darstellung der 
Naturwahrheit verlangt, dazu, um das Publikum an dem dünnen 
Faden festzuhalten, an welchem er seine Handlung anreihen will. 
Auf den nächsten Sonntag wird eine Wasserfahrt beschlossen, 
an welcher Laurent, Camille und Therese teilnehmen sollen, so 
sehr sich auch die Mutter dagegen sträubt; denn Camille ist 
schwach und kränklich. Laurent wirft Therese einen verständnis- 
vollen Blick zu; man weiss jetzt, die Beseitigung Camille's ist 
zwischen beiden beschlossene Sache. Die Unterhaltungen mit 
den Hausfreunden Grivet, Michaud und dessen Nichte Susanne, 
welche alle' Freitage zu erscheinen pflegen, um ein Spiel Domino 
zu machen, ist ohne alles dramatische Interesse. Nur einmal 
wird eine Anknüpfung mit der begonnenen Handlung gesucht, als 
Michaud, der früher Polizeikommissar gewesen, von einem Morde 
erzählt, dessen Urheber man nicht entdecken konnte, was Laurent 
zu der Frage veranlasst: „Ihr meint also, dass viele Ver- 
brechen ungestraft bleiben?'' und Therese ist der Ansicht: 
„Was man nicht weiss, ist nicht vorhanden." 

Im zweiten Akt, der gerade ein Jahr nach dem ersten 
spielt, sind wieder alle Personen des ersten Aktes zu einem 
Spiele vereinigt, nur Camille fehlt, denn Laurent hat ihn bei 
jener Wasserfahrt in die Seine geworfen und ertrinken lassen. 
Darum ist Mutter Raquin noch voller Betrübnis, denn sie kann 
sich über den Verlust ihres Sohnes nicht trösten. Laurent und 
Therese spielen die teilnehmenden Kinder. Sie bittet Laurent, 
ihr aus ihrer Schlafstube einen Korb zu holen, in dem sich ihre 
Wolle befindet. Als er zurückkommt, schwankt er wie ein 
Trunkener und hat ein verstörtes Gesicht. Er glaubt den toten 
Camille gesehen zu haben, den Korb aber hat er nicht gefunden. 
Therese, welche ebenfalls von Gewissensbissen gequält wird und 
dabei Trauer über den Verlust ihres Mannes heuchelt, erregt die 
Teilnahme der Gesellschaft. Um sie von ihrem Trübsinn zu 
heilen, rät Michaud, sie mit Laurent zu verheiraten. Der Vor- 
schlag wird angenommen. Therese spielt dabei die trauernde 
Witwe, die endlich scheinbar wider ihren Wijlen in diese Ver- 
bindung willigt, da sie den toten Gatten nicht vergessen könne. 
Auch Laurent gibt sich das Ansehen, als ob er mit seinem Ent- 
schlüsse zu kämpfen habe. 



Zola als Dramatiker. 35 

Der dritte Akt beginnt mit dem Hochzeitabend. Therese 
wird von Susanne entkleidet, wobei jene, von einem Schauder 
ergriffen, zittert und über Fieber klagt. Endlich ziehen sich die 
Frauen zurück, lassen Therese allein und Laurent erscheint. 
Therese stösst ihn kalt zurück ; die blosse Erwähnung ihrer Hoch- 
zeit ist ihr eine Marter, sie flieht die Erinnerung und, um die 
bösen Gedanken zu verscheuchen, plaudert sie über das Wetter, 
über die Kirche, wo ihre Trauung stattgefunden und auch eine 
Leiche eingesegnet wurde, die aus dem Wasser gezogen worden 
ist. Sofort sind die Erinnerungen an den Gemordeten wieder 
wach. Als Laurent sich auf kurze Zeit entfernt, hört sie ein 
Klopfen an der Thür; von Furcht gequält, wähnt sie, der tote 
Gatte erscheine, um seine Rechte geltend zu machen. Der Ein- 
tritt Laurents beruhigt sie etwas, aber nun beginnt dasselbe Spiel 
wie vorher. Plötzlich richten sich Laurents Blicke auf das Bild 
Camille's, das an der Wand hängt, und ein furchtbares Entsetzen 
ergreift ihn und Therese. Er hält es für dessen Geist, denn er 
behauptet zu sehen, wie sich seine Augen bewegen, obgleich ihn 
Therese darauf aufmerksam macht, dass es nur das Bild sei. 
Endlich reisst er es in einem Anfall von Wut herab, indem er 
sagt: „Es ist abscheulich. Er steht gerade so da, wie 
wir ihn ins Wasser geworfen." In diesem Augenblicke er- 
scheint Frau Raquin und hört diese Worte. „Gerechter Gott, 
sie haben mein Kind getötet! Mörder, Mörder!" ist 
alles, was sie vorzubringen vermag. Damit ist der Übergang 
zur fallenden Handlung und zur Katastrophe geschaffen. 

Der vierte Akt beginnt mit einem Gespräch zwischen Therese 
und Susanne über einen „blauen Prinzen", der zur Handlung in 
gar keiner Beziehung steht, über die Frau Raquin, die seit jener 
fürchterlichen Hochzeitsnacht die Sprache verloren, über Laurent, 
der ausserhalb seiner Wohnung ein Atelier aufgeschlagen, wo 
er verschiedene Bilder malt. Aber alle, Greise, Weiber, Kinder 
haben eine Ähnlichkeit mit dem toten Camille, wie Susanne der 
darüber entsetzten Therese berichtet, die mit ihrem Manne im 
beständigen Streite lebt und von seinem Treiben ausserhalb des 
Hauses nichts erfährt. Schrecklich ist die Erscheinung der Frau 
Raquin. Sie ist stumm und gelähmt, nur ihre Augen sind voller 
Leben, mit denen sie beständig die bleichen Mörder verfolgt und 
quält. Die beiden Hausfreunde, Grivet und Michaud, stellen 
darüber ihre besonderen Betrachtungen an. Endlich schreibt sie 
mit dem Finger Buchstaben auf den Tisch. Michaud liest: 

„Therese und Laurent haben" und fragt: „Was 

haben denn die teuren Kinder?" Aber die unglückliche 
Mutter begnügt sich, sich an dem Entsetzen der beiden Mörder 

3* 



36 G. Bornhak, 

zu weiden. Dieselben werfen sich, als Grivet und Michaud ge- 
gangen, in Gegenwart der Frau Raquin den Mord vor und wollen 
davon dem Gerichte Anzeige machen, aber die Kraft zur Aus- 
führung fehlt ihnen. Laurent sieht beständig den toten Oamille 
vor sich und nirgends findet er Ruhe vor ihm. Zuletzt hält er 
sich selbst in wahnsinniger Wut für Camille und will Therese 
töten. Dieselbe ergreift ein Messer, um sich seiner zu ent- 
ledigen, und dieser ein Flaschen mit Gift, um es in Theresen's 
Glas zu schütten. Keiner will mit dem anderen mehr leben. 
Und dieser ganzen Szene wohnte die unglückliche Mutter bei, 
die, als sich Laurent auf sie stürzt, die Sprache wieder gewinnt 
und ihm zuruft: „Mörder meines Kindes, versuch' es 
doch, auch die Mutter zu töten!" Im höchsten Schrecken 
ruft Therese: „Gnade, überliefert uns nicht dem Ge- 
richt!" „Nein," erwidert sie ihr, „ich werde euch gegen- 
seitig von Gewissensbissen zerfleischen lassen wie 
wütende Tiere. Ihr seid mein und ich bewache euch." 
— „Solche Straflosigkeit ist zu schwer; wir richten 
und verurteilen uns selbst," sagt Therese, ergreift das Gift, 
trinkt, und fällt tot zu den Füssen der Frau Raquin. Hierauf 
ergreift Laurent das Gift, trinkt und sinkt leblos zusammen. „Sie 
sind beide sehr schnell gestorben", meint Frau Raquin und setzt 
sich ruhig nieder. Damit schliesst das Stück. 

Dasselbe wurde, wie der Dichter in seiner Vorrede sagt, 
gleich den anderen ausgezischt, weil das Theaterpublikum es 
nicht liebe, in seinen drapaatischen Gewohnheiten gestört zu 
werden. Denn in seinem Stücke herrsche Mangel an Intrigue, 
Detailmalerei wiege vor, und ärmliche Personen niederen Standes 
treten auf, woran sich das Publikum erst gewöhnen müsse. Der 
Hauptgrund der üblen Aufnahme ist aber unstreitig der, dass die 
Leidenschaft gar nicht gezeichnet ist, welche die ganze Handlung 
bestimmt und schliesslich zum Verbrechen führt. Ferner begreift 
man unter französischen Verhältnissen nicht recht, wie Camille, der 
als körperlich schwach und geistig beschränkt geschildert wird, 
ein Hindernis für die beiden Liebenden sein kann. Das Ver- 
brechen ist durchaus nicht psychologisch erklärt. Dazu kommt 
der Gegensatz: die grossartige und tief ergreifende Schilderung 
von der Wirkung desselben. Dieser Mangel naturgemässen 
Zusammenhanges erzeugt notwendigerweise in dem Zuschauer 
eine Missstimmung, die ihn selbst beim Ausgang des Stückes 
nicht verlässt. Denn Therese und Laurent töten sich nicht 
etwa, um ihr Verbrechen zu sühnen, sondern weil sie das Leben 
unerträglich finden. Nicht ohne Bedeutung ist femer, dass es 
im ganzen Stücke fast gar keine tragische Verwickelung, keinen 



Zola als Dramatiker. 37 

Kampf um das erstrebte Ziel gibt; die Gelegenheit zur Be- 
seitigung Camille's bietet sich von selbst dar. Dergleichen mag 
der naturalistische Dichter wohl Öfter im Leben beobachtet haben^ 
aber nicht alle Lebenserfahrungen eignen sich zur dramatischen 
Bearbeitung. Der Zuschauer erwartet die Darstellung der Regel, 
und Regel ist im Leben der Kampf um ein erstrebtes Ziel. 
Darum muss der dramatische Dichter eine wohl erwogene 
Auswahl aus den Lebenserscheinungen treffen und ausserdem 
alles vermeiden, was zur dramatischen Handlung in keiner Be- 
ziehung steht. In einem Roman kann eine langweilige Schil- 
derung oder Unterhaltung mit unterlaufen; der Leser quält sich 
damit nicht und überschlägt sie; im Drama dagegen muss er 
sie mit anhören. Hier geht alles vom Mittelpunkte eines 
Kreises aus, über dessen Peripherie sich nichts entfernen darf. 
Das alles sind Regeln, die auch ein naturalistischer Dramatiker 
nicht unberücksichtigt lassen darf, da sie mit gewissen Lebens- 
wahrheiten zusammenhängen, welche das Drama nicht ent- 
behren kann. 

Die beiden anderen Stücke erscheinen schon wegen 
der vielfachen Übertreibungen und Intriguen unbedeutender als 
das erste. In Les Heritiers Rdbourdin wird geschildert, wie 
der ehemals reiche Rabourdin sich schon bei Lebzeiten den 
grössten Teil seines Geldes von seinen dereinstigen Erben, Neffen 
und Nichten, hat aufzehren lassen. Dennoch erwartet jeder von 
denselben noch für sich eine reiche Erbschaft, eine ünwahr- 
scheinlichkeit, die sofort in die Augen fallen muss. Rabourdin 
hat in seiner Kasse kein Geld mehr, hat sogar das ihm an- 
vertraute Vermögen seines Mündels Charlotte verbraucht und 
entblödet sich nicht, indem er noch immer den reichen Mann 
spielt, von dem Verlobten derselben, Dominique, 300 Francs 
anzunehmen, obgleich ihm alle Aussicht zur Wiedererstattung 
fehlt. Trotzdem überbieten sich die Erben in Schmeicheleien 
und Geschenken, da jeder die ganze Erbschaft für sich zu ge- 
winnen hofft. Daher Intriguen und Überraschungen, die Charlotte 
wohl zu benutzen weiss, um ihr Geld und das ihres Verlobten 
in der Form von Geschenken, die für Rabourdin bestimmt sind, 
wieder zu gewinnen. Die Haupthandlung geht von dem Be- 
streben der Erben aus, sich gegenseitig auszustechen, um Rabourdin, 
der sich totkrank stellt und alle betrügen will, allein zu beerben. 
Diese Schilderung zieht sich durch das ganze Stück hindurch 
und muss für den Zuschauer bei den beständigen Wiederholungen 
ungemein ermüdend sein. Nachdem Rabourdin seinen Tot hat 
verkünden lassen, wird von seinen Nichten sein Testament ver- 
lesen, in denen er ihnen nur seine Schulden hinterlässt. Bald 



38 G. Bornhak, 

darauf erscheint er wieder und wird von den Betrogenen' mit 
Vorwürfen überhäuft. Voller Ingrimm nehmen sie ihre früheren 
Oeschenke mit sich und verlassen ihn. Jetzt klagt er, dass er 
keine Erben mehr hat, die ihm Geschenke bringen. Bald darauf 
erscheinen dieselben wieder und bringen die Geschenke zurück, 
um sich von neuem um den anscheinend kranken Oheim zu be- 
mühen und seine Gunst zu erlangen, da sie alles Vertrauen bei 
ihren Gläubigern verlieren würden, wenn sie nicht mehr für die 
£rben des reichen Rabourdin angesehen würden. Charlotte aber be- 
hält ihren Raub und bereitet sich zur Hochzeit mit Dominique vor. 

Das Stück leidet ausser an den bereits erwähnten Mängeln 
unter dem Eindrucke einer geteilten Handlung. In der Mitte 
der einen steht Rabourdin, in der der anderen Charlotte, und 
zwischen beiden Personen teilt sich das Interesse bis zum Schluss. 

Das dritte Stück: Le Bouton de Rose, spielt im Gasthause 
zum roten Hirsch, dessen Eigentümer der unverheiratete Ribalier 
und der sich eben mit Valentine verheiratende Brochard sind, 
von deren Hochzeit sich Ribalier gerade ermüdet weggestohlen 
hat, um sich zur Ruhe zu begeben. Einer seiner Gäste, Chamorin, 
erscheint, um sich über seine Frau Hortense zu beklagen, die 
ein geheimes Liebesverhältnis mit Ribalier unterhält. Er möchte 
sie gern bei einer Untreue überführen und dazu soll ihm Ribalier 
behilflich sein. Denn während er selbst beständig auf Abwegen 
geht und dabei stets von seiner Frau ertappt wird, ist es ihm 
bisher niemals gelungen, dieselbe zu überraschen. Nachdem 
Chamorin gegangen, erscheint Hortense, um sich Ribalier anzu- 
bieten und von ihm zurückgewiesen zu werden. Eine widerliche 
Szene ohne alle Begründung. Raum ist er eingeschlafen, so kommt 
Brochard, um ihm anzuzeigen, dass er in seiner Hochzeitsnacht 
nach Le Maus reisen will, um Kapaunen für die gemeinsame 
Wirtschaft einzukaufen. Seine neuvermählte Frau überlässt er 
zur Überwachung seinem Freunde Ribalier. Valentine, die alles 
gehört, erscheint; Brochard verabschiedet sich von ihr und über- 
reicht ihr zum Andenken eine Rosenknospe, die sie bis zu 
seiner Rückkehr bewahren soll. Hierauf kommt Chamorin noch- 
mals, um sich über die Untreue seiner Gattin zu beklagen, wes- 
halb er von Brochard hart angelassen wird, dann Jules, der 
Neffe Ribalier's, eine alte Liebschaft Valentinens, mit dem die- 
selbe einen Plan entwirft, um sich an ihrem Mann und Ribalier 
für die Überwachung zu rächen. Nun beginnt das Intriguenspiel. 
Valentine schweift trotz aller Überwachung im Gasthause umher, 
näht einem alten Bekannten, einem Kapitän, einen Knopf an und 
lässt sich zum Dank dafür von demselben umarmen. Selbst bei 
Ribalier versucht sie die Künste ihrer Verführung, aber er wider- 



Zola cUs Dramatiker, 39 

steht, wenn auch nicht ohne Schwanken. Eine Gesellschaft von 
Offizieren hat sich zum Gelage niedergelassen, die Valentine be- 
kannt sind. In ihrem Auftrage hat Jules einen Kapitän, einen 
Lieutenant und einen Sergeanten bestimmt, ihr nach einander den 
Hof zu machen und sich der von ihr empfangenen Gunstbezeu- 
gungen zu rühmen, wenn Ribalier zugegen ist. Dies geschieht 
zu dessen grösstem Erstaunen. Alle Offiziere umringen sie; sie 
singt ihnen ein Trinklied und alle singen den Refrain dazu, in 
den auch Ribalier einstimmt, nachdem man ihn trunken gemacht 
hat. Als er endlich mit Valentine allein ist, bedeckt er sie mit 
Küssen und wird dabei von Jules überrascht. Ehe sie sich in 
ihr Schlafzimmer zurückzieht, verspricht sie, Ribalier in demselben 
zu erwarten, da sie sich bei Nacht fürchte. Jules bestimmt 
Hortense, sich an die Stelle Valentinens zu begeben und so die 
lange erwartete Genugthuung zu erhalten. Ribalier geht in die 
Falle. Bei der nächtlichen Zusammenkunft glaubt er keine andere 
Dame vor sich zu haben, als Valentine, da sie nicht spricht. 
Als er aber stark an der Thür klopfen hört, meint er, Brochard 
sei zurückgekehrt und entflieht durch eine Nebenpforte, wobei 
er seinen Fingerring verliert. Darüber gerät er in die grösste 
Bestüreung. Er erwägt die Folgen seines Handelns und bittet 
Jules, ihn aus dieser Verlegenheit zu befreien. De)rselbe lässt 
jedoch das von ihm und Valentine angezettelte Komplott sich 
weiter entwickeln. Brochard erscheint in Wut, denn seine Reise 
ist vergeblich gewesen. Sein Geschäftsfreund in Le Maus hat 
ihn betrogen und er lässt nicht undeutlich durchblicken, dass er 
auch von Ribalier betrogen worden sei, da er die Rosenknospe, 
die er seiner Frau vor seiner Abreise zur Aufbewahrung über- 
geben, an Ribaliers Hut bemerkt, wohin sie Jules gesteckt hat. 
Der von Gewissensqualen gepeinigte Ribalier gesteht endlich, dass 
er in der vergangenen Nacht in Valentinens Schlafzimmer ge- 
wesen, und erklärt sich bereit, dem beleidigten Gatten mit den 
Waffen in der Hand Genugthuung zu geben. So weit lassen die 
Verschworenen die Sache kommen. Dann tritt Hortense mit 
ihrem Gemahl ein, um sich zu verabschieden. Sie trägt den Ring 
Ribaliers an ihrem Finger und sagt: „Ich werde ihn zu 
Eurem Andenken tragen." Brochard begreift sofort den 
ganzen Zusammenhang, über welchen ihn ausserdem noch Chamorin 
belehrt, und sagt lachend: „Man hat sich also über mich 
lustig gemacht?" und Valentine entgegnet ihm: „Ja, mein 
Freund, man lässt die Frauen nicht bewachen. Die 
Frauen bewachen sich alle allein." Auch die von Brochard 
beklagten Kapaunen kommen plötzlich an; die Freundestreue ist 
also gewahrt und alles andere vergessen. Ehre und Segen 



40 (7. 'Bornhak, Zola als Dramatiker, 

dem Gasthans zum roten Hirsch. Damit schliesst das 
Stück. — 

Wenn es ein Vorrecht der Posse ist, die Wirklichkeit zu 
übertreiben, zu karikieren, so hat dasselbe doch auch seine be- 
stimmten Grenzen. Denn jedes Eunstmittel, und das ist die 
Karikatur, verfolgt einen bestimmten Zweck. Wenn Ribalier und 
Brochard karikiert werden, so hat das den bestimmten Zweck, sie 
in ihrem Unternehmen, eine Frau zu überwachen, lächerlich zn 
machen. Was soll man aber zur Karikatur Yalentinen's sagen? 
Sie ist erstens für die Tendenz des Dichters zwecklos und 
zweitens widerlich. Man denke sich eine eben verheiratete Frau, 
die sich von allen Männern, die ihr in den Weg treten, den 
Hof machen und abküssen lässt und hinterher die treue, tugend- 
hafte Gattin spielt, weil sie einer anderen Dame ihre Stelle bei 
einem verabredeten Rendezvous überlassen hat. Ihre Behauptung: 
„Die Frauen überwachen sich alle allein!*^ ist damit 
nicht bewiesen. Sie musste im Gegenteil, wenn der Dichter 
seinen Zweck erreichen wollte, als treue, tugendhafte Gattin ge- 
zeichnet werden, die durch ihre Haltung alle Bestrebungen der 
Überwachung lächerlich machte. So ist sie ein Zerrbild, das 
gerade das Gegenteil von dem beweist, was der Dichter be- 
weisen wollte. 

G. BOBNHAE. 



Moderne französische Romanschriftsteller. 



Jori8 Karl Hnysmans. 
I. 



Di 



y^Je fais ce que je 4)o%s, ce que je 
vis, ce que je sens, en Vecrivani le 
moins mal que je puis. Si c*est lä 
le naturalisme, tant mieux.^ 



'ie Familie HuysmanB stammt aus Holland. Der Vater des 
Romanschriftstellers J. K. Huysmans, Godfried Huysmans, war Maler 
und stammte aus Breda. In Paris, wo er Rue Suger 11 wohnte, wurde 
ihm von seiner Frau, der Tochter eines Ministerialbeamten Görard, ein 
Knabe geboren, der die Namen Joris Karl erhielt. Durch Abstam- 
mung und Geburtsort ist Hiiysmans somit ein französischer Nieder- 
länder oder ebensogut ein niederländischer Franzose. Beide Nationali- 
täten spiegeln sich in seinen Eunstprodukten wider, die stets die Neigung 
verraten, mit Worten zu malen und über Maler zu sprechen. Mehrere 
seiner Vorfahren waren Maler. Ein Oheim gab Unterricht im Zeichnen 
und Malen in Breda und Tilburg. Unter seinen Ahnen steht auch 
Cornelis Huysmans, von dem das Louvre Gemälde aufzuweisen hat. 

Huysmans' Romane und Novellen selbst erzählen uns, welch alt- 
modische klassische Bildung er in seiner Jugend erhalten hat. Er be- 
suchte eine jener Schulen, in denen man jahrelang nichts als Lateinisch 
lernt, und wo die spes patriae in grosser Anzahl sich zusammenfindet, 
um sich an den armen pions (den Aufsehern über die Schularbeiten 
der Knaben) für die Langeweile der endlosen Schulstunden zu lachen. 
Huysmans, der in jedem seiner Romane, in allen seinen Novellen etwas 
aus seinem eigenen Leben, aus seinen Träumen und Leiden erzählt, 
hat uns den Aufenthalt in der Schule in seinem Roman En manage 
geschildert. 

Sehr anschaulich beschreibt er da, wie er in seinem achten 
Lebensjahre weinend in .die Schule eintritt; wie ihn seine Eltern 
Sonntags von dort abholen, während andere, die keine Angehörigen 
haben, in den einsamen Schullokalen unter Aufsicht des mürrischen 
pion zurückbleiben, der sie nicht einmal aus dem Zimmer gehen lässt, 
wenn sie den Finger in die Höhe streckten um zu fräsen: „Esi-il per- 
mis de soriir?^ Er erzählt uns, wie der Gedanke, abends wieder in 
die Schule zurückkehren zu müssen, ihm stets seinen freien Sonntag 
verdorben habe. Schon bei Tische sah man nach der Uhr. „Tummle 
Dich", sagte die Mutter, „es wird bald Zeit!" Die Mahlzeit war erst 



42 Jan ten Brmk, 

halb za Ende, da steckte man ihm sein Dessert in die Tasche, — ein 
eiliger Abschied — dann bi*achte ihn das Dienstmädchen in die Schule 
zurück. Wie unangenehm berührten ihn die belebten Strassen. Voll 
Neid sah er die Kinder der Armen sich frei herumtreiben. Er schielte 
nach den grossen Anschlagzetteln der Theater, und ärgerte sich, dass 
er zurück in die Schule musste. Er wäre gern langsam gegangen, 
aber die Magd trieb zur Eile, sie hatte Ausgangstag. 

In der Schulstube war alles dunkel. Man glaubte in einen Keller 
zu kommen. Als das Dienstmädchen fort ging, wäre er beinahe in 
Thränen ausgebrochen. Sein Weg ging in den Schlafsaal. Der pion 
drohte mit Strafe, wenn man beim Treppensteigen zu hart aufbrat. 

Der Eindruck, den das Schulleben in Huysmans zurückgelassen 
hat, ist ein bleibender. Es bildet sich geradezu Hass gegen die pions 
in ihm aus, obgleich er einsieht, dass das Leben dieser Unglücklichen 
keineswegs beneidenswert sei. Dann beklagt er sich über die schlechte 
Kost, die in steter Regelmässigkeit abwechselnd, immer dieselbe bleibt: 
fettes Hammelfleisch und Möhren mit warmem Wasser Montags ; 
Kalbfleisch und schlechter Käse Dienstags; Rüben mit brauner Sauce 
und Sauerampfer Donnerstags, lauter Speisen, die ihn krank machten; 
Makkaroni ohne Käse, ungeniessbare Erbsensuppe und in verbranntem 
Fett gebackene Kartoffeln. 

Er äussert sich sehr bitter über die kalten Schlafzimmer, deren 
Fenster par raison dhygiene beständig offen blieben; dessenungeachtet 
herrschte im Sommer eine dumpfe ekelerregende Atmosphäre. Früh 
um sechs rief der Stiefelputzer die armen Jungen wach. Freilich 
klagt er auch in echter Knabenungerechtigkeit, wie er sich Jahr aus, 
Jahr ein an den „plumpen Witzen des Horaz und den dummen Auf- 
schneidereien des Homer ^ hätte erlustigen müssen. Diese Worte zeigen, 
dass Huysmans schon als Knabe die krankhaft unzufriedene Stimmung 
kannte, die im Anfang des 19. Jahrhunderts die Welt beherrschte, und 
die man in Deutschland „Weltschmerz^, in England „Spleen^ zu nennen 
pflegt, eine Stimmung, die den späteren Philosophen höchst wichtige 
Bausteine für ihre Theorien über den Pessimismus geliefert hat; em 
Zug der Zeit, der sich unter dem einförmigen russischen Himmel und 
unter dem Zusammenwirken von traurigen, historischen Ereignissen zu 
dem trostlosen Prinzip des Nihilismus entwickelt hat. 

Der arme Junge klagt ferner, dass er Racine und Virgil, Cicero 
und Boileau auswendig lernen muss, dass er dagegen nichts Nützliches 
lernt; dass er Montags voll Verzweiflung die lange Woche begann, dass 
erst Donnerstag ein Hoffnungsschimmer m ihm erwachte, endlich werde 
doch wieder Sonntag kommen. Seine einzige Freude war die grosse 
Ferienzeit im Juli, und die Vorfreude darauf, wenn die Jungen mit 
ganz ausserordentlicher Ungeduld sich anstrengten, wie sie über die 
unglückseligen pions ein Strafgericht ergehen lassen konnten. 

Was auch in diesen Klagen übertriebenes sein möge, sicher ist 
es doch, dass Huysmans keine glückliche Jugend hatte. Er erfuhr nur 
allzufrüh, dass die Leiden der Armut die Kinder unbemittelter Eltern 
schwer niederdrücken. Seinen Vater scheint er früh verloren zu haben. 
Nachdem er die vorgeschriebenen Examen abgelegt hatte , gab er Unter- 
richt an Kinder begüterter Familien. Eine Erbschaft, die ihm ein 
Bruder seiner Mutter hinterliess, rettete ihn aus der tiefsten Bedrängnis.^) 



1) Man lese darüber seinen Roman En mdnage^ Paris, 1881. 
Charpentier. S. 42 — 54. 



Moderne französische Romanschrifisieller. 43 

Der junge Huysmans war beim Beginn des deutsch-französischen 
Krieges zweiundzwanzig Jahre alt. Er trat als Freiwilliger in die 
französische Armee ein, wie er dies uns selbst in der Novellensamm- 
lung Les Soire'es de Medan in der Erzählung Sac au dos schildert. 

Sie fängt so an: „Als ich meine Schulzeit absolviert hatte, suchte 
ich auf den Wunsch meiner Familie den gefürchteten grünen Tisch 
auf, um den mehrere alte Herren sassen, die voll Eifer untersuchten, 
ob ich genug von den toten Sprachen wisse, um zu dem Rang eines 
bachelier zugelassen zu werden. 

„Ich legte ein gutes Examen ab. Ein gemeinschaftliches Mahl 
versammelte die ganze Familie um mich her; man sprach über meine 
Zukunft, und entschied sich dahin, dass ich Jurisprudenz studieren sollte. 

„Bald stand ich vor meinem ersten akademischen Examen. Ich 
verkehrte viel im Quartier laiin, woselbst ich die Bekanntschaft von 
Studenten machte, die alle Abende bei einem Glas Bier ihre politischen 
Meinungen austauschten. In dieser Zeit las ich die Werke von Georges 
Sand und Heine, von Edgar Quinet und Henri Murger. 

„So verlief ein Jahr. Die allgemeinen Wahlen vor dem Zu- 
sammenbruch des zweiten Kaiserreichs (Mai 1869) Hessen mich kalt. 
Da ich weder einen Senator, noch einen Ausgewiesenen Vater nannte, 
musste ich mich ja unter jeder Regierung dem Zustande von Dürftig- 
keit und Entbehrung, in dem meine Familie schon lange lebte, unter- 
werfen. 

„Meine juristischen Studien machten mir wenig Freude. Mir war, 
als hätte man die Gesetzentwürfe absichtlich so schlecht geschrieben, 
um gewissen Leuten genügende Gelegenheit zu kleinlichem Streite über 
dies oder jenes Wort zu geben, und noch heute steht es bei mir 
fest, dass ein deutlich formulierter Satz niemals Gelegenheit zu vielerlei 
Deutungen geben kann. 

„Ich dachte über diesen oder jenen Beruf nach , den ich ohne 
inneren Widerstreit hätte ausüben können, als mir plötzlich der Kaiser 
selbst einen verschaffte: die Ungeschicklichkeit seiner Politik machte 
mich zum Soldaten." 

Der Exkaiser Napoleon III. starb am 9. Januar 1873 zu Chisle- 
hurst. Huysmans' Novelle, oder besser gesagt, Lebensgeschichte aus 
den Jahren 1870 und 1871 erschien gegen 1880. Die düstere, nieder- 
geschlagene Stimmung — aus der Armut und Entbehrung seiner 
Knaben- und Jünglingsjahre erzeugt — spricht deutlich aus dem Anfang 
des Sac au dos. 

Huysmans wurde Soldat, obgleich er sich für den Krieg durchaus 
nicht begeistern konnte. Er wurde der garde mobile de la Seine zu- 
geteilt, ging fortan in dunkelblauer Jacke und hellblauer Hose mit 
breitem, roten Streifen, und zog an einem gewitterschwülen Jaliabend 
mit einem schweren Ranzen auf der Schulter an die bedrohten Grenzen. 
Vorläufig musste er in Chälons bleiben, woselbst die jungen Soldaten 
an allem Mangel litten, wo nichts geordnet war; keine Kantine, kein 
Stroh, keine Mäntel, keine Waffen; nichts war da. 

Schon nach Verlauf einiger Tage machte ihn die Feuchtigkeit 
seines Zeltes krank. Man bringt ihn in eine überfüllte Ambulance, 
gibt ihm einen grauen Mantel mit Kapuze, eine rote Hose und eine 
weisse Schlafmütze. Der Lazarettarzt zeigt sich gegen seine Patienten 
als unerträglichen Tyrannen. Noch nicht vollständig wieder her- 
gestellt, muss Huysmans die Uniform wieder anziehen: die Preussen 
nähern sich Chälons. Noch sehr schwach, litt er ganz ausserordentlich 
bei der Eisenbahnfahrt. Wenn er es nicht selbst erzählte, würde man 



44 Jan ten Brink, 

kaum glauben, dass französisclie Soldaten unterwegs die Büffets fran- 
zösischer Bahnhöfe plünderten. Immer noch leidend kam er, ohne 
sich daselbst aufhalten zu können, in Paris an; weiter ging es nach 
Arras, wo er Aufnahme im städtischen Hospital fand, nicht im Hotel 
des Erzbischofs, der seine Gastlichkeit nur Verwundeten, nicht aber 
Kranken angedeihen Hess. 

Die ganze Kriegszeit hat Huysmans in Hospitälern und Ambu- 
lancen zugebracht ; am längsten war er in Evreux. Nachdem der Krieg 
und das Leid der Kommune vorüber waren, widmete er sich endlich 
der litterarischen Thätigkeit. 

"Von seinem weiteren Leben bleibt nur wenig zu berichten. 
Huysmans verstand die Kunst nicht, Kapital aus seinen Arbeiten zu 
schlagen, arbeitete auch mit wenig Leichtigkeit ; so stellte es sich bald 
heraus, dass er von seiner Feder nicht leben konnte. Glücklicherweise 
fand er eine Stellung im Ministerium des Innern; heute hat er es bis 
zum sotis-chef-de bureau gebracht. 

Von 1874—1887 veröffentlichte er: 
1874. Le Drageovr aux epices. Paris. Dentu, (Erste Auflage ver- 
griffen, zweite Auflage, Paris, Maillet, 1875, ebenfalls.) 
1876. Marthe. Brüssel. Jean Gay. (Vergriffen.) Zweite Auflage 
unter dem Titel: Marthe, histoire d*une fille. Avec une eau- forte 
impressioniste de J.-L. Forain. Paris. Derveaux. 1879. 

1879. Les sceurs Vatard. Paris. G. Charpentier. (Fünf Auflagen.) 

1880. Croquis Parisiens, (Eaux-fortes de Forain et Rafa^Ui.) Paris. 
Henri Vaton, (Prachtausgabe auf Büttenpapier mit roten An- 
fangs- und Schlussvignetten, sowie Initialen.) Vergriffen. 
Zweite Auflage : Imprime dans le format presque perdu de quel- 
ques eucohges, Nouveüe Edition, augmentee aun certain nomhre 
de püces et (Tun portrait, Paris. Läon Vanier, fiditeur des 
Modernes, 1886. 

1881. En Menage, Paris. G. Charpentier. (Vier Auflagen.) 

1882. A veau feau. Brüssel. Kistemaeckers. Vergriffen. 

1883. L*Art moderne. Paris. G. Charpentier. 

1884. A Rehotvrs, Paris. G. Charpentier & C*^ 

1886. En Rade. Roman, erschienen in der Revtte indäpendante 
1886—1887. 

Femer schrieb Huysmans: 

1880. Sac au dos, in Les soirees de Me'dan. Paris, Charpentier, 1880. 
Zehn Auflagen. 

1881. Pierrot sceptique, avec dessins en couleur de Cheret. Mit Läon 
Hennique. Paris. Rouveyre. (Vergriffen.) 

1887. Vn dilemme. Paris, Tresse & Stpck. 



IL 

Alle Werke Joris Karl Huysmans' einer sorgfältigen Analyse 
und gründlichen Kritik * zu unterwerfen , liegt nicht im Kahmen der 
Zeitschrift. 

Die seine Eigenart am meisten charakterisierenden sind Marthe, 
die Croquis Parisiens, En Manage und zumal A Rebours. 

Als Huysmans 1874 das Gebiet der Litteratur betrat, hatte eben 
^mile Zola durch seine fünf ersten Romane aus dem Zyklus der 
Rougon- Macquart die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Im 



Moderne französische Romanschrifisteüer, 45 

Jahre 1874 war gerade einer seiner besten Romane: La Faute defabbe 
Mouret erschienen. Zola hatte seiner Kunstrichtung den Namen Natu- 
ralismus gegeben; es war dieselbe Richtung, die bereits Henri Beyle, 
Honor^ de Balzac , Gustave Flaubert eingeschlagen und zur Anerkennung 
gebracht hatten. 

Huysmans hat den Kampf zwischen den als Naturalisten neu- 
erstandenen Realisten und der alten Garde der Romantik, welch letztere 
oft durch die Sauvegarde des Klassizismus verstärkt wurde, redlich 
mitgekämpft. Die Wechselfälle des Pariser Lebens brachten ihn in 
Zola's Kreis und in Verbindung mit dem Pariser Verleger George Char- 
pentier. Das ist der Grund, warum man ihn, was er auch geschrieben 
hat, als Naturalisten beurteilt. Das wäre noch kein Anlass, ihm voll 
Antipathie entgegenzutreten; im Gegenteil, Huysmans hat das Recht 
zu verlangen, dass man ihm ausserhalb des Zola'schen Ejreises und der 
Neunaturalisten als ursprünglichen Künstler betrachte. 

Die Dichtung ist eine göttliche Kunst, deren Aufgabe es ist, 
das Leben der Menschen zu adeln und sie im täglichen Daseinskampfe 
zu stützen. Mögen andere Musen und deren Priester und Priesterinnen 
ebenfalls Schönes schaffen, man wird es gern anerkennen; aber be- 
geistert sollte man immer hinzufügen, dass trotz des immer mehr zu- 
nehmenden Niederganges unter Schriftstellern, Dichtern und Kritikern, 
die Dichtung doch immer und vorzugsweise ein Herzens- 
trost ist. 

Als man Huysmans einst fragte, ob er zu Zola's Schule und zu 
den Bekennern der naturalistischen Lehre gehöre, antwortete er: 

„Je iwus rdponds iout simplement que je fais ce qiie je vois, ce 
que je vis, ce que je sens, en fecrivant le moins mal que je puis. Si 
c'esi lä le naturalisme, iani mievx. Au fond, U y a des e'crivains, qtU 
ont du talent et d'autres qm h*en oni pas, qu*ils soient naturalistes , ro- 
maniiqites, decadents, ioui ce que vous voudrez, fa fn*esl egal! 11 s^agii 
pour moi d*avoir du talent, et voilä tout}) 

Man glaube durchaus nicht, dass dieses Wort so einfach sei, wie 
der praktische Beweis des Columbus, dass ein Ei auf der Spitze stehen 
könne. Talent zu haben ist ja das Alpha und Omega der litterarischen 
Kunst. Manche glauben zwar, dass kein Schriftsteller Ruhm erwerben 
könne, wenn er nicht eine bestimmte philosophisch-ästhetische Richtung 
vertrete ; dass man von einem Romanschriftsteller absolut sagen müsse, 
ob er eine klassische, romantische, realistische, naturalistische, mystische, 
impressionistische oder nihilistische Überzeugung habe. Besser als all 
dies ist sicher die Göttergabe des Talentes, die Fähigkeit, es zu zeigen. 
Es gibt Leute, die von dem sehr gefährlichen Grundsatz ausgehen, dass 
Schriftsteller reiferen Alters stets von jüngeren übertroffen werden 
müdsten, dass die jüngeren gewöhnlich die neuen Zukunftsbahnen frei 
fegen. Besser als jung sein, und solchen Hirn^espinnsten nachzuhängen 
ist die Göttergabe des Talentes, die Fähigkeit, es zu zeigen. 

Huysmans, der Mann mit grossem Talente, beweist dies durch 
sein Beispiel. 

Wir übergehen seine ersten kurzen Skizzen, wie zum Beispiel 
Le Drageoir aux äpices, und erwähnen sein merkwürdiges Buch : Marthe, 
histoire d^une füle, mit dem er darthat, dass er einst ein bedeutender 
Schriftsteller sein würde. Über den Inhalt des Buches haben wohl manche 



^) Les hommes d'aujourd^hui, von A. Meunier, 6. Band, No. 263, 
Paris, Vanier, Quai Saint Michel, 19. 



46 Jan ien Brink, 

den Kopf geschüttelt. Huysmans war jedoch durchaus nicht der erste, 
der ihn in die französische Litteratur einführte. Schon im Jahre 1622 
hat Charles Sorel mit seiner Bistoire comique de Fraficion nach dem 
Vorbild eines Aleman und Quevedo eine Art Schelmenroman ge- 
schrieben, worin Gaudiebe und abenteuerliche Frauen vorkommen, die 
ihre Zuchtlosigkeiten mit beispielloser Unverschämtheit verkündigen. 
Scarron schlug 1650 in seinem Roman Comique keinen anderen Ton 
an; seine herumziehenden Komödianten sprechen und bewegen sich 
ganz im Geist der spanischen Picaros. Dasselbe gilt von zahlreichen 
untergeordneten Schriftstellern, wie du Lannel (Roman Saiyrique, 1624), 
Mareschal (ChrysoUte, 1627), Fran^ois Tristan l'Hermite (Le paae dis- 
gracid^ 164S) und Antoine Furetiäre (Le Roman botirgeois, 1666).^ 

Im achtzehnten Jahrhundert ist Le Sage zu nennen, und es gab 
der Abbä Pr^vost eine hiMoire de fiUe, als er 1732 die Histoire de 
Manon Lescaut et du Chevalier des Orieux vollendete. 

Mit diesem Buche fängt der psychologisch -erotische Roman an, 
den Restif de la Bretonne weiter püegt in Le pied de Fanchette ou 
Corfeline fran^ise, histoire interessante et morale, 1769, und ihn auf Henri 
Beyle (Le Rouge et le Noir, 1831) verpflanzt; der in unseren Tagen 
vom jüngeren Dumas (La Dame aux cametiasj, von Georges Sand, von 
Flaubert (Education sentimentale), von den Gebrüdern de Goncourt und 
einem ganzen Heer mittelmassiger Nachfolger weiter bebaut wird. 

marthe von Huysmans hat am meisten Verwandtschaft mit Ed- 
mund de Goncourt's La fille ,Elisa. Vhisioire d'une fiüe erschien am 
12. September 1876, La ßle Elisa am 20. März 1877. Das geistige 
Band, das Huysmans und de Goncourt verknüpft, ist leicht nachzu- 
weisen. Beide sind durch und durch Künstler, beide sind begeistert 
von Malerei, Bildhauerkunst, Kupferstechkunst. 

Huysmans vergleicht Marthe mit Saskia, Rembrandt's erster 
Frau; er lässt seine Marthe eine Kopie von Jordaens Dreikönigs- 
fest bewundern, und sie gedankenvoll vor einem Stich nach Hogarth 
(das dritte Blatt von The Rakes I^ogress^ still stehen. Marthe, die 
Tochter aus der unglücklichen Ehe zweier elender Abenteurer, zeigt 
dabei so viel Geschmack, dass sie ihn nicht von ihren Eltern geerbt 
haben kann. Ähnliches kommt bei fast allen Personen des Buches vor. 

Weder Marthe, noch Elisa, noch Nana sind die ersten unter den 
weissen Sklavinnen, die einem Romanschreiber zum Modell gedient 
haben.9) Der jüngere Dumas hat seiner Marguerite Gauthier eine ge- 
wisse Berühmtheit zu verschaffen gewusst, <Se nach Verdi's D'aviata 
noch zunahm. Schon Manon Lescaut gehört der Kaste an, die der 
Niederländer Bredero „die grosse Gilde" nannte. 

Man darf Huysmans nicht wegen seines Stoffes über die Achseln 
ansehen. Ein spanischer Dominikanermönch, Andreas Perez, genannt 
Ubeda, schrieb 1605 einen Roman: La Picara Justina, der, wie La Tia 
fingada von Cervantes, die spanischen weissen Sklavinnen mit viel 



^) Man vergleiche H. Koerting: Geschichte des französischen 
Romans im XVIL Jahrhundert, Bd. II: Der Realistische Roman, 

2) Marthe, zweite Auflage, S. 68—70. 

8) Ary Prins, der einen sehr guten Artikel über Huysmans schrieb 
(Nietiwe Gids, 1. Juni 1886) ist daher im Unrecht, wenn er sagt: In 
der Marthe hat Huysmans zuerst unter allen modernen Roman- 
schreibern die gefallene Frau ohne alle Sentimentalität, in ihrem vollen 
Elend mit all mren guten und schlechten Eigenschaften gezeichnet. 



Moderne französische Romanschriftsteller. 47 

weniger Vorsicht und Decenz vorführt, als der Abb^ Er^vost, DumaR, 
Huysmans, de Goucourt oder Zola es thun. 

Von mehr Gewicht ist der Vorwurf, dass HuyRmans seinen 
Gegenstand in einer gewählten, künstlerischen Sprache behandelt, von 
der die Wirklichkeit, das schmutziggraue Kolorit seines Stoffes, sehr 
auffällig absticht. Warum er in schillernder Künstlerlaune das gefähr- 
liche Wagstück unternahm, beschreibt er selbst, wenn er die Grübeleien 
Leo's schildert, des Schreibers bei einem Journalisten, der Marthe im 
Ihe'ätre de Boimo hat singen hören, nnd ihr nun mit gutgemeinten, 
schlechten Sonetten huldigt. 

Da Huysmans jedem seiner jungen Helden einen Teil seiner 
eigenen Individualität verleiht, findet man ihn auch an Leo (in Marthe) 
teilweise wieder. Leo ist sehr früh selbständig geworden, hat seine 
Freiheit missbraucht und ist das Opfer seiner Leidenschaften geworden. 
Sein schriftstellerisches Talent, das die Künstler zwar sehr hoch stellen, 
das aber alle ehrbaren Philister mit Entsetzen erfüllt, hatte ihn ver- 
leitet, von seiner Feder, d. h. in Hunger und Entbehrung zu leben. 
Es gab AugenblickOi in denen er seine Künstlerträume in geniale Prosa 
zu kleiden verstand, in eine Form verwandt mit den fremdartigen 
Schemen, die das wilde Talent Goya's ins Leben gerufen hatte. Auf 
die Tage des Schaffens folgten dann Tage tiefster Niedergeschlagenheit, 
in denen er keine vier Zeilen schreiben konnte. 

Seit einem halben Jahrhundert beherrscht die französischen 
Kunstkreise eine ganz wunderbar erscheinende Verehrung für den 
Spanier Goya. Wie der Maler Goya, wie der Romanschreiber Hoffmann, 
so hiess es schon zu Zeiten Thdophile Gautier's und G^rard de KervaPs. 
Und einmal in die Mode gekommen, verschwanden beide Ausländer 
nicht wieder von der litterarischen Bühne. Später kommen noch 
Shelley, Edgar Allan Poe und de S^nancourt dazu, nnd was die all- 
gemeine Meinung einmal als genial gestempelt hatte, das blieb lange, 
ja bis zum heutigen Tage ein Geffenstand tiefster Verehrung. 

Wir kehren zu Huysmans Helden Leo zurück. Um den Ge- 
mütszustand des Verfassers noch deutlicher hervortreten zu lassen, 
berichten wir noch, dass dieser in seinen Träumereien, die aus einer 
zu starken Überreizung seiner Nerven geboren sind, beständig das 
Bild einer idealen Geliebten vor sich schweben sieht, einer von 
Rembrandt gemalten Frau, einer Frau von wunderbarer Pracht der 
Schönheit, deren Augen in der unbeschreiblichen Glut, in der melan- 
cholischen Lebenslust du chefd^cßuvre du Van Rhm, la femme du saion 
caj-re au Louvre leuchten. 

Die letzten Worte, die wir hier unübersetzt wiedergeben, zeigen 
mit ihrem dreimaligen du^ mit dem wunderlichen Namen Van Rhin 
allein schon das Unfertige, Unreife in diesem ersten Buch, und der 
Verfasser war selbst der erste, der die Mängel seiner Arbeit einsah. 
Marthe erschien 1876 in Brüssel und wurde von der französischen 
Regierung in den Index aufgenommen. Es ging damit, wie mit dem 
Prozess über Flaubert's Madame Bovary, es ist die alte Geschichte 
vom Splitter und Balken. Das Verbot stellte sich übrigens als ganz 
überflüssig heraus. Erst im Jahre 1879 erschien eine zweite Auflage 
der Marthe in Paris bei Derveaux mit einer impressionistischen 
Radirung von Forain, die ich, mit Erlaubnis gesagt, abscheulich finde. 

Huysmans gesteht es in einem Avant-propos zur zweiten Auf- 
lage selbst ein, dass seine Marthe ein roman naturaliste und sein 
Stil tourmente ist. Er gibt das Buch jedoch auch zum zweiten Male, 
wie es eben ist, avec ses defauts et ses audaces de jeunesse. 



48 Jan ien BHnk, 

Wir bleiben nicht länger bei diesem Erstling seiner Muse stehen. 
Huysmans hat uns noch andere Proben seines Talentes gegeben. Das 
zeigt schon sein zweites Buch Les soeurs Vatard. 

Ein kurzes Wort über den Inhalt vorweg. Huysmans erzählt 
die Geschichte der Schwestern Vatard, die in einer Pariser Fabrik, in 
den aieliers de satinage et de brochure de la maison De'bonnaire ^ C 
beschäftig sind. C^une und D^sir^e sind die Töchter eines Arbeiters, 
der in seinen alten Tagen von einem sehr ärmlichen Jahrgehalt lebt. 
Die älteste ist ein verlorenes Geschöpf, die jüngste führt sich tadellos 
auf. Ein junger ouvrier macht ihr den Hof, aber der alte Vatard 
will seine Tochter nicht hergeben, er hat sie im Haushalt nötig. Sie 
spart ihm die Kosten einer Putzfrau. D^sir^e kann ihren Geliebten 
nur sehr selten sprechen. Die Liebe wird schwächer und schwächer. 
D^sir^e wird krank. Schliesslich heiratet sie einen braven Arbeiter, 
der zu seinem Schwiegervater ins Haus zieht. Der Hauptschauplatz 
der Erzählung ist die Fabrik von Döbonnaire & C**. Ein wüstes 
Durcheinander von hässlichen Menschen und hässlichen Dingen ist da 
zusammengebracht. Die ouvrieres, arme Frauen in schmutzigen Lumpen, 
leben in einer ungesunden Atmosphäre, die der Geruch von nassem 
Papier, Stärke und wer weiss was noch verdirbt. 

Die meisten Pariser Blätter fielen den Roman mit grosser Er- 
bitterung an. Nur zuweilen sprach ein Freund oder Geistesverwandter 
zu seinen Gunsten. Huysmans' Meister, Zola, beurteilte die Dichtung im 
Voltaire sehr günstig. Er preist die Wahrheit in der Zeichnung der 
armseligen Arbeitsleute und deren dürftigen Wohnungen im fünften oder 
sechsten Stock. Dass der Roman keine Verwicklung hat, nicht einmal 
fesselnd erzählt ist, wird charakteristisch genannt. Toni Cari moderne 
est lä.^) Die gewissenhaft gezeichnete alte Vatard und seine beiden 
Töchter gereichen dem Verfasser zur Ehre. Schlechte und brave Arbeiter- 
kinder wie Coline und D^siräe kommen im Pariser Leben täglich vor. Die 
lang genährte und endlich getäuschte Hoffnung D^sirde's, ihre melan- 
cholischen Spaziergänge und Unterhaltungen mit dem braven Arbeits- 
mann, verdienen unbedingt das ZoWsche Lob. Eine solche Liebe auf 
der Strasse rührt um so mehr, je mehr sie mit der Wirklichkeit über- 
einstimmt, je öfter sie auf dem Boulevard oder Faubourg beobachtet 
werden kann. 

Huysmans konnte sich kein liebenswürdigeres Urteil wünschen 
als das Zola's. Ich selbst stelle mich auf einen vollständig neutralen 
Standpunkt, ohne jedes Für noch Wider inbezug auf den ästhetischen 
Grundsatz der beiden Schriftsteller ; mein Urteil über Les sceurs Vatard 
lautet abweichend von dem Zola's. Als Studie, als Beitrag zur Kenntnis 
der Arbeiterfamilien ist das Buch vortrefflich. Das von Zola selbst in 
seinem L Assommoir gegebene Beispiel hat den jungen Romanschrift- 
steller begeistert. Aber er hat übersehen, dass ein Sujet, wie das im 
Assommoir gewählte, einen erschütternden Eindruck machen muss, und 
dadurch manchen Einwand entkräftet. Trunksucht, die Totsünde des 
armen Arbeiters — auch anderer Menschen — zum Thema für einen 
Roman aus dem Volksleben gewählt^ das ist ein Gegenstand, der 
Tausende von Lesern, litterarisch gebildete und unlitterarische fesselt. 
Dazu kam noch, dass Zola mit einer ausserge wohnlichen plastischen Kraft 
jede einzelne Gestalt seines Buches sich vor der Phantasie seiner Leser 



^) ämile Zola, Le Roman expermental (Paris 1886 bei Charpentier), 
S. 242. 



Moderne französische Romanschriftsteller. 49 

handelnd bewegen Hess. Dieses plastische Talent ist einem Roman- 
schriftsteller, der den Beifall eines grossen Leserkreises erringen will, 
unumgänglich notwendig. Huysmans aber ist kein Plastiker; er ist 
nur Maler, vielleicht sogar weniger als das. Er skizziert mit Kohle, 
und übertrifft in zierlichen Kunsteffekten manchmal selbst Zola, aber 
seine Gestalten überwinden niemals das Skizzenhafte und Unbestimmte 
von Kohlenzeichnungen. 



III. 

Von diesen Holzkohle -Skizzen kenne ich keine vollendeteren 
als die Croguis Parisiens, kurze Gedichte in Prosa, zweimal aufgelegt, 
mit Einschaltung einiger Skizzen aus der ersten Sammlung Drageoir 
aux Epices. Dies Buch zeigt deutlicher als irgend ein anderes, dass 
Huysmans durch und durch ein Künstler ist. Diese kleinen Gedichte 
sind voll überraschender Züge, und schon die Titel der Skizzen sprechen 
es aus, dass Huysmans Gedichte in Prosa schreibt, wie weiland Aloysius 
Bertrand und der nun wieder hochgepriesene Charles Baudelaire, der 
Verfasser der Petits poemes en pi'ose. Huysmans überschreibt nämlich 
eine seiner bizarrsten Skizzen Ballade en prose de la chandelle des 
six; eine andere: Le poeme en prose des viandes cuites au four. Das 
Gedicht von den „Kerzen, sechs aufs Pfund", umfasst sechs Strophen, 
die alle auf denselben Refrain enden: 

chandelle des six^ gräsiUante chandelle. 

Die hübscheste Strophe dieses Prosagedichts ist die vorletzte, 
sie lautet: 

„Wenn du, vom Petroleum und anderem Kunstlichte vertrieben, 
nicht einmal mehr von den Armen gebraucht wirst, so bist du doch 
gefeiert, mehr als eine Königin je gefeiert worden ist, du qualmende 
Kerze! Rembrandt, Gerard Dou, Schalken haben dich in unsterblichen 
Werken gefeiert; sie haben dich den rosigen Schnee der Wangen und 
Busen verklären lassen und die flatternden Locken der schönen 
vlämischen Frau, die mit der Hand deine Flamme vor dem Luftzug 
schützt, chandelle des six, gresiUante chandelle. "^ 

Ich lasse ein anderes folgen, das der Dichter Ritournelle nennt: 

„Ihr verstorbener Mann, der Vater ihrer drei Kinder, schlug sie, 
80 lange er lebte, und starb elend, an übermässigem Absinthgenusse." 

„Seitdem watet sie durch den Schlamm der Strassen ihrem Hand- 
wagen nach und kreischt mit gellender Stimme: Schöne Waare! Kauft!" 

„Sie ist unbeschreiblich hässlich. Sie ist ein Scheusal, mit einem 
feuerroten Kopf auf dem Halse eines Athleten; ihre Augen sind blut- 
unterlaufen, ihre mit Schnupftabak gefällte Nase ist eine wahre 
Habichtsnase." 

„Ihre drei Kinder hungern; für sie durchwatet sie den Schlamm 
der Strassen, für sie schiebt sie den schweren Handkarren und schreit : 
Schöne Waare! Kauft!" 

„Ihre Nachbarin ist gestorben." 

„Der verstorbene Mann der letzteren, der Vater ihrer drei Kinder, 
schlug sie, so lange er lebte und starb elend, an übermässigem Ab- 
sinthgenusse. 

Zschr. f. frz. Spr. n. Litt. XH. 4 



50 Jan ien Brink, 

„Das hässliche Scheusal hat die drei verwaisten Kinder zu sich 
genommen!^ 

„Die sechs Kinder hungern ! Sie muss doppelt so viel arbeiten ! 
Ohne Rast und Ruhe durchwatet sie den Schlamm der Strassen, schiebt 
ihren Handkarren und kreischt mit gellender Stimme: Schöne Waare! 
Kauft!« 

Der Vorzug dieser Prosaidyllen ist, dass Huysmans hier häufig 
feiner und akkurater zeichnet, dass er die Holzkohle auf die Seite 
legt und zur Radiernadel greift. 

Die zwei grössten Stücke aus Croquis Parisiens sind in der That 
wie mit dem Grabstichel entworfen ; es sind Les Folie s- Berger e und Le 
Bai de la Brasserie europe'enne. Man erinnere sich der sorgfältig aus- 
geführten Aquarellen in Zola's üne Page d^amour. Es sind Ansichten 
von Paris; Paris im wechselnden Tageslicht, bei Sonnenschein, bei 
Sturm und Regen. Huysmans malt in gleicher Weise das Innere der 
Häuser. Er radiert den früher allgemein besuchten Vergnügungsort 
Les Folies- Bergere, und als Seitenstück dazu einen Soldatenball in 
Grenelle, einem der abgelegensten Viertel von Paris. 

Die Seiltänzerkünste zweier Akrobaten, eines Engländers mit 
seiner Frau, die an Trapezen hängen und sich hoch an der Decke des 
Darstellungsraumes hin und her schwingen, während das opalfarbige 
elektrische Licht sie mit einem silbernen Nimbus umgibt, diese Künstler, 
von denen einer am Schluss unter plötzlichem Verstummen der Musik, 
nach einem heftigen Knall das Trapez loslässt , um von dem anderen 
aufgefangen zu werden und in ein grosses Netz zu fallen, — diese in 
unserem Jahrhundert so hoch bewunderte Muskel Virtuosität, diesen 
kindischen Genuss eines Haufens von Müssiggängem und Tagedieben 
beschreibt Huysmans meisterhaft in dem glänzendsten Französisch, 
das man sich nur denken kann. Der Jubel des Publikums, wenn das 
halsbrecherische Stück gelungen ist, das Erscheinen der Luftspringer 
nach dem Hervorruf, die Verbeugungen des Mannes, die Kusshände 
der Frau, und der kurze, kindische Trab, in dem sie die Bühne ver- 
lassen , — nichts ist vergessen. 

Noch ausführlicher und nicht weniger genial ist der Soldaten- 
ball in der Brasserie europeenne geschildert. Huysmans sitzt unweit 
zweier Bürgerfrauen, Madame Haumont und Madame Tampois. Man 
tanzt auf Asphalt unter einem Glasdach, das eiserne Pfeiler stützen. 
Unteroffiziere und Soldaten aller Waffengattungen treten auf dem 
Tanzplatz auf. Die Tänzerinnen sind zum grösstenteil sehr ruhig. Sie 
sind meistens in Gesellschaft von Verwandten, die eben so ruhig auf 
rings an der Wand hinlaufenden Bänken sitzen und dem Ball be- 
wundernd zusehen. 

Zahlreiche Personen in strenggezeichneten Typen, zwei oder 
drei freche Tänzerinnen, lärmende Schlächter aus dem Abattoir von 
Grenelle, Kürassiere und Artilleristen, wogen durcheinander. Dichte 
Staubwolken steigen vom Boden auf; das schmetternde Dröhnen der 
Musik übertönt jeden anderen Laut. Eine stickende Atmosphäre erfüllt 
den Saal, gar mancher möchte dem Gedränge entrinnen. Unter dem 
Tanzsaal ist eine Kaffeeschänke , die überfüllt ist von Soldaten. A,n 
den Wänden hängen allerlei Waffen und neben Helmen mit schwarzen 
oder roten Pferdeschweifen Schakos und rote Käppis. Der Lärm ver- 
mehrt sich. Es wird tapfer getrunken, es wird sehr reichlich soupe 
ä roignon bestellt. Schon wirft man drohende Blicke um sich her. 
Bald beginnen Schlägereien. 



Moderne französische RomanschrifisteUer, 51 

„(7a devient ignohle, allons!** sagt M™" Lampois, und verlässt den 
Bai de la Brasserie europeenne; ein gleiches thut der Künstler selbst. 

Die Fra^e nach der Wichtigkeit einer so geschilderten Szene 
gehört nicht hierher. Die litterarische Arbeit Huysmans' kann neben 
die Arbeit jedes genialen Badirers gelegt werden. Wir haben die ge- 
treue Zeichnung eines ganz speziellen Ortes und eines ganz speziellen 
Publikums vor uns. Es kommt hier nur auf die Zeichnung, nicht auf 
das Modell an. Das kann man jedoch nicht von allen anderen Skizzen 
sagen. Huysmans' Types de Paris, sein Conducieur d'omniöus, Bein Marchand 
de marrons, sein Coiffeur, sind mittelmässige Stücke ohne höheren 
Kunstwert. Hier und da ist ihm eine Landschaft aus der Umgebung 
von Paris besser geglückt; uuter seinen Faniaisies et peiits coins sind je- 
doch einzelne, die beim Lesen mehr Verwunderung als Bewunderung 
erwecken. So verraten seine Studien über Le gousset und Vetiage ent- 
schieden Mangel an gutem Geschmack. Was hat eine Beschreibung 
von des odeurs suspecies, (qne) certains quartiei's de Paris laborietix de- 
gagent, lorsonion sapprocJie, Nie, d'un aroupe, mit der Litteratur zu 
schaffen? Und welcher sonderbare Einrall brachte Huysmans zur Ver- 
gleichung der hustes de femme sans Utes et sans jambes, wie sie in 
manchen Läden zum Ausstellen von Kleidungsstücken gebraucht werden, 
mit Göttinnenbildern des Altertums? Der Vorteil dieser bustes ist, dass 
sie ce charme subsidiaire de la femme^ la gorae, besser zur Anschauung 
bringen, als Marmorbilder. Der Verfasser scheint an einer augenblick- 
lichen ümdüsterung der Sinne zu leiden, wenn er ausruft: Combien 
superieurs aux momes statues des Venus, ces manneguins si vivants des 
couturiers! 

Der 1881 erschienene Roman En Menage bietet ein talentvoll 
zusammengesetztes Ensemble. Wir brauchen nicht zu wiederholen, 
dass die grossen Bomanschreiber früherer Perioden — zumal Georges 
Sand — zu wiederholten Malen den Versuch gewagt haben, den Ehe- 
bruch zu idealisieren. Französische kirchliche und gesellschaftliche 
Zustände, einige romantische Kühnheiten, ein gewandtes Propaganda- 
machen für die Wiedereinführung der Ehescheidung, das alles erklärte 
ehemals, obgleich es auch damals keine Entschuldigung dafür gab, 
diese fortwährenden Schläge auf ein und denselben Ambos, — den 
Ehebruch. 

Huysmans betritt den entgegengesetzten Weg. Er materialisiert 
den Ehebruch und lässt den betrogenen Ehemann mit bewunderns- 
werter Buhe in einer Szene auftreten, die trotz des Scheines voll- 
kommener Bichtigkeit, doch die Unwahrscheinlichkeit selbst ist. Der 
Held des Romans, Andrä Jayant, Litterat und Künstler, ein Mann mit 
sehr reizbaren Nerven, ist so höflich, den Dieb seines Eheglücks sehr 
ruhig zur Thüre hinaus zu führen, und ihm die Treppe hinunter zu 
leuchten. Darauf verlässt der Betrogene ebenfalls seine Wohnung und 
lebt nun wieder als Junggesell. 

Dass eine solche Handlungsweise ebenso cynisch ist, wie der 
Ehebruch selbst, hat noch kein französischer Kritiker zu sagen gewagt. 
Eine solche philosophische Ruhe beweist eine unsittliche Gleichgiltig- 
keit, die niemand zur Ehre gereicht. Das in der fi'anzösischen Nation 
so äusserst fein entwickelte Gefühl persönlicher Würde und persön- 
licher Ehre kann eine solche Darstellung nicht billigen. 

Dass sich der Held nach der Trennung einsam fühlt, vergebens 
anderswo Trost sucht, und sich schliesslich mit seiner Frau wieder 
versöhnt, war nach einem solchen Anfang nicht anders zu erwarten. 
Und doch wäre es unbillig, nicht einzugestehen, dass Huysmans gerade 

4* 



52 Jan ien Brmk, 

in der feinen Analyse kleiner Leiden, kleiner Schmerzen, kleiner Qualen 
Vorzügliches leistet. Das Leben des betrogenen Gatten, — eine Kette 
unbedeutender Leiden und erschlaffender Täuschungen — ist der 
Hauptinhalt des Buches; diesem alle Kräfte seines Geistes zu opfern, 
Zug für Zug mit peinlicher Sorgfalt und ganz ungewöhnlicher Auf- 
merksamkeit auf Stil und Schreibweise zu behandeln, das ist der 
Triumph des Verfassers. 

Als der Meister der naturalistischen Schule im Jahre 1881 seine 
Kritik über En Menage im Figaro schrieb, zog er folgendes Resum^, 
das wir mit seinen eigenen Worten wiedergeben: 

Liiterature morbide, dira-i-on. Oui^ peut-Sire. 11 y a lä une 
recherche du cas paihologiqud, un goüt pour les p/aies humaines. Mais 
ce que personne ne veut voir, c*esi que, si le romancier va a la bSie dans 
V komme, rartiste est un sensiiif des plus delicais et un merveilleux ouvrier 
de la languey) 



IV. 

Im Jahre 1884 überraschte Huysmans die litterarische Welt mit 
seinem bedeutendsten Werke, A Bebours, 

Eine litterarische Revolution ist im Geiste des Verfassers vor 
sich gegangen. Das Auge immer auf das Sonderbare und Ausser- 
gewöhnliche gewandt, voll Hass gegen das Alltägliche und Platte, 
hatte er bei seinen realistischen Untersuchungen durch Übermass von 
Studium, durch Auftröseln der unbedeutendsten kleinen Leiden des 
menschlichen Lebens, gegen die anständige klassische Lehre gesündigt : 
ne ^uid nimis. Er hatte immer nach dem Unbekannten, dem Fremd- 
artigen und Wunderbaren gesucht; hatte immer leidenschaftlich nach 
dem Raffinement gestrebt. In seinem Buch über die lebenden Meister 
(L*art moderne^ 1883), einer Saemmlung von Kritiken über die Pariser 
Salons (1879 — 82), lässt er deutlich erkennen, wie sehr seine über- 
müdeten und gefolterten Sinne nach dem Anblick von etwas Ausser- 
gewöhnlichem streben. Diejenigen Künstler, die nach dem Urteil der 
Menge sich eines unbestrittenen Talentes erfreuen, finden vor seinen 
Augen keine Gnade, weil sie malen, wie man eben gewöhnlich malt. 
Um Huysmans zu gefallen, muss man Ungewöhnliches leisten, die wirren 
Träume eines Opiumrausches mit breiten, zusammenhanglosen Zügen — 
das erscheint ihm als der Gipfelpunkt aller Kunst. Französische Meister 
wie Carolus Düran, Lefebvre, Landelle, Harpignies, Bonnat (zumal dessen 
Porträt von Victor Hugo), belgische Meister wie Verhas und de Jonghe, 
werden mit der äussersten Geringschätzung beiseite geschoben, wäh- 
rend er Herkomer und Mesiflag hoch erhebt — was diese Beiden frei- 
lich auch verdienen; — ebenso Bastian Lepage, Raffaelli, den 
wunderlichen Maler der Lumpensammler und Landstreicher, Degas, 
der Tänzerinnen und Clowns malt ; Forain, der sich das Publikum der 
Folies- Berger e zur Darstellung erkoren hat, Zandomeneghi und endlich 
Odilon Reden, der Gespenster- und Geistererscheinungen auf die Lein- 
wand bringt.2) 

1) fimile Zola, üne Campaane, 1880—81, Paris 1882, S. 256. 

^ Wie Odilon Reden malt, schildert Huysmans selbst in seinem 
Art moderne, S. 276. Man vergleiche seine Beschreibung einer Zeich- 
nung Redon's: Un osil Uanc roule dans un pan de te'nebres, tandis 



Moderne französische Romanschriftsteüer. 53 

Diesen Eigentümlichkeiten seines Geschmacks in einem litterarischen 
Kunstwerk eine greifbare Gestalt zu geben, scheint ihm Anleitung zum 
Schaffen des A Hebours gegeben zu haben. Auf dem Titelblatt schreibt 
er: 11 faut que je me rejouisse au-desstts du lemps . . . ., quoique le 
monde aii korreur de ma Joie, et que sctgrossihrete ne sacke pas ce que 
je veux dire. Er entnimmt diese Worte Ruysbroeck, radmircwle. 

Man fühlt sogleich, dass sich der Verfasser in eine für ihn be- 
stimmte, vollständig abgesonderte Welt zurückziehen wird, wo ihn die 
brutalen Dummheiten der gewöhnlichen Menschen nicht hindern. Es 
liegt meiner Meinung nach etwas Ungesundes darin, wenn der Künstler 
aus zu grossem Eingenommensein mit sich selbst sich so hoch über 
seine Zeitgenossen erhebt. Es sprach nicht eben für die Billigkeit 
und Bescheidenheit des niederländischen Dichters Bilderdjk, wenn 
dieser an seinen Freund Tydeman schreibt: „Ich kann in dieser ver- 
fluchten Welt nicht leben; wenn ich weiterexistieren soll, muss ich eine 
Welt ä pari haben." 

Und solch eine Welt will Huysmans in A Rehours uns vorführen. 

Es tritt nur eine Person in diesem Buche auf, der Herzog Jean 
des Floressas des Esseintes. Er ist dreissig Jahre alt, schwach, nervös, 
blutarm; er ist der letzte kränkliche Spross eines alten Geschlechtes; 
sehr bewandert im Lateinischen, weil er in einer Jesuitenschule seine 
Erziehung genossen hatte; er ärgert sich über die Welt und ihre 
Freuden, da er sich nach seiner Mündigkeitserklärung durch un- 
mässigen Gebrauch den Magen daran verdorben hat. Des Esseintes 
hat vergebens danach gestrebt, eine Erholung in litterarischen Kreisen 
zu finden — er findet in denselben nur Scheinheilige und Dummköpfe. 
Da fasst er den Plan, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und dort 
den Rest seines Vermögens zu verzehren. Er kauft sich nicht weit 
von Fontenay-aux Roses ein Haus, ein ganz abgelegenes Landhans, in 
welchem ihn niemand stören wird. Dieser neue Wohnort wird nun 
in einem ganz exquisiten Geschmack eingerichtet. Der Einsiedler, der 
die Welt aus Überm ass von Sinnengenuss verlässt, will den ganzen 
Luxus der Welt in seiner einsamen Klause um sich haben. 

Der Beschreibung dieses Luxus, dem in eigenartig schönem Stil 
geschriebenen Protokoll über des Esseintes Beobachtungen in der Ein- 
samkeit, ist das ganze Buch gewidmet. Ehe ich mich über die wirk- 
lich arme Erfindung ausspreche, muss ich bekennen, dass A Rehours 
die Arbeit eines wirklichen, ernstdenkenden Künstlers ist. Blatt für 
Blatt spricht von einer Feinheit, sowohl der Analyse des psychologischen 
Zustandes, als auch der Beschreibung des ausgesuchten Luxus Des 
Esseintes* — die stets den tüchtig gebildeten, wissenschaftlichen Schrift- 
steller verrät. 

Es ist sehr schwer, die kunstvoll stilisierten französischen Sätze 
entsprechend zu übersetzen, dennoch wage 'ich den Versuch, um 
mein Urteil über Huysmans durch einige Stellen seines wunderlichen, 
aber ausgezeichnet geschriebenen Buches zu begründen. In dem 
ersten Kapitel erzählt uns Huysmans ausführlich , wie Des Esseintes 
seine Klausnerhütte einrichtete. In den besten Tagen der Romantik 



qu^emerge Wune eau souterraine ei glaciale, un Stre bizarre, un amour 
vieüü de Prud^hon, un fcßtus du Correge, macere dans un bain d*alcool, 
lequel nous regarde, en levant le doigi, ei plisse sa bauche en un mysierieux 
et enfantin sourire. 



54 Jan ten Blink, 

hat Th^ophile Gautier's reiche Phantasie uns orientalische Pracht 
und orientalischen Glanz in seiner bekannten Novelle Fortunio ge- 
schildert. Huysmans versucht es, all das Gold und Silber, all das 
funkelnde Krystall, all die glänzenden Kronleuchter der romantischen 
Soupers, wie sie le öon Theo beschreibt, mit den verborgenen Schätzen 
zu überstrahlen, die Des Esseintes um sich her ausbreitet. 

Vor allen Dingen lebt Des Esseintes nur in der Nacht. Er 
frühstückt Nachmittags um fünf Uhr, speist Nachts elf Uhr zu Mittag 
und nimmt früh fünf Uhr ein leichtes Abendbrot ein. 

Ferner hat er sich eine Art kleiner Kajüte bauen lassen, in der 
ihm seine beiden Bedienten die Tafel herrichten. Sehr merkwürdig 
ist seine Studierstube und die ausgewählte Bibliothek, die er dann 
zusammengebracht hat. Alle seine Bücher sind Muster der Buch- 
binderkunst und alle kostbaren Ausgaben gehören zu ein und der- 
selben Art — es sind lauter lateinische Bücher und zwar aus der spät- 
lateinischen Periode. Seine Vorliebe fürs Lateinische, das er einst in 
der Schule der Jesuiten gepflegt, hatte ihn zu dieser Wahl bestimmt. 

Dem klassischen Latein aus dem grossen Zeitalter eines Cicero und 
Horaz konnte er keinen Geschmack abgewinnen, da ihm das feierliche 
Geklapper gleichklingender Adjektiva und Substantiva zu sehr an 
die Gemessenheit der französischen Schriftsteller aus Ludwig's XIV. Zeit- 
alter erinnert. Er hat Widerwillen vor Virgil, weil ihn die Schul- 
meister den „Schwan von Mantua" nannten, und weil er aufge- 
putzte Schäfer nicht leiden mag, weil es ihn verstimmte, dass er 
Orpheus mit einer klagenden Nachtigall verglich, weil er Aristaeus über 
tote Bienen weinen, und Aeneas wie ein chinesisches Schattenbild 
vom Anfang bis zum Ende des Epos herumlaufen sah. Aber selbst die 
würdevollen Dummheiten dieser Marionetten hätte er mit Geduld er- 
tragen; er würde übersehen haben, dass Vergil Homer bestiehlt, und 
nicht diesen allein, sondern auch Theokrit, Ennius und Lucrez; 
er würde es entschuldigt haben, dass der Dichter im zweiten Buche 
der JEneis, wie Macrobius nachgewiesen hat, aus einem Gedichte des 
Peisandros^) borgt; aber er kann die Hexameter mit ihrem Geklapper 
wie von Blechtrommeln, wie von leeren Kochtöpfen nicht ertragen; 
er kann die immer gleichmässig wiederkehrende Zäsur nicht leiden, er 
kann es nicht ausstehen, dass jeder Vers mit der langweiligen Auf- 
einanderfolge eines Daktylus und eines Spondeus schliesst. 

Es stört ihn überdiess, dass dies monotone Metrum so viele 
nichtssagende Flickworte zulässt, dass die homerischen Epitheta so oft 
der Kraft, der Plastik, der Farbe entbehren. 

War daher seine Bewunderung für Virgil mehr als geteilt, seine 
Achtung vor den naiven Ausdrücken des Ovid nur sehr massig, so 
war sein Widerwille gegen Horaz geradezu ohne Grenzen. 

Er verglich die verzweifelten Anstrengungen dieses Dichters, 
anmutig zu scheinen, mit den Bemühungen eines Elephanten, Polka zu 
tanzen; er wollte das unverständige Geschwätz dieses Stümpers nicht 



^) Ambrosins Theodosius Macrobius hat (etwa 450 nach Christi) 
in seinen Saiurnalium conviviorvm Hört Septem (1868 von Eyssenhardt 
herausgegeben) auf die Autorität des Servius, des bekannten Kommen- 
tators von Virgil hin bewiesen, dass der Stoff zum zweiten Buche der 
^neis einer epischen Dichtung des Peisandros entlehnt ist; dieser 
Dichter stammt aus Rameiros auf Rhodus, und lebte um 648 vor 
Christi oder etwas später. 



Moderne französische Romanschriftsteller. 55 

anhören, er sah geringschätzig auf diesen weiss angestrichenen Clown 
herab. 

Inbezug auf die Prosa hatte des Esseintes ebenso wenig Wohl- 
gefallen an der bilderreichen Sprache, den unnötigen Metaphern und den 
wirren Auseinandersetzungen des Cicero. £r war durchaus unzufrieden 
mit des Mannes geschraubten Sätzen, mit dem Überfluss seiner 
patriotischen Überschwenglichkeit, mit dem Bombast seiner Reden, mit 
der SchwerföUigkeit seines Stils, in dem er weder Mark noch Bein fand ; 
mit der unerträglich langen Reihe ebenso langer Beiwörter am An- 
fang der Sätze; mit dem stets wiederkehrenden Formmotiv seiner ge- 
reckten Perioden, das eine Reihe verbindender Worte nur sehr gebrech- 
lich unter sich in Verbindung bringt. Der durch seine Kürze bekannte 
Cäsar flösste ihm gerade um des Gegenteils willen keine grössere Be- 
geisterung ein; seine Sparsamkeit im Ausdruck, seine Trockenheit ver- 
letzen ihn. 

Mit einem Wort, weder die genannten, noch alle übrigen Schrift- 
steller, die die Wonne der sogenannten Gelehrten sind, waren nach 
seinem Geschmack. Sallust, der vielleicht weniger farblos war als 
die anderen, gefiel ihm nicht; ebenso wenig der sentimentale und feier- 
liche Livius; der bleiche, aufgedunsene Seneca; der wässerige und 
kränkliche Sueton ; auch nicht Tacitus, der in seiner Kürze kräftigste, 
schärfste, energischste von allen. Auch die Dichter liessen ihn kalt; 
so Juvenal trotz einzelner vortrefflicher Verse, und Persius trotz 
seiner mysteriösen Anspielungen. Tibull und Properz, Quintilian 
und die beiden Plinius, Statius und Martialis von Bilbilis schob er bei 
Seite, und konnte sich selbst nicht mit Terenz und Plautus einverstanden 
erklären, trotz des netten Jargons voll Archaismen bei dem letzteren. 
Die lateinische Litteratur wurde für Des Esseintes erst bedeutend mit 
Lucan. 

Lucan, der gewöhnlich wegen des übertriebenen Pathos seiner 
rharsalia willen nicht besonders hoch angeschrieben steht, gefiel ihm. 
Der Aufputz der Lucanischen Verse und das Schillernde seiner Epitheta 
füllten für ihn die Leere des Inhalts aus und liessen ihn die Gedanken- 
armut des Dichters übersehen; aber den meisten Vorzug gab er doch 
Petronius. Seine feine Beobachtungsgabe, seine gewissenhafte Analyse, 
seine wunderbar schönen Schilderungen, ganz ohne jede Parteilichkeit, 
des täglichen Lebens in Rom, liessen ihn immer wieder mit neuem 
Genuss das Satyricon zur Hand nehmen. 

Des Esseintes sah in diesem realistischen Roman etwas, woran 
er ebensoviel fand, wie an den wenigen französischen Romanen, die 
ihm zusagten. Er fand hier wie dort Schilderungen nach dem Leben 
ohne jede weitere Nebenabsicht, und, wie sehr man dem auch wider- 
sprechen möge, auch ohne Satire. Er fand eine Geschichte ohne Hand- 
lung, die Schilderung von den Abenteuern einiger Galgenstricke, ohne 
eigentlichen Schluss und ohne Moral. Er fand vollkommene Neutralität 
des Schriftstellers, der niemals seine Meinung äussert, ob er nun die 
Thaten oder Ansichten seiner Personen gutheisst oder tadelt, der uns 
alle Verkehrtheiten einer verjährten Civilisation, eines sich auflösenden 
Staates vorführt. 

Er betrauerte es tief, dass Eustion und Attnitia, die beiden Werke 
des Petronius, von denen Planciades Fulgentius spricht, verloren ge- 
gangen sind.i) Aber er tröstete sich als Liebhaber seltener Bücher 

^) Es ist vollkommen richtig, dass der afrikanische Grammatiker 
Fabius Planciades Fulgentius, in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts 



56 Jan ien Btink, 

durch den Beltenen Druck des Satyricon aus dem Jahre 1585 von Janas 
Dousa in Leyden herausgegeben, den er besitzt.*) 

Ausser Petronius enthielt die Bibliothek Des Esseintes* noch ver- 
schiedene Werke aus dem ^weiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. 
Fronto, dessen trockener Stil voll Archaismen ihn verletzte, und Anlas 
Gellius, dessen Attische Nächte ihn langweilten, waren aus seiner Samm- 
lung verbannt ; den Ehrenplatz nahm Apulejus ein ; Des Esseintes besass 
eine editio princeps in Folio, gedruckt 1469 in Rom, von dessen Werken. 

Dieser Afrikaner gefiel ihm. Das Latein seiner Metamorphosen 
hatte für ihn etwas Neues, Anziehendes. Seine Neologismen, die für 
die Umgangssprache in einem römischen Winkel Afrika's erfunden zu 
sein schienen, entzückten ihn. Der joviale Apulejus bildete einen er- 
götzlichen Gegensatz zu dem christlichen Apologeten desselben Jahr- 
hunderts, zu dem ermüdenden Minutius Felix, zu Tertullianus u. a., 
die er alle nur wegen der schönen Drucke seiner Exemplare behielt. 

Obgleich Des Esseintes sich ziemlich viel um Theologie bekümmert 
hatte, Hess ihn doch der Kampf der Montanisten gegen die christliche 
Kirche, und der Widerstand der letzteren gegen die Gnostiker ziemlich 
kalt, so dass er Tertullianus' Apologeticus und Abhandlung über die Ge- 
duld, trotz ihres höchst eigenartigen Stils, der sich durch Kürze und 
Doppelsinnigkeit der Ausdrücke auszeichnet, beinahe nie zur Hand 
nahm, sondern nur zuweilen ein paar Seiten aus seiner Abhandlung 
De cultu feminarum las, worin TertuUian die Frauen dringend beschwört, 
sich doch nicht mit edlen Steinen und kostbaren Stoffen zu überladen, 
sich doch nicht mit Schminke zu bedecken, in der Absicht, dadurch 
die Natur verbessern und verschönern zu wollen. 

Da diese Ideen den seinen gerade entgegengesetzt, machten sie 
ihm Vergnügen ; er fand auch, dass Tertullian als Bischof von Karthago 
manche Absonderlichkeiten hatte. Er stellte also den Menschen über 
den Schriftsteller. 

Tertullianus lebte in einer sehr stürmischen Zeit, unter Caracalla, 
unter Macrinus, unter dem wunderlichen Hohenpriester von Emesa, 
Heliogabalus. Dabei fuhr er ruhig fort, seine Predigten auszuarbeiten, 
während das römische Reich in seinen Grundvesten erzitterte und die 
aus Asien Einzug haltende Sittenverderbnis mit Jubel begrüsst wurde. 
Mit der grössten Gemütsruhe predigte er Keuschheit, Massigkeit, Ein- 
fachheit der Kleider, während Heliogabalus auf Silberstaub und Gold- 
sand wandelte, sich das Haupt mit den priesterlichen Tiaren deckte, 
ein geistliches Gewand mit Edelsteinen ganz übersät trug, umgeben 
von seinen Eunuchen Frauenhandarbeiten ausführte und sich Kaiserin 
nennen Hess 

Des Esseintes sah mit Befriedigung diesen Widerspruch ; er hatte 
auch seine Freude daran, wahrzunehmen, wie das bei Petronius auf der 



nach Christi, über zwei verloren gegangene Werke des Petronius ge- 
sprochen hat. Aber schon Lipsius hegte, um manches Rätselhaften 
der Sache willen, Zweifel. Bernhardy, in seiner bekannten Geschichte 
der lateinischen Litteratur, will nichts von Petronius wissen; er hält 
das Satyricon für ein Volksbuch, ohne bekannten Verfasser. Mit 
Sicherheit lässt sich nicht darüber entscheiden. Man sehe den Aufsatz 
von A. Wellauer in Jahn's Archiv, X. Band, 1844, S. 194--229. 

^) Der thätige Leydener Dousa ist der erste niederländische 
Herausgeber des Petronius; 1743 gab Petrus Burman eine sehr voll- 
ständige Aussähe seiner Werke; die am meisten gebrauchte Ausgabe 
unserer Zeit ist die von F. Bücheier aus dem Jahre 1862. 



Moderne fratizösische Romanschriftsteller, 57 

Höhe seiner Entwickelung stehende Latein sich langsam veränderte. 
Die christliche Litteratur verdrängte die altrömische und brachte mit 
ihrem neuen Gedankenkreis auch neue Worte, neue Wendungen, die 
vorher im Lateinischen fast ganz unbekannt gewesen waren, da sie 
abstrackte Begriffe auszudrücken hatten. TertuUianus war einer der 
ersten, der das Beispiel dazu gab. 

Dieser Übergang von dem klassischen ins christliche Latein hatte 
nicht viel Erfreuliches, als nach Tertullian*s Tode seine Schüler, 
St. Cyprianus, Arnobius und der weichliche Lactanz sein Werk fort- 
setzten. Es war eine teilweise Auflösung der Sprache ; zuweilen traten 
noch ciceronische Wendungen ohne den eigenartigen Duft des vierten 
Jahrhunderts und der folgenden auf, — des Duftes, den das Christen- 
tum der heidnischen Sprache gegeben hat, des Duftes, wie von edlem 
Wild, das erliegt, gleich der Civilisation der alten Welt und der 
beiden Kaiserreiche, die der Gewalt der andringenden barbarischen 
Völker erlagen. 

Nur ein einziger christlicher Dichter, Commodianus von Gaza, 
repräsentiert das dritte Jahrhundert in der Bibliothek Des Esseintes'. 
Das Carmen apohgeticum aus dem Jahre 259 ist eine Blumenlese von 
Ermahnungen, die in Acrosticha künstlich zusammengefügt, und in 
Hexametern ohne jegliche Sorge um die Quantität der Sprache und 
mit reichlichen Hiaten, ja oft selbst in Reimen geschrieben sind, wie 
wir unter den Dichtungen der christlichen Kirche später noch so viele 
finden werden. 

Aber diese wilden, ungeglätteten Verse mit den rohen Strassen- 
ausdrücken flössten ihm grösseres Interesse ein, als der vermoderte 
Stil eines Ammianus Marcellinus und Aurelius Victor, eines Symmachus 
oder Macrobius; er zog Commedianus selbst dem Claudianus, Rutilius 
und Ausonius vor, die noch regelmässige, klassische Verse schrieben. 

Diese Dreizahl stand damals an der Spitze der lateinischen 
Dichter; sie erfüllten das zusammenstürzende Kaiserreich mit ihren 
Namen ; so der christliche Ausonius mit seinen Hymnen auf Born, seinen 
Strafreden gegen die Juden und die Mönche ; seiner Beschreibung einer 
Reise von Rom nach Gallien, worin er sein grosses Talent zu 
Schilderung und Beschreibung an den Tag legt, und mit freier 
Beobachtungsgabe der Natur ein liebevolles Auge schenkt. So schildert 
er die Spiegelung der Landschaft im Wasser, den Zug der Nebel um 
die Spitzen der Berge. 

Claudianus, ein wiedererstandener Lucanus, beherrscht das ganze 
vierte Jahrhundert mit dem Metallklang seiner Verse; seine Hexameter 
sind grossartig, sie ziehen mit stolzem Pompe daher, während das 
westliche Kaiserreich untergeht und die Barbaren schon vor den Thoren 
stehen. Claudianus lässt zum letztenmale das klassische Altertum 
wieder aufleben ; er besingt den Raub der Proserpina und wir erstaunen 
über die glänzenden Farben seiner Zeichnung. 

Claudianus ist der letzte grosse Dichter der altklassischen Schule ; 
auf ihn folgen nur geistliche Schriftsteller: der spanische Priester Pau- 
linus, Ausonius' Schüler; Juvencus, der eine Versparaphrase der Evan- 
gelien gibt; St. Burdigalensis, der dem Vergil nachzustreben versucht, 
und noch eine ganze Reihe von Kirchenvätern und Kirchenheiligen: 
Hilarius von Poitiers, der Athanasius des Occidents; Ambrosius, der 
langweilige christliche Cicero; Hieronymus, der Verfasser jeuer Bibel- 
übersetzung, die zur Grundlage der Vulgata gedient hat, und endlich 
im fünften Jahrhundert Augustinus, der Bischof von Hippo. 

Des Esseintes kannte Augustinus, den Begründer der christlichen 



58 Jan ten Brink, 

Orthodoxie, aus Beinen Schuljahren her ; er las deshalb nur selten seine 
Bekenntnisse und De Civitate Lei. Dagegen durchblätterte er zuweilen 
die Psychomachia des Prudentius, des Schöpfers des allegorischen Genres 
in der Poesie, oder die Werke des Bischofs Sidonius Appolinaris, der 
den heidnischen Olymp mit geistreicher Wehmut bekämpft. 



V. 

Wir gaben einen möglichst getreuen Bericht von den Aussprüchen 
Huysmans* über Des Esseintes' Bibliothek. Dass dieser wunderliche 
Ner venleider ein gründlicher Kenner der lateinischen Litterat nr ist, 
kann ohne parteilich erscheinen zu wollen, durchaus nicht geleugnet 
werden. Nun tritt plötzlich Hujsmans auch als ein Mann der klassischen 
Bildung auf, und zeigt eine Belesenheit in der lateinischen Litteratur 
von sechs Jahrhunderten, wie wir sie nur selten bei den Vorkämpfern 
der neuesten litterarischen Helden finden. 

Das Kapitel über die Des Esseintes'sche Bibliothek bietet eine 
so merkwürdige Probe von Gelehrtheit, wie wir sie bei dem Verfasser 
von Marthe, von Croquis Parisiens, von En Menage gewiss nicht erwartet 
hätten. Aber in einer Hinsicht überrascht uns Huysmans* Urteil über 
die lateinische Litteratur durchaus nicht. Nach seiner Meinung müssen 
alle Schriftsteller, die bis jetzt allgemein für Meister gehalten wurden, 
als böse Buben aus dem Vorhof des Tempels gejagt werden. 

Vergil wird als Plagiator an den Pranger gestellt, Horaz wird 
ein Stümper genannt, Cicero als aufgeblasener Grosssprecher beiseite 
geschoben. Huysmans — denn Huysmans und des Esseintes sind hierin 
ganz identisch — findet Geschmack an Lucanus, weil dieser Dichter 
durch die wunderlichste Wahl seiner Ausdrücke sein Publikum kitzelt; 
vor allen liebt er Petronius und Apulejus, weil sie die einzigen Roman- 
schreiber des Altertums sind, weil ihr Realismus vor nichts zurück- 
schreckt. 

Es geht damit, wie mit seinem Urteil über die Malerei. Was 
allgemeine Anerkennung findet, weist er weit von sich ab. Was die 
verflossenen Jahrhunderte unter Zustimmung aller Autoritäten für 
schön hielten, nennt Huysmans hässlich. Es muss nach seiner Mei- 
nung ein Ende gemacht werden mit der Herrschaft früher beweih- 
räucherter Schriftsteller ; die Götter müssen von dem Altare gestürzt und 
die Halbgötter darauf erhoben werden. Der unter den Malern be- 
gonnene Bildersturm muss mit den lateinischen Dichtern und Prosa- 
schreibern fortgesetzt werden. 

Was für ein wunderliches Buch A Rehours ist, zeigt deutlich 
dies geistreich geschriebene Kapitel über die Geschichte der lateinischen 
Litteratur, das nur geschrieben ist, um den eigenartigen Seelenzustand 
Des Esseintes' zu schildern. Mit solchen ausführlichen Einschiebseln 
ist der Roman ganz und gar überladen. So kauft zum Beispiel jener 
moderne Einsiedler bei Chevet im Palais -Royal eine Schildkröte, und 
lässt die Schale des Tieres vergolden und mit kostbaren Steinen ver- 
zieren. Bei der Auswahl dieser Steine fügt er eine ausführliche Stelle 
über Edelsteine ein, die wiederum eine ungewöhnliche Kenntnis und 
ein ganz besonderes Interesse an fabelhaffcer Pracht ä la Tausend und 
eine Nacht oder ä la Fortunio verrät. Diese Vorliebe für orientalisch- 
romantische Pracht begleitet Des Esseintes in allen Augenblicken seines 
einsamen Lebens. Der Thee, den er trinkt, wird durch besondere 



Moderne französische Romanschriftsieller. 59 

Karawanen aus China nach Bussland gebracht, und hat die allerselt- 
samsten Namen : Si-a-Fayoune, Mo-you-taun und Ehansky; diese gelben 
Theesorten sind für jeden gewöhnlichen Sterblichen unerreichbar. 

Ebenso geht es mit seinen Likören. Er geht dabei von der Idee 
aus, jeder Likör erinnere an den Ton eines Musikinstrumentes. Des 
Esseintes buvaii une goutie ici, lä, . , (ei) arrivaii ä se procurer, dans le 

fosier, des sensations analogues ä ceües que la musique verse ä VoreiUe, 
)er CuraQao erinnert seiner Meinung nach an die Klarinette, der 
Kümmel an die Hoboe, der Anisette an die Flöte, Eirschbranntwein 
an die Trompete, Whisky an die Trombone, Cognac an die Tuba, Rum 
an die Altviole, reiner und alter Bitterer an — den Kontrabass. . . . 

Solche beinahe kindische Wunderlichkeiten sind durch das ganze 
Buch verbreitet; besonders bemerkenswert unter denselben ist eine 
Abhandlung über den Geruch und allerlei Riech werk. Die Einsamkeit 
und seine wunderliche Lebensweise hat ihn überreizt, dies ruffc allerlei 
Halluzinationen der Sinneswerkzeuge hervor. Zuerst tritt die Hallu- 
zination des Geruchs auf. Der Geruch einer gewissen Mischung wohl- 
riechender Spezereien quält ihn ; nun sucht er durch andere Riechwasser 
diesen Duft zu vertreiben, da er in der science du ßair sehr bewandert 
war; da er die Produkte aller berühmten Odeurfabrikanten eifrig 
untersucht hatte, konnte er selbst eine Geschichte der Parfümerien 
zusammenstellen. Er besass eine Sammlung aller möglichen und 
unmöglichen Odeurs, selbst /^ veriiable haume de la Mecque aus Arabia 
petrsea, dessen Monopol der Sultan hat. 

Die schönsten Seiten in A Rehours sind der Beschreibung der 
Kunstwerke gewidmet, mit denen sich Des Esseintes zum Schmuck 
seiner Einsamkeit umgeben hat. Dies verschaffte dem Verfasser die 
Gelegenheit, ein vorzügliches Kapitel über den Maler Gustave Moreau 
zu schreiben. Seine Beschreibung von Moreau's Saiome ist ein sti- 
listisches Meisterwerk. Das Gemälde tritt durch jedes Wort deutlicher, 
greifbarer, lichter hervor. Man höre: 

Der Yierfurst Herodes sitzt auf hohem Throne, der den ehr- 
furchtgebietenden Formen des Hauptaltars einer Kathedralkirche gleicht; 
an den Seiten stützen ihn Pfeiler, ihn ziert bunter Schmuck von 
Lapis lazuli und rotem Sardonix. Ober seinem Haupte schwebt eine 
Priesterkrone, die Hände legt er breit ausgestreckt auf die Kniee. Sein 
Antlitz ist gelb, pergamentfarbig, runzlig; sein weisser Bart schwebt 
wie eine weisse Wolke über den kostbaren Steinen seines Gewandes 
von Goldbrokat. Wie um die bewegungslosen Götter der Hindus, wird 
um ihn Rauchwerk verbrannt, von dem feine blaue Wolken emporsteigen. 

Saiome erscheint, und ihr Bild ist von so glänzender Farbe, 
dass wir hier Huysmans selbst das Wort geben müssen. 

„Elle commence la danse qui doit re'veiller les sens assoupis du 
vieil Herode; ses seins onduleni et, au froitement de ses coüiers qui tour- 
billonnent, leurs houis se dressent; sur la moiteur de sa peau les dia- 
manis attache's sciniiUent; ses braceleis, ses ceintures^ ses bagues, cracheni 
des itincelles; sur sa rohe iriomphale, couturSe de perles, ramage'e d'ar- 
geni, lame'e d'or, la cuirasse des orßvreries dont chaqtte maille est une 
pierre, entre en conUmstion, croise des serpenieaux de feu, grouüle sur 
la chair mate^ sur la peau rose the, ainsi que des insectes splendides aux 
elyires e'blouissanis, marbräs de carmin, ponciues de jaune aurore, diapre's 
de bleu d^acier, tigres de verl paon.** 

Man muss gestehen, dass diese seltene Farbenpracht mit glän- 
zendem Stift gemalt ist. Huysmans steht hier als Stilist unmittelbar 
neben FlaubeiH;, de Goncourt und Zola, während einzelne Züge auch 



60 Jan ten Brmk, 

an Th^ophile Gautier erinnern. Noch höher steigt sein stilistischer 
Schwung, wenn er ein Aquarell Gustave Moreau's beschreibt ; gleichsam 
eine Fortsetzung des Gemäldes. 

Wieder wird uns der Palast des Uerodes vorgeführt, diesmal 
aber als maurische Alhambra, von goldenen und silbernen Säulen ge- 
tragen, deren Fussboden schimmernde Perlmutter ist. Das abge- 
schlagene Haupt des Täufers ruht auf einer Schüssel. Salome sieht 
es sich erheben in lichtem Glänze, den ihre Edelsteine leuchtend wider- 
spiegeln. Wieder lassen wir die Schilderung von Salome's Bild mit 
den Worten des Prosadichters folgen: 

„Eäe estpresque nue; dans Vardeur de la danse, les volles se sont 
defaits, les brocarts oni crotäe; eile rCesi plus vetue qiie de matieres or- 
fevries et de mmäraux lucides; un gorgerin lui serre de mime qu'un 
corselet la iaille, et, ainsi qti*une agrafe superhe, un merveiUetiX joyau 
dar de des dckdrs dans la rainure de sesdeux seins; plus has, aux hanches, 
une ceiniure Ventoure, cache le haut de ses cuisses que hat une gigantes- 
que pendeloque oü coule une riviere d'escarbouiles et d'äm&audes ; enfin, 
sur le Corps reste' nu entre le gorgeinn et la ceinture, le venire bombe, 
creuse d*un nombril dont le trou semble un cachet grave d'onyx, aux 
tons laiteux, aux teintes de rose Wongle,^ 



VI. 

Huysmans hat in A Rebours sein Meisterstück geliefert. Sein 
Werk bietet eine eigenartige Erscheinung. Huysmans, der zu der 
kleinen Schar der jüngeren Naturalisten zu gehören schien, lehnt sich 
mit diesem Werke gegen die Schule auf, zu der er gehört. Für seine 
Soeurs Vatard hatte er all die dunklen Farben und die unangenehme 
Atmosphäre des armen Fabrikpersonals von Paris mit erstaunlichem 
Fleisse studiert, in A Rebours macht er sich mit dem in Düften und 
Likören und Kunstwerken schwelgenden Des Esseintes vertraut. 

Die Erklärung für diesen eigentümlichen Entwickelungsgang ist 
leichter, als es scheinen möchte. Huysmans zeigt in allem, was er vor 
A Rebours geschrieben hat, eine eigenartige Gemütsstimmung. Seine 
Wültbetrachtung führt ihn zur Entzauberung. 

4)er Roman En Menage ist vom Anfang bis zum Ende nur fort- 
laufende Entnüchterung. Er sagt von sich selbst, er sei ecceure par 
Pignominieuse mufflerie du present siede, Unzufriedenheit und Gering- 
schätzung für die Kreise, für die Gesellschaft, in der er lebt, sprechen 
aus jedem Worte. In A Rebours will Des Esseintes einen zufällig am 
Wege aufgelesenen sechszehnjährigen Knaben sittlich zugrunde richten. 
Er gibt ihm reichlich Geld und treibt ihn zur Ausschweifung an, will 
ihn absichtlich ins Verderben stosseu. Und er tröstet sich mit den 
Worten : faurai conttibue' dans la mesure de mes ressources, ä cräer un 
gredin, un ennemi de plus pour cetie hideuse socie'te qui nous rangonne. 

Es klingt aus diesen Worten ein bis zum Hass herangewachsener 
tiefer Missmut. Die Welt entspricht nicht den Erwartungen des jungen 
Künstlers. Talente zweiten Ranges, Octave Feuillet, Andrä Theuriet, 
Georges Ohnet u. a. werden vom Publikum auf den Händen getragen. 
Von Ohnet's Maitre de Forge sind 234 Auflagen erschienen, seine Com- 
tesse Sarah erlebte 152. Selbst Zola konnte mit fAssommoir und Nana 
nicht eine solche Popularität erringen. Huysmans hat im kleinen 



Moderne französische Romanschriftsteller, 61 

Finger mehr Talent, als Ohnet in der ganzen Hand, aber HuysmanB 
bleiot unbekannt, wird wenigstens nicht gelesen. 

Darin liegt der Grund zu Unruhe und Entrüstung. Wie seine 
Helden Andr^, Cyprien und Des Esseintes sieht auch er voll Ekel herab 

^ auf alle geistigen und materiellen Genüsse, die ihm das Leben bieten 

kann. Alles Bestehende ist wert, dass es zugrunde geht. Die Litteratur 
der Gegenwart und Vergangenheit, die Malerei ebenfalls, bieten nur 
sehr ausnahmsweise ein wirkliches Kunstwerk dar. Diese Meinung 

' kann durch eine Menge Stellen in Huysmans Werken bewiesen werden. 

In diesen Zustand der Verbitterung tritt bei Huysmans' noch die 

eigentümliche Erscheinung auf, dass er sich trotz seines wundervollen 

- französischen Stils nicht als Franzose fühlt, sich *nur schwer in fran- 

zösische Zustände schickt. Seine Antwort auf die an ihm gerichtete 
Frage, ob er ein guter Patriot sei, lautete: 

r^Tout ce que je puis votts dire, c^est ceci: je hais par dessiis tout 

'* les gens exuberants. ör ious les Meridionaux auetUent, ont un accent 

f qui m'horripüe, et par-dessus le marchä, ils fönt des g est es, Non, 

entre les gens qui ont de Vasiracan houcle sur le cräne . . . et de grands 
flegniatiques et silencieux AÜemands, mon choix n^est pas doutetuc. Je 
me sentirai toujours plus d'affinite's pour im homme de Leipzig que pour 
un homme de Marseille, Tout, du reste, tout, excepie le Mtdi de la 
France, car je ne connais pas de race qui me soit plus particuäerement 
odieuse.^^) 

In dieser Antwort steckt etwas HollUndisches. 
Huysmans kann die lautsprechenden Franzosen mit ihren leb- 
haften Gebärden nicht ausstehen; er hat auch holländische Landsleute, 
die mit ihm gleicher Meinung sind. Fassen wir alle seine Meinungen 
über Land, Kunst, Litteratur etc. zusammen, so sehen wir, dass er in 
beständiger Feindschaft mit den herrschenden Zustanden lebt, und das 
macht seine philosophische Weltanschauung natürlich pessimistisch. 
Und gerade in diesem Punkte liegt der grosse Unterschied zwischen 

!, Huysmans und Zola. Zola hat als Schriftsteller einen ernsten Krieg 

gegen einige der herrschenden, litterarischen Anschauungen geführt, 
aber er hat doch Ehrfurcht vor dem neunzehnten Jahrhundert und 
seine mächtigen Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiet. Seine 
Rougon- Macquart werden mit ihren zwanzig Teilen ein Gedenkbuch der 

r bürgerlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr- 

fi hunderts sein. 

Es fallt sogleich auf, dass sich Huysmans in A Rebours von 
den eigentlichen Naturalisten loslöst, da er in der Geschichte Des Es- 

ii seintes wieder eine jener histoires ä dormir debout geschrieben hat, vor 

denen ihr Meister sie so oft gewarnt hatte. Durch den wunderbaren 

r Zirkellauf des litterariscben Lebens kehrt er zur Wertherstimmung 

und zu der verzweifelten Weltanschauung des R6n6 zurück. 

Es ist natürlich, dass jemand, der von der ignominieuse mufflerie 
du pre'sent siede und von der hideuse societe qui nous ran^onne spricht, 
keinen Gefallen an dem gründlichen Studium dieser selben Gesellschaft 

) finden kann. Er schleudert die Feder weg, mit der er seine Croquis 

, Pafisiens geschrieben hat und entwirft A Rebours. Er geht jetzt einen 

ganz anderen Weg. Er stellt sich an die Seite derer, die sich jetzt 
gegen ihre Zeit aufgelehnt haben, wie Charles Baudelaire, dessen 



1) Meunier , Les hommes d'aujourd^hui. /. - K, Huysmans, Vol. 6, 
No. 263, 



62 Jan ten Brink, 

Fkurs du mal (1857) trotz des genialen Flages des Verfassers, ein ent- 
ehrendes Urteil traf. Und da Baudelaire die Contes extraordinaires 
und die (Jonies grotesques des berühmten Amerikaners Edgar Allan 
Poe übersetzt hat, wurden Baudelaire und Poe seine litterarischen 
Hausgötter, neben die mit der Zeit noch andere ältere oder jüngere 
gestellt wurden: Louise Ackermann, Barbey d'Aurävilly, Paul Verlaine, 
Ernest Hello und Villiers de dlsle-Adam. 

Der Verfasser von A Rehours lebt in der Stimmung, wie sie die 
Vorläufer der Romantik empfanden; er steht nicht weit entfernt von 
Henri Beyle, wenn es sich um die dauerndsarkastische Stimmung seiner 
Seele handelt, und nähert sich der Romantik Th^ophile Gautier's und 
G^rard de Nervales,' was seine Vorliebe für fremdländische Pracht und 
raffinierten Luxus betrifft. In der Bewunderung für das überirdisch- 
geheimnisvoll Spukhafte, wie es der Maler Odilen Redon und der 
Dichter Edgar Allan Poe zum Ausdruck bringt, steht er auf einem 
Niveau mit der französischen Romantik von 1830. Ein Deutscher, 
der gerade damals in Paris ein gewisses Aufsehen erregte, war unver- 
schämt genug, Hoffinann zu bestehlen und unter seinem noch ganz 
unbekannten Namen, Loewe-Veimars, Le Violon de Cremone heraus- 
zugeben. Als dieser litterarische Betrug herauskam, zeigte Loewe- 
Veimars durchaus keine Verlegenheit, sondern gab bald darauf seine 
Contes d^ Hoffmann heraus, die dieselbe Bedeutung für G^rard de Nerval 
und Thöophile Gautier haben, wie Edgar Allan Poe für Baudelaire und 
Huysmans.^) 

Es herrscht in diesem Punkte zwischen Huysmans und den 
eifrigsten Vorkämpfern der jungen Romantik von 1880 — 1850 eine auf- 
fällige Übereinstimmung. Die Jugend von 1830 freilich war voll Lebens- 
lust und Hoffnung. Die Jugend von 1880 dagegen scheint durch Un- 
lust und Langeweile von einem Extrem ins andere getrieben worden 
zu sein. Die politischen Zustände von 1815 — 1830, die damit verbundenen 
gesellschaftlichen Leiden, enttäuschten manchen jungen Schwärmer, da 
man doch von der neuen Ordnung der Dinge nach der grossen Revo- 
lution die herrlichsten Folgen erwartet hatte. 

Schon das Kaiserreich zeigt ein solches Beispiel von Enttäuschung 
in fitienne Pivert de Sönancour; geboren zu Paris 1770, von allen Leiden 
einer schwächlichen Jugend verfolgt, nach der Schweiz ausgewandert, 
schrieb er nach anderen Vorläufern seines Talentes sein Hauptwerk, 
den psychologischen Roman Obermann (1804), in welchem er ein ähn- 
liches Einsiedlerleben beschreibt, wie Huysmans in A Rehours. Diese 
äusserliche Übereinstimmung ist bemerkenswert. De Sänancour gehört 
dem achtzehnten Jahrhundert an und steht unter den verzweifelten 
Franzosen seiner Zeit obenan, die als Emigrierte den Lauf der Be- 
gebenheiten in der Fremde mit heftigster Entrüstung abwartend ver- 
folgen. Man hat ihn mit recht den Schöpfer des französischen 
Werther genannt. Aber in einem Punkte weicht Obermann ent- 
schieden von Werther ab ; das Buch de Sänancour's erzählt keine Liebes- 
geschichte, dagegen gibt es wie Werthei* gefährliche Anleitung zum 
Selbstmord. Wie A Rehours für Überreizte und Übersättigte, so war 



^) Über Lcewe-Veimars gibt Maxime du Camp in seinen Souve- 
nirs litt&aires (1882), Tome I, p. 397 — 401, wichtige Mitteilungen. Es 
thut mir leid, Herrn Ary Prins (Nieuwe Gids I, 220, 1886) widersprechen 
zu müssen, wenn er sagt, Huysmans stehe ganz und gar nicht unter 
dem Einflüsse der Romantik. 



Moderne französische Romanschriftsteller, 63 

Obermann für Unglückliche geschrieben.^) Der Held Obermann führt 
ein Eremitenleben wie Des Esseintes, die Phasen seines Seins sind aber 
von den Lebenszuständen der Goethe'schen Gestalt gänzlich verschieden. 
Obermann scheut sich davor, einen festen Wirkun^^skreis anzunehmen, 
weil er dadurch seine Freiheit verliert ; des Esseintes hat zuviel ge- 
nossen von den Freuden dieser Welt, als dass für ihn noch etwas 
anderes bliebe, als die ausgesuchteste Pracht für ihn allein in der 
Einsamkeit. Die Einsamkeit Obermann's ist weniger kompliziert als die 
Des Esseintes"; er schweift hoch in den Spitzen der Alpenriesen herum, 
dort begegnet ihm kein anderes lebendes Wesen, als der furchtbare 
Geier der Berge, der mit unheimlichem Schrei in die Tiefe taucht. 

Denkt man an die Persönlichkeit beider Schriftsteller, so wird der 
Unterschied zwischen beiden noch augen^lliger. De S^nancour war 
aus politischen und persönlichen Gründen — sein Vater hatte ihn in 
ein Seminar stecken wollen — nach der Schweiz geflüchtet; dort ver- 
heiratete sich der gebrechliche Jüngling, verlor aber früh seine Frau. 
Sein Lebenlanff bewahrte er Jean -Jacques Rousseau warme Bewun- 
derung. Er selbst war ein tief melancholisches, unglückliches Wesen. 
Die romantische Zeit schwärmte für seinen Obermann, dessen feine, 
psychologische Züge man verstand und würdigte. Bei seinem Er- 
scheinen, 1804, hatte das Buch kein besonderes Aufsehen gemacht, 
nach 1880 ist es für die ausgewählten Geister der Romantik ein Lieb- 
lingsbuch geworden. 

Uuysmans wird seinen Des Esseintes schwerer verteidigen können, 
als S^nancour seinen Obermann. Die Misanthropie in A Rebom*s ist 
nur durch den tiefen Missmut zu erklären, der, wie in den Werken 
Baudelaire's, in einem chronischen Nervenleiden wurzelt. 

Kein litterarischer Pessimismus, kein Verlassen seiner Meister 
Flaubert, de Goncourt, Zola führt ihn zu seiner neuesten Vorliebe für 
Baudelaire und Edgar Allan Poe. Vielleicht ist es ihm ein Dorn im 
Auge, dass die jungen Naturalisten nur gar zu schnell mit ihren 
eigenen Arbeiten zufrieden sind und ihren Vorbildern ohne Selbst- 
prüfang nachfolgen. Da er einen Widerwillen vor allem hat, was 
nicht sorgfältig und gründlich durchgearbeitet ist; da er zu seiner 
Entrüstung vielen modernen Schriftstellern ohne Farbe und Charakter 
eine grosse Popularität zuteil werden sieht, strebt er nach etwas ganz 
Eigenartig -Besonderem und kommt zur Bewunderung des Fremden, 
des Ungeheuerlichen, wenn dieses nur von dem allgemein Anerkannten 
und Gepriesenen abweicht. 

In dieser Gemütsstimmung kehrt er sich selbst unbewusst zu 
der pessimistischen Richtung zurück, und stellt neben Werther, Rena 
und Obermann seinen Des Esseintes als nächsten Geistesverwandten. 
Er teilt mit den beiden krankhaft angelegten Naturen, G^rard de 
Nerval und Charles Baudelaire, deren Melancholie zuweilen an Wahn- 
sinn grenzt, die Sucht nach dem Ungewöhnlichen, den Hass für das 
alltägliche. Gärard de Nerval schwärmte für Hoffmann, der, wie schon 
gesagt, in Frankreich durch Loewe-Veimars' Übersetzung bekannt ge- 
worden war; Charles Baudelaire's Held war der Amerikaner Edgar 
Allan Poe, den er selbst ins Französische übersetzte. 

Es ist ein tief beklagenswerter Umstand, dass diese vier grossen 



^) Mau vergleiche Georg Brandes, Die Litteratur des XIX. Jahr- 
hunderts in ihren Hauptströmungen, I. Band, Emigrantenlitteratur, 
S. 59—75. 



64 Jan ien Brink, Moderne französische Romanschriftsteller, 

Künstlernaturen, de Nerval, Baudelaire, Hoffmann und Poe verhältnis- 
mäseig so früh ihrem Wirken entrissen worden; ausser Hoffmann 
gingen sie alle in der Umnachtung des Wahnsinns aus der Welt. Das 
Dämonische ist allen eigenstes Element. In ihrem Leben ist ein Zug, 
der an wandernde Zigeuner mahnt. G^rard de Nerval verschleuderte 
ein kleines Vermögen in Blumen seltener Art, die er alle Abende einer 
Künstlerin, Jenny Colon, darbrachte, in Opernguckern und Stöcken, 
wie wunderlich dies erscheinen möge. Mit diesen Stöcken brachte er 
ihr klopfend allabendlich seine Huldigung dar. Baudelaire lebte in 
beständiger Feindschaft mit seinem Stiefvater, dem Oberst Aupick, 
den er einst bei einem Diner zu erwürgen gestrebt hatte, so dass ihn 
dieser nach Mauritius sandte. Dort lernte er Englisch. Als er später 
die Erbschaft seiner Mutter durchgebracht hatte, ruinierte er seine 
Gesundheit durch steten Opiumgenuss. HoömanUf der anl^nglich in 
Posen und in Warschau ein ungeregeltes Leben führte, wurde später 
Kapellmeister eines kleinen Orchesters, und verlor nun vollends alles 
Mass in seinem Leben. Er schrieb um zu trinken, und trank 
um zu schreiben, sagt Eichendorff. Edgar Allan Poe, der Sohn 
•armer unglücklicher Schauspieler, die bei ihrem frühen Tode ihn im 
tiefen Elend zurückliessen, wurde durch die Grossmut eines reichen 
Kaufmanns, John Allan, aus dem Staube emporgehoben und erzogen, 
aber auch durch masslose Zärtlichkeit verdorben. Seine Unmässigkeit 
und seine Spielsucht verschlossen ihm alle amerikanischen Universi- 
täten, kein Mittel, ihn zu bessern, half; so verlor er endlich die Gunst 
seines Wohlthäters und zweiten Vaters und war genötigt, seinen Unter- 
halt mit litterarischer Arbeit zu -verdienen. Er führte, was die Eng- 
länder a hand-to-mouth life nennen, bis er schliesslich in einem Hospital 
zu Baltimore im Wahnsinn starb. 

Viele grosse Künstler sind früh gestorben; aber in dem Leben 
dieser vier liegt eine ganz besondere Tragik. Grosses Talent, ausser- 
gewöhnliche Begabung, vortreffliche geistige Schöpfungen, verlorene 
Illusionen, und zum Schluss der Tod in der Blüte des Lebens — das 
war ihr Los. Das Krankhafte und Singulare ihrer Persönlichkeit in 
Verbindung mit der Flamme des Genies, die ihre Seele entzündete, 
erzeugte jenes eigentümliche Aroma, das Des Esseintes so gerne ein- 
atmete. Huysmans ist ruhiger als seine gegenwärtigen Vorbilder, 
Baudelaire und Poe. Das holländische Blut in ihm spricht oft noch 
recht vernehmlich, wenn auch die Pariser Erziehung, die er genossen, 
eine gewisse Unruhe und Verzagtheit hineingebracht hat, die ihn ver- 
hindert, mit echt holländischer Ruhe zu handeln und zu denken. 

Er hat mit A Rebours seine künstlerische Charakteristik am 
klarsten dargelegt. Da wir noch viel von seiner Feder .zu erwarten 
haben, steht uns noch kein Endurteil über ihn zu. En Rade, sein in 
der Revue independante erschienener Roman, ist bereits A Rebours 
gefolgt. 

(Antorisierte Übersetzung Ton ^ ^ 

Lina Schneider-Köln.) JAN TEN DRINK. 



Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich. 



§ 1. Tasso und Guarini. 

Wir haben eine Geschichte der französischen Pastorale,^) 
ein Werk; das, wenngleich nicht ganz zaiänglich,^) doch von 
dem liebevollsten Eingehen auf ein Gebiet der Litteraturge schichte 
zengt, bei dem sich andere Gelehrte nur so lange aufhielten, 
als es unbedingt notwendig war. Es ist auch ein eigenes Ding 
um jene Salonschäfer, wie sie Tasso, Guarini und Bonarelli in 
die Welt geschickt, als beglaubigte Sendboten jener ächten 
arkadischen Schäferliebe, für welche das dahingeschwundene 
Zeitalter der ungesuchten und ungezügelten Leidenschaft das 
goldene bedeutete. Warum aber sollten wir nicht untersuchen, 
ob in der „Verrücktheit" der Schäferpoesie nicht auch etwas 
„Methode" war? Die Hirtenflöte hat von jeher eine besondere 
Anziehungskraft ausgeübt, auch auf die Leute von der Stadt — 
aber jeder belebte bei ihrem Klange das Thal mit den Bildern 
seiner eigenen Phantasie. Warum wirft man gerade der Pastorale 
am meisten Mangel an Lokalfarbe vor? War es im 16. und 
17. Jahrhundert mit der Tragödie in dieser Beziehung besser 
bestellt? War das nur ein Fehler der Pastoraldichtung oder 
der ganzen poetischen Produktion jener Zeit? Nur auf diesem 
Wege konnte Weinberg zu dem Schlussergebnis seines Buches 
kommen, die Pastorale sei eine „notwendige Verirrung" gewesen. 
Hätte das Weinberg von den italienischen Pastoralen auch be- 
haupten mögen, von Aminta und dem Pastor fidof Und doch 
sucht Weinberg nachzuweisen, wie besonders diese Dichter die 
französische Litteratur an den Schäferstab gebracht hatten. 



*) Weinberg, Das französische SchäferspieL Frankfurt a. M., 1884. 
2) Vgl. LittU. f. germ, w. rom, Phil, 1885, Sp. 248. 

Zsclir. 1 frz. Spr. u. Litt. XIi. 5 



66 E. Dannheisser, 

Zuerst, von unbedeutenderen Vorgängern zu schweigen, er- 
zählte Tasso sein Hirtenmärchen, eine Idylle in Dialogform. Die 
spröde Jägerin Sylvia, der liebeskranke Schäfer Aminta, der 
wollüstige Satyr, die altkluge Dafne mit ihrem Geistesverwandten 
Tirsi — das sind die Charaktere, an denen die Pastorale ihre 
Kräfte prüfte. Der Überfall des Satyrs und der Selbstmord- 
versuch Aminta's, die einzigen dramatischen Vorgänge, werden 
nur erzählt, wie die Entstehung von Aminta's Leidenschaft 
auch erst einer langen, aber reizvollen Erzählung bedarf. Da- 
zwischen sorgt an geeigneten Stellen der Chor für lyrische Er- 
bauung. 

Die Entstehung des Pastor fido ist weltbekannt. Guarini 
hatte mehr dramatisches Verständnis als Tasso. Dass er sich 
auch theoretisch mit der Pastorale beschäftigt hatte, beweist der 
VerratOf^) worin er die Entstehung der Pastorale aus der antiken 
Ekloge bespricht. Das Werk Tasso's reizte ihn zur Nach- 
ahmung, zur Negation, zur Erweiterung, Vertiefung und Ver- 
menscblichung der darin enthaltenen Motive. Im Gegensatze zu 
TaBso begrenzte er die Handlung durch Zeit und Ort, indem er 
ihr das antike Arkadien zum Schauplatze gab. Der Konflikt 
bekommt einen religiös -politischen Ausgangspunkt; denn die 
Heirat der Amaryllis mit Silvio, den sie nicht liebt, wird ve^n 
dem StaatBwohl gebieterisch gefordert. Schade nur, daas dieser 
echt tragische Konflikt nur auf der Oberfläche bleibt und bei 
Amaryllis nicht zum Seelenkonflikte werden kann. Ein hoher 
sittlicher Ernst geht durch das ganze Stück im Gegensatze zu 
der Moral Tasso's. Daher die vielen Sentenzen bei Guarini. 
AI» dramatische Motive und Charaktere sind von Guarini dem 
Äminta entlehnt worden: die spröde Geliebte, der liebes- 
bedttrftige Schäfer, der weltkluge Vertraute, die Entstehungs* 
geachichte der Liebe, der erste Kuss und die sehlieasliche Ver- 
einigung der Liebeapaare. Und doch ist auch hier die dramatische 
Auffassung grundverschieden. Sylvia ist spröde aus Tempera^ 
ment, denn ihrer ehelichen Verbindung mit Aminta steht nichts 
im Wege. Die Sprödigkeit der Amaryllis indes&en hat in der 
klagen Berechnung ihren Grund. Sie weiss, dass sie niobt 
Myrtiirs Weib werden kann, zu seiner Geliebten aber wiU sie 
sich nicht bekennen. Unkeuschheit und Untreue worden in 
Arkadien mit Tod bestraft, und die Schäferinnen wussten, dats 
das Geständnis ihrer Liebe notwendig dazu führen musste. 
Woher sonst das Lob des goldenen Zeitalters, wo der Begriff 
onore noch nicht bekannt war? Allerdings hatte Amaryllis viel 



1) // Ferrato, S. 285. 



Zur Geschickie des Schäferspiels in Frankreich. 67 

weniger zu befttrchten als Sylvia; denn Myrtili ist nicht so sinn- 
lieh wie Silvio, dessen grösster Kammer es ist, dass Sylvia ihm 
das nicht freiwillig aus Dankbarkeit gewährt hatte, was sich ohne 
ihn der Satyr ertrotzt hätte. Bei Tasso läuft die ganze Handlang 
darauf hinaus, Sylvia zum Geständnis ihrer Liebe zu bringen. Als 
einziges Mittel dazu dient das Mitleid. Bei Guärini kommt es 
noch darauf an, die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung 
herbeizufahren. Schon aus diesem Grande musste von Guarini 
ein grösserer dramatischer Apparat in Bewegung gesetzt werden* 
Es galt, eine Intrigue zu schaffen, neue Personen einzuführen. 
Hier musste sich das dramatische Naturgesetz geltend machen, 
die einzelnen Charaktere dureh ihre Gegensätze grell zu be- 
leuchten. Der liebesbedtlrftige Myrtili hat sein Widerspiel in 
dem brutalen Silvio, die spröde Amaryllis tritt in Gegensatz zu 
der feurigen, aufdringlichen Dorinda; Gorisca, deren Herz ein 
perpetuum mobile zu sein scheint, lenkt die naiven Naturen der 
Schäfer und Schäferinnen wie Marionnetten. Fühlte Guarini die 
Überfeinerung in den von Tasso seinen Personen geg^beüen 
Empfindungen heraus, so schuf er seinerseits die beiden Natur- 
kinder Dorinda und Silvio, welche für die Entwickelung der 
Haupthandlang nicht notwendig sind. Eine Liebesver Wickelung, 
wie sie in der VI. Idylle des Moschus angedeutet und mehrfach 
von andern Pastoraldichtem nachgeahmt worden ist, findet sieh 
bei Guarini nicht. Eine Anlehnung Guarini's an das Altertum 
braucht also für die Gestaltung der obigen zwei Charaktere nicht 
angenommen zu werden. Anders verhält es sich mit der Lösung 
des Knotens. Das im Altertum so beliebte Wiedererkennen 
(ital. Ricognizione) ist auch von Guarini benützt worden, obwohl 
er ausdrücklich darauf hinweist,^) dass nach Aristoteles das 
Wiedererkennen im Drama nicht unbedingt notwendig sei. Diese 
Behauptung ist insofern interessant, als man sieht, welche Be- 
deutung man dem Wiedererkennen doch noch beilegte. Woher 
es eigentlich in die Pastorale kam, hat schon Sorel eingesehen, 
und diese vermeintliche Unsitte fatid denn auch von seiner Seite 
die gebührende Abfertigung*^) 



1) 11 Verrato, S. 187. 

^ Cesie kisioire merite hien d^estre accompagnee de Celle des 
amours de Daphnis ei Cloe. Lautheur fait ces ietines gens si sois ei si 
advisez ioui ensemhle gv'il n*y a rien de vray semblaöle mais ee q%d me 
mei en colere principalemeni, c'esi gue ie eroy qite ce Uwe a donne suiet 
ä plttsieurs d*en vatUotr aussi faire aauires de bergeries et ie vöus asseure 
gü'ils Font si hien imiitf qn*ils foni ious qne leurs hergers ne connoissoieni 
ny leur pere ny leur mere ainsi que Daphnis ei Che el qu*eslans peiiis 
enfans, ils avoieni esie emporiez avec leur berceau par quelqud des^ 

5* 



68 E, Dannheisser, 

Dadurch, dass Guarini seine Personen mit ihren Eltern, 
Freunden etc. in Verbindung brachte, gab er der Pastorale neue, 
mehr äussere Eonfliktsmomente, stellte er sie auf einen realeren 
Untergrund, gestaltete er sie mit einem Worte ungleich dra- 
matischer als Tasso. Der Chor, welcher bei Tasso im allge- 
meinen die nämliche Rolle wie im antiken Drama spielt, wird 
von Guarini an den Schluss der einzelnen Akte yerwiesen und 
dient eigentlich nur noch dazu, einen Stimmungsbericht zu geben. 
Eingeführt wurde auch von Guarini nach dem Vorgange des 
Poliziano das Echo und das Motiv der Eifersucht. Nehmen wir 
dazu die Sprache Guarini's, die noch nicht bis zur Sättigung mit 
Pointen durchsetzt ist, so wird uns der beispiellose Erfolg des 
Pastor fido begreiflich. Guarini's Werk musste mehr zur Nach- 
ahmung reizen als das Tasso's. Auch die in jeder Beziehung 
rätselhafte Fiüi di Sciro von Guidobaldo Bonarelli vermochte 
nicht gegen den Pastor fido aufzukommen. Dieser blieb haupt- 
sächlich der Typus des Pastoraldramas. Diese Erkenntnis ist 
für die Geschichte der Schäferspiele in gewissem Sinne ver- 
hängnisvoll geworden. Noch Weinberg scheint, wenigstens ihrem 
Inhalte nach, die italienische und die französische Pastorale in 
einen Topf zu werfen und stellt so (S. 29) das Schema eines 
regelrechten Schäferspiels auf, das mit gleichem Rechte in einer 
italienischen Litteraturgeschichte stehen könnte. Er setzt gleich- 
sam das Programm des Schäferspiels a priori fest, ohne im Ver- 
lauf seines Buches darnach zu fragen, wie es durchgeführt wurde. 
Dass dabei jede innere, durch individuelle und nationale Eigen- 
tümlichkeit bedingte selbständige Entwickelung des französischen 
Schäferspiels ausgeschlossen ist, versteht sich von selbst. Es 
ist das eine fühlbare Lücke in dem sonst reichhaltigen Buche. 
Einige Andeutungen werden genügen, um diese Thatsache fest- 
zustellen. 

§ 2. Hardy. 

Es ist nicht zu verwundern, wenn schon im 16. Jahrhundert 
die italienische Pastorale wie jede italienische Litteraturgattung 
sich der Beachtung und Nachahmung der Franzosen aufdrängte. 
Ein Spiel des Zufalls ist es sicher auch nicht, dass gerade die- 
jenigen dramatischen Dichter, welche an der Schwelle und im 



hordement de riviere ieüement qu'Hs avoieni este trotwez par quelque 
komme gut les avoit faict eslever, Regardez si Bapiiste Guarini dans 
sofi Berger fideüe rCest pas si soi guM use de la mesme inveniion ei si 
une infinite dautres ne, le sont pas encore comme si cela estoit de Pessence 
de la Bergetie d'avoir este perdu en enfance, (Sorel, Berger extravagant, 
Rouen, 1646, t. II, Livre XVIII, S. 80.) 



Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich, 69 

Anfange des 17. Jahrhunderts als die allerdings schon bedenklich 
wankenden Säulen des Gamier'schen Klassizismus betrachtet 
wurden — ich meine Montreux und Montchrestien — , sich des 
Schäferspiels bemächtigten. Es muss mindestens zu Montchrestien's 
Zeiten das Schäferspiel bei der kleinen Gemeinde der litterarisch 
Gebildeten schon in grossem Ansehen gestanden sein; denn für 
die breite Masse des Volkes schrieben diese Dichter ja nicht. 
Was Montchrestien betrifft, so scheint er das Schäferspiel für 
eine Abart der Komödie gehalten zu haben , sonst hätte er das 
seinige wahrscheinlich nicht in Prosa geschrieben. Montreux 
führt uns ein Märchen im Gewände eines Schäferspiels vor. Die 
Zauberei steht im Vordergrunde, sonst trägt das Stück (AthlUe) 
schon den ausgeprägten Typus der italienischen Pastorale trotz 
der gegenteiligen Behauptung Weinberges (S. 18). Die Zauberei 
ist den bedeutendsten italienischen Pastoralen fremd. Nur 
im Aminta wird einmal vorübergehend erwähnt, der verliebte 
Schäfer habe sich an den weisen Mopso wenden wollen. Hier 
haben wir gleich einen grossen Unterschied zwischen der 
italienischen und französischen Pastorale, schon auf der ersten 
Stufe ihrer Entwickelung. Die Anregung zur Verwendung der 
Zauberei mag vom Amadisroman oder vom klassischen Alter- 
tum ausgegangen sein — sicher ist, dass künftig die meisten 
französischen Schäferspieldichter sich ihrer bedienen, selbst die, 
welche sich, wie Montchrestien, eng an die Italiener anschliessen. 
Schon bei Montchrestien wird die italienische Intrigantin durch 
den Intriganten ersetzt, und die besten französischen Pastoral- 
dichter haben hier Montchrestien • nachgeahmt — eine zweite 
Abweichung vom Tjrpus der italienischen Pastorale. Die durch 
den Pastoralroman geförderte Tendenz, die weiblichen Charaktere 
zu idealisieren, hat hier vielleicht bestimmend mitgewirkt. Über 
die Aufführung von Montreax's und Montchrestien's Pastorale ist 
nichts bekannt. 

Hardy hat auf das Schäferspiel den nämlichen Einfluss 
ausgeübt wie auf alle dramatischen Dichtungsarten — er machte 
sie auf seinem Theater der grösseren Masse eines ziemlich un- 
kritischen Publikums zugänglich. Er zog alles in den Bereich 
seiner dramatischen Thätigkeit — warum hätte er der Pastorale 
fernbleiben sollen? Sicherlich legte er Wert auf seine Schäfer- 
spiele, sonst hätte er sie nicht durch den Druck veröffentlicht. 
Ob nun auch die vornehme Welt Hardy's Pastoralen sehen 
mochte? Warum nicht? Musste ja selbst Ebert zugeben, 
dass Hardy's Publikum manchmal doch etwas gewählter war, als 
man bis jetzt noch allgemein geneigt ist, anzunehmen. Im 
zweiten Dezennium des 17. Jahrhunderts pflegten auch die jungen 



70 E. Damiheisser, 

EdeUeute in Hardy's liieater zu geben. Das wissen wir be- 
stimmt, sowohl von Racan^), als auch vom Abbö de MaroUes.^) 
Ob indes überhaupt, und dann inwieweit dieser Teil des Publi* 
kuma mit der Aufführung und dem Erfolge von Hardy's Pastoraiea 
im Zusammenhange steht, ist eine Frage, die noch nicht beant- 
wortet werden kann. Doch dtirfte gerade die teilweise Umbildung, 
welche das Schäferspiel durch Hardy's Hand erfuhr, darauf hin- 
deuten, dass, wie alle seine Stücke, so auch seine Pastorale« 
dem Geschmacke seines Alltagspublikums angepasst waren. 

Der Dichter bezeichnet zwar selbst (Weinberg S. 52) das 
italienische Schäferspiel, als sein Vorbild, was übrigens jeder 
auf den ersten Blick sieht, aber er hatte den Geschmack seiner 
Landsleute studiert und schuf dem entsprechend neue Charaktere« 
Die übertriebene, unnatürliche Sprödigkeit der Hauptheldinnen ist 
in den besten Pastoralen Hardy's kein Hindernis für die Ver- 
bindung des Liebespaares mehr. Die Schäferinnen lieben, ent- 
gegen dem italienischen Pastoraltypus, auch als Hauptheldinnea 
des Stüokes gerade so offen und warm, wie die Schäfer, und 
Hardy hat sogar, wie man bei Weinberg (S. 34 u. 35) nachlesen 
kann, überraschend glückliche Ausdrücke für die Darstellung der 
reinen, uneigennützigen Mädchenliebe. Dass durch diesen einzigen 
ZfUg die Pastorale dem Nebel eines falsch verstandenen Idealis- 
mus entrückt und wieder dem Sonnenblicke des warmen realen 
Lebens zugekehrt wurde, ist klar. Auch in technisch-dramatischer 
Beziehung wurde dadurch viel gewonnen. Der Charakter der 
Hauptheldin ist nicht mehr scheu in sich selbst zurückgezogen, 
sondern tritt keck an das Tageslicht und reizt dadurch die ihm 
widerstrebenden Kräfte zur Reaktion — das Gegenspiel der 
Leidenschaften kann beginnen. 

Wir möchten damit nicht behaupten, dass es Hardy ge- 
lungen wäre, die beinahe krankhafte Sprödigkeit der Schäferinnen 
vom Schlage einer Sylvia oder Amaryllis von der Bühne zu ver- 
drängen — hat er sich doch selbst nicht davon zu befreien ver- 
mocht — sondern nur, dass er in diesem Punkte den Dichtem 
der gesund sinnlichen Arthinice und Sylvie ein nachahmenswertes 
Beispiel giüb. Geradezu bahnbrechend wirkte Hardy in anderer 

*) 11 (sc. Eaean) dit que les comedies de Hardy qxi'il voyoit repre- 
senter ä VRdUl de Bourgogne oü ü enirait sans payer, Fexcitoieni fori, 
(Tallemant des Bäanx, üisiorieties, £dit Monmerque, t. II, S. 129.) 

3) Je ne sais pas öü il (sc. Du Lion) prenoit le fond de toute la 
depense qu'ü faisoÜ, mais il en avoU toujours de reste pour de neiits 
fesiins qu^ü aimoit extrSmement, pour le paume ei pour la Cornea^ oü 
ü noHS menoii quelque fois, hrsmie ceiie fameuse Come'dienne appetäe 
La Porte monioii encore sur le T&eatre, (MaroUes, Memoires, Amster- 
dam, 1755 { t. I, S. 58, Jahr 161^.) 



Zur Geschichte des Sehaferspiels in Frankreich. 71 

Richtung. Wir haben gesehen, wie bei Gnarini die Verwickelung 
einen religiös -politischen Hintergrund hat: der, wenn auch nur 
verhaltene Wille der Amaryllis stösst weniger auf prinzipiellen 
Widerstand von Seite ihres Vaters — dieser beruft sich auf die 
gebieterischen Forderungen des Gemeinwohls. Nichts von alle* 
dem bei Hardy. Die Väter in seinen Pastoralen lassen sich 
von durchaus persönlichen Rücksichten leiten, die meistens auf 
einer sehr materiellen Grundlage beruhen — der Geldsaok spielt 
hier eine grössere Rolle als die Politik. Der Konflikt hat bei 
ihm kein öffentliches, sondern nur ein privates Interesse im 
Auge, er spielt sich nicht, zwischen Individuum und ^taat, 
sondern zwischen Individuum und Familie ab. Die Figur 
des habsüchtigen, eigensinnigen, derben, aber im Grunde gut- 
mütigen Vaters ist oft sehr wirksam der nur ihrer Leidenschaft 
lebenden Tochter gegenübergestellt Das ewige Lied von Reich- 
tum und Liebe, den beiden feindlichen Mächten, ist von Hardy 
in zwei seiner Pastoralen (Alcie und La Triomphe Samour) 
variiert worden, während die Figur des polternden Alten sich 
auch in Alph^e findet. Bei Guarini sind die Väter ganz andere 
Gestalten — schattenhafte Wesen, ohne Fleisch und Blut. In 
Hardy's Pastoralen wirken jene urwüchsigen Alten um so er- 
frischender, als sie auch nicht die gezierte Sprache der Schäfer 
reden. Kurz, es sind bereits die komischen Alten Moli^re*s, die 
Vertreter der Komödie in der Pastorale. Schon im Pastor fido 
wird einmal der Ton der Komödie angeschlagen; ihrer eigen- 
tümlichen Begabung gemäss mussten die Franzosen das Komödien- 
hafte in der Pastorale mehr hervortreten lassen als die Italiener. 
Hardy zuerst ging hier so weit, dass er sogar den Ausgangs- 
punkt des Konflikts, den Gegensatz zwischen reich und arm, der 
Komödie entnahm und dadurch der italienischen Pastorale in 
Frankreich erst das Bürgerrecht verschaffte. Hüten wir uns in- 
dessen, mit Weinberg (S. 142) das Schäferspiel als einen Vor- 
läufer der bürgerlichen Komödie des 18. Jahrhunderts insofern 
zu betrachten, als darin die sozialen Gegensätze auf dramatischem 
Wege ausgeglichen werden. Das ist nur in der Sylvie der Fall. 
Bis dahin und auch noch nachher musste die Ricognizione zur 
Lösung des Knotens herhalten. Der Zauberei räumt auch Hardy 
einen grossen Platz ein, getreu den Traditionen Montreut' und 
Montchrestien^s. Auch der Verleumder findet sich bei Hardy, 
öfter freilich noch die Verleumderin. Sonst entfernt sich Hardy 
in nichts von dem Tjrpus der italienischen Pastorale, ausser 
durch die Derbheit, auch wohl Gemeinheit seiner Sprache. 
Merkwürdig ist, dass gerade Hardy's letzte Pastoralen, d. h. 
diejenigen, welche er zuletzt drucken Hess — denn die Zeit 



72 E. Dannheisser, 

ihrer Aoffübning ist ja unbekannt — seine schwächsten sind. 
Gering war die Zahl derer, weiche mit Hardy in der Pastorale 
wetteiferten — es sind Des Croix^ Gallardon und Coign6e de 
Bourron. Auch bei ihnen erscheint die italienische Pastorale im 
Sinne Uardy's modifiziert: die Schäferinnen sind nicht spröde, 
die Verleumderin wird oft zum Verleumder. Auch die Komik 
Hardy's fehlt nicht, wohl aber dessen Heldenvater. 

Die Pastoralen Hardy's beherrschen durchweg die Zeit bis 
zum Auftreten Racan's, wie ja Hardy auch die anderen Arten der 
dramatischen Litteratur beherrschte. Er hatte sich ein Publikum 
herahgebildet, das in gewissem Sinne Tout Paris war. Die vor- 
nehme Welt hatte nicht mehr genug an dem Getänzel der mytho- 
logischen Hofballette, und Hardy verstand es auf irgend eine 
Weise, sich bei ihr in Achtung zu setzen. Es war allerdings 
noch nicht die Zeit gekommen, wo man die trefflichste Ode fttr 
ein gutes Theaterstück leichten Herzens hingab: die Theater- 
dichter verbargen ihre Namen; denn diese hatten in der vor- 
nehmen Welt keinen Klang, und das Volk fragt nie darnach. 
Ballettdichtungen erschöpften die Phantasie der höfischen Dichter, 
und höfisch waren sie alle. Der gute Ton erlaubte es wohl, 
Hardy^s Schöpfungen zu sehen und zu beklatschen, nicht aber, 
mit ihm zu wetteifern. Doch in aller Stille bereitete sich die 
Wandlung vor. Drei Bände der AsMe waren 1620 bereits er- 
schienen. Sie legen beredtes Zeugnis davon ab -- und das ist 
hier für uns von besonderer Wichtigkeit — dass D'TTrf6 die 
Schäferspiele der Italiener für seine Aatrie gründlich studiert 
hatte. Auch fttr die Schule Malherbe's ist die Vorliebe fttr das 
italienische Schäferspiel charakteristisch; ist ja doch bekannt, 
dass Malherbe selbst fttr Tasso's Aminba schwärmte. Marie 
de'Medici war, wie wir aus der interessanten, aber für Deutsche 
leider noch nicht zugänglichen Vorrede D'ürf^'s zu seiner ein- 
zigen Pastorale: Süvanire ou la Morte Vive ersehen können, be- 
strebt, diese der italienischen Pastorale günstige Strömung zu 
fördern, und die Astree selbst war ja in hervorragender Weise 
dazu geeignet, die Phantasie der Franzosen zur Erzeugung und 
Aufnahme der Pastorale in die richtige Stimmung zu versetzen. 
Die Kriegsjahre 1620 — 23 waren zu wenig aufregender Natur, 
um die französische vornehme Damenwelt aus dem Halbschlaf 
der „Schäferei'^ aufschrecken zu können. Im Jahre 1622 schien 
die Thätigkeit Hardy's erlahmen zu wollen, und 1623 soll er gar 
schon ganz von der Bühne zurückgetreten sein. Über die Gründe 
seines Rücktritts ist nichts bekannt. Um dieselbe Zeit ungefähr^) 



i) Das Druckprivileg für D'ürfö's Schäferspiel ist vom 2. April 1625. 



Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich, 73 

studierte D'Urf6 die Gesetze der italienischen Pastorale genauer, 
auf allerhöchsten Befehl hin war er gezwungen, sie nachzuahmen, 
wie er selbst in der Vorrede zu seiner Süvanire sagt Er, 
der Dichter der Astr^e, schien jedenfalls der Berufenste za 
sein, die Pastorale in einer Weise zum Drama zu gestalten, dass 
auch die französische vornehme Welt sich und ihren Geschmack 
in höherem Grade darin wiederfand, als es in den Pastoralen 
Hardy's der Fall war. Wir werden sehen, wie D'ürfö seine 
Aufgabe löste. Vorerst müssen wir der dramatischen Wirksam- 
keit Th^ophile de Viau's gedenken, unter dem Vorbehalte a^er- 
dings, dass für dessen einziges Theaterstück, Pyrame et Tkishi^ 
eine Tragödie, die Abfassungszeit noch nicht genau bestimmt 
werden kann. Warum entzog gerade er sich dem Zuge der Zeit 
nach der Pastorale? Die näheren Umstände, unter denen Pyrame 
et Thishe in die Litteratur eintrat, sind unbekannt. Thöophile, 
der Dichter der vornehmen Welt, schreibt eine Tragödie, viel- 
leicht gar zu einer Zeit, als Hardy noch nicht seine letzte Szene 
geschrieben hatte. Wenn wir nur wttssten, wo das Stück zuerst 
aufgeführt wurde! Einem Manne, wie Th^ophile, können wir 
wohl die Kühnheit zutrauen, dass er mit Verachtung aller gesell- 
schaftlichen Rücksichten als dramatischer Dichter im Wettkampf 
mit dem von ihm so aufrichtig bewunderten Hardy aufzutreten 
wagte. Ton und Stil des Pyrame sind zwar offenbar auf das 
vornehme Publikum berechnet, aber dieses nämliche Publikum 
konnte auch Hardy noch Geschmack abgewinnen, als Jean 
de Mairet's Pastorale Sylvie zum erstenmale aufgeführt wurde 
(1626). Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass, was schon 
Ebert (Entwickelungageschichte, S. 194) behauptete, Thöophile 
auf Anregung Hard/s für dessen Bühne schrieb. Als Pyrame 
im Jahre 1625 oder 1626 bei Hofe aufgeführt wurde, traf er, 
wenigstens dem Inhalte nach, nicht den Geschmack des Hof- 
publikums, das damals im Theater nur angeregt, nicht aufgeregt 
oder gar bis zu Thränen gerührt sein wollte.^) Als Thöophile 
das Stück aber schrieb, war die vornehme Welt vielleicht noch 
mehr an die kräftigere dramatische Kost Hardy's gewöhnt. Wir 
können also daraus nicht schliessen, dass Th^ophile mit Absicht 
dem Geschmacke seines Publikums an der Pastorale keine Rech- 
nung getragen habe; denn wir wissen nicht, ob die Pastorale 
überhaupt schon Modeschauspiel war, als er seine Tragödie 
schrieb, die vielleicht immer eine crvac für den Geschichtschreiber 
des französischen Theaters bleiben wird. 



^) Vgl. den Brief Thdophile's an Vall^e in AUeaume, (Euvres de 
Theophile, t. II, p. 422. 



74 E. Dannheisser, 

§ 3. Racan. (Gegen 1624.) 

Auf den ersten Blick mnss es nns befremdlich erscheinen, 
dass aus der Schale Malherbe's ein so bedeutender Dramatiker 
wie Racan hervorging. Denn weder Malherbe noch sein Schüler 
Maynard hatte irgend welches Verständnis flir die Erfordernisse 
eines Dramas. Noch in späten Jahren hat Racan erzählt, welche 
vortrefflichen Ratschläge ihm Malherbe nnd Maynard gegeben 
hätten.^) Zum Glück fiel es ihm nicht ein, dieselben zu befolgen. 
Deip Zuge der Zeit nach der Pastorale hat sich indessen Mal- 
herbe nicht verschlossen. Bezeichnender Weise wählte er die 
Form der Ekloge, um seine platonische Liebe zn Madame 
de Rambouillet zum Ausdruck zu bringen.^) Er liebte nicht bloss 
die paetorale Lyrik, sondern auch das pastorale Drama, den 
Aminia. Racan brauchte nur seinem Meister zu folgen, um dahin 
zu gelangen, wohin ihn auch seine individuelle Begabung wies, 
zur Schäferpoesie. Die Gesellschaft, die ihn umgab, war von 
Idyllensucht angekränkelt, dagegen erhob selbst ein Balzac ver- 
gebens seine warnende Stimme.^) Es war wieder Friede im 
Lande. Zudem wusste Racan eine hübsche Hofgeschichte ,^) es 
galt, bekannte Persönlichkeiten poetisch zu verherrlichen. Dazu 
wählte er aber nicht mehr, wie D'ürf6 und Gombaud, die Form 
des Romans, sondern die des Dramas. Da die Komödie da- 
mals aber noch nicht ihre Auferstehung gefeiert hatte, bot sich 
die Pastorale als einzig mögliche dramatische Form dar. Znm 
zweitenmale hatte sich, nach Th^ophile's Vorgange, ein durch 
seine sonstigen poetischen Werke berühmter Mann der drama- 
tischen Muse angenommen. Wann aber drangen die Bergeries 



^) Malherbe et Maynard estoieni cPavis de couper le sens des vers 
de suiie de quatre vers en quatre vers; mais moy, qui me suis toujours 
öppose iant que fay pu aux gesnes oü Ton votuoit meiire noire poe'sie, 
je rCy ay jamais su consenUr et me sembloit que ce seroÜ faire des 
stances et non des vers de suite» (Brief Racan's an Chapeiain vom 
25. Oktober 1654. Tenant de Latour, (Euvres rftf Racan, t. L, p. 352) und: 
Vous proposätes aussy ä M, Chapeiain si Fon estoit oblige, aux vers de 
tkeätre eomme aux €tutres vers de suite, de fermer le sens avec la ryme, 
M. de Matherbe m*ordonnoit de le fermer de quartre en quatre, mime en 
ma pastareUe, Cette grande justesse me sembloit ridicule quand festois 
ohUge de de'crire des passions violentes et desordonne'es. (Brief nacan^s 
an Manage vom 17. Oktober 1654. Latour I, p. 856.) 

^ Vgl. meine Studien zu Jean de Mairefs Leben und Wirken, 
Münchener Dissertation, 1888. S. 74 ff. 

8) Brief Balzac's an Bacan, 8. September 1628 (?), Folio-Ausgabe 
der Werke Balzac's, t. I, p. 108, 

^) Üeber Zeitbestimmung und Entstehung der Bergeries vgl. meine 
Mairei-Studien, S. 67 ff. 



Zur Geschichte des Sehafisrspiels in Frankreich. 75 

Racan's zum ersten Male vom H<tfe, für den das Stüok ^esohrieben 
wurde, in die Stadt? Das» an dem Tage, wo die Bvrgeiries oder 
Th^ophile's Tragl5die zum erstenmale auf einer öffentliehen Pa- 
riser Bühne aufgeführt wurde, der Name des Dichters aneh auf 
dem Theaterzettel stand, ist nattirlieh; denn er zog. 8orel, der 
die hier angedeutete Thatsaohe erwähnt, sagt, das sei g^en 
1625 gewesen. Diese Stelle ist bis jetzt von fast allen Litterar* 
historikem angeführt worden,^) ohne dass man hervorgehoben 
hätte, inwieweit die von Sorel gegebene Jahreszahl 1625 von 
den bisher für die in Rede stehenden Werke angenommenen 
Daten (1617, 1618, 1621 ete.) abweicht Kann aneh die An- 
gabe Sorel's keinen Anspruch auf absolute Genauigkeit machen, 
so ist deren annähernde Richtigkeit eine schwerlich mehr zu be* 
streitende Thatsache. Mit den Bergeries (1623 oder 1624) beginn 
eine neue Epoche für das französische Theater. Ob der Rück- 
tritt Hardy's zu dieser Wendung der Dinge in irgend einer Be- 
ziehung, dann in welcher, der von Ursache oder Wirkung, steht, 
wird schwerlich festgestellt werden können. Ebensowenig iässt 
sich die Behauptung Ebert's erweisen, dass Raoan das „Reich 
Hardy's erschüttert habe^. Denn die Prodnktionskraft Hardy's 
war schon gelähmt, als Raoan die Bühne betrat (1628 oder 1624), 
und nach der jetzt üblichen Zeitbestimmung der Bergeries (1618) 
hätte ja Hardy noch fUnf Jahre nach Racan's Auftreten die Btthne 
beherrscht Zweifellos wurden noch einige Jahre nach der ersten 
Aufführung der Bergeries Hardy's Stücke auf der nämlichen 
Bühne gern gesehen, wo Racan's Bergeries gespielt wurden. Das 
bestätigt nicht bloss Jean de Mairet, ^) sondern auch Georges de 
Scudery in der Com^die des OomSdiens. Wir haben gesehen^ 
welche Form die Pastorale unter Hardy's Hand angenommen 
hatte. Kann es uns auch nicht einfallen, die Bergeries , ihrer 
künstlerischen Gestaltung nach, mit den Pastoriüen Hardy's zu 
vergleichen, so müssen wir doch andererseits darauf hinweisen, 
dass die Bergeries ihrem Inhalte nach den Einfluss Hardy's 
nicht verleugnen können. Racan nennt in seinem Briefe an Mal- 
herbe,^) dem einzigen seiner Art, die Italiener seine Meister, die 
er nicht erreichen könne, und die Nachahmung Guarini's bemerkt 
auch der allerflüchtigste Blick: der Hymnus auf das goldene Zeit- 
alter, die Jeremiade über die strengen Gesetze der Ehre, die 
aufdringliche Liebhaberin, der Satyr, das Wiedererkennen des 
durch eine Überschwemmung verlorenen Sohnes — Racan hätte 

^) Ebert, Entwickelungsgeschichte, S. 187, führt sie wörtlich an. 
^ Epistre famüiere sur le Cid. Parfaict, Eüsi. du iheätre franc., 
t. IV, 288. 

*•) (Euvres, ed. Latour I, p. 16. 



76 E. Dannkeisser, 

wahrlich nicht erst zu sagen brauchen, dass er die Italiener ge- 
lesen. Aber Arth^nice ist nichts weniger als eine spröde Ama- 
ryllis, sie lässt sich nur zu sehr den Hof machen. Die erheuchelte 
oder wirkliche Sprödigkeit der Schäferinnen hat Racan, ebenso 
wie Hardy, aus seiner Pastorale verwiesen. Entgegen dem Ge- 
brauch der hervorragendsten Italiener dient auch bei Racan die 
Zauberei dazu, die Verwickelung herbeizuführen, wobei der Sinnen- 
kitzel nicht vermieden wird. Die Verleumderrolle spielt auch 
bei Racan ein Mann, denn auch Racan versucht, alle Frauen- 
gestalten möglichst sympathisch erscheinen zu lassen. Das Motiv 
des Konflikts ist bei Racan eigentttmlicherweise ein doppeltes. 
Zuerst bildet die Habsucht des Vaters, später ein religiöses Be- 
denken das Hindernis, welches sich der ehelichen Verbindung 
der liiebenden entgegenstellt. Die Eigenart Guarini's ist hier 
mit derjenigen Hardy's so verquickt, dass die Schärfe der Gha- 
rakterzeichnung unbedingt Not leiden musste. Der Vater der 
Arthönice ist bald der habsüchtige Komödienvater Hardy's, bald 
wieder, besonders am Schlüsse der Bergeries, sympathisch, wie 
Titiro oder Montane im Pastor fido. Der von Sil6ne hie und 
da angeschlagene derbe Ton erinnert an Hardy's ürwttchsigkeit, 
während in der Art der GefOhlsschilderung Racan entschieden 
den Italienern näher kommt als Hardy. Bezeichnend ist, dass 
Racan sein Stück gar nicht drucken lassen wollte, er fürchtete 
die Kritik des pays latin (Brief an Malherbe), und es war ja nur 
für die Aufführung geschrieben, vorerst nur für den Hof und 
die dortige Gesellschaft geschrieben (Brief an Malherbe) — ein 
modernisiertes Odi profanum vtdgus. Können wir auch nicht 
zugeben — besonders mit Hinblick auf Hardy's Pastoralen — 
dass, wie es jetzt Mode zu sein scheint, anzunehmen, die Pastorale 
das Privileg der vornehmen Klassen der Gesellschaft gewesen 
sei, finden sich sogar bei Racan Ausdrücke, welche nicht auf 
diese Klasse des Volkes berechnet zu sein scheinen — Racan 
hat nach eigenem Geständnis seine Pastorale nur für. die vor- 
nehmen Klassen geschrieben. Für den Inhalt seines Werkes 
war Racan durch die litterarische Tradition gebunden, der Ton, 
den er wählte, war der aller anderen Litteraturgattungen — die 
Gesellschaft verstand und liebte ihn. Für den Gelehrten vom 
Schlage eines Balzac war die Pastorale ein Unding — sein Ideal 
war die antike Tragödie. Racan sei der rechte Mann für eine 
Reform des Theaters, schreibt Balzac^), obwohl er kein Latein 
kenne, wenn er sich nur entschliessen würde, die ganze Schäferei 
an den Nagel zu hängen. Auf diese Weise wollte Balzac den 



1) Brief an Racan, Folioausgabe I, S. 108. 



Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich. 77 

Erfolg Racan's, den er yoraussab, aasnützen. Aber Balzac's 
Beformgedanken fielen auf unfrucbtbaren Boden. Bis gegen 1627 
blieb die Pastorale der Qualität nach die Beherrscherin der 
Bühnen. Quantitativ konnte sie es allerdings nie werden, was 
die flüchtigste Statistik der in dieser Zeit erschienenen Theater- 
stücke beweisen könnte. Racan's Beispiel konnte nicht be- 
sonders anregend wirken. Neue Stoffe bot die Pastorale wenig 
und, was die Art der Behandlung betrifft, so werden sich wenige 
berufen gefühlt haben, mit dem gefeierten Schriftsteller in die 
Schranken zu treten. Daher wohl die Unfruchtbarkeit auf dem 
Gebiete der Pastorale in dieser Zeit (1623—27). Dass sowohl 
Oombauld als auch D'Urf6, die beide in inniger Beziehung zum 
Hofe gestanden, sich auch auf dem Gebiete des Pastoraldramas 
versuchten, ist ein Beweis für die Beliebtheit desselben in jenen 
Kreisen. Das pastorale Element hatte nun alle Zweige der Lit- 
teratur durchsetzt — von der Astrie war man zu den Bergeries 
gekommen, d. h. in den Schriftstellerkreisen, welche die Poesie 
nicht wie Hardy als Handwerk betrieben. Aber welcher Unter- 
schied zwischen der Astrie und den BergerieSy ein grösserer 
Unterschied noch als die Eigentümlichkeit der beiden Dichtungs- 
arten bedingt: schon D'Urfi6 sah ein, dass auch, dem Inhalte 
nach, ein Pastoraldrama anders beschaffen sein müsse als ein 
Pastoralroman. Hardy's Schäferspiele sagten ihm das noch ein- 
dringlicher als die der Italiener. D'Urfö's Süvanire ist teilweise 
nach Hardy's Rezept gearbeitet. Es sind echte Bauern, die hier 
vorgeführt werden, keine verkappten Königssöhne und Aristo- 
kraten, wie in der Astrie. Die Sprödigkeit der Astrie findet 
sich in den besten französischen Pastoralen nicht, und nach der 
Gestalt des Hylas sucht man bis 1627 auch vergebens. Die 
unbedingte Herrschaft des Weibes über den Mann konmit wohl 
in der Haupthandlung der Astrie zum Ausdrucke, nicht aber in 
dieser Ausdehnung im Pastoraldrama, wobei ich nur an den 
Typus der aufdringlichen Liebhaberin zu erinnern brauche. Dem 
Bestreben, eigene Erlebnisse oder wenigstens Ereignisse der 
eigenen Zeit darzustellen, begegnen wir, wie in der AsMe^ auch 
im Pastoraldrama (z. B. der ersten Redaktion der Bergeries), aber 
auch schon vor Erscheinen der Astrie, schon bei Montchrestien 
(Weinberg S. 22) und Guarini. Damach sind die von Weinberg 
S. 17 und 59 gemachten Angaben über den Einfluss der Astr^ 
einzuschränken. Sodann kamen die in der Astrie enthaltenen 
Stoffe eigentlich viel mehr der Tragikomödie als der Pastorale 
zu statten; denn rein pastoralen Charakter tragen in der Astrie 
besonders die Haupthandlung, ausserdem aber nur noch die Ge- 
schichte von Cilion et Bilinde und die in jeder Beziehung ver- 



78 E, Dannheisser, 

dltohtige Oesehichte der SilvanirOi Die beinahe in jeder Litte - 
rattufgeschiehte angefahrte Äa&serung von Segrais^) enthält eine 
arge Über^eibung und verleitet zn der Ansieht, alle aus der 
Astr^e genommenen Stoffe seien zu Pastoralen verarbeitet worden. 
Auch die dort angegebene Art der Nachahmnng ist eine Ver- 
keiBnoitg der Sachlage. Trotzdem kann der Einfluss der Astree 
auf das französisebe Sehäferspiel nieht hooh genug angeschlagen 
w^den, nur ist er nicht in Äusserlichkeiten zu suchen« Die 
Veredelung des Tones in der Pastorale ist sicherlich nicht allein 
auf Racan's poetische Individualität zurückzuführen , und erst 
durch die Astrie wurde das französische vornehme Publikum für 
das Sehäferspiel empfänglich gemacht. Wenn Bacan den Schau- 
platz der Handlung nicht mehr nach Arkadien, sondern nach 
Frankreich verlegt, entgegen dem sonstigen Gebrauch der Pasto- 
raldichter, so mag vielleicht hier die AsMe auch bestimmend 
eingewirkt haben. Aber das französische Schäferspiel im ersten 
Stadium seiner Entwickelung, auch noch bei Hardy muss schon 
aus ohronologischen Gründen als unabhängig von der Astree 
bezeichnet werden. Racan hat, wie die italienischen Schäfer- 
spieldichter, in richtiger Selbsterkenntnis nur eine einzige Pasto- 
rale geschrieben, ebenso wie Gombaud, der gefeierte Dichter des 
Endpmion. Mit der Amarardhe Gombaud's (1625?) hält erat der 
raffinierte Guitorismus seinen Einzug in das Schäferspiel, während 
Racan^s Sprache noch verhältnismässig natürlich ist. Was vom 
Inhalt der Amaranthe bekannt ist, lässt vermuten, dass das Stück 
den T3rpU8 der französischen Pastorale nicht verleugnen kann. 
Hatte Racan vermittelst des Schäferspiels einmal dem aus der 
vornehmen Welt hervorgegangenen oder in ihr aufgegangenen 
Dichterkreise die Pforten der Bühne geöffnet, so mussten diese 
Dichter bald das Bestreben verspüren, auch die übrigen drama- 
tischen Dichtungsarten in den Bereich ihrer Thätigkeit zu ziehen. 
Aber hier zeigte sich so recht die dramatische Iitipotenz der 
Racan'schen Dicfatergeneration. Nach 1625 bleibt alles wieder 
stumm wie zuvor^ selbst Hardy hatte die Bühne verlassen. 

§ 4* Mairet. 

Da kam Jean de Mairet, als rettender Geist, wie Malherbe, 
jung, ohne Dichterruf, ehrgeizig, voll Scharfsinn für die Bedürf- 
nisse seiner Zeit — er hatte einen Hauch von Th6ophile's Geist 

1) Pendant pres de 40 ans an a iird presque ious les sujeU des 
pieces de Thääire de /'Asträe et les Föetes se contentoient ordinairement 
de meitre en vers ce gue M, D^TJrfe y fait dire en prose aux person- 
nages de son Roman, Ces pieces-& s*appeloient des Pastorales aux- 
queües les Cptn^ies suecäderent, (Segraisiana, Paris, 1721. S. 145.) 



Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich. 79 

yerspQrt. Mit richtigem Blick oder Gefühle erkannte er, dass 
nunmehr. Dank Racan nnd Th6ophiie, der junge Dichter seine 
ersten Lorheeren auf der Bühne holen konnte, das» Oden 2U 
diesem Zwecke nicht mehr so nötig waren wie früher« Er wagte 
es, sich gleich anfangs dem Publikum als Theaterdichter voran- 
stellen. Da er im Dienste eines so hoch angesehenen Eldelmanns 
stand, wie es der Herzog von Montmorencj war, brauchte er 
nicht zu fürchten, in sozialer Beziehung mit dem alten Hardy 
verwechselt zu werden. Die Vorliebe des Herzogs für das 
Theater — widmete ihm doch Hardy den ersten Band seiner 
Werke — mag vielleicht anch nicht ohne Einfluss gewesen sein« 
Kurz, Mairet war, nach Hardy, wieder der erste Dichter, der 
gleich von vornherein seinen Ruhm einzig und allein 
dem Theater verdankt. Diese Thatsache ist bis jetzt noch 
nicht genügend hervorgehoben worden. Dass Mairet sich nicht 
mit einer Pastorale, sondern mit einer Tragikomödie (Chrisüde 
et Arimant) einführte, ist bezeichnend für seine hervorragende 
dramatische Begabung, vielleicht auch für seine kluge Berechnung. 
Nach dem grossen Erfolg der Bergeries konnte Mairet als An- 
fänger nicht hoffen, mit einer Pastorale gleich durchzudringen. 
Er versuchte, das vornehme Publikum nun auch für eine Tragi- 
komödie zu gewinnen, indem er, wie alle seine Zeitgenossen, 
den Ton des Marinismus anschlug. Der Erfolg scheint hinter 
den Erwartungen zurückgeblieben zu sein; denn Mairet Hess die 
GhrisSide erst spät selbst drucken. Aber einmal von der Hoff- 
nung auf Theatererfolge berauscht, versnobte Mairet zum zweiien 
Male das Glück der Bretter mit einer tragi-comSdie-pastoralef 
der Sylvie (1626). Den ungeheueren Erfolg dieses Stückes be- 
zeugt noch Rotrou^)« Die Bedeutung der Sylvü für die Ge- 
schichte des Schäferspiels liegt schon in diesem Erfolge; wir 
haben nach den Gründen desselben zu forschen. Der geistreiche 
Saint- Marc -Girardin sagt, die Mischung von amnntigen nnd er- 
habenen Szenen sei das Neue an dem Stücke gewesen.^) Schon 
sein Titel musste etwas Neues bedeuten, denn die Bezeichnoftg 
tragt -comidie-pastorale, finden wir vor der Splvie in keinem 
französischen Drama von irgend welcher Bedeutung. Dass 
von Mairet eher als von Racan der Ausspruch Balzac's gilt, er 
sei zu pathetisch für die Pastorale, ersehen wir aus seiner 
ChrisSide, War des Dichters erstes Werk keine Pastorale, 
so ist es interessant, zu beobachten, wie er sich in seinem 

*) Je faisois Amaranthe ou Chris ou Sylvie, 
Et de mes aciions la cour esioit ravie. 

(Rotrou, Naufrctge Heureux, A. III, Sz. 8.J 
3) Cows de lectures dramatiffses, t. III S. 237 ff. 



80 E. Dannheisser, 

zweiten Werke mit dem dramatischen Oenre der Pastorale ab- 
findet. Inwieweit er die Italiener studiert hat, lässt sich für die 
Sylvie nicht erweisen, wohl aber, dass dieses Werk sich in vieler 
Beziehung an Racan und Th^ophile's Drama anlehnt. Der Typus 
der von Hardy geschaffenen, und von Racan weiter entwickelten 
und zu grösseren Ehren gebrachten französischen Pastorale 
ist auch von Mairet beibehalten worden; denn der Verleumder 
und der urwüchsige Vater finden sich auch in der Sylvie, und 
die Hauptheldin hat trotz aller Naivität einen Anflug von welt- 
männischer Klugheit wie Arth^nice. Keine der auftretenden 
Personen, selbst der diplomatische Kanzler nicht, wagt es, die 
echte, wahre Liebe auf die falsche Wage der Vernunft zu legen. 
Die Sprache des Stückes bedeutet den Bergeries gegenüber 
sogar einen Rückschritt, denn die Zahl der Pointen ist bei 
Mairet viel grösser. Und doch, trotz teilweisen Festhaltens an 
der litterarischen Tradition, welch gewaltiger Fortschritt vom 
dramatischen Standpunkte aus! Das vernichtende Urteil Par- 
faict^s über die Sylvie kann nur der gutheissen, welcher die 
Litteraturgeschichte zum Paradefelde ästhetisierender Gemein- 
plätze macht. Mairet hat, bewusst oder unbewusst, darnach ge> 
strebt, die Pastorale durch Zuführung von neuen stofflichen 
Elementen wieder mit frischer Lebenskraft zu erfüllen. Ein 
Prinz liebt eine echte Schäferin, nicht eine verkleidete oder 
später als Aristokratin wiedererkannte Schäferin. Der Gegen- 
satz zwischen Hof- und Landleben dient in der Sylvie nicht 
mehr, wie bei den vorhergehenden Pastoraldichtern, bloss 
zur Koloratur, sondern er bildet den Grundton und das 
Leitmotiv des Stückes, den Ausgangspunkt der Verwickelung. 
Th61ame will von den Damen seines Hofes nichts wissen und 
liebt ein echtes Bauernkind. Den Gegensatz von Th6lame's 
Schicksal zu dem Florestan's hebt das Grundmotiv in recht 
dramatischer Weise hervor. Florestan hat das Glück, dass seine 
Geliebte eine Königstochter ist und gibt seiner Freude darüber 

Ausdruck: 

Pmsqu*eüe est comme moy, dCune royaie iige, 
Uhonneur ä la servir davantage nCoUige. (I, 1.) 

Und doch kann er erst dadurch zum Ziele seiner Wünsche ge- 
langen, dass er den auf Th^lame lastenden Bann des Schicksals 
löst, ein Zug echter poetischer Gerechtigkeit. Das Wiederer- 
kennen, wie es bei Guarini, Hardy und Racan zur gewaltsamen 
Lösung des Knotens verwandt wird, hat Mairet in rühmenswerter 
Weise in der Süvie sowohl als in der Sävanire verschmäht — 
auch ohne dasselbe kommt die Liebe zu ihrem Ziele. Selbst 
die Wahl der teilweise ländlichen Szenerie entspringt aus dem 



Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich. 81 

Grundmotiv des Stückes — der Fürstensohn mnss seine Liebe 
verbergen und seine Schäferin in den abgelegensten Ecken ihres 
Thaies aufsuchen. Wie in allen französischen Pastoralen 
spielt auch in der Sylvie die Zauberei eine grosse Rolle, nur 
mit dem Unterschiede, dass sie bei Mairet dem bisherigen Ge- 
brauche entgegen, nicht dazu dient, um die Verwickelung, 
sondern die Versöhnung der widerstrebenden Interessen herbei- 
zuführen. Die Verwickelung andererseits geht in einer Weise 
vor sich, wie sie anmutiger, poetischer und dramatischer nicht 
gedacht werden kann. Zugleich ist diese Szene die einzige in 
in der Sylvie, welche echt pastoralen Charakter trägt, ohne 
aber nach der herkömmlichen Schablone ausgearbeitet zu sein 
(III, 2). Natürlich hat auch Mairet wie Hardy und Racan darauf 
verzichtet, die Sprödigkeit der Hauptheldin den Italienern nach- 
zumachen. Sylvie sagt Thi61ame, dass sie ihn liebt, sie weiss 
auch, dass er ein Fürstensohn ist. Niemals hat vor Mairet ein 
Pastoraldichter versucht, das Glück zweier einander angehörenden 
Seelen zu schildern, geschweige denn so zu schildern, wie Mairet 
es gethan. Selbst bei Racan wird nur von Liebesleid, nie aber 
von Liebesglück gesprochen. Arth6nice tri£ft mit ihrem Geliebten 
Alcidor überhaupt nicht zusammen, bevor die List des Lucidas 
den Bruch herbeigeführt hatte. Ebenso ist es bei den Italienern; 
denn der Schmerz ist leichter darzustellen, als die Freude. Die 
Empfindungen und Gedanken, welche auf die ihres Geliebten 
harrende Sylvie einstürmen, sind der Ausdruck des reinsten Ge- 
ftthlsoptimismus, ein Stimmungsbild von vorher im Pastoraldrama 
nie gekannter Wahrheit. Diese Szene gehört zum besten, was 
Mairet je geschrieben (Sz. I, 2). Woher Th61ame's Liebe zu 
Sylvie kommt, brauchen wir nicht zu wissen, die einfache That- 
sache genügt. Während uns in den bedeutendsten italienischen 
Pastoralen und auch noch bei Racan mit unbarmherziger Aus 
führlichkeit die Entstehung der Liebe erzählt, ja gewissermassen 
motiviert wird, geht Mairet von dem Standpunkte aus, dass die 
Leidenschaft keinerlei Legitimation oder Heimatsscheins bedarf. 
Ebensowenig braucht sich Th^lame durch eine besonders ver- 
dienstvolle That seine Sylvie erst zu Dank zu verpflichten, um 
ihrer Liebe sicher zu sein — Notzucht und Satyr haben deshalb 
in der Sylvie keinen Sinn. Schon die Verbannung des Satyrs 
aus der Pastorale — auch in der Süvanire kommt er nicht vor — 
wäre eine verdienstvolle That Mairefs gewesen, die ihm allein 
einen Platz in der Geschichte dieser Dichtungsart sichern würde. 
Auch in der Charakterzeichnung macht sich gegen Racan ein 
Fortschritt bemerkbar. Sylvie ist naiv und optimistisch, aber die 
kluge, durch fremden Schaden gewitzigte Hüterin ihrer Jung- 

Zschr. f. firz. Spr. u. Litt. Jlh t^ 



82 E, Dannheisser, 

fräulichkeit, obwohl sie weiss, dass Th^lame mehr möchte, als 
Worte der Liebe. Auch mag die List Phil^ne's ein Stachel des 
Misstrauens in ihr zurückgelassen haben. Mit ihrem Geliebten 
verkehrt sie, wie wenn er ihres Standes wäre — die Liebe 
macht die Menschen einander gleich. Erst nach der List Philöne's 
redet sie Th^lame mit voua an, aber nicht lange. Gegen ihre 
Eltern ist sie voll Achtung, ohne die Rechte ihres Herzens des- 
wegen aufzugeben. Sobald sie sich in ihrer Liebe betrogen sieht, 
kennt sie keine Zurückhaltung oder Verstellung mehr, wie 
Arth6nice — sie nennt ihre vermeintliche Nebenbuhlerin j^cour- 
tisane.^ Später jedoch stellt sie sich gegenüber Th^lame, als 
ob ihre Eifersucht nur erheuchelt gewesen sei, ein Zug, welcher 
das Charakterbild entstellt. Auch Dorise gegenüber, auf die sie 
doch eifersüchtig sein muss, weiss sie sich klug zu verstellen. 
Überhaupt ist hier anzumerken, dass sich die Eifersucht in 
der Pastorale beinahe immer nur derjenigen Person gegenüber 
Luft macht, wegen der, nicht aber derjenigen gegenüber, auf 
die man eifersüchtig ist. Höchst liebenswürdig und anziehend 
ist der Charakter der Mac6e, Sylvie's Mutter, gezeichnet. Kein 
Pastoraldichter vor Mairet hat uns die Gestalt einer älteren Frau 
so sympathisch zu machen gewusst, wie er. Meistens gut ge- 
lungen ist Mairet auch der Ton der Ironie, der in dieser Weise 
in der Pastorale zum ersten Male auftritt. Selbst der alte, ur- 
wüchsige Dämon wird ironisch, und Sylvie straft den heim- 
tückischen Phil^ne nur durch ironische Bemerkungen. Wir 
könnten uns fast in die Charakterkomödie versetzt glauben, wie 
ich überhaupt der Ansicht bin, dass in einer Geschichte der 
Komödie die Sylvie auch ein Plätzchen verdient, denn der 
pastorale Teil der Sylvie ist mit ebensoviel Recht als komödien- 
haft zu bezeichnen, wie Corneille's Melite, die Ebert eine zur 
Komödie geratene Pastorale nennt. Der Fortschritt, den die 
Sylvie für die Charakterzeichnung bedeutete, führte die Pastorale 
mehr gegen die Richtung der Komödie als gegen die der 
Tragödie. Hat auch Mairet noch alle Unarten des Mariuismus 
beibehalten, ist es ihm auch nicht gelungen, alle Glieder seiner 
Pastorale zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen, so ver- 
dankt doch die Pastorale der Sylvie zum allermindesten die 
Befreiung von dem Satyr und dem Chor, den Racan noch als 
unvermeidliches Anhängsel mit sich schleppen musste. Die Em- 
pfindungen werden bei Mairet auch nicht mehr in Liedern, wie 
bei Racan, sondern in Monologen ausgedrückt. Die einzig lyrische 
Partie in der Sylvie ist das Zwiegespräch zwischen Phil^ne und 
Sylvie, dessen kreuzweise gereimte Verspaare und widerlich ge- 
spreizte Sprache es sofort als Ekloge erkennen lassen, was weder 



Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich, 83 

von BizoB Doch von Weinberg bemerkt worden ist. Diese Ekloge 
mnss bei ihrem Erscheinen Aufsehen gemacht haben. Man hielt^) 
Mairet nicht für fähige etwas so Ausserordentliches zu schreiben, 
und Fontenelle gedenkt später noch lobend dieses Gedichts. 

War die Sylvie das Werk eines wenigstens nach stoff- 
licher Selbstständigkeit ringenden Geistes, so mnsste, da sich 
erfahrungsgemäss der litterarische Nachahmungstrieb mit Vorliebe 
der stofflichen Seite der Produktion bemächtigt, gerade die Sylvie 
von grösstem Einflüsse auf die Gestaltung der Pastorale werden. 
Die Annäherung an das stoffliche Element der Tragikomödie 
seitens der Pastorale bedeutet das Aufgeben ihrer litterarischen 
Selbstständigkeit, den Beginn des Auflösungsprozesses, den die 
Sylvie angebahnt. Wir brauchen nicht mit Fonmel (La LätSra- 
iure inddpendante S. 227) anzunehmen, dass gerade der Berger 
extravagant von Sorel die Pastorale zu Fall gebracht habe. 

Zuerst äussert sich der Einfluss der Sylvie in der Beliebt* 
heit, deren sich die Bezeichnung Tragi- coToedie-pastor ah erfreut 
zu haben scheint. Vor der Sylvie war diese Bezeichnung wenig 
gebräuchlich, nach 1626 wenden sie De la Croix und Pichou 
ohne Bedenken an, auch da, wo sie gar nicht entsprechend ist, wie 
bei Pichou's Filii de Scire. Auch das unzüchtige Werk Veron- 
neau's (Weinb., S. 129) nennt sich tragi-comidie-pastorale, wäh- 
rend Du Rocher (ih,) sich in der Bezeichnung pastorale comiqtie 
gefällt. Selbst Tasso's Aminta muss sich in der Bearbeitung 
Rayssiguier's tragi-comedie-pastorale nennen lassen. Die unmittel- 
bare, organische Verbindung der Schäferwelt mit dem Hofe, das 
Charakteristikum der Sylvie, tritt zuerst in der bedeutendsten der 
auf Sylvie folgenden Pastoralen, der Climhie von De la Croix 
hervor. Dieses Stück erscheint, wie schon Weinb. S. 117 her- 
vorgehoben, auf den etsten Blick als Nachahmung der Sylvie, 
Dass wir es hier, ebenso wie in der nachher zu erwähnenden 
Cleonice nicht mit geborenen Schäfern und Schäferinnen zu thun 
haben, beweist, dass, Mairef's. Thüame ein kühner GriflF war, 
den man nicht ganz genau nachahmen konnte oder wollte. Aber 
die Hauptwirkung der Sylvie bleibt ungeschwächt — die Pasto- 
rale segelt im Fahrwasser der Tragikomödie fort. Der Satyr 
kehrt nach der Sylvie in den besten Pastoralen nicht mehr wieder 
— D'ürfö's Silvanire ist ja vor Sylvie verfasst. Auch der Chor 
ist überflüssig geworden — Climhie sowohl als auch OlSoniee 
gaben, wie Sylvie, einen Teil des Pastoralt jpus auf. Diese Er- 
scheinung hat auch Parfaict, wenngleich nicht ganz klar, hervor- 



*) Re'ponse de *** ä ***. Vgl. Corneille, CEuvres, p. p. Marty- 
Laveaux t. III, S. 72. 



84 E, Dannheisser, 

gehoben, ohne aber einen Erklärungsversuch za wagen (IV, 401). 
Weinberg registriert nur das Urteil seines Gewährsmannes. Er 
nimmt auch an, Climhne sei eine Nachahmung von Mairet's 
Silvanire. Ist aber die von Parfaict für Climhie angegebene Jahres- 
zahl richtig, was allerdings noch zu erweisen ist, so werden wir 
in Climhie eine Nachahmung der D'Urf6'schen Pastorale zu 
suchen . haben, worauf auch die Oestalt des verrückten Schäfers 
Lindas hinweist, der mit dem tollen Adraste DXM6'8 manches 
gemeinsam zu haben scheint. Gegen Ende der zwanziger 
Jahre hatte die Pastorale ihre bühnenbeherrschende 
Stellung eingebüsst. Als rein litterarisches Produkt (im 
Gegensatz zu den Schäferspielen Hardy's) hatte sie demnach, von 
162 3, dem frühesten Zeitpunkte des Erscheinens der Betgeries, 
an gerechnet, nur ein halbes Dezennium im Mittelpunkte der 
Theatergeschichte gestanden. Rotrou, Corneille, Scudery und Du 
Ryer schrieben keine Pastoralen mehr, wenngleich sich hie und 
da noch der Einfluss des Schäferspiels in ihren Werken nach- 
weisen lässt. Aus Weinberg's Arbeit könnte man den Eindruck 
gewinnen, als ob das Schäferspiel ungefähr dreissig Jahre lang auf 
der Bühne allmächtig gewesen sei; aber Weinberg hat es leider 
unterlassen, die Machtstellung der Pastorale den anderen Abarten 
der dramatischen Poesie gegenüber zu beleuchten, es fehlt seinem 
historischen Bilde also der Untergrund. Dabei dürfen wir uns 
aber nicht der Täuschung hingeben, als ob die Pastorale nach 
der Climhie y deren Aufführungszeit wir überdies nicht genau 
wissen, ohne Sang und Klang von der Bühne verschwunden sei. 
Das gewiss nicht. 

§ 5. Die Silvanire Mairet's und die italianisierende 

Pastorale. 

1627 erschien endlich D'ürfö's Silvanire im Drucke. Das 
Stück hat gedruckt jedenfalls grösseres Aufsehen gemacht als 
auf der Bühne, auf die es vielleicht nie gekommen war. Es 
hatte den klar ausgesprochenen Zweck, den Franzosen das 
Muster einer getreu nach italienischen Vorbildern gearbeiteten 
Pastorale zu bieten; es war ein theoretisches Experiment, das, 
vom ästhetischen Standpunkte aus betrachtet, wohl die Gering- 
schätzung verdient, die es gefunden — Weinberg z. B. gönnt 
dem Stücke nur eine Anmerkung. Um so interessanter ist das 
Stück für die Entwickelungsgeschichte des Schäferspiels. Gegen 
die Mitte der zwanziger Jahre scheint man in Hofkreisen — und 
diese waren damals schon wie auch später, massgebend — die 
Empfindung gehabt zu haben, als sei eine französische Pastorale 



Zur Geschichte des Schäfej'spiels in Frankreich. 85 

ein ganz anderes Ding wie eine italienische. Vielleicht hatten 
gerade Racan's Bergeries, welche, trotz ihrer beinahe ostentativen 
Annäherung an den Pastor fido, doch den Charakter des national- 
französischen Schäferspiels nicht verleugnen konnten, diese That- 
sache erst recht zu vollem Bewusstsein gebracht. Zwischen der 
Abfassung und Veröflfentlichung von D'ürf6's Süvanire liegt der 
Erfolg der Sylvie, welcher die Klufk zwischen der französischen 
und italienischen Pastorale als nicht ttberbrttckbar erscheinen 
lassen musste. Die Veröffentlichung von D'Urf6*8 Süvanire war 
die erste Wirkung oder die Ursache zur Reaktion gegen die 
Strömung, welche die Pastorale der Tragikomödie und Komödie 
unwiderstehlich zutrieb. Es kam dabei nicht in Betracht, 
dass D'Urf^'s Nachahmung der Italiener sich zumeist an 
Äusserlichkeiten (z. B. den Vers) klammerte, und sein Werk 
dem Inhalte nach in einigen Punkten unwillkürlich der franzö- 
sischen Pastorale entsprach. Von 1627 ab war und blieb 
das Lager der Pastoraldichter gespalten. Reichtum und 
Neuheit der Handlung, wie in der Tragikomödie einerseits, Ab- 
schwenkung nach der Richtung der reinen italienischen, in stoff- 
licher Beziehung wenig mannigfaltigen Pastorale andererseits, 
bildete das Charakteristikum der beiden Parteien, welche sich 
in Bezug auf die Form ihrer Werke wohl auch wieder nahe 
kamen. Der italianisierenden Richtung gehörten Rayssigaier, 
Mar^chal, Du Cros und Baro an, zu der französischen Richtung 
schlugen sich nach dem Vorgange Mairet's: De la Croix, der 
anonyme Verfasser der CUonice, du Rocher und De Veronneau, 
während Pichou sich nach beiden Seiten hin neigt. Es ist 
übrigens vorauszusehen, dass die Nachtreter DTrf6*s, wie dieser 
selbst, schon um des Erfolges willen, der französischen Schule 
auch mit Rücksicht auf den Stoff einige Zugeständnisse machen 
mussten. Dahin rechnen wir zunächst ihre Vorliebe für die 
Filii di Sciro, welche der französischen Anschauungsweise viel 
mehr entsprach als der Pastor fido oder Amintay und zweitens 
das jetzt erst auftretende direkte Zurückgehen auf die Haupt- 
charaktere der AstrScj die, wenn auch nicht immer nach fran- 
zösischen Mustern entworfen, doch wieder echt französische Züge 
aufweisen. Besonders bezeichnend ist die Vorliebe für den 
Charakter des Hylas, die wohl auf die unmittelbare Einwirkung 
D'Urf6's zurückzuführen sein dürfte. Am deutlichsten zeigt 
VAminte du Tasse von Rayssiguier, wie wenig genau man es 
mit der Nachahmung der Italiener nahm. Es sollte eine Über- 
setzung von Tasso's Meisterwerke sein, zugleich aber auch ein 
Stück für die französische Bühne. Die Veränderungen, welche 
an der Pastorale Tasso's von Rayssiguier vorgenommen ¥nirden, 



86 E. Danhheisser, 

sind geradezu charakteristisch fUr die zentrifagale Wirkung^ 
welche das italienische Schäferspiel auf das französische ausühte.^) 
So musste das italienische Schäferspiel in ästhetischer Be- 
ziehung erst herabgewürdigt werden, ehe es die französische 
Btthne betreten konnte. In diesem neuen Oe wände musste es 
aber die Sympathie der Gebildeten verlieren. Da nun auch die 
gegen und in sie dringende Tragikomödie und Komödie die 
ganze Gattung des Schäferspiels zu einem blossen, leicht ent- 
behrlichen Beiwerk erniedrigte, konnte die Pastorale von keiner 
der beiden Parteien dem Untergange entrissen werden. Das 
Interesse an den einfachen Stoffen der Pastorale war ein für 
allemal verloren — die Wirkung dieser Thatsache hätte auch 
die reinste Wiedergabe, die getreueste Nachahmung des italienischen 
Schäferspiels nicht abwenden können. Das einfache Kleid der 
Pastorale erschien nunmehr dem Franzosen langweilig, im reichen 
Faltenwurf der Tragikomödie konnte sie sich aber nicht mit An- 
mut bewegen. Deshalb verschwand sie aus der Sphäre des 
künstlerischen Interesses. Und Mairet nach dem Erfolge seiner 
Sylvie (1626)? Er mag eingesehen haben, dass auf dem mit der 
Sylvie betretenen Wege keine Lorbeeren mehr zu holen seien. 
Es vergingen zwei Jahre, bis er wieder für die Btthne zu arbeiten 
begann. Vielleicht auch wusste Mairet bei der Zerfahrenheit der 
damaligen Theaterverhältnisse nicht, welchem dramatischen Genre 
er sich zuwenden sollte. Auf einmal erscheint auch er von dem 
Strome der Reaktion gegen die von ihm selbst hervorgerufene 
Strömung in der Pastorale ergriffen — mit seiner Sävanire (1630) 
hatte er sich dem italianisierenden Schäferspiel in die Arme ge- 



1) Tasso Akt I = Rayssiguier Akt I. Prolog und Chor fallea 
weg. Die Worte des Chors bei Tasso legt Rayssiguier verschiedenen 
Personen in den Mund. 

Tasso II, 1, 2, 3 = Rayssiguier II, 3, 4, 5. Hinzugedichtet ist 
von Rayssiguier in diesem Akte: 1) Szene 1: Dialog zwischen Ergaste 
und Elpin. 2) Die Liebe Elpin's zu Närine, die ihn wegen seiner 
Armut verachtet. Elpin's Schicksal ist die Darstellung eines Er- 
eignisses aus des Dichters eigenem Leben. Also fügte Rayssiguier drei 
Szenen hinzu. 

III. Akt. Das Baden der Sylvie und der Oberfall des Satyrs 
werden nicht, wie bei Tasso bloss erzählt, sondern in Szene gesetzt. 

IV. Akt Rayssiguier'«. Entspricht im ganzen der Vorlage. 

V. Akt Rayssiguier's. Die Erzählung des Nunzio bei Tasso wird 
in Szene gesetzt und liefert den Stoff zu drei Auftritten. Hinzu kommt 
die Klage der Sylvie über den Tod Aminta's. Es entsprechen sich also : 

Tasso III, 1 = Rayssiguier's ganzer dritter Akt. 
« III, 2 = „ IV, 1, 2. 

« IV, 1 = „ IV, 3. 

„ IV, 2 = „ V, 1 und 2. 

n V, 1 = « V, 3, 4, 5, 6. 



Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich. 87 

worfen. Der innere Widerspruch löst sich leicht. Mairet war 
(162J7) mit den vornehmen Kreisen in gesellschaftliche Verbindung 
getreten. In diesen Kreisen wird man es besonders schmerzlich 
empfunden haben ^ dass die Pastorale aus der Art geschlagen 
war und nach Form und Inhalt ihre Abstammung verleugnete. 
Der Graf von Carmail und der Kardinal de La Vallette hielten 
den Dichter der Sylvie für den geeigneten Mann, dem Verfalle 
der Pastorale zu steuern. Wahrscheinlich selbst durch D'Urfe's 
Süvanire angeregt, bestimmten sie Mairet, eine Pastorale nach 
den Regeln der Italiener zu schreiben.^) Dabei wurde wahr- 
scheinlich nicht ausgesprochen, dass die erwünschte Pastorale 
auch inhaltlich den italienischen Vorlagen entsprechen solle — 
vorerst sollte nur die Form dieselbe sein und dadurch sollten 
die litterarischen Feinschmecker wieder fUr das Schäferspiel ge- 
wonnen werden. Äusserliche Mittel wurden also vorerst und 
vornehmlich zur Regeneration in Aussicht genommen. Um so 
besser, wenn es Mairet zugleich auch verstand, durch den Stoff 
des Stückes die Wirkung desselben zu erhöhen. Dass Mairet 
dem an ihn gestellten Ansinnen Folge leistete, ist kein Beweis 
für seine künstlerische Abhängigkeit — seine Muse war eben zu 
lange für ihn unfruchtbar geblieben. Ich möchte aber fast be- 
zweifeln, ob er mit Lust und Liebe an die Arbeit ging. Wohl 
muss ihn die gehobene Stimmung eines Reformators ergriffen 
haben; denn vor ihm hatte kein Pastoraldichter der italiani- 
sierenden Richtung es versucht, den Schwerpunkt des Interesses 
in die Form zu legen. Mairet that aber des Outen zu viel. 
Er kam dem ihm zu teil gewordenen Auftrag pünktlich, aber 
auch wörtlich nach, wie einer, der eben nur seine Pflicht und 
nicht mehr thun will. Das Irrlicht der dramatischen Theorien 
tanzte vor ihm her, und so verlor er den Weg zum Herzen seiner 
Zuhörer. Dass es ihm gar nichts galt, auch stoffliches Interesse 
zu erwecken, wird schon durch die Wahl des Stoffes bewiesen, 
der ja seinen Zuhörern, sei es aus der ÄstrSe, sei es aus D'ürf6's 
Pastorale bekannt sein musste. Allerdings erlaubte sich Mairet 
einige Abstriche. Der Satyr wurde von Mairet ebensowenig auf 
die Bühne gebracht, wie der verrückte Adrast. Die Nachahmung 
der Italiener wird auch durch die Bezeichnung tragi- comedie- 
pastorale angedeutet, die sich bei D'Urf6 nicht findet und die, 
besonders wenn man die Sylvie betrachtet, ebensowenig Berechti- 
gung für Süvanire wie für den Pastor fido hat, denn beide haben 
mit der Tragikomödie nichts gemein.* Was half es Mairet, dass 
er D'ürf6*8 versi sciolti durch den Alexandriner ersetzte, dass 



^) Vorrede zur Süvanire Mairet's. 



88 E. Dannheisser, 

er, wie D'ürf6, die von Hardy und seinen Vorgängern einge- 
führten echt französischen Zuthaten zur Pastorale beibel^ielt? 
Kaum halten wir es für möglich, dass der Dichter der Sylvie 
so verschwommene Gestalten schaffen konnte, wie sie sich in der 
Silvanire finden. Da fehlt jede energische Charakteristik. Alt- 
klugheit tritt an die Stelle der Leidenschaft, unnatürliche Sprödig- 
keit an die Stelle warmer Hingebung. Zum ersten Male hat 
hier Mairet den Chor angewandt und zwar in der allerödesten, 
mattesten Weise. Das ganze Stück ist langweilig, selbst der 
Charakter des liebenswürdigen Hylas verschwindet in einem Meer 
von Gemeinplätzen. Für welches Publikum die Silvanire be- 
rechnet war, erhellt aus der einen Thatsache, dass sie ohne die 
Kenntnis der Astrie nicht zu verstehen ist. Dieses Publikum 
begnügte sich aber nicht mit einem Stücke, dessen einziges Ver- 
dienst auf dem Gebiete der Kunsttheorie zu suchen war — die 
Silvanire hatte keinen Erfolg, und Mairet entsagte der Pastorale 
für immer. Nichtsdestoweniger ist das Stück von hoher Be- 
deutung für die Entwickelungsgeschichte Mairef s. In dem Be- 
streben, auch in ihrer Ausdrucksweise den Italienern möglichst 
nahe zu kommen, reinigt sich Mairet von der Pointensucht, 
welche noch für die Sylvie charakteristisch ist. Weinberges Be- 
hauptung (S. 115), Mairet habe sein in der Vorrede zu Silvanire 
gegebenes Versprechen, die Pointe zu meiden, nicht gehalten, ist 
nur bedingungsweise richtig. Welchen Abstand in dieser Be- 
ziehung zwischen Sylvie und Silvanire! Die Geschichte von 
Mairet' s Silvanire wirft ein hübsches Streiflicht auf die damaligen 
Theaterverhältnisse. Da die Pastorale auch in der Form der 
Silvanire nicht mehr zog, war es kein Wunder, wenn die mit 
Rotrou^) beginnende, heranwachsende Dichtergeneration sich nicht 
mehr um sie kümmerte. Freilich finden sich in der Tragikomödie, 
ebensowohl wie in der Komödie Züge der Schäferspieldichtung, 
die zu sammeln eine dankbare Aufgabe wäre. Fassen wir zu- 
sammen: Nachdem Mairet durch seine Sylvie der Pastorale einen 
neuen Inhalt gegeben, gab er ihr durch seine Silvanire eine 
wenigstens neu erscheinende Form. Der von der Tragikomödie 
erborgte Reichtum der Handlung in Sylvie sowohl, als die durch 
die dramatische Form bedingte Armut der Handlung in Silvanire 
— beides musste zum Verfall der Pastorale, als selbständige 
Gattung des Dramas beitragen, ihn kennzeichnen. Aber die 
scheidende Pastorale hinterliess ein Danaergeschenk — die 



*) Die in der Comedie des Comediens von Scud^ry enthaltene 
kleine Pastorale : VAmour dache par VAmour ist wohl kein von Scudäry 
ernst gemeintes Werk. 



E. Dannheisser, Zur Geschichte des Schäferspiels in Frankreich, 89 

Theorie der dramatischen Einheiten. Von Silvanire bis zu 
Sophanisbe scheint der Weg weit zu sein — an der Hand der 
Regeln ist er bald zurückgelegt. Die Tragödie brauchte sich 
nur in das zurückgelassene Gewand der Pastorale zu kleiden. 
Wer möchte also letztere mit Weinberg eine ^notwendige Ver- 
irrung" nennen? 

E. Dannheisser. 



Bemerkungen über die Correspondanee philo- 
sophique, litUraire et critique (1747—1793). 

INachdem uns der Text der von dem Historiker Raynal 
begonnenen, von Grimm fortgeführten, von dessen Sekretär, dem 
Schweizer Litteraten Meister, beendeten Korrespondenz von M. 
Toumeux vollständig bis Mai 1793 gegeben ist, und manche 
Arbeiten, wie namentlich E. Scherer's Biographie Grimmas, das 
Verhältnis der Redakteure zu jenem Unternehmen in der Haupt- 
sache festgestellt haben, möge uns eine Art Nachlese des früher 
Gesammelten gestattet sein. 

Handschriftliche Korrespondenzen für einen Kreis vertrauter 
Abonnenten, unter der Voraussetzung der Verschwiegenheit, waren 
in einer Zeit, wo die Zensur, auch wenn sie mit der liebens- 
würdigen Rücksicht des Philosophenfreundes Malherbe's gehand- 
habt wurde, oft das beste streichen musste, wo die Verfolgungen 
der Geistlichkeit und Polizei den Autor wegen jedes freien 
Wortes für seine persönliche Freiheit zittern Hessen, dringend 
geboten. Besonders waren sie für diejenigen vornehmen und 
feingebildeten Kreise, welche durch die von schwer durchdring- 
lichem Geheimnis umgebene Form der Francma9onnerie sich sowohl 
gegen die blindgläubige Menge, wie gegen die noch am alten 
Herkommen hängende geistliche und weltliche Aristokratie ab- 
schlössen, ein sehr geeignetes Mittel des Gedankenaustausches. 
Die wenig entwickelte und von Rücksichten mannigfacher Art 
beeinflusste Presse, die erschwerte Zirkulation der Bücher, 
Broschüren und Zeitschriften hätten die neuesten Nachrichten 
über Litteratur, Gesellschaft und Staatsleben ohnehin unvoll- 
kommen und langsam in die Hände der auf alles, was in Paris 
geschah, emsig lauschenden Geistesaristokratie der ausserfranzö- 
sisehen Hauptstädte gelangen lassen, auch der eifrig gepflegten 
brieflichen Korrespondenz durfte man aus Rücksicht auf das 



R, MahrenhoUz, Bemerkungen über die Correspond, philosophique eic, 91 

schwarze Kabinet der Post nicht zu viel anvertrauen. Hier trat 
ergänzend die handschriftliche Korrespondenz ein, welche in be^ 
stimmten Zwischenräumen (etwa von vierzehn zu vierzehn Tagen) 
versandt wurde, bei grösserem Umfange weniger eine peinliche 
Kontrolle gestattete, als Briefe und Zeitungsannoncen, aber auch 
grosse Vorsicht, namentlich in der Anführung persönlicher Ver- 
hältnisse und in der Besprechung politischer Dinge, beobachten 
musste.^) Die letzteren Rücksichtnahmen treten uns in der 
Korrespondenz, deren Besprechung Gegenstand dieser Abhandlung 
ist, von Anfang an entgegen. Namen werden häufig nur durch 
Anfangsbuchstaben angedeutet, persönliche Anspielungen so be- 
hutsam gegeben, dass selbst der Scharfsinn eines Tourneux sie 
nicht immer ermitteln konnte, das wenige, was von Tagespolitik 
überhaupt verraten wird, ist so korrekt und zaghaft, dass es dem 
eifrigsten Zensor keine Gelegenheit zu LFnterdrückungen gegeben 
hätte. In dieser Hinsicht ist zwischen den Berichten des rück- 
sichtsloser schildernden Raynal, des feinen Hofmannes Grimm 
und des mehr ungeniert naturwüchsigen Meister, kein wesentlicher 
Unterschied. So ist die ganze Korrespondenz, vom Jahr« 1747, 
wo sie von Raynal begonnen wurde, bis zum Jahre 1789, wo 
die grosse Revolution die Grundlagen des ancien regime zerstörte, 
zwar ein treues Abbild der Litteratur und Gesellschaft, doch ein 
sehr undeutliches und gefärbtes der Politik und der kirchlichen 
Richtungen. Als dann mit dem Jahre 1789 ein weit schlimmerer 
Despotismus, als der des ancien regime, jede politische, kirch- 
liche, soziale und selbst rein litterarische Äusserung hemmt, 
die nicht in das Schema der liherti und egaliti sich fügte, 
wird die politische Seite der Korrespondenz noch weit dürftiger 
und zurückhaltender. Von den Ereignissen der bewegungsvollen 
Jahre 1789—1793 schildert uns Meister zwar die Eröffnung der 
Nationalversammlung und das Jahresfest des Bastillen sturmes in 
sehr eingehender, lebendiger Weise, aber den Bastillensturm 
selbst) die Beschlüsse der Augustnacht, den Zug nach Versailles, 
das Märtyrertum des Königs, die Septembergräuel (1792), über- 
haupt die politischen, kirchlichen und sozialen Wirren erwähnt 
er nur gelegentlich bei Besprechung von Schriften der Tages- 
litteratur, den Prozess und die Hinrichtung des Königs übergeht 
er ganz. Nur sehr indirekt kann somit die Korrespondenz der 



1) Wurde auch die Korrespondenz auf amtlichem Wege durch 
die Gesandten vermittelt, so fehlte es doch an IndiskretioD nicht. 
M"® GeofFrin schärft dem Polenkönige Stanislas Poniatowski deshalb 
die Geheimhaltuug sehr nachdrücklich ein, als sie um seinen Beitritt 
wirbt, und die unrechtmässige Publikation vom Jahre 1812 zeigt, wie 
wenig geheim die handschriftlichen Berichte blieben. 



92 R. Mahrenfioltz, 

Jahre 1789 — 1793 als ein Abbild der politischen Umwälzung 
angesehen werden, and wären nicht fast alle in ihr besprochenen 
Schriften und Theaterstücke von dem Geiste jener Tage durch- 
lebt, so würden wir über das wichtigste und bedeutendste kaum 
etwas erfahren. Anders steht es mit den Berichten über die 
vorhergehenden zweiundvierzig Jahre (1747 — 1789). Damals war 
die Litteratur, vor Allem die Philosopliie, die tonangebende Macht, 
die Gesellschaft stand mehr im Vordergrunde, als das Staats- 
leben, und da die Schilderung beider nicht so grosse Vorsicht 
erheischte, als die politische Diskussion, so konnten hier die drei 
Redakteure, Raynai, Grimm und Meister, sich mit behaglicher 
Breite über wichtiges und unwichtiges ergehen. 

Wir haben die Korrespondenz zunächst als ein Ganzes auf- 
gefasst und dies um so mehr thun können, als die Anschauung 
und Darstellungsweise Grimmas und seines Redaktionsnachfolger 
Meister sehr viele Berührungspunkte haben und selbst Raynai, 
der eigentliche Begründer der Korrespondenz, manches mit den 
beiden Nachfolgern gemeinsame zeigt. Aber es ist doch wichtig, 
zunächst das Verhältnis der drei Männer räumlich und zeitlich 
abzugrenzen und die Verschiedenheiten in der Chefredaktion, 
welche jeder Wechsel mit sich bringt, hervorzuheben. 

Die Korrespondenz, welche Raynai mit dem 29. Juli 1747 
begann, war zunächst nur für die freisinnige und feingebildete 
Fürstin Louise Dorothea von Sachsen - Gotha bestimmt, und für 
sie allein scheint sie auch bis zum Juli 1755 fortgeführt worden 
zu sein, allerdings vom Mai 1753 ab nicht ohne Lücken und 
Unterbrechungen. Mit dem Jahre 1753 erweitert sich der Kreis 
der Abonnenten und dehnt sich allmählich auf alle diejenigen 
Fürsten und Fürstinnen aus, welche ausserhalb Frankreichs die 
Zwecke der Aufklärung förderten und zum Teil wenigstens durch 
das Band der Francma9onnerie von der kirchlich - gläubigen, wie 
von der profanen Welt sich abschlössen.^) Es fragt sich nun, 
war dieses von Grimm 1753 begonnene Werk ein Konkurrenz- 
unternehmen zu dem Raynal's oder nur eine Fortführung und 
Erweiterung mit Zustimmung des ersten Redakteurs. Für die eine 
Annahme spricht ebenso vieles, wie für die andere. Auffallend 
ist es freilich, dass neben Grimmas für einen weiteren Kreis 



1) Abonnenten waren ausser der Herzogin von Gotha: der Herzog 
von Zweibrücken, die Erbprinzessin von Darmstadt, Prinz Georg von 
Darmstadt, die Prinzessin von Nassau-Saarbrück ; später erst (nach 1763) 
traten Friedrich d. Gr., Katharina IL, der Polenkönig, Ulrike von 
Schweden, Friedrich's II. Schwester, und noch andere bei. Wahrschein- 
lich ist es auch, dass man höhergestellte Adlige zuliess, wennschon 
nicht ganz sicher bezeugt. 



Bemerkungen über die Correspondance philosophigw etc. 93 

bestimmten Berichten die von Raynal fttr die Gothaer Fürstin 
geschriebenen noch etwa zwei Jahre hergehen, aber die freund- 
liche Art und Weise, in welcher der sonst persönlichen Regungen 
sehr zugängliche Grimm von seinem Vorgänger und Mitbewerber 
spricht, lässt nicht auf eine litterarische Konkurrenz schliessen.^) 
Es scheint mir nicht unwahrscheinlich, dass Kaynal, von der Last 
einer umfangreichen vierzehntägigen Korrespondenz überwältigt 
und in den Vorstudien für seine späteren historisch-philosophischen 
Arbeiten in unerwünschter Weise gestört, die schwere Arbeit auf 
die Schultern eines andern zu wälzen suchte, gerade wie Grimm 
im Jahre 1773 die zu drückend werdende Last auf die Schultern 
des jüngeren, durch andere Mühen und Arbeiten weniger abge- 
zogenen Meister legte. Um den Verpflichtungen gegen seine 
edelmütige Gönnerin nachzukommen, hat dann Raynal das über- 
nommene Werk noch ungenügend und widerwillig eine Zeit lang 
fortgeführt, bis auch die Gothaer Fürstin in den Kreis der 
Abonnenten der Grimm'schen Korrespondenz eintrat. Die Kosten, 
welche ein solches Unternehmen auch bei grösster Uneigen- 
nützigkeit der Redakteure und Mitarbeiter forderte, wurden auf 
die Dauer für einen Abonnenten zu hoch, hat doch späterhin 
(1774 — 1775), als die Zahl der Abonnenten sich erweitert hatte, 
die Zarin Katharina IL 720 Rubel für zwei Jahresbeiträge zahlen 
müssen.^) Soweit wir sehen können, ist Raynal nicht nur Redakteur, 
sondern auch im Wesentlichen der Verfasser jener auf so viele 
Einzelheiten sich erstreckenden Korrespondenz gewesen, mögen 
auch befreundete Autoren ihm Material und Notizen geliefert 
haben. Da er nun weder ein schnell und gewandt arbeitender 
Schriftsteller war, wie das seine grösseren Geschichtswerke be- 
weisen, noch auch, nach der Korrespondenz selbst zü urteilen, die 
redaktionelle Mache nicht sonderlich verstand, so sind die Mängel 
seiner Redaktion und Berichterstattung erklärlich genug. Es ist 
ein kleinlich mäkelnder Ton, eine einseitige, der höheren, zu- 
sammenfassenden Gesichtspunkte entbehrende Auffassung, welche 
seine Korrespondenz tief unter die Grimm's und des geistesver- 
wandten Meister stellt. Die einzelnen Werke und Persönlich- 
keiten, welche er schildert, sind daher aus dem Zusammenhange 
der allgemeinen Ideen gerissen, oft nach vorübergehenden Tages- 
stimmnngen, nach Sympathie und Antipathie beurteilt, und der 
gesellschaftliche Klatsch, den Raynal gern einstreut, wirkt auf 
die Dauer ermüdend. 



1) Raynal war übrigens Grimm persönlich befreundet. 

2) Andere zahlten allerdings weniger, z. B. der Polenkönig 
Stanislas. 



d4 R MahrenhoUz, 

Raynal war damals ein noch wenig bekannter und namhafter 
Litterat, denn die Werke, welchen er seine litterarhistorische 
Stellung verdankt, gehören einer späteren Zeit an; auch stand 
er der religiösen und politischen Aufklärung, deren Yerkttnder 
und Märtyrer er geworden ist, noch ferner. Rücksichten auf 
die politischen und kirchlichen Machthaber und auf seine geist- 
liche Stellung als dbhi mussten sein Urteil beeinflussen und es 
ist daher kein Wunder, dass Voltaire nicht nur als Charakter, 
sondern auch als Schriftsteller von ihm ziemlich ungünstig, stellen- 
weis gehässig beurteilt wird. Montesquieu dagegen, der die 
Jugendschärfe seiner Persischen Briefe mit einer massvollen, 
sachlichen Kritik vertauscht hatte, ist für Raynal der bahn- 
brechende Vertreter der neuen Zeit, an dessen Schriften nur 
einzelne stilistische Mängel tadelnd hervorgehoben werden. 

Was für uns die Ko'n'espondenz RaynaFs, nicht minder aber 
auch die Grimmas und Meister's, ermüdend macht, ist die aus- 
führliche Besprechung und Schilderung so vieler Schriften und 
Schriftsteller, die, schnell vergessen, heute nur noch für den 
Spezialforscher existieren. Aber gerade in dieser Hinsicht ist 
sie charakteristisch für eine Zeit, welche einen Piron neben 
und sogar über Voltaire stellte, in welcher die Talente zweiten 
und dritten Ranges selbst in der Auffassung der Höhergebildeten 
und Freidenkenden neben bahnbrechende Geister, wie Montesquieu, 
Voltaire und Rousseau, traten, und ihr Einfluss in tiefere Schichten 
der litterarischen Gesellschaft drang. Die eigentliche Blütezeit 
der Aufklärung, die Zeit, in welcher Voltaire und sein Antipode 
Rousseau sich um die Führerschaft der aufgeklärten und halb- 
aufgeklärten Welt stritten, beginnt erst nach den Jahren, welche 
Raynal's Korrespondenz schildert. Für diese gab Montesquieu 
den Ton an, Voltaire stand noch in zweiter Linie, hatte sich 
seit 1750 überdies der Pariser Gesellschaft durch den Aufenthalt 
im Auslande entfremdet und die Tage d'Alembert's, Diderot^s, 
der Enzyklopädisten und des seinen eigenen Weg gehenden 
Rousseau dämmerten erst am litterarischen Horizonte. Darum 
fehlt den Schilderungen Raynal's die höhere Bedeutung und das 
vielseitigere Interesse der Grimm'schen Korrespondenz ^ es fehlt 
ihr auch der einheitliche Mittelpunkt, den die Philosophie als 
Beherrscherin der Religion, Politik, Gesellschaft, Dichtung und 
Kritik in der eigentlichen Aufklärungsperiode bildete. Der Hof 
und die in seinen Strahlen sich sonnende höfische Gesellschaft 
mit ihren schöngeistigen, oberflächlichen Interessen, ihrem litte- 
rarischen Dilettantismus, ihrer Neuigkeitskrämerei und Klatschsucht 
treten daher selbst für die ernste Auffassung eines gründlichen 
Forschers und tieferen Denkers, wie Raynal, in den Vorder- 



Benwknngen über die Correspondance philosophique eic, 95 

grnnd. Eins aber zeichnet seine Korrespondenz vor der Grimmas 
und Meister's aus: er fühlte ganz als Franzose, während der 
Deutsche und der Deutsch-Schweizer in den beiden andern stets 
unter der französischen Hülle hervorlugen. Völlig in dem Be- 
wusstsein nationaler Grösse lebend, zu den Schöpfungen des 
siede de Louis XIV wie zu unerreichten Idealen emporblickend, 
mag er Voltaire die wohlberechtigte Auflehnung gegen die 
klassische Tradition, die freilich sehr , äusserliche und flüchtige 
Anglomanie und Shakespeare -Würdigung, die scharfe Verspottung 
der Schwächen des französischen Volkscharakters nicht verzeihen. 
Wie seinem grossen Ideale, Montesquieu, ist ihm selbst der letzte, 
schwache Abglanz des alten Klassizismus, der in die misslungenen 
Dichtungen des Corneille - Nachahmers Cr^billon hineinschimmert, 
angenehmer, als das neue, grelle Licht, welches Voltaire als 
Dichter und Philosoph ausstrahlte. 

Ein anders angelegter, vielseitiger und ganz in den Auf- 
klärungsideen lebender Mann war sein Nachfolger Friedrich 
Melchior Grimm. Im väterlichen Pfarrhause zu ßegensburg er- 
zogen und auf der Leipziger Universität gebildet, hatte er sich 
mit den Vorstellungen jener künstlichen Nachblüte des Humanis- 
mus erfüllt, welche damals unser deutsches Vaterland in einen 
wohlgepflegten Ziergarten voll exotischer, schön blühender Blumen 
verwandelte, der nur den obersten Zehntausend geöffnet war, 
ohne doch dem hungernden Magen des von kleinen Tyrannen 
vielgeplagten, in geringfügigen Sonderinteressen aufgehenden Volkes 
mit sättigenden P>üchten zu füllen. In langem Schlafe hatten 
die klassischen Studien seit dem sechszehnten Jahrhundert hier, 
wie in dem westlichen Nachbarreiche, Frankreich, gelegen, 
weder die pedantischen, schlecht bezahlten Grammatiker hier, 
noch die feiner gebildeten, aber nur für Kirchenzwecke arbeiten- 
den jesuitischen Dressierer dort konnten und wollten ihre Zög- 
linge mit Liebe zu dem griechisch-römischen Altertum erfüllen, 
sie in den Geist jener ewig jugendfrischen Vergangenheit ein- 
führen. So zeitigte die Menge der Lehrstunden, welche man 
den lateinischen Autoren vorzugsweise zuwandte, ohne in deren 
Urquell, die hellenischen, tiefer einzudringen, nur Treibhaus- 
blüten und tote Früchte, die sächsischen Fürstenschulen allein 
verstanden es, das Knochengerüste der Grammatik mit dem 
warmen Leben der Kunst und Litteratur zu erfüllen. Wer daher 
mit seinem Bildungsgange in die ältere Zeit hineinreichte, oder 
auf Schulen gebildet war, die im alten Geleise verharrten, wusste 
die römischen Litteraturschätze nur wenig, die griechischen fast 
gar nicht zu heben und half sich oft mit französischen Ver- 
dolmetschungen und Nachbildungen. Herder und Schiller kämpften 



96 R. MahrenhoUz, 

noch in späteren Lebensjahren mit den Anfängen der griechischen 
Grammatik, der letztere konnte seinen Lieblingsautor , Virgii, 
nar in französischer Übersetzung lesen. In Frankreich fehlten 
den bedeutendsten Antoren oft die nötigen Vorkenntnisse zum 
Studium der antiken Litteratur. Qninault, obwohl Mitglied der 
französischen Akademie , und deren Sekretär, der vielbelesene 
Conrart, verstanden kaum Latein und Griechisch, der berühmte 
Dichter Regnard, bekannte seine Unwissenheit in beiden Sprachen 
offen und ehrlich, Voltaire gesteht, dass er vom Latein nur den 
Eirchenjargon und ein bischen Horaz wisse und mit dem 
Griechischen war er so wenig vertraut, dass er den Plural von 
ßaffdeb^ in ßcunXdl wandelte. Die Dichtung Griechenlands war 
ihm daher, wie seinem grossen Zeitgenossen Friedrich IL, in 
dessen Studienplan die alten Autoren keine Aufnahme gefunden, 
weil sie nach seines Vaters Dafürhalten „gar nichts taugten^, 
^ur aus französischen Übertragungen mangelhaft bekannt. In 
Deutschland hat gegen die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts 
Emesti den Grund zu jener klassischen Gymnasialbildung und 
znm tieferen philologischen Studium gelegt, an deren Zersetzung 
unsere Zeit wieder nach Kräften arbeitet und aus seiner Schule 
ist ausser Lessing, dem gediegenen Kenner des Altertums, auch 
unser Melchior Grimm hervorgegangen. Neben Latein und 
Griechisch herrschte aber das Französische bis über das Ende 
des vorigen Jahrhunderts hinaus in unveränderter Macht, die 
klassische Dichtung des Zeitalters Ludwigs XIV. wurde neben 
der französischen Sprache und Konversation noch eifrig geschätzt 
und gepflegt, als bereits Lessing sein kritisches Richterschwert 
geschwungen hatte. Ausser dem griechisch-römischen Altertum 
blieb daher das such de Louis XIV. der Bildungsquell, aus dem 
auch'Grimm schöpfte und neben Emesti's philologischer Forschung 
auch Gottsched^s halb französische Poetik und Dramaturgik für 
seine Lebensanschauung massgebend. In Gottsched's Formalis- 
mus ist sein erster dramatischer Versuch, die Banise, gehalten, 
gerade wie Lessing's Erstlingsdichtungen neben dem Vorbilde 
Moli6re's und seiner Epigonen auch die Lehren Gottsched's 
deutlich erkennen lassen. An diesen Jugendeindrücken hielt 
Grimm noch fest, als er von dem Einflüsse der französischen 
Aufklärung, die zugleich mit dem alten Herkommen in Staat 
und Kirche die griechisch-römische und die französisch-klassische 
Tradition über den Haufen warf, schon ganz erfüllt war. Neben 
den Dichtem des Hellenentums waren die grossen Meister aus 
Ludwig's XIV. Zeit, namentlich Racine und Moli^re, für ihn hohe, 
der skeptischen Kritik entrückte Vorbilder, nur dem altmodischen 
Corneille und mehr noch dessen unglücklichen Nachahmer, dem 



Bemef^kungen über die Correspondance phüosophique etc. 97 

Siteren Cr6billon, mochte er nicht den Lorbeer des Dichterruhms 
reichen. Auch Boileau bedentete, trotz Voltaire's absprechender 
Kritik, für ihn fast dasselbe, wie für das siebzehnte Jahrhundert, 
und Montesquieu, der tiefe Erforscher und beredte Dolmetscher 
römischer Grösse, galt ihm im ganzen als unumstössliche Autorität, 
gerade wie seinem Vorgänger in der Redaktion der KorrespondenZy 
dem Abb6 Raynal. Aber zu diesen anerzogenen Anschauungen 
traten für ihn eine Fülle neuer Eindrücke, als er Paris 1749 
betrat und in die litterarischen Kreise eingeführt wurde, in welchen 
d'Alembert, Diderot und Rousseau den Ton angaben. Am 
wenigsten Einfluss gewann auf ihn der erstere, dessen mathe- 
matische Schulung und doktrinäre Schärfe, wie moralische Ehr- 
barkeit den vielseitig aus- und abschweifenden, allem Abstrakten 
und rein Theoretischen abgeneigten, den Freuden des Lebens 
wie der Liebe huldigenden Grimm zurückstiessen. Bedeutungs- 
voller ward Diderot für ihn. Den religiösen Skeptizismus neben 
politischem Indifferentismus, die naturwissenschaftliche Grund- 
richtung alles Philosophierens, das Verständnis für die Um- 
wandlung der überlebten klassischen Tragödie und Komödie 
Frankreichs in die Tragisches mit Komischem vermischende 
„bürgerliche Tragödie", deren Hauptschöpfer Diderot selbst war, 
die gerechte Würdigung der englischen Litteratur des XVIIL Jahr- 
hunderts, die schon Gottsched, der Nachahmer Addison's, an- 
gebahnt hatte, diese und manche andere Eigenheiten, welche für 
die Korrespondenz massgebend wurden, verdankt Grimm den 
Einwirkungen seines intimen Freundes. Auch Rousseau's Genius 
riss den empfänglichen Sinn des Deutschen fort. Mochte auch 
Grimm schon in Deutschland sich mit einer Vorliebe für die 
italienische Musik, die damals im deutschen Süden auf der 
Opernbühne herrschte, erfüllt haben und nur, um in Paris nicht 
Anstoss zu erregen, noch einem Rameau Bewunderung zollen, 
erst des Genfers Musiktheorien und Musikkritik haben jene 
lebendige Abneigung gegen die französische Oper in ihm ent- 
wickelt, die seine Satire, der Prophet von Bö'hmischbroda, offen 
kundgibt. Aber der Gegensatz beider Naturen, des höfischen, 
lebensklugen Strebers, der selbst unwürdige Schmeicheleien und 
unlautere Mittel nicht verschmähte, um aus der niederen Stellung 
eines Informators und Vorlesers zu Ehren, Titeln und Vermögen 
zu gelangen, und des über alle Rücksichten und Schranken hin- 
wegstürmenden Schwärmers für den Naturzustand und die heiligen 
Volksrechte, rief, durch persönliche Zwistigkeiten verstärkt, bald 
eine Entfremdung, dann offene Feindschaft hervor. 

Seitdem Rousseau mit Diderot gebrochen hatte, konnte er 
auch Grimm's Freund nicht bleiben, und sein tödlicher Zwist mit 

Zschr. f. frz. Spr. a. Litt. XI^. 7 



98 Ä. MahrenMiz, 

Grimm's Maitresse, der Marquise von Epinay, bei dem die Schuld 
keineswegs allein auf des Genfers Seite gewesen zu sein scheint, 
machte selbst eine äusserliche Freundschaft beider Männer un- 
möglich. Voltaire, der sich bald nach Grimm's Ankunft in Paris 
seinem Vaterlande entzog und später in dem Exil von Ferney 
vergrub, hat auf Grimm nie den nachhaltigen Ernfluss Diderot's 
geübt, trotzdem Grimm mit ihm in Korrespondenz stand, eifrig jede 
kleine Broschüre aus der „Manufaktur von Ferney" las und den 
Patriarchen in seiner Jura-Einsamkeit aufsuchte. Der Charakter 
Voltaire's, so verwandt er auch dem des höfischen Grimm war, 
stiess ihn ab, wie denn Gleichartiges sich so oft abstösst. Für 
ihn galt Voltaire, den wir als den eigentlichen Propheten der 
Aufklärung betrachten, als ein auf halbem Wege stehen gebliebener, 
weil er in der Philosophie sich dem Materialismus Diderot's ent- 
gegenstellte, Kunst und Dichtung für unvergänglichere Güter 
hielt, als die exakte Naturwissenschaft, und vor allem, weil er, 
in seinen für die Öffentlichkeit bestimmten Schriften wenigstens, 
sich zum Deismus bekannte. Er rede über Gott und das Jen- 
seits wie ein liebenswürdiges Kind, so lautete Grimm's Urteil. 
Hätte er, wie wir, die etwa 11000 Briefe gekannt, in denen 
Voltaire so oft vertrauten Freunden sein wahres Ich enthüllt, er 
würde den sehr unbestimmten Deismus des Philosophen und seine 
erbaulichen Deklamationen gegen Atheismus und Materialismus 
wohl auf ihren richtigen Wert zurückgeführt und auch die vielen 
Rücksichten, welche der Schlaue, Vielgewandte auf die Macht- 
haber des Staates und der Kirche nehmen musste, besser ver- 
standen haben. 

Mit der aufrichtigen Freundschaft für Diderot war eine 
volle Hingebung för das von jenem begonnene Riesenwerk der 
Enzyklopädie von selbst geboten und Grimm's teilweise Abneigung 
gegen d'Alembert und Voltaire erklärt sich auch daraus, dass 
ersterer, der ewigen Verfolgungen und Belästigungen müde, sich 
bald von jenem Unternehmen zurückzog, der letztere sich über- 
haupt in kühlerer Feme hielt und später ein Konkurrenzwerk, 
das Dictionnaire phüosophtque, jenem grösseren Lexikon an die 
Seite stellte. Diderot's Einfluss machte ihn den extremen An- 
sichten eines Helv6tius und Holbach geneigt, die doch ihr Bestes 
den Anregungen und der direkten Mitwirkung des uneigennützigen 
Diderot verdankten. Wo Diderot nicht liebte, da glaubte Grimm 
hassen zu müssen. Der französischen Akademie hat er es nie 
verziehen, dass sie sich dem kühnen Freigeiste verschloss, auch 
der Comedie frangaise es nicht vergeben mögen, dass sie sich 
der neuen Dichtungsweise seines Freundes, trotz des glänzenden 
Erfolges des Ph*e de famüley nie recht hingeben konnte. 



Bemerkungen über die Correspondance phüosophique eic. 



99 



In dem Verkehr mit Diderot und den gleichgestimmten 
Freunden ist Grimm fast völlig zum Franzosen geworden, war 
ihm doch diese Metamorphose eine leichte, da in seiner süd- 
deutschen Heimat der französische Einfluss noch ganz anders 
wirkte, als im Norden Deutschlands. Hätte er diese Zweiheit der 
Nationalität und Sprache, wie später Heinrich Heine, ausgenutzt, 
um ein Dolmetscher des deutschen Geistes in Frankreich zu 
werden, so würden wir ihm hohen Dank schulden, aber das hat 
er doch nur in sehr geringem Maasse gethan. Anfangs zwar 
schrieb er für den Mercure Briefe über deutsche Litteratur, die 
auf die Dauer sehr klärend und befruchtend hätten wirken 
können, begann auch die Redaktion des im Dienste der deutschen 
Litteratur arbeitenden Journal itranger, aber diese Arbeiten traten 
schnell hinter jener französisch angehauchten Korrespondenz 
zurück. In dieser hat die deutsche Litteratur, obwohl sie da- 
mals in Frankreich durch Übersetzungen und Besprechungen 
heimischer wurde, eine verschwindend geringe Stellung, lächerlich 
wenig weiss er über Lessing's bahnbrechenden Einfluss zu sagen, 
auch Klopstock und Gessner, die sogar den Franzosen durch 
Verdolmetschung zugänglich waren, berührt er ganz nebenbei. 
Die englische Litteratur der Zeit tritt weit mehr in den Vorder- 
grund, aber sein Urteil über Shakespeare, den Ducis und Letour- 
neur nach Voltaire's Vorgange in Paris einzubürgern suchten, 
leidet an allen Vorurteilen und Einseitigkeiten der Voltaire'schen 
Kritik. Wenn Grimm vieles an der französischen Sprache und 
Litteratur und namentlich an der französischen Tonkunst auszu- 
setzen weiss, wesswegen sein Biograph Scherer ihm das Fran- 
zosentum abspricht, so begeht er keine schlimmere Versündigung, 
als sie vor und neben ihm bereits Voltaire, d'Älembert und 
Rousseau gewagt hatten. An einem Erbteil des väterlichen 
Hauses hat der Pfarrersohn aber sein Lebenlang festgehalten: 
an der warmen Liebe zum deutschen Protestantismus. Während 
d'Alembert, so weit bei ihm von einer Sympathie für Kon- 
fessionsunterschiede die Rede sein kann, nie von der Ein- 
wirkung der katholischen Erziehung sich ganz freimachte und 
auch Voltaire den Protestantismus noch feindseliger beurteilte, 
als den Katholizismus, fällt für Grimm das Luthertum mit der 
Volksaufklärung und selbst mit der Toleranz ziemlich zusammen, 
die katholische Volksbildung ist ihm ein Mittel der Verdummung. 
Mit dieser protestantischen Grundanschauung hängt auch die 
Begeisterung für Preussen und für Friedrich den Grossen zu- 
sammen, mit dem er seit 1759 etwa in Korrespondenz trat. 
Hätte Grimm freilich gewusst, wie der preussische Herrscher in 
einem vertrauten Privatbrief über sein aufdringliches Strebertum 

7* 



100 Ä Mahrenkohz, 

urteilte, so würde der Ton seiner Huldigung vielleicht ein 
kühlerer geworden sein. Friedrich dem Grossen zu Liebe geht 
auch Orimm in seiner sonst der Politik vorsichtig abgewandten 
Korrespondenz näher auf die Ereignisse des siebenjährigen 
Krieges ein und tadelt mit rückhaltloser Schärfe die unnatür- 
liche Allianz des Versailler Hofes mit dem habsburgischen Erb- 
feinde. Der Stamm seiner Abonnenten gehörte ohnehin der 
preussischen Partei in Deutschland an, schon die Klugheit gebot 
es also, seine Vorliebe für Preussen und Friedrich stark hervor- 
treten zu lassen. Diese allgemeinen Gesichtspunkte geben uns 
einen Wegweiser durch die vielverschlungenen Pfade der Grimm- 
schen Korrespondenz, welche über die Jahre 1753 bis 1773 sich 
ausdehnt und in Toumeux' Ausgabe etwa acht stattliche Bände 
füllt. Wir staunen über die nie ermüdende Arbeitskraft und 
Schreibfertigkeit des vielunterrichteten Litteraten, umsomehr, als 
er, ähnlich wie Raynal, fast der einzige Mitarbeiter war. Aller- 
dings darf Diderofs indirekte und direkte Mitwirkung nicht unter- 
schätzt werden. Nicht nur die vielgerühmten Kunstkritiken der 
Salons und einige andere längere Artikel sind dessen Werk, 
auch in der Besprechung mancher naturwissenschaftlicher und 
philosophischer Arbeiten, die dem Dilettantismus Grimm's ferner 
lagen, wird man die Beisteuer des stets hilfsbereiten Freundes 
erkennen. Vorübergehend hat er, namentlich im Jahre 1769, 
als Grimm einige Zeit in Deutschland weilte, sogar die Redaktion 
übernommen, aber allzusehr dürfen wir die Mitarbeit des viel- 
beschäftigten Herausgebers der Enzyklopädie und Verfassers so 
vieler anderer Schriften nicht zur Entlastung des Grimmschen 
Kontos heranziehen. Nun standen Grimm neben Diderot noch 
mancherlei indirekte Förderer und Hilfsarbeiter zu Gebote. Viele 
noch ungedruckte Briefe und poetische Kleinigkeiten flössen ihm 
zu, die oft langen Exzerpte minderwertiger Schriften haben ihm 
wohl seine Sekretäre, welche auch das Original - Manuskript für 
die einzelnen Abonnenten kopieren mussten, geliefert, auch sonst 
mag ihm neben den eingesandten Schriften zuweilen gleich die 
fertige Besprechung zugegangen sein, ohne dass wir deren Ur- 
heber immer kennen. Völlig aber als Grimm' s eigenstes Werk 
sind die eingehenden, sorgfältigen litterarhistorischen Übersichten 
und Zeitschilderungen anzusehen, welche er den Jahresanfängen 
namentlich vorausgehen lässt, und sie allein würden uns von 
seiner Belesenheit, Schreibgewandtheit und Auffassungsgabe eine 
hohe Meinung geben. Zudem konnte Grimm nicht seine ganze 
Arbeitskraft dem Unternehmen widmen. Waren auch seine 
eigenen (von Tourneux Bd. XVI gesammelten) Arbeiten nach 
dem Jahre 1753 von geringerem Umfange, mag auch sein 






Bemerkungen über die CotTespondance philosophique etc. 101 

nur lückenhaft erhaltener Briefwechsel grossenteils der Zeit an- 
gehören,^) wo er die Redaktion an Meister abgegeben hatte und 
als litterarischer Reporter besonders fiir Katharina IL wirkte, 
immerhin war seine Aufmerksamkeit eine geteilte. Mag er auch, 
wie Scherer hervorhebt, in der Weise vielbeschäftigter Redak- 
teure manche nur flüchtig besprochene Schrift ebenso flüchtig 
oder garnicht gelesen haben, schon die Zusammenstellung und 
Ordnung des über alle Gebiete der Litteratur zerstreuten Materials 
und die Hindernisse einer Sprache, die nicht seine Muttersprache 
war, machten einen grossen Aufwand an Zeit und Kraft nötig. 
Und wenn auch Grimm die redaktionelle und journalistische Mache 
besser als sein Vorgänger Raynal verstand, so sind seine grösseren 
Artikel doch tiefdurchdacht, gründlich erwogen und sorgsam 
stilisiert. 

Gern glauben wir ihm daher, dass er schon lange vor 
deflnitiver Aufgabe seiner Redaktion an Arbeitsüberdruss litt, 
und entschuldigen aucü die üngleichmässigkeit und die Lücken 
mancher Jahresberichte. 

Bei diesen Vorzügen, welche seine mehr als neunzehn- 
jährige Korrespondenz in quantitativer und qualitativer Hinsicht 
hat, dürfen wir deren Schwächen, Einseitigkeiten und selbst Un- 
billigkeiten nicht übersehen. Die ungerechte Beurteilung 
d'Alembert's, die sich auch in Meister's Korrespondenz forterbte, 
erwähnten wir schon, allzugrell sticht dagegen das den geist- 
vollen, zündenden, aber oft mit blitzartiger Schnelle hingeworfenen 
Arbeiten Diderot' s gespendete Lob ab. Von Rousseau werden 
mehr die einseitigen Übertreibungen, als die grossen für die Zeit 
bahnbrechenden Ideen hervorgehoben. Voltaire's Beurteilung ist 
oft eine kleinlich- mäkelnde und der tiefergehenden Gesichts- 
punkte entbehrende, wenngleich sie vieles Richtige trifft und da 
auch von unverkennbarer Sympathie zeugt, wo Grimm und Voltaire 
zusammen gegen Kirchenglauben und die überlebte Philosophie 
eines Descartes Front machen konnten. Die zahlreichen Gegner 
und Neider des grossen Mannes kommen daher ziemlich schlecht 
fort, wennschon Grimm die langweiligen Publikationen eines 
Guyon, Larcher, Nonnotte u. A. schwerlich eines genaueren 
Studiums gewürdigt hat. 

Als Dichter und namentlich als Schöpfer unvergleichlich 



1) Aus der Zeit vor 1773 teilt Tourneux nur vierundzwanzig 
Briefe an die Herzogin von Gotha und ihren Sohn Ernst, 'sechs an den 
berühmten Schauspieler Garrik, einen an Friedrich IL und sieben Briefe 
an verschiedene Adressaten (die Gräfin Houdetot, Rousseau's Freundin, 
den Grafen Schomberg, seinen Gönner, zwei an Voltaire u. s. w.) mit, 
Natürlich ist die Sammlung nicht entfernt vollständig. 



102 R. Mahrenholiz, 

witziger und feBselnder Romane und Novellen hätte Voltaire viel 
wärmere Anerkennung verdient, das über den Historiker und 
Philosophen gefällte Urteil mag im Lob und Tadel der Wahrheit 
nahe kommen. Von den Geistern zweiten Ranges ist Marmontel 
der Verfasser des epochemachenden Büisaire zu wenig, La Harpe 
vielleicht über Verdienst gewürdigt, dagegen sind zahlreiche, 
heutzutage vergessene, aber für damalige Zeit bedeutungsvolle 
Dichter und Schriftsteller schwerlich mit voller Objektivität be- 
urteilt. Beaumarchais' geniale Bedeutung trat erst nach 1772 
ganz hervor, konnte also von Grimm nur wenig gewürdigt werden. 
Das öfter ausgesprochene Urteil Grimmas, dass die Zeit 
Ludwigs XV. in Dichtung und Kunst nur eine künstliche Nach- 
blüte des Sude de Louis XIV sei, ist zwar dem Bewnsst- 
sein der Zeit entsprechend, wird aber auf Männer wie Voltaire 
angewandt, ein entschieden unbilliges. Auch die oft apodiktische 
Kritik Über die Comidie frangaise und über Künstlerinnen, wie 
die Clairon lässt die sehr einseitige Antipathie Grimmas ebenso 
durchblicken wie seine Parteinahme für die italienische Buffooper 
und für Gr6try eine zu parteiische Sjrmpathie verrät Die 
Philosophie des Aufklärungszeitalters konnte der ganz in ihren 
Ideen lebende Mann nur in ihrer Lichtseite, nicht in ihrem 
dunklen Reflexe schildern, aber sein eigener Standpunkt kommt 
über den flachen Epikuräismus des Weltmannes und den wohl- 
feilen Skeptizismus des nicht gründlicher geschulten Schöngeistes 
kaum hinaus. So sehr auch Grimm mit Diderot die natur- 
wissenschaftlich-experimentelle Forschung betont und Voltaire 
(im vollen Gegensatz zu unserem Dubois-Reymond) die Kenntnisse 
des Naturforschers ganz abspricht, ist es doch ein gewaltiger 
Unterschied, wie er oder wie Diderot und d'Alembert diese Grund- 
aufl^assung zu vertreten wissen. Seine Abneigung gegen alle 
Theorien, denen die unmittelbare praktische Bedeutung und An- 
wendbarkeit fehlt, macht ihn ungerecht gegen die volksbeglückenden 
Ideen eines Vauban, d'Argenson und des älteren Mirabeau. 

Aber auch in diesen Einseitigkeiten und Vorurteilen ist 
seine Auffassung nur der treue Wiederschein der Zeit und Tages- 
meinung und seine Korrespondenz daher ein historisches Doku- 
ment von unbestreitbarem historischem Werte. 

Mit dem März 1773 tritt nun Meister,^) ein frühzeitig ge- 
reifter Litterat, der bereits seit einem Dezennium die Feder ge- 
führt, schon mit 14 Jahren Joumalartikel geschrieben, und soeben 



1) Über seine perBönlicben Verhältnisse vergleiche H. Breitinger's 
Mitteilungen in der Zeitschrift, Supplementbeft 1885, und Meister's 
eigene Angabe bei Tourneux XVI, 213 A. 4. 



Bemerkungen über die Correspondance phüosophique elc. 103 

darch eine ketzerische Schrift religiösen Inhaltes den Zorn der 
Behörde seiner Vaterstadt Zürich und den Beifall Friedrich's des 
Grossen erregt hatte, an Grimmas Steile als Redakteur ein. Zog 
aber damit Grimm sich völlig von der Leitung zurück? Wir 
möchten das kaum annehmen. In den nächsten Jahren zwar 
Hess ihn sein zweimaliger Aufenthalt in St. Petersburg (1773 
und 1776) und eine längere Reise nach Italien (1775 — 1776) 
wenig zu thätiger Mitwirkung kommen, aber als er nachher das 
rauhe Klima Russlands und die gefährliche Gunst Eatharina's 
mit dem ruhigen Wohlleben von Paris vertauscht hatte, fehlte es 
ihm trotz der Korrespondenz mit der Zarin über französische 
und ausserfranzösische Angelegenheiten der Litteratur, Gesellschaft, 
und seit 1789 auch über Politik, keineswegs an Zeit und Ruhe. 
Und das ganze Gepräge der folgenden zwanzig Jahre, während 
welcher die Korrespondenz ungestört fortging, zeigt allzusehr 
Grimm's Einfluss. Dichtung und Kunst, Philosophie und soziale 
Fragen, alles wird im Ganzen so aufgefasst und geschildert, wie es 
Grimm selbst gethan, fast dieselben Sympathien und Antipathien, 
Vorzüge und Einseitigkeiten kommen zum Vorschein. Nur der 
Schweizer Lokalpatriotismus Meister's macht sich geltend, wenn 
z. B. Gessner's Tod zu einem längeren Nekrolog Anlass gibt, 
Friedrich' 8 IL Hinscheiden dagegen ganz kurz berührt wird, aber 
sollte es ganz zufällig sein, dass der Streit der Gluckisten und 
Piccinisten mit sichtlicher, wennschon verhüllter Parteinahme für 
den mit Racine verglichenen Italiener beurteilt wird? Sollte die 
fortgesetzte ungünstige Auffassung d^Alembert's, die unverminderte 
Wärme für Diderot, die wenig veränderte Beurteilung Voltaire*s 
nicht eine direkte Ein- und Mitwirkung Grimm's voraussetzen 
lassen? Der empfindungsvolle Nachruf an Diderot und der 
ebenso kalte Abschied von d'Alembert und Rousseau verrät doch 
Grimm's Feder, und wenn Diderot nach wie vor die Kunstkritiken 
schrieb, was zu bezweifeln kein hinreichender Grund vorliegt, so 
dürfen wir in Grimm wohl den unausgesetzt thätigen Musik- 
referenten suchen. 

Der Abstand in der Redaktion war freilich ein bemerkens- 
werter. Die allgemeinen Einleitungen und Übersichten, das 
Lesenswerteste an der Korrespondenz, schrumpfen immer mehr 
zusammen, die Berichte werden zuweilen kürzer und oberfläch- 
licher, schon am 20. September 1775 klagt Katharina, dass 
Meister kein Grimm sei. Und entschuldbar genug ist diese Un- 
ebenbürtigkeit des Nachfolgers, der mehr noch, als der Vor- 
gänger, sein einziger Mitarbeiter gewesen zu sein scheint. Denn 
ihm strömten kaum so viele Einsendungen von Büchern und 
Notizen zu, wie Grimm, und die Zeit war überdies den groggou 



104 JR. Mahrenholiz, Bemerkungen über die Cotrespondance phiios. etc. 

Interessen der früheren Dezennien entfremdet, die bedeutendsten 
Geisteshelden tot oder an der Schwelle des Lebens, Oper, 
Schauspiel, Gesellschaftstand und Salonklatsch herrschten neben 
der an Überraschungen und Vorbereitungen der kommenden Um- 
wälzung reichen Tagespolitik, welcher aber Meister nicht sorg- 
fältiger nachgehen konnte oder wollte. Darum schwindet das 
Interesse für uns, sobald Grimm die Chefredaktion abgibt und es 
erwacht nur vorübergehend mit dem grossen Jahre 1789, da 
Meister den Wandlungen der Revolution nicht tiefer nachforscht 
das damals so gefährliche eigene Urteil möglichst vermeidet und 
Andere gern statt seiner reden lässt. Zudem ist die Bericht- 
erstattung über die Jahre 1789 — 1792 dürftiger und lückenhafter 
als die bedeutungsvolle Zeit es verdient hätte, wie denn die 
Jahre 1791 und 1792 zum Teil fehlen und das Vorhandene 
knapp genug ist. Die Septembergräuel 1792 und die immer 
mehr zunehmende Unsicherheit in Paris haben Meister zu einer 
Flucht nach England bestimmt, wo er schon Anfang 1792 mehrere 
Monate geweilt hatte, die Nachrichten vom November dieses 
Jahres^) bis Mai 1793 sind daher von befreundeter Hand ihm 
zugesandt worden. Mit dem Jahre 1794 nahm er von der Schweiz 
aus mit Hilfe seiner Pariser Korrespondenten das Unternehmen 
wieder auf und weilte auch nach dem Ende des Terrorismus 
kurze Zeit (September 1795) in der frauzösischen Hauptstadt. 
Bis zum Januar 1813 schwebte dann die Korrespondenz noch 
zwischen Leben und Tod, aus ihr sind uns von Tourneux nur 
einzelne Bruchstücke mitgeteilt worden. Die unbefugte Publi- 
kation eines Teiles jener Geheimschrift, die Sorge wegen der 
Unannehmlichkeiten, welche die Enthüllung so mancher persön- 
licher und vertrauter Dinge zur Folge haben musste, der Tod 
der alten Abonnenten und die immer mehr zusammenschwindende 
Zahl und abnehmende Teilnahme der neuen haben dem Werke 
den Todesstoss gegeben. R. Mahbenholtz. 



1) Am 30. September 1792 war er noch in Paris, wie die Be- 
sprechung einer an diesem Tage stattgefandenen Opernaufführung zeigt. 



Personal- und Gentilderivate im Neufranzösischen. 



Die nachfolgende Sammlung von Adjektiven und Adjektiv- 
Substantiven, welche von Personen- oder Ortsnamen abgeleitet 
sind, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; vor allem ent- 
hält sie nur solche Wörter, welche in dem grösseren Wörterbuch 
von Sachs sich nicht finden. Vollständigkeit ist hier überhaupt 
nicht zu erreichen, weil solche Namen zu wenig häufig sich 
finden (was hier gegeben wird, ist das Ergebnis mehr als fünfzehn- 
jährigen Sammeins) und weil Neubildungen fortwährend auftauchen. 
Das ist besonders bei den Derivaten von Personennamen der 
Fall, und der Laune des Schriftstellers ist hier der weiteste Spiel- 
raum gelassen. Schon weil sich bei diesen Namenadjektiven so 
viel individuelles Belieben einmischt, sind sie von geringer 
Wichtigkeit; eine sehr umfängliche Berücksichtigung derselben 
in einem Wörterbuch würde nur zu einer lexikalischen Super- 
fötation führen, etwa wie die Aufnahme sämtlicher Romposita, 
die persönliche Liebhaberei mit Hilfe der Präfixe ex, hyper, 
ultra u. a. zustande bringen kann. Dass sie trotzdem nicht un- 
wichtig sind, mag folgende mir zufällig neu aufstossende Stelle 
aus einem Roman von Jules Claretie beweisen. Der Sinn des 
Personaladjektivs wird vielen, die nicht in der Kunstgeschichte 
etwas bewandert sind, unklar bleiben: Le pettt Japonais , , , de- 
mandait ä une jeune Anglaise preraphailite pourquoi die ne 
dansaU pas, — Parce que je dighre! repondait la podtique miss 
d^une voix mourante. 

Von weit höherem Interesse sind die Gentilien im weiteren 
Sinne, d. h. die von Länder- oder Landschafts-, Städte-, Berg- 
oder Flussnamen abgeleiteten Wörter. Bei ihnen lassen sich 
synonymische unterschiede auffinden; die Zahl der zur Verwen- 
dung gelangenden Ableitungsendungen ist eine grössere; die Bil- 
dung der Wörter reicht in ältere Zeit zurück; vielfach ist eine 



106 Ph. PiaUner, 

Form an die Stelle einer anderen, jetzt veralteten oder alternden 
getreten; oft ist der Kampf zwischen zwei Formen noch nicht 
entschieden, so dauert der beim Verb längst abgeschlossene 
Widerstreit von oi und ai vielfach noch fort; femer sind diese 
Wörter nicht Erzeugnisse der Laune eines Schriftstellers, sondern 
Gemeingut, wenn auch vielleicht nur der Einwohner eines be- 
stimmten Ortes und seiner Umgebung; endlich ist es für die 
Lautlehre nicht uninteressant nachzuforschen, ob bei diesen Bil- 
dungen nicht gewisse Gesetze massgebend gewesen sind, warum 
bei einzelnen Namen eine volkstümliche Bildung unmöglich war, 
so dass sie entweder ganz unterbleiben oder durch eine aus dem 
lateinischen Etymon hergeholte hybride Bildung ersetzt werden 
musste und wie von Ortsnamen, besonders nichtfranzösischen, ein 
zugehöriges, aber nicht nachweisbares Adjektiv auf dem Wege 
der Analogie zu bilden wäre. Mit aufgenommen wurde eine Zahl 
von Landschaftsnamen. Die französische Geschichte und Geo- 
graphie sind überreich an solchen Namen, die zum grossen Teil 
immer noch trotz aller Verschiebungen in der administrativen 
Einteilung des Landes wachgehalten werden als notwendige Zu- 
sätze bei den zahlreichen Orten gleichen Namens, besonders den 
von Heiligennamen gebildeten Benennungen. Diese Landschafts- 
bezeichnungen verdienten eine eingehendere Untersuchung. In 
den angeknüpften Bemerkungen endlich sind ausser den auf- 
geführten Namenadjektiven auch die bei Sachs verzeichneten mit- 
berücksichtigt. 

In dem Wörterbuch der Akademie sind diese Bildungen 
so gut wie nicht berücksichtigt; auch Littr^ bietet äusserst wenig 
und nur für Adjektive von Länder- und VÖlkemamen; einzelnes 
ist in den Addenda und später vermehrt im Supplement^) hinzu- 
gekommen. Sehr verdienstlich war es daher, dass Sachs diese 
Wörter eingebend berücksichtigt hat, doch ist es auffallend, dass 
das CompUment du Dictionnaire de V Acadimie FrariQaise^) von 
Barre und Landois sich unter seinen Quellen nicht befunden 
zu haben scheint. Die Sammlung von Sachs und mehr noch die 
des CompUment leidet hauptsächlich deshalb an Unvollständigkeit, 
weil eigentlich nur historisch bekannte Namen berücksichtigt 
wurden. Der Courrier de Vaugelas^) hat an zwei verschiedenen 



*) Im Nachfolgenden ist diese Quelle mit Z. S. bezeichnet. 

2) Mit C. bezeichnet. Es ist hier das 1839 in Brüssel erschienene 
Werk gemeint; Sachs führt das drei Jahre später in Paris veröffent- 
lichte Complemeni von Barr^ auf. 

8) Mit CdV. bezeichnet. Ausserdem sind öfter zitiert: Aroux, E., 
les Mysteres de la chevaierie. Paris, 1858. Gautier, Th^ophile, ffisi, de 
Cari dramatiqtte en France. 6 vol. Leipzig, äd. Hetzel, 1858 — 1859. 



Personal- und GentäderivaU im Nnufranzöstschen. 107 

Stellen Gentilienlisten gegeben, auf welche häufig verwäesen 
werden muaste. Leider gibt er weder Quelle noch Beispiele; 
besonders das Fehlen der letzteren ist sclir störend, da es von 
vornherein durchaus nicht feststeht, ob dieselbe Form sowohl als 
Adjektiv wie als Substantiv und sowohl fUr die Bezeichnung des 
Gebiets wie flir die Bezeichnung der Bewohner gebraucht werden 
kann oder sebräuchlicb iBt. 



Abrahamien (0.) gleiche Bed. wie Abrakamite (Sekte). 
Abrahamiqne (L, S.}. Lex »omieniVs ahTahamiques (Lacordaire.) 



Antonin auch als Adj. üblich: Les seulplures myst^rü 

(sc. portf) decorent sont, ä ■mon avis, (fime tout aut!re ipoque 
qut l'6poqve ontnnine (Lamartine, V. en Or. 153). 

Ariostin (L. 9.) 

1. AriBtophanesque. Cette revue, qui, dang les mains d'un 
poefe Ott d\n philosophe, pnurrait prendre des proportiona 
aristophanesques et devenir la vraie com^dh de l'epugue, eonsiste 
dans un ramassis de hanalües et de plaisanteries vieilles de 
onze moia et demi (Th. Gautier IV, 380 f.). Meme dans lex 
Flaideurs, revaitche aristophanesqut des ennuia d'un proeis, la 
piaisatiterie n'est pos enjouie (Geruzez II, 255 f.) Sauf erreur 
ou Omission, on connatt mainienant tous les octeurs, figuraitts 
et comparaes de ce drame menippien, dans lequel une verve 
qui ne se lasse pas prodiyue ä fotson un sei tout aristophanesque 
(Aroux 199). 

2. Anstophanique. Ou bien ne faul-il voir lä qu'une fantaisie 

aristnphanique oit serait personnifii un ierivain rCune ciUbritS 
incontestabh et me'rite'ef (Th. Gautier V, 52). Voiei un vaude- 
ville qui a la pretention d'etre ariatophanique, et qui lajustiJU, 
au moins sous le rapport de la personnaliti (Ib. VI, 22), Ijes 
revuea, avec leura prüentions aristopkaniquea , ont-ellea agiti 
la HOciHe juaque dana ses fondemenf-sf (Ib. VI, 45.) 

I. bezeichnet eine Manier, eine Darstellungsweise, 2. eine 
litterarische Gattung, wobei 2. in die Bed. von 1, übergreifen 
kann, aber nicht umgekehrt. 

Geruzez, Eugene, Hist. de la litt, frani;. t vol. Paris, 1874. Guizot, 
Htst. de la cimUsatioH ea France, i vol. PariB, 1859. Guizot, fUsl. äe 
la civiHtation in Europe. Puris, I8T6. Jaubert, comte de, Glossare du 
Venire de la France. 2 vol. Paris, s, a. Martin, Henri, äistoire de 
France. 17 vol, Paria, 1861 — 62. Vermesee, Louie, Dicttonnaire du 
patoU de la Flandre frangaise ou watlonne. Douai, 1867. Die Zitate 
aus Zeitungen sind hinlänglich bezeichnet, die den Figaro entnom- 
menen haben die Abkürzung Fig. 



108 /%. Platiner, 

Armenti^re. V Armentiere beaute faxt la guerre ä ses beaux 
cheveux et se dechire le sein, ä ce quon dit (M™® de S6vign6 
II, 100; 18 mai 1671). Näheres hierüber konnte ich nicht 
finden; das Wort hat mit der Stadt Armenti^res (Nord) wohl 
nichts gemein und scheint eher adjektivischer Gebrauch eines 
Familiennamens, vielleicht mit der volkstümlichen Motion 
solcher Namen zusammen. Vgl. Murinette, 

Arnalesque^ in der Manier Arnal's, eines um die Mitte dieses 
Jahrhunderts sehr bekannten Pariser Komikers, welcher 
Tölpelrollen als Spezialfach hatte: La Situation exploitie par 
les deux auteurs arnalesques est de Celles oil Von peut se trouver 
soi-meme (Th. Gautier IV, 156). 

Arthurien^ der Artussage angehörig: Le Chevalier ä la charrette 
met en schie plusieurs des personnages des legendes arthuriennes 
et leur conserve la physionomie que nous leur connaissons 
(Geruzez, I, 75). 

Averrholste^ dem Averrhoes angehörig: Ceci n'est plus du con- 
ceptualisme y mais du realisme, et du pire, du realisme aver- 
rhotste (H. Martin IV, 274). 

Balzacien. Les Balzaciens, c^est-ä-dire les admirateurs de Balzac 
(Paix, 22 mai 1887). 

B^rengaxien (C), Anhänger von B^renger. 

Berninesque^ in der Manier Bernini's: Ses (sc. de Paget) dis- 
ciples fusserd promptement tomhis dans le style beminesque 
(H. Martin XIII, 230). 

Bismaxckien^ Bismarck angehörig: La feuille bismarckiennsj 
(sc. la Gazette de VAllemagne du Nord, France, 25 f6vr. 1878.) 

Boulangiste^ dem General Boulanger angehörig: Letat d'esprit 
boulangiste (Paix, 10 juillet 1887). Les manifestations bau- 
langistes — ce mot „ le boulangisme ^ fait desormais partie de 
notre langue politique — ... (Ib. 12 mars 1888). 

Catilinaire^ katilinarisch , kann nur von Reden gesagt werden, 
was bei Sachs (s. v. I) angegeben sein könnte. 

Charlemanesque (L. 8.) in der Weise Karl's d. Gr. 

Chateaubrianesque (L. S.) in der Manier Chateaubriand's. 

Clairvillien^ dem Vaudevilledichter Clairville angehörig: Le c6te 
comique se compose d'un panier d^ceufs, qui a le don de ria- 
liser les souhaits ä rebours. Vous disirez un bouquet de vio- 
lettes; aussitdtj avec un bruit de ferraiüe, apparatt une voiture 
de vendange- poste: ä ce fumetf vous reconnaissez rattieisme 
clairvillien. (Th. Gautier VI, 30). 

Cl^menciste, Anhänger von C16menceau; nach der Gazette de 
France im Courier de Vaugelas (X, 11) angeführt und ver- 
worfen, dafür cUmenceliste vorgeschlagen. 



Personal- und Gentüderivate im Neufranzösischen, 109 

Goburgien, dem Prinzen Ferdinand von Coburg angehörig: Le 
parti Cohurgien (Paix, 14 sept. 1887). 

Gonstantilly zu Konstantin d. Gr. gehörig: De plus, en ordonnant 
quil se tienne tous les ans une assemhlee dans la dte Con- 
stantine (sc. Ärles), nous croyons faire une chose non seule- 
ment avantageuse au bien public, mais encore propre ä multi- 
plier les relaüons sociales (Guizot, Civilis, en Eur. 47). 

Dauphin 9 zum Dauphin gehörig. Bei Sachs (1. V. IV) fehlt 
la port£ Dauphine (von Paris nach dem Bois de Boulogne 
führend). Die frühere avenue Dauphine (von der avenue 
d^Eylau ausgehend und in den Endpunkt der avenue du Bois 
de Boulogne einmündend) heisst jetzt avenue Bugeaud, 

DÖdal^n (z. B. le riseau dedalien des rues de Paris) heisst 
nur labyrinthisch (nicht auch, wie Sachs angibt, dädalisch); 
es ist von dem Appellativ le dSdale, nicht von dem Personen- 
namen gebildet. 

Diomödien (C.) dem Diomedes angehörig. 

Don-juanesque^ den Don Juan spielend: Quant ä RibalUery il 
est celihataire et don-juanesque malgri ses cinquante ans 
(France, 8 mai 1878). Tous les hommes qui menent quelque 
peu la vie don-juanesque aiment ä s^aventurer vers les femmes 
fatales (A. Houssaye, France, 25 juin 1879). Ce qui paraitra 
Sans doute singulier, cest qu'avec ces beaux projets machia- 
viliques et don-juanesques, j^etais, au fond, le gargon le plus 
tiwide du monde et le plus facile ä decontenancer (Sarcey, Le 
piano de Jeanne 248). Don-juanesque verdrängt das gleich- 
bedeutende don-juanique. 

Don-quichottesque, den Unternehmungen Don Quixote's ähn- 
lich: Le choix du nouveau ministre des affaires itrangeres 
peut etre considere comme une preuve incontestable qu^il (sc. 
Gambetta) n^est nullement engage, en ce moment, en des entre- 
prises don-quichottesques au dehors{XlX^ Si^cle, 26 sept. 1880). 

Eudoxien (C.) Eudoxianer, nach Eudoxius genannte Sekte. 

Fabien heisst auch: nach Art des Fabius (Cunctator). Vannie 
1536 futy apres celle de Marignan, la plus glorieuse de la 
vie de Frangois I^: ä cette guerre toute fabienne, on ne re- 
connaissait plus les tSmiraires aventuriers de Pavie (H. Martin 
VIII. 244). 

Figaresque» der Zeitung Le Figaro angehörig, ftir dieselbe be- 
stimmt: Les bureaux du ministhre de Vintirieur ont eti plus 
loin: ils ont grossi, ils ont exagire Vinconvenance et le danger 
des deux telegrammes figaresque^ (France, 15 janvier 1878). 

Figariste auch als Adj. M. Zola, en effet, sest enröle dans le 
le bataillon figariste (XIX® Siöcle, 23 sept. 1880). 



HO Ph. Plattner, 

Qondowaldien, Anhänger des fränkischen Gegenkönigs Gondo- 
wald: Les principaux chefs des Gondowaldiens obtmrent leur 
pardon par V Intervention de Gregoire de Tours et de quelques 
autres prelats (H. Martin II, 85). 

H6racl^n (C); l) dem Herakles, 2) der Stadt Heraklea angehörig. 

Hermipnite (C.) Nebenform zu hermien, 

Hippocratien» dem Hippocrates angehörig (fehlt auch im G.): 
üne circonstance pinihle vient de m^offrir Voccasion d'observer 
les changements materiels qiia subis la gent hippocratienne 
pendant ma longue absence (Jouy, Ilermite de la Guiane I, 46). 
Hippocratique ist, wie schon die Endung an die Hand gibt, 
mehr auf den gelehrten Gebranch beschränkt. 

Hofi&nanique heisst auch: Hofifmann angehörig, bei Hofifmann 
vorkommend. Über die von Sachs durchaus gleichgestellten 
Formen hoffmanique und hoffmanesque vergleiche das bei 
aristophanique Gesagte. Les Kreissler farouches, les musiciens 
hoffmaniqu^s qui se croient savants parce quHls soni ennuyeux, 
affectent de mipriser beaucoup la musique oü la rnModie pari 
ä tire-cPaüe et s*elhve en chantant sans tours de force et sans 
casse-cou (Th. Gautier H, 179). 

niyricain (0.), Sekte, Anhänger von lUyricus. 

Ingresque^ dem Vorbild des Malers Ingres folgend: TJecole glacee 
de V Empire est remplacee par cette ardente gener atton de jeunes 
peintres dont Eugene Delacroix est le chef. Cette ecole pro- 
voque ä son tour la riaction ingresque (Th. Gautier IV, 389). 

J^romiste vgl. bei Ludovicien. 

Juvönalique, dem Juvenal angehörig: Venez peindre nos ridiades, 
nos sottiseSy nos viceSj avec cette ironie amere, avec cette In- 
dignation juvinalique qui vous ont si bien inspiri dans votre 
jeunesse (Jouy, Hermite de la Guiane, I, 9). Über das Ver- 
hältnis zu dem bei Sachs allein angeführten juvenalesque vgl. 
bei aristophanique. 

Laomödontien (C.), von Laomedon abstammend. 

Lodoicien (C.), von Louis abgeleitet. 

Loisellien (C.), dem Rechtsgelehrten Loisel angehörig. 

Ludovicien^ Anhänger des Prinzen Louis (Bohaparte, Sohn von 
Plön -Plön). Quant aua^ Jeromistes et aux Ludoviciens, ces 
autres fractions du bonapartisme, on devine aisiinent quel 
accueü üs riservent au manifeste de leurs ennemis (Paix, 
12 juin 1885). Vgl. auch C. 

Mac-mahonien, Anhänger Mac-Mahon's: Nous apprenons igale- 
mevd que M, Bartholoni se prisentera dans le VII^ arrondisse- 
ment de Paris comme conservateur et mac-mdhonien (Figaro, 
22 aoüt 1877). Als Adj. (Mac-Mahon angehörig, von ihm 



Personal- und Ge> 

ausgehend): 7>a Tisisti 

mentaire, la risistem 

makoniens, n'est phts 
Mansfeldois (C), Sekte, 

Übertragung der zu d( 

auf daa von dem gleict 
Marächalesque (dem Ma 

inae-mahonesque) : De 

elections gitiirales, oii 

combat Sans budget vc 

{France, 12 d6c. 187' 
Mazarin, Anhänger Mazai 

nuit les principaux of_ 

Saint sacrement qu'on 

soupQonnait ttBtre Mai 

de plat £ipie (Voltair 

C. und ebenda (s. v. 

retirer ä la hdte. 
Molißresque (L. 8.}, Mo 

Endung ist nicht vorh 
Hurinette. Aus dem 

Murinette beattti est avi 

1671). La Murinette 

n'est pait de m&me poi 

meint ist Anne -Marie 

de Kernt an oder Cam 
Ozanamite, Anhänger 0: 

jeune komme destin^ si 

qu'ä s'inntrmre (Arcus 
Parnelliste, Anhänger P 

leur groupe comptera d 

au moins quatre-vingt 
BaphaSlesqne, jetzt Ubli 
StäTeniste (C), Sekte n 
Turcarien, nach Art Ti 

turcarienne anstocratx 

g^neraliti voit g'Svanoh 

g'althre snn respect de c... ...» ^>,„. .^„........^ ,... ^.-^..^...^., 

Babel IV, 132). 
Victorien, Anhänger dea Prinzen Victor (Solin von Plon-PIon): 

Ausgi eat-il prisumahle gue les Orlianiates, quelque envie qu'iU 

en aient, feront froide mine au programme impirialiste et 

qu'ils laisteront les Victoriens faire seuls leurs petäes manatuvres 

ikctoToles (Paix, 12 juin 1885). 



112 i%. Baitner, 

Vitellien, dem Vitellius angehörig: Quelques cohortes vitelliennesj 
renforciea par la jeunesse aristocratique d!Autuny disperserent 
le ramas de paysans que le pretendu genie Celeste trainait 
apres lui (H. Martin 1, 234). 

Weymarien (weimarlen), Bernhard von Weimar angehörig: Des 
ditackenients commandis par Ghiibriant et Ikirenne, gSndraux 
qui se formaient ä ticole su6doise, vinrent renforcer les 
Weymariens (Th. Lavallie, Hist. des Fran9ai8, III, 157). Le 
duc de Longueville fut reconnu pour chef de VarTnie wey- 
marienne (ib. III, 159). 

Zoliste, in der Art von Zola: Nous repudions ces bonshommes 
de rhStorique zoliste, ces sükouettes enormes j surhumaines et 
hiscornues . . . (Paix, 20 aoüt 1887, Reproduktion aus dem 
Figaro). 

B. Von Ortsnamen abgeleitet. 

Abbevillois^ zu Abbeville gehörig: Une hander ole sur laquelle 
figure Vinscription: ^^8ur V initiative de V Abhevilloise^'' (Paix, 
3 juillet 1885). 

Abdöritain bedeutet bei La Fontaine (neben Abd^rite) den Be- 
wohner von Abdera: Democrite et les Ahdeintains (VIII, 26). 

1. Abyssin. 2. Abyssinien. 3. Abyssinique. 

Littr6 (S.) kennt nur die beiden ersten Wörter und zwar nur 
als Adj. (1. Qui appartient ä VAhyssinie: Tjidiome abyssin, 

2. Qui est relatif ä VÄbyssinie: les poptdatians abyssiniennes). 
Für „die Abessinier" bietet er keinen Ausdruck. — Das 
CompUment kennt 1. als Adj. und Subst., 2. nur als Subst. 
(d. h. substantiviertes Adj.) für die Sprache (das Abessinische), 

3. nur als Adj. in dem Ausdruck les langues abyssiniques ; 
2. und 3. würden sich zu einander verhalten wie römisch: 
romanisch, deutsch: germanisch. — Ebenso Sachs, der jedoch 
bei 3. keine weitere Angabe macht. 

Zunächst ist sicher, dass les Abyssins die Abessinier 
heisst; Beispiele sind unnötig, da man sie in jedem franzö- 
sischen Lehrbuch der Geographie und augenblicklich in jeder 
französischen Zeitung finden kann; zu bemerken ist, dass 
les Abyssiniens sich findet, z. B. gerade in dem CompUment 
(s. V. agadajy welches nur les Abyssins aufführt. Auch als 
Adj. ist jetzt 1. das weitaus üblichste, wenn nicht das einzig 
übliche Wort: Tigoulat qui fut autrefois le siege de tout 
Vempire Abyssin (Cortambert, Cours de g6ogr. 555). C'est 
un giniral abyssin^ Rassahda, qui est chargS de cette tdche 
(Paix, 20 aoüt 1885). Les mahdistes seraient en mar che 
contre la capäale abyssine (ib. 18 mars 1887). On assure 



Personal- und Gentilderivale im Neuframösischen, 113 

qvLune avant-garde de ti'oupes ahyssinnes (wohl Druckfehler) 
etait partie pour secourir Kassala (ib. 10 sept. 1885). 

Accitanien (C), Bewohner von Acci oder Accitum in Spanien. 

Acerrain (C), Bewohner von Acerra. 

AgönaiSy das Gebiet von. Agen. Sachs gibt (wie C.) nur Agi- 
nois. H. Martin gebraucht nur die Form auf -ais (z. B. 
III 490, IV 108, 348, V 80, 227), daneben noch häufiger 
Ägenais (z. B. IV 104, 348, 559, 562, V 74). Auch für 
die Bewohner gibt der CdV. (V, 82) Ägenais ou Agenois. 
Mignet (z. B. Etudes bist. 174, 179, 212) gebraucht Agenois 
und Agenois neben einander. Vgl. hierzu Rockdois neben 
Rochellois. Die üblichste Form ist jedenfalls Agenais flir die 
Bewohner sowohl wie für das Gebiet; für das erste finden 
sich zahlreiche Beispiele aus französischen Zeitungen letzter 
Zeit gelegentlich des Aufenthalts des Präsidenten Carnot in 
Agen, für das letztere spricht der Ortsname Monclar-d'Agenais. 

Aigues-Mortain (CdV. V, 82), Bewohner von Aigues-Mortes. 

Aixois^ zu Aix (en Provence) gehörig: Ijes repvblicains aixois 
se preparent ä feter dignement V anniversaire de la proclamaiion 
de la premi^re Repuhllque (France, 20 sept. 1878). Le marcM 
aixois est trls viveinent impressionnS (Paix, 12 janv. 1886). 

Ajaccien, Bewohner von Ajaccio: Le prince NapoUon (Jeröme) 
se prisente aux suffrages des Ajacciens (France, 25 juin 1879). 

Aleman, alemanique^ Al(l)emanne, a(l)lemannisch schreibt Sachs 
(wie C). Üblicher ist die Schreibung mit II, nn: Soixante- 
quinze mille guerriers franks, allemanSy burgondes . . . (H. Martin 
II, 25). Deux frlres appeles Bukhelin et Leuther, qui etaient 
de sang alleman (ib.). Des bandes frankes et aüemanes (ib. 
I, 342). Theudebert eut pour sa pari les hautes vaüies du 
Rhone, du Rhin et de l'Inn habitees en partie par des popu- 
lations allemanniques (ib. II, 20). Uhydre allemannique 
(ib. I, 319). Guizot (Civilis, en Eur, 85) gebraucht sogar 
die Form Allemand (wie er Bourguignon für Burgonde u. s. w. 
setzt): On compte les lois des Bourguignons , des Francs- Sa- 
lienSj des Francs-Ripuaires, des Visigoths, des Lombards, des 
Saxons, des Frisons, des Bavarois, des AUemands, etc. — Ijes 
Allemans (Cortambert 204). 

Alezandrin^ Bewohner von Alexandrie (Egypte), vgl. bei Cairote. 

Alr6en, Alrien, Bewohner von Auray (CdV. V, 82). 

Alsatique^ Nebenform zu alsacien, die mehr auf gelehrten Brauch 
hinweist: Ce qui est particulierement lottable dans les ouvrages 
patriotiques et alsatiques de M. Leroy de Sainte-Croix, c'est 
la modiration, la prudence, la sagesse de langage et d'esprä 
qui les caracterise et les distingue (XIX® Si^cle, 14 nov. 1880). 

Zschr. f. frs. Spr. n. Litt. XJi. g 



114 i%. Piaitner, 

Ambertois, Bewohner von Ambert (CdV. V, 82). 

Amyclöen (C.)y zu Amycl^e gehörig oder da geboren. 

AndaloUB. Sachs gibt an erster Stelle andalou mit dem f. an- 
dalouse und dem pl. m. andalous und andaloux. Die Schrei- 
bung des m. liegt ja sehr im Argen und für ^Andalusier^ 
(d. h. Pferd) findet man andalouy andalous und sogar andaloux 
im sg. Littr6 (im S.) gibt nur andalous, ebenso gebraucht 
Brächet (Gr. bist 51) nur V andalous (das Andalusische). Es 
ist daher offenbar am besten, das Wort in der Form andalous 
ausschliesslich anzusetzen, wodurch sich f. und pl. m. von 
selbst ergeben, zugleich auch das Wort von den exotischen 
hindou, 'oue, mandchou, -o^^e^ zoulouy zouloue losgetrennt wird. 

Annonien^ Bewohner von Annonay (CdV. V, 82). 

Aostain, Bewohner von Aoste (-a): Les Aostains ont grosses 
questions avec leur evSquCy ä cause des excommuniements quüs 
ne peuvent souffrir (Bonnet, R6cit8 du XVP si^cle, 50. Die 
Stelle stammt aus dem Jahre 1535). 

Appenzellois^ Bewohner von Appenzell. Die Form Äppemelöis 
hat CoBckelberghe-Dutzele, Theorie compl. de la prononc. I 260. 

Aptösien, zu Apt gehörig: Des voeux taut platomques pour les 
succis Slectoraux des deux gloires de la democratie aptesienne 
(Fig. 8 aoüt 1877). 

Aquitain aquitanisch. Ausser diesem Adj. (das einzige von C. 
aufgeführte) gibt Sachs aquäanien und aquitainique, für welche 
ich keinerlei Belege beizubringen wUsste. Littre gibt auf- 
fallenderweise weder ein Subst. noch ein Adj. Sachs fuhrt 
das sehr übliche aquitanique nicht auf, und fast muss man 
vermuten, dass sein aquitainique nur ein Druckfehler ist, 
worauf schon die den Lautgesetzen Hohn sprechende Bildung 
verweist. Les villes aquitaniques (H. Martin VIII, 385). La 
cSte aquitanique (ib. 283). Le chef ou roi des Nitiobriges 
amena au camp un gros de cavalerie gaelique et aquitanique 
(ib. I, 171). La rebdlion aquitanique (ib. II, 215). Les 
milices aquitaniques (ib. II, 316). Uarmie aquitanique (ib. 
200, 202). Ebenso anglo- aquitanique y franco- aquitanique: 
Varmee anglo - aquitanique (ib. V 260, 287). La suzeraineti 
franco' aquitanique (ib. II, 351). Varmie franco-aquitanique 
(ib. II, 330 f.). Für aquitain: Les seigneurs aquitain^ 
(ib. II, 248). VArvemiey le Limousine le Querci et quelques 
autres cantons aquitains (ib. II, 4). Die Beispiele für letzteres 
Wort sind nicht zahlreich genug, um einen Schluss zu er- 
lauben ; aber beim Überblick kommt man zur Vermutung, dass 
H. Martin der weiblichen Form aquitaine ausweicht und dafür 
aquitanique verwendet. Vgl. bei Aleman, 



Persotial- und Geniüderivaie im Neufranzösischen. 115 

Arabique. Die Angaben von Sachs stimmen im ganzen mit dem 
C, welches noch annee arabique und tables ardbiques zusetzt. 
Langue arabique , was Sachs aufführt, ist durchaus veraltet. 
La Touche (L'art de bien parier fran9ois, 7« 6d. 1760, II, 363) 
sagt: Ort dit V Arabe pour la langue^ un mot Ärabe, des carac- 
tlres Arabes, Weiterhin wirft er dem Pfere Bouhours vor, dass 
er den Gebrauch von arabique für die Sprache nicht erwähnt 
habe. Jetzt sagt man nur V arabe ^ la langue arabe, aber les 
langues arabiques, wie das C. angibt und mit dem bei Abyasin 
bemerkten Unterschied. 

Araucan nach Sachs (und C.) nur von der Sprache, für das 
Volk Araucanien, Vgl. Les Araucans de VAmirique occideniale 
(Paix, 9 sept. 1887). 

Arbosien, Bewohner von Arbois (CdV. V, 82). 

Ard^chois^ Bewohner des D6p* de l'Ard^che: Les Ard^chois 
habitant Paris sont insiamment pries de s'y rendre (France, 
21 oct. 1878). Auch von über, Progr., Waidenburg, 1885, 
verzeichnet. 

Ardennais^ Bewohner des D6p* des Ardennes (CdV. VIII 185, 
Cceckelberghe-Dutzele I, 260, über). Vgl. auch bei boulenois 
das Zitat aus Fig. 16. 8. 77. Nach einer bei Stapper's 
(Dictionn. synopt. d*6tymol. fr. 552) verzeichneten unhaltbaren 
Annahme käme ardoise (Schiefer) von ardois = ardenois, 

Armagnacoty Bewohner des Armagnac (CdV. VIII, 185). Ein altes 
Armignagois (Anhänger der Armagnacs) ist im C. verzeichnet. 

Armorique (C.) als Nebenform des Adj. armoricain, 

Arnaute, Arnoute^ Arnaute, amautisch. So bei Sachs (im C. 
nur erstere Form). Vgl. les Arnaoutes (Paganel, Hist. de 
Scanderbeg, introd. 36), wobei zu bemerken ist, dass Paganel 
sich in fremdartig klingenden oder geschriebenen Namens- 
formen gefällt. 

Aryaque» Nebenform von aryen. Brächet (Nouv. gramm. fr. 
pr6face 18) zitiert la Separation des peuples aryaques ou indo- 
europeens. Nach Littre (S.) wäre aryaque um eine Stufe älter 
als aryen und bedeutete die gemeinsame Ursprache der Aryer. 
Sachs thäte besser, die Schreibung arien (wie Littr6) auf die 
Bed. Arianer zu beschränken. 

Aspois^ Bewohner der vall6e d'Aspe (CdV. VIII 185). 

Astesan^ Bewohner von Asti, aus Asti gebürtige Person: En 
1268, le roi chassa tous le banquiers et changeurs lombards 
et cahorsins, que n'avait pas arretes texemple des Astesans 
(H. Martin IV, 286). Zwölf Jahre früher waren nämlich 150 
aus Asti gebürtige Bankiers mit G Utereinziehung aus Frank- 
reich vertrieben worden. 



116 i%. Plaiiner, 

Aubagnien. (Bewohner von Aubagne im D6p* des Bouches-dn- 
Rh6ne.) Hier, ä deux heures, left Meridionaux venus ä Paris 
pour preter leur concours aux Fefes du Soleil, donnies au 
proftt des inondes du Midi, les Aubagniens en particulier, sont 
allis donner unc aubade ä la Soeiete des Meridionavx, 6, boule- 
vard Poissonnilre (Paix, 8 janv. 1887). 

Augeron. Bewohner der vall6e d'Auge (CdV. VIII, 185). 

Aunisien. Bewohner der Provinz Aunis (ib.). 

Aurillaquois. Bewohner von Aurillac (ib. V, 82). 

Autun(n)ois. Bewohner von Autun. Nach CdV. (V, 82). 
AvtunoiSy Autunais, Les chistes bitumineux . . . s'exploitent 
surtout dans VAutunois (Cortambert 249). 

Auverpin (= Auvergnat), Unter der Form auberpin: Elle a 
faxt Qaf — Pardinej puisque le petit auberpin rna tout däl 
(Delacour et Thiboust, Paris qui dort, III, 4). Auverpin 
findet sich Übrigens in dem Stück Avait pris femme le Sire 
de Framboisy (I, 3) von denselben Verfassern. 

Auzonnais, Bewohner von Auxonne (CdV. V, 82). 

Avallonais^ nach CdV. (V, 82) Avalonnais, 

Avejrronnais, Bewohner des D6p* de TAveyron (ib. VIII, 185). 

Avignonais. Wenigstens sollte bei Sachs wie in andern Fällen 
ein zweites n eingeklammert stehen. Ich zähle in 8 Fällen 
avignonnais (bei H. Martin, Prosper Merim6e, Figaro, France, 
Petit XIX® Si^cle), in zwei avignonais (Augustin Thierry, Th. 
Lavallöe). 

Avranchais, Bewohner von Avranches (CdV. V, 82). 

Ayranchinais, Bewohner des Avranchin (CdV. VIII, 185) 
und daher 

Ayranchin, Gebiet, Umgegend von Avranches. 

Bagnerais, Bewohner von Bagnöres (CdV. V, 82). 

Bagnolais (C), Sekte, welche in der Stadt Bagnols entstand. 

Balkanien^ Balk(h)anique dem Balkan angehörig. Les princi- 
paiäes balkaniennes (Paix 22 sept. 1885). Les Etats baJ- 
kaniques (ib. 11 nov. 1885). Les provinces balkaniques (ib. 
20 sept. 1885). La peninsule balkamque (Ind^pendance Beige, 
14 janv. 1886). 

Bar-sur-Aubois (!), Bewohner von Bar-sur-Aube (CdV. V, 82). 

Barrisien, nach CdV. VIII, 185. Bewohner der Landschaft 
Barrois, Sachs dafür Barrois, So auch: La cavalerie 
barroise et lorraine (H. Martin, VI, 187). 

Barrois, Bewohner von Bar-le-Duc (CdV. V, 82). 

Bayeusin, Bewohner von Bayeux (ib.); dazu als Landschafts- 
name le Bessin (mit gleicher Etymologie wie. Bayeux: lat. 
Bajocasses) bei Sachs und C. 



PersoncU- und Gentilderivale im Neu französischen, 117 

Bazadois (Sachs -ais), Provinz mit der Stadt Bazas (lat. Vasates). 
Die Form mit -ois habe ich bei H. Martin viermal, die 
mit -ais nur einmal bei J. Vinson (Revue critique 1880, 
I 479) notiert. 

Beaucairien, Beaucairois. Ersteres als Bewohner von Beancaire 
bei CdV. V, 82. La faire gut fut instituee^ ä ce qu^on pre- 
tendy par Raymond VI, comte de Toulouse, en reconnaissance 
du zele que les Beaucairois avaient montri pour ses interets 
pendant la guerre des Alhigeois (Quitard, Dictionn. des pro- 
verbes 23). Ebenso Us Beaucairois bei A. Daudet, Lettres 
de mon moulin 16. 

Beauvaisis, Beauvoisis^ beide bei Sachs. Ersteres überwiegt 
stark. Wie die Endung andeutet, stehen beide für die Land- 
schaft, dafür alt auch Beauvoisin: PareiUement ä Reims . . . 
et en Beauvoisin (Beauvaisis) , les vilains se rebdloient (H. 
Martin V, 382), während die entsprechende neuere Form 
Beauvaisin nur für die Bewohner steht. 

Bedarrez, Gebiet von B^ziers (lat. Biterrae). H. Martin IV, 
43, 109. Vgl. bei Sachs Biterrois, 

Belfortain^ B6fortin^ Bewohner von Beifort: La population 
bdfortaine (France, 19 avril 1878, ebenso Petit XIX« Si^cle, 
18 aoüt 1883). Die zweite, der gewöhnlichen Aussprache 
entsprechende Form wird vom CdV. V, 82 gegeben. 

Beige. Zu den alten bei Sachs verzeichneten Adj. belgeois und 
helgique kann noch belgicain gezählt werden, von dem Vermesse 
(Patois wallen 24) sagt: Ne se dif ä Lille qu*en mauvaise pari. 

Bellevillois^ Bewohner von Belleville, zu B. gehörig: Le 
comite qui paironne, dans les deux circonscriptions beUevilloiseSy 
la candidature de M, Gambetta . . . (Petit XIX® Siecle, 
13 aoüt 1881). 

Bellilois, Bewohner von Belle-Isle-en-Mer. (CdV. VIII, 185). 

Bengali als Subst. wird von Sachs nur auf die Sprache bezogen 
oder in der Zoologie (Bengalfink) gebraucht. Es tritt auch 
für Bengalais ein: Le Bengali ne fait rien qu^ä regret et avec 
une Sorte de langueur . . . Nous n'estimons pas qu'il y ait, 
dans toute Varmee indiglne de la compagnie, cent Bengalis de 
race pure (Macanlay, trad. d. MM. Joanne et Forgues, bei 
Raffy, Lectures d'hist. de France, 570). 

Bergamois (C.) alt für Bergamasque. 

Berrichon ist nach Jaubert (Patois du Centre I 135) im style 
noble durch Berruyer zu ersetzen. Berrichon (Vermesse 203 
schreibt BSrichon) ist in der Litteratur trotzdem häufig 
(Augustin Thierry, George Sand u.a.); H. Martin (z.B. II 74, 
IV 31) schreibt nur les Berruyers, 



118 Ph. Ptaiiner, 

BdBSarabe, bessarabisch: LaRussie. . . dddommagerait pecuniaire- 
ment la Roumanie de la perte du terrüoire bessarabe (France, 
17 mars 1878). Sachs hat nur bessarabien, 

B6thunoiSy zu B^thnne gehörig: Le Petit Biihunois Titel einer 
dort erscheinenden Zeitung (Paix, 29 mars 1888). 

Bigorrais neben Bigourdan, Bewohner der Landschaft Bigorre. 
Sachs hat Bigo(u)rdan, Formen, die sich leicht belegen lassen. 

Binchois der Stadt Bindre in Belgien angehörig: Anteneurementy 
les confetti binchois se composaient d^ceufs frais (es ist vom 
Confettiwerfen beim Karneval die Rede. France, 11 mars 1878). 

Biterrois, Bewohner von B^ziers. Der CdV. (V, 82) gibt da- 
neben Biterrais. 

Blayais, Bewohner von Blaye (ib.). 

Bocain, Bewohner der Landschaft le Bocage (ib. Vill, 185). 

Bohäme für Zigeuner: 11 n'y a pas grand mirite^ voyez-vousy ä 
itre une femme de bien quand on a ete ilevee dans une fa- 
mille de braves gens . . . par une bonne mh'e . . . La mienne 
Statt bohhne^ mais une vraie bohhmey une igyptienney qui jouait 
la comidie dans Us granges de village (0. Feuillet, Seines 
et prov. 192 f.). Par instants, il me semblait voir un de ces 
campements fixes de Bohemes arrites dans les grandes clairieres 
de la Valachie et vivant, comme les aiseaux, de ce que leur 
donnent les bois (Souvestre im Musöe frang. 1851, 254). 

Bönais, zu B5ne (Kreisstadt der Prov. Constantine) gehörig: 
Le Petit Bönais, dort erscheinende Zeitung (Paix, 3 aoüt 1886). 
Sachs nennt die Stadt Bone, das C. Bone, Bona. Nur die 
Form mit Zirkumflex ist jetzt üblich. 

Bonois? (wohl ältere Schreibung für beaunois, wie sich auch 
baunois findet) : En 1718, ä Cologne, en Bourgogne et Bonois, 
aux tles Agares . . . des hommes et des bestiaux furent tues 
par la greü (Paix, 5 sept. 1886). 

Bordelais. Zuzufügen (aus L. S.), dass bordelaise 1) ein in 
Bordeaux übliches Fass, 2) eine Bordeauxflasche bedeutet. — 
Die ofifenbar hierhergehörigen bourdelai(s), bourdelas, bourdelat 
(Name einer Weintraube), welche Sachs gibt, fehlen bei Littre. 
— Altere Form bourdelois: Les lois, coutumes et usances de 
Bourdeaux et Bourdelois, Bazas et Bazadois, Aqen et Agenois 
(H. Martin VI, 452). 

Bouju, Bewohner des pays des Banges in Savoyen (CdV. VIII, 185). 

Boulenois^ Boulon(n)ais^) werden von Sachs ganz gleichgestellt; 
das C. thut dasselbe, denn es kann keinen Unterschied 



*) Die Form mit nn ist ungleich häufiger, aber nur falsche 
Analogie; n wird im Derivat zu einfachem n. 



Personal' und Geniilderivate im Neufranzösischen. 119 

machen, dass bei bottlenois kurzweg Boulogney bei boulonais 
(sie) Boulogne-sur-Mer als Stammwort genannt ist; es werden 
sich kaum Beispiele für ein anderes Boulogne finden. Ausser^ 
dem führt das C. Boulonais oder Boulenais (?) als Name 
der in der älteren französischen Geschichte so vielgenannten 
picardischen Landschaft an. — Die Formen houlenois, boulenais 
(wenn letztere vorkommt) sind auf dieses Gebiet zu be- 
schränken: Puis il (sc. Cisar) revint sembarquer au port 
Itius (Wissant en Boulenots) (H. Martin I, 158). II (sc. 
Edouard III) marcha droit ä Calais ä travers le Boulenois 
(ib. V, 96). Jusqu'au traiti d*Arras, VAmienois^ le VermandoM, 
le Ponthieu, le Boulenois avaient reconnu nominalement 
VautoriU de Henri VI (ib. VI, 343). Des fortifications 
construites par les Anglais dans Boulogne et le Boulenois 
(ib. VllI, 348). Die neuere Form boulonnais ist das eigent- 
liche Adj. zu Boulogne: II rCy a que 6 % (sc. parmi ces 
chevaux) de provenance berrichonnej 1 % d^ardennaise, 1 % de 
boulonnaise (Fig. 16 aoüt 1877). Ck fut aussitSt dans la 
presse boulonnaise (B.-sur-Mer) . . . un concert de plaintes 
et de lamentations (Fr. Sarcey, XIX® Si^cle, 13 sept. 1880). 
Etienne . . . entra en campagne, en 1137^ avec ses mercenatres 
brabangons et ses vassaux boulonnais et normands (H. Martin 
III, 424). Vgl. endlich CdV. V, 82. Doch wird auch diese 
Form für das Gebiet gebraucht: Le premier (sc. corps), com- 
pos6 des gens d' armes du Boulonnais et du Ponthieu (H. 
Martin III, 118). II (sc. le duc de Gnise) parcourut toutes 
les places de frontitre frangavtCj depuis la Champagne jusque 
vers le Boulonnais (Mignet, Charles- Quint 325). Plus tard, 
. le Boulonnais forma un comte qui relevait du roi de France 
(Petit XIX« Si^cle, 19 mars 1881). — Als Ergebnis: 
boulon(n)ais ist die heute einzig übliche Form, doch wird zur 
Bezeichnung des Gebiets in historischer Darstellung die alter- 
tümliche Form boulenois vielfach bevorzugt. 

Bourbonnais. Aufifallend ist, dass H. Martin (VI, 88) das Wort 
mit nn, an einer anderen Stelle (XIII, 138) mit einfachem n 
schreibt. Für die Bewohner des Bourbonnais gibt CdV. 
VIII, 185) einzig: 

Bourbonnichon. Jaubert (Glossaire du Centre, I 166) führt 
das Wort gleichfalls an, verlangt aber für den style noble: 
Bourbonnais, 

Bourguignon wird von einzelnen Historikern, so stets von 
Guizot, auch für die alten Burgunder (Bourgondes) gebraucht. 
Das f. wurde früher häufig mit einfachem n geschrieben. 

Bournaisien, Bewohner der Landschaft le Bonrnais (CdV, VIII^ 185). 



120 Ph. Piaitner, 

Bray, Name eines Landstrichs im D6p^ de la Seine -Införieure: 
Goumay-en-Bray, Ort nordöstlich von Harfleur. Ein Be- 
wohner dieses pays de Bray heisst 

Brayon. (CdV. VIII, 185). 

Brayau. Bewohner der Landschaft la Limagne (ib. 186). 

Brenil, Name einer Landschaft: La Roche- en-Brenü (Paix, 
9 janv. 1886). 

Brasilien. Die Form brasUien findet sich bei Buffon ((Euvres 
compl. III 265, (Euvres choisies II, 251): II itaU plus aise 
d^en appeler un autre (sc. animal) renard amdricain^ que de 
Im conserver son nom hrasilien tamandua-guacu. 

BrianQOnnais. Dafttr CdV. V 82 hriangonnois, 

Brivadois, Bewohner von Brioude (CdV. V 82). 

Brugeois, alt hmgelin (C). 

Brüxellois im Patois Brussdaire (Vermesse 106). 

Bugeysien^ zu Bngey gehörig: De Ms nombreuses et tres im- 
portantes commandes mennent cPetre adressSes ä notre fahrique 
hugeysienne d' Stoffes de sote (France, 11 juill. 1878). Die 
Wörterbücher kennen nur le Bugey, eine Landschaft westlich 
von dem an der Genfer Grenze gelegenen Pays de Gex im 
D6p* de l'Ain. Nach dem weiteren Wortlaut des angezogenen 
Artikels muss auch ein Ort Bugey existieren: Des ordres 
pressants ont iti donnis par les chefs de maisons de Lyon ä 
leurs reprisentants de Bugey .... 

Bulgarien ist zugunsten von huLgare^ le Bulgare so gut wie auf- 
gegeben. 

Burgonde^ Burgondion, Burgunder Burgundion (es ist kein 

Grund vorhanden, diese Wörter nur im Plur. aufzuführen, 
wie Sachs thut); die erste Form kann als die jetzt vor- 
herrschende für die Bezeichnung dieses germanischen Volks- 
stammes gelten. Auch le hurgonde för die Sprache: II n'y avait 
point au cinquihne siecle de langue allemandeuniformSj mais autant 
de dialectes divers (le francique^ le hurgonde, le gothique, etc) 
que de trihus envahissantes (Brächet, Gramm, bist. 29). 

Burgondien^ Adj. zu dem vorigen neben hurgonde: Ije chef 
hurgonde pouvait aspirer au röle de Rikimer (H. Martin I, 
394). Seconde par Godeghisel et par un parti hurgondien et 
gallo-romain, ü (sc. Gondehald) vainquit Hilperic et Godomar 
(ib.). II (sc. Ecdidus) avait envoyS ses serviteurs, ses ckevaux 
et ses chariots parcourir les cites hurgondiennes voisines de 
VArvernie (ib. 395). Es mag bemerkt werden, dass das Land 
an den gleichen Stellen la Burgondie genannt wird. 

Byzantin. Oft auch hysantin geschrieben (so z. B. von Prosper 
M6rim6e). Vgl. Sarrazin neben dem üblichen sarrasin. 



Personal- und Gentüderivtüe im ^eufranzösischen. 121 

Gaeil(ll)ais, caönois stellt Sachs, caennais, caennois stellt der 
CdV. (V, 82) neben einander; C. hat nur caenais. Ich habe 
nur caennais notiert (Le Drapeau, 26 sept. 1885). 

Gadurcien^ cahors(a)in bei Sachs; cahorsin, cadura'en bei dem 
CdV. (V, 82). Cahorsin scheint das üblichste. Zuzufügen 
ist cahorsin (= hanquier, usurier): Ij exploüation de la banque 
et de Vusure passa des juifs ä une classe de banquiers appelis 
cahorsins, parce que les habitants de Cahors s'dtaient, les 
Premiers entre les chritiens, adonnis au commerce de banque 
pour le Service de la cour de Borne (H. Martin IV, 256). 
Vgl. auch bei Astesan. Im C. steht diese Bedeutung unter 
der Form caordn (= Geldwechsler italienischer Abkunft) 
verzeichnet. 

Gairote^ Bewohner von le Caire: Les Alexandrins fuyani le cholera 
viennent id; et les Cairotes les y regoivent sans difficuUe 
(Petit XIX« Si^cle, 23 aoüt 1883). 

Galabrais ist jetzt die üblichste Form; H. Martin (z. B. IV 119, 320) 
gebraucht caldbrois, 

Galaisis^ das Gebiet von Calais: Le Calaisis ou comte d^Oie 
(H. Martin VIII,- 462). Des Conferences pour la paix s^etaient 
ouvertes ä Marcq^ dans le Calaisis (ib. 440). Dls lors (1558), 
le Calaisis j reuni au comte de Guines, prit le titre de pays 
reconquis (Petit XIX« Siecle. 6 fevrier 1881). 

Galaisien^ Bewohner von Calais; CdV. V, 82 gibt auch caUsien, 

Gamarguais, Bewohner des Landstriches La Camargue (CdV. 
VIII, 185). 

Gambodgien^ zu Cambodge (-dje) gehörig: Dans tous les cas 
oü il ny a pas de sujets cambodgiens en cause (Petit XIX® Sifecle, 
3 mars 1881). La mission cambodgienne (Paix, 10 nov. 1885). 
Les Cambodgiens (Cortambert, 510). Auch von über bemerkt. 

Gambraisien. Sachs führt die Nebenform cambrisien (C: vieux 
langage), aber nicht cambrisien auf: Le cambrelot ou cam- 
bresien se parle dans le Cambresis {Verme^Be, intr. 16). Auch 
von CdV. V, 82 bemerkt. Cambrelot ist also eine populäre 
Nebenform, die vielleicht nur von der Sprache gebraucht wird. 

Gambr^sis^ Gebiet vom Cambrai; daneben Cambraisis (H. Martin 
I, 410), Cambresis (ib. VIII, 429), vgl. auch cambraisien. 
Die Form cambresis fuhrt Sachs nur in Chdteau- Cambresis 
auf, welches in dieser Form jedenfalls ungewöhnlich ist. Der 
Ort heisst le Cdteau- Cambrisis oder le Cdteau (C), le Cateau- 
Cambresis (Cortambert, 267); la paix glorieuse de Cateau- 
Cambresis (Voltaire, ed. du centenaire 526); le congr^s se 
rouvrit, au Cateau - Cambresis (H. Martin VIII, 475); iraüi 
du Cateau- Cambresis (ib. XVII, 111). Die Qualität des e ist 



122 Ph, PiaUne9\ 

also sehr schwankend; aber jedenfalls ist das pikardische c 
für ch beizubehalten und am besten behält man auch den 
Artikel bei, wogegen der Zirkumflex wegfällt. Vgl. auch 
catisi^en. 

Gambridgien, Bewohner (Studenten) von Cambridge: Au con- 
traire, grdce ä leur famüiaritS intime avec Vantiquite, les 
Cambridgiens ont su mettre ce denouement de la tragedie dans 
un relief st saisissant . . . (XIX® Si^cle, 14 d6c. 1882). 

Cantalien* Bewohner des D6p* du Cantal (CdV. VUI, 185). 

GantonaiSy zu Canton gehörig. Dafür mir nur die Form mit nn 
bekannt: Cantonnais (Coeckelberghe - Dutzele, I, 259), U Can- 
tonnais (Name eines Schiffes. Paix, 25 avril 1886). 

Garcassez, Gebiet von Carcassonne: le Carcassez (H. Martin 
IV, 43, III 230). Nach dem C. dafttr auch Carcassois. 

Garch^onien, zu Carch^don gehörig (C). 

Garladez, Gebiet von Oarlat im jetzigen D6p^ du Cantal. 
Vic-en-Carlades (nordöstlich von Aurillac), auch auf Karten 
Vic-en-CartaUz oder Vic-sur-Chre genannt. Carlat ist ein 
ganz unbedeutender Ort südöstlich von Aurillac. 

Garrörois^ Garröriste. Bewohner von Carrieres, Dorf zwischen 
Paris und Saint-Germain-en-Laye : Je connais les Carrerois ou 
les Carriristes; ce sont des gens trop respectueux de la pro- 
priete d'autrui pour tremper leurs mains dans le vol (Fr. 
Sarcey, XIX« Sifecle, 26 mai 1880). Die zweite Form ist 
offenbar nur scherzhafte Bildung. 

Gastrais, Bewohner von Castres (CdV. V, 82). 

Gatesien^ zu le Cateau (vgl. camhrisis) gehörig: TJne grh)e vient 
de ce diclarer au Cateau^ dans le tisssage de la societe 
catesienne (France, 8 f6vr. 1879). 

Gaucasien^ caucasique. Das zweite Wort bezeichnet Sachs 
als selten. Littrö gibt im Wörterbuch nur race caucasienne 
(= race blanche), im S. dagegen race caucasique (= race 
indo-europSenne). Das C. hat race caucasique ou caucasienne, 
Cortambert sagt: La race blanche s*appelle aussi caucasique 
(34). Ces cavaliers . . . dont Vaspect provoquait une question 
relative ä leur origine semitique^ caucasique ou ethiopienne 
(Temps, 30 dec. 1879). Le type caucasique (France, 9 sept. 
1878). Les hommes du type caucasique ou mediterraneen 
(CaucasienSy Basques, SSmites, Indo - Germains) (ib.) Und 
ebenda sogar als Subst.: En outre, chez le caucasique ^ le 
visage est droit et deforme ovale, plus large vers le haut que 
vers le bas. Endlich sagt die Akademie (1878; 1835 fehlte 
das Wort): La race caucasique ... On dit aussi: La race 
caucasienne. Eigene Belege für letzteres fehlen mir. 



Personal- und Geniüderivate im Neufranzösischen, 123. 

Gauserans^ le, ein Teil der Gascogne (C. Gascogne). 

Gerdanyol, Bewohner von la Cerdagne (CdV, VIII, 185). 

Ges6nate, Adj. zu C6s6ne (C). 

Gettois. Bewohner von Cette. (CdV. V, 82). 

Ghabanais, von Coeckelberghe-Dutzele (I 260) ohne weitere 
Angabe als chef-Ueu de canton aufgeführt. 

Ghälonnais wird meist (wie bei Sachs) sowohl als Adj. zu 
Chälons-sur-Marhe wie zu Chalon (-sur-Saöne) betrachtet. Für 
letzteres ist besser chalonnais (Cortambert 335), obwohl es 
auch für die erstere Stadt steht, so Petit Journal (10 avril 
1884), offenbar fehlerhaft (in demselben Artikel steht auch 
Chalon-sur-Marne, was unter allen Umständen unrichtig ist). 
CdV. (V, 82) gibt Chalonnais oder Chdlonnois für Bewohner 
von Chälons, ohne zu bemerken, welchen Zusammenhang der 
Cirkumflex mit der Endung haben soll. Die Form auf -ois 
ist mir weiter nicht vorgekommen. 

Ghalossin, Bewohner von le Chalosse (CdV. VIII, 185). 

Ghampenois , Bewohner der Champagne, dagegen champagneux 
Bewohner der Champagne im Berry (Jaubert, Patois du 
Centre I, 224). 

Ghanan^n wird von Sachs mit cananeen als Adj. zu Cana 
gleichgestellt. Nach dem C. gehört es zu Chanaan; dabei 
wird eine Warnung vor Verwechselung aus dem Dictionn. de 
Trevoux angeführt. 

Ghäteauduneois, Bewohner von Chäteaudun (CdV. V, 82), 
Vgl. Dunois. 

Ghäteaulinais^ zu Chäteaulin gehörig: Äu fond de Vhorizon . . . 
on apercevait Ja Ugne dicoupee des maigres vignöbles chäteau- 
linais (Jules Mary, XIX« Siecle, 16 oct. 1880). 

Ghätillonnais, Bewohner von Chätillon (CdV. V, 82). 

Cherbourgeois, Bewohner von Cherbourg (ib.). 

Chiojote. Bewohner von Chioggia: Tels sonL d peu de chose 
pres que foublie peut-etre, les pecheurs venitiens; les Chiojotes 
sont beaucoup plus braves (A. de Musset, 682). 

Cisgang^tique, diesseits des Ganges gelegen (Stappers, 557). 

Clazom^nien^ zu Clazom^ne gehörig (C). 

Clermontais^ Glermontois^ zu Clermont (Ferrand) gehörig (Sachs). 
Clermontais Bewohner von Clermont-Ferrand (CdV. V, 82). Ich 
kenne nur die Form auf -ois, La societe clermontoise (Fig. 
5 avril 1877). Nous croyons hon toutefois de puhlier Vextraordi- 
naire proclamation adressee aux Clemwntout par les organisateurs 
dela manifestation (Paix, 24 mars 1888). Entscheidend ist wohl, 
dass in Clermont-Ferrand eine Zeitung mit dem Titel le Petit 
Clermontois erscheint (Paix, 5 juillet 1885, 25 juillet 1886). 



124 Ph. JPtaUner, 

Glissonnais, Bewohner von Glisson (CdV. V, 82). 

Glunisien, zu Cluny gehörig (L. S.). 

Golmarien. Bewohner von Colmar: Bonne nuit ä toits mes eher 8 
Colmariens (J.D., Le Fran^ais alsacien, 132). Auch CdV. V,82. 

Golonais^ Adj. zu Cologne (Coeckelberghe-Dutzele I, 259). 

Golum^rien, Bewohner von Coulommiers (CdV. V, 82). 

Gommingeois. Bewohner von Comminges (CdV. VIII, 185). 
Auch le Commingeois für das Gebiet (J. Vinson, Revue crit. 
1880, I, 479). 

Gomtadin, Bewohner des Comtat-Venaissin. Neben diesem Wort 
gibt CdV. VIII, 185 auch Venaissinois, Vgl. Sachs venaissin, 

Gomtois für frane-comtois wird auch von H. Martin hänfig ge- 
braucht. 

GongolaiSy dem Congo angehörig, scheint congois, congolan zu 
verdrängen: Les Conferences congolaises war 1886 in der 
Indipendance Beige eine stehende Rubrik (z. B. 24 janv., 
27, 28 fevr., 13 mars). 

Gordouan, Adj. zu Cordoue (Cordova in Spanien), dagegen 
Cordoves zu Cordova(8) in Argentinien: Uarrivee du con- 
ducteur de chariots semblait Stre pour la veuve et sa fiUe un 
evenement de grande importance; le jeune Cordoves en voulait 
ä cdui'ci de ce qu^on eüt fait tant de frais pour le recevoir 
(Th. Pavie in Mus6e fran9. 1851, 111 f.). 

Gomouaillads^ Bewohner von la Comouaille (CdV. VllI, 185). 

Gorr^zien, Bewohner des Departement de la Corr6ze (CdV. 
VIII, 185). Auch von über bemerkt. 

Gorsique für corse noch in einer neueren Schrift: Ils (sc. les 
pirateB espagnols) allerent se jeter sur les plages corsiques 
(Haur^au, Charlemagne et sa cour, 4® ed. 1877, p. 190). 

Gorsican für corse: Tout ce que je sais c'est que le Souvenir de 
cette majeste corsicane (d. h. aus Korsika stammend) s'est 
perpitue en Corse, jusqu'ä nos jours, d Corhara notammenty 
oü les Franceschini sont encore designes aujourd'hui sous le 
nom de ^^amüle delle Turche^^. (Paix, 13 juillet 1885. Es 
handelt sich um eine imperatrice Davia du Maroc aus der 
korsischen Familie Franceschini.) 

Gortinois, Bewohner von Corte auf Corsika: Les Cortinois, pre- 
nant fait et cause pour leur camaradSj se sont armes ä levr 
tour (Petit XIX« Siöcle, 24 juillet 1881). 

Gosentin, zu Cosenza gehörig (C.) 

Gotentinois^ Bewohner des Cotentin (CdV. VIII, 185). Da aber 
Cotentin Adj. zu Contances ist (Gebiet von Coutances), so 
mttsste Coientinois auch Bewohner von Coutances bedeuten 
können. Vgl. coutangais. 



Personal- und GeniüderivaU im Neufranzösischen. 125 

Courbevoisien, Bewohner von Courbevoie (C, CdV. V, 82). 
Sachs schreibt Courbevoye. 

CoutaiLQais^ Bewohner von Coutances (CdV. V, 82), 

Grimmen, zur Crim^e gehörig: La CrtmSenne (ein Miiitärmarsch. 
Paix, 26 d6c. 1885). 

Croisicais^ Bewohner von Croisic (CdV. V, 82). 

Gubanais neben cuhain (zu Cuba gehörig) findet sich wohl nur 
in Wörterbüchern. 

Gum^n gehört (nach C.) zu Cumes en Italic, dagegen cuman 
zu Cumes en l^olide als Adj. 

Gyngalais^ (nicht cingalais), ist Littr^'s Schreibart.^) Er ver- 
zeichnet daneben ceylanais, 

Damasquin, Bewohner von Damas: Seuls parmi les Orientaux, 
les Damasquins nourrissent de plus en plus la haine religieuse 
et rhorreur du nom et du costume europiens (Lamartine, V, 
en Or. 161). Sachs hat nur Damaschie, 

Dignois, Bewohner von Digne (CdV. V, 72). 

Dinanais, auch dinannais zu Dinan gehörig: V Union mahuine 
et dinannaise (eine Zeitung von Saint-Malo oder Dinan. Paix, 
7 mai 1885). Dinannais auch im CdV. V, 82. Sachs hat 
nur dinandois, 

Dodon, Landschaft in der Nordwestecke des Departement de 
la Haute - Garonne. Le juge de paix de Lisle-en-Dodon se 
renditpr?.s de luipour recevoir sa declaration (Paix, 7janv. 1886). 

Dolois, Bewohner von Dol (CdV. V, 82). Der Name dieser 
Stadt (Departement dllle-et-Vilaine) fehlt bei Sachs. 

Dölois, Bewohner von D61e (CdV. V, 82). 

Doi\jon bezeichnet zugleich das Gebiet der Stadt le Donjon 
(Departement de TAllier); Neuilly-en- Donjon (Paix, 6 d6- 
cembre 1885). 

Dorien heisst auch Bewohner der vall^e de la Dore (CdV. 
VIII, 185). 

Douisien im Patois für douaisien (Vermesse, 202). 

Doublaud^ Bewohner der Landschaft la Double im Departement 
de la Dordogne (CdV. VIII, 186). 

Draguignanais^ Bewohner von Draguignan (CdV. V, 82). 

Dulcignote, Bewohner von Dulcigno (montenegrinische Küsten- 
stadt): Les Dulcignotes sont sortis de cette entrevue plus 
ohstines que jamais (XIX® Siöcle, 28 septembre 1880). 

Dunois^ Bewohner von Chäteaudun: Le marickal de Mac-Mahon 
est assure de rceevoir un excellent accueü des Dunois (Figaro, 
15 sept. 1877). Puis, venaient la fanfare du rigimeat et 



^) Man findet auch cynghalais. 



126 Ph. Ratiner, 

V Union dunoise gut faisaient entendre une marche de circon- 
stance (XIX® Si^cle, 25 oct. 1880). Apr^s /.a retraite des 
vaillants dSfenseurs de la dti dunoise (Paix, 22 oct. 1886). 
Le duc austrasien Gonthramn-Bose armait les populations 
de la Touraine et du pays de Dunois contre Theodebert 
(H. Martin II, 54) , womit der geographischen Lage nach 
nur das Gebiet von Chäteaudun gemeint sein kann. Sicher 
aber ist dunois weit häufiger als chdteaudnnois (vgl. dieses). 

Dunoison, Bewohner der Landschaft le Dunois (Departement 
d'Eure-et-Loir)i) nach CdV. VIII, 186. Wegen des Anklangs 
an oison kann das Wort unmöglich anders als scherzhaft ge- 
braucht werden, vgl. Seine- et- Oispn, 

Dyonisien, zu Saint- Denis gehörig: Ijes Flohertistes dyonisiens 
(Paix, 11 juin 1886). 

Eausan (auch Ausan), das Gebiet von Eauze (C). 

Edessien^ Bewohner von Edesse (Michaud, V^ Croisade, edition 
Lamprecht 85). 

Eg^en, zu mer Eg^e gehörig: Le littoral £geen (Paganel, 
Scanderbeg, introd. 40). 

Embrunois, Bewohner von Embrun (CdV. V, 82). Sachs hat 
nur Emhrunaisj Gebiet von E. 

Emporitain, zu Empories gehörig (C). 

£pidaurien, zu ^pidaure gehörig (C.). 

Erymanthien, zum Erymanthe gehörig: Le sanglier Srymanthien 
neben le sanglier d'Erymanfhe (C). 

Eudois, zu Eu gehörig, Bewohner von Eu (CdV. V, 82). Le 
Messager Eudois eine dort erscheinende Zeitung (XIX® Si6cle, 
9 janv. 1883). Sachs: eusiois, ebenso C. 

Eugllbin(es). Das C. hat die Nebenform eugubin, 

Euphrat^sien, zum Euphrate gehörig; das C. hat nur euphratense, 

Euscare baskisch: La langue euscare (H. Martin II, 100, 272, 
359). Vgl. Sachs: Veuskara. 

Euske bei Sachs nur Subst. Vgl. la race euske (euskarische, 
baskische Rasse, H. Martin, II, 75). 

Exddolien, Bewohner von Excideuil (CdV. V, 82). 

Falaisien, Bewohner von Falaise (ib.). 

Falisque^ zu Faleries gehörig (C). 

Faudgneran. Bewohner von le Faucigny (CdV. VIII, 186). 

F^ringeois. Bewohner der iles Feroe (Privat-Deschanel, Dictionn. 
g6n. des sciences, I, 850). 

Ferrarais verdient vor ferrarois den Vorzug. 



1) In welchem Chäteaudun liegt. Also zugleich Beweis fiir die 
vorausgehende Stelle. 



Personal- und Gentüderivate im Neu französischen. 127 

Fertois. Bewohner von la Fert6-Bernard (CdV. V, 82). Müsste 
auch zu den übrigen Orten gleichen Namens bezogen werden 
können. 

Fezensac als Ortsname fehlt bei Sachs. Das 0. gibt le comte 
de FezensaCy aber le vicoTnti de Fezensague. Bei Mignet 
(Etudes hist. 249) ist le Fezensac, le Fezensaget gebraucht: 
11 (sc. Louis XI) confisqua, en 147 3 ^ sur la maison des 
Armagnacs . . . VArmagnac, le PardiaCy VAstarac, le Fezensac, 
le Fezensaget, le Eouergue. 

Fid^nate, zu Fidenes gehörig (C). 

Fiunois, bei H. Martin (11, 425) Zc« Finnois, 

Fiumorbais. Bewohner von le Fiumorbo (CdV. VIII, 186). 

Floridien, zu la Floride gehörig: Des grues floridiennes (Chateau- 
briand bei Vinet, chrestom. 249). 

Forez ist das Gebiet von Feurs (Cortambert, 291), die Endung 
-ez steht der im Norden üblichen -is und der modern- und 
gemeinfranzösischen Endung -ais für Gebietsnamen gleich. 
Forez ist also ein substantiviertes Adjektiv, nähert sich aber 
dem wirklichen Ländernamen (Substantiv), wie les montagnes 
de Forez (Sainte-Beuve, Nouv. galerie, 236) zeigt, denn bei 
Wörtern auf -is, -ais könnte der Artikel in diesem Falle 
nicht fehlen. 

Forezien^ zum Forez gehörig. Ich kenne nur Formen mit* 
Accent (foreziev, foresien): Des bourgs lyonnais, foreziens, 
hrefisans (H. Martin III, 236). Der CdV. (I, 14, VIII, 186) 
und das C. schreiben foresien, 

Forlivois, zu Forli gehtirig (Coeckelberghe-Dutzele, I, 261). 

Franc fränkisch. Sachs führt noch (s. v. V) franque als allein- 
stehende Form auf. Franc, franque (l. fränkisch, 2. abend- 
ländisch, 3. levantiuisch) hätte doch niemals ein f. franche 
haben können. In der Bed. fränkisch setzt man jetzt meist 
frank, franke (H. Martin kennt nur diese Form): Les tribus 
frankes (Aug. Thierry, Conquete de TAnglet. I, 35). La 
conquete franke (Brächet, Gramm, hist. 22). Selten francique: 
R (sc. Posthumius) avait composi son armee en grande partie 
de troupes gauloises et franciques (Michelet, Pr^cis I, 57). 
Letzteres Wort bezeichnet nur noch „fränkische Sprache, 
fränkischen Dialekt.^ 

Francon, f. -onne gibt das C. neben franconien. 

Fraaenbourgeois. Bewohner von Frauenburg (Petit XIX® Si^cle, 
8 aoüt 1881). 

Frioulain, le, das Gebiet von Frioul (Cahiers d'une 616ve de 
Saint-Denis XII, 233). Sachs: frioulien, forlan, 

Gabinien (zu Gabies gehörig) gibt das C. neben gdbien. 



128 Ph. Plaiiner, 

Galicien gehört sowohl zu Galice (Spanien) wie zu Galicie (Öster- 
reich), in letzterer Verwendung auch gallicien (wie Gallicie). 

Gallowien. Bewohner von Galloway (Marnier, Robert Bruce 93). 

Gandin, zu Gand gehörig: Cette population brugeoise et gandine 
(Fig. 21 mars 1877). 

GapenQais, nach dem CdV. V, 82 Gapengois (Gapencois ist 
Druckfehler), ebenso C. Ich kann nur -ais nachweisen, was 
Sachs auch nur bietet. 

Garonniens, les, altes Volk an der Garonne (C). 

Gfttinais, sonst nur Name einer Landschaft in den Provinzen Ile-de- 
France und Orl6anais, wird von CdV. VIII, 186 als Bewohner 
von la Gätine (Landstrich im Dep* des Deux-S6vres) gegeben. 

Gastinaisan. Bewohner von Le Gätinais (CdV. VIII, 186). 

G^rosien, zu Gedrosie gehörig (C). 

G^ras^nien, zu G^rase gehörig (C). 

Gergithien, zu Gergis gehörig (C). 

Germain, germanique. Wie unterscheiden sich beide Wörter, 
' von denen das erstere immer noch im Wörterbuch der 
Akademie fehlt? Littre erklärt: Germain^ qui appartient ä 
la Germanie; germanique j qui appartient aux Germains, 
Damit kommt man nicht weit. Sachs erklärt: Germain ne 
se dit que des anciens Allemands; germanique se dit de toute 
la famille des p&iiples appartenant ä cette branche des Indo- 
Europeens, Das ist richtig und stimmt zu der Unterscheidung 
von abyssin, abyssinique, arabe und arabique, Les langues 
germaniques und ähnliches sind also stehende Ausdrücke. 
Zufügen kann man, dass nur germanique von mittleren und 
neueren Zeiten gebraucht werden kann. Daher Vempire 
germanique^ la Constitution germanique, le corps germanique, 
le droit germanique und so noch für die neueste Zeit Varmee 
germanique: Visconti- Venosta avoit stipule une esplcc de traite 
secrety le mois de mai, par lequel Varmie italienne devait opirer 
une diver sion sur les flancs de Varmee germanique, du cSte de 
Dijon ou vers le lac de Constance (France, 18 janv. 1878). 
Ebenso: Je mentionnai la proposition faite par M, Gasparin 
dans les feuilles suisses pour la neutralisation de VAlsace et 
de la Lorraine Germanique (Fig. 31 oct. 1876). Endlich ist 
nur germain Adj. und Subst. zugleich, germanique dagegen 
lediglich Adj. (abgesehen von dem Ausdruck der alten Geo- 
graphie la Germanique^) premilre u. s. w. sowie dem Namen 
Louis le Germanique), 

Wie verhalten sich germain und germanique also in 



^) Wofür H. Martin ausschliesslich la Germanie gebraucht. 



Personal' und GentÜderivaie im Neu französischen. 129 

adjektivischer Verwendung zu einander? Da die weibliche 
Form des ersteren sehr häufig ist, kann von dem bei aquitain 
und vielleicht auch bei alleman vermuteten Unterschied nicht 
die Rede sein. 

1. Wo es sich um Personen handelt, ist nur germain 
das richtige Wort: Les chritiens germains (H. Martin, II, 
259). Les rehelles germains (ib. II, 219). Les seigneurs 
germains (ib. II, 542). Plusieurs chefs germains {ih. I, 319). 
Les Scabini germains (ib. I, 249). Les conquirants germains 
(ib. II, 63). Les courses des harbares germains (ib. II, 200). 
Les vassaux germains (ib. II, 270). Les leudes franco- 
germains (ib. II, 210). Les auxiliaires germains (ib. I, 312). 

2. Bei Kollektivbegriffen, mögen dieselben auch nur 
Personen umfassen können, treten beide Wörter auf: Les 
peuples germains (Lavall6e I, 139). ün peuple germain (H. 
Martin I, 319). Tous les peuples germains (ib. 320). Les 
peuples germaniques (Guizot, Civ. en Fr. I, 210, ebenso Acad.). 
Les peuplades germaniques (Guizot, Civ. en Fr. I, 188). 
Ches les peuples germaniques, comme chez les peuples ceUiques 
(H. Martin II, 215). La race germanique (Lavall6e I, 49). 
USUment germanique (Guizot, Civ. en Fr. I, 180). Ijes tribus 
germaines (Brächet, Gramm, bist. 30; Lavall^e I, 319; Guizot, 
Civ. en Fr. I, 189, 183). La bände germaine (ib. 221). 
Les bandes germaniques (H. Martin, I, 306, II, 15, II, 21) 
Les ligions fr anco- germaniques (ib. II, 215). Les masses 
austro - germaniques (ib. II, 252). Varmde italo- germanique 
(ib. II, .326). La sociiti germaine (Guizot, Civ. en Fr. I, 
218, 188). La sociiti germanique (ib. I. 182). V aristocratie 
germaine (Lavall^e I, 444). 

3. Auch bei Abstrakten im weiteren Sinne finden sich 
beide Adjektiva: Les victoires germaines (Petit XIX® Si^cle, 
17 f6vr. 1881). L'invasion germanique (Brächet, Granmi. 
bist. 30; Guizot, Civ. en Fr. I, 215). La domination ger- 
manique (H. Martin, I, 356). La civüisation germanique 
(ib. II, 315). Vesprit de la royauti germanique (ib. II, 57). 
Ije paganisme germanique (ib. II, 208). Les mdls germains 
(ib. II, 174.) Les concües gallo -germaniques (ib. II, 233). 
Les mcßurs germaines (Guizot, Civ. en Fr. I, 208, 294). Les 
mceurs germaniques (ib. I, 206). Les coutumes germaniques 
(ib. I, 207; H. Martin II, 167). Les lois germaines (ib. I, 
183). Les lois germaniques (ib. I, 223). Les traditions ger- 
maniques (ib. I, 183). La minne germanique (H. Martin 
I, 484). Ce demier trait si profondiment germanique (ib. 
I, 417). 8es tendances anti-germaniques (ib. II, 250). Ijcur 

Zschr. t tn. 8p. o. Litt. XIi. 9 



130 Ph. Plaitner, 

nom itait donc ^origine germanique (Guizot, Oiv. en Fr. 
I, 259). Üh prSjugS germanique (ib. 1, 294). 

Die Form germanique überwiegt hier demnach; ganz 
besonders aber, wo es sich um Sprache handelt: La langue 
et les mcßurs germaniques (H. Martin, II, 187). Le titre ger- 
manique de cet officier (ib. 11, 59). Les dialectes germaniques 
(Akad.). Doch auch un nom germain (H. Martin, I, 321) 
und sogar les mots germains de la langue frangaise (Zitat, 
dessen Quelle ich nicht notiert habe. Gerusez?). 

4. Nur germanique ist am Platz bei reinen 8achnamen: 
La vieille France germanique (H. Martin, I, 415, II , 317). 
Les deux Provinces Germaniques (ib. I, 400). Leur empire 
germanique (d. h. das rechtsrheinische Reich der Franken, 
ib. II, 169). Les Kordes des forits germanique (ib. II, 21), 
daher auch Vocian Germanique (jetzt mer du Nord). Com- 
ment assigner avee pricision ce qui Statt vraim^nt germanique 
et ce qui portait dijä une empreinte r omaine f (Guizot, Civ. 
en Fr. I, 185). Sehr auffallend (und wohl nur durch das 
dabeistehende romain herbeigeführt) ist daher: Totis les mo- 
numents qui nous restent sur titat des Barbares avant Vin- 
vasion, quelles que soient leur origine et leur nature, romains 
ou germains f traditions, chroniques ou lois, nous entretiennent 
de temps et de faits fort üoignis les uns des autres (ib. I, 184). 
Möge man diese Ausführlichkeit entschuldigen, denn 
vielleicht ist mir doch eine Scheidung entgangen, die ein 
anderer finden mag; möglicherweise ist auch ein Anhalt ge- 
geben für die Scheidungskriterien anderer Wörter (ceUe: cd- 
tiqu£, alleman: allemanniquey aquitain: aquitanique u. s. w.), zu 
welchen sich Beispiele nicht in solcher Zahl beibringen lassen. 

Qerminois, Bewohner von Saint-Germain (CdV. V, 83). 

G^rolsteinois, zu dem erdichteten Gerolstein gehörig: Le public 
Gdrolsieinois (Indöpendance Beige, d6c. 1885 p. 6 der illu- 
strierten Beilage). 

Qerr(h)6eii, zu Gerra gehörig (C.) 

G&te, Nebenform zu getique: La sensiblerie ä part^ ce deücut 
etre une belle chose que ces lüttes acharnies oil les monstres 
de VInde et de VAfrique se colletaient corps ä corps, oü les 
griffes de la paniMre rayaient les flancs lustres dChuile du 
hesUaire gUe ou sarmate dont les m^ins nerveuses lui dichi- 
raient la gueule (Th. Gautier, I, 295). 

Gezois, Bewohner des pays de Gex (CdV. V, 82). 

Qiennois, Bewohner von Gien (ib). 

Girondin gleichbedeutend mit bordelais gebraucht (Name der 
Landschaft für den der Stadt): II va sans dire que Vaffaire 



Persofuü' und Geniüderivaie im Neufranzösischen, 131 

du Oirondin s^arrangea^ aprls le spectacU^ dans un souper; 
vorher geht le Borddais (France, 22 sept. 1878). 

Qlaronais schreibt Sachs, ebenso Cceckelberghe-Dutzele (im C. 
fehlt das Wort); ich kann nur glaronnais belegen, was nach 
Analogie offenbar das richtige ist. 

Qortynien, zu Gortyne gehörig (C). 

Gk)thique. J^crOure gothique für „deutsche^ Schrift: J^criture 
gothique et latine (aus dem Plan d'^tudes pour T^cole nor- 
male catholique de Fnlda. £. Renda, L'^ducation popnlaire 
dans FAllemagne du Nord, 260). 

Granyillads nach Sachs und CdV. V, 82; granviUots hat C. 

Grassois, Bewohner von Grasse (CdV. V, 82). 

Ghraylois, Bewohner von Gray (ib.). 

Ghr^siyaudan, le (selten Oraisivaudan), Landschaft, die teils 
zum d^p^ des Hautes- Alpes, teils zu dem de Fls^re gehört. 
Fehlt bei Sachs. 

Grison Graubündner, bei Sachs nur als Subst aufgeführt. Sollte 
kein Adj. existieren, da gris (wie Sachs s. v. angibt) nur in 
dem historischen les ligues grises vorkommt? In folgendem 
Beispiel (vgl. den Ausdruck tOberland hemois) ist jedenfalls 
grison ein Adj. und eher von dem Subst. zu trennen: La 
neige s^eat meme montrie dans les valUes de VOherlandgrisony 
comme on a pu le constater ä Ylanz (Petit XIX® Si^cle, 
11 juin 1881). 

Groyan^ Bewohner der Insel Groix (Morbihan. CdV. VIII, 186). 

Ghriiy^rien, zu Gruyfere, Griers gehörig: Des soldats gruyiriens 
(H. Martin VIII, 295). 

Guat^malais, guatemalien zu Guatemala gehörig : Les bruyantes 
lamentaUons des leaders de la sociMi guatimalaise crdhrent 
des difficidtSs au gouvemement (XIX® Siöcle, 1^ d6c. 1880). 
Les pertes des Gttatemaliens (Ouatemaliens^), ä la bataiüe de 
Chalchuapa, ont Hi de 1,800 hommes (Paix, 21 avril 1885). 
Die von Sachs bevorzugte Form Gruatimcda ist kaum zu finden. 

Gu^randais, Bewohner von Gu6rande (CdV. V, 82). 

Guingampois, Bewohner von Guingamp (ib.). 

Guyana] S, Bewohner von Guyane: Les femmes sont parmi les 
Gruyanais une vraie propriiti (Zitat bei Guizot, Civilis, en 
France I, 200). 

Guyennois, Bewohner der Guyenne (CdV. VIII, 186). 

Haglienauien, zu Hagenau gehörig: fje politiden haguenauien 
(Union de TAlsace-Lorraine, 9 sept. 1881). 

Haut-alpin, Bewohner der Hautes- Alpes (CdV. VIII, 186). 

H^liopolitain, zu H61iopolis gehörig (C); das von Sachs dafür 
gegebene hüiopoliie hat nach derselben Quelle eine genau 



133 i%. HaUner, 

begrenzte historische Bedentang (9. und 10. ägyptische 

Dynastie). 
Hellespontiaque^ zum Hellespont gehörig (C, vgl. auch ebenda 

unter Sibylle). 
Hennuyer. Ausser der von Sachs aufgeführten Nebenform hai- 

nuyer gibt das C. auch hannuyer. Der CdV. VIII, 186 gibt 
Hanonien, welches mir sonst fremd ist. 
H^raclfen, h^racl^te, beide nach dem C. auf H6raclee, ersteres 

auch auf Hercule (Herakles) bezüglich. Les HiracUena fand 

ich bei Poirson, Pr^cis de Thist. anc. 325). 
Hercynie in adjektivischem (appositiven) Gebrauch: La foret 

Hercynie (Sachs d'H.) (H. Martin I, 268). 
Herz^govinien, zu Herz^govine gehörig: Les Herzigoviniens 

(Fig. 15 nov. 1876). Les insurgis herzigoviniens (France, 

11 mai 1878). 
Hesdinois^ zu Hesdin gehörig. Von Über verzeichnet. 
Hi^rapolitain, zu Hi6rapolis gehörig (C). 
Hi^rosolymitain, Nebenform von jirosolymüain (C). Wird mit 

Recht als besser bezeichnet. 
Himalayen, zum Himalaya gehörig (L. S.). 
Honfleurais, zu Honfleur gehörig: La ddmocratie honfleuraise 

(Petit XIX® Sifecle, 9 sept. 1881). La Honfleuraise (ein 

Verein; Le Drapeau, 26 sept. 1885). 
Houatais^ Bewohner der Insel Houat bei Quiberon (A. Daudet 

in Ind^pendance Beige, d6c. 1885, S. 3 der illustrierten 

Beilage). 
Hurepois^ Bewohner des Hurepoix (C). 
Hyblöen, zu Hybla gehörig (C). 
Hydaspien^ zum Fluss Hydaspe gehörig (C). 
laccetain, zu lacca gehörig (C.) 
Iguvinien, zu Iguvinium gehörig (C). 
Indien, man vermisst bei Sachs Odan Indien, 
Indoustan als Adj. (Hindoustan ist bei Sachs nur Subst.): La 

langue indoustane (France, 24 mars 1878). 
Irvillac? La ferme de KMsü en IrviUac (Paix, 31 oct. 1887). 
Isl^bien, nur in der Kirchengeschichte übliches Adj. zu Isl^be 

oder Eisleben (C). 
Issorien, Bewohner von Issoire (CdV. V, 82). 
Issoldunois gibt CdV. V, 82 als Nebenform zu Issoudunois. 
Ithaden, zu Ithaque gehörig (C). 
Ithom^en, zu Ithome gehörig (C). 
Jalles (Jall^s?), Gebiet in der Gironde. Saint-Midardren-JaUes 

(Paix, 11 aoüt 1887). Auf älteren Karten heisst der Ort 

Saivt-Midard-en-JaUez; JaUez = Gebiet der Jalle (vgl. Forez 



Personal- und Geniüderivate im Neufranzösischen. 133 

u. a.); Jalle, Name eines FlÜBSchens, welches nördlich von 
Bordeaux links in die Garonne mündet. 

Jamalquain. Die üblichere Schreibung ist jetzt jamatcain: 
Les Jamdicains (Paix, 8 mai 1885). Vgl. Schmager in dieser 
Zeitschrift II», 235. 

Jarret, Landschaft im d6p* de la Loire. Saint-Julien-en-Jarret 
(C). Auf älteren Karten Scnnt-Julien-en-Jaresty in der Nähe 
Saint- Paid-en-Jarest, Sairvt- Romain- en-Jarrest, La Tour-en- 
Jaresty alle in der Nähe des Gier (Nebenfluss der Bhone). 

Josas, Landschaft im d6p* de Seine-et-Oise. Jouy-en-Josas, be- 
kannter Ort. 

Josselinais^ Bewohner von Josselin (CdV. V, 82), 

Juanais, Anwohner des golfe Jouan (Alpes -Maritimes. CdV. 
VIII, 186). 

E^fien, Bewohner von Le Kef: Les Kifiens (Petit XIX® Siöcle, 
7 mai 1881). 

Labradorien, zu le Labrador gehörig: Les rives labradoriennes 
(Paix, 20 oct. 1885). 

Lamballais, Bewohner von Lamballe: üne Lamhallaise (Sou- 
vestre, Les dem. Bretons, II, 36). 

Lam^, Gegend im d6p* dllle-et-Vilaine: Erc6-en-Lam6e (C). 

Lanusquet, Nebenform von Landais: En giniral, le Landais ou 
Lanusquet habite une cdbane isolie oü ü couche ä terre sur les 
peaux de ses moutons noirs (Th. Barrau, La patrie 119). 

Landavallois, Bewohner der Lande de Lanvaux (CdV. VIII, 186). 

Landernien, Landerniste, Bewohner von Landerneau (CdV. 
V. 82). Das zweite Wort kann nur scherzhafte Bildung sein. 

Langrois, Nebenform langoine^ langone (C). 

Lannionnais, Bewohner von Lannion: üne Lannionnaise (Sou- 
vestre, Les dem. Bretons, II, 36). 

Laodic^en, zu Laodic6e gehörig (C). 

Laon(n)ais. Ausser bei Coeckelberghe-Dutzele (I, 259) fand ich 
nirgends einfaches n: Louis jura de maintenir la chatte 
laonnoise (H. Martin III, 252). CrSpi en Laonnais (ib. VIII, 
305, 307). La foret de Samouci en Laonnois (ib. II, 255). 
Laonnois, Thierrache, Rithelois (ib. I, 263). La petite rivilre 
dAHette, qui sipare le Soissonnais du Laonnois (ib. I, 411). 
Bievre ou Berrieux dans le Laonnois (ib. I, 148). Mons-en- 
Laonnois (Paix, 8 nov. 1885). Dagegen La masse de la 
Population laonnaise (H. Martin III, 256). Für Bewohner 
gibt CdV. V, 82 laonnois und laonnais. Jedenfalls steht nur 
erstere Form, wo es sich um das Gebiet handelt (historischer 
Ausdruck). 

Lariss^en, zu Larisse gehörig (C). 



134 Ph. Ptattner, 

Laiirag(u)ais, le, ist nach dem Ort Laurac le Grand (südlich 
von Castelnandary, d6p^ de l'Aude, genannt 

Lav^dan, le, ein Gebiet im döp^ 4es Hantes-Pyr6n6e8 (C). 

Lavödanais, Bewohner von le Lavedan (ohne Accent; CdV. 
VIII, 186). 

Lectourois, Bewohner von Lectonre (CdV. V, 82). 

LMonien, Bewohner von LonB-le-Saulnier (ib.). 

L^nnais, l^nard, zu Saint -Pol- de -L6on (Bretagne) gehörig, 
Bewohner der Stadt oder Gegend. Qudque taiUeur du Lion- 
na%8 (Soavestre, Les dem. Bretons, II , 222). TrigorroiSj 
LSonnais (H. Martin I, 464, 389). Les vicomtes de Lionnais 
(ib. IV, 98). Le Lioncds (Gebiet. Sonvestre, Les dem. 
Bretons I, 15, 2, beidemal unrichtige Orthographie). — 
Lionnois neben lionnais gibt das C. — Lionais, Bewohner 
des L6onais nach CdV. Vni, 186. Dagegen: BiStd du Leonard 
(Souvestre, Les dem. Bretons, I, 8) und dasselbe als Adj. 
Les s6nes Uonards et trigorrois forment comme Utemds 
mSmoires (ib. I, 197). 

L^pontieil, Nebenform von Upontin: Alpes Lipontiennes ocdden- 
taleSy Alpes Lipontiennes orientales (Cortambert, 215 f. mehr- 
fach). Im C. steht unter Alpes nur Alpes lipantines, dagegen 
findet man unter dem Buchstaben L nur lipantien mit dem 
Vermerk Alpes Upontiennes ou UponUnes, 

Letidque, Nebenform von letton(ien) (L. S.). 

Libanien, zum Libanon gehörig : La chatne libanienne (Lamartine, 
V. en Or. 148). Ist das bei Sachs allein stehende Itbanais 
zu belegen? 

Libyque, libystique, Nebenformen zu lihyeuy ersteres bei L. S. 
und C. (auch unter Sibylle), letzteres nur bei 0. 

Ligure, Ligurer. Les Ligures (H. Martin I, 10). 

Limousin ist nach Sachs nur das Adj. zu U Limousin. Es ge- 
hört auch zu Limoges: La Patnote limousine Käme eines 
Turnvereins, les Courriers limousin^s Name eines Brieftauben- 
zuchtvereins, beide in Limoges (Paix 25. avril 1888). Doch 
scheint man les Limousins fttr Bewohner der Stadt zu meiden. 

Livradois, le, Gebiet um Ambert im D^p^ du Puy de Dome. 

Livonmais, Nebenform zu livournin: ün juif livoumaiSy con- 
fident de Mustaphay est arrivi ä Bdne aujourd%ui ä midi 
(Petit XIX« Siöcle, 8 mai 1881). 

Loangeois, zu Loango gehörig (C). 

Lod^vois, Bewohner von Lod^ve (Über). 

Londonien, londonnais, londinien. Das letzte Wort fehlt bei 
Sachs und gehört nach C. zu Londinium, nicht zu JiOadres ; 
bei dem ersten gestattet Sachs doppeltes n, das zweite ftthrt 



I 



Personal- und Geniilderivate im Neufranzösischen, 135 

er nur in der von Littr6 gegebenen Form londinais auf. 

Eigentlich üblich ist nur londonien, 
Loretan, zu Lorette gehörig, nach LittrS und Sachs ohne Accent, 

nach C. loritan und Nebenform laurStan, 
Lorientais, Bewohner von Lorient (CdV. V, 82), 
Losnois^ Bewohner von Saint- Jean-de-Losne (CdV, V, 83). 
Loud^acien, Bewohner von Loud6ac (ib. V, 82). 
Loudunois, zu Loudun gehörig, Bewohner von Loudun (C. CdV. 

V, 82). In der Form le Lodunois (Gebiet von Loudun im 

C. 8. V. Parageau). Nach Coeckelberghe - Dutzele I 260 lou- 

dunais und so la citi loudunaise (Paix, 22 sept. 1886). 
Lourdais, Bewohner von Lourdes: Ijcs Lourdais (France 12 sept, 

1879). 
Loz^rien, Bewohner des D6p* de la Lozfere (CdV, VIII, 186). 
Lub, Ittbisch, lübecker : marcs lubs Lübecker Mark (Ren6, Taschen- 
wörterbuch der kaufmänn. Ausdrücke etc. Mainz 1846. pag. 

249.) Sonst nicht nachweisbar. — Dem von Sachs gegebenen 

und jetzt üblichen Ivbeckois zieht das C. luhiquoie vor. 
LuQonnois, zu Lugon gehörig (C). 
Lusitane (statt wie Sachs: Lusitain) gibt das C. als Nebenform 

zu iMsitanien, 
Madril&ne ist jetzt allein üblich, gehört also vor madriUgne. 

Das C. gibt noch letzteres allein. 
Majorcain, majorquin nach Sachs; majorqmn, mayorquin nach 

C. und lautlich mit letzterem stimmend: Les Maiorquains 

(France, 1" sept, 1879), wofür besser Maiorcains oder Mator- 

quins stände. 
Malayen gibt L. S. als Nebenform zu malai, welches er der 

Form malaisy -se vorzieht. Malaisien hat ausser Sachs auch 

das C. 
Malbadien» Maubeugeois, Bewohner von Maubeuge (CdV. 

V, 82). 
Malegache für das üblichere malgache: ün hSrotque aventurier 

nommS LacasBi Q'^i avait pris un ascendant extraordinaire sur 

les Mdkgaches (H. Martin XIII, 113). 
Malien, Malier (C), da maliaque nur für den Golf üblich ist: 

Les Maliens (Poirson, Pr^cis de Thist. ancienne, 325). 
Maloin, Bewohner von Saint-Malo (CdV. I 92), vielleicht nur 

Druckfehler, da ib. V, 83 das übliche Malouin steht. 
Mamersien, Mamertin, Bewohner von Mamers (CdV. V, 83). 
Manchdgue, zu la Mancha gehörig: Vdne espagnol a une tont 

autre physionomiey Vdne mancMgue surtout (Th. Gautier III, 112). 
Maransin, Bewohner des Landstrichs le Maransin im D6p* des 

Landes (CdV. VIII, 186). 



136 /*. Platiner, 

Haraquais, Bewohner der Landschaft le Marais im D6p^ de 

rEure (ib.). 
Marchais, was Sachs neben marchois angibt, ist wohl kaum 

üblich. Auch CdV. VIII, 186 hat nur letzteres. 
Hariannais, zu den iles Mariannes gehörig (C): Les Mariannais 

(Cortambert, 731). 
Mamais, Bewohner des Dep* de la Marne oder de la Haute- 

Marne (CdV. VIII, 186). 
Marseillez, Nebenform von marseüLais (C.) als Bezeichnung für 

Münze von Marseille. 
Martegallais^ Bewohner von Martigues (CdV. V, 83). Dafür 
Martiguois, (C.) und 

Martigao, (Baumgarten, Elementargramm, p. 229). 
Mauges, Landschaft im westl. Teil des Dep* de Maine-et-Loire : 

Pin-en-Mauges (Paix, 25 oct. 1887). In der Gegend liegen 

noch Saint-Quentin-en' Mauges f Saint-Phüibert-en- Mauges, 
M^docain^ andere und wohl übliche Schreibung für das von 

Sachs, C. und CdV. VIII, 186 gegebene mSdoquin, Le Medo- 

cain (Name einer dort in der Stadt Lesparre erscheinenden 

Zeitung. France, 22 aoüt 1879); ebenso J. Vinson, Revue 

crit. 1880, I, 479. 
M^garien, Nebenform von mSgar^en (C). 
M^lantois, Gebiet im d6p* du Nord: Sainghin- en- MSlantois 

(Paix, 2 juill. 1885). 
Meldois, Meldien, Bewohner von Meaux (CdV. V, 83). — 

Meldeuxf Auf älteren Karten steht der Ortsname Isles-les- 

Meldeuses nordöstl. von Meaux. 
Melunois, Bewohner von Melun (CdV. V, 82), 
Mendois (C), Mendais (CdV. V, 83), Bewohner von Mende. 
Mentonnais, Bewohner von Menton (Mentone): Les Mentonnais 

(France, 23 mai 1879). 
Mess^nien. Die Sammlung C. Delavignes heisst Messiniennes; 

die Lieder seines Vorbilds Tyrtäus werden auch Messeniques 

genannt (Übersetzung derselben von F. Didot, Paris 1831). 

— Das C. gibt messinien flir beides und hat die Nebenform 

messMaque (z. B. goJfe messiniaque), 
Messinois, Nebenform Messinais: Les Messinais (H. Martin IV, 

374). 
Meusien, zu la Meuse gehörig: Vlndipendant meusien (in Verdun 

erscheinende Zeitung. Gazette de Lorraine, 4 juin 1885). 

Nach dem CdV. VIII, 186 auch Bewohner des D6p* de la 

Meuse. 
M&sin, Bewohner der Landschaft le Müzine im D^p* de la Haute- 

Loire (CdV, Vffl, 186). 



Personal- und Gentüderivate im Neufranzösischen, 137 

UQanez, ältere Nebenform von Müanais (nur für das Gebiet); 
Lacretelle, Eist, de la France I, 91. Ragon, Hist g6ii. du 
XVIIP siecle, 47. 

Minervois, LandBcbaft im bas Languedoc: Le marquis Claude 
Ahrial de Pierrerue, en bas Languedoc, dans le pays minervois 
(Ferd. Fabre, in En petit comite, 179). Les gentüshommes 
du pays minervois (ib. 201). Quitter le Minervois (ib. 198). 
— H. Martin (I, 464) führt eine in dortiger Gegend gelegene 
alte Stadt auf: Ath^nopoliB (la ville d'Ath8n^ ou de Minerve). 
Eine Stadt Minerve, die jetzt nicht mehr zu existieren scheint, 
führt er IV, 193 an. 

Mod^nais (Sachs) ist die übliche Form; modSnois hat C. und 
les Modenois (ohne Accent): Est-ce que ton donnerait aux 
Modenois le droit de s'administrer eux-memes sü y avait la 
moindre apparence quils songeassent encore ä leur ancien duc? 
(France, 5 mars 1878). 

Moissaguais, Bewohner von Moissac (CdV. V, 82). Dagegen 
moissaccais bei über. 

Mon6casqiie als Nebenform zu Monegasque gibt OdV, V, 83. 

Montalbanais, Bewohner von Montauban (CdV. V, 82 ; Coeckel- 
berghe-Dutzele I, 259): Le travaÜ et la vaniti se partagent 
la journie d^un Montalhanais (Jouy, THerm. en prov. I, 107). 

MontbardoiSy Bewohner von Montbard (CdV. V, 83). 

Montbrisonnais, Bewohner von Montbrison (ib.). 

Mont^n^grin findet sich auch ohne Accente: Les troupes Mon- 
tenegrines (Fig. 13 avril 1877). 

Montivillon, Bewohner von Montivilliers (CdV. V, 82). 

Montpelli^rain, Nebenform monspessulan (CdV. V, 83), das 
dabeistehende montpeiliirain ist offenbar Druckfehler. Adrovts 
ä tous les jeux d^exercice, le hallon^ le hattoir^ les houles et 
le mail^ sont les jeux que priflrent les Montpdli^ains, (Jouy, 
THerm. en prov, VI, 14). 

Montreuillais, Bewohner von Montreuil (CdV. V, 82). 

Morbihanais (Sachs) ist die richtige Form, aber weniger üblich 
als dieselbe Form mit nn: Ce pauvre tnUage morbihannais 
(A. Daudet, Ind^pendance Beige, d6c. 1885, p. 3 der illu- 
strierten Beilage). Venchanteur Merlin^ lui-mime, n*itait-il 
pas breton et morbihannais? (C*® d'Amezeuil, Lögendes bre- 
tonnes, 246). Ebenso CdV. VIII, 186. 

Morlaisien, Bewohner von Morlaix (CdV. V, 82 und über). 

Morvandais^ zum Morvan gehörig: Cette petite ville morvandaise 
(H. Martin, III, 473). Statt der Nebenform morvandau gibt 
CdV. (VIII, 186) das offenbar richtigere morvandeau. 

Moscovite (C. bezieht es zu Moscovie = Russie) heisst öfter russisch: 



138 i%. EaUner, 

ün ISger aecent moscmnte (Indöpendance Beige, d^c. 1885, 
f. 6 der illustr. Beilage). 

Mnlcien, Landschaft in der Gegend von Meaox: Jean Vaillcmty 
prevöt de la monnaie, aUa se mettre ä la tete c^une bände de 
Jacques ä Silli en Mulden^ et se dirigea de lä sur Meaux 
(H. Martin V, 197). 

Municliois, Nebenform municois: Eüe ne tarda pas ä gagner 
le ccßur de tous les Municois (Paix, 7 juill, 1886). Vgl. 
zuricois, 

MuBsipontain, zu Pont-ä-Mousson gehörig: La popidation 
mussipontaine (France, 12 döc. 1877.) Ebenso CdV, V, 83. 

Nantais, die Nebenform nantois kann als aufgegeben gelten. 

Nassovien, Nebenform zu nassauvien: Les Nassaviens (XIX* 
Siöcle, 3 Nov. 1880). 

Navarrais. Diese von Sachs gegebene Form finde ich bei 
Brächet {le navarrais die Sprache), J. Vinson (in der Revue 
crit.) für das Gebiet. Navarrois dagegen: les routiers navar- 
rois (H. Martin IV, 45). Les gamisons navarroises (ib. V, 
134). Les Navarrois (ib. II, 884; lü, 510; VIII, 4). CdV, 
(Vm, 186) gibt nur diese Form. 

NAouzan (N6bousan) le, Landschaft in dem westl. Teil des 
Dep* de la Haute -Garonne. Hauptort derselben war Saint- 
Gaudens. 

N^-calMonien, zu la Nouvelle-Oal6donie gehörig: Les Nio- 
Calidoniens (France, 9 sept. 1878 und 30 sept. 1878). 

N^-h Aridais, Bewohner der Nouvelles- Hybrides (mehrfach 
in der Illustration, z. B. 21 avril 1888). 

Nicaraguais, zu Nicaragua gehörig: Le gouvernement nicaraguais 
mettait temhargo sur les caisses £ armes (XIX® Si^cle, 1®' 
aoüt 1880). La triation d'un canal nicaraguais (Ind6pen- 
dance Beige, 9 d6c. 1885). 

Nicopolitain, zu Nicopolis gehörig (C). 

Niniviste für Ninivite: II (Jonas) avaü pridit aux Ninivistes 
la faminey la peste, la ruine, les maux les plus effroyables, 
et cela sous quarante jours . . . Mal lui en prit, car au hout 
de quarante jours les Ninivistes se retrouv^rent sur leurs pieds, 
frais et gaittards (Fr. Sarcey, XIX® Siöcle, 24 f6vr. 1880). 

Niolin, Bewohner der Landschaft Niolo in Corsika (CdV. VIII, 186). 

Nivemais gehört als Adj. sowohl zu Nevers als zu le Nivemais 
(C), Sachs bezieht es nur zu ersterem. CdV. (VIII, 186) 
gibt nur Nivemichon als Bewohner des Nivemais; über dieses 
Wort sagt Jaubert (Glossaire du Centre II 105), dass man 
es vermeidet und fügt zur Erklärung bei: „La ripugnance 
ä se servir de la terminaison y^chon^^ ne peut s'expliquer que 



Personal' und Geniüderivaie im Neufranzösischen, 139 

pair ce faü qu'elle rappelle un fndt de la famiUe des cucur- 
hitacies que le vidgaire a pria pour emblhne de la scitise, 
Les Berrichans ont la mime susceptibüiti, mata ä un mamdre 
degre.^^ 

Nivillaccais, Bewohner des Fleckens Nivillac in der Bretagne: 
Les Nivillactais (C*® d'Amezeuil, L6g. bretonnes, 69). 

Nogentais, Bewohner von Nogent-le-Rotrou (OdV. V, 83). 
Es bezieht sich natürlich ebenso gut zu den übrigen Orten 
gleichen Namens: La Nogentaise, Name einer Musikgesellschaft 
in Nogent-sur- Marne. Ebenso: Cet incident exaspira les 
Nogentais (Bewohner von Nogent-sur- Marne. Paix, 12 join 
1886).^ 

Noirmoutin, Noirmoutrin, Bewohner der Insel Noirmoatier(8); 
ersteres CdV. V, 83, letzteres ib. VIII, 186. Die zweite 
Form scheint die richtige zu sein. 

Nontronnais, zu Nontron (Dep* de la Dordogne) gehörig: Le 
Noräronnais (Titel einer dort erscheinenden Zeitung). 

Norrain (f. -aine u. -6ne), nur von der Sprache üblich, Neben- 
form zu norvegien (L. S.). 

Nuiton, Bewohner von Nuits (CdV. V, 83). 

Oberlandais, zu Oberland (-Bernois) gehörig: Vesprü de Sahoua 
faxt la chasse aux d^couvertes, comme les braeonniers ober- 
landais fönt la chasse aux chamois (Souvestre, Les dem. 
^ Bretons, ü, 147). 

Oisans, Landschaft in der Südostecke des D6p* de Tlsöre, 
die sich noch in das D^p* des Hautes- Alpes erstreckt. Etwa 
ein Dutzend Ortsnamen haben den Zusatz en Otsans, die 
bekannteste ist Ällemont-en- Oisans (Dortambert 328). 

Oranais, zu Oran gehörig: Le Sahara oranais (Petit XIX® 
Sifecle, 8 juin 1881). 

Orth^zien, Bewohner von Orthez (CdV. V, 83). 

Oscarois, Bewohner der Landschaft Ouche (OdV. VIII, 186). 

Ossalais, Bewohner der vall6e d'Ossau (ib.). 

Oaessantin, Bewohner der Insel Ouessant (ib.). 

Pail, Landschaft im D6p* de la Mayenne. Pri-en-Paü (C). 

Faillers, Landschaft im D6p^ de la Vend6e. Bazoges-en-Paü- 
lers (Paix, 14 aoüt 1885). 

Falatin als Subst. heisst auch Einwohner des Palatinat (PfiUzer) : 
8ix mUle Hessois, trois miüe PalaUns, , , . se joignirent aux 
troupes bavaroiseSj toujours soudoyies par la France (H^nault- 
Michaud, Abr^g^ chronol. de Thist. de Fr. 372). 

Faraguain, Nebenform von paragueen, paraguayen: Un officier 
paraguain (Voltaire, 6d. du Centenaire, 73). 

Farisis als Landschaftsname ist noch Zusatz bei Orten, z. B, 



140 Ph. Plaitner, 

CormeiUes'en'Parisis nord-westl. von Paris in der Oegend 
von Argenteuil (Paix, 11 jnill. 1886). 

Patron, Bewohner von Patras: Les Patriens (Paganel, Scan- 
derbeg, 97). Das C. gibt nur patrensien, 

Fergois alt für percheron (C). 

F^rigordin für pMgourdm ist jetzt aufgegeben. 

Ferpignanais, Bewohner von Perpignan (CdV. V, 83). 

Fersan auch von der altpersischen Sprache: Lepersan moderne, 
le persan ancien (Littr^, Hist. de la langue fr. I, 263). In 
seinem Supplement und Addenda zum Wörterbuch erklärt er 
allerdings selbst le persan für neupersische, le perse für alt- 
persische Sprache. 

Ferse als Adj. auch für neupersisch: Le geniral perse Taimur 
Khan avec 4,000 hommes est entrS ä Atrumiah (XIX® Si^cle, 
3 nov. 1880). 

Fersique auch in dem Ausdruck ä la persique: Comme la scSne 
se passe en Äste, il y a quelques pantdons, quelques manches 
ä la persique et un certain nombre de honnets phrygiens (Th. 
Gautier, II, 48). 

FertuiBan, Fertuisien, zu Pertuis bei Avignon gehörig: La 
municipalitS pertuisane (France, 21 juin 1878). Ijes Pertuisiens 
(ib. 22 juin 1878). 

Ficpucien» Mönch von Picpus: Notts ne croyons pas qtCun 
citoyen sur cent voulM ^) lever la main en faveur des maristes, 
oblats, bemardinSf picpucienSy cisterciens . . . (XIX® Si6cle, 
7 sept. 1880). 

Fignerol(l)ais, zu Pignerol gehörig: Les Pignerolais, exaspiris 
par les vexations des soldats ... (F. du Boisgobey, Paix, 
2 oct. 1887). üne troupe de gamins pignerollais (ib. 23 oct. 
1887). 

Fiombinien, zu Piombino gehörig: Nica . . . marquis de Capra- 
nica . . . ancien major des armies lucquotses et piombiniennes 
(Dennery, Oiseaux de proie I, 8). 

Fleubian, Landschaft: im d^p* des C5tes-du-Nord : Saint- Jean- 
en-Pleubian (Paix, 11 oct. 1885). 

Floermelais, Bewohner von Ploermel (CdV. V, 83). Sonst 
Plo6rmel geschrieben. 

Foblanais, zu Pnebla gehörig: Bientßt, ou m^apporta, dans de 
peixtes assiettes de fabrique poblanaise omies de fleurs vertes, 
des ceufs frits^ de la viande grüUe ... (L. Biart, Paix, 9 aoüt 
1885). Je ne pouvais exercer la midecine dans la province 



^) Ein EonditionalsatK geht vorher. 



Persomü- und Gentüderivate im Neufranzösischen. 141 

de Vera-Cruz sans un dipldme de midedne poblanads (ib. 14 

juill. 1885). 
Foitevin, Pougeoise^ eine alte Münze , auch pite und poitevine 

genannt (C.)* 
Folletais, zu le Pollet gehörig, in allgemeiner Anwendung 

(nach 0.) wird von Sachs (nach Littr6) auf die Bezeichnung 

eines Fischerfahrzeugs beschränkt. 
Polonais, mit der Nebenform pouirnuy z. B. des sotdiers ä la 

poulaine, pouline (CdV. V, 109, 117), nach demselben (VII, 38) 

von dem alten Poulogne (=^ Pologne) gebildet. Nach Liittr6 

von Poullaine = Pologne, Poulanne = peau de Pologne, 
Fonhier, Fohier, Bewohner von Foix (CdV. V, 83). 
Font-audem^rois, Pont-audomar^n, Bewohner von Pont- 

Audemer (Pontaudemer) (ib.). 
Pontissalien, Bewohner von Pontarlier (ib.). 
Pontiyien, Bewohner von Pontivy (ib.): Le Pontivien s'arrita 

un instant pour reprendre haieine (Souvestre, Les dorn, Bre- 

tons, I, 130). 
Forden, Landschaft im Norden von R^thel. Chäteau-Porcien. 

Chaumont-en-Porcien. 
Fort -Boy allste, Angehörige von Port-Royal: Jai heaueoup 

Studie les Port-Eoyalistes, ces Stoidens du Christianisme (Sainte- 

Beuve, Notice sur M. Littre, 10). 
Privadois, Bewohner von Privas (CdV. V, 83). 
Provenisien (Sachs hat 6), zu Provins gehörig, ebenso C. CdV. 

V, 83 hat Provinois, Provenisien, II (M, Ch, Lenient) parlcat 

avec dignitd, avec tendresse, de la famüle d^artisans promnois 

dont ü etait sorU (E. About. Petit XIX« Si^cle, 7 f6vr. 1882). 
Psariote. Nebenform Ipsariote (C). 
Fuysaye, le (nach Sachs; la nach C), Landschaft im d^p* 

du eher. 
Quercy, le, Landschaft im d6p* du Lot, die Gegend von Cahors 

(beide Wörter haben gemeinsame Etymologie). 
Quercinois, Bewohner von le Quercy (CdV. VIII, 186). 
Quiberonnais, Bewohner von Quiberon (CdV. V. 83). 
Quillebois, Bewohner von Quillebeuf (ib.). 
Quimperl^en, Bewohner von Quimperl6 (ib.). 
Quimperois, Bewohner von Quimper-Corentin (ib.). Les Quim- 

pirois (mit Accent, was richtiger ist, F6val, Le bossu, I, 27). 
Quintinois, Saint -Quentinois, Bewohner von Saint-Quentin 

(CdV. V, 83): Les Saint-Quentinois (H. Martin, V, 219). 
Bagusain, Nebenform Ragusais: Les Ragusais (Thiers, Voyage 

dans les Pyr6n6es, 60). 
Bambolitain, zu Rambouillet gehörig: Le Rambolüain (Titel 



142 i%. Üattner, 

einer dort erscheinenden Zeitung. Petit XIX® Si^cle, 18 ayril 
1882). Auch CdV. V, 83. 

Rasez, le (0. Eashs), Landschaft im d6p* de TAude, Umgegend 
von Limoux (H. Martin, IV. 193, 196, Lavall6e, Eist, des 
Fran9ais, I, 432). 

B^mois. Als Nebenform gebraucht H. Martin rhimois, wenn das 
Adj. sich auf die alten Remer (Rkemes bei H. Martin) be- 
zieht: La vüle rhimoise de Bibrax (I, 148). Für die Franken- 
zeit gebraucht er schon die Form ohne h: la Champagne 
rimmse (Campania remensis, II, 30). 

Beimais, welches Sachs (mit Recht?) als weniger gut ansieht, 
hat offenbar über Reßnoü den Sieg davongetragen. CdV. 
V, 83 führt nur Rennais an; Le Petit Eennais ist der Name 
eines in Rennes erscheinenden Blattes (Paix, 3 sept 1885). 
Bei Historikern freilich wird man nur Rennois finden. 

B^olais, Bewohner von La R6ole (CdV. V, 82). 

BeyermontoiB Bewohner der Landschaft le Revermont (d6p* 
de rAin. CdV. VIU, 186). 

Bhinsbourgeois, zu Rhinsbourg (Holland) gehörig (C). 

Biomois, Bewohner von Riom (CdV. V, 83). 

Boannais, Bewohner von Roanne (ib.). 

Bochefortais, zu Rochefort gehörig: En terminant, il a remis 
la cattae de la citi Rochsfortaise entre les mains de M, le 
President de la Ripublique (Paix, 3 mai 1888). Sachs hat 
nur rochefortin. 

Bochelois, Bochelais (beide auch mit Uy was Sachs nicht 
aufführt). Das Richtigere ist offenbar einfaches l, doch findet 
man bei demselben Schriftsteller beiderlei Orthographie (und 
Aussprache!), z. B. les Rochdois (H. Martin VI, 91) und les 
Rochellois) (ib. VIII, 283). Les Rodidais (Lavall6e, Hist. des 
Fran9ais II, 482, III, 109, 120) und les RocheUais (ib. II, 
504). — Am besten ist les Rochelais; nur diese Form gibt 
CdV. V, 82, ausserdem führt eine in la Rochelle erscheinende 
Zeitung den Titel ^JÖcäo Rochelais (XIX« Si^cle, 13 janv. 1883). 

Bochois, Bewohner von la Roche (Haute -Savoie): Les Rochois 
(Temps, 16 oct. 1879). 

Bomand, daneben ist roman üblich : En Savoie et dans la Suisse 
romane, on appeUe encore ^^nants'''' les torrenis des Alpes 
(H. Martin, I, 64). 

Bonsdorfien, Sekte nach dem Städtchen Ronsdorf genannt (C). 

Bouergois (nach Sachs auch Rouergeois), Nebenformen Rouergat 
(CdV. VIII, 186) und rouergais: M. de Nayrouse, gentilhomme 
rouergais (Ferd. Fahre, in En petit comit6, 103). 

Bouin^ote, Bewohner der Roum61ie: Les Roumeliotes (Paix, 



Personal- und Gentüderivaie im Neu französischen. 143 

19 mai 1885, 26 sept. 1885). Le gouvemement raumeUote 
(Knj^ Si^cle, 3 d^c. 1880). Das C. hat la Romölie und dazu 
als Adj. romSIiste, ronUiote, romiote. 

Boyans, Gebiet im d^p* de ris6re und dem de la Drdme findet 
sich nur als Zusatz bei Namen z. B. Pont-en-RoyanSy Auberives- 
en-Royans u. a. Die Landschaft selbst heisst le Royanez 
(Cortambert, 327) oder le Royannais (Pais, 24 nov. 1885.) 

Biissien für russe ist nach Vermesse 452 Ausdruck des patois 
wallen. Dass durch Voltaire russe über russien gesiegt hat, 
bemerkt Littr6 (C. S.), doch findet man auch bei Voltaire 
(neben seinem häufigen moscomte) auch russien, so z. B. 
Vinfanterie russienne und Vinfanierie russe in der Beschreibung 
der Schlacht bei Poltava. Von älteren Zeiten sagt auch 
H. Martin (III, 100): Jaroslaw, tzar des Russtens. Ptir die 
Benennung von Provinzen (z. B. Kleinrussen) kann das Wort 
noch Anwendung finden: Cette populaUon, dans laqueUe un 
grand nomhre de Russes . . . sont milSs aux PetUs -Russtens 
cosaques, est divisie, au point de vue militatre, en trois cati- 
gories (Paix, l"juin 1887). Dagegen sagt Cortambert (179): 
les Russes Blancs ou Krimtsches et les Petits Russes, 

Ruthöne, was nach Sachs nur Ruthene, Kleinrusse heisst, ist 
nach CdV. V, 83 auch Bewohner von R(h)odez. 

Sablais, daneben gibt CdV. V, 82 auch das mir sonst un- 
bekannte olonnais. 

SabWsien, Bewohner von Sabl6 (CdV. V, 83). 

Sagien, Salen, Bewohner von S6ez (ib.). 

Sa'lgonnais, zu Saigon gehörig: Le Satgonnats (dort erscheinende 
franz. Zeitung. Paix, 4 janv. 1886). 

Saint-Flourien, Bewohner von Saint-Plour (CdV. V, 83). 

Saint-galloiB, zu Saint-Oall (St. Gallen) gehörig: Le gouveme- 
ment fidiral vient de demander d la RipuhUque Argentine 
textradition äHun ex-employi saint-gallois (Ind6pendance Beige, 
27 janv. 1886). 

Saint-Lois, Bewohner von Saint-Lö^) (CdV. V, 83). 

Saint-Mand^n, zu Saint -Mand^ gehörig: La Saint -MandSenne 
(eine dort bestehende Musikgesellschaft. Paix, 8 nov. 1887. 

Saintongeois wie Sachs haben C, CdV. VIII, 186 und Coeckel- 
berghe-Dutzele I, 261. Ich fand die Form nur bei Lacre- 
telle und H. Martin. Dagegen Saintongeais : La Chronique 
Saintongeaise (Oautier, la Chanson de Roland, 369). L'avenir 

^) Wenn, wie man annehmen kann, die Stadt nach samt Lo oder 
Laud, Bischof des in der Nähe liegenden Coutances genannt ist, so 
liegt ein weiterer Fall für das Suffix -ois bei Personennamen in der 
Übertragung auf Ortsnamen vor. 



144 i%. Baitner, 

est bien inquiitant pour U vignoble saintongeais y en prisence 
de la marche envdhissante du phylloxera (Fig. 24 oct. 1876). 
C*est en effet^ si notis en croyona une vieille ligende sainton- 
geaiaej au müieu du Xlir sihde, que furerU construits, pris 
de la Rochelle y Ua premiers j^bouchots^ ou clötures pour les 
moules (ib. 21 sept. 1877). 

Saint-Quentinois, vergl. quintinois. 

Saletin^ (nach Sachs), Bewohner von Sallee (Sal^) in Marocco; 
nach C. SaUtain, 

San-Ränois, zu San-R^mo gehörig: Les San-Remois (France, 

17 d6c. 1878.) 

SantorinoiB, zur Insel Santorin gehörig (C). 

Sarthois, Bewohner des d6p* de la Sarthe (CdV. VUI^ 186): 
Les republicains sarthois (Petit XIX® Siöcle, 16 juin 1883). 

Saulnois, Znsatz von Ortsnamen, bei Chäteau-Salins z. B. 
Fresnes-en- Saulnois. 

Saumurois, Bewohner von Saumur, Saumunerij Zögling der 
dortigen Offizierschule (Petit XIX« Siöcle, 27 et 28 oct. 1881). 

Sauveterrien^ Bewohner von Sauveterre (Paix, 17 oct. 1886). 

SaTOisien ist das üblichere Wort für Bewohner Savoyens, da 
savoyard eine Nebenbedeutung hat (vgl. boheme neben bo- 
himien): Oeci soit dit sans blesser la susceptibiliti des bans 
habitants de cette contrie^ qui tiennent ä etre nommes Savoisiens 
(Quitard, Dictionn. des proverbes, 36). Les Savoisiens re- 
poussent une aUiance que Vanarchie rend affreuse (M°^« Roland 
bei Raffy, Lectures d'hist. de Fr. 646). II y aura^ suivant 
Voccurrencey des dtalages parisienSf lyonnais, jurassiens, sa- 
voisiens et bressans (France, 7 nov. 1877). M. Suva, deputS 
de la Savoie, paraU ä la tribune. Cet honorable montagnard 
est indigni qu*on ait traite Victor Ummanicel d^usurpateur Sa- 
voyard. M, Silva ne connatt pas les Savoyards, ü ne connatt 
que les Savoisiens qui sont devenus JFVangais (Fig. 4 mai 1877). 
Ce prince savoisien (nämlich Victor Emmanuel. France, 

18 janv. 1878). Ces qualitis tout^ savoisiennes (Sainte- 
Beuve, Nouv. Qalerie 88). Allerdings findet Savoyard sich 
noch vielfach dafür, ausser bei Voltaire z. B. bei Thiers, 
H. Martin, Th. Gautier u. a. Doch muss der Widerwille 
gegen Savoyard schon alt sein, denn Robert Estienne ge- 
braucht schon les Savoyens (nicht mehr üblich) für die Be- 
wohner Savoyens (CdV. II, 94). Das von Littr6 (savoisien 
Etym.) gegebene Savoyen ist offenbar Druckfehler für Savoyen. 

Schwy(t)zoiS9 zu Schwy(t)z gehörig: Le peuple schwytzois 
(XIX* Si^cle, 8 oct. 1888). Vavant-garde marchait sans prS- 
voyance, de mime que les Schtvyzois, qui ne se doutaient pas 



Personal' und Gentüderivaie im Neu französischen, 145 

^6 U duc füt ddjä 8ur pied (Jean de Muller, trad. de Mon- 
nard, bei Raffy, Lect. d'hist. de Fr. 9). 

Scutarien, zu Scutari gehörig: La cavalerie sctUarienne (Paganel, 
Scanderbeg, 83). 

S^gestill» nach dem C. Sigestain, 

Segr^ll; Bewohner von Segr6 (CdV. V, 83). 

Seine (-et) -Oison, scherzhafte Bildung für Bewohner des D^p* 
de Seine - et - Oise : Vous raisonnezy comment dirai-jef en Seine- 
Oison, ainsi qvs le dit M, de Rochefort (Worte von M. de 
Lasteyrie im S^nat. France, 16 juin 1879). On m'envoie 
dans le dipartement de Seine -et- Oise, Espirons que la vue 
des Seine ' et 'Oisons me digourdira (E. About, Petit XIX® 
Siöcle, 7 aoüt 1881). 

Semurien, Bewohner von Semur (CdV. V, 83). 

Senan, Bewohner der tle de Seins (CdV. VIII, 186). 

Septimanien, Septimanique, zu Septimanie gehörig: Les villes^J 
septimaniennes (H. Martin II 192, 210). Les seigneurs septi- 
maniens (ib. III, 468). Aber: Les plaines septimaniques (ib. 
II, 510). Vgl. germain, germanique. 

Sfaxien, Bewohner von Sfax in Tunis: Les Sfaxiens (Petit XIX® 
Sifecle, 21 juin 1881). 

Sind^tique, zu Sind gehörig (C). 

Sindique, zu les Sindes gehörig (C). 

Sinopien, zu Sinope gehörig (C). 

Sittianien, zu Cirta gehörig, doch kommt das Adj. von einem 
Personennamen Sittius (C). 

SlaTOn nach Sachs altslavisch bes. inbezug auf die Sprache. 
Des Slavonnes, Slavinnen, slavische Frauen (A. Daudet, Les 
rois en exil, 287). 

Smyrniste (?) Bewohner von Smyme: Quand notre aviso est 
reiourni ä son mouiUagey les Smyrnistes se sont porUs sur 
les quais (Petit XIX® Si^cle, 9 mai 1881). Blosser Druck- 
fehler für Smyrniote (welches ib. 8 avril 1881 gebraucht ist)? 

Solonais (Sachs: Solonois) Nebenform zu Sologneauy Solognot: 
ün Solonais (Fr. Wey, Remarques sur la langue fr. II, 450). 
Auch von L. Rollin, Neues Handb. der franz. Conversations- 
spräche (S. 182) gegeben. 

Sorbonnien, Angehöriger (Student) der Sorbonne (A. Houssaye, 
France, 24 juill. 1879). 

Soudanais, Nebenform zu Soudanien: Les Soudanais (Paix, 

1) Es soll ausdrücklich hervorgehoben werden, dass ville hier 
beidemale als blosser Wohnort, nicht im Sinne von Bürgerschaft, 
Stadtbevölkerung genommen ist, was zu der bei germain gegebenen 
Regel nipht stimmt. 

Zschr. f. firz. Spr. q. Litt. XP. j^q 



146 Pk. Plattner, 

20 aoüt 1885 und in den Zeitungen der letzten Jahre sehr 
häufig). Auch von Über bemerkt. In derselben Nummer 
aber L'insttrreetion soudanierme. Auch: Des diserts oü rien 
n'arrete la marche des Soudaniens (Petit XIX* Si^cle, 15 f6vr. 
1884). 

Souletin, Bewohner der Landschaft la Soule (CdV. YIH, 186). 

Spetziote, Bewohner der Insel Spetzia (C). Man kann anneh- 
men, dass das Adj. zu la Spezzfa (Italien) spezziote lautet. 

Sphakiote, Bewohner von Sphakie (C.) 

Spinalien, zu Epinal gehörig: Un jeune komme d^origine spina- 
Henne (Paix, 24 sept. 1886). 

Stoben, zu Stobös gehörig (C.) 

Sueyique, Nebenform zu suhoe: Les trtbus suiviques (Michelet^ 
Pr6ci8, I, 62, H. Martin, I, 263). 

Tahitien, Nebenform zu tattien (otahitien, otdvtien) : TJassetnhUe 
legislative tahitienne . . . La musique a joit4 Vair tahitien Titaua 
(France, 24 nov. 1877). 

Tarasconnais, Bewohner von Tarascon: Les Tarasconnais (Paix, 
14 d6c. 1886). Auch von Über bemerkt (unrichtige Form 
mit einem n). 

Tarbais, Tarb^n, Bewohner von Tarbes (CdV. V, 83). 

Tardenois, Landschaft im Dep^ de TAisne, zwischen Soissons 
und Chäteau-Thierry, doch östlicher: Fire-en- Tardenois. 
Ville-m- Tardenois (Petit XIX« Siöcle, 3 juin 1881.) 

Tarentaise, Landschaft in Savoyen: MouUers-en-Tarentaise 
Paix, 14 aoüt 1885). Dans le siecle suivant, üs {les ducs 
de Savoie) ont ajout4 la Tarentaise h leur domination. (Hönault- 
Michaud, Abr6g6 chronol. de d'hist. de Fr. 436). Von Daren- 
tasia, dem alten Namen des oben genannten Moutiers-en- 
Tarentaise, 

Tarin, Bewohner von la Tarentaise (CdV. VIII, 186). 

Tarnais, Bewohner des D6p* du Tarn (ib.). 
T^g3^6ien, zu T6gyra gehörig (C). 
Tergesidn, zu Tergeste gehörig (C). 

Terre-Nenvien, Bewohner von Terre-Neuve (Neufundland): 
Terre-Neuve et les Terre- Neuviens par Henri de la Chaume 
(Buchtitel. Paix, 25 mai 1886). 

Tessinois, zum Kanton Tessin gehörig: Lidißjce (de Vhospice 
du Saint - Gothard) tombait alors presque en ruines, Vautorit4 
tessinoise le fit restaurer (XIX® Siöcle, 20 octobre 1880). 
Les Tessinois voulaient un ivique pour eux seuls» (Ind^pen- 
dance Beige, 23 janv. 1886). 

Thierrache^ selten Thürache (Sachs hat nur ThUrarche). Land- 



Persorud' und Grentüderimte im Neu französischen. 147 

Schaft im D6p* de FAisne. Nouvion-en-TJUh-ache (Paix, 16 juill. 

1886). 
Thierachien, Bewohner von la Thieräche (sie) (CdV. VIII, 186). 
Thiernois, Bewohner von Thiers (CdV. V, 83). 
Thionvillois, zu Diedenhofen (Thionville) gehörig (CdV. V, 83). 

Les Petibes Äffiches Thionviüoises (Zeitung. Paix, 1®' juin. 

1886).' 
Thom^rien, Bewohner der Landschaft Thomi^res (Döp* de 

rH6rault. CdV. Vffl, 186). 
Tigurin, zu Zürich gehörig: Le lac Tigurin (Mignet, jfetudes 

hist. 41) ; in der Geographie lac de Zürich, Bei Sachs fehlt 

auch les Tigurins, Stamm der Helvetier. 
Toggenbonrgeois, zu Toggenburg gehörig (C). 

TonkinoiB, Bewohner von Tonkin: Les Tonkinais (Cortambert, 
510). In den Zeitungen der letzten Jahre äusserst häufig. 
Sachs hat tunquinois. 

Tortonais, zu Tortone gehörig: Le Tortoncds (Gebiet H^nault- 
Michaud, Abrög^ chronol. de Thist. de Fr. 435). Im C. 
tortonlsey tortonois, 

Toulois, öfter Touttois^ (z. B. H. Martin, I, 463). 

Tourangeau, &cherzhfiÜeB Fem. tourangeaude: C'est une prideuse 
de la province, mademoiseUe de Bened, „tourangeaude^^ qui 
la premiere, parla d'un „soupe rincuit^^ (Fr. Wey, Remarques 
sur la langue fr., I, 128). 

Tournaisis, Nebenform von toumaisienj nur das Gebiet bedeu- 
tend: Le Toumaisis (H. Martin, I, 410, II, 55, IV, 442, V, 
53, 215, VIII, 15; Mignet, JEtudes hist. 249). 

Toiirquen(n)ois, zu Tourcoing gehörig: tourqitennois bei Ver- 
messe, Patois wallon, introd. 12. Tourqttenois (CdV. V, 83). 

Trans -vaalien, zu Trans -vaal gehörig (Cortambert, 589). 

Tr^gorrois, wie Sachs angibt, ist die üblichste Form und die 
einzige, die ich weiter belegen könnte. CdV. V, 83 gibt 
trScorois und trigorois. 

Trentin, Nebenform zu trentaisy tridentin bedeutet wohl nur das 
Gebiet: On a eu de la peine ä empecher ce diplomate de 
soulever officiellement la question de la cession du Trentin 
(France, 14 juill. 1878). 

Tr^vire kann nur von der vorfränkischen Zeit gebraucht werden, 
sonst TrSoirien, welches bei Sachs fehlt: La faim^ le froid, 
les miasmes exhales de tant de corps en putrifaction, deci 
maient chaque jour les Triviriens dchappes ä la rage des bar- 
hares (H. Martin, I, 360). 

Triestill (Sachs: Triestain): J^ai faxt ressortir plusieurs fois 

10* 



148 /%. Plaitner, 

de ja le mouvement de haine que la mort du jeune itvdiant 
triestin avait exciU (XIX® Sifecle, 7 janv. 1883.) 

Trouvillais, zu Trouville gehörig: ^püogue de la saison trou- 
vülaise (France, 22 aoüt 1879). 

Troyen, aach Bewohner von Troyes, von Sachs nicht aufgeführt, 
vom C. nicht als gute Form betrachtet, aber durchaus üblich: 
Pendant les guerres de Vempire, un Troyen, entendant annoncer 
que le gSniral BaviUe avait pris perruque demanda oü cette 
vüle etait situ^e, Un vieil dbhe lui repondit: Sur la nuque 
(Dictionn. des calemb. 199). Les Troyens conservhrent la 
liherte de commercer avec Paris (H. Martin VI, 185). Les 
mdmoires sur les Troyens cillhreSy de Grroshy, renferment 
des documents intiressants ä ce sujet (d. h. über Colbert's 
Familie, die aus Troyes stammte; ib. XIII, 21 f.) La Cham- 
pagne troyenne (Gegensatz zu Champagne rimoise^ ib. II, 
117). Auch CdV. V, 83 gibt Troym. 

Tsernagoste, Czernagorze: 8^il se trouve ici cachi un frlre 
Tsernagoste, qu'ü ne ms tue pas en Toe prenant pour un Türe, 
car je suis un enfant de la Tsernagore. (Philibert Br^ban, 
XIX® Siöcle, 20 aoüt 1880). La beautS incroyable des arm^ 
que portent les Tsemagostes est chose d*autant plus anormale 
qu'üs portent tres peu de linge blanc (ib.). Vgl. Czemagorsque 
in dieser Zeitschr. IV, 70. 

Tunisois neben dem üblichen tunisien: II fut scientifiquement 
etabli que le domaine de M. Herby Hait vraiment sol tripoli- 
tunisois (Maurice Jokai, trad. Fig. 22 juill. 1877, Suppl^m. litt.). 

YaleiiQais, Bewohner von Valence (Valencia) in Spanien: Les 
Valengais (Lavall6e, Hist. des Fran9ais, IV, 503). 

Yalencian, Nebenform zu Valencien (C. und CdV. V, 83). 

Yalentinois, andere Nebenform, bedeutet in der Regel nur das 
Gebiet von Valence, steht aber auch in weiterer Verwendung: 
ün bafeau freti par la commission valentinoise Vattendra sur 
le Rhone (es handelt sich um Gambetta's Anwesenheit in 
Valence; France, 17 sept. 1878.) 

Vallouisais, Bewohner des Thals de la Vallouise im D6p* des 
Hautes- Alpes (CdV. VIII, 186). 

Valoisien, Bewohner der Landschaft Valois (CdV. VIII, 186). 
Sonst heisst das Adj. vaUsien, 

Yaticanesqiie, vatikanisch : Uesprit non seulement clericaly mai>s 
vaticanesque (France, 22 sept. 1878). 

Yaillignonnais, Bewohner von Vaulignon : C^itait une Vaulignon- 
naise, scßur de lait de Marguerite (E. About, Petit XIX® Si6cle, 
15 mars 1881). 

Yelaisien, Bewohner der Landschaft le Velay (CdV. VIII, 186). 



150 Pk, Ftaitner, 

YiTarais, Landschi^t im D6p* de FArdöche, offenbar mit Viviers 
(Stadt ebenda) zusammenhängend. 

Vorgien, Bewohner von Vorges (D6p* de l'Aisne. Paix, 29 juin 
1885). 

Washingtonien, zu Washington gehörig: Le New -York Times 
a puhlii ä ce sujet de longues expUcations de son correspondant 
wasMngtonien (Paix, 1®' oct. 1887). 

Yorkais, Bewohner von York: Les Yorkais (Marmier, Robert 
Bruce, 233). Dagegen les YorkUtes (Anhänger des Hauses 
York, Gegensatz Us Lancastriens. Cortambert, 101). 

Yyetotais, zu Yvetot gehörig: Le conseü commtmcd Yvetotals 
(Paix, 7 sept. 1886). 

Zanzibarien, zu Zanzibar gehörig: De lä, des incursions friquentes 
des iroupes zanzibariennes sur le terrttoire allemand (Paix, 
16 aoüt 1885). Zanzibarite von über bemerkt. 

Zaretin nach Sachs, Zaritin nach C. zu Zara gehörig. 

Zoulou, auch als Adj. mit Fem. zouloue: Les forces zoidoues 
(France, 2 mars 1879). 

Znricois ist jedenfalls weit üblicher als zurichois. Für ersteres 
habe ich 4 Beispiele aus verschiedenen Zeitungen, für letz- 
teres nicht ein einziges. 

Bemerkangen. 

Ganz gelehrten Charakter haben die mit dem Suffix -qiie 
abgeleiteten Wörter, mögen ihnen Personen- oder Ortsnamen zu 
Grunde liegen. Die meisten sind direkt aus dem Lateinischen, 
sei es aus der klassischen, sei es aus der gelehrten^ Universal- 
sprache des Mittelalters entlehnt oder im Anschluss an die letz- 
tere gebildet. 

Die von Personennamen abgeleiteten haben zudem ein sehr 
begrenztes Verwendungsgebiet. Nur in der Metrik sind üblich 
z. B. adoniquej alcaiquey saphique. Nur in der Litteraturgeschichte 
anacreontique, aristophanique, demostheniqitey esopique, hoffmanni- 
quey homirique, hugotique^ juvSnalique, ossianique. Nur in der 
Philosophie arlstotilique, platonique, pythagorique, socratiqucj zino- 
nique. Nur in der Medizin und den Naturwissenschaften fara- 
diqtiCf gal^nique, galvanique, hippocratiquey mesmiriquey plutoniquCy 
voUrnque. Nur in der Musik offenbachique. Nur in der Numis- 
matik darique. Von ausgedehnterem Gebrauche sind etwa dio- 
g&nique, hermetiqtie (i. d. Bed. „luftdicht^'), komerique, Tnachiaoüiquey 
miphistophÜique (m^phistophilStique), pantagruilique ^ sardanapa- 
lique, socratique, obschon einzelnen aus der Nebenform auf 
-eBqne eine starke Konkurrenz erwächst (vgl. aristophimesque, 



Personal- und Gentüderivate im Neufranzösischen, 151 

figaresqtte, juvMalesqtie, sardanapale^que). Ausser dem direkt 
übemonimenen darique (Darike, Dariusmünze) sind alle Wörter 
Adjektive, und zwar so sehr, dass sie nicht einmal eine Sab- 
stiütivierang zulassen. 

Unter den geographischen Namen sind alle Kategorien ver- 
treten: Erdteile und Länder (asiatique, dcdmatiquey hispanique, 
lombardique y westphalique), Völker (dllemanniqibß^ cimhrique, ger- 
maniquey hunniquef normanniquey puniquey sarracSniqueJy Inseln 
und Städte (hcdiarique^ hritanniquey dleatique, javanique^ migarique^ 
nandque, saitique)^ Gebirge (alpique, aUaique, haOcaniqttey car- 
pathique, caucasiquey jurassiquey pyrenaique), Meeresteile, Seen 
und Flüsse (gangdtique, Umaniquey nüotiquey sdquaniquey syrtique). 
Zu bemerken ist, dass von einzelnen Bergen diese Bildungsform 
nicht existiert, sowie, dass die erwarteten indique und ülyrique 
nicht übernommen worden sind. 

Die Verwendung ist auch hier vielfach eine begrenzte. So 
finden sich einzelne nur für die Sprache (abyssiniquey arabique^ 
cambriquey normannique)y andere nur in der Philosophie (iUatiquey 
migarique) oder in der Geologie (jurasnque) oder in der Chemie 
und zwar nur mit acide verbunden (japoniquey nandquey prussique) ; 
catalaunique endlich findet sich nur in les Champs catcdau- 
niques. Von ausgedehnterem oder allgemein üblichem Gebrauch 
sind etwa adriatiquey ßsiatiquey balkaniquey bdUiquey britannique^ 
caucasiquey germaniquey hdvetiquey laconiquey teutonique. Auch 
diese Wörter sind reine Adjektive und nur einzelne lassen Sub- 
stantivierung zu (adriatiquey baltiqu£, obwohl auch bei diesen 
der Zusatz von mer üblicher ist, sowie attique) und dienen dann 
sich aelbst wieder als Adjektive, so dass z. B. la BaUique die 
Ostsee und baltique zur Ostsee gehörig bedeutet; möglich, aber 
nicht sehr üblich ist es, für die Sprache das substantivierte Ad- 
jektiv zu gebrauchen (le cambrique); Gerpianique war Substantiv 
für die alte Einteilung Germaniens, wird aber hier durch Ger- 
manie verdrängt; zu erwähnen ist auch ä la persique nach per- 
sischer Art, Mode. Wirkliches Substantiv ist nur asiatique ge- 
worden (les Asiatiques die Asiaten); das von Mätzner noch 
aufgeführte les CeUiques ist durch les CkUes verdrängt. 

In noch höherem Grade ist das Suffix -iaque gelehrten 
Ursprungs. Bei Personennamen wird es nicht verwandt, denn 
dionysiaque und üiaque sind dem Lat. entnommen und tropp- 
maniaque hat hoffentlich nur eine ephemere Existenz in der 
Sprache. Es findet sich bei den verschiedensten Ortsnamen, 
auch Flüssen (niliaque), doch nicht bei Bergnamen. Auch diese 
Perivate sind reine Adjektive und nur wenige lassen eine sub- 
stantivische Verwendung zu (z. B. les Bosniaques)\ igyptiaque bat 



152 Ph. fHaiiner, 

als Sabstantiv die NebeDform igyptiac (Name einer Salbe). Sehr 
gebräuchlich ist keines der Wörter, im Gegenteil sie sind teil- 
weise veraltet, andere gehen demselben Schicksal entgegen; doch 
bildet auch die Wissenschaft wieder neue Formen z. B. aryaque 
(neben aryen). 

Rein adjektivisch sind auch die mit -esqiie (nach dem Ital.) 
gebildeten Derivate. Sie werden besonders von italienischen 
oder spanischen Personennamen gebildet, auch von Appellativen, 
die eine ähnliche Bedeutung erlangt haben (picaresque), z. B. 
heminesquey cervantesque, dantesque, don-juanesque, don-quichoUes- 
quCy figaresque, garibaldesque, manoSlesquej mazarinesque^ michel- 
ang(el)esqitej raphaSlesque; doch auch von französischen oder 
fremden, sogar von antiken Namen z. B. aristophanesquey amales- 
que, charlemanesque, chateaubrianesque, florianesque, ingresqtie 
(Ingres), hoffmanesqiiey juvincdesque, povssinesquey prudhommesqtie, 
sardanapalesquCy scarronesque. Nebenformen existieren teilweise 
auf -ique (aristophaniquey figarotique, hoffmaniquey juv4naliquey 
8ardanapaUque)y teilweise auf -ien (garibaldieUy sardanapalien ; 
scarronien ist nicht nachweisbar, aber möglich). Über die Be- 
deutung der Formen auf esque vgl. aristophanique. Selbstverständ- 
lich tritt dieselbe bei ital.-span. Namen, die kaum anderes Suffix 
zuliessen, weniger hervor (z. B. dantesqiiej raphaüesque). — Es 
finden sich auch ähnliche Bildungen von Appellativen (cardi- 
nalesquCj camavalesqu€y charlatanesqu€y marichalesquey paysanesquey 
romanesquey soldatesquey sultanesquey also hauptsächlich von Per- 
sonennamen, selten von Sachnamen): En tSte, un escadron des 
gar des du corps de Sa Majesti camavalesquey puis le bceuf gras 
et sa suite (Ind6pendance Beige, 31 mars 86). Une püce icrite 
en style paysanesque (Th. Gautier VI, 135. Die Rede ist von 
Frangois le Champi von George Sand). In dieser Verwendung 
hat das Suffix -esque etwas Spasshaftes (z. B. cardinalesqüey 
welches nur auf rote Nasen Anwendung findet) oder ist etwas 
depreziativ. 

Von geographischen Namen werden kaum Derivate mit 
-esque gebildet: unter den neueren Wörtern steht vaticanesque 
allein, kann aber seiner Bedeutung nach als Bildung von einem 
personifizierten Ortsnamen gelten. Erhalten sind arabesque^ bar- 
bai'esque, moresqus, die zugleich als Substantive üblich sind, so 
sehr, dass z. B. bei barbaresque, welches in älterer Sprache auch 
„barbarisch, grausam'* hiess, die adjektivische Verwendung fast 
verschwunden ist, während die substantivische bei diesem Wort 
wie bei den ähnlichen sehr eng ist. 

Bei italienischen Ortsnamen findet sich das SufQx -asque 
zur Bildung von Adjektiven und Substantiven (dem Ort angehörig, 



ßersonal' und Geniüderivate im Neufranzösischen. 153 

Gebiet oder Bewohner des Ortes), so bergamctsque, comasque^ 
cremasque, mxmegasque (monagaaquey 

Das Suffix -ite leitet von Personennamen die Bezeichnmigen 
von Sekten oder religiösen Parteien ab (dbüonüe^ adamite, 
ihionite^ hussitej jacobite^ joackimite^ johannite, vieldfite neben 
videfistejy auch die von Mönchsorden (guillemäe, hiSronymite, jdsuite), 
niemals aber die von politischen Parteien, denn das einzige 
jacobite (Anhänger der Stuarts) ist offenbar aus dem Englischen 
übernommen. Diese Wörter haben adjektivischen und substan- 
torischen Gebrauch und letzterer überwiegt. 

Von geographischen Namen werden Ableitungen mit -ite 
nicht gebildet. Vorhanden sind nur direkt übernommene: abdirite, 
ascaloniiey israilüe, madianitey moabite, satte, stagirite, sunamite, 
sybarite, ebenso annamite, moscovite. Memphite, raontmartrite 
und meist auch syinite sind nur Ausdrücke der Mineralogie. 

Dagegen ist das Suffix -ote bei diesen Namen ziemlich 
üblich: candiote, chiojote, ehiote, corfiote, duldgnote, fanariotey 
hydriote, (ijpsariote, roumeliote, smyrniote, souLiote u. a. Alle 
sind übernommen. 

Eigene Bildungen sind die Derivate auf -ot: gavot (zu 
Gap; la Gavotte ein Tanz), morvandioty solognot, alle mit Neben- 
formen (gapengaisy morvand(eau) , sologneau). Nachgebildet sind 
cypriot und chypriot, rhodiot. 

Das Suffix -iste bildet von Personennamen die Bezeich- 
nungen für politische Parteien (bonapartiste, carliste, climenciste, 
dantoniste, fayettiste oder lafayettiste, guillaumiste , hSbertistey isa- 
belliste, jttariste (zu Juarez), m(zzariniste, pameiUiste, robespierriste, 
rolandiste, stuartiste, thiiriste (zu Thiers), turgotiste u. a.), für 
wissenschaftliche oder künstlerische Schulen (averrhoiste, babou- 
viste (zu Babeuf), bollandiste, darwinishe, fourUriste (zu Fourier), 
gaUniste, galliste, gassendiste, gavarniste (zu Gavami), hobbiste 
(zu Hobbes), jacotiste (zu Jacotot), kantiste, luUiste, malebranchiste, 
marotist£, picciniste u. a.), seltener für Mönchsorden (lazariste, 
mariste) oder Eirchengemeinschaften (calviniste, feneloniste = 
quietiste, gomariste, iscariotiste, jansSniste, jihoviste, viclifiste neben 
vid^fitejy so ist z. B. das alte luth^riste zugunsten von lubhirien 
verschwunden. Auch hier überwiegt der substantivische Gebrauch 
über den adjektivischen. 

Von geographischen Namen werden Ableitungen mit -iste 
nur in scherzhafter Weise oder missbräuchlich gebildet. So ist 
z. B. unser „Girondist^ girondin; das von Sachs aufgeführte 
montmartriste ist daher eine verunglückte und auch nie besonders 
üblich gewordene Bildung. Scherzhafte Ableitungen von Orts- 
namen sind carririste (zu Carri^res), landerniste (zu Landerneau); 



154 Pk, Piatiner, 

missbräochlich sind eingedrungen ninivüte und nivemiste; lovaniste 
(Student von Löwen, Louvain), port-royaliste (s. o.) finden in ihrer 
begrenzten Verwendung eine Entschuldigung. 

Wie -ote ist auch das Suffix -ate nur in übernommenen 
Wörtern zu finden: antiate, arddatey cisenaie, crotoniate, ßdinate^ 
hans^atey holsate, ravennate^ spartiate^ tSgdate, Croatey dalmate, 
sarmate gehören nattirlich nicht hierher. 

Die eigenen Bildungen auf -at sind selten: auvergnai. Le 
Crenovisat (Gebiet von Genua) scheint Wörtern wie ayndaiy mar- 
quisai nachgebildet. 

Das üblichste Suffix ftir Personennamen ist -ien mit den 
Nebenformen^) -in, -ain, -(6)en. Schon die Formen, zu welchen 
sich Belege geben lassen, überwiegen an Zahl die Ableitungen 
vermittelst anderer Suffixe. Dieses Übergewicht stellt sich aber 
noch als stärker heraus, wenn man in Anschlag bringt, dass -ien 
für neue Bildungen am bequemsten und üblichsten ist, dass es 
allen Bedeutungen zum Ausdruck verhelfen und, dank seinen 
Nebenformen, an fast alle Namen antreten kann. 

Das Suffix -ien findet sich bei antiken wie bei modernen 
Namen (cSsarien^ ipicunen^ hercuUen, bismarckieny napoldonien, 
wagrUrien), mögen letztere französisch sein oder nicht; es dient 
zur Sektenbezeichnung (ahUien, anen^ eutychien, nestorien u. a.), 
findet sich in Namen von Eirchengemeinschaften (LuthSrien^ 
zwinglienjj von Dynastien (capiüen^ carlovingien, mSravingieriy auch 
hourbonien kann hierher zählen), von Schulmeinungen (aristoti- 
licien, augusÜnim, bacanien, cartSsien, copemicien, ipicurim, kantien, 
lancastSrien y leibnüzien, malthusieriy newtonteriy platonicien, saint- 
simonien und viele andere), im litterarhistorischen Gebrauch (ar- 
thurien, byronieriy eschyUeriy horatieny lamartinien, mütonieriy rabe- 
laisien, racinieriy shake^pearien, turcarien (zu Turcaret), voUairien 
und viele andere), für politische Parteien (cdsarien == impdrialütey 
garibaldieny gondowaldien, Ittdavideriy mazzinien)^ ferner zur Be- 
zeichnung der allgemeinsten Zugehörigkeit (appien, bismarckieny 
bulozicHy fabteriy jupiUrieny minervieriy roihschildien) y auch bei 
geeigneten Appellativen (czarieriy khSdivienJy endlich zur Bezeich- 
nung ganz bestimmter Gegenstände, daher öfter ohne nachweis- 
bare männliche Form (draisienne oder draisiney luctdlien nur bei 
Marmor, mtlonienne für die Miloniana Cicero's, vespasienne für 
öfifentliche Bedürfnisanstalt). Wie in dem letzt aufgeführten Wort 
kann von einem Suffix im Sinne der vorhergehenden Wörter nicht 
die Rede sein auch bei diocUtieny womit der Kürze halber die 



1) Als solche gelten sie trotz der Etymologie für das volkstüm- 
liche Sprachbewusstsein. 



Personal' und Gentüderioate im Neufranzösischen, 155 

ähnlichen Fälle zusammengestellt s^ien: antonin, constantin, dau- 
phin, mazarin, montgolfier (montgolfitre) , trajan^ welche eine 
durchaus adjektivische Motion besitzen. 

Bei den Ableitungen auf -in sind auszusondern die aus dem 
Lateinischen tibemommenen ((mtonin^ constantin) oder durch Ver- 
mittelung einer lateinischen Form eingedrungenen Wörter (albertin, 
alph<msin, clemeniin, emestm, escobartin zu Escobar, guiilemin und 
guülehnm, jacobin, phiUpptn, raymondin, rodolphin, vedantin zu 
V6da) sowie das fremde mazarin. Bei ihnen kann ja von einer 
Gleichstellung des Suffixes -in (-inus) mit -ien (-ianus) keine Rede 
sein. Diese Gleichstellung ist aber zwingend für echtfranzösische 
Ableitungen (ariosUn, baifin, draisine neben draisienne, faustin, 
turgcftin). 

Die Nebenform -ain bei Personalderivaten geht ausnahmslos 
auf lat. -anus zurück, obwohl bei dominicain, franciscain, iUyri- 
cain der vorausgehende k-Laut sicher mitbestimmend gewesen 
ist; ausserdem genovefain. Ganz vereinzelt stehen hier -an in 
radhomitan, ulphilan (neben tüphUanien), Die Nebenform -6en 
{lat. -eanus) tritt für lat. -eus ein (cadmeen, hSraditSen, hiracUen, 
hercuUen neben herculien, phiMen, promÜheen, ptolimien), wird 
von anderen Namen nachgebildet (eutychSen neben eutyehien, ma- 
nichSen, mSdtiseen, priap^en, tyrteen u. a.). Bei echtf^anzösischen 
Ableitungen ist -(6)en nur eine Nebenform von -ien bei Namen 
auf ^, i, j (halleyen, linnien, midicien neben midicien, shandSen 
neben shandyen, wesleyen). Zu bemerken ist die verschieden- 
artige Behandlung in halleyen, wesleyen (Halley, Wesley), harUien 
(Harley) und faradique (Faraday). 

Bei den Derivaten von geographischen Namen haben zwei 
grosse Gruppen das entschiedenste Übergewicht: die Gruppe mit 
dem Suffix -ien samt seinen Nebenformen und die Gruppe mit 
dem Suffix -ois oder -sds. Eine scharfe Scheidung derselben 
ist nicht möglich, doch lassen sich manche Gesichtspunkte für 
eine solche Scheidung ausfindig machen. Zunächst fallen der 
ersten Gruppe die antiken Namen zu; denn Derivate auf das 
-ais von antiken geographischen Namen sind sehr selten, -ois, 
wichtigste ist carthaginois neben dem wenig üblichen carche- 
dornen; vgl. auch mareiUen mit marseiUais, Unter etwas mehr 
als 400 verglichenen Derivaten auf -ten gehören etwa 160 der 
alteti Geographie an, wobei Wörter, die auch der neueren Geo- 
graphie noch geläufig sind (antiochien, (zssyrien, egypUen, indden, 
ionien u. a.), mitgezählt sind. Ihnen schliessen sich eine Zahl 
von neueren Derivaten an, die von dem lat. Etymon mit Hilfe 
von -ien gebildet sind (cadurcien zu Oahors, colnmerien zu Cou- 
lommiers, ibroiden zu Evreux, eoddolien zu Exideuil, Udomen zu 



156 Ph. Piatiner, 

LoDS-le-Saulnier, lexovien zu Lisieax, mdgorien zu Melgneil, 
monasUrien zu Münster, paunien zu Pau, provenisien zu Provins, 
siquanien zu Seine, sostomagien zu Gastelnandary, spamacien zu 
Epernay, velaunien zu Velay). 

Ableitungen auf -ien werden gebildet von Ländernamen 
und zwar von allen auf -ie, ausser wo eine ältere Form sich 
erhielt oder eine andere Form eindrang, was verhältnismässig 
selten ist (arabe^ htdgare^ croate^ dalmate, serbe für alt servien u. a.)* 
Nicht wenige kommen aber auch von anders auslautenden Länder- 
namen (albionien^ aiUrichien, ceUbien, herzig ovinien, texten zu Albion, 
Antriebe, G61^bes, Herz^govine, Texas u. a.)* Von den zahl- 
reichen Städtenamen seien nur die aufifallenderen erwähnt (arbosien 
zu Arbois, buenos-ayrien zu Buenos- Ayres, cLunisien zu Cluny, 
courbevoisien zu Courbevoie, elbeuvien zu Elbeuf, haguenauien zu 
Haguenau, kefien zu le Kef, landemien zu Landerneau, nanci(i)en 
zu Nancy, oxonien zu Oxford, patrensien zu Patras, quichien zu 
Quito, sidenien zu la Seyne), die sich nur zum Teil aus etymo- 
logischen oder lautlichen Gründen erklären lassen. Von Gebirgs- 
und Bergnamen kommen vor z. B. aUeghanien, bcdkanien, jurassien, 
Itbanieriy Olympien^ our alten, visuvien, vosgien, von Flussnamen 
z. B. borysthSnien, danubien, euphratesmt, garonnienj mississippien, 
oxien, vistulien, ySnisien. Von Appellativen, die zu Namen erhoben 
sind, kommen vor: oasien, odionien, sowie die Bezeichnung nor- 
malten (Zögling der J^cole normale). Mit letzterem lässt sich 
zusammenstellen sulpiden (Zögling von Saint - Sulpice) und saint- 
Cyrim (Kadett, Zögling von Saint -Oyr) und dabei sei zugleich 
auf den früher erwähnten Unterschied von saumurien und Sau- 
murois verwiesen. 

Die Derivate auf -ien sind Adjektive und Substantive und 
finden in beiden Gebrauchsweisen ausgedehnteste Verwendung. 
Durchaus aber ausgeschlossen ist die Verwendung für das Gebiet, 
die Landschaft oder die Umgebung; man vergleiche in dieser 
Beziehung einerseits les Beauvaisiens mit le Beauvaisis, les Ca- 
laisiens mit le Calaisis, les Cambraisiens mit le Cambresis, les 
Parisiens mit le Parisis, les Tournaisiens mit U Tournaisis, ander- 
seits die Bildungen mittelst -6sien, -isien für die Bezeichnung der 
Bewohner und ähnliches aus Formen auf -ois, -ez, welche aus- 
schliesslich oder vorzugsweise auf das Gebiet deuten, z. B. ar- 
tSsien aus Ärtois, barrisien aus Barrois, forizien ans Forez, valesien 
aus Valois, Man kann annehmen, dass auch Bildungen wie aptSsien 
zu Äpt und aridsten zu Arles erst durch Vermittelung von Formen 
wie Äptois, Arlois (Gebiet von Apt, Arles) entstanden sind. 

Unter den Auslauten, welche den Antritt des Suffixes -ien 
begünstigen, nimmt s, z, (oder stummes x) nach lautem Vokal 



Personal' und Gentüderivaie im Neufranzösischen* 157 

die erste Stelle ein: Arbois: arbosien, Aunts: aunisien^ Beauvaia: 
beauvaunen^ Boumais: bournaisieuj Carpentras: carpentrasienf 
Chersanhse: chersanSsien, Corrlze: correzien, ^k^e: ephesterij 
Falaise: fatalsten, Frise: frisien, Mend^: mendSsien, Marlaix: 
morlaisten, Mulhouse: mrilhougien^ Orthez: orth^zien, Paris: parisien, 
Roubaix: roubaisierij Tunis : tunisien, Wallis (tles) : waüisieriy »owie 
die oben angeführten artisien, barrisien, forizien, valSsien, 

Daran schliessen sich die vokalisch auslautenden, welche 
s einschieben, worunter besonders die auf -acum^) zurückgehen- 
den Namen auf -ai (alt -ay) und -y (jetzt oft schon -*) zu be- 
merken sind: Bugey: bugeysien^ Cambrat: cambraisien, Cluny: 
dunisieriy Coree: corisien (neben corien), Courbevoie: courbe- 
vois^ierij Douai: douaisien, Savenay: savenaisien, 8avoie: savoisieny 
Tournai: tournaisien. Dagegen hängen blosses -en an: Auray: 
alrien und alrienj Annonay, annonSen, Biscaye: biscaten, Bomou: 
bornouen, Chili: chilien, Clichy: clichien, Fidjl: fidjien, Nancy: 
nance(i)en, Paraguay: paraguden und paraguayen, Uruguay: uru- 
gu^en und utmguayen. 

Die wenig zahlreichen Derivate der Wörter auf -terre (miss- 
bräuchlich -Üre) haben das Suffix -ien: finisthre : finisUrien, 8auve- 
terre : sauveterrien. Während die Wörter auf -bergj -bourg sonst 
-ois als Suffix nehmen, findet sich bambergien und coburgien, 
letzteres als Bezeichnung der koburgischen Partei in Bulgarien; 
koburgisch würde sonst voraussichtlich, wo es vom Länder-, nicht 
vom Familiennamen gebildet ist, cobourgeois lauten, wie von 
Bourbon das Adj. bourbonnais lautet, während bourbonien nur 
auf den Namen der Dynastie Bezug nimmt. Wenn wir zu den 
vorhergehenden Ableitungen noch sablesien (zu Sabl6) fügen, in 
welchem s so wenig wie in savoisien erklärbar ist und für welches 
sableen zu erwarten war, wenn wir weiter zufügen, dass / als 
Auslaut das Suffix -ien bedingt (elbeuvien, kifien) wie auch nach 
v^) nur dieses Suffix möglich ist (lexovien, khivien zu Khiva, 
pontivien, terre - neuvien) , so ist die Reihe der Auslaute, welche 
dieses Suffix verlangen oder bevorzugen, abgeschlossen und eine 
weitere Untersuchung, wie sich der Auslaut in der Entscheidung 
zwischen -ien und -ois (-ais) verhält, würde kein Ergebnis ver- 
sprechen. Das letztere Suffix ist bei weitem das überwiegende, 
soweit französische Wörter in Betracht kommen. Unter allen 
Ableitungen auf -ien sind Namen aus der Geographie Frankreichs 



^) Also weder die ausländischen Namen noch die auf lat. -etum 
zurücksehenden. 

^) Argovien, krakovien, thurgovien, varsovien haben -ien schon 
wegen der Endung -ie. Ausnahme ist forlivois zu Forli, lodevois. 



158 Ph. JPiattner, 

nur mit 7? vertreten. Rechnen wir davon noch ab die von ur- 
sprünglichen Appellativen kommenden (z. B. normalien, odeonien), 
die mit Nebenformen aaf -ois, -ais (beaucairien, saumurten, 
tararien), die von Bergnamen abgeleiteten, weil bei solchen 
Namen -ois (ais) unzulässig ist (cantalien, jurassien), ferner die 
von einem lateinischen Etymon gebildeten, welche lieber zu -ien 
greifen/) weil dieses das Suffix auch für antike Namen ist (ca- 
dnrcienf colum^rien, ebrotcieriy lexovieriy meldien neben meldois, 
mdgorienj provenisien, sedenien, soHomagien u. a.), endlich die 
von ursprünglichen Personennamen kommenden (saint-cloMdien, 
saint'Cyrien) y so verringert sich die Zahl der Ableitungen von 
Namen aus der französischen Geographie auf nicht ganz Yso der 
Gesamtzahl aller Bildungen mittelst -ien. 

Unter den etwa 100 Wörtern auf -in geht die Mehrzahl 
auf lat -inus zurück^ z. B. alexandrin, alpin, ar gentin, byzantin, 
fescennin, ligerin (zu Loire), numantin, sagontin, tarentin, 
tib4rin u. a. Andere setzen eine lat. Form voraus, so mussi- 
pontin (zu Pont-4-Mou8son, vgl. bipontin), zaretin (zu Zara). 
Auffallend ist deshalb noirmout(r)in. Die Form bezeichnet in 
einzelnen Fällen nur das Gebiet, so avranchin, bessin (neben 
bayeusin), cotentin, venaissin, in anderen Gebiet und Bewohner^ 
so Umouain, maransin, mit Motion bei valteUn (zu la Valteline) ; 
in einer Reihe von Fällen nur den Bewohner, so angevin, an- 
goumoisin (vgl. artesien u. a,), comtadin (zu le Comtat), peri- 
gov/rdin, poitevin. Der Bildung nach fallen auf auverpin, gram- 
montin (-mont bildet sonst -rrumtois), mezin (zu Müzine). 
Frünzösische Namen sind in der Gesamtzahl etwa mit Ys vertreten. 

Nur Y& französische Namen finden sich unter etwa 60 Ab- 
leitungen auf -ain, die grösstenteils auf lat. -anus zurückgehen 
und unter welchen die Stadtnamen auf -poiis (adrinopolitain 
u. s. w.) ein ansehnliches Kontingent stellen. Die auf -cain, 
-quain, soweit sie nicht auf lat. Form zurückgeben (af ricain, 
am4ricain, armoricain, dominicain, mexicain) sind blosse 
Nebenformen. Die Schreibung -cain ist die neuere, so ist jamm- 
cain, majorcain, medocain besser als jamatquin, majorquin 
(ma/jor quain), medoquin; maraeain ist stehende Form, wogegen 
maroquin nur die Bezeichnung für eine Sorte Leder ist; minor- 
quin ist bis jetzt ohne Nebenform geblieben. 

Das Suffix -an hat ein durchaus fremdartiges Gepräge und 
ist in eigentlich französischen Wörtern selten (etwa Y« ^^^ ^®" 
samtbestandes). Dabei haben einzelne noch Nebenformen z.B. 



1) Das interessanteste Beispiel ist paunien (Pau), weil Epauuensis 
etymologisch zu paunois hätte führen müssen. 



Personal- und Geniilderivaie im Neufranzösischen, 159 

monspesstdan (mit montpeUi^rain), pertuisan (mit pertuisien). 
Dieses Suffix findet sich vorwiegend in übernommenen Adjektiven 
zu Flnssnamen (cisleithan, cispadan, rhenan), vereinzelt auch 
zu Bergnamen (cisjuran), besonders aber zu ital.-span. Orts- 
namen {andorran, astesan, hreaciany capouan, forlan zu Frioul, 
padouan, s^viUariy tol4dan n. s. w.), sowie zu französischen Orts- 
namen, die an ital. oder span. Sprachgebiet streifen {bigo(u)rdan, 
faucigneran, n4bouzan, pertuisan, valaisaUj und so bressan zu 
Bresse oder auch zu Brescia). Vereinzelt steht gastinaisan 
(wohl Nachbildung zu pavesan und ähnlichen, sowie chamboran 
(wohl eine Bildung, die in die Zeit italienischer Beeinflussung 
der französischen Kunst fällt). Nach dem bretonischen Sprach- 
gebiet zu tritt -an wieder häufiger auf, daher groyan. 

Gering ist auch die Verwendung von -(^^en, welches das 
Suffix för Wörter auf 6, ^e, 6es ist (quimperleen, vend^en, py- 
reneen), manchmal aber auch nach i (y), ai (ay) eintritt: ajac- 
cien, biscayen, clichieriy alr^en (Auray), annonden. 

Das Suffix •'Ois^ -als ist ausschliesslich f^r Derivate von 
geographischen Namen bestimmt. Der einzige Fall, wo es ein 
Personalderivat bildet, ist Mansfddois als Name einer nach dem 
Grafen von Mansfeld benannten Sekte ; die Verwechslung lag hier 
nahe, weil man Mansfeld nur als Ortsnamen kannte oder nach 
Analogie ähnlicher Namen dafür hielt. Zu verweisen ist femer 
auf raymondais (alte Toulouser Münze), auf Minervois (s. oben), 
welches aber auch nicht direkt von Personennamen gebildet ist, 
und auf mariannais zu iles Mariannes. Bei den von Heiligen- 
namen stammenden Ortsnamen bildet man zwar germinois zu 
Saint-Germain, saint-emilionnais, saint-martnois, saint-gtien- 
tinois, zieht aber bei anderen die Bildung aus dem Etymon vor 
wie audomarois zu Saint-Omer, quintinois neben saint-gfAen" 
tinois, 8t4phanois zu Saint -!^tienne und mit anderem Suffix 
dionysien zu Saint- Denis. 

Auch unter den geographischen Namen treten die antiken, 
wie früher bemerkt, mit dem Suffix -ois, -ais nur äusserst selten 
in Verbindung. Das schliesst nicht aus, dass dieses Suffix an 
das Etymon neuerer Namen tritt: biterrois zu Böziers, mddois 
zu Meaux, montalbanais zu Montauban, oscarois zu Ouche u. a. 
Das Suffix tritt an Länder- und Städtenamen, wofür Beispiele 
unnötig sind. Hingewiesen sei nur darauf, dass es aus leicht 
ersichtlichen Gründen an den Namen keines der Kontinente tritt. 
In keinem Falle tritt es an Bergnamen, für welche dieses Suffix 
sich seiner Natur nach so wenig eignete wie -ien für Gebiets- 
bezeichnungen (vgl. oben bei libanais,) Auch für Flussnamen 
ist es nicht geeignet, es sei denn, dass zugleich ein Volk oder 



160 Ph, Plattner, 

ein Gebiet (z. B. Departement) existiert, welches nach dem Flusse 
genannt ist. Solche sind ardechois, ariegeois, aveyronnaisj cha- 
rentais, congolais^), garonnaisj marnais, sequanais, tamais. 
Wie verhält sich aber die neuere Form -ais zu der älteren -eis? 
In vielen Fällen stehen beide noch nebeneinander und, wenn 
auch anzunehmen ist, dass die neuere obsiegen wird, so ist oft 
der Kampf noch als unentschieden zu bezeichnen. Sehr unent- 
schieden ist er da, wo die neue Form widerrechtlich sich ein- 
gedrängt hat, weil nur die Vorbedingung für -ois gegeben war; 
doch wird sie auch in diesen Fällen wahrscheinlich siegen, weil 
das GefOhi flir jene Vorbedingung in der Sprache nicht mehr 
lebendig genug ist. Nebeneinander bestehen z. B. agenois, 
agenois : agenais, agenais, autunois : autunais, caenois : cdenais, 
calabrois: calabrais, clermontois : clermontais, dinandois: dina- 
nai8, embrunois: embrunais, ferrarois: ferrarais, gapengois: 
gapengais (zu Gap), loudunois: loudunais, mantois: mantaisy 
mendois: mendais, messinois: messinais, moddnois: modenais^ 
nantois: nantais, navarrois: navarrais, novarois: novarais, 
rennois: rennais, rochdois: rochdais, saintongeois : saintangeais, 
sedanois: sedanais, veronois: v^ronais. 

Die ältere Form (-ois) bleibt stets erhalten in den zahl- 
reichen Ableitungen von -hourg und -berg: augsbourgeois, brande- 
bourgeois, cherbourgeois, fribourgeois, hambourgeoiSf limbour- 
geois, luxembov/rgeois, magdeburgeois, mecklembourgeois, nurem- 
bergeois, oldenbourgeois, phalsbourgeois, petersbourgeois, stras- 
bourgeoiSj vmrtembergeois u. a. 

Überhaupt scheint nach stimmhaftem wie nach stimmlosem 
Zischlaut -ois die übliche Form: albigeois, ardechoisy ariegeois, 
arrageois (zu Arras), auchois, binchois (zu Bindre), brugeois, 
cauchois (zu Gaux), commingeois, firingeois (zu lies F^roe), 
grdgeois (feu gregeois), loangeois (zu Loango), Maubeugeois, 
Dagegen saintongeais neben saintongeois und das von Sachs 
gegebene (nachweisbare?) marchais neben marckois. 

Ferner bleibt -ois nach Silben, welche geschlossenes oder 
offenes e enthalten: aixois, alenois (zu Orleans), ambertois^ 
amienois, anversois, appenzellois, ardechois, ariegeois, auxerroie, 
beaucairois, bemois, biterrois (zu B6ziers), blaisais oder blesois 
(zu Blois), brimois, brestois, bruocdlois, carrerois (zu Carriferes), 
cettois, clevois, cr^tois, dieppois, dunkerquois, emsois, fertois 
(zu la Fert6), gAiois, gerohteinois, gexois, giennoia, gr^geoisy 



1) VgL oben unter diesem Stichwort. Dass diese Form erst 
möglich ist, seit es einen Kongo staat gibt, stimmt mit obiger Regel 
zusammen. 



Personal' und GeniüdeiHvate im Neu französischen. 161 

grayloisy giiddrois, guyennois, hessois, hihernois, lenois, liegeois, 
lodevois (zu Lodeve), lubeckois, lucemois, mecquoiSf mddois (zu 
Meaux), pont-audemerois, quimperois, r^mois, rutMnoiSf sancer- 
roisy san-remois, siennois, sleswig-holsteinois, suedois, thiernois 
(zu Thiers), tonnerrois, valenciennoisj vauverdois, viennois, vincen- 
noiSf viterbois. — Dagegen ardennais, cayennais, rennais neben 
rennois als einzige Ausnahme aus neuerer Zeit und das historische 
Fem. Viennaise, während sonst viennois das Adjektiv zu Vienne 
in Südfrankreich und zu Vienne = Wien ist. Das deutet darauf 
hin, dass oi nach e-^-nn im Schwinden begriffen ist. Ausnahmen, 
und zwar gewichtige, weil historisch, sind ferner nivemais und 
rouergais neben rovsrgois. 

Nach stummem e finden sich 'beide Formen : champenois, 
diemenois (zu ile de Diemen), genevois, neuffjchdtelois, reihelois, 
iourquenois (neben tourquefq^nois zu Tourcoing); diesen stehen 
gegenüber hagnerais (zu Bagneres), bordelais (zu Bordeaux), 
ploermelaiSf polletais, posenais (neben posnanien), vannetais 
(zu Vannes). Nach dieser Regel würden agenois, agenois, agenais 
ebenso modenois, modenais, sowie rochelois, rochellois, rochelais 
je unter einander gleichberechtigte Formen sein, unter welchen 
nur der Gebrauch sich mehr für eine als für eine andere ent- 
scheidet. Die Formen agenais, modenais, rochellais, welche sich 
vereinzelt finden, kann man unbedenklich als irrtümliche, der 
heutigen Regel ohne zureichenden Grund widersprechende be- 
zeichnen. Über marseillais, in welchem ai durch das geschlifi'ene 
l bedingt ist, vgl. später. 

Auch nach i, u in vorhergehender Silbe bleibt -ois erhalten, 
albigeois, annigois (zu Annecy), autunois (neben autunais): 
bellilois (zu Belle-Isle-en-Mer) berlinois, bethunois, briois (neben 
briard), brugeois, brunswickois, carihaginois, chdteaudunois. 
chinois, cochinchinois, cortinois (zu Corte), cotentinois, dant- 
zic(k)oiSj dauphinois, dignois, diois (zu Die), donziois (zu 
Donzy), dunois (zu Chäteaudun), embrunois (neben embrunais\ 
fin(n)oiSj fuldois (zu Fulde), germinois (zu Saint-Germain), 
hesdinois, illinois (zu Illinois), issoudunois oder issoldunois, 
ivigois, liUois, lippois, loudunois (neben loudunais), lucquois, 
martiguois, melunois, messinois (neben messinais), molucquois, 
municoiSf namuroisj nigois, ntmois, pantinois, provinoisj quer- 
cinois, quintinois (zu Saint- Quentin), saint-marinoiSy saint- 
quentinois, salinois, santorinois, sarrebruckois , saumurois, 
schwytzoisj sedunois (zu Sion), sionois (ebenso), slesvicois, tes- 
sinoisy tonkinoiSf tunisois, valenginois, valentinois, venaissinois, 
verdunois, vervinois, vexinois, vouzinois (zu Vouziers), zugois, 
zuricois, — Die Ausnahmen sind hier ziemlich zahlreich: avraa 

Zschr. f. frz. Spr. u. Litt. XU. 11 * 



162 Ph. Piaitner, 

chinais, chdteaulinaisy croisicais, gdtinaiSy josselinaisy londinaisy 
neo-hebridais, portugais, ragusais, turinais, vallouisaisj d. h. 
-018 ist im Schwinden nach i(u) + ^; wofür auch die Doppel- 
formen autunois : autunais, embrunois: emhrunaiSy loudunois: 
loudunais, messinois: messinais sprechen. Schwankend sind 
ferner die Namen auf -ville; neben abbevülois, bellevillois, ihion- 
villois stehen granvillaisy trouvillais?) Nach dem aus ey ent- 
standenen i tritt -ais ein: guernesiais, jersiais, letzteres (da iai 
Diphthong ist) Ausnahme* zu der Regel, dass -ois, nach offenem e 
der vorhergehenden Silbe eintritt. 

Nur die neuere Form (-ais) findet sich bei den zahlreichen 
Ableitungen von -land: courlandais, ßnlandais, groenlandaisy 
hoUandais, irlandais, islancthis, jutlandais, marylandais, neer- 
landaisj neO'z4landais, oberlandais, seelandais oder zelandais, 
shetlandaisj wozu sich landais ziehen Jässt. Überhaupt findet sich 
meist -ais nach nasalem a oder reinem a-^-n m vorhergehender 
Silbe: albanaisy avranchais, caenais (und caenois)^ catanaisy 
charentais, coutangais, dinanais^) draguignanaisy ecouenais, 
frangaiSy gapenqais (und gapengois zu Gap), guerandais, 
guyanaisj havanais, javanais, juanaisy laonnais, (und laonnois), 
lavedanais, lorentais^ mansais (und mansois, für beide meist 
manceau), mantais (und mantois), mayengais, mendais (und 
mendois), müanais, mirandais, montalbanais, morbihanaisy 
morvandais, nantais (und nantois), nogentais, oranais, orleanais, 
perpignanais, poblanais (zu Puebla), roannais, rouennais, roya- 
nais, sedanais (und sedanois), sequanais, soudanais, trentais, 
uranais (zu üri), valengais, ebenso cubanais, libanais, wenn 
sie sich nachweisen lassen. Entgegenstehen: danois, dinantois, 
gantois, guingampois, lausannois, lovanois (zu Louvain), osten- 
dois; dass vermandois und m^lantois bei der älteren Form 
bleiben, erklärt sich daraus, dass es lediglich Gebietsbezeich- 
nungen sind. 

Das regelmässige Suffix ist ferner -ais bei den auf -on, 



1) Es kann auffallen, dass bei diesen Namen kein konstanter 
Gebrauch herrscht; die Verwirrung wird noch gesteigert durch das 
litterarisch nicht nachweisbare, jedoch lokal übliche luneviUain. Wenn 
diese Bildung schon bedenklich ist, so könnte ein Bewohner von Gran- 
ville, Trouville gegen die Bezeichnung granvillain, trouvillain noch ge- 
rechteren Einspruch erheben. Von rein etymologischem Gesichtspunkt 
aus wären diese Formen allerdings berechtigt. 

2) Für die Orthographie dieser vielfach unrichtig mit nn ge- 
schriebenen Wörter sei bemerkt, dass nach Analogie von castiüun, 
persan, casiülane, persane (alt -anne) nur ein n zu setzen ist. Roannais 
(zu Roanne) wird durch diese Regel nicht berührt, roicennais ist durch 
rouennerie u. a. gerechtfertigt. 



PersoncU- und Gentüderivate im Neu französischen. 163 

-0718, -one, 'Onne, -ona ausgehenden Namen: alengonnais^), 
altonais , aragonais , auxonnais, aveyronnais, avallonnais, 
avignonnais, barcelonais, bayonnais, hönais, briangonnais, can- 
tonnaiSf carcassonnais, chdlonnais, chdtillonnaisy clissonnais, 
craonnais^), cr4monaiSf dijonnaisy donjonnais, gabonais, garon- 
naiSf japonaiSf lannionnais, leonnais, londonnais, lugonnais, 
lyonnaisj mdconnais, mentonais, miquelonnais, montbrisonnais, 
narbonnais, nontronnais, noyonnais, quiberonnais, roussillon- 
nais, saigonnaisy saint-emilionnaiSf soissonnaisj tarasconnais, 
tarraconais und tarragonais, tortonais, toulonnais, vSronais 
(neben veronnais; veronois kann als aufgegeben gelten), vier- 
zonnais. Dazu kann man rechnen glaronnais (zu Glaris, Glarus) 
und senonais (zu Sens), ferner olonnais (zu les Sables d'Olonne), 
wenn es nachweisbar ist. Der Regel entzieht sich nur losnois 
(zu Saint- Jean -de Losne), welches losnais bilden könnte nach 
Analogie von bdnais; ferner Hanois zu L6on in Spanien. 

Gleichfalls - ais haben die Namen, welche o -f~ Ä zeigen : 
bolonais (Bologne), boulonfnjais (alt boulenois zu Boulogne), 
colonais (Cologne), polonais (Pologne). Als veraltet kann man 
ansehen das entgegenstehende solonois (Sologne). 

Nur -ais findet sich nach geschliflFenem h cornouaillais, 
marseillais, montreuillais, versaillais. Das vereinzelt stehende 
verceillois gehört kaum der neueren Sprache an. 

Wie früher -anais, '0n(n)ais, so scheinen auch -alaisy 
'olais lautlich bedingte Verbindungen: bagnolais (zu Bagnols), 
bengalaiSf brignolais (zu Brignoles), charoUais, cyngalaiSj con- 
golaisj guatemalaiSy lamballaiSj martegallaisy ossalais (zu Ossau), 
pignerollaisj reolais, senegalais. Diesen stehen gegenüber bdloiSf 
gallois (zu pays de Galles), saint-gallois (zu Saint-Gall), landa- 
vallois (zu Lanvaux), lavaUois, wozu man auch gaulois ziehen 
kann. 

Im übrigen Hessen sich noch weitere Gesichtspunkte auf- 
stellen, da aber die Zahl der zugehörigen Beispiele eine be- 
schränkte ist, so begnüge ich mich die übrig bleibenden Wörter 
aufzuzählen. 

Mit -ois: angoumois, artois, aspois, auxois, aurillaquois, 



1) In diesen Wörtern steht nn nach Analogie von bon, honne^ 
hourguignon, hourguignonne (alt -one). Aasgenommen sind nicbtfranz. 
Namen, besonders ital.-span. Herkunft, sowie natürlich diejenigen, 
welche n im Derivat für n des Stammworts haben. In hönais hinderte 
der Zirkumflex die Gemination. 

2) Nach der Aussprache des Namens Craon wie kra-S. Da manche 
(wie in Laon) o verstummen lassen, Hesse sich auch craonnois ^wie 



laonnois neben laonnais entschuldigen. 



11* 



164 Ph. fhitner, 

badois, bantamois, barroia, bavarois, bazadois (neben -ais), 
beaunois, brivadois, clermontois (neben - ais), comtois (nebst 
franc-comtois), condomois, congois, darmstadtois (in der Bed. 
Strassenkehrer) , dolois, döloisj eudois und eusioisj ferraroia 
(neben -ais), francfortoisy grenoblois, hongrois, hurepois (zu 
Hurepqix), iroquoiSf langrois, lectourois, livradois, montbardois, 
montoisy oscarois (zu Ouche), pragois, privadois (zu Privas), 
quiUebois (zu Quillebeuf), revermontois, riomois, rochois, sar- 
thois, saulnoiSf siamois, touloiSy toumois (zu Tours), tregorrois, 
vaudois, vendömois. 

Mit -ais: anglais, basquais, beamais, bigorrais, blayaisy 
calabrais, camarguais, castraisj domingais (zu Saint-Domingue), 
drouais (zu Dreux), ecossais, ßumorbais, fontenais (zu Fontenay), 
havraisj honfleurais, houatais, laurag(u)ai8j livoumais, lour- 
dais, maltaisy maraquais (zu Marais), marnaiSf moisaaccais und 
moissaquaiSf navarrais (neben -ois), neracais und neraquais 
(zu N6rac), new-yorkais, nicaraguais, niortaiSf nivilaccaU, 
novarais (neben -ois), piemontaisy portugais, rochefortais, 
aablais, sarladais' (zu Sarlat), tararais, tarbais, tamais, 
vitreais (?), vivarais, yvetotais. 

Unter den übrigen Suffixen für geographische Namen ist 
ziemlich häufig -on. Es tritt unter Vermittelung von r an Namen 
auf stummes e: augeron (zu Auge), beauceron (zu Beauce), 
percheron (zu Perche), wozu sich in vigneron, tdcheron^) Bei- 
spiele finden, die sich aus den Dialekten noch vermehren Hessen; 
so erinnere ich mich, dass gagneron mundartlich für Tagelöhner 
gebraucht wird. Über berrichon, bourbonnichon, nivemichon, 
vgl. bei nivemais. Alle diese Wörter werden mehr oder weniger 
gemieden ; percheron z. B. wird hauptsächlich von einem Schlag 
Pferde gebraucht, ohne dass jedoch die Verwendung in allge- 
meinerer Weise ganz ausgeschlossen wäre. So heisst ein dortiges 
Journal Le Bonhomme Percheron (Paix, 27 avrii 1888). 

Vereinzelt steht nuiton (zu Nuits); da Nuits auch die ältere 
Form für deutsches Neuss ist, müsste auch ein Neusser un Nuiton 
heissen können. Über dunoison, seine- et -oison vgl. diese 
Wörter. 

Das Suffix -eau mit dem Fem. -eile steht in manceau 
(manseau), morvandeau, sologneau, tourangeau. Das Suf&x 
-al ist erhalten in meridional (zu Midi), provengal, sowie in 
occidentalf orientaL Delphinal ist Adj. sowohl zu dem Personen- 
namen (dauphin), wie zu dem Ländernamen (Dauphine). Von 



1) Litträ leitet iächeron direkt von iäche her, will aber für 
vigneron ein Verb vigner als vermittelndes Glied einschieben. 



Piersonal' und Geniilderivaie im Neufranzösischen. 165 

PersonenBamen kommt ausserdem cereal, martial, minerval u. a., 
nach Littr6 auch jovial. 

Das Suffix -ard begegnet in briard, leonard, nigard, 
savoyardj wird aber auch mit wenig Vorliebe verwendet, was 
sich aus seiner sonstigen depreziativen Bedeutung erklärt (cor- 
nard, pillard, pleurard u. a.). 

Unter den übrigbleibenden sind zu erwähnen berruyer, 
hainuyer mit seinen Nebenformen, ferner cerdanyol, cevenol, 
romagnol, alle nur für die Bewohner verwendbar. Endlich be- 
darrez, carcassez, carladez, forez, rasez, royannez, sowie beau- 
vaisisy calaisiSf cambresisj parisisj tournaisis, alle nur für das 
Gebiet zu verwenden. Parisis fand sich in früherer Zeit auch 
zur Bezeichnung eines Geldwertes, wobei zugleich SLuf marseillez 
im gleichen Gebrauch und auf das von Personennamen abge- 
leitete raymondis (un raymondis, un sol raymondis. C.) mit 
den Nebenformen raymondais, raymondin zu verweisen ist. 
Zusammenfassend lässt sich bemerken: 

1) Gelehrten Ursprungs oder nur der Büchersprache angehörig 
sind die Suffixe -ique, -iaque, -esque, -asque, -ite, -ote, 
-ate, -iste. Eine Mittelstellung nimmt -ien mit seinen 
Nebenformen ein; es ist ursprünglich auch gelehrten Ur- 
sprungs und ist es bei Personalderivaten geblieben, wo- 
gegen es bei Gentilderivaten volkstümlich geworden ist und 
mit -ois, -ais in Neubildungen konkurriert. 

2) Volkstümlich sind die Suffixe -ot, -at, -ois und -ais, -eau, 
-(uy)er, -ard, -ol, -ez, -is, -(erjon, 

3) Nur für Personalderivate verwendbar sind -esque, -ite, -iste, 
obwohl sich (teilweise übernommene) Ausnahmen finden. 
Das Suffix -esque bedeutet eine Art oder Manier und ist 
öfter herabsetzend; -ite ist auf religiöse Parteien (Sekten, 
Orden u. dgl.) zu beschränken, -iste dagegen auf politische 
oder wissenschaftliche Parteien (Schulen). 

4) Nur für Gentilderivate verwendbar sind -iaque, -ote, -ot, 
-ate, -at, -ois und -ais, -asque, -eau, .-(uy)er, -ard, -ol, -ez, 
-iz, -(er)on, Ausnahmen (teilweise übernommene) finden 
sich nur in geringer Zahl bei -iaque und -ois (ais). Nur 
für die Bewohner oder das den Bewohnern Zugehörige sind 
verwendbar -iaque, -ote, -ot, -ate, -eau, -(uy)er, -ard, -ol, 
-(er)ony) Nur auf das Gebiet bezüglich sind -ez, -is. Für 
beides verwendbar sind -at, -ois und -ais. 

5) Sowohl für Personal- wie für Gentilderivate brauchbar sind 
-ique, -ien. 



*) Sowie 'ien. 



166 Ph. Plaitnet% Personal- und Geniiiderivaie im Neufranzösischen, 

6) Adjektivisch sind in der Regel -ique, -iaqu^, -esque. Sub- 
stantiviert können sie nur bei Gentilderivaten werden. 
Lediglich substantivisch sind -ez, -is, weil sie nur Gebiets- 
namen bildeui 

7) Die hauptsächlichen Suffixe für Gentilderivate sind -i&n 
einerseits, -ois oder -ais anderseits. Das Suffix -len steht 
nie bei Gebietsnamen; -ois (-ais) findet nie bei Bergnamen 
und nur unter gewissen Voraussetzungen bei Flussnamen 
Verwendung, ausserdem tritt es nur vereinzelt an Namen 
der antiken Geographie. Bei der Frage, ob im einzelnen 
Falle -ieffi oder -ois (-ais) zu verwenden ist und ob bei 
letzterem die ältere Form (-ois) oder die neuere (-ais) 
zu wählen ist, kommt der unmittelbar vor dem Suffix 
stehende Konsonant oder der diesem vorausgehende Vokal, 
vielfach aber auch beides in Betracht. 



Ph. Plattner, 



168 TF, KnöHcK 

die Leitung der geistigen Entwickelung zu übernehmen. Für 
diese hörte dann die Beschäftigung mit Sprache, Litteratur und 
Wissenschaft auf, ein Mittel für die geistige und sittliche Hebung 
des Volkes zu sein, wurde vielmehr zum Selbstzweck: sie wid- 
meten sich schöngeistiger, litterarischer, sprachlicher Bethätigung 
nur um sich einen Schein von Bildung und Vornehmheit zu 
geben und ihre innere Rohheit zu verdecken. In ihrer völligen 
Verkennung der Ziele, welche erreicht werden sollten, und aus 
Ohnmacht an der Erreichung derselben mitzuarbeiten, mussten 
diese Kreise der Gesellschaft das Preziösentum schliesslich über- 
treiben und ins Gegenteil verzerren: sie wären für die nationale 
Bildung zu einer Gefahr geworden, wenn nicht Spott und Satire 
dem gesunden Sinne wieder zum Siege verhelfen hätten. Der 
Beginn der Nachäffung und Übertreibung wird gewöhnlich in die 
Zeit gesetzt, wo Madeleine de Scud^ry die Clelie schrieb und 
der staunenden Welt die Entdeckung des Royaume de Tendre 
verkündete, aber in der That ertönen die Klagen über das Un- 
wesen schon viel früher, und diese wollte ich, so weit sie mir 
bekannt geworden, in Kürze zusammenstellen. 

Es ist nicht richtig anzunehmen, dass die Gesellschaft, 
welche die Marquise de Rambouillet um sich versammelte, der 
einzige im ersten Viertel des XVII. Jahrhunderts bestehende der- 
artige Zirkel war, aber er ward bald hervorragend und über- 
strahlte seit 1620 alle andern bei weitem; und schon in den 
dreissiger Jahren erheben sich Stimmen gegen Ziererei und 
Schöngeisterei. 

Im Jahre 1635 (nach den Anecdotes dramatiques 1636) 
brachte Pierre du Ryer seine Komödie Les Vendanges de Suresnes 
auf die Bühne. Die Fabel ist einfach und unbedeutend, aber 
(pour parier ä la mode — Scarron I, 248) die naiv-realistische 
Schilderung der herrschenden Sitten ist recht anziehend und hat 
auch wohl Dancourt bewogen noch 1695 einen Einakter mit 
Gesangseinlagen daraus zu machen. Die Komödie zeigt an 
mehreren Stellen, dass d'ürfö's Astree schon stark ins Volks- 
leben eingedrungen war, und sie tadelt es, dass in der Unter- 
haltung, in der Liebeswerbung, in dem Verkehr der beiden Ge- 
schlechter Versemachen und Schöngeisterei eine Rolle spielten. — 
Tirsis liebt die Dorim^ne (auch die Namen sind bezeichnend!) 
ohne Gegenliebe; dessen Freund Polidor ist glücklicher, entdeckt 
dies aber erst im weiteren Verlauf. Zu Anfang (I, 1) klagt 
Tirsis einem anderen Freunde Philemon die Grausamkeit der 
Geliebten und dieser antwortet: 

Escoute neantmoins des legons fort gentilles 
Afin de parvenir ä Vamiiie des fiUes. 



170 TF. Knßrich, 

Darauf verliest Polidor ein Liebesgedicht, welches mit 
Pointen geziert ist und schon an die spätere galante Dichtung 
erinnert. An die Vorlesung knüpft sich eine Auseinandersetzung 
über die Beurteilung von Komödien. 

11 est de ces censeurs dont les langues hardies 
Soni souvent le seul mal qu'on trouve aux comedies. 

Lun faisoii de Phäbile (et pour moy je nCen moqiie), 

Vaulre disoit tout haut: cetie rime me choque, 

Le moi rCesi pas franqoiSy et nCestonne comment 

On luy vient de donner laut d'applaudissement, 

Ainsi parlent ces gens dont Vesprit populaire 

Ne sgattroit rien sonffrir comrne ü ne peut rien faire, 

Herr von Saint -Amant, ein Gast des Hotel de Bambouillet, 
aber ein noch eifrigerer Besucher des cabaret, von Saumaize 
für die Preziösen unter dem Namen Salpurnius in Anspruch ge- 
nommen, eines der ersten Mitglieder der Akademie, schildert in 
seinem Poete crotte, der 1637 (vielleicht schon 1631) zum ersten- 
male gedruckt ist, eine preziöse rudle auf boshafte Weise: 

Quel plaisir d!estre en vne chaise 
Chez vous' bien assis ä son aise, 
Dans vne ruelle de lit, 
Oü Madame s'ensevelit, 
Loin du iour, de peur qu'on ne voye, 
Que son muffle est vne monnoye, 
Qui n'est plus de mise en ce temps, 
Et qu*elle a bien neuf fois sept ans. 
La Cvn lit, lä Vantre censtire, 
Donnant ä tout double tonsure, 
Lvn ne refrogne et ne dit mot, 
Lautre nigauae, et faii le Sot; 
Dvn raconte quelque nouuelle, 
Qui mei tout le monde en cerneUe, 
IJautre pette en esternuant. 
Et rautre vesse en bouc puant. 

Jedenfalls meint der Dichter eine bestimmte radle, aber 
welche dies sein könnte, wird man wohl nie mehr entdecken.^) 
Im Jahre 1637 brachte auch Desmarets ein Satire, die auf Rat 
und mit Beihilfe Richelieu's verfasste Komödie Les Visiorinaires, 
auf die Bühne. Darin werden die schöngeistigen Liebhabereien 
und Überspanntheiten der Vornehmen auf ergötzliche Weise dar- 
gestellt, ja man will in einzelnen Figuren sogar bestimmte Per- 
sönlichkeiten erkannt haben. So wird die Schule Ronsard's ver- 
spottet in der Person des sich ronsardischer Ausdrucksweise 
befleissigenden Amidor, poete eoctravagant Mit der Melisse, 

1) Tallemant des R^aux' Behauptung, M^*® de Gournay sei ge- 
meint, ist weder erwiesen noch wahrscheinlich, vgl. Hisioriettes II, 347 
(^d. P. Paris). 



172 W. Knörich, 

Et lä se rafratchir et boire. 

Arrivant au dovble Coupeau, 

11 trouva le docte Troupeau, 

Les neuf savantes DamoiseUes, 

Assises dessus des bancelles, 

Qui faisoient la dissection, 

Avecque grande attention. 

De Rondeaux, de Sonnets, de Stances, 

Sur des chagrins, sur des ahsences. 

Et sur des pkdsirs accordes. 

Trois des plus habiles d^entr *elles, 

Mais je n'ai pu savoi?' lesquelles, 

Avpient fait ces beaux carmes-lä, 

A Mercitre on les e'tala, 

El le pria-t-on de les lire; 

II vCy trouva rien ä redire, 

Si ce n'est en quelques endroiis 

Des mots qui n*etoient pas Frangois. etc. 

Zweifellos will der Dichter mit dieser Schilderung der 
Mnsen die dem bd esprit huldigenden Damen treffen; welche er 
unter den drei geschicktesten meint, vermag ich nicht zu sagen. 
Femer in dem jedenfalls im Frühjahr 1652 geschriehenen Briefe 
an Sarazin sagt er: Mais man chien de destin rn'emm^ne ddns 
un mois av/x Indes Occidentales; on plutöt fy suis pousse par 
une Sorte de gens fdcheux, qui se sont depuis peu eleves 
dans Paris, et qui se fönt appeler Pousseurs de beaux sen- 
timens. QuantitS de personnes de bon-sens entreprendroient de 
les pousser; mais on leur a dit que les plus pointus d'entr^eux 
se vantent d^etre approuves d'une grande Princesse, dont Vesprit 
egale la qualite, et quHls sont assez vains pour s^autoriser de 
son nom ä chaque beau sentiment quHls poussent; ce qui em- 
peche Sans doute qu^il ne se forme un parti contre eux. 

Mit der grande princesse ist wohl die Montpensier gemeint, 
doch könnte wohl auch an die Duchesse de Longueville, geb. 
Prinzessin von Bourbon-Cond6, gedacht werden. Auch nach seiner 
Verheiratung mit FrauQoise d'Aubignö Hess er sich dadurch nicht 
vom Kampfe gegen das Unwesen abhalten, dass seine Frau stark 
in preziösem Fahrwasser segelte. In der Widmungsepistel zum 
Ecolier de Salamanqae (aufgeführt 1654, gedruckt 1655) klagt er: 
On a hat ma Comedie avant de la connoitre. De belles Dames 
qui sont en possession de faire la destinee des paiwres hu- 
mains, ont voulu rendre malheureuse celle de ma pauvre Co- 
midie, Elles ont tenu rueUe pour V4touffer des sa naissance, 
Quelgues-unes des plus partiales ont porte contre dies des Fac- 
tums par les maisons . . . , et Pont compar4e d'une grace sans 
seconde ä de la moutarde melee avec de la crhne etc. 

Femer enthält der Brief an Marigny (8. Mai 1659) eine 



Zur Kritik des Preziöseniums, 173 

bezeichnende Stelle. Scarron hatte die Absicht seinen Roman 
comique fortzusetzen und äussert sich darüber: II faut que je 
vous dise de quelle mani4re commence le [nouveau] volume de 
mon Roman Comique. 

„II rCy avoit point encore eu de Pr^ciefoaea dans le 
monde, et ces Jansdniates d^Amour^) n/avoient point encore 
commenci ä mepriaer le genre-humain. On n^ avoit point encore 
oul parier du Trait des traits^ du demier Dovm, et du premier 
Desobligeantf quand le petit Ragotin, etc.^ 

Ah, ma chere! ä quoi avez-vous pass^ le jouri AK ma 
chSre! Bastonneau, tout pwr. (Test un terme de Pr^cieuse, pour 
dire acheter des etoffes. 

Endlich in der epitre chagrine an den Mar^chal d' Albret 
(vom Jahre 1659) zählt Scarron alles auf^ was ihm unangenehm 
ist, und sagt: 

qu'il en est de Genres, et de Sectes, 
ße ces Fächeux, pires que des insectes! 
qu'il en est dans les murs de Paris, 
Sans excepter Messieurs les Beaux- Esprits, 
MSme de ceux qui de VAcademie 

Forment Ui heüe et docte Compagnie, 

Mais revenons aux Fächettx et Fächeuses, 
Au rang de qui je mets les Preciettses, 
Fausses s'entend, et de qui tout le hon 
Est seulemant U7i langage ou Jargon, 
ün parier gras, plusieurs sottes mani^res. 
Et qui ne sont enfin que faconnieres, 
Ei ne sont pas Precieuses de prix, 
Comme ü en est deux ou trois dans Paris, 
Que fon respecte autant que des Princesses; 
Mais eUes fönt quantite de Singesses, 
Et Von peut dire avecque vdrite' 
Que leur modele en a beaucoup gäte. 

Beachtenswert ist, dass der Dichter hier, wie Moli6re im 
nächsten Jahre, einen Unterschied macht zwischen den fausses 
precieuses und precieuses de prix, und dass er nur zwei bis 
drei zu der letzteren Art zählt, ähnlich wie er im Typhon von 
den Musen drei als les plus habiles bezeichnete. 

Um die Aufzählung der Stellen aus Scarron nicht zu nnter- 



1) Paul Morillot in seiner trefflichen Monographie Scarron et 
le genre burlesque (Paris, Lec^ne & Oudin) will aus dieser Stelle folgern, 
dass nicht ^inon de Lenclos, sondern Scarron der Urheber dieses viel 
zitierten Ausdrucks sei. £r hat darin Unrecht, denn derselbe stammt 
aus dem Jahre 1656, wo Christine von Schweden zum erstenmale in 
Paris war, und Saint-^yremont gebraucht ihn schon in der prosaischen 
Nachschrift zu seinem 1656 verfassten Cercle: on dit un jour ä la reine 
de Suede, que les precieuses etaient des jansMstes de ratnow. 



174 W. Enörich, 

brechen, ist der 1656 verfasste Gerde von Saint-Evremont^) bis 
zuletzt gelassen. Das Gedicht ist zu lang, um es hier ganz 
mitzuteilen. In der rttelle findet der Dichter jedes Alter, jedes 
Geschlecht, Stadt- und Hofleute, die Hässliche und die Schöne 
u. s. w., welche zusammengekommen sind, prendre seance en 
Vecole dCamour, Dann beschreibt er die prade, orgueiUeuse, 
jeune coquette, intrigueuse, die prdcieuse occupee aux legons de 
morale amoureuse, aber auch die solide, opposee ä tous les 
vains dehors. Nachdem der Dichter dann noch allerlei Ergötz- 
liches über die Beschäftigung der Damen berichtet hat, fügt er 
in Prosa hinzu: Apres la lecture de mes vers, vous me deman- 
derez avec raison ce que c'est qv!une prdcieuse, et je vais tdcher, 
autant qa!il rn'est possible, de vous Vexpliquer, On dit un jour 
ä la reine de SuMe, que les precieuses etaient les jansenistes 
de Vamour; et la definition ne lui dSplut pas, Uamour est 
encore un Dieu pour les precieuses, 11 n^excite pas de passion 
dans leurs dmes; il y forme une espece de religion. Mais ä 
parier moins mysterieusement, le corps des precieuses n^est 
autre chose que Vunion d^un petit nombre de personnes, oü 
quelques-unes veritablement delicates, ont jete les autres dans 
une affectation de d4licatesse ridicule etc. 

Die Aufzählung von Stimmen, die sich gegen das Preziösen- 
tum erhoben, ist in zweifacher Beziehung lehrreich. Erstens 
erkennen wir daraus, dass die hauptsächlich durch die Marquise 
de Rambouillet und ihren Kreis gepflegten Bestrebungen ver- 
hältnismässig früh thörichte Nachäfferinnen fanden, dass die veri- 
tables precieuses fast immer dem ausgesetzt gewesen sind, ä etre 
copiees par de mauvais singes qui meritent d'etre bem4s (Moliöre). 

Ferner ist zu beachten, dass in allen diesen mitgeteilten 
Stellen das Wort precieuse in der spezifischen Bedeutung zuerst 
1656 bei Saint-!^vremont sich findet und dann in den Stellen aus 
Scarron vom Jahre 1659. Der Zeitpunkt, an welchem prdcieuse 
als Bezeichnung einer schöngeistigen Dame aufkam, ist bisher 
noch nicht bestimmt worde:a und wird sich auch nur unter Be- 
nutzung einer grossen Menge sicher datierter Korrespondenzen, 
Gedichte etc. jener Zeit bestimmen lassen. Doch sei folgendes 
darüber bemerkt: 

In den vier Büchern von Briefen Balzac's an Conrart (vom 
2. Januar 1648 bis 19. Dezember 1653),^) sowie in dessen 

1) Abgedruckt in den (Euvres choisies d^ Saint-Evremont 6d. Les- 
cure (Paris, Jouaust) und auch in der unter gleichem Titel erschienenen 
Auswahl von Gidel (Paris, Garnier fräres). 

2) Wenn man nicht etwa folgende dafür halten will (ä Conrart, 
livre II, lettre XXVIII, 24. Dez. 1661): Voüa, en verite, (Testrafiges effeis 



176 fF, Kn&rich, Zur Kritik des Preziösentums, 

rentres ä Paris et ä la Cour, (Test alors que Vahhe de Pure 
commenga ä ecrire son fameux roman qui put etre iraprimd 
et paraitre en 1656. 

Versuchen wir diese beiden Ansichten in Einklang zu 
bringen! Wir nehmen mit Rath6ry an, dass die Benennung 
PrScieuse schon 1652 vorhanden war, zumal La Pure's Worte 
aux Premiers heaux jours que la paix etc, auch auf 1652 ge- 
deutet werden können. Allmählich wird nun diese Benennung 
immer mehr in Gebrauch gekommen sein, bis La Pure dieselbe 
bei seiner Übersiedelung nach Paris kennen lernte und in den 
Jahren 1655/56 ff. in seinen bekannten Werken gebrauchte. Im 
Jahre 1656 (vielleicht schon im Winter 1655 — 56) nahm das Pre- 
ziösentum nach Somaize (6d. Livet I, 187) einen ungeheuren 
Aufschwung und dehnte sich weithin aus. Sollte dies nicht der 
Zeitpunkt sein, wo man anfing Pr4cieuse in nachteiligem, tadelndem 
Sinne zu gebrauchen! Dazu würde es stimmen, dass Königin 
Christine 1656 sich die neue Anwendung des Wortes erklären 
lässt; dass Saint -^vremont es für nötig hält, eine Definition des 
Wortes zu geben; dass die Preziösen La Pure's Komödie für 
eine Satire hielten (also argwöhnisch waren); und dass La Pure 
(nach Somaize, I, 188) die Geister dadurch beruhigte, dass er 
erklärte, er habe nur die fausses precieuses angreifen wollen. 

Derselbe La Pure lässt in seinem Roman (zitiert von Livet, 
Dict des Prec. II, 338) G6name (= Manage) sagen : la Pretieuse 
fut introduite ä peu pr^s en vogue la mesme annee qu^on eüt 
d4clar4 permis de prendre la macreu se pour poisson et en 
manger tout le caresme. Wann geschah das aber? 

W. Knörich. 



Therese Levasseur. 

Rousseau-Studien II.i) 



bo verschieden wie noch heute die urteile über Jean- 
Jacques Rousseau selbst lauten, ist auch die Zwiespältigkeit in 
der Beurteilung seiner Geliebten und späteren Gattin Th6r6se 
Levasseur auffallend genug. Aber der Versuch einer Apologie 
des hart angegriffenen Weibes stösst auf ganz andere Schwierig- 
keiten, als die Verteidigung des Genfer Philosophen gegen seine 
Ankläger und Anklägerinnen. Hier können wir Rousseau's Con- 
fessions und seine Briefe den von Grimm redigierten Memoiren 
der Marquise von Epinay, den Anklageschriften Hume's, Voltaire's, 
Diderot's und d'Alembert's, dem Klatsche der Correspondance 
litteraire, Bachaumont's , Dussaulx', Rulhi^re's u. a. gegenüber- 
stellen, auch wenn wir nicht auf die Apologeten, die nach seinem 
Tode sich mutig hervorwagten, auf M°^® Latour - Franqueville, 
Barere, M™® de Stael, du Peyrou, Eymar und andere Zeitgenossen 
uns berufen wollen. Schwieriger liegt die Sache bei seiner 
Gattin. Rousseau sucht zwar ihre Fehler und Schwächen in den 
Confessions zu entschuldigen und sie ebenso wie seine erste 
Geliebte, M°^® de Warens, in eine ideal angehauchte Sphäre zu 
versetzen, doch ist in beiden Charakterbildern so viel derber und 
unzarter Realismus erhalten geblieben, dass man dem Philosophen 
später den Vorwurf der Undankbarkeit gegen die Warens, der 
Rücksichtslosigkeit gegen Therese machen konnte. Die Briefe 
Rousseau's an Therese deuten nicht immer auf ein ungestörtes 
Verhältnis beider hin, namentlich lässt der vom 12. August 1769 
ein Misstrauen gegen die Lebensgefährtin durchblicken, das bei dem 
umdttsterten Gemütszustände Rousseati's begreiflich genug ist. Dass 
nicht wahre Liebe ihn an sie fesselte, sondern nur das Gefühl 
eines mehr physischen als psychischen Bedürfnisses, deutet er 



1) S. hier, Bd. IXi, S. 215—255. 

Zschr. f. frz. Spr. u. Litt. XI^. 2^2 



178 R. Mahrenholiz, 

in den Confessions zur Geniige an, und wahre Achtung spricht 
ebensowenig aus der dort von ihr gegebenen Charakteristik. Die 
Briefe, welche hochstehende Gönner und Gönnerinnen an Rousseau 
richteten, gedenken zwar seiner Geliebten in wohlwollender, 
nobler Weise, aber die Rücksicht, welche sie gegen den reizbaren 
Mann zu nehmen hatten, musste sich auch auf die angebliche 
„Gouvernante" tibertragen. Dagegen sind alle Feinde Rousseau's 
auch Theresens gehässige Kritiker und die Freunde des Philo- 
sophen suchen ebenso meist das, was Rousseau gegen eine 
Epinay, Hume u. a. verschuldete, auf ihre Aufhetzerei zu schieben. 
Musset-Pathay, der noch direkte Mitteilungen von Zeitgenossen 
und Bekannten Theresens empfangen konnte, hat sie zum bösen 
Dämon des von ihm mit ebenso grosser Aufrichtigkeit wie mass- 
voller Einschränkung verteidigten Rousseau gemacht und ist zum 
Nachbeter all des Klatsches geworden, der seit Grimmas Correspon- 
dance ihr Andenken besudelte. Nur Morin, dessen Essai snr 
la vie et le caract^re de J,'J, Rousseau (Paris, 1851) nun 
einmal den verklärenden Märtyrer- und Heiligenschein, der in 
seinem Bilde Rousseau^s Haupt umschwebt, auf alle überträgt, 
die dem Philosophen treu bis zuletzt zur Seite standen, hat auch 
eine Rettung Theresens unternommen, der das Dichterwort „die 
Botschaft hör' ich wohl, allein es fehlt der Glaube" sich anpassen 
würde. 

Bei solchem Stand der Dinge ist eine Apologie Theresens 
ebenso unberechtigt wie aussichtslos und wir würden sie auch 
dann nicht unternehmen, wenn sie mehr Bürgschaft des Erfolges 
in sich trüge. Getreu der Lehre des Altmeisters L. v. Ranke, 
dass der Historiker aus dem System der Anklage und Verteidigung 
zu dem der historischen Anschauung übergehen müsse, dass er 
nur sagen solle, wie die Dinge gewesen, wollen wir das ge- 
schichtliche Bild Theresens auf Grund des widersprechenden, 
aber doch zu einer Einheit unschwer zu gestaltenden Quellen- 
materials dem Zerrbilde ihrer Gegner und dem Lichtbilde ihres 
Advokaten Morin gegenüberstellen. 

Die Jugend Theresens war völlig geeignet, die schlechten 
Eigenschaften, die ihr angeboren oder anerzogen sein mochten, 
zu entwickeln, die guten Oharakterzüge, die auch späterhin nicht 
ganz erloschen sind, thunlichst zu unterdrücken. Not und Sorge, 
der Einfluss einer eigennützigen, bösartigen Mutter und einer 
niedrig denkenden Verwandtschaft, das peinliche Verhältnis zu 
Rousseau und dessen vornehmen Beschützern und Beschützerinnen, 
das Bewusstsein gemeinsamen Verbrechens an den dem Findel- 
hause übergebenen Kindern, haben ihre gewöhnliche Lebens- 
auffassung und Bildung nie der Rousaeau's annähern oder ihren 



Tkerbse Levasseur. 179 

Charakter vor den Fehlern des kleinlichen Neides, des gehässigen 
Klatsches und böswilliger Verleumdungssucht bewähren können. 
1721 zu Orleans geboren und ursprünglich einer achtbaren 
Beamtenfamilie angehörend, wurde sie durch das unverschuldete 
Missgeschick ihres Vaters, der seinen Posten als Mtinzbeamter 
einbttsste, in die Bahnen eines zweifelhaften Lebensganges ge- 
rissen und von ihrer berechnenden Mutter zur Leichtfertigkeit 
angeleitet. Als sie (1745) den im Pariser Winkelpensionate 
St.-Quentin wohnenden Rousseau kennen lernte, war sie schon 
ein verdorbenes Mädchen. Die Stellung, welche sie dort einnahm, 
war keine unehrenhafte, sie war mehr Hausgenossin als Dienerin, 
ass mit den Pensionären am Tische. Nach Rousseau's Angabe 
war sie dort pour travailler en linge angestellt, d. h. sie war 
als Näherin in dem Pensionate beschäftigt gegen Entgelt freier 
Pension. Wunderbar, wie für manche deutsche Biographen 
Rousseau' s jenes travailler en linge zum schweren Stein des 
Anstosses geworden ist. BrockerhofF, der uns mit einer fleissigen, 
dreibändigen Lebensschilderung Rousseau's beschenkt hat, macht 
Therese zur „Vorsteherin eines Leinwanddepot", dass doch in 
dem kleinen Pensionate recht tiberflüssig gewesen wäre; Hettner, 
dessen Darstellung Rousseau' s in seiner Gesch. der Litter atur des 
XVIIL Jahrhunderts sehr einer Neubearbeitung bedürfte, zu 
einem „Schenkmädchen" aus Orl6ans. Ob hier Hettner einer 
1825 in der Biographie universelle erschienenen Notiz des 
Herrn von Sevelinges arglos folgte, oder aus welchen anderen 
abgeleiteten Kanälen diese Kunde zu ihm gedrungen ist, vermag 
ich nicht zu ermitteln. Rousseau war damals noch von den 
schmerzlichen Eindrücken, die ihm sein Frohndienst in Venedig 
als Sekretär des brutalen Montaigu bereitet hatte, erfüllt, zu 
denen das Missbehagen über die Pariser Gesellschaft kam, er 
suchte einen Ersatz für die Warens und eine Art Häuslichkeit, 
welche dem, der die Freuden der Halbwelt aus innerer Abneigung 
und zwingendem Geldmangel verschmähte, besonders notwendig 
war. So schloss er mit ihr eine wilde Ehe und liess sich durch 
die offenen Geständnisse, welche sie ihm in der Brautnacht 
machte, nicht warnen. Die ersten Jahre hat er gleichwohl sein 
GarQonleben fortgesetzt, dabei der habgierigen Bedürftigkeit der 
alten Levasseur und ihres Pariser Anhanges einen Teil der väter- 
lichen Erbschaft geopfert und, selbst in Geldnot, das Wenige, 
was er besass oder durch seine Dienstleistungen bei M°*® Dupin 
und M. Francueil, sowie durch Notenkopieren gewann, mit ihr 
und ihrer Familie geteilt. Erst im Jahre 1768 gab er ihr den 
Namen einer Gattin, ohne dass er eine kirchliche Trauung, die 
bei den strengen Gesetzen über die Ehe eines Protestanten 

12* 



180 Ä. Mahrenholtz, 

grosse Bedenken hatte, vollzog. Im Beisein von zwei Zeugen, 
ohne bürgerliche oder kirchliche Formen, unter dem falschen 
Namen Renou, der ihm durch die Besorgnis seines Gönners 
Conti aufgenötigt war, fand dieser Bund statt, der seinem edlen 
Bestreben, Theresens Zukunft in materieller und sozialer Hinsicht 
sicher zu stellen, eine Art Weihe geben sollte (s. die Quellen- 
angaben bei Musset-Pathay, Hist. de la vie et des ouvrages de 
J,'J, Rousseau I, S. 169—170). 

Über Theresens niedrigen Bildungsstand haben wir in 
Rousseau's Confessions eine eingehende Schilderung, die aber in 
Anbetracht des damaligen Volksschulunterrichtes nicht besonders 
Erstaunliches bietet. Danach habe sie mit der Münzkunde und 
Zeitrechnung auf sehr gespanntem Fusse gestanden, weder die 
Ziffern an der Uhr noch den Wert der Geldsorten begriffen, die 
Monatsnamen nie sich eingeprägt und durch ihre Sucht, gewählt 
zu sprechen, erheiternde Verwechslungen angerichtet. Doch sei 
sie im Schreiben nicht ungewandt gewesen und habe mehr prak- 
tische Lebenserfahrung als er selbst besessen. Diese Mängel 
ihrer Bildung sind bei einer kleinbürgerlichen Provinzialin da- 
maliger Zeit, die in einer von der grösstenteils selbst unwissenden 
Geistlichkeit geleiteten Volksschule ihren Unterricht empfangen 
hatte, so besonders auffallend nicht, noch heute würden wie sie 
bei einzelnen ihrer Lands- und Standesgenossinnen in geringerem 
Masse entdecken können. Das ihr erteilte Lob der Schreib- 
gewandtheit erleidet allerdings eine starke Einschränkung nach 
der orthographischen Seite hin, wenn wir den von Streckeisen- 
Moultou (Rousseau, ses amis et ses ennemis II, S. 450—452) 
mitgeteilten Brief Theresens an ihren Geliebten in Betracht ziehen. 
Sie schrieb darnach, in getreuer Umkehrung des Heyse'schen 
Satzes, wie sie nicht richtig sprach, und Streckeisen-Moultou hat 
sehr wohl gethan, jenem orthographischen Musterbriefe eine fran- 
zösische Umschreibung nachfolgen zu lassen, da dieser sonst selbst 
dem erprobtesten Entzifferungstalente unübersteigliche Schwierig- 
keiten bereitet hätte. Aber ihr praktisches Geschick wird mit 
Recht von Rousseau hervorgehoben, sie ist eine verständige, 
sparsame Hausfrau gewesen, die auch späterhin, als der Gatte 
dem Erwerbsschriftstellertum entsagt und in Notenkopieren seine 
Haupteinnahmequelle hatte, mit den 1200 — 1400 fr. jährlichen 
Einkommens sich wohl einrichtete. Wäre sie nur eine ebenso 
gute Mutter gewesen! Aber, wenn wir auch der bestimmten 
Versicherung Rousseau's, dass ihn allein die Schuld für die 
Kinderaussetzung treffe, dass Therese der herzlosen Preisgebung 
des Erstgeborenen Widerstand entgegengestellt habe, nicht die 
3ehr verspätete und zweifelhafte Angabe der Gräfin Houdetot, die 



Therese Levassevr, 181 

das schlimmste Vergehen in Rousseau's Leben auf dessen Geliebte 
abzuwälzen sucht (s. Musset- Pathay, a. a. 0. I, 211) gegenttber- 
setzen dürfen, so geht doch auch aus den Confessions hervor, 
dass Therese sich an den schrecklichen Gedanken schnell ge- 
wöhnte und der noch leichtfertigeren Aussetzung der anderen 
Kinder nicht widerstrebte. Die Gründe, welche Rousseau in 
seinem Briefe an M°^® Francueil vom 20. April 1751 und a, 0. 
für seine Handlungsweise anführt, lassen überdies Therese von 
moralischer Schuld nicht frei, denn sie laufen in dem Haupt- 
punkte zusammen, dass eine Erziehung im Findelhause noch 
besser gewesen sei, als die der Mutter. 

Die öfter auftauchende Angabe, Rousseau habe die Kinder 
preisgegeben, weil er über seine Vaterschaft unsicher oder über 
seine Nicht- Vaterschaft allzu sicher gewesen sei, ist als that- 
sächliche Wahrheit nicht aufrecht zu erhalten, denn sie beruht 
nur auf dem einseitigen und nicht unbedingt glaubwürdigen 
Zeugnis seines Biographen Barruel, höchstens als Vermutung 
können wir sie zur Verstärkung der von ihm selbst vorgeführten 
Entschuldigungen gelten lassen. Denn wir glauben aus manchem 
schliessen zu dürfen, dass Therese ihrem Geliebten nicht un- 
bedingte Treue bewahrte. Der Vorfall auf der Reise nach Genf 
(Sommer 1754) ist doch auffallend genug. Rousseau reiste mit 
seinem Landsmanne Gauffecourt und mit Therese nach der Vater- 
stadt. Auf der Fahrt soll nun der schon ältliche Gauffecourt 
seine VerfUhrungskünste an der Levasseur versucht haben. Es 
gibt freilich auch Sünder in grauen Haaren, aber gewöhnlich 
haben sie dann mehr Schlauheit, als jener Schweizer, der fast 
vor Rousseau^s Augen dessen Geliebte zu entehren suchte. Dass 
Rousseau der Anklage und den Unschuldsversicherungen Theresens 
glaubte, mag bei dem sinnlichen Zauber, den jenes Weib aus- 
geübt zu haben scheint, begreiflich sein, aber unklarer bleibt es, 
warum der schon damals zu Argwohn und Misstrauen Neigende 
jenem verräterischen Freunde verzieh und ihn später (Jan. 1757) 
sogar während seiner Krankheit in Paris besuchte! Ein be- 
stimmter Beweis für Theresens Untreue bei Lebzeiten Rousseau's 
lässt sich nicht erbringen, aus jenem Briefe vom 12. Aug. 1769, 
in welchem er der eben erst zur Gattin Gemachten Trennung 
vorschlägt, lässt sich ein sittlicher Verdacht gegen die Lebens- 
gefährtin wohl folgern, aber man kann jenen Vorschlag auch mit 
der verzweifelnden Stimmung des unglücklichen Mannes zusammen- 
bringen, die sich schon ein Jahr früher aufs schärfste in dem Juni 
1768 an sie gerichteten Schreiben ausspricht. Weder die relative 
Schönheit noch das zunehmende Alter Theresens darf man gegen 
diesen Verdachtgrund als Entlastung hervorheben, denn über ihre 



i 



182 -ß. Mahrenholiz, 

äusseren Eigenschaften sind die Meinungen derer, die sie kannten, 
geteilt, die Jahre aber sind beim Weibe so wenig ein unbedingter 
Schutz der Tugend, wie beim Manne. Über die Vermutung, dass 
Theresens Untreue noch Rousseau's letzte Monate in Ermenonville 
verbittert habe, sprechen wir später, hier wollen wir nur kon- 
statieren, dass ihre Untreue und Undankbarkeit gegen den Ge- 
liebten keine zweifellose, aber auch keine nicht anzuzweifelnde 
gewesen ist. 

Ebenso lässt sich ihr Eigennutz sehr verschieden beurteilen. 
Rousseau selbst ist der Ansicht gewesen, dass alle habgierigen 
Absichten sowohl ihm selbst, wie seinen Gönnern und Gönnerinnen 
gegenüber, von der alten Levasseur und mehr noch von deren 
Pariser Anhange ausgingen. Darum suchte er den letzteren zu 
isolieren, Hess die Mutter Theresens den Winter 1756/57 trotz 
Diderot's Abmahnung in der kalten, rauhen Ermitage zubringen 
und war erzürnt, als sie schliesslich durch Grimm' s materielle 
Fürsorge in Paris festgehalten wurde. Wenigstens bestrebte er 
sich dann, die Tochter von der Mutter zu trennen, Hess Therese 
auf allen seinen unfreiwilligen Irrfahrten nachkommen, drängte 
sie den englischen Gastgebern und vorher der Gesellschaft von 
Mortmorency und den Bauern von Motiers auf und trennte sich 
bis zum letzten Augenblicke nicht von ihr. Von ihrer Selbst- 
losigkeit war er überzeugt und in der That, seit der Rückkehr 
aus England hätte Therese nicht mehr viel gewinnen können. 
Wohl mochten hier und da Trinkgelder reicher Damen ab- 
fallen, die ihre Noten von Rousseau kopieren Hessen, um den 
weltberühmten Sonderling sich einmal genau anzusehen, aber 
auch diese Gaben überwachte der in Geldsachen besonders 
empfindliche Argwohn Rousseau's. Aber sollte die Tochter einer 
so habsüchtigen, berechnenden Mutter ganz aus deren Fusstapfen 
getreten sein? Manches deutet darauf hin, dass beide gleichsehr 
auf die Ausnutzung der vornehmen Gönnerinnen Rousseau's be- 
dacht gewesen seien. Wenn die Marquise von Epinay plötzlich 
jene Lebensmittel- und Unterkleidssendung für die FamiHe 
Levasseur von Paris nach der Ermitage abgehen Hess, die dann 
Rousseau's Missstimmung erregte, so können wir annehmen, dass 
auch hinter dem Rücken des letzteren manche weniger gering- 
fügige Gaben den beiden Frauen zugeflossen seien. Je mehr 
Rousseau selbst sich auch über zarte Aufmerksamkeiten be- 
unruhigte, wenn sie von materiellem Werte waren, desto mehr 
mussten die Epinay und nicht minder seine Gönnerinnen in 
Montmorency sie den Levasseur's zuzustecken suchen. Es wäre 
die Annahme derselben nichts Unrechtes gewesen, denn was kam 
Familien wie den Luxembourg's es auf solche Kleinigkeiten an? 



Therese LevcLsseur, 183 

Dass Theresens unzertrennliche Gegenwart Rousseau in 
der Ermitage sowohl wie in Montmorency und in England ge- 
schadet hat, ist kaum zu bezweifeln , aber der Plan Theresens, 
ihn immer mehr von seinen Freunden zu trennen und ganz in 
ihre Netze zu ziehen, ist weder nachweisbar noch wahrscheinlich. 
Wie hätte es ihrem Interesse entsprochen, dem Geliebten jeden 
Aufenthalt zu verleiden, ihn von Asyl zu Asyl zu treiben und 
auf all diesen Irrfahrten zu begleiten? Vielmehr musste ihr ein 
sorgenfreier, behaglicher Aufenthalt wie der in Mont-Louis und 
Wootton mehr zusagen, als das ewige Mitwandern von Ort zu 
Ort. Aber das Peinliche des Verhältnisses zu einer seiner un- 
würdigen Person fiel auf Rousseau's gastliche Freunde zurück, 
so viel sie sich auch bemühten, in Therese nur ein „Fräulein 
Levasseur" und eine „Gouvernante" zu sehen. Nicht gerade an 
der Unsittlichkeit des illegitimen Bundes, sondern an Theresens 
Unbildung nahmen sie Anstoss! In England hatte selbst ein vor- 
nehmer, einflussreicher Mann wie Hume Mühe genug, ehe er in 
dem gutmütigen Davenport einen Mann fand, der der Konkubine 
die Ehre der Hausfrau erweisen wollte. Direkt geschadet hat 
Therese ihrem Geliebten nur während der etwa IY2 Jahre, die 
er in der Ermitage zubrachte und hier war Eifersucht gegen die 
Epinay und die Cousine, die Houdetot, die treibende Ursache. 
Das Misstrauen gegen die edelmütige Gastgeberin hat sie durch 
Verdächtigungen, wie die, dass die Epinay Rousseau's intime Briefe 
ihr habe ablisten, ihn zum Ehren Wächter auf der Reise zu 
Tronchin in Genf habe machen wollen, durch das aus der 
Bedientenstube weitergetragene Gerede von der angeblichen 
Schwangerschaft der Marquise immer von Neuem wachgerufen. 
Mag auch jener hinterlistige Brief, der den Auserkorenen der 
Houdetot, den in Deutschland als Offizier weilenden St.-Lambert 
von Rousseau's Liebeleien mit dieser Dame unterrichtete, ein 
Werk Grimm's gewesen sein, er war doch nur das getreue Echo 
der Klatschereien und Übertreibungen von Theresens eifersüchtiger 
Rache. Aber die Missgeschicke in Montmorency, Motiers und 
Wootton sind scheinbar ohne Theresens Schuld herbeigeführt 
worden. Von Montmorency vertrieb ihn des Pariser Parlaments 
Vorgehen und seiner Gönner Kleinmut, von Motiers der Haes 
der Pfaffen und Bauern gegen den Freigeist und Sonderling, von 
Wootton seine schwarzsehende Phantasie. Es ist ein spät auf- 
tauchender Weiberklatsch, dass Therese die Urheberin jenes 
Stein-Bombardements in Motiers gewesen sei, das Rousseau für 
seine persönliche Sicherheit besorgt machte, und nur zu bewundern 
ist es, wie ein Gaberei (Rousseau et les Genevois, S. 51) und 
ein Levallois (s. Streckeisen-Moultou, a. a. 0. I, S. XXXI) der- 



184 R. Malirenholiz, 

artiges als historische Thatsache ausgeben, ein Hettner es gläubig 
wiederholen konnte. Auch an den Irrfahrten durch Frankreich 
von Fleury bis Monquin, an der Abgeschiedenheit des Pariser 
Aufenthaltes und an dem Missbehagen, das Rousseau sogar in 
der Einsamkeit von Ermenonville empfunden haben soll, ist sie 
schwerlich schuld gewesen. Teils die Bosheit anderer, teils 
Rousseau's zunehmende Gemütsumdüsterung machte ihm Welt 
und Menschen verhasst. 

Es sind dies teils beglaubigte Thatsachen, teils begründete 
Vermutungen, die eines Aufwandes von Quellenangaben nicht 
bedürfen, eine nähere Erörterung muss aber der Frage gegeben 
werden, ob Therese noch Rousseau's letzte Augenblicke durch 
Untreue getrübt habe. Sie von der Schuld an Rousseau's an- 
geblichem Selbstmord zu befreien, halten wir für überflüssig, da 
wir nach Morin's und Jansen's eingehenden Beweisführungen 
diesen Selbstmord in das Reich leichtfertigen Klatsches und 
boshafter Lüge verweisen müssen. Bekanntlich hat man der 
57jährigen Therese den Vorwurf aufgebürdet, sie habe in Erme- 
nonville ein Liebesverhältnis mit einem gewissen Nicolas Montr6- 
tont, Reitknecht, dann Kammerdiener des Marquis von Girardin, 
begonnen, was zu Rousseau's Kenntnis gelangt sei, ihm den 
Aufenthalt in seinem letzten Asyl verleidet und den Selbstmord- 
gedanken eingegeben habe. Nun sieht es mit den Zeugnissen 
für diese Liebschaft wie für die spätere angebliche Ehe mit 
jenem Domestiken dürftig genug aus. Einem Brief des jüngeren 
Girardin zufolge, der an Musset- Pathay gerichtet ist, hat jene 
Liebelei erst einige Zeit nach Rousseau's Tode begonnen, nach 
einer anderen Angabe, die der M™® de Sta61 von der Tochter 
des Marquis de Girardin gemacht wurde, erst ein Jahr später. 
Der ganze Klatsch von Theresens Untreue taucht zuerst in der 
für solche Dinge sehr ergiebigen Correspondance litteraire 
Grimmas auf ßd, Tourneux IX, 91, Juli 1770), dieselbe hand- 
schriftliche Chronik spricht mehr als zehn Jahre später, im Ok- 
tober 1780 (a. a, 0., XII, 443), von der bevorstehenden Ehe 
Theresens mit Montr^tont, eine Sensationsnachricht, welche die 
Memoires secretes de Bachaumont, die Hauptkloake des Pariser 
Gesellschaftsklatsches, schon am 27. November 1779 ihren 
Lesern mitzuteilen wussten (s. Morin, a. a. 0., S. 435). 

Die zweite Ehe lässt sich auf solche Nachrichten hin nicht 
als eingetretene Thatsache ansehen, freilich beweist das, was 
Musset-Pathay (II, S. 198) und Morin (a. a, 0., S. 436; gegen 
diese Beschuldigung sagen, auch nichts. Denn des ersteren 
Einwand, jener Bediente hätte keinen Anlass zu einer Ehe mit 
der armen (?) Wittwe gehabt, die nur auf den Namen ihres ersten 



Th&bse Levdissewr. 185 

Gatten hin sich Geld zusammenbetteln konnte, ist ebenso hin- 
fällig wie Morin's Argumentation, Mirabeau würde dem Weibe 
eines ehemaligen Reitknechtes keine Antwort auf ihren 1790 an 
ihn gerichteten Bettelbrief erteilt, die Nationalversammlung ihr 
nicht eine Pension bewilligt haben. Es bleibt dabei eben unklar, 
ob man die zweite Ehe, ihre Wirklichkeit vorausgesetzt, gekannt, 
ob man nicht auch in der Frau des Bedienten die Lebens- 
gefährtin des Propheten der grossen Revolution geehrt hat, ob 
Mirabeau und die Nationalversammlung sich durch sittliche Be- 
denken von einem Beschluss hätten abschrecken lassen, der mehr 
politische als humane Motive hatte. Besser bezeugt als die Ehe 
ist das Konkubinat Theresens, das selbst Morin in sehr dehn- 
baren Worten (a. a. 0., S. 441) zuzugeben scheint. Wie wenig 
auch auf die Zeugnisse eines Meister, Bachaumont, des jüngeren 
Girardin und seiner Schwester, die in Therese wahrscheinlich 
die Verläumderin ihres Vaters zu hassen Grund hatten und anderer, 
die mehr nachsprechen als mit eigenen Augen wahrnehmen konnfen, 
zu geben ist, das alte Sprichwort: „Wo Rauch ist, da ist auch 
Feuer" dürfte wohl hier zutreffen. Die siebenundfünfzig Jahre 
Theresens sind für den Geschmack eines Reitknechtes kaum ein 
Hindernis gewesen und ihre Sittenstrenge oder die Rücksicht 
auf Rousseau's Andenken noch weniger. In dem oben erwähnten 
Briefe des jüngeren Girardin an Musset-Pathay vermag ich nicht 
mit Morin (a. a. 0., S. 432) einen Widerspruch zu entdecken. 
Der Briefschreiber bestreitet nur, dass die Liebelei Theresens 
Ursache zu Rousseau's Selbstmord hätte sein können, da sie 
nach dem Tode des grossen Dulders stattgefunden habe, die 
Liebelei gibt er zu, und wenn er auch die siebenundfünfzig Jahre 
Theresens hier hervorhebt, so geschieht das nur, um der durch 
M™® de Stagl (in ihrer Schrift: Lettres sur le caractere et les 
ouvrages de Rousseau, 1788) weiter verbreiteten Legende eines 
Selbstmordes des betrogenen Gatten im Hause seines Vaters aus 
naheliegenden Familienrücksichten entgegenzutreten. 

Es ist allerdings nicht ausgemacht, ob jenes skandalöse 
Verhältnis Theresens dem Marquis von Girardin Anlass gegeben 
hat, die Gattin seines Schützlings aus dem Hause zu weisen, 
wahrscheinlich ist es sogar, dass die weiter unten zu erwähnenden 
Streitigkeiten über Rousseau's Vermögen und Nachlass und 
Theresens Verläumdungen gegen ihn, der Grund seines energischen 
Vorgehens gewesen sind, aber sicher ist es, dass man von Seiten 
der Girardin's an die Liebschaft mit dem ehemaligen Reitknechte 
glaubte. 

Wie wir in Theresens Brief an Rousseau's Freund Coranc^z 
im Jahre 1798, der hauptsächlich ihren Gatten von dem Ver- 



186 B. MahrenhoUz, 

dachte des Selbstmordes entlasten sollte, lesen, habe der Marquis 
von Girardin sich gleich nach seines Gastes Tode mit der Zu- 
stimmung Theresens des vorhandenen Baarvermögens, der Manu- 
skripte und sonstiger Gegenstände bemächtigt, diese in Genf 
verkauft und die Witwe mit entwerteten Assignaten und einer 
schwer einzuziehenden Leibrente abgefunden. Aber dieser Brief 
ist ein Bettelbrief schlimmster Art, er sucht in unwürdigster 
Weise das Mitleid und den Wohlthätigkeitssinn der Freunde und 
Verehrer Rousseau's für die „fast 80jährige Witwe, die in einer 
Baracke wohne und fast an allem Mangel leide ^ anzuflehen, ob- 
wohl diese nach ihrem eigenen Zugeständnis doch jährlich 
1500 fr. Pension von der französischen Nation und eine „massige 
Leibrente^ bezog. ^) Wenn nun auch beide sehr unregelmässig 
und unvollständig gezahlt sein mögen, wie denn die fünfte Jahres- 
rente der Nationalsubvention damals noch ausgestanden haben 
soll, so ist die Schilderung Theresens von ihrer materiellen Not 
doch eine absichtlich übertreibende. Auch die Anklagen gegen 
den Wohlthäter ihres Gatten können wir schwerlich als glaub- 
würdig ansehen. Was sollte den nobeldenkenden, reichen Edel- 
mann zu einer so unehrlichen Handlungsweise bestimmt haben, 
auch wenn er die Zuneigung für Rousseau, wie sehr begreiflich, 
nicht auf Therese übertrug? Warum hätte diese sich nicht über 
ihn in ihrem Briefe an Mirabeau beklagt, bei dem sie doch nicht 
nur sichere Abhilfe, sondern auch Rache gegen den verhassten 
Edelmann gefunden hätte? Und aus Mirabeau's Antwort geht 
ziemlich klar hervor, dass sie das nicht gethan hat! 

Wenn also Therese sich dem Beschützer ihres Gatten 
gegenüber als Verleumderin zeigt und wahrscheinlich die Ver- 
treibung aus Ermenonville durch ihre Habgier und Anschuldigungs- 
Bucht selbst herbeigeführt hat, so brauchen wir auch den un- 
günstigen Nachrichten, die wir über ihr Verhalten nach Roiisseau's 
Tode haben, kein so entschiedenes Nein entgegenzusetzen, wie 
das ihr Apologet Morin thut. 

Was uns Musset-Pathay nach dem Berichte von Augenzeugen 
über ihre Trunksucht und Bettelei und ihr hässliches Benehmen 
gegen eine alte Dienerin Rousseau's mitteilt (a. a. 0., II, S. 199) 
wird schwerlich auf Erfindung beruhen. Die schlimmen Züge 
ihres Charakters haben sich naturgemäss immer mehr entwickelt, 
als der höherdenkende Sinn Rousseau's sie nicht mehr überwachen 
konnte und als sie von jedem Verkehr mit der feineren Bildung 



*) Ausserdem hatte sie durch den Ertrag der von du Peyrou und 
Moultou veranstalteten Ausgabe der Werke Rousseau's — 24 000 fr. 
gewonnen. 



Therese Levfisseur. 



187 



ausgeschloBsen war. In einem moralisch gesunkenen Zustande 
gewiss ist sie am 17. Juli 1801 zu Plessis-Belleville, einem 
Dorfe bei Paris, gestorben, ob auch in so grosser Dürftigkeit, 
wie sie glauben Hess, das müssen wir bezweifeln. 

Von dem Vorwurfe, Rousseau's letzte Tage getrübt und 
ihm den Aufenthalt in Ermenonville verbittert zu haben, können 
wir sie grösstenteils entlasten. Wenn auch die selbstgeschmiedeten 
Fesseln, die der Gatte einer Levasseur trug, ihm die Welt noch 
mehr zum Kerker machten, als seine schwarzsehende Phantasie 
es ohnehin that, so ist doch der in Theresens Brief an Coranc^z 
erwähnte Wunsch Rousseau's, Ermenonville zu verlassen, kaum 
durch ihre Untreue oder direkte Schuld veranlasst worden. Viel- 
leicht ist er nur eine Erfindung Theresens, um Girardin noch 
mehr zu verdächtigen und Coranc^z schenkte ihm allzuviel 
Glauben, weil das seiner Antipathie gegen den Gastgeber Rous- 
seau's und seiner Annahme eines Selbstmordes des unglücklichen 
Freundes zu Statten kam. 

Vielfach erinnert der Bund Rousseau's mit Therese an die 
mehr als zehnjährige Leidenszeit, die Moli^re in den Fesseln 
Armande's durchzukosten hatte. Beider Lebensglttck hat ein 
übereilter Schritt schlimm getrübt, die Gattin des grossen Dichters 
aber erscheint noch schuldiger, als die des Philosophen. Die 
gefeierte Komödiantin hat jedoch eifrige Verteidiger gefunden, 
auch als sie einen rohen Menschen zum Nachfolger ihres ersten 
Gemahls erkor, für Therese, deren Schuld durch ihre Unbildung 
und durch Rousseau's schwer erträgliche Eigentümlichkeiten ge- 
mildert wird, ist nur ein Ritter, der edle, aber unbedachte Morin, 
in die Schranken getreten. 



R. Mahrenholtz. 



La Correspondance de Saiiite-Beuve. 

i. 

Apr^s la mort de Sainte-Beuve (13 octobre 1869), son 
secrötaire, M. Jules Troubat, a publik toute une s^rie de volumes, 
qui renferment beaucoup de pages excellentea, 6crites par le 
mattre; elles m^ritaient bien d'^tre recueillies et mises au jour; 
et touB ceux qui en lisant les onvrages de l'^mment eritique, 
avaient appris k raimer, doivent ^tre reconnaissants k T^diteiir. 
J'6num6re ces publications dans leur ordre chronologique : 

Souvenirs et indiscriUons , le dtner du Vendredi- Saint y par 
Sainte-Beuve, publi^s par son dernier secretaire. Paris, lib. 
Levy, 1872. 354 pages. 

Lettres ä la princesse [Mathilde] par Sainte - Beuve. Paris, 
lib. L6vy, 1873. 367 pages. — Ces lettres et billets sont au 
nombre de 263. 

Premiers lundis. Paris, lib. L6vy. Tome premier, 1874. 
VII et 425 pages. Tome second, 1874. 427 pages. Tome 
troisifeme, 1875. 416 pages. 

lues cahiers de Sainte -Beuve, suivis de quelques pages de 
litter ature antique, Paris, lib. Lemerre, 1876. 211 pages. 

Chroniques parisiennes, par Sainte-Beuve. Paris, lib. Levy, 
1876. 348 pages. ^ 

Correspondance de Sainte-Beuve, Paris, lib. Calmann L6vy. 
Premier volume, 1877. 378 pages. Second volume, 1878, 
404 pages. 

NouveUe correspondance de Sainte-Beuve. Paris, lib. Cal- 
mann L6vy, 1880. 442 pages. 

Le Clou cCor, la Pendule, avec une pr6face de M. Jules 
Troubat. Paris, lib. Calmann L6vy, 1880. VIII et 90 pages. 



£. Ritter, La Correspondance de Sainte-Beuve. 189 

Ces quatre derniers volumes me paraissent leg plus re- 
marquables de cette petite collection.^) Parmi les lettres que 
Saiote-Beuve a 6crites, il y en a un certain nombre qui sont 
tr^s interessantes, oü Ton retrouve son esprit judicienx et net, 
le tour naturel et familier d'une agr6able causerie. L'ensemble 
des petits billets qui les aecompagnent, et qui ont paru insigni- 
fiants k quelques critiques, — cet ensemble donne aux hommes 
qui ne sont pas m^i^s k la grande actiyit6 litt6raire, aux lecteurs 
Bolitaires et aux jeunes 6tudiant8 de la province et de T^tranger, 
une id6e juste et pr^cise du mouvement quotidien, du tous-les- 
jours du cabinet de travail d'un ecrivain parisien. Ceux qui 
sont eux-m^mes au centre de ce mouvement n'ont pas besoin 
qu'on le leur d^crive on qu'on le remette sous leurs yeux. Mais 
partout ailleurs q\x*k Paris, on appr6ciera, j'en suis assur6, le 
tableau anim6 et vivant que pr^sentent ces volumes, oü vient se 
peindre aü regard un des coins de Tatelier intellectuel de la 
France. 

Le Premier volume de la Correspondance contient 288 lettres, 
^chelonnees du 6 mal 1822 an 13 avril 1865. Le second lui 
fait suite, et contient 333 lettres, qui vont du 4 mai 1865 au 
11 octobre 1869. Le troisi^me volume est un Supplement publik 
plus tard, et contient 350 lettres, dat^es de 1818 k septembre 
1869. Les Lettres ä la pnncesse [Mathilde] avaient 6t6 publikes 
les premi^res; si elles ^taient faites pour piquer en 1873, au 
lendemain de la chüte de FEmpire, la curiositä du jour, elles le 
cfedent k toutes les autres- en intör^t durable. Enfin le Clou d'or 
contient nne douzaine de lettres d'amour et notes intimes, que 
Sainte-Beuve 6crivit dans sa quaranti^me annee. Elles prennent 
place parmi les t6moignages les plus p6n6trant6 et sinc^res, et 
qui ouvrent le plus de jour sur la vie de Sainte-Beuve. Ailleurs 
il parait etre un pur esprit; son ccBur d'homme parle ici, comme 
il a fait encore en d'autres occasions de sa vie. 

On n'a pas de lettres de lui, datant de T^poque oü il ^tait, 
dit-il, arr^t6 dans le monde de Hugo par Teffet d'un charme; 
on n'a pas non plus de ces lettres de chaque jour dont parle 
Amaury dans le roman de VoluptS: „D6s mon lever, j'^crivais 
pour madame R. une lettre k la Saint -Preux, que moi-m^me je 
lui remettais plus tard; et quoiqu'il n'y eüt aucune difficult6 de 
nous voir ni de causer, j'avais plaisir k ne lui rien laisser perdre 



1) La Beule lacune que je voie k relever est un article de la 
Revue des deiix mondes du 1*' octobre 1834, qui relate un des ^pisodes 
de la qnerelle k laquelle doona lieu Tarticle de Sainte-Beuve sur 
Ballancfae; il y faut joindre la lettre* de M. Coessin, publice dans la 
Revue des deux mondes du 30 juin 1835. 



190 E, Bitter, 

du frais butin que j^amassais dans la courte absence, et de toutes 
ees perles foUes que secoae, en le voulant, une imagination 
amoureuse.^ — Gp. Ze« Lettres brüUes, dans les PoSsies de 
Sainte-Beuve (I, 223, Edition de 1861). 

On n'a qae deux lettres de lui, qui se rejoignent aux 
po^sies qn'il a group^es sous le titre de: ün dernier reoe, k la 
fin du volume qui contient les Consolations et les Pensees d!aoüt, 
et qui fut publik en 1863 k la librairie Michel L6vy. 

II fut court, dit Sainte-Beuve de ce dernier rßve: il a com- 
inenc^ sur le plus vague et le plus tendre nuage de la po^sie: 11 
a fini au plus aride et au plus d^sol^ du d^sert ä Jamals lUimltä 
du cceur. 

Au dedans tout, rien au dehors. Voici les seuls vestiges: on 
les a r^unis,' m^me les moindres, comme on enfermerait quelques 
feuilles, quelques fleurs brisdes, dans une urne. 

Dichtung und Wahrheit! tout est vrai et tout est 
po6tique dans ce petit roman, qui eut une si prompte fin. II 
faut lire dans la Correspondance (I, 110) la lettre d'octobre 1840, 
adress6e au g^n^ral *** [Pelletier], et en rapprocher un fragment 
de lettre, cit6 par M. Rambert dans sa notice sur Juste Olivier:^) 

Sainte-Beuve avait voulu se marier, dit M. Rambert; il 

arait aim6, il avait esp6r6, il avait brigu^ et obtenu la place de 

biblioth^caire k la Mazarine^) afin d'avoir une position et de 

pouvoir faire sa demande en mariage ; — et il avait vu son reve 

empörte. 

La douleur que j'en al ^prouväe, ^erit Sainte-Beuve ä Oll vier 
(1*' septembre 1840) et que j'en ^prouve est inexprimable ; Imaglnez 
que j'y suis retourn^ malgr^ moi des le surlendemain du refus; 
jy retournerai, qui sait? ce solr meme . . . Ainsi, eher ami, au 
moment oü vous 6tes Inquiet ou heureux (les Olivier attendaient 
une augmentation de famille) je ne suis plus nl Tun nl l'autre, 
mais abattu net. J'ai err^ ces trois jours durant, comme un chien 
sous le solell : haeret lateri letkalis arundo, 

Le Clou ^or eommence par quelques pages que Sainte- 
Beuve paratt avoir jet6es sur le papier un jour oü l'id^e lui 
6tait venue d'6crire une nouvelle. (On en a deux de lui: Madame 
de Pontivy et Christel; on sait que ces deux morceaux ont et^ 
plac6s k la suite des Portraits de femmes). Sainte - Benve ne fit 
qu'esquisser le commencement de sa nouvelle, et cette ^bauche 
inachev^e 6tait rest^e dans ses papiers. M. Troubat l'y a prise, 



1) Bibliotheque universelle, 1877 (LIX, 101). Cette notice a €t€ 
r^imprim^e en t^te des (Euvres chmsies de Juste Olivler, Lausanne, Hb. 
Bridel, 1879. 

^ G'est le 8 aoüt 1840 que par ordonnance royale, M. Sainte- 
Beuve fut nomm^ conservateur k la Bibliotheque Mazarine, en rem- 
placement de M. Naudet, promu ä d'autres fonctions. 



La Correspondance de Sainie-Beuve, 191 

pöur la placer comme en avant-propos k la t^te de douze lettres 

et notes intimes, 6crites de juiilet k octobre 1844: lettres que 

Sainte-Beuve n'avait pas envoyees, ou dont il avait gard6 la 

minute; notes intimes ecrites par lui vers le meme temps. 

La correspondante k laquelle Sainte-Beuve ^crivait^ n'est 

pas nomm6e; mais il me semble que e'est eile qu'il a en vue 

daus une lettre du 21 mai 1856: 

Lyon est une ville oü je suis all^ souvent: les deuz derniäres 
fois qiie j*y suis all^, ä peu de mois de distance, c'^tait pour y 
voir madame * * *, malade de la maladie dont eile devait mourir, 
et ma nieilleure amie alors, mais une amie qui n'a pas su Tßtre, 
h^las ! comme il le faut au coeur pour qu'il soit entierement rempli 
et satisfait, — heureux d'un plein bonheur, — puie uniquement 
d^sold. J'avais d^jä pass^ l'äge de ces bonheurs qu*on ne mdrite 
jamais, mais qu'on obtient sous le rayon de la jeunesse. Que 
sera-ce depuis? (Correspondance I, 215.) 

Les douze lettres ou notes intimes du Clou d'or ont 6t^ 

6crites, je Tai dit, en 1844. La derniöre lettre en effet est 

datee du samedi 26 octobre. Or dans les annöes oü ces lettres 

peuvent 8tre plac6es, le 26 octobre n'a 6t6 un samedi qu'en 

1839, 1844 et 1850. En 1850, Sainte-Beuve, abso;:b6 par son 

travail hebdomadaire des Causeries du lundi, ne pouvait plus etre 

rhomme de loisir que nous montrent ces lettres; 11 ne s'appar- 

tenait plus, il 6tait tout k sa täche. En 1839, Sainte-Beuve, qui 

n'^tait pas encore acad^micien ni biblioth^caire k la Mazarine, 

n'aurait pas pu 6crire: 

Chöre madame, je viens vous demander vos ordres pour jeudi; 
je dois etre ce jour lä ä l'Acad^mie, depuis deux heures et demie 
jusqu'ä quatre heures et demie. Le reste des heures sera trop 
honor^ d'une minute passive ä vous voir. 

En octobre 1844, Sainte-Beuve avait d6jä, ^t6 nomm6 

(14 mars 1844) membre de TAcad^mie fran9aise, mais n'avait 

pas encore pris seance et prononc6 son discours de r^ceptiou, 

ce qui n'eut lieu que le 27 f^vrier 1845; mais il est naturel de 

le voir remplir un devoir professionnel en se trouvant k son 

poste de biblioth^caire pendant la seance acad6mique: c'est un 

moment que les membres de Flnstitut utilisent volontiers pour 

leurs recherches dans la belle biblioth^que Mazarine. Voir par 

exemple ce que dit Sainte-Beuve lui-m^me dans le demier 

paragraphe de ses articles snr M. Biot; il y semble parier d'apr^s 

ses propres Souvenirs de biblioth6caire : 

M. Biot ^tait et demeura jusqu'ä la fin un liseur infatigable; 
on ne se fait pas id^e de la quantit^ de livres de toutes sortes 
qu'il essayait, et que quelquefois il d^vorait d'un bout ä Tautre. 
La Biblioth^que de Tlnstitut avait peine ä suffire ä. sa consom- 
mation de chaque semaine. II n'avait gudres de patience dans ses 
prompts d^sirs de lecture, et aurait voulu Stre servi aussitdt. 



192 E, Ritter, 

Cette date stabile de 1844 permet de classer les lettres 
et notes du Clou äor dans an ordre diff^rent de celui que 
M. Troubat a adopt^. 

1. Note confidentielle, dat6e: Ce 2 juillet (VIII, page 49). 

2. Autre note confidentielle, dat^e: Ce 9 juillet (X, page 57). 

3. Lettre, dat6e: Ce 12 juillet (XI, page 61). 

4. Note, fragment de Journal intime (III, page 21). 

5. Lettre sans date (IX, page 55). 

6. Lettre dat6e: Ce dimanche 25 [aoüt 1844] (IV, page 23): 

Je suis revenu hier de C***, dit Sainte-Beuve, oü j'ai pasB^ 
huit jours en tßte ä tßte de madame de B ... et du chancelier, 
et fort agräablement ; j'ai beaucoup caus^ du temps pass^, et il n'a 
tenu qu'ä eux de me prendre pour un de leurs contemporains.^) 

7. Lettre dat^e: Ce 3 [septembre 1844]. Cette lettre 
(I, page 11) est postörieure au söjour de Sainte-Beuve 
k Chätenay. 

8. Lettre sans date (V, page 31). 

9. Lettre dat6e: Ce vendredi 20 [septembre 1844] (VIII, 
page 41). 

10. Lettre dat6e: Ce samedi (II, page 15). 

11. Lettre dans date (VI, page 37). 

12. Lettre dat^e: samedi 26 oetobre (XII, page 65). 

Le manuscrit se composait de feuilles volantes; le classe- 
ment que je soumets aux lecteurs de ce joli petit volume, me 
paratt tr^s assur^ pour la plupart de ces notes et lettres; j'ai 
pu me tromper pour quelques-unes. Le lettres qui datent de ces 
memes mois, dans la Correspondance g6n6rale, offrent k quelques 
endroits comme un reflet de la crise que traversait Sainte-Beuve : 

(A madame Vertel, 10 juillet 1844.) Je suis fort abattu depuis 
bien des jours, et en proie ä une anxi^tö qui m'öte tout ressort. 

(A M. Charles Eynard, 2 aoüt 1844.) Plus la vie avance, plus 
on se disperse, chacun s'asseyant sur quelque borne de la route 
par fatigue, et le chemin est ainsi sem^. — Vous ßtes ^chouä lä 
bas sur un bien beau et doux rivage; je ne Tai qu'entrevu; mais 
il me semble que ce s^jour doit apaiser Täme quand eile ne porte 
pas en eile de ces blessures incurables. Vous avez d'ailleurs le 
grand remede, eher monsieur: le soleil de ces beaux lieux doit 
vous en §tre plus bienfaisant. Je suis aussi, de mon cötä, vieillis- 
sant et laborieux . . . 



*) Le chancelier Pasquier avait 77 ans, et madame de Boigne, 
qui poss^dait une villa ä Chätenay pres de Sceaux, en avait 64. La 
comtesse de Boigne, fille du marquis d'Osmond, avait ^pous^ en .1798 
le comte de Boigne. „Un nuage, dit Sainte-Beuve, a toujours d^robä 
les causes qui amenerent (en 1804) la Separation des äpoiix. Jeune, 
jolie, irr^prochable, la comtesse de Boigne tint avec distinction le salon 
de son päre. Elle eut le sien sous la Restauration, Louis-Philippe et 
Napoleon III.*^ 



La Correspondance de Sainie-Beuve. 193 



n. 

Dans la correspondance de Sainte-Beuve comme dans toutes 
Celles des hommes c61^bres, les lettres augmentent en nombre 
quand on approche de la fin. II faut ^tre Tami d'un jeune 
6crivain pour garder soigneusement ses lettres; mals qaand le 
talent d'un autenr lui assure de longs succ^s, sa renommäe 
s'affermit et s'^tend par le senl effet de la dar6e, et le moment 
vient oü chacun sait dans le public qne ses lettres sont des 
autographes: on les garde, on en fait collection; et teile personne 
tient dejä, sa Hasse prete pour le moment oü l'edlteur de la cor- 
respondance la lui demandera. 

Les lettres et billets de Sainte-Beuve, que M. Troubat a 
publi^s, sont au nombre de plus de douze cents. Depuis la 
premifere lettre conservee, qui fut 6crite par Sainte-Beuve peu de 
jours apr^s son arriv6e k Paris, k la fin de sa quatorzi^me ann6e, 
jusqu'4 sa reception k TAcadömie frangaise, on n'a que 145 lettres 
en 26 ans ; pour les huit derni6res ann6es de sa vie, depuis que 
M. Troubat est devenu son secretaire (octobre 1861) on a plus 
de six Cents lettres. II ne faut pas sc plaindre de cette abon- 
dance; il faut au contraire en remercier M. Jules Troubat. 
On sait en quels termes le mattre a parl6 de lui, dans une note 
sur ses secrätaires, oü apres avoir esquiss6 en quelques traits 
de plume le portrait de tons ceox qui se sont succ6d6 aupr^s 
de lui: MM. Dourdain, Oger, Lacaussade, Octave Lacroix, Pens, 
il termine en disant: 

II ne me reste plus qu*ä parier, en le remerciant, de mon 
secretaire actuel, M. Jules Troubat, de Montpellier, qui est si prös 
de moi en ce moment que la modestie m'empSche presque de le 
louer comme il conviendrait et en toute libertä. Plein de feu, 
d'ardeur, d'une äme affectueuse et amicale, unissant ä un fonds 
d*instruction solide les goüts les plus divers, ceux de Vart, de la 
curiosite et de la r^alit^, 11 semble ne vouloir faire usage de 
toutes ces facultas que pour en mieux servir ses amis; il se trans- 
forme et se confond, pour ainsi dire, en eux; et ce sont eux les 
Premiers qui, de leur cötö, sont obligds de lui rappeler qu*il y a 
aussi une propri^tö intellectuelle qu'il faut savoir s'assurer ä temps 
par quelque travail personnel; il est naturellem ent si liberal et 
prodigue de lui-m^me envers les autres, qu'on peut sans incon- 
vänient lui conseiller de commencer un peu ä songer ä lui, de 
penser k se r^server une part qui lui soit propre, et, en concen- 
trant ses ^tudes sur un point, de se faire la place qu'il m^rite 
d*obtenir un jour. J'espöre toutefois et nonobstant ce conseil, le 
garder encore longtemps (27 mars 1865). 

M. Troubat a publik quelques recueils de po6sies et d'articles 
de critique: Plume et pinceauy 6tudes de litt^ratnre et d'art, 
Paris, lib. Liseux, 1878. — Le Blasen de la Eivolutiony PariS; 

ZBOhr. t fin. Spr. u. Litt. Xli. ^q 



194 E. Ritter, 

libr. Lemerre, 1883. — Notes et penfSes, Paris, libr. Sauvaitre, 
1888. — Petits itSs de la cinquantainej Paris, lib. Lemerre, 1885. 
Seconde Edition, 1886. — Je citerai de ce dernier livre un 
sonnet: La montre de Samte -Beuve. Les dames de Lausanne 
avaient fait präsent d'une montre k l'iilustre professeur, k la 
cloture du cours sur Port-Royal qu'il avait fait k rAcadömie de 
Lausanne (1837 — 1838). Le sonnet est dat6 du* 13 octobre 1884, 
quinzi^me anniversaire de la mort de Sainte - Beuve. II faut 
rappeler qu'apres cette mort qui 6tait une catastrophe pour 
M. Troubat, puisqu'elle supprimait le poste agröable oü il avait 
pass6 d'heureuses ann^es, et avant de trouver k Compi6gne une 
place de biblioth6caire qu'il appelait „un canonieat litt6raire^ 
et qu'il vient d'6changer contre un poste du mSme genre k Paris, 
M. Jules Troubat a travail]6 longtemps dans les bureaux des 
grandes librairies L6vy et Dentu: 

Voici däjä quinze ans que Sainte-Beuve est mort! 
Certes, la France a vu, depuis, plus grand naufrage; 
Mais, l'oeil toajours fix^ sur la derni^re page, 
Je fus apres huit ans arrachä de mon port. 

De L^vy chez Dentu pasaant au gr^ du sort, 
A des maitres nouveauz faisant nouveau visage, 
Me sentant chaque fois un peu plus hors d'usage, 

— Tout präs de moi, quelqu^un a gard^ son ressort: 

ün Souvenir vivant que Geneve a vu naltre, 
Sur qui plus de trente ans se porta Tceil du maitre, 
Dont rien n'a ralenti la marche ni Tessor. 

La montre oü je regarde Theure fut la sienne! 

— Et le jour, qui me frappe ä travers la persienne, 
Fait au cadran d'argent briller Paiguille d*or. 

La correspondance de Sainte-Beuve ne pouvait pas trouver 
un ^diteur plus comp^tent que M. Troubat, plus au courant de 
toutes choses; il avait recueilli la tradition k sa source; il avait 
6crit lui-meme, sous la dict6e de Sainte-Beuve, beaucoup des 
lettres que les destinataires lui ont remises plus tard, ou dont 
il avait eu soin de prendre copie avant de les envoyer. Sur 
quelques points cependant, son attention a 6t6 en d6faut, comme 
on le verra par les notes qui suivent. 

Correspondance de Sainte-Beuve. Premier volnme. 1877. 

Page 19. Lettre VIII, k Alexandre Dumas. 11 d6cembre 

[1830?J. II faut effacer le point d'interrogation. Le drame de 

Dumas, NapoUon Bonaparte ^ que Sainte-Beuve tenait k voir 

avant son depart, eut sa premiöre repr^sentation , k l'Od^on, le 
10 Jan vier 1831. 



La Correspondance de Sainie-Beuve. 1)05 

Page 20. Lettre X, ä la R^daction du Semeur^ pour M. 
Alexandre Vinet. Cette lettre, que i'^diteur a dat^e de 1832^ 
se rapporte aax articles que Vinet a publi^s dans le 8emeur des 
13 et 20 aoüt 1834, sur le roman de Volupte. 

Pages 31 et '33: Les Lettres XVI, k madame la comtesse 
Christine de Fontanes, et XVII, k M. Auguste Sauvage, sont 
interverties. Sainte - Beuve, dans T^tö de 1837, avait fait un 
B^jour k Aigle, dans la valli6e du haut Rhdne, chez M. Juste 
Olivier;^) k son retour, il passa k Genöve, d'oii il ^crivit k 
M. Sauvage le 15 aoüt 1837; k Lyon ensuite; et la date de sa 
lettre k madame de Fontanes: Lyon, le 26, doit ^tre compl6t6e 
ainsi: [aoüt 1837]. II revint ensuite k Paris, d^oü il 6criyit k 
madame de Fontanes une seconde lettre, le 7 septembre 1837. 

Page 114. Un billet date: Ce 3 aoüt, lundi est donn^ 
dan^ une note. Pendant les annees oü Sainte-Beuve a ^t6 eonser- 
vateur de la Mazarine, le 3 aoüt n^est tomb6 sur un lundi qu'en 
1846: cela 6tablit la date du billet.^) M. T., dont il y est parl6, 
doit §tre M. Ars6ne Thi6baut de Berneaud, biblioth^caire. 

Page 126. Lettre LXXXVU, k M. de Montlaur. Elle est 
dat^e simplement: ce 15, et doit §tre du 15 septembre 1844. 
L'annonce des Esmis litteraires de M. de Montlaur a paru dans 
le Journal de la lihrairie du 3 aoüt 1844; et Tarticle de Sainte- 
Beuve sur Leopard!, oü se trouve cit6 un vers de M. de Montlaur, 
a paru justement le 15 septembre 1844. 

Page 132. Lettre XCII, k M. Edouard Turquety. La 
date que Sainte-Beuve avait mise k cette lettre, 6tait simplement : 
Ce 18; et l'^diteur y a ajoutö: [1845 ou 1846]. Mais la lettre 
est de 1846, puisqu'elle doit etre post^rieure k i'article oü Sainte- 
Beuve, dans la Revue des deux mondes du 1®' mai 1846, a rendu 
„les devoirs litteraires supremes^ k son ami Charles Labitte, 
mort le 19 septembre 1845. 

Page 171. Lettre CXXI, k M. Tb. Lacordaire, La date 
que Sainte-Beuve avait mise k cette lettre, 6tait simplement: 



^) Juste Olivier a parl^ de ce säjoar dans un article de la 
Biblioiheque Universelle de Lausanne, qui a €i€ reproduit dans le premier 
volume de ses Giluvres, Lausanne, 1879. 

2) Pour ces döterminations de dates, un opuscule träs utile est 
le Kiüendarium zur Auffindung der Wochentage aller historischen Daten 
der christliclwn Zeitrechnung, von Carl August Kesselmeyer aus Man- 
chester. Preis: 10 Neugroschen, Im Selbstverlag des Verfassers. Zu 
beziehen durch alle deutschen Buchhandlungen. — En six pages bien 
remplies, Tauteur a donn^ trös clairement toutes les explications n6- 
cessaires. En un instant, au moyen des chiffres du tableau qui figure 
a la page 3, on trouve le jour de la semaine qui correspond ä une 
date quelconque de T^re chr^tienne (ancien et nouveau style). 

18* 



196 E. Ritter, 

Paris, le 28 f^vrier; et Föditeur a ajout^ le millösime: [1851], 
Mais la lettre doit 5tre du 28 f6vrier 1850, quelques mois aprös 
le commencement des Causeries du Lundi (1®' octobre 1849) et 
deux mois apr^s Tarticle sur le p^re Lacordaire (31 d^cembre 1849). 

Page 314. Lettre CCXLV, k M. Paul Chiron. Elle est 
dat6e simplemeut: Ce dimanche 8; et eile se rapporte k des 
articles qui ont paru en mars 1863. Le 8 mars 1863 6tait uu 
dimanche : la lettre est donc du mois de mars ; et eile aurait du 
§tre plac6e quelques pages plus haut, avant les lettres dat6es 
du mois d'avril. 

Page 338. Lettre CCLXV, k M. Camille Doucet. Cette 
lettre, qui est dat6e simplemeut: Ce 24 mai, ne devait pas ^tre 
class6e parmi celies de 1864. Sainte-Beuve y parle de la Belle 
Hiltne^ dont la premi6re repr^sentation n'eut Heu que le 17 d6- 
cembre 1864; — d'un rapport k faire au S6nat, et il ne fut 
nomm6 sänateur que le 28 avril 1865. Le rapport en question 
(Premiers LundiSy III, tout k la fin) est du 21 juin 1865 ; et la 
lettre, par cons6quent, du 24 mai 1865. 

Page 361. Lettre CCLXXXVU, k M. de Riancey. Sainte- 
Beuve Ty remercie d'un article oü il avait parl6 avec 61oges 
de son Discours sur les prix de vertu, qui fut prononc6 k 
rAcad6mie franQaise le 3 aoüt 1865. Le mot aoüt, qui 6tait 
dans la date de la lettre, a 6t6 lu avril: c'est une confusion 
qui se produit quelquefois.^) 

Honvelle Correspondanoe de Sainte-Benve. 1880. 

Page 24. Lettre XII, k madame P61egrin. Elle est dat6e: 
Ce jeudi, 16 (1834). Lisez: Ce jeudi, 16 [octobre 1834]. 

Page 59. Lettre XXXII, k M. de Chaudesaigues. Cette 
lettre est sans date, et T^diteur Ta dat^e de 1839. Elle com- 
mence ainsi: „Mon eher Chaudesaigues, j'avais k vous remercier 
d^s Lausanne, de Tarticle que j'y ai lu, et dans lequel, etc.^ Cet 
article a paru dans la Eevue de Paris de mai 1838; et Sainte- 
Beuve, qui rentra ä Paris k la fin du printemps, n'attendit pas 
sans doute Tann^e suivante, 1839, pour 6crire cette lettre de 
remerciement. 

Page 125. Lettre LXXIX, k M. Jules Janin. Elle est dat6e: 
ce lundi 29 (1850 ou 1851). Elle doit gtre du lundi 29 avril 
1850; eile annonce Tarticle que Sainte-Beuve fit parattre le lundi 
13 mai 1850 sur la Religieuse de Toulouse, par M. Jules Janin. 

1) Je n*ai pas trouvö de remarques ä. faire sur le second 'volume 
de la Correspondance, qui comprend les lettres ^crites pendant les 
derni^res annäes du secrätariat de M. Troubat. L'^diteur dtait lä sur 
Qon terrain, et il a travaillä avec plus de süret^. 



La Correspondance de Sainte-Beuve. 197 

Page 142. Lettre XCV, k M. Poulet- Malassis. Elle est 
dat6e du 23 fövrier 1857; mais Sainte-Beuve y cite son article 
sur Fanny, lequel a paru le 14 juin 1858. Cette lettre est 
Sans doute du 23 fövrier 1859, du m^ine jour que la lettre k 
Charles Baudelaire (meme volume, page 153) oü il est question 
de deux articles de M. Babou. Dans le premier (Äthenaeum du 
9 juin 1855) il est parl6 d'une notice de M. de Barante sur 
madame d'Arbouville, qui figure en tete des (Euvres de celle-ci; 
et Sainte-Beuve 6crit k ce propos k Baudelaire: 

II [Mt Babou] m'a ddjä attaquä une fois dans VMh^naeum, 
ä propos de la meüleure amie que j'eusse, madame d'Arbouyille ;^) 
et parlant d'un portrait de cette charmante et re^rettable femme 
qu^avait fait M. de Barante, et qui est la nullit^ mdme, il a 
d^clard ce portrait bien sup^rieur k celui que j'eusse fait, que 
j'aurais pu faire, si j'en eusse fait un. 

II est piquant de rapprocher ce jugement s6v6re de Sainte- 
Beuve sur le Portrait de madame d'Arbouville par M. de Barante, 
des 61oges que M. de R^musat a cru devoir donner k ce m§me 
morceau, dans un article de la Revue des deux mondes, du 
V^ f^vrier 1856: 

Dans une courte notice, M. de Barante a dit, avec une 
justesse exquise et une simplicit^ touchante, tout ce qu'il 
^tait n^cessaire d'apprendre au public sur celle dont on rdunissait 
les Oeuvres pour lui. 11 serait impossible de faire aussi bien, 
tdmdraire peut-Stre de faire autrement. 

Page 266. On lit dans une lettre de Sainte-Beuve au 
r6dacteur de YEvSnement, k propos de quelque personne de sa 
maison qui 6tait fiöre de voir son nom dans le Journal: 

,,Et mon valet de chambre est mis dans la gazette! a dit 
le po6te de la Märomanie.^ Mais pardon: c'est Alceste qui le 
dit, dans la demiöre sc6ne du troisi^me acte du Misanthrope. 



*) Madame d*Arbouville est morte k Lyon, le 22 mars 1850^ 
M. Othenin d'Haussonville, dans son interessante biographie de Sainte 
Beuvo, a parl^ avec beaucoup de röserve de Tattachement que Täminent 
^crivain eut pour eile. On peut se demander si ce n'est pas k eile 
qu'^taient adress^es les lettres du Clou d^or. Dans l'^t^ de 1844, 
madame d'Arbouville avait trente-trois ans. Elle ötait Tarriöre petite- 
fille de madame de Houdetot. L'amie de Jean-Jacques Rousseau avait 
eu un fils, n^ le 12 juillet 1749, qui eut deux femmes, la seconde des- 
quelles, Josäphine - Constance Cdrö, qu'il öpousa ä Tlle- de - France, le 
14 f^vrier 1784, lui donna douze enfants: entre autres une fille, marine 
en 1809 au baron de Bazancourt, g^ndral de brigade. Avant son 
mariage, mademoiselle de Bazancourt avait v^cu dix ans aupr^s de sa 
grand'm^re, la comtesse de Houdetot, qui l'avait comme adopt^e, Ba 
fille Sophie de Bazancourt ^pousa en 1892 Mi d'Arbpuville, 



198 E, Ritter, 



in. 



Dans les lettres des derni^res ann^es de Sainte-Benve, on 
recneille avec int6r8t et avec qnelque surprise le timoignage de 
sentiments favorables k rAllemagne. La science allemande 6tait 
^trang^re k Sainte-Beuve ; les critiques et les philologues alle- 
mands n'avaient pas 6t6 ses maitres; sa culture intellectnelle 
^tait toute frangaise, tonte parisienne; et jusqu'ä an moment tr^s 
avanc^ de sa carri^re, on ne rencontre chez lui que de T^loigne- 
ment pour tont ce qui 6tait germanique. On sonrit en lisant ce 
que Tancien collaborateur du Glohe, l'ami d'Ampöre et de Jules 
Mohl, et qui 6tait lui-m^me un des esprits les plus ouverts du 
brillant Paris d'alors, ^crivait dans la Eevue des deux mondes 
du 1«' janvier 1836: 

L'Allemagne convenait peu ä M. Villemain; 11 n*a pas mal 
fait de l'ignorer, ou du moins de ne la savoir que par oui-dire: 
les questions, sur ce terrain mouvant, sout peu commodes a aborder; 
on se perd dans des restes de For§t-Noire. L'esprit net et concis 
du grand professeur j räpugnait et avec raison.^) 

II faut suivre dans leur ordre chronologique les passages 
qui se rapportent k TAllemagne: je les ai glanes ^k et \k dans 
les (Buvres et la correspondance de T^minent eritique; k vrai 
dire, je ne crois pas les avoir tous röunis. — Je commence par 
une note sans dato, qui a du 8tre 6crite aux environs de 1848: 

II y a des langues et des litt^ratures ouvertes de toutes 
parts, et non circonscrites , auxquelles je ne me figure pas qu'on 
puisse appliquer ie mot de classique;^) je ne me figure pas qu'on 
dise les classiques allemands (Les cahiers de Sainte-Beuve, p. 108). 

(Lettre ä M. Nicolas Martin, du 6 juillet 1856.) Mon eher 



1) Les premiferes pages de l'article du 12 mars 1832 sur les 
Lettres ^crites de Paris de L. Boerne (article recneilli dans les Premiers 
Lundis, II) sont pires encore. Mais dans cet article .politique, Sainte- 
Beuve n'^tait que Töcho de ce qu'on pensait de TAllemagne dans le 
monde de la presse parisienne. 

3) On peut rapprocher de cette pensöe une remarque analogue 
de M. Gournot dans ses Considdrations sur la marche des idäes dans les 
temps modernes, 1872: L'AUemagne n'a pas produit dans le siöcle de 
Leionitz une seule oeuvre litt^raire qui ait acquis ou conservö du 
renom. Les futurs historiens de la civilisation aurout k tenir grand 
compte de ces circonstances qui ont en quelque sorte suspendu la vie 
litt^raire chez une grande nation comme la nation allemande, qui l'ont 
privöe d'avoir aussi son dix-septieme siäcle en litt^rature, et de pos- 
B^der de ce chef les traditions, les modales que possfedent la France 
et TAngleterre. La fertility des temps postdrieurs n'empßche point de 
aentir cette lacune, k peu pres comme pour ces hommes de vieille 
race, mais dont la famille ^tait retomb^e pour un temps dans l'obscuritä, 
et qui, dans leur nouvelle fortune , ressemblent k certains ägards k des 
hommes nouveauK. (Toitie premier, page 345.) 



La Correspondance de Samte-Beuve, 199 

po6te de la Maison des Champs, vous avez port^ dans notre vie 
fran^aise, si a£Pair^e et si sujette au bruit et ä la poussiere, quelque 
chose de la fraicheur et de la calme f^licitä allem andes. 

(Aatre lettre aa m^me, sans date.) Votre petite bistoire du 
sonnet est tres agr^able et me revient tout ä fait. Chez nous, les 
Gcetbe et les Byron — M. M. de Lamartine et Hugo — n'ont 
Jamals daignä condescendre au sonnet, et je crois bien qu'ils en 
pensent ce qu'en pensait le grand Olympien germanique. S'ils en 
fönt jamais, je täcberai de me souvenir de la conversion chantäe 
par ühland; mais je ne crois pas qu'ils s'y hasardent. Goetbe 
^tait encore meilleur enfant qu'eux en po^sie: le plus calculä des 
AUemands a encore de la nafvetä , si on le compare a nos grands 
hommes. (Nouveüe Correspondance, page 280.) 

(Dans un article sur les Reminiscences de M. Coulmann, 
28 novembre 1864.) M. Coulmann a une nature morale assez riebe, 
et c'est assur^ment un homme d'esprit; mais son pinceau est mou; 
on Yoit bien qu'au College il se plaisait k lire en allemand les 
romans d^ Auguste Lafontaine, auxquels il avait coU^ un titre 
d'Histoire romaine pour mieux tromper le maitre d'ätudes. II avait 
gardä un premier accent alsacien dont ses camarades se moquaient, 
et qu'il perdit, nous dit-il, par la suite. En est-il bien sür? 
(Nouveanx Lundis, IX.) 

(Lettre k M. Feuillet de Conches, du 2 septembre 1865, k 
propos de la pol^mique engag^e sur Vautbenticit^ des lettres de 
la reine Marie-Antoinette.) 11 ne 8*agitpas de querelle d 'Alle- 
mand: dans les trois quarts des questions de textes, ou de critique 
proprement dite, les Allemands ont raison contre nous. Cela est 
perpätuellement vrai pour tout ce qui est de litt^rature ancienne. 

(Lettre ä M. Philibert-Soup^, du 12 fövrier 1867, a propos de 
deux articles sur Diderot, d'apr^s l'ouvrage de Charles Rosenkranz: 
Diderofs Lehen und Werke,) Cette connaissance d'Outre-Rhin et 
de tout ce qui s'y passe est de plus en plus indispensable, et c'est 
etre manchot dans les choses de l'esprit que d'en 6tre privö. Vous 
qui avez l'outil, vous avez un röle tout trouv^: c'est de nous 
traduire, et par lä je veux dire de mettre ä notre portöe et de 
nous präsenter ä notre mesure ce qui se fait d'important lä-bas, 
en littärature ou en pbilosophie. 

(Lettre ä M. Dussieux, du 20 novembre 1867.) Ce qui se passe 
chez nous est inou'i. Le gouvernement prussien, par son historio- 
graphe Preuss, public une Edition monumentale des (Euvres du 
grand Fröd^ric, ses Histoires, sa correspondance, etc. Un autre 
tirage non monumental est en vente depuis plus de vingt ans k 
Berlin chez Decker. Lä-dessus, on public en France, comme si de 
rien n^ätait, les anciens M^moires trouqu^s de Fr^d^ric, en les 
donnant frauduleusement comme conformes au texte de l'^dition 
de Berlin, et nous gobons cela! 

(Lettre k M. Goumy, directeur de la Revue de f Instruction 
publique, du 21 mars 1868.) Notre ami Lenient a fait lä. une lev^e 
de boucliers (contre l'esprit allemand) qui est bien dans l'esprit 
gaulois: mais je ne lui ferai qu'une question, la mSme que faisait, 
il y a cinquante ou soixante ans, M. Stapfer ä Fontanes, un jour 
qu'en plein salon le grand-maitre de l'üniversit^ däclamait k tue- 
tete contre Kant et les Allemands: „Savez-vous l'allemand, monsieur 
le comte ?'' Or Fontanes n'en savait pas un mot, et il n'en continua 
pas moins sa diatribe. — Etttdione avant d0 nous prononcer. 



200 E. Ritter, 

(Lettre ä M. Ernest Legonv^, du 21 mal 1868.) Vous ^tes 
des hommes de la France moderne; mais . . . vous en ferez tant 
que le centre de la Suprematie intellectuelle sera transf^r^ ä. Bonn 
et ä Berlin. Nous Taurons bien märit^, nous aurons et nous serons 
une bavure de l'Espagne, jusqu'en de9ä de la Loire. 

(Lettre ä un professeur d'allemand, ä Colmar, du 23 mai 1868.) 
Vous qui ^tes d'origine et de race allemandes, vous devez nous 
juger s^verement. Je crains bien que ce que j'ai dit ne serve ä 
rien, la oü je l'ai dit.^) Je ne convaincrai que ceux qui sont döjä 
convaincuB. Puissent les g^n^rations nouvelles qui surviendront, 
se rallier a une science forte et digne ! Vous y pouvez dans votre 
Sphäre, en leur ouvrant le passage du Bhin. On ne saurait assez 
multiplier ces ponts de Kehl pacifiques. 

(Lettre ä M. Henry Liouville, du 24 mai 1868.) Quel röle a 
jou^ la science, mise sur la sellette pendant toute une semaine 
devant une Assemblöe incompötente , oü l'Eglise parlait haut, oü 
la Philosophie biaisait! Pauvre science fran^aise! Elle ne s'en 
est tir^e que moyennant excuses, en faisant son mea culpa, en 
disant et r^p^tant: Je ne le ferai plus; — en un mot, en faisant 
acte de faiblesse et de repentance comme Galilde ä genoux. — 
Et pourtant la science triomphera! mais je ne suis pas sür, en efFet, 
que ce soit a Paris qu'elle triomphe et qu'elle ait son siäge. Ce 
si^ge, de par les lois de Phistoire, sera peut-etre transf^rö ä 
jamais^) dans l'avenir ä Heidelberg, ä. Bonn, ä Berlin! Ce serait 
triste pour la France hispanisde. 

ün dernier tömoignage doit se joindre ä ceux qui pr6c6dent: 
c'est une page que Sainte - Beuve n'a pas 6crite, mais oü son 
secrötaire a r6sum6 des id^es qui Tavaient frapp6 k juste titre, 
dans la conversation de Sainte-Benve, Tann^e de sa mort, en 1869: 

Au lieu d'irriter Pun contre l'autre deux grands peuples 
voisins comme la France et la Prusse, les deux premiers en Europe 
(ä ce moment-lä) pour la puissance militaire et le g^nie cr^ateur, 
on ferait mieux de songer ä les unir, ce serait la plus digne 
alliance qui nous conviendrait. Ces nations protestantes sont en 
avant sur nous : leur religion ne les endigue pas, comme les nations 
catholiques. C^est ce qui a vaincu PAutriche a Sadowa. Elle a 
äprouvö le besoin, imm^diatement apr^s, de se mettre au pas et 
ä Pheure des peuples avancäs, sous peine de se voir d^bord^e par 
le progres qui aurait suscitd chez eile une r^volution. Elle a fait 
des röformes, eile a cr^^ des institutions nouvelles, eile a voulu 
se rajeunir, eile s'est mise ä la hauteur du si^cle, pour n'etre pas 



^) Dans ces lettres de mai 1868, il s'agit de la discussion qui 
avait eu lieu du Sänat, k propos des p^titions qui signalaient ä cette 
haute assembläe les tendances mat^rialistes de Penseignem ent des 
Facultas de mädecine. Sainte -Beuve avait pris la parole, et son dis- 
cours a 4!t6 recueilli dans le tome HI des Premiers Lundis. 

^ Assuräment Sainte -Beuve se füt r^criä, si Pon eüt pris ces 
boutades au pied se la lettre. H faut se rappeler le dicton picard 
cite par le fabuliste: 

Biaux chires leups, n'^coutez mie 
Märe tQochent chen fieux qui crie. 



La CorresTpondance de Sainie-Beuve. 201 

emport^e par les id^es modernes. Elle ^tait encore fort en retard 
avant Sadowa: la voilä qui devient liberale et progressiste. 

Nou8 avons un redoutable voisin en M. de Bismarck: c'est 
un homme qui a fait son pays, qui a continu^ l'oeuvre de Fr^däric. 
En France, on in^connait la grandeur de ce dernier, et l'on se 
moque du grand ministre qui gouverne actuellement la Prusse. 
On se moque de tout en France, comme du temps de Marlborough 
qui nous battait ä plate couture. 

Au lieu de songer ä se mesurer ä coups de canon avec la 
Prusse, on ferait mieux de cräer deux Ecoles, l'une de Berlin, 
l'autre de Paris.i) Leur jeunesse viendrait chez nous s'adoucir, 
s'assouplir a notre contact: eile n*y perdrait rien de sa force, et 
eile y gagnerait en gentillesse; tandis que nous, nous enverrions 
l'^lite de nos jeunes gens studier les sciences dans leurs laboratoires, 
plus riches que les nötres; ils se fortifieraient au contact de cette 
nation rüde, barbare, si Ton veut, comme les Mac^doniens: ce sont 
les Macädoniens modernes. (Le Blason de la Revolution, page 349.) 

„ün critique est un homme dont la montre avance sur celle 
du public . . . J*ai toujours aim6 k donner le premier coup de 
cloche." C'est ce que disait Sainte-Beuve avec quelque fierte: 
les passages qu'on vient de lire m6ritaient d'etre cit^s k l'appui. 
A sa maniere, ä son point de vue 'littöraire, sans s'elever au- 
dessus de son horizon habituel, mais en vieux routier qui connatt 
les pr^sages du ciel et les signes des temps, 11 a vu grandir 
l'ascendant de FAllemagne. 

Comment la connaissait-il? II avait connu personn eil ement, 
11 avait vu k l'oeuvre quelques -uns des pionniers de la science 
allemande, M. Dtibner, par exemple;^) il avait, pour Tavertir et 
l'informer, ses amis MM. Nefftzer, Renan, Scherer; il avait eu 
enfin, de tout temps, une sympathique admiration pour le g^nie 
de Goethe, chez lequel il aimait k trouver la r^union si rare 
d'une p6n6tration critique ^gale k la sienne, avec une Imagination 
cr^atrice et des dons po6tiques incomparablement sup^rieurs. 
Goethe est le seul auteur allemand dont 11 alt aim6 ' k parier 
(car le grand Fr6d6ric 6tait pour lui un 6crivain frauQais). II 
le cite k mainted reprises, et il lui a consacr6 trois 6tudes 
excellentes, en 1850, k propos des lettres de Goethe et» de 
Bettina d^ Arnim; en 1855, k propos de la correspondance de 



1) Dans une des Notes et reinarques qui ont ätö jointes au volume 
intitul^ : Causeries du Lundi, Portraits de femmes et Af'traits litteraires, 
par Sainte-Beuve, table generale et analytique, par Gh. Pierrot. Paris, 
lib. Garnier, 448 pages, — Sainte-Beuve a racontö que la premi^re id^e 
de PEcole d' Äthanes, d'instituer une teile Ecole, ^tait de lui; qu^elle 
lui ^tait venue d^s 1841 en lisant du grec avec Pantasid^s, n^ 
en Epire. 

2) A cet ögard, tout Tarticle sur Dübner (Nouveaux Lundis, XI) 
est ä lire, et surtout les deux derniäres pages. 



202 E, Bitter, La Correspondance de Saihte-Beuve, 

GcBthe et de Kestner; en 1862, ä propos des Cimversations de 
Goethe et d^Eckermann. 

Sainte - Beuve , qui a peu voyag6, ne connaissait les pays 
allemands que par une courte excursion qu'il fit en octobre 1829 
ä Cologne et Francfort- sur le Mein 5 il revint en France par 
Strasbourg. Dans quelques morceaux des Consolations ^ (^X> 
XXII, XXV) on trouve la trace de ses impressions de voyage. 



Eugene Ritter. 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des 

XVII. Jahrhunderts. 

Vorliegende Notizen sind bei der Lektüre folgender Autoren ge- 
sammelt: Th^ophile (de) Viau(d), Rotrou, Racan (Bergeries, Dis- 
cours ä rAcade'mie, Ödes, Psaumes), Des märest de Sorlin (Les Vision- 
naires, Clovis, teilweise auch Ddlices de fespritj, Chapelain (La Pucelie), 
Scarron (nicht berücksichtigt sind vom VirgUe die nicht vom Autor 
herrührenden Bücher, doch ist der dritte Teil des Roman Comiq^ie, 
obwohl nicht von Scarron geschrieben, herangezogen und durch /// 
in den Zitaten bezeichnet), Scud^ry (Marie), M"® de Scudöry (Aria- 
tnene ou le Grand Cyrus, Band 1 — IV). Die aus diesen Schriften ge- 
sammelten Stellen haben den Zweck, das vom Verfasser in seiner 
Syntax des XVII. Jahrhunderts gegebene Material zu vervollständigen, 
so dass entweder Erscheinungen, die überhaupt nicht berührt sind, und 
das sind nur sehr wenige, erwähnt werden, oder besondere Arten eines 
behandelten Falles hinzugefügt werden, oder endlich auch da, wo es 
wünschenswert schien, die Beispiele vermehrt werden. Dabei liat der 
Verfasser sich an die Paragraphen seiner Syntax angeschlossen. Nicht 
gegeben ist das, was bereits von Sölter, Grammatiscne und lexikologische 
Studien über Jean Rotrou, Altona, 1882, und Hellgrewe, Syntaktische 
Studien über Scarron* s Le Roman Comique, Jena, 1887, gebracht ist. 
Wo an diese Abhandlungen angeknüpft ist, wird dies besonders be- 
merkt. Eine kritische Berücksichtigung derselben hielt der Verfasser 
für überflüssig. 

Das unbetonte persönliche Pronomen als Subjekt des Ver- 
bums, welches von den Dichtern, besonders von Scarron im Typhon 
und VirgUe, noch oft mitunter auch in der Prosa des Thöophile und 
des Racan vernachlässigt ist, fehlt in der Frage (§ 8, e): Voudriez 
m*obliger d^aimer mon adversaire? Souffrirais-je en mon lit fassassin de 
ma mere? (Rotrou, Gosroäs III, 4). Dasselbe findet sich beim Imperativ 
sois le bienvemt (§ 8 Anm. 2): Vous soyez le tres bienvenu, Lui dis-je 
(Scarr., Virg.). Et lors cria maitre Belenus: Vous soyez les tres bien- 
venus (Ibid.). 

11 = ce als Subj. bei itre (§ 2 Anm.): Je ne pense pas, Soit-il 
le roi gui me rappelle, Que je puisse m*eloigner d*elle (Thäoph.) 

Prädikatives le, la, les bei c'est in Beziehung auf Personen (§ 7 
Anm. 1): Mais ne voyez-vous pas quelques gens amasses Qui dejä vers 
le bourg se sont fort avances? lie les serait-ce point? (Racan). Car 
c*est lui gut revit, et si ce ne Pest plvs (Desmar.). Chacun . . . criait: 
Voilä maitre Mneas"^, Et pourtant ce ne tetait pas (Scarr., Virg.). Vgl. 



204 A, Eaase, 

lux in Beziehung auf Sachnamen Est-ce une iUusion, ou ce vase en e/fei? 
— Le voilä, c*esi Int -mime (Rotrou) =: le mime. 

Zu den Wendungen, in welchen en fehlt (§ 9, 2, a), vgl. Cor en 
comhattant pres, guand nous viendrons aux mains, Nous aurons etc. 
(Scud.) Les armees eiant donc en etat de veriir aux mains (M"® 
de Scud.). 

Das partitive, auf ein vorhergehendes Subst. zurückweisende en 
ist heute niemals von einem von einer Präposition regierten Indefinitum 
abhängig, wie Apres je me mis ä ecrire des fahles . . . , et m^en ressotive- 
nant de quelques-unes, je les ai traitces en C ordre qiieües me sont 
venttes ä la memoire (Th^oph.), und ebensowenig von einem Subst. der 
Quantität, welches Subj. ist, wie Vn portrait de province en peu de 
temps se gäte, La plupart en sont faux (Scarr., Com.) 

Zur Stellung der pers. Pron. unter einander (§ 164, a) sind 
anzuführen: Cest dele voir dans Peau qni le nous montre mieux (Thäoph^. 
Je Vengage ä le vous accorder (Id.). Je le vous ai dejä dit (Scarr. 
R. C. IIL). Je le vous dis encore, fen sais les moyens (Ibid.). Son 
galant, qxCelle trouva en Cetat oü je viens de le vous representer (Ibid.). 
llsuffirade vous dire pour le vous faire comprendre qu'eUe voulut etc. 
(M"« de Scud. II, 446). 

Zur Stellung des Pron. beim Infinitiv (§ 154, c) vgl. Je faime 
mieux le coeur hors du sein arracher (Th^oph.). // les fera beau 
voir, mon valet est poltron, L'autre ne Fest pas moins (Scarr., Com.). 
Dieu, qu'il la faisait beau voir! (Id., Virg.) (Jn dit qu'il me fmsait 
beau voir (Ibid ). En ne se faisant anfonds que rire de votre mal, (eile) 
votis laissera vieiüir sans recompense (Thöoph.). Quiltez donc la soutane, 
ou rachevez d'user (Scarr., Com.). Si vous etiez si faible, et votre sang 
si tendre, Qu^on Veiii impunement commence de re'p andre (Rotrou). 

Zu den § 154 Anm. 2 erwähnten Fällen vgl. Alors vous lui ren- 
drez le service fidele Que vous lui fit vouer le seul hruit qu^on fait 
d^clle (Rotrou). — (Vne chaine) Dont la me'chante, ä chaque fois Que 
quelque äme la dedans enire, Vous me la frotte dos et venire (Scarr., 
Virg.), wo zwei ethische Dative gesetzt sind. 

Das betonte pers. Pron. als unbezeichneter Dativ ist zwar im 
XVII. Jahrhundert nicht mehr anzutreffen, doch scheint auf jenen Ge- 
brauch zurückzuführen zu sein S'ü peut par son amour se rendre sup- 
portable, 11 lui sera bien doux^ et moi bien supportahle (Rotrou). 

Als ein früher vorkommender Latinismus ist die Verwendung 
von soi zu bezeichnen in dem § 14d zitierten Des merites ... qui n*ont 
rien de pareil ä soi (Malh.) und 11 ne peut ailleurs choisir Vobjet qu*il 
aime, JM d*un egal a soi faire un autre soi-meme (Rotrou). 

Wie früher soi nach Präpositionen ohne Reflexivität für das 
Personalpronomen der dritten Person gebraucht wurde, scheint dasselbe 
auch noch zu stehen De quelque cote que je dresse mes pas, La solitude 
en soi ne se rencontre pas (Rotrou, La Cälim^ne I, 1), wo offenbar 
en soi auf quelque cote geht, also = y ist, denn im Munde eines na- 
türlich sprechenden Mädchens, das über eine Gegend sein Entzücken 
äusseirt, kann das en soi wohl keine andere Bedeutung haben. 

Soi-mime in Beziehung auf einen plural. Personennamen § 13d: 
3Iais re'iroite vertu messied aux je un es gens, Qui peuvent quelque fois, 
ä soi' mime indulgents, Suivre quelque desir oü leur äge les porte (Rotrou). 

Das unbetonte Possessivum vertreten durch das betonte 
Personale mit de (§ 14, a) habe ich nur in solchen Fällen gefunden, 
wo das Pronomen stark betont ist, wie bei De lui le silence, et de r autre 
la voix Te de'truiront assez (Rotrou). N'y suis-je pas alle par votre 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVIL Jahrhunderts. 205 

Charge exfr esset — Le moi? (Id.) D' eile ü n'implore plus ni la pitiä 
ni Vaide (Desmar.). Nicht als Beispiel des altfrz. Gebrauchs ist anzu- 
führen Lucrece avait irouvä, sans doute ä Vinsu d'elle, Dom Louis 
(Scarr. Com.)i da bei solchen präpositionalen Wendungen der Gebrauch 
schwankte, vgl. Le sage ^vique parait ä son coie (Desmar.). 

Attributives Poss. statt des Dativs des Personale (§ 1 5) ist durch zu 
wenige Beispiele belegt, vgl. noch Arrache tes cheveux, meurtris ton 
sein de coups (Rotrou.). Q^^ f arrache son cwur (Id.). Elle rompt ses 
cheveux, dechire son visage . . . meurtrit son sein de coups (Id.). Ette 
se mit ä arr acher ses cheveux (Scarr., R. C. III). Vainement ses yeux 
ü frotta (Scarr., Virg.) Mneas sa barbe arrachait (Ibid.). (Elle) s^aban- 
donne au depii qui dechire son cceur (Scud.). 

Z^ur statt son in Beziehung ^wi chacun (§16 Anm. 1): Les deux 
rois ennemuf attendraient Cevenement du combat, chacun ä la tSte de leur 
armee (M^^® de Scud.). Ils tomberent d'accord de se rendre compte de ce 
qu'üs apprendraient, chacun de leur cöte (Ead.). 

Das betonte Possessivum in attributivem Gebrauch (§ 17) 
mit dem bestimmten Artikel ist bei Scarron oft zu finden, besonders 
im Virg. Fast immer ist das Pron. dem Subst. nachgestellt und steht 
im Reime, z. B. Voici lautre . . . Bailli dans le boura vötre Fait-on 
dvec trois os insulte au bien d'autrui? (Com.) Peut-etre que dans la 
peur notre Tai pris une chose pour lautre (Typh.). A d^autres, Si sur 
les sacrifices notres Tu fondes tes meilleurs repas (Virg.). Sans y 
mettre beaucoup du voti^e, Vous pouvez bien au peuple notre Bardonner 
(Ibid.). L*un vaut lautre, Mais reprenons le discours notre (Ibid.). So 
auch im Vokativ // dit: „0 camarades notres (reimt mit D^avoir crie' 
comme les autres) (Ibid.). Aber auch Ton gener e%ix, ton adorable maiti^e, 
Le mien ami se souviendra peut-Stre Du nouveau den que ton dernier 
bittet Fit esperer ä son humble valet (Po^s.). Mit dem adj. Demonstrat. 
ist das Poss. für Rotrou durch zwei Stellen von Sölter S. 43 belegt und 
scheint auch sonst nicht vorzukommen. Aus Scarron's Komödien ist 
hinzuzufügen: Cette mienne lame N'aura plus de foumeau que celui 
de votre äme. Mit Indefiniten verbunden ist das Pron. Je lai vu , . , 
Prendre un autre sien camarade (Scarr., Virg.). Que si les prix sont 
pour les autres, Vous aurez quelques presents notres (Ibid.). 
Quelque mien ami louvrira [Scarr., R. C. III). 

Das demonstrative Neutrum ce (§ 18) ist nur von Scarron 
in altfrz. Weise gebraucht, vgl. Que votre niece soit bien sage, et ce 
faisant, quelque somme d^argent pourra la satis faire (Com.). Ce conside're, 
Monseigneur, Tirez-moi d*un si g7'and malheur (Virg.). fCe neanmoins 
Quilles y vinrent (Typh.). Si la mer nous avalait tous, Et ce par notre 
ne'gligence? (Virg.) Et ce, tant incivilement, Que etc. (Ibid.)] 

Ce als Subj. bei Stre ist vernachlässigt (§ 19): A moi serait 
grande folie De rapporter exactement etc. (Scarr., Typh.). Et serait 
pure riverie De croire que etc, (Id., Virg.). Je ne lui pourrais parier 
d'amour qu*en tremblant, füt pour moi ou pour autrui (M"® de Scud.). 
Mais qu'aucun ne füt plus capable de vous plaire, Serait d'un mal honteux 
passer en un contraire (Rotrou.). 

Cela statt il findet sich nicht nur bei itre als Subj. (§ 20, b), 
sondern auch A quoi sert cela de le dissimuler? (Racan.) 

Adjektivisches ce = dem bestimmten Artikel (§ 21, a): Pareil ä 
ces enfants que la peur de mourir Touche moins que laspect de qui les 
veut gudrir , . ., Tel votre lache cceur tremble au simple conseil etc, 
(Rotrou.) Nest'Ce pas faire comme ces gens qui depensent taut ce qu'Us 
ont ä la cour pour essayer d!y faire lewr foriune? (Racan,) 



206 A. Baase, 

Dass die sabstantivischen ceitm-dt Beltener cetie-ci, icelui, iceüe 
(§ 23) bei Thäophile und Scarron, auch in der Prosa, vorkommen, mag 
angemerkt werden. 

Als Determinativum erscheint bei Scarron im Virg, noch der 
alte Nominativ eil, vgl. ma soeur, faui-lui bien comprendre, Comme 
Ronsard äii ä Cassandre, Qu'ä moins gue Dolope soudard^ On eil donl 
rhomicide dard Mit Hecior dans la se'pulture, 11 devrait iire, le parjure, 
Pitts reconnaissant ä Didon (1. IV). Die Stelle ist nicht etwa wörtlich 
zitiert, sondern lautet bei Ronsard: Je ne suis point, ma gnerritie 
Cassandre, Ni Myrmidon, ni Dolope soudard, I>ii cet archer dont rhomicide 
dard Occit ton frere et mit ta viUe en cendre. Übrigens kommt eil auch 
bei Rägnier (Litträ) und selbst bei Diderot vor (Tobler V. B, S. 200.). 
Dass celui ohne Ortsadverbium durch das Prädikat vom Relativum ge- 
trennt ist (§ 24 Anm. 1), wird von Sölter S. 45 für Rotrou durch zwei 
Stellen belegt; andere Beispiele des bei diesem Autor noch nicht 
seltenen Gebrauchs sind: Celui rCa point peche gut dans larepentance 
Temoigne la surprise. Celui dort sürement gui dort dans finnocence. 
Celui possede assez de gui le ciel a soin. Celui n'aime pas bien gui 
peut tot se venaer. Celui ne peche pas gui peche sans dessein. Celui 
se plaint gui orüle. Sonst habe ich dies nur noch beobachtet Celui 
seid voit cotder heureusement ses jours Qui dans tous ses besoins 
nHmplore le secours Que du Dieu gui crea etc. (Racan). Celui n'a rien 
ä redouler Dont les fautes sont pardonne'es (Id.). Celui certes, berger j 
est digne de mourir Qui voit sa guerison et ne vent pas guerir (Id.). 

Die im Altfrz. beliebte Zusammenstellung von ceux und ceBes 
findet sich bei Scarron Enfin tous ceux et toutes Celles, Tant les mäles 
gue les femelles, Qui fönt les vivanis enrager (Virg.), ebenso im R. C. III. 
U etait atter{du avec impaiience, principiUement de ceux et Celles gui 
devaient se marier. Cette troupe avait si fort gagnd les bonnes gräces 
de toute la noblesse . . ,, gue ceux et Celles gui la composaient n*allaient 
point au the'ätre . . . gu^avec grand cortege. Ebenso chacun et chacune: 
Cor entr^eux chacun et chacune äiit son rang sehn sa fortune 
(Scarr., Typh.). 

Der Bedeutung eines Indefinitums nähert sich celui (§ 26) auch 
in Sätzen wie Fous me connaissez mal, ce nom ne nCest point d&. Et 
vous ites celui gue je n^ai jamais vu (Rotrou) und Je suis celui qui n'ai 
jamais rien fait d'agreäble aux yeux de Dieu (Scarr., Nouv.), wo man 
entschieden guelgu^un, un homme sagen müsste, das der Sinn der Sätze 
erfordert. 

Zu dem Gebrauch des bestimmten Artikels ist es nicht 
nötig, weitere Beispiele beizubringen, da die Autoren nichts bieten, 
was besonders hervorzuheben wäre. Nur das ist zu bemerken, dass 
Scarron, welcher in seinen Gedichten und Komödien von den übrigen 
Autoren sich nicht uqterscheidet, im Typhon und Virg. den bestimmten 
Artikel sowie das partitive de mit dem Artikel und ohne denselben 
sehr oft vernachlässigt und hierin ebenso frei verfährt wie Lafontaine 
in seinen Gontes, welchen jene Dichtungen auch hinsichtlich der sehr 
freien Wortstellung an die Seite zu setzen sind. Auch die Fälle, in 
denen abweichend vom heutigen Gebrauch der bestimmte Artikel ver- 
wandt ist, Hessen sich nur durch einige Beispiele vermehren. 

Von den Relativen wird attributives ^t^/ angetroffen : Mais ils 
craignaient sur toutes choses Qu'occire eüe ne les voulüt, Apres quel 
mal, point de salut (Scarr., Virg. 1. V, v. 14). 

Substantivisches qui im Plural (§ 40 Anm« 2) findet sich Vous 
verrez dans les chants qui stdvent Gemme mal meurent qui mal vivent 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVIL Jahrhunderts. 207 

(Scarr., Typh., III der Schlussvers) Ebenso ist qui pluralisch La 
demeure, les Mens, . . . tout humain inte'rit Doivent Stre communs ä gut 
la couche Fest. Mais que, comme ta vie et comme la fortune, Leur 
creance toujours leur doive ^tre commune^ . . . Aucun droit n*etablit cette 
necessite (Rotrou, Saint Genest III, 4). Dass das subst. qui sehr oft 
bei Rotrou nach Präp. auftritt, wird von Sölter S. 47 bemerkt; in den 
Fällen, welche er berührt, kann man es auch heute sehr wohl sagen, 
dagegen kaum noch in Sätzen wie Cest de qui Je me veux plaindre 
aussi = de lui que. 

Der ursprüngliche Nominativ des Neutrums (ce) que begegnet 
noch abweichend vom neufrz. Gebrauch Ce qu^ ayant ete su par Mariesie, 
eUe nCen avertit (M"« de Scud., IV, 19), wenn man nicht eine Nach- 
lässigkeit des Druckes annehmen will. Da im XVI. Jahrhundert das 
ae que noch so vorkam, die Ausgabe von 1654 sonst ziemlich korrekt 
ist, scheint das nicht gut angängig. 

Zu § 35 Anm. 2 (Akkus, ce qf*e als Angabe des Masses zur Grund- 
bestimmung dienend) vgl. Des Honneurs qui me rendraient considerable 
parmi les miens au delä de ce que je le puis iire par ma ttaissance 
(Thäoph.). Es braucht kaum bemerkt zu werden, dass in Sätzen dieser 
Art die § 6, 2 besprochene Erscheinung der Wiederaufnahme eines 
Relativs durch ein Personalpron. für das prädikative ce que stattfindet. 
Vgl. noch I\t ne doutes donc plus que je ne faie aimd Tout ce que 
peut aimer un cceur bien enflamme? (Scarr., Com.) EUe alla retrouver 
son impatient amoureux et lui rendit compte de ce qu'eUe avait avancä 
(Id., Nouv.) = „wie weit". Mais je sais ce qu'au ciel deplmt la perfidie 
(Rotrou) = „wie sehr". Dieser Akkusativ ist dem § 51, b und hier 
weiter unten zu erwähnenden adverbial gebrauchten nV« und quelque 
chosc an die Seite zu stellen, in denen man ebenfalls Akkusative des 
Masses zu sehen hat. 

Das auf einen Satz bezogene Neutrum qui ohne determinatives 
ce erscheint sehr oft nur dann, wenn das Prädikat ein mit itre ange- 
fügtes Subst. ist. Für den anderen Fall (§ 85, b) lassen sich jedoch 
noch mehr Beispiele beibringen, so Vous eussiez etd bien aise d^epargner 
la peine de les controuver, car votre esprit de soi n'est pas trop inventif, 
qui me fait croire que vous ne m^avez impute que ceux que la pratique 
vous a appris (Th^oph.). Et mime Fon me fit porter trois ou quatre 
enfanis au baptime, avec des fiUes des meiUeures maisons de notre 
voisinage, qui est ordinairement par ou fon commence pottr reussir aux 
mariages (Scarr., R. C. III). Quand VerviUe aurait mis fin aux affaires 
qu'ü avait ä Rennes, qui serait dans une quinzaine de jours au plus 
tard (Ibid.). 

Prädikatives que auf cehä bezogen (§ 85 Anm. 4) findet sich 
auch sonst, so Toi qui vis le chaos enf anter la nature. De celui que 
tu fus vivante se'pulture, Ombre ä qui riend* humain ne reste que la voix 
(Rotrou"). Reprisentons celui que je suis devenu (Id.). Mon penser se 
confondt et celle que je fus En celle que je suis ne se retrouve plus 
(Id.) Cet Artamtne . . . rCest pas v&itablement celui que je veux qui 
le soit (M"" de Scud.). Si j*etais celui que V09is pensez que je sois^ 
croyez etc. (Ead.). Diese Fügung scheint mir durch eine Attraktion ver- 
anlasst, wie z. B. auch in Le sort n^est point celui qui fait les differences 
(Rotrou) offenbar eine solche vorliegt, resp. eine Konstruktion nach 
dem Sinne zu sein. 

Als relativifiches Neutrum erscheint bei Scarron wiederholt qt4ani 
in der Wendung ^uant est de = quant ä, pour ce fui est de, eine 
Wendung, welone la der älteren Sprache vorKam (b. Littr^ s. y. ßistj, 



208 A. Haase, 

80 Quant est de tnoi, Je votis revere (Virg. 1. V). Eit quant est de 
notre destin, La grand^mere des dieux, Cybele, Me fall demeurer aupres 
d^eUe (Ibid., 1. II). Et quant est de lui, qu^ii e'tait digne dusceptrequü 
portait (Typh.). Quant est de moi, jestime Amadis gr andement (Com.). 

Dont als Attribut eines von einer Präposition abhängigen Sub- 
stantivs (§ 37, b) bietet Heurtux ceux qni . , . Reverent PEternei . , . 
Et dont son setä amour imprime dans leurs cmurs Le respecl et la 
crainte (Racan). Freilich steht hier das Possessivum, doch wurde das- 
selbe auch sonst zu einem attrib. dont regierenden Subst. gesetzt, z. B. 
Aurele dont Cespoir allege ses soucis (Desmar.) (vgl. Deux personnes 
de qui fetat present de leur fortune paratt iire si dissemblable (M"* de 
Scud.) und § 37 Anm. 2), so aass man hier eine ähnliche pleonastische 
Ausdrucksweise sehen kann wie § 6, 2 und nicht anzunehmen braucht, 
in dem ersten Beispiel sei der Verfasser aus der Konstruktion gefallen. 

Der § 37 Anm. 4 aus Lafontaine'« Contes belegte Gebrauch des 
auf einen Satz bezogenen dont ist bei Scarron im Virg. nicht selten, 
z. B. // respecta mes cheveux m*is, Se laissa toucher ä mes cris. Et de 
son vin il me fit boire, Dont tl acquit beaucoup de gloire. Les entraiUes 
(Qui) sentaient bien fort les tripailles, Dont le nez eile se boucha. Ainsi 
dame Pyrgo parla, Dont, depuis, tout fort mal alla. Quelques-uns par 
delä le cou (plongerent dans feau), Dont ils burent plus le soüL 

, D'oü statt des possessiven dont (§ 38 Anm. 2): 11 les mena droit 
ä fEcu, D*oü Chöte eiait un peu cocu; Sa femme e'tant un peu coquette, 
Qui certes fut bien satisfaiie De voir chez eile ces beaux dieux (Scarr., 
Typh.). Eine andere Auffassung des d^oü scheint mir durch den Zu- 
sammenhang ausgeschlossen. 

Chi in Beziehung auf ein unmittelbar vorhergehendes ce (§ 88 
Anm. 2) ist bei Thäoph. öftets zu finden, z. B. Non seiilement le con- 
traire ne regoit point son conlraire, mais aussi quelque chose de contraire 
ä ce oü ü va. Je lui dis . , . que nous n^etions point des gens incapables 
de persuasion pour tout ce oü nous trouvions quelque apparence. 

Zu vers oü (§ 38 Anm. 3) vgl. (Elle) prit le chemin de Madrid, 
devers oü eüe fit aussi m^rcher son bagage (Scarr., R. C). Littrö s. 
oü 9® gibt ein Beispiel aus M"® de Scud., ohne diesen Gebrauch zu 
beanstanden, doch wird man, glaube ich, schwerlich noch vers hinzu- 
fügen, wo oü allein schon völlig genügt, wie auch Vers oü Npaule 
gauche ä la gorge est conjointe, Le sacrÜege fer ... Se faitjour (Chapel.). 
Vers oü dans un marais, pres du bord de la Seine, La BastiUe commande 
et la viUe et la plaine . . . C<? heros ä grands pas jusqu^au fosse s'avance 
(Id.) u. ä. Auch wird man in Fällen wie // tourna la tite vers oü il 
croyait ouir du bruit (Scarr., Nouv.) gewöhnlich du cote que sagen. La 
vor oü, das sich auf ein Subst. bezieht, kommt wie früher noch vor 
11 se rendit au camp de la Rochelle, la oü, comme vous avez pu savoir, 
le siege fut fort opiniätre (Scarr. R. C. III.). 

Statt des auf einen ganzen Satz bezogenen oü = quand (§ 38, g) 
tritt ici que auf: Et ce dernier assaut ne vous peut-il dompter Ici que 
la victoire est tant ä redouter, Ici qu' eile vous öte une offre siparfaite, 
Ici que la couronne honore la defaite? (Rotrou.) 

Zu der § 39, f erwähnten Konstruktion sind als besonders zu 
beachtende Beispiele hinzuzufügen Pendant le discours de Sohn, 
Philoxippe qu'il y avait de ja longtemps qui avait bien de la peine 
ä ne finterrompre point, ne put plus s-en empicher (M"* de Scud.). 
11 le laissa avec une joie qu*il y avait longtemps qui n* avait trouve 
place dans son coeur (Ead.). 11 y avait un komme . , „ qu'il y avait 
de ja assez longtemps qui e'tait ä Gmde (Ead.), Stellen, die sich nur 



Ergänzende Bemerkungen zur Syniacc des AVIL JaJtrhunderis. 209 

erklären lassen, wenn man annimmt, dass das gut in jener Konstruktion 
auf ursprünglichem qu*il beruhte und in der Folge auch in Beziehung 
auf Feminina unbedenklich verwandt wurde. In Divers petits amours 
qui semblent qui s^elancent (Scud., Alaric 1. III), Derriere ce heros 
qui semble qui soupire (Ibid.). Mais craignant de donner connaissance 
de ce qui eiait si necessaire qui füt cache, je crus etc. (M^^** de Scud. 
IV, 561) liegt ebenfalls jene Konstruktion verschmolzen mit persönlich 
gebrauchtem sembler und ü est necessaire vor, wie ja sembler vielfach 
früher persönlich vorkam, wo die neuere Sprache es unpersönlich ge- 
braucht, so dass das zweite qui = qü'il ist, vgl. dazu aus M^** de 
Scud. Quoiqu'elle eüt re'solu de ne se parer point et de parätire la plus 
ne'gligee qui lui seraii possible, eile ne put en venir ä bout (II, 371). 11 
la Vit donc et lui repre'senta de teile sorte Finjustice de Cre'sus et Celle 
du roi de Pont, qui la fon^a d^avouer etc. (II, 190) (s. auch § 35 Anm. 1). 

Das interrogative quel ist =: neutralem kquel in dem von 
Sölter S. 48 zitierten Je doute quel des deux est moins m^assassiner, 
Ou de la retenir ou de T abandonner (ßotrou) (s. § 41 Anm. 1.). 

Substantivisches quel ist auch in der Prosa oft genug zu finden 
(§41, c), vgl. noch Taut cela (d. h. leide ich) par je ne sais quelle, 
Qui parce qu*on me trouve belle, Dit partout que je ne vaux rien (Scarr., 
Yirg.), was dem substantivischen quelle que im verallgemeinernden 
Konzessivsatze (§ 45 Anm. 2) an die Seite zu stellen ist. 

Man kann zweifelhaft sein über qui in Sätzen wie die § 42 
Beispiel 10 u. Anm. 2 zitierten, denen sich noch andere hinzufügen 
lassen, z. B. QuHmporte qui me tue, ou sa bouche ou ses yeux? (Rotrou). 
JNHmporte qui Facquikre, ou la force, ou Cadresse (Id.). Belas, en cette 
peithe Qui le doit empörter, ou Camour, ou la haine, Je souhaite et je 
crains d'apprendre son trepas (Id.). Sicher ist, dass die neuere Sprache 
sich nicht so ausdrückt, sondern entweder ce qui oder leqnel anwendet, 
je nachdem sie das Fragepronomen in Beziehung auf die folgenden 
Substantiva, um deren Auswahl es sich handelt, setzt, oder nicht. So 
ist zwiefache Auffassung möglich, wie auch £t qui doit Pemporter, ou 
Camour, ou la haine? (Rotrou) ö'm« ebensowohl Neutrum sein als = lequel 
stehen könnte ; an Stelle des letzteren ist dasselbe verwandt En m^me 
temps je Faime et je la hais, Qui de ces passions f empörte je ne sais 
(Scarr., Com.). 

Unendlich oft ist bei den Autoren des XVII. Jahrhunderts je ne 
pnis que faire scheinbar = neufrz. je ne sais que faire zu lesen, z. B. 
Je ne vous puis qu'offrir apr^s un diademe (Rotrou), Je ne puis que 
comprendre en tout cet artißce (Id.). EUe ne pourrait comment 
Vattacher (M"* de Scud.). 11 ne pouvait que penser de cette aventure 
(Ead.). Dass jedoch diese Wendung nicht ganz mit der neufrz. identisch 
ist, beweisen Stellen wie Ainsi sans savoir ni pouvoir que faire, ils 
regardaient ce chariot (M"« de Scud. IV, ll) 11 ne savait qu'en penser, 
et ne pouvait par ou Irouver les voies de remettre etc. (Ead.). 

Als Nominat. des Subj. in der indirekten Frage habe ich quoi 
(§ 42 Anm. 3) noch gefunden N*aveZ'VOUS point sur vous quelque bon 
cure-oreille? Je ne puis dire quoi me chätouüle dedans (Scarr., Com.). 

De quoi im Sinne des neufrz. de ce que (§ 42 Anm. 4) ist für 
Rotrou von Sölter S. 46 durch zwei Beispiele belegt. Andere Beispiele 
aus demselben Autor sind: On murmure lä-bas De quoi le del di/fere 
un si juste trepas (Le Filandre V, 8). Sois beni, juste del, de quoi 
cette province Dans le fils de son roi retrouve enjfin son prince (Don 
Lope de C. IV, 5). Dazu Je me trouve e'tonne de quoi je suis vivant 
(Th^oph,). Ferner findet sich de quoi auch für de ce que in den Ver- 

Zacbr. t firi. Syr. u. Litt. ZI^. ^^ 



210 J. Baase, 

wendnngen, in welchen dieses im XYII. Jahrhundert vorkam (§ 108), 
BO Je crois que la poste'rite ne doii point irottver mauvais de quo i je 
ne rentreiiens que des folies de ma Jeunesse (Kacan). Ce Corps Charge 
de chames N*est reffet ni des lois m des raisons humaines, Mais de quoi 
des chre'iiens fai reconnu le Dieu (Rotrou, Saint Genest III, 4) und 
endlich aach rein kausal = parce que Aucune passion ne iraversaii 
mon bien, Et je m'aimais aiors, de quoi ß n'aimais rien (Rotrou, La 
Pelerine amoureuse, III, 5). Wenn man zu diesen Stellen vergleicht 
den indirekten Fragesatz nach Verben des Affekts (§ 43 Anm. 8) M 
nCa pris une. mime defiance des persuasions de Socrate, et mkdbahis 
pourquoi je commence ä me dädxre de son opinion (Th^oph.). Admirez, 
seigneur, comme quoi la prudence humaine est homäe (M^^* de Send.), 
wenn man ferner das unendlich häufige de qvoi beim Infinitiv berück- 
sichtigt, z. B. Cherchant de quoi hmr ce ghrieux amant. Je voyais etc. 
(Rotrou), wenn man endlich interrogatives und relativisches de quoi in 
den § 109 zitierten Stellen hinzunimmt, denen sich noch viele andere 
hinzugesellen, z,B, De quoi pälissez-vous? (Rotrou). Elle sHmagina que ce 
changement dtait concertd, de quoi eile entra en des si furieux transports, 
qu*eUe dit etc. (Scarr., R. G. III). Eüe fit la moue et la ftgue; De quoi 
ce grafid chef de la ligue Garda de honte et de d^pit Durant quatre ou 
cinq jours le Ut (Scarr., Virg.), dann scheint quoi sicher pronominal und 
zwar interrogativ und sodann relativisch verwandt. 

D*oü = de quoi (§48 Anm. 2) Ton amitiä . . . Qui ne saurait 
trouver . . . D^oü je suis aimaöle, Ne peut trouver ainsi de quoi nCaban- 
donner (Thöoph,). 

Zu der § 43 Anm. 5 erwähnten Mischung direkter und indirekter 
Frage vgl. Je lui repondis que non et qu'est-ce qu'ü voukut dkre 
(Scarr., R. C. III). Das in Scarron's Virg. oft vorkommende ^mV,;/-«;^ findet 
sich so als erstarrte und nicht mehr ihrem Wesen nach empfundene 
Verbindung, z. B. Sans nCenquerir pourquoi, ni qu'est-ce. 

Wie attributives quel in Sätzen wie Prenez quel livre ü vous 
plmt vorkam (§ 44, 1.), so auch substantivisches lequel: Auquel vous 
plaira mieux cnoisissez votre genäre (Rotrou). Es-tu Ubre ou captif? — 
Oui. — Mais lequel des deux? — Lequel des deux me platt, ou tous 
les deux ensemhle (Id.). 

Im verallgemeinernden Konzessivsatze erscheint attributives 
qtiel (§ 45, a) ausser in dem von Hellgrewe S. 18. zitierten Beispiel noch 
11 faut que je lui parle ä quel prix que ce soit (Scarr., Com.) und 
mehrfach bei Th^oph. Rien ne faxt une ohose belle que la präsence ou 
la communion du beau, de quelque fa^on et pour quelle raison qu'il 
arrive. A quel point que Phumeur le force de changer. A quel prix 
que ce soit, U en faut donc sortvr. 

Oviconque (§ 45, c): Vartifice est subtil, quiconque en soit Tauteur 
(Rotrou), und nicht prädikativ Quiconque vous ait fait cette fausse 
peinture , . ., 11 mourra (Id.). 

Das veraltete quoi qui ist von Sölter S. 48 erwähnt, ebenso 
Quoi qui en arrive, ü le faut attribuer ä la fortune (Malh.). Elle 
trouve ä redvre ä quoi qui se presente (Chapel.). 

Der § 45 Anm. 5 erwähnte Fall pour si utile qu^ eüe füt ist bei 
Thäoph. und Rotrou ungemein häufig und tritt in verschiedenen Arten 
auf. Sölter S. 49 belegt attributives quelque vor einem durch si ver- 
allgemeinerten Adj. A quelque si haut point que ce bonheur m^honore. 
Auszugehen ist bei der Erklärung von den Fragesätzen, in welchen 
attributives quel vor einem durch ^t hervorgehobenen A^jektivum steht, 
9, B. Quel si grand rot n^est point jaioux de votre eceur? (Th^oph.). 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVII. Jahrhunderts, 211 

En quel si beau marhre de Pare Dois-je graver des monuments Qui 
soient fideles ä ia gloire? (Id.). Quels si rares exploHs la rendent 
admiraUe? (Rotrou). Quel si pressant b esoin vous tire de ce lieu? 
(Id.) und 80 unendlich oft bei diesen beiden Autoren. Wie hier nach 
einer besonderen Art des Subst. gefragt wird, welches die durch das 
Adj. bezeichnete Eigenschaft in so hohem Grade, wie dieselbe that- 
sächlich vorliegt, oder gedacht wird, besitzt, so wird die Art eines 
solchen Subst. verallgemeinert in Et de quelque si grand me'rite 
Dont Chonneur flalte nos exploiis, II rCest rien de tel etc. (Th^oph.) = von 
welcher Art auch immer das so grosse Verdienst sei, Quelque si grand 
malheur qui jamais nCen arrive (Id.). Dass von hier aus auch ad- 
verbiales quelque zu dem durch si ausgezeichneten prädikativen Ad- 
jektivum trat, ist nicht befremdlich, da das neufrz. quelque vor dem 
prädik. Adj. ja auch aus dem. quelque vor dem attributiven Adjektiv 
hervorgegangen ist, vgl. Quelque si clairvoyant que soit Vesprit 
des hommes, Nous ne reconnaissons etc. (Rotrou). 

In Sätzen wie Pouvcz-vous ecouter ... Et, pour quelques raisons 
qui vous puissent armer. Verser le meilleur sang etc. (Rotrou, Don Lope 
de C. 111, 3). Des rivieres plittöt . . . rehrousseraient lenr course, Que 
pour quelque depit qui rebtite un amant, II cesse dHncliner et tendre ä 
son aimant (Id.). Et pour quoi qu'on en ait, on en a pour le jour (Id., 
Le Filandre I, 4). Et pour si peu de temps que je Tai vue, fai touie 
cette ide'e si bien imprimee dans le coeur etc. (Th^oph.), tritt pour in 
deutlich erkennbarer kausaler Bedeutung auf, wird jedoch in der 
neueren Sprache nicht angewandt, da das absolute Substantivum mit 
quelque resp. quoi que und si peu genügen. (Vgl. über dieses pour 
Zschr. f. r. Phil. XI, 445 ff.). Man kann in solchen Sätzen eine Ver- 
schmelzung der beiden Wendungen pour temps que faie und quelque 
temps que faie, der älteren und der jüngeren, sehen, eine Verschmelzung, 
die dann schliesslich der modernen Wendung hat weichen müssen. 

Aussi in solcher^ Sätzen wie Quoi qu*il ariHve aussi, vous ne la 
qnittez pas (Rotrou). 

Das veraltete comme que: Pour les hommes, ils se coucheraient 
comme que ce füt (Scarr., R. C. III). 

Unter den Indefiniten ist tout zu erwähnen, welches vielfach 
in der älteren Sprache zur Verstärkung anderer Wörter diente. Dem 
§ 46 Anm. 2 Gesagten ist hinzuzufügen, dass tout ainsi sehr offc vor- 
kommt, und tout aujourdlhui kann auch noch öfter nachgewiesen 
werden, z. B. Je saurais bienme tenir ici tout aujourd' hui (Th6oph.), 
Qui m*a tout aujourd^hui mis Täme ä la torture (Id.). Ma foi, tout 
aujourd^ hui ce cavalier et moi Nom vous avons cherche (Sc&rr.^ Com.). 
Be quoi tout aujourd^ hui II consentira donc? (Ibid.). Obstinez - vous 
tout aujourd'hui ä vouloir quHl vous rende votre portrait (M"® de 
Scud.). Ebenso findet sich tout vor attributivem les deux, wo es heut- 
zutage nicht mehr vorkommt, z. B. Et me faisant regner sur tout es 
les deux mers (Rotrou). Be tous les deux cot es les choses ne 
furent pas sitot en etat de pouvoir songer ä combattre (M"® de Scud.). 
Be toutes les deux fa(^ons dont fenvisage la chose^ je trahis le roi 
(Ead.). Ce qui fut accepte egalement de tous les deux partis (Ead.). 
Andererseits fehlt dieses tout vor ä coup, wie Be la, tombant ä coup 
en des frayeurs plus vives, II nCa semble d^errer aux infernales rives 
(Th^oph.), (wozu man vergleichen kann La lumiere qui feblouirait trop 
ä coup (Desmar.)), und in d^un temps, wie Et pour punir d^un temps 
Torgueü desordonne . . . Faiies etc. (Rotrou). 11 est aise de juger de 
ma peine Par l^effort qui d'un temps m' empörte et me ramene (Id.). 



212 J. Baase, 

Adjektivisches chacun (§ 47, a) kommt auch vor: Cesi ce JHeu . . . 
Qui . . . Of'donne le manotr ä chacun elemeni (Desmar., Visionn.). TJn 
chacun (§ 47, b) in indirekter Beziehung auf ein mit partitivem de 
folgendes Substantivum: Cesi que ma voix cherche des iraits Pour un 
chacun de vos atiraits (Id). 

Aucun im positiven Satze findet sich nur substantivisch, selten 
bei Rotrou (Sölter S. 48 und ausserdem Et d*aucuns qui ployaient 
craignant notre ddroute^ Ce grand homme . . . change etc.) und Thöoph. 
(Selon le sens d*aucuns Je voulais discourir Si ce n'est pas le feu etc.), 
oft in den Dichtungen Scarron's, z. B. Je n^ai point su commeni eile en 
fit le chemin, Aucuns oni dit sur un roussin (Po^s.). 11 disait qu'aticuns 
d'eux (de ces heaux espriis) ne sont bons qu'ä moucher les chandelles . . . 
Qu^ aucuns ä ce heau corps poun^aient servir de memhres (Ibid.). 
Aucuns commencerent par hoire (Virg.). fen puis Stre d^ aucuns bläme 
Mais aussi serai-je esiime (Ibid). Noire ville . . . Sans regret d aucuns 
fut laissee (Ibid.) und so sehr oft. Dass es mit dem von Hellgrewe 
S. 18 zitierten 11 avaii assez d'esprit et faisait assez hien de me'chants 
vers; d*ailleurs homme d'honneur en aucune facon, maiicieux comme un 
vieil singe et envieux comme un singe eine andere Bewandtnis hat, fühlt 
der Verfasser der Abhandlung selbst, da er sagt: „hier scheint es 
mehr dem englischen any zu entsprechen als für quelque zu stehen." 
Offenbar liegt hier ein unvollständiger negativer Satz vor = il n^eiait 
. . . en aucune fagon, also = „in keiner Weise", wie ja auch heutzutage 
en aucune faqon in derselben Weise sehr gebräuchlich ist. 

Aucune fois ist auch (§ 50, b) bei Racan noch öfters zu lesen, 
z. B. B est vrai qu'au matin aucune fois les songes Me de'goivent les 
sens. 11 suit aucunefois un cerf par les fouUes . . . Aucunefois 
des cJiiens ü suit les voix confuses, 

Adverbiales rien (§ 51, b) liegt in den gegebenen Stellen mit 
ne rien preiendre ä qc. eigentlich nur für die neuere Sprache vor, da 
man früher sehr wohl sagte pre'tendre qc, ä q. (qc). Ebenso konnte 
damals der Akkusativ als solcher noch empfunden werden in Deferez 
quelque chose au sentiment commun (Rotrou) Bourvu qu'ü promit 
que . . ., il defererait quelque chose ä mes prieres (M"* de Scud.). 
Ähnlich sina Et pour ne rien ce'der aux plus fertiles champs, Les 
rochers les plus durs ... Se laissent cultiver (Racan). Ma 7'aison 
s'accommode quelque fois ä mes de'sirs . . ., et cede quelque chose ä ma 
volonte. II me serait peut-itre plus avantageux. Im dts-je froidement, 
que votre volonte ce'dät quelquefois ä votre raison (M"* de Scud.) Doch 
scheint hier schon der Akkus, des Masses vorzuliegen, wie ein solcher 
deutlich erkennbar ist in Au prix de la vertu je ne les prise rien 
(Thöoph.). Von solchen Sätzen aus wurde dann rien rein adverbial, 
so dass dasselbe nicht mehr als Akkus, empfunden wurde, wie ja auch 
pas und point in ähnlicher Weise zu Adverbien wurden, . nur dass die 
Sprache dann später wieder rien auf den rein substantivischen Ge- 
brauch beschränkte. Vgl. noch Ne de'sespere rien, car je plains ton 
supplice (Rotrou). llrepondit qu^il n^avait rien oubli^ ä metire tous les 
secrets de la maaie en pratique, mais sans aucun effet (Scarr., R. C. III). 

Die im Altfrz. sehr beliebte Umschreibung durch corps (Tobler, 
V. B. S. 27 f.) erscheint noch bei Scarron, welcher corps d* homme -ne 
= personne -ne gebraucht, z. B. Corps d' homme n'etait avec moi 
(Virg. 1. II). Corps d' homme rCen re<;ut outrage (Ibid., 1. V). Ebenso 
findet sich bei Chapelain Sous le petit Rambert, le grand corps de 
Norgale, Parmi son sang fumeux, sa dure vie exhale. 

fful ohne ne beim Verbum (§ 52, a) habe ich nur noch gefaodea 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVI L Jahrhunderis, 213 

Un voleur, dont Vaudace ä nulle autre est pareille (Uotrou)^ eine Stelle, 
die darum nicht recht beweisend ist, weil die Wendung ä md autre 
pareil ohne das Verbum unendlich häufig war, man also sehr leicht 
dazu kommen konnte, dt7'e ohne ne derselben hinzuzufügen. Nul= aucun 
habe ich durch zu wenige Beispiele belegt; dieser Gebrauch ist sehr 
oft zu beobachten, z. B. im Grand Cyrus fast auf jeder Seite. Vgl. 
A-t-on vu jusqu'ici qne du nom des Adomes D'une etroile vertu nul ait 
passe les bomes*^ (Rotrou). Pouviez-vous croire qu*un ccßur out vous avait 
adoree püt offrir des voeux ä nulle autre divinite? (M"' de Scud.). 
11 sera difficüe que fen trouve en nulle pari (Ead.). II evita.,, de 
renconirer la princesse Istnne en nulle part (Ead.). Bien hin de songer 
ä vous faire nulle violence (Ead.). Car je ne pourrais pas sans cet 
ajustement Avec nul des mortels converser un moment (Desmar.). Sa 
marq^te, sans laquelle ü ne veut pas que nul s^en serve (Id.). Je ne vois 
pas qu*il ait eu nulle aveniure fächeuse en cette chasse (M"** de Scud.). 
11 ne lui etait pas possible (Tesperer Jamais nulle satisfaction en la vie 
(Ead.). Ce n' est pas que Je sente nulle disposition en moi qui etc, (Ead.). 
II ne crut pas que Manaane eüt nulle part ä la chuse (Ead.). Aussi bien 
n*est-il pas ä propo» de vous donne?' nulle emotion (Ead.). II rCy avait 
pas moyen de tirer 7iulle conjecture de tous les signes (Ead.). Ni CAn- 
glais n^est tombe, par nul autre ma/heur, Dans un gouffre si bas (Chapel.). 
Ni vous qui le sauviez,., JVe nul autre ici bas ne pourrait rempicher 
(Scarr. , Com.). Je m'en retournai , . . sans songer ni au chemin que je 
tenais, ni ä nulle autre chose (M"® de Scud.). Du moins vCaurai-je rien 
dans Pespit qui me reproche nulle inftd^lite, ni nulle negligence (Ead.). 
II ne restait nulle place pot(r nul autre sentiment (Ead.). 

Pas un = aucun, per sonne (52, b) ist ebenfalls unendlich oft bei 
M"* de Scud. und auch sonst häufig zu finden, doch brauchen die Bei- 
spiele nicht gerade vermehrt zu werden, nur der Fall verdient der Er- 
wähnung, in welchem pas un neben der Negation ne-pas (point) erscheint, 
wie Pas un n'aUa pas au contraire (Scarr., Virg. 1. VIII). Elle ne se 
priva pas un moment de la conversation de pas un de mes rivaux 
(M"® de Scud., III, 285). II n'y avait point de nom au-dessus de pas 
une lettre (Ead.). 

Mimement (§53 Anm. 4). II a trop de passion pour Hre croyahle, 
mSmement en une cause qu*il a faite sienne (Thäoph.). La nef, ainsi 
de'patronnee. Et mimement detimonnäe (Scarr., Virg.). 

Substantivisches maint (§ 54 Anm. 3) ist auch bei Scarr. im Virg. 
zu finden, z. B. Tydee, Adraste et maint s aussi Qui ne sont pas nommes 

ici G. II). 

Von den Zahlwörtern ist das früher beliebte un cent de zu 
erwähnen, z. B. Teile en trahit un cent, et se fait aimer d^eux (Rotrou). 
Bier fen blessai trois d!un regard innocent, D'un autre plus cruel Jen 
fis mourir un cent (Desmar.). (Elk) seule en vaut plus d'un cent 
(Scarr., Com.). 

Als Beispiele zu dem § 57 Anm. 3 erwähnten Falle, dass ein 
Subst. mit dem unbestimmten Artikel durch einen Superlativ be- 
stimmt ist, füge ich hinzu Je suis sans doute une des personnes du 
monde la plus sensible aux bienfaits (Th^oph.). B etait un des hommes 
du monde le mieux fait (Scarr., Nouv.). Cl^andre dtait assurement un 
des hommes du monde le mieux fait (M"* de Scud.), ein Fall, in welchem 
dieselbe Attraktion vorliegt wie die § 64, b erwähnte (wn des meilleurs 
hommes qui sott au monde). 

Unpersönlich gebrauchte Verba statt der persönlichen 
(§ 58, b): Je vous ai moins payS Qu'il ne vous »etait du (Rptrou). Je 



214 A. Baase, 

suis bien aise de vons pouvoir dire auparavani qu*il m'empire davon- 
tage, que si les dieux disposaieni de moi, je n'entends pas etc, (M"® 
de Scud.). Vous ne ia reconnattrez pas quand iwns la verrez, iani il 
lui est visiblement amende (Ead.). Les qu*il eut forme la resoluiion de 
retourner ä Clarie, il lui amenda, il dormit toute la mdt suivante (Ead.). 
Auch sind bei M"® de Scud. Konstruktionen nicht selten wie Jamais 
il ne s' est entendu parier d!une pareHle confusion ä celle de Bahylone, 
Jamais il ne s^est vu de gens de guerre pariir avec un plus violeni 
de'sir de vaincre. 

Transitiv sind abweichend vom heutigen Gebrauch (§ 59) noch: 
accroire: Alors, pour Texcuser, moi-mSme je Vaccrois {DeBmQ,r., Clovis). 
aspirer: Donne donc ä tes voeux quoi que ton cceur dspire (Rotrou, 

B^lisaire, I, 6). 
butiner: (11) s'apprite ä butiner Les plus cheres faveurs qu'un esprit 

peut donner (Id.). 11 butine les fruits d^une injusie victoire (Id.). 
clignoter: Vainemeni ses yeux il frotta, Les ouvrit et les clignota 

(Scarr., Virg. 1. I). 
decroitre: Sa compagtiie Naugmente ni de'croit ma froideur infinie 

(Rotrou). 
desesperer: Ses maitres, qui peidaient tous les leurs fenfants) des le 

berceau, la firent nourrice d^un garqon desespere des mede- 

eins (Scarr., Nouv.). 
discourir: Tout cela est tres bien discouru (Th^oph.). Quelque 

chose d'approchant ä ce que je vous en ai discouru (Id.). Quoi 

que Vaffection te fasse discourir (Id.). 
eclater: Tandis que de leur haine ils e'c latent des crimes Contre les 

pouvoirs legitimes (Racan). 
guerroyer: Vous les menerez Guerroyer les peuples du Itbre 

(Öcarr.). 
hucher: Elle siffle en paume les siens, Elle huche ses Tyriens (Id.). 
lutter: Et presque sans espoir il lutte en vain les flots (Uesmar., 

Clovis). De Vüettespont e'mn (ü) luttait les flots cruels (Ibid.). 

(Beisp. aus dem 16. Jhd. bei Littr^ s. v. Hist.). 
Wie obeir auch desobeir: Elle se serait vue de'sobeir pär une per- 
sonne qui ne le ferait pas en toute autre chose (Scarr., Lettr.) 
opposer: Et partout oü du camp se peut tourner Veffort, Sous cent 

aspects divers il oppose la mort (Chapel.). 
persuaaer: Je sens une chaleur d'esprit Qui vient persuader ma 

plume De tracer etc, (Thdoph.). 11 me dit de plus qu'il avait 

fait assez de progres aupres d'eüe pour Vavoir persuadee de 

lui donner la nmt entre'e dans son jardin (Scarron, R. C). 
pirouetter: Le vent la pirouette (ma barque) sur sa proue (Racan) 

Eure les pirouette et les tourne en furie (Scud.). 
rapprocher: Vesclave e'chappe rapproche la maison (Rotrou). Ne 

me rapprochez point (Id,). 
re'pondre: Pourvu que son esprit son visage reponde, Je crois qu*il 

vaut beaucoup (Rotrou). 
resister: Artameme desespere de se voir re'sister si longtemps (M"® 

de Scud.). 
tiddir: Mais du vin que Von repandit, Qu^elle but et qui la tiedit. 

Fit que etc. (Scarr., Virg.) 
voisiner: Une longue avenue Ü'arbres ä quaire rangs qui voisinent 

la nue (Desmar., Visionn.). 
voyager: Voyageant Vunivers de Vun ä C autre bout, Nous ne saurions 

fuir (Th^oph.). • 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVIL Jährhunderts, 215 

Zu den beireits gegebenen Yerben mögen noch da^ wo nnr ein 
Beispiel oder mehrere nur einem Autor entnommene angeführt sind, 
gestellt werden: Avec taut de bruit . . . , Que le coßur le plus ferme ä peine 
l^accoutume (Scud.). Ensuiie ä cet hymen vous le disposerez Par les 
plus doux moyens que vous aviserez (Scarr., Com.)* fordonnerai de 
consulter Vaf faire (Rotrou.). Mais les monstres denfer,,. Consul- 
tent les moyens den affaiblir le cours (Chapel.). 11 suffit que chacun 
dispute cetie question en lui-mSme (Desmar.). Je vous prendrais 
pour mon juge, Si favais quelque chose ä disputer comme euxQS}^^ 
de Scud.). Ei son coeur veut e'clore un espoir qu^ü reiient (Rotrou). 



Souvent la Jalousie ». . Par noire propre fauie e'cldt de grands mal- 
heurs (Racan). Ainsi courent les brmis des propos murmuranis, Par 
gut la foule ecloi ceni pensers differents (Desmar.). Aimant mieux 
hasarder le destin des batailles (J*) Assemble ce qu*Ü a de plus fa- 
meux soldats (Rotrou). Renviant pour sa gloire.,, L^exploit si 
renomme du valeureux Boraöe (Desmar.). 

Reflexiv gebraucht sind (§ 60) noch: 
se comhaitre: Ce'tait des gantelets setnblables Que des athletes redou- 

tables L*athlHe le plus redoute, Erix,,. Se combaitait ä ioute 

outrance (Scarr., Virg.). 
se däbarquer: Ahrs tout se de bar que (Scud.). Tout s'approche ä la 

fin, tout vient, tout se ddbarque (Id.). (U) ^tait arrive ä Madrid, 

Sans donner avis de Sdvüle, oü ü s'e'tait de'barque (Scarr., 

Nouv.). 
se d^libdrer: Mon desespoir en moi encor se ddlihere (Th^oph.). Je 

me de Hb erat de chercher mon salut en ma fnite (Id.)^ 
se donner de la tSte, contre q€. kommt öfter bei Scarr. vor, z. B. 

Elle tomba donc sur lui.,, se donnant de la tite oontre ceüe 

de sa fiüe si rudement etc. (R. C). JDom Marcos, qui se donnait 

de la tSte contre les muraiües (Nouv.). Maisc^etaii,,, Se donner 

du front contre un mur (Virg.). 
se feindre: Je veux contraindre ma öonscience de se feindre pour 

se condamner (Th^oph.). 
se tempSter: Mais cet <bU niest plus dans sa tHe, Dont jour et nuit ü 

se tempSte (Scarr., Virg.), 
se valoir: Ne tient-il qu*ä tromper, ne tient-ü qü'ä irahir, A cause qu'on 

saura se valoir de ses feintes? (Scarr., Com.). 
se vieillir: Les oraanes dontilse sert se vieillisseni et s^usent (Desmar.). 

Als Beispiele kann man hinzufügen A quoi F hotesse, sans se 
bouger de dessus le siege oü eile ätait, lui repartit (Scart., R. C. III). 
Et qui se prenant garde Que celui qui voit tout, en tous Ueux le re- 
garae, Se gouverne en tous lieux comme e'tant devant lui (Racan). II 
s*en va temps de penser ä la mort (Id.). 

Ohne das Reflexivum (§ 61) kommen noch Vor: 
abaisser: Mais Vesprii dun pauvre homme abaisse de moitie (Scan., 

Poös.). 
bouleverser: Enfin tout bouleverse, et Jamais le sokü N^dclaira dans 

son cours un desordre pareil (Scud.). 
consumer: Bs brülent sans reläche, et jamais ne consument (Racan). 

Les m^chants ... Brälent sans e*onsumer et sans pouvoir mourir 

(Id.). Je brüle, je consume, et ma lanptie alter ee Se coUe ä 

mon palftis (Id.). Ebenso consommer bei Rotrou, Sölter S. 55. 
eteindre: TJn feu qui n* steint point, luit et brüle dans ce gouffre 

(Scud.). (1^ Jette dans ce navire un feu qu*ü n'^teint pas (lo.). 
user: Elle {la table) est encore entiere et nus^ra jamais (Rotrou). 



^16 J, Haase, 

Hinzufügen könnte man noch Beispiele zu tfvanouir, z. B. Le 
Corps,., ei pourrit et ävanouit bientot (Th^oph.). Elle embrassa.., 
Don Carlos, gut pensa en evanouir cncore (Scarr., R. C). Nos peurs 
seront e'vanouies ßar ces mir ade s apparents (Racan), und einige 
Stellen, wo (wie in diesem letzten Beispiel) das Reflexivum in einer 
zusammengesetzten Zeit vernachlässigt ist; so kommt sehr ofb bei 
M"« de Scud. vor: 11 nous demanda, quand ü fut reiire dans sa chambre, 
ce que nous pensions etc, (II) fut irouver le prince Cle'obule dans son 
caUnet, oü ü e'iait retire il y avait dejä longternps, ferner (fl) ne laissa 
pas de ^assurer, aussitot qu*ü fut un peu remis de son e'tonnemeni, 
qu'elle n' avait rien ä crainare. Harpage, e'tant refugie en Perse etc. 

Die § 62, b erwähnte, heute nicht statthafte, Attraktion der 
PersondesVerbums nach celui qui kann noch durch mehr Beispiele 
belegt werden, vgl. Je suis celui qui n*ai jamais rien faii d'agreable aux 
yeux de Dieu (Scarr., Nouv.). Je pense Hre celui de tous qui Vai le 
plus rigoureusement e'prouve (M"* de Send, III, 65). Commefai ete celui 
qui ai eu Vhonneur de lui raconter iouie cetie histoire etc. (Ead. IV, 192). 
Jetais Celle qui leur apprenais les nouveUes de la ville (Ead.). — Vgl. 
auch noch: Je suis ce traitre, Cet amant non aime qui me vantai de 
VHre (Rotrou). 

Zu den § 63 Anm. 2 berührten vereinzelten Fällen des ab- 
weichenden Numerus lassen sich andere, ebenfalls nur vereinzelt zu 
beobachtende hinzugesellen: (Sitot) que le soleü fut leve, La plupart 
alla reconnattre Les flenves de ce lieu chämpStre (Scarr., Virg. 1. VII). 
Et que (== quoique) irop de raisons m'oblige ä m'en venger (Rotrou, 
Don Lope de C. IV, 5). Par quels humbles devoirs te puis-je satis- 
faire Qui ne me laisse encor la qualite dingrat? (Id., B^lisaire I, 6). 
// n^est ni monts, ni mers, ni campagnes, ni fleuves Qui de notre valeur 
doive empicher les preuves (Scud., Alaric 1. I). Wiederholt lässt sich 
noch folgender, von Tobler, V. B. S. 190 erwähnte Fall betreffen. Pas 
un des curieux qui vous ont observes. N*ont ä tant de me'pris cru mes 
jours r^serves (Rotrou, Don Lope de C. I, 2). Que quelqu^un de ces 
gens le saisissent au corps (Id., Les M^nechmes IV, 5). Pas un de 
ceux que je cheris. Et dont je fais mes favoris, Ne m'oni offert leur 
assistance (Racan). Nous lui demandämes s*il ne savait point si quel^ 
qu'une de ses amies Vetaieni venue prendre (M"' de Scud. IV, 323). 
Dazu kann man vergleichen Chacun de ses hotes lui presente une action 
qu^ils auroni faiie (Desmar.). 

Auch ist singularisches Verbum mit folgendem pluralischen Sub- 
jekt (§ 64 Anm.) noch sonst zu lesen: Ei des rochers soriit de nou- 
veUes fontaxnes (Racan). Ei des rochers flambants dun feu qui iout 
consume Sortira des charbons de soufre ei de bitume (Id.). Jpres 
ceUes-lä en vini quatre autres, portant deux cygnes (M"" de Scud. 
II, 612). — Vgl. ferner Cesi ainst, m*esi avis, que s'esi passS la chose 
(Scarr., Com., so oft). — Quel mepris obstine des hommes ei des dieux 
Vous rend indifferent et la ierre et les cieux? (Rotrou, St. Gen. II, 6). 

In Bezug auf die Tempora in hypothetischen Sätzen (§ 66, a) 
ist zu bemerken, dass bei Rotrou noch oft je dusse =^ ja devrais zu 
finden ist; in den früheren Stücken erscheint dieser Konjunktiv sehr 
oft, in den späteren wird derselbe etwas seltener, z. B. Vous dussiez 
souhaiier de la voir dans mes bras. Je vous dusse epargner en Phumeur 
dont vous Sies, Vous dussiez estimer cei honneur glorieux. Tu dusses 
rejeter ces doutes superflus» Suivani un compliment de longiemps affecie. 
Je dusse demander V4tai de ia sani4. Je proteste Venfer, les eaux, le 
firmameni, Ei iout ce que je dusse avoir de venertMe u. a. Auch der 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XV IL Jahrhutideris. 217 

§ 67 Anm. 8 berührte Fall kommt oft genug bei Rotrou vor, z. B. 
yissez, depuis irois ans , . . ^ Je dusse avoir connu, comme enfin je 
connoi, Le peu de volonte que vous avez ponr moi. Moi, dont le nom 
iout seid vous düt avoir ioticke. Tu dusses, Cleonte, En son infame 
Sana avoir noye sa honte. Uhymen düt avoir Joint nos jours, Voilä 
ce bei auteur de mes tristes soucis, Que ma triste confession düt avoir 
adouci. Je dusse avoir dejä consulte sa sdence. Sonst findet sich 
je dusse = devrais nur selten noch bei den anderen Autoren, wie Je 
nCen vais vous apprendre ici Quel düt Hre votre souci (Th^oph.). 

Je fusse = j'eusse ete (§ 66, b) begegnet nur selten, vgl. Mon 
esprit des longtemps füt reduit en vapeur S*il eüt pu concevoir une vul- 
gaire peur Cfh^oph.)* Leur raae füt sans toi de mon sang assouvie. 
Et sans toi, dans leurs mains, j aurais perdu la vie (Rotrou). 

Comme si mit dem Präsens (§ 66 Anm. 4): 11 m^aUegue un dieu 
Jupiter, Qu*il a peur de mecontenter, Ei les oracles de Lycie, Comme 
si le ctel se soucie De cettui-lä, de cettui-ci, II serait bien oiseux ainsi 
(Scarr., Virg. l. IV). 

Das Präs. Fut. nach guand mime (§ 66 Anm. 5) ist nicht selten 
bei M"" de Scudöry, z. B. Cette sagesse dont vous parlez n*aura rien ä 
faire gu'ä vous louer, guand meme vous m^aurez appris vos plus se- 
crhtes pense'es. Pourvu gue je voie Mandane, je serai toujours consoUs, 
guand mime tue ne me dira rien d'obligeant. Je faimerai ätemellemeni, 
guand mime eile ne m'aimera jamais. C*est powtant lui gui vous a 
refuse la porte et gui a ete cause gue Me'gabise est entre\ guand mime 
la chose se sera passe'e comme il le dit, und sonst. 

Unendlich häufig ist bei M"« de Scud. die § 67, c, d besprochene 
Angleichung der Tempora; Beispiele bietet fast jede Seite, es genügt, 
nur einige anzuführen, wie Quand il serait vrai gue je ne serais pas 
le plus haissable des hommes et gue j"* aurais renau un Service important 
au roi, s^il arrive gue . . . , toutes mes actions ne m^obtiendraient pas son 
affection. Ne paurrait-ilpas sHmaginer gue j^ aurais songe ä partager 
avec Cyrus la domination de taute FAsie? II saura gue Philidaspe, ce 
mime Ph, gu*il a tant hat, m*aura enleve'e, Si je ne vous croyais Väme 
extrimement ferme, je croirais gue la peur aurait un peu trouble votre 
raison en cet instant, — II ne fit pas la mime depense gu'il eüt faite, 
s*ü eüt cru gu'effectivement Spitridate eüt ete Cyrus, Je pense gue si 
eile n'eüt eu peur gu* Antigene Veüt vue mal danser, eile n'eüt pas 
mime ete en caaence. Nous fümes bien etonnes, guand nous fümes Orrives 
iout au haut de cette tour, de trouver gue le roi . . . etait alle pour con- 
stdier cette femme, car ceriainemeni si la princesse eüt su gu^il y eüt 
ete, eile n'y füt pas aUe' ce jour-lä. 

Zu § 67, e vgl. Lors tu seras honteux gu*en mon adver site' Je 
faie tant de fois en vain solliciie D* avoir abandonnd le irain d*une 
foriune QuHl te fallait avoir avec moi commune (Thöoph.). Enfin Amesiris 
n*a point du ?'ecevoir cette lettre depuis gu'eüe est ma femme et moins 
encore Vavoir conservee (M"*» de Scud.), und zu § 67 Anmerk. 4 
vgl. N^es-tu pas son esclave? Et ne voudrais-iu pas fitre tirä des fers? 
worauf der Angeredete antwortet: Sehn les moyens gui rrCen se^^aient 
offerts, Car je ne voudrais pas acheter de ma fuiie ete, (Rotrou). A Va- 
voir en fr einte (la loi) il y va de ma tite (Id.), das Gesetz ist aber 
noch nicht übertreten. M'Ster la vie Serait bien moins gue me P avoir 
ravie (la beaute) (Id.). 

Die Bildung der Tempora composita ist zwar vom Verf. 
in seiner Syntax absichtlich nicht behandelt worden, jedoch möchte 
er hier bemerken, dass in Scarron*s Yirg. zweimal reflexive Verba mit 



218 J. Haase, 

avoir das Perf. bilden, was im Altfrz, vorkam, vgl. EMe dwtiit eu cor- 
ronon Par la irop longtte friction. Et s'anrait faii mal ä la Croupe 
(1. V). EUe a vovlu, la male biie, Achever la flotte par feu. Et vraimeni 
s^en a fallu pen, Si son man,,. DPeüt fait etc. (Ibid ). Ausserdem ist 
es der M"" de Scud. eigen, die Perf. und Plusquamperf. intransitiver 
Verba wie venir^ partir u. ä. durch fai ete\ favais ete zu bilden, was 
in der früheren Sprache vorkam und genau dem fai eu donne entspricht, 
wie sie denn solche Perf. unendlich oft auch bietet, vgl. M e'tait mort 
un moment apres qu'ü avait ete sorti de cette cahane (I, 51). Cet 
komme avait laisse tomber des lahlettes quHl avait ramassees, apres gu^il 
avait ete parti {llf 1 04). Ce qu*eUe avait dit, qnand favais ete sort i 
de son cahinet (II, 116). Aussitot que Cyaxare avait ete arrive ä 
Sinope, ils etaient retoume's au camp. 11 rC avait pas ete pluiot parti 
d^aupres du roi, que ce prince e'tait entre (III, 35). Aussitot que la nuit 
avait ete venue, il e'tait monte sur un cheval (111, 397). II y en avait 
deux qui s^ etaient jetes dans la mei' pour V assister, et qui avaient ete' 
noye's sans le pouvoir faire (III, 394) und sonst. Infolge dieses Ge- 
brauchs befremdet auch nicht Je les sentais comme si elles fussent 
venues d^arriver (111, 181) = venaient d^arriver. 

Viele gute Beispiele zu den § 69—71 erörterten Umschrei- 
bungen finden sich in den poetischen Texten, doch thut es nicht not, 
die angeführten zu vermehren; nur das ist zu bemerken, dass faire 
mit dem Infinitiv zur blossen Umschreibung und nichts mehr sagend 
als das im Infinitiv stehende Verbum doch noch wohl mitunter sich 
betreffen lässt. Wenn man zweifelhaft sein kann über De quels ruis- 
seaux de pleurs le rappaiserez-vous Pour faire de'tourner de vos cou- 
pables tStes Les traits de son courrottx (Racan), so ist ganz zutreffiend 
Qui (un serpent) siffle et fait grincer la dent envenime'e (Desmar., 

Der Konjunktiv der Einräumung ohne que (§ 73, a) ist noch 
öfters notiert, doch nur in poetischen Stücken, z. B. Xa reine vienne 
ou non, que vous sert sa venue? (Rotrou). Mon pere lä-dessus fasse ce 
qt^ü pourra ... Si je yCai Dom Diegue . . . J^ veux bien n*epouser qWun 
vieil jalouoc (Scarr., Com.). Et qui (la mort) . . . Lindiscrete qu'eüe est, 
grippe, voulüt ou non, Pauvre, riche, poltron, vaillant et bon (Ibid.). 
Et la troupe qui m'environne, Soient amis ou soient ennemis, Ne ine 
peut servir, ni me nuire (Racan). Force gens disent que vous n^ites 
Autre chose que des somettes; Mais soyez sornettes ou non. Je vais 
commencer tout de bon (Scarr., Typh.). Si bien que voulussent ou non, 
Sur ies soldats d* Agamemnon Nous regagnämes la captive (Id., Virg.). 

Ebenso ist bei Dichtern oft que vor dem Konj. des Wunsches 
auch in solchen Fällen zu finden, wo das Neufrz. den alten Gebrauch 
bewahrt hat (§ 73, b), z. B. Que plüt aux dieux que le discotrrs des 
fahles Trouvät en moi ses effets veritables (Th^oph.). Que mau dit soii 
le nuatre avec son eloquence (Rotrou). Que beni sott des dieux le 
pouvoir adorable (Id.). Que puissent-ils m^öter aussi la vie (Id.). 
Que puissent nos neveux,.. Dans leur äme graver Pätemel souvenir 
(Racan). Que maudii soit le fou (Scarr., Com.). Que beni soyez- 
vous, Seigneur, Qui m'avez fait un mis&able (Ibid.). 

Dass sacke noch als Konjunktiv empfunden wurde, zeigen die 
vielen Stellen, in welchen es sackes geschrieben ist, z. B. Sackes donc 
au besoin fournir de la me'moire (Rotrou). Sackes que tout ce que la 
crainie a de bon et d^ utile . . . devient etc. (Scarr., Nouv.). Car sack es 
qu'il y a de ja deux jours etc. (M"^« de Send. IV, 367). 

Der Konjunkäv der Selbstanffordemng in der ersten Pers. Sing. 



Ergänzende Bemerkungen zttr Syntax des XVII. Jahrhunderts, 219 

nach einem Imperativ in der Alternative, wo Je veux mit dem Infinitiv 
oder das Präsens Indik. das Angemessenste wäre, findet sich oft bei 
Rotrou, z. B. Ou quittez-moi-la, ou que je vous la quitie. Sois pru- 
dente, Dorise, ou que je sois mueite. 

Im indirekten Fragesatze steht der Konj, (§ 74) Je me con- 
solerais de ne irouver de quoi Je ne pusse en mon mal me venger que 
de toi (Th^oph.). II ne se souciait pas par quelle voie il parvint ä la 
grandeur, pourvu qu'ü y arrivät (M"® de Send. II, 633). 

Der Indikativ statt des Konj. der Einräumung im verall- 
gemeinernden Konzessivsatze (§ 75, b) findet sich auch nach pour 
peu que, so Et je crois que pour peu que je vous entendrais, Ce 
serait un metier oü je me resoudrais (Rotrou). Pour peu que tes geiis 
rameront, Aisement ils surmonteront Le fil de mon ^^«/(Scarr., Virg.). 

Wie früher die Verallgemeinerung nur durch den Konjunktiv be- 
wirkt werden konnte , ohne dass dem Subst. ein indefinites Interroga- 
tivum beigegeben wurde, zeigen noch Sätze wie Prite ä ne re'server 
crime que faxe fait (Rotrou). Quel espoir que j^aie eu n*a sujet de 
renattre? (Id.), welche den § 75 Anm. 3 am Schluss zitierten an -die 
Seite zu stellen sind. 

Dass das emphatische Adjektiv im Sinne eines Superlativs noch 
nicht veraltet ist (§ 75 Anm. 3), zeigt Tobler, Z. f. r. Ph. XI, 442 f. 
Dasselbe findet sich auch noch ohne einen Relativsatz mit dem Kon- 
junktiv Elajit certain que c'etait un des vaillants hommes du monde 
{M^^ de Scud.). 

Der Indikativ im Satze mit que nach Ausdrücken des Wollens 
(§ 76, a) kann noch belegt werden: II me tarde dejä que dessus ce 
heau sein Ma violente ardeur n'accomplit son dessein, Attendant cet 
hymen qui te rend souveraine etc. (Rotrou). Je me sens tout de flamme; 
Je meurs que je ne vois cet objet de ma flamme (Id.). Quel respect 
me retient que des poings et des dents Je ne te fais rentrer ces termes 
impudents? (Id.). Qui me tient qu*en ce lieu je n*ecris de ton sang Le 
merite de Laure? (Id.) — Vereinzelt ist der Indik. nach accorder = 
eine Bitte gewähren, Que Votre Majeste m^accorde seulement Qt^en 
ce lieu Lysanor reviendra sürement (Rotrou, L'heureux naufrage, 
V, 4), wo die Bedeutung des Wunsches zurückgetreten ist. 

Der Konj. nach Ausdrücken des Beschliessens (§ 76, b): Amour 
a re'solu que je sois ta victime (Th^oph.). La justice .. . Res out que 
la guerriere . . , Souffre de sa valeur triompher les enfers (Chapel.). 
Vous avez donc resolu que je parte (M"® de Scud.). 

Der Konjunktiv nach esper er (§ 80) ist nicht selten bei Rotrou, 
z. B. J*ose encore esper er que dans cette aüSgresse Vous souffriez ä 
mon sexe un peu de f aMesse, Lorsque fesperais son retour et ma gräce. 
Et que le roi rendtt la paix ä cette place, J^eus avec Dorismond ce 
fatal accident. 

Der Konj. nach si &est (§81 Anm. 1) Si c'est qu^absolument ma 
mo7't soit resolue eic, (Rotrou). Auch est-ce erscheint mit que und dem 
Konj., so dass auch dieses noch nicht zum blossen Zeichen der Frage 
erstarrt ist wie heutzutage (vgl. Tobler, Z. f, r. Ph, XI , 440) , sondern 
noch seiner Bedeutung nach empfunden wurde, so Est-ce par un for- 
fait que je doive regner? (Rotrou, Cosroes I, 3). Est-ce, me disait-il, 
qu'en ejfet eile ait eu soin de ma vie? (M"® de Scud. I, ßOl). 

Der Konjunktiv nach au lieu que (§ 82 Anm. 1) Etant plus equi- 
iable qu'au lieu quUl fasse mon panegyrique, je m^en aille faire son 
dloge (M"® de Scud.). Wie hier das dquitable keinen Einfluss auf den 
Modus haben kann, sondern dieser nur durch die Reflexion veranlasst 



220 A. Baase, 

ist, 80 ist der Konj. als Modus der Reflexion^ vielleicht als Latinismus 
aufzufassen in dem Konsekutivsätze, der eine Thatsache angibt, Tant 
de haine, ingrate, ä ma perte fenflamme, Que deux fois en un jour eile 
aii (Tun vain effori . . . solliciie ma mort (Rotrou). 

Zu den Stellen mit si peu que und dem Indikativ (§ 84. a) füge 
ich hinzu: Mais sipetit quHl est, c'est assez pour une personne etc. 
(Scarr., Lettr.). ^t si fou quHl etait, Ü flattait sa passion en 
croyant etc. (Id., Nouv.). 

Den Konjunktiv im zweiten Gliede des Komparativsatzes der Un- 
gleichheit (§ 84 Anm. 2) habe ich noch gefunden Je vons hais dejä 
plus que vous n*aimiez Amestris et je ne serai jamais satisfaiie que je 
ne vous voie tous deux malheureux (M"® de Scud.). Hierher gehört 
auch das von HeUgrewe (S. 38) ganz falsch = ä moins que ne aufge- 
fasste Nous eümes plus tot gagne les montagnes les plus proches de 
Valence que le vice-roi rCen püt etre averti (Scarr., R. C.). 

Der Infinitiv ist nur noch nach depuis abweichend vom heutigen 
Gebrauch betroflfen (§ 85, c), so Tu sais . . . Que depuis nC ttre 
instruit ä la. romaine loi, Mon äme dignement a senti de la foi (Thäoph.). 
Tai sotige ä ce vers-lä depuis Vavoir oui citei' de votre part (Id.). 

Der Infinitiv ohne Präposition (§ 86, 87) findet sich noch: 
// convint ä la Dionee . , . Rendre fhonneur que me'ritait Dame qui 
tant nous assistait (Scarr., Virg.). Cepeiidani je te prie encore m*excuser 
(Th^oph.). Me priant de nouveau me souvenir de compier bien les 
jours qu^elle m'avait accorde's (M^^ de Scud, III, 249). S'ü promet avec 
affection, Nous sei vani, exercer notreprofessioniRotiou), Ausserdem 
in folgenden noch nicht erwähnten Fällen, zu denen Beispiele aus 
früherer Zeit in den betreffenden Spezialabhandlungen zu finden sind, 
Je ne ci^ains point faillir quoi que ma muse die (Th^oph.). // 
m^accuse notamment avoir ait que je croyais auire chose que etc. 
rid.). J^ ai peur Vavoir courue, et qu'un auire Vait prise (Scarr., 
Com.). 11 se souvint mime avoir su que le prince d^Assyrie n* etait 
point ä Babylone depuis un tres longiemps (M"® de Scud., II, 111), eine 
Stelle, die allerdings auch einen Druckfehler enthalten könnte. — 
Z'y recevoir, vous feri^z mal (Scarr., Virg.). 

Das Subjekt ist dem von einer Präposition abhängigen Infinitiv 
hinzugefügt (§ 85 Anm. 2) Je sais bien le moyen d^Stre tous deux 
Contents (Rotrou). Apres avoir donc e'te tous deux quelques momenis 
Sans rien dire, Qu^avez-vous fait de votre ami, me dit-elle etc. (M"*» 
de Scud.). 

Der Akkusativ mit dem Infinitiv (§ 89) kommt noch vor: 
Et croyant la fortune Avoir trop fait pour nous pour leur itre 
importune, (elles) Vinrent etc. (Rotrou). Qtii n* eüt cru par cette retraite 
La cour Celeste itre defaite? (Scarr., Typh.). Viens voir ce coeur ingrat 
souffrir sans re'compense, Et qui fut tout espoir t'aimer sans espe'rance 
(Rotrou, Florimonde). Tous d*une voix il faut sans fin . . , Cnanter 
soir et matin Sa gloire sa arandeur et sa misericorde (Racan). üne 
chose laquelle il de'sire etre par eilte et tout ä fait une ä une 
autre (Thäoph.). 

Der Akkusativ hei faire mit einem Infinitiv nebst einem 
akkusativischen Objekt (§ 90): üne ardeur dere'glee Q^i ^<^^ f^^^ ^ 
souvent au perü du träpas Suivre la vanite de ses trompeurs appas 
(Rotrou). (Ton soin) les fait posseder ta vistble presence (Racan). 
Uerrt'ur ... Les fait pour les faux dieux tout le sang epancher Des 
garcons et des fiUes (Id.). Les autres en le faisant boire Un peu plus 
qu^ü ne faut de vin (Scarr., Virg.). (lls) Firent boire ce grand fou 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVIL Jahrhunderts. 221 

Vn peu plus que son chien de soül (Ibid.). EUe avait remarque heaucowp 
d^esprit et de merite en sa personne, ce qui V avait longtemps fait 
soup^onner quelque chose (Scarr., R. C. III). (llsj se mirent ä chercher 
ceux qui les avaient fait quitter le haut du pave (Ibid.). 

Das Partizipium des Präsens statt des Gerundiums in Be- 
ziehung auf pluralische Feminina (§ 91, b, c) in der Form -ants ist 
auch sonst noch zu beobachten, vgl. Elles fönt de nouvettes vies, Et 
quittants les royaumes voisins, Revienneni dans des corps humains 
(Thdoph.). Ces choses seront- elles point des chose s qui, occupants 
quoi que ce soit, le rettdent tel etc. (Id.). Et de ja toutes les Furie s 
Renouvelants leurs barharies Rendaient le vice triomphant (Racan). 
Les eaux d'Oise et de Seine, Disputants ce hutin, Faisaient etc, 
(Id.). Les deux sceurs s'ecriants deplorent son mcUheur (Desmar.). 
LHmage de leur crime et celle de leur gloire Et ants les deux 
bourreaux de leur tnste mdmoire (Scud.). Toutes les troupes . , . 
s"* dt ants rangees en haie pour laisser passer le rot, il ne voulut pas 
(M"* de Scud.). Vamhition et la vengeance n^ et ants guere accoutume'es 
de s'enfermer dans les bornes etc. (Ead.). Ebenso bei intransitiven 
Verben Les deesses des poetes ... passants dans ma fantaisie, 
Firent un peu de poäsie (Th^oph.). (Il) renleva, toutes ses femmes 
er i ants desespe're'ment (M"* de Scud.). Kaum findet sich -antes; die 
Stelle, welche Sölter S. 66 zitiert, ist durch den Reim veranlasst, eine 
andere ist La grosse pluie avec la grile Tombantes du ciel pSle-mSle 
(Scarr., Virg. 1. I.). 

Das Partizipium des Perfekts (§ 92) wird des Reimes 
wegen noch oft von einigen Dichtern mit dem nachfolgenden Objekt 
übereingestimmt, z. B. (Je) pense que le dieu des vers Ife m'aura pas 
moins de'couverts Les sec7'ets de sa prognostique (Th4oyh.). Non sans 
avoir devant huee La chanson de voix enrouee (Scarr., Virg.). II avait 
bas mise Et sa jaquette et sa chemise (Ibid.). Für Rotrou gibt Sölter 
S. 67 f. Beispiele, unter welchen auch eines sich findet, wo ohne den 
Zwang des Reimes die Übereinstimmung mit dem folgenden Objekt 
sich zeigt (II m^a preferee une ab jede rivale). Diesem letzteren sind 
hinzuzufügen Tu nous auras vaincus les astres irrite's {Rotrou, Ciarice 
IV, 5) und Un songe . . . notis laisse imprimee ou peu ou point de 
crainte (Id., Venceslas IV, l). Auch zeigen Rotrou und Scarron oft 
Nichtübereinstimmung des Partiz. mit dem zwischen Hilfsverbnm und 
Partiz. gestellten Objekt, sofern der Reim dieselbe erforderlich macht. 
Aus Rotrou gibt Sölter S. 67 Stellen, unter denen üne teile manie a 
ses sens occupe, QtCü aura dans un an tous vos biens dissipe (Les 
Mänechmes III, 4) sehr auffallend ist, aus Scarron führe ich an: Alors 
Neptune ayant toussd, Et plusieurs crachats repoussd (Typh.). Dont 
il lava son osil perce, Non sans avoir les dents grincd (Virg.). (Moi) 
qui n'ai ma conrse gäte Que pour avoir trop vite ^V^'(Id.), und so sehr 
oft in den Dichtungen dieses Autors; auch Si je n*avais e'te si haut 
embalconne, Cent coups au Heu d^habits je leur eusse donnd (Scarr., 
Com.). 

DasB in der früheren Sprache vielfach das Objekt des Infinitivs 
als Objekt des diesem vorausgehenden Verbum finitum gefasst wurde, 
ist § 92 Anm. 2 durch Beispiele belegt, denen man hinzufügen kann 
Et tu nous a voulus immole?' ä ta rage (Rotrou). Des rois se sont 
vus obliger ä ses rares exploits (Id.). Ce de'faut par lequel eile s*est 
laissde prendre {DeBm&T.), ün prince qui tient la vie de celui qui vous 
Va voulue oter (M^'« de Scud., II, 188). üusage des dames assyriennes 
QU ron ne f avait point encore voulue assujetttr (Ead. II, 425 ebensg 



222 A. Baa^e, 

II, 499 und sonst). Je ne me suis pas laissee tromper (Ead. IV, 485). 
Ceux gut se souviennent de les avoir eniendues raconter ä leurs peres 
(Ead., II, 484). Ceite admiräble Venus . . . gu'il avait toujours crue 
VkHre que Veffei d^une helle Imagination (Ead., II, 512). 11 paraissait sur 
son visage une emotion de joie, quHls ne lui avaient famais vue avoir 
pour personne (Ead. II, 207). La faiblesse que je vous ai tant entendue 
condamner (Ead., III, 117). 

Ganz besonders ist dies für die Verba der Bewegung, speziell 
venir, hervorzuheben. Nicht nur werden dieselben, wenn sie in einer 
zusammengesetzten Zeit vor einem Infinitiv stehen, im Pajrtiz. mit dem 
Subjekt nicht übereinstimmend betroffen, (§ 94, a), sondern das vor 
dieselben tretende Objektspronomen des Infinitivs veranlasst, dass das 
Partizipium sich nach ihm richtet, wie Le roi accompagne de phisieurs 
des siens Fe'tait venue prendre dans sa chambre (M"® de Send. II, 
289). Le prince ArtOne . . . Vetant venue voir, la conversation fui etc. 
(Ead., III, 56). Nous lui demandämes s'ü ne savaii point si quelqu*nne 
de ses amies Fetaient venue prendre (Ead., IV, 323, auch LEI, 425. IV, 
485 und sonst). So ist auch kein Druckfehler, wie Hellgrewe S. 29 
meint, bei Scarr. im R. C. Enfin plusieurs demoiselles richement pare'es 
les ätant venus voir, chacune un flambeau ä la main, wie die Ausgabe 
von 1651 den Satz gibt, w'ährend die von 1657 venu liest. 

Das Partizipium von ü y a richtet sich nach dem vorhergehenden 
Akkusativ (§92 Anm. 2, 4) auch Cette grande difference de moeurs et 
de faqon de vivre qu*il y a eue enire la cour de David et celle de nos 
rois (Racan, Vorrede zu den Psalmen). Nicht ganz sicher ist Von 
savait qu'il ne faisait plus bätir ä Clarie; que les peintres et les sculpteurs 
q\£ü y avait eus si longtemps, n*y e'taient pltis (M^® de Scud. II, 545), 
doch scheint es nicht gut angängig, das il in il y avait persönlich 
zu fassen, da dies nicht gut französisch wäre. 

Es mögen noch erwähnt werden Et ce de'part ... Joint une autre 
raison . . . M'ohlige ä ce fächeux mais important dessein (Rotrou), sowie 
zu § 94 Anm. Et toujours parmi vous conserve cherement, Tes ans se 
passeront assez utHement (Rotrou). La meüleure partie de ma vie s'est 
passee eloigne de ce que j'aimms (M"* de Scud., III, 59). 

Von den Adverbien der Zeit (§ 96) ist souventes fois 
in den Dichtungen Scarron's wiederholt zu finden, z. B. Le sort . . . qui 
toujours, du moins souventes fois, Fait et de faxt, sans raison et sans 
choix (Po 6s.). Et moi buvant aussi souvente fois je songe . . . Que etc. 
(Com.). Votre main au hras potele M'a souvente fois r egale (Virg. 1. VI). 

ja kommt auch noch in Scarron's Virg. vor : 11 avait ja mis hos 
un flegme (1. IV). 

longuement kommt auch im ernsten Stil noch vor, z. B. Rodolphe 
. . . j^etenu longuement sur les bords du tombeau (Chapel). Auch sonst 
ist es häufig, z. B. 11 vous eüt mis au point de jeüner longuement 
(Rotrou). Tu me tiens longuement (Id.). Dejä trop longuement 
la paresse me flatie (Thäoph.). 

ore, ores ist bei Th^oph. noch sehr gewöhnlich, z. B. Tu dis 
m^ai, ta raison me rend ores confus. La bite . . . Ayant eteint sa soif, 
ores s'en est aUee. Recherche en tes desirs, ores si refroidis, Si etc. 
Auch oft oreS'Ores, z. B. Ces fosses, en divers end^-oits, Sont ores larges, 
or^etroits, Ores faime la ville, ores la solitude, Tantot la promenade, 
et tantot mon e'tuae. Or* ensemble, ores disperses, lls brillent eic, 

pendant findet sich adverbial Cela n*est pas sans doute , il faut 
iout ä loisir Y pens^r mürement, et pendant se saisir Du devin et de lui 
(Racan, Bergeries), (s. Litträ s. v. Eist.). 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVll. Jahrhunderts, 223 

premierement „zuvor" kann noch durch mehrere Stellen belegt 
werden, z. B, 11 ne m'attaque point sans jeter premierement &s 
nuages au-devant de tä plus claire verite (Thdoph., und so oft bei diesem 
Autor). 11 fant que je te detache premierement des plaisirs du corps 
pour te porter aux plaisirs de fesprit (Desmar.). 11 essaya premierement 
de monter de front avec les deux comediennes, ce qui s*etant trouvd 
impossible, la Caverne se mit etc. (Scarr., B. C). Auch adverbiales 
Premier, das sonst nur in der Verbindung pr emier que erscheint (§ 138), 
tritt auf: JJn esclave peut-il de'livrer des liens Son ami, si premier ü 
n*a brise lef siens? (Rotrou). fllj n'eüt pas rendu täme . . . Si Vamour 
n'eüt premier etouffe sa raison (Id.). Je ne veux point mourir, que 
premier Ü ne menre (Desmar.). 

puis apres ist bei Scarr. unendlich häufig, im Virg. fast auf 
jeder Seite, auch sonst ist es noch in der Prosa zu finden, z. B. Je te 
ftfrai savoir puis apres camme je suis entre etc. (Desmar., Dölices). 

Die Ortsadverbien illec und le'ans kommen noch bei Scarron 
vor, so Mais Maron dit qu*un grand gouffre Exhale illec un air de 
soufre (Virg. 1. VI). Un prevSt nous a pris, et nous a mis leans 
(Com.). On nous eüt fait mettre le'ans (Virg. 1. I). 

Unter den Adverbien der Aussage (§ 97) ist voirement noch. 
zu finden C^est un fat voirement, et Pascal en est deux (Scarr., D. 
Japhet d'Arm^nie IV, 3); Voire ist sonst = vraiment noch mitunter 
zu lesen, wie Combien de fois le plus homme de bien succombe-t-U en ces 
combats. voire qui jamais en ce monde en a ete pleinement victorieux 
que le ßs e'ternel de ßieu? (Th^oph.). Tenez bien quelque temps. — Voire 
qui lepourrait (Scarr., Com.). Ein ganz analoges Beispiel bei Hellgrewe 
S. 30. Für voire = mime brauchen die Beispiele nicht gehäuft zu 
werden. 

si beim Hilfsverbum oder verbum vicarium faire beobachtete 
ich noch: life le crois-tu point comme cela? — Si fais (Th^oph.). N'y 
a-t-il point quelque chose contraire ä la vie? — lyy a (Id.). Alars le 
conducteur repartit que . . . quand nous le saurions, nous n'y avions 
aucun interit. Jlors je m'avani^i ... et je lui dis: Si ai bien, moi fy 
en ai (Scarr., B. C. III). Ebenso in der indirekten Rede Ce qui affligea 
fort le petit homme qui fut un peu console quand Ange'liqne dit que si 
feroit bien eile (Ibid.). 

Adverbiales si, auf einen ganzen Satz hinweisend, kommt noch 
bei sembler vor: 11 n'y a rien, si me semble, fui ne puisse legitimement 
eeder ä nos fantaisies et ä nos opinions (Th^&ph.). Ebenso .erscheint 
auch noch aussi bei itre und fau'e, wo es im Altfrz. unendlich häufig 
wie si vorkam (Tobler V. B. S. 87), Mes Chevaliers et mes pions sont 
vaiäants; aussi sont les vötres (Scarr., Virg. VIII). Le vieü Jphitus . . . 
Fut lors preserve de la touche, Aussi fut Pelias le bon (Ibid., L II). 
Aussi ferai-je en bonne foi (Ibid.). 

Zu den Adverbien der Quantität ist das bei Scarron noch 
vorkommende prou (§ 98, 5) zu notieren; Quand Fun mange tf'op fort, 
les cinq autres enlevent Ce qu'il a devant lui, le pillent et s'en cr^veni: 
S'entend alors qu^ils ont prou de quoi se crever, Car souvent ce n'esi 
pas conp sür que d'en trouver (Com.). Le sommeü . . . Qui fait quelque- 
fois prou de bien (Virg., 1. V). 

§ 98, 8 Anm. 8 : (11) m'obligera . . . a continuer de Fappeler ainsi 
dans la plupart de ce räcit (M^^* de Scud.). 

Guh'e im positiven Sinne ist § 98, 11 durch zwei Beispiele be- 
legt, von welchen das zweite nach Littr^ s. v. 1^ nicht zutreffen würde, 
unid in der That könnte dasselbe durch unzweifelhafte Stellea eraetzt 



224 J. Haase, 

werden, nämlich solche, in denen puere neben ne-pas und non auftritt, 
wie La necessite nous coniraignit ae represeniei* pour gagner notre vie, 
bien que notre iroupe ne füt pas guere bonne (Sc&tt.^ R. C. III, eh. 8). 
£i je ne Ven vois pas guere moins rejotUe (Scarr., D. Japhet d'Armönie 
III, 3). On otät dans la chambre haute des hurlements non guhre 
differents de ceux que faxt un pourcean qu'on egorge (Scarr., R. C., II, 
c. 7.) Ebenso in der indirekten Frage Dites-moi si cette histoire est 
encore guere longue (Scarr., R. C. III, c. 8). Auch nach sans scheint 
mir heute guere nicht mehr statthaft, vgl. Quelque secrete cause qui me 
faisait agir, sans y faire pourtant guere de reflexion (Ibict.), da beau- 
coup doch viel natürlicher ist. Statt // ne regardait avec guere 
moins de Jalousie tous ceux qui demeuraient aupres a^ sa personne (&"• de 
Scud. III, 646 und sonst offc genug) würde man heute ne regardait 
guere avec moins de etc. sagen. 

Die Negation non vor dem verbum vicarium (§ 99, a): llpensait 
Voir deux Thebes, et non faisait (Scarr., Virg. 1. IV). Non ferai 
pas moi, reprit Polycrate, en regardant Alcidamie, car Je stiis persuade 
etc. (M"* de Scud., III, 257), wo zwischen ferai und pas ein Komma 
zu setzen sein wird, so dass pas moi zusammengehörte, wie auch wir 
sagen: „Das thue ich nicht, ich nicht." Freilich findet sich gerade in 
diesem Falle früher' auch non- pas. z. B. im XVI. Jahrhundert noch 
non est pas, es könnte also auch hier pas zu non ferai gezogen werden 
und pas dem non zur Verstärkung beigegeben sein, wie man ja auch 
heute durch non pas ein einzelnes Wort negiert. 

Pas und point in der indirekten Frage mit si (§ 101, b) ist bei 
Rotrou noch unendlich oft zu finden, vgl. nur Voyez si fai pas lien 
de fattendre ce soir. Jttgez si Fassemblee Par cet etonnement doit pas 
itre trouble'e. N*app?'enez que de lui si Je suis pas la mime. 

Point ohne ne (§ 101, c) habe ich nur noch gefunden Vesperance 
me confond point, Mes maux ont trop de vehemence, Mes travaux sont 
au dernier point: llfaut que mon repos commence (Th^oph.). 

Dass onc in Scarron's Virg. noch sehr oft vorkommt, mag zu 
Anm. 2 angemerkt werden. Ne — du tont point = ne — point du tout 
(Anm. 4) : A Fheure mime on nCaccommode . . . üne cuirasse ä mon pour 
point Qui ne paratira du tout point (Scarr. Com.). Eüe fie souhaitait 
du tout point sa mort (Id., R. C. III). 

Pas, point sind noch in anderen Fällen als den § 102 erwähnten 
dem ne abweichend vom heutigen Gebrauch hinzugefügt, so nach 
empScher, eviter, il ne Hent pas a, prendre garde in dem mit que ein- 
geleiteten Nebensatze, wie Jl ne songea donc plus qtCä empicner que 
ses noces ne fussent point troubldes (Scarr., Nouv.). Ses parents 
eurent assez de credit pour emp icher qu*on tie lui ßt pas son proces 
(Ibid.). Je vous supplie de vouloir empicher que Fincomparable Amestris 
. . . ne re^oive pas ce de'plaisir-la (M^^* de Scud., III, 304). Je viens 
avec le dessein a empicher en effet qu*il ne la revoie pas (Ead.). II 
fallait le fah^e enterrer secretement, pour eviter que la Justice VLy mit 
pas la main (Scarr., R. C. III). 11 ne tiendrait qu'ä moi que Je ne fusse 
aussi heureuse que faurais ete en Espagne, comme il ne tiendrait 
pas ä toi que Je nfeusse point ä y regretter D. Carlos (Scarr., R. C). 
11 n*a pas tenu ä moi... que Je ne me suis pas battu contre 
Megabise (M^^* de Scud.). // n'a pas tenu ä moi, seigneur, que ce 
malheur ne vous soit pas arrive (Ead., II, 407). (lls) nous quitterent, 
nous recommandant de bien prendre garde qu*on ne les surpnt point 
(Scarr., R. C). Ferner findet sich ne — pas plus = ne — plus: Cette 
derniere pensee acheva de lui faire prendre la re'solution de ne perdr^ 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVII. Jahrhunderts. 225 

pas plus un seul moment (M"* de Send.). Den § 102, e angeführten 
Stellen füge ich hinzu 11 y avait bien alors deux jours que nous 
n'avions point vu le prince Mazare (M^^* de Scud., II, 390). 

Die Negiv^ion in dem abhängigen Satze mit que nach den § 108, c 
gegebenen Ausdrücken ist noch recht oft anzatreffen, doch brauchen 
zu fast allen Ausdrücken die Beispiele nicht vermehrt zu werden; es 
mag nur erwähnt werden, dass nach defendre auch bei dem von diesem 
abhängigen Infinitiv die Negation auftritt, wie La bonne deesse . . . 
s'apparaissait fort souvent ä eUe et lui defendait de n^en epouser point 
gut ne füt de son pays et de sa race (Racan), und angereiht werden 
Je petille que je ne fasse Sur queique beäe et large face Des balafres 
de ma fagon (Scarr., Virg.). Mais Wermond . . . Desespere en son 
cceur que Von n'y reme'die (Send., Alaric). Nur die Klasse der Aus- 
drücke, nach welchen die Negation analog dem Gebrauch nach ne pas 
douier (nier/ que erscheint, ist noch grösser. Hellgrewe S. 83 gibt zwei 
Stellen mit ne pas avoir la moindre de'fiance que — ne und ne pas 
de'savouer que — ne. Hinzuzufügen sind Je ne me puis öter de Vesprii 
que ce ne soit lui-mime (Scarr., R. C). Eile ne pouvait croire que je 
ne fusse le Bas-Breton qu'eüe avait vu, ni comprendre pourquoi j'avais 
plus d^esprit la nuit que le jour (Scarr., R. C. c. 15, er sollte für diesen 
gelten, aber sie wollte es nicht glauben). // apprehendait que Mandane 
ne s'imaginät qu'un sentiment d'inte'rii ne Veüt obligä de vCagir pas 
fortement en cette affaire (M"« de Scud.). Auch findet sich dieses ne 
nach verneintem croire , obgleich die Negation desselben durch eine 
andere aufgehoben ist, wie // n*y a personne qui ne croie que cet 
Arlane qui s'etait cache, voyant man mattre Messe en tant de lieux, ne 
düt se tever pour aider ä celui de son parti qui combattait encore . . . 
Cependant il iCen aUa pas ainsi (M^® de Scud.). Ce n'est pas que . . . 
fV ne crüt quelquefois que si cet illustre rival n*e'iait plus, il ne püt 
occuper sa place (Ead., III, 523). — Zu § 103, d ist noch zu erwähnen, 
dass nach avoir soupgon nicht selten wie die Ausdrücke der Furcht 
behandelt ist, z. B. // avait pourtant queique leger soup^on que le roi 
d'Assyrie n'eüt fait la chose (M"* de Scud.). Dans les soup^ons qu^il 
avait qu'il ne füt amoureux de Mandane (Ead.). 

Bei Scarr. im Virg. fehlt ne vor dem Verbum eines vollständigen 
mit ni eingeleiteten Satzes (vgl. § 104 Anm. 4), was in der früheren 
Zeit vorkam, vgl. Mais je sais bien pour le certain Que ni Cytheree est 
ta Mere, Ni feu Dardanus ton grandpere (1. IV). Car ni vin orouillait 
sa cervelle, M Bacchus etait avec eUe (1. "VU). 

Die Präposition de in eigentlicher lokaler Bedeutung (§ 105, a) 
ist noch öfter zu beobachten, vgl. Et le sang que säns fruit les legions 
romaines En tant d^occasions OfU puisä de ses veines (Rotrou). DUme 
mime source ils ont puise leur sang (Desmar.). Ce fleuve prend la 
spurce d'une montagne d'Armenie (M"® de Scud.). Übertragen 
auf die Bezeichnung des Masses = „wie weit" findet es sich lokal 
und temporal (§ 106) = „wie lange", wo dem Neufrz. der Akkusativ 
angemessener wäre, z. B. Toi qui ne Cas jamais abandonne d^un pas 
(Racan). Que je p&rde le jour si je vous suis d'un pas (Rotrou). Je 
n^ai souffert que d^un jour seulement (Thöoph.). Je le vois en trop 
belle humeur d^e'crire pour me promettre de longtemps ma liberte (Id. ), 
Le pre'sent ne suivra vos voeux que d^un instant (Rotrou). So auch 
ohne Negation 11 etait retowme sur ses pas de deux grandes Heues 
(Scarr., R. C). ATheure quele soleil jaune De ja de la longueur d'une 
aune Dorait le ciel (Id., Virg.), und unendlich häufig temporal in Wen- 
dungen wie diffdrer d'un jour oder auch // ne fait que d'un peu son 

Zschr. f. tn. Spr. n. Litt. XIi. ^^ 



226 A. Baase, 

iriomphe arrSter (Ghapel), wo jedoch de aach heute als Ausdrack des 
MasBunterschiedes sich findet (wie lokal auch reculer (Tun pas u. ä.), 
obwohl dasselbe nicht so häufig sich zeigen wird, wie es früher vor- 
kam. Ebenso koinmt de lokal und temporal vor in Fällen, wo die 
neuere Sprache ä (resp. en, dans) auf die Frage „wo*' verwendet, z. B. 
Les demaiseües en faisaient de si arands e'clats, qu^on lex entendaii de 
Vautre baut de ta rue (Scarr., K. C. III). D*une distance egale 
ils ehignent la terre (Scud., Alaric). Du commencement eUe sot^raü 
setäement sa recherche . . ., mais efißn eUe s'y engagea (Racan). EUes 
crureni du commencement que leurs larmes fa^aieni passer Taffaxre 
par accommodemeni (Scarr., Nouv.). Ei nofts la pourrons e'iouffer, £^ 
du mSme iemps nous ehauffer (Scarr., Virg.). Chaque corps d'un 
temps m^me aitx murailles s'elance (Ghapel.). Tous monteni d^un 
iemps mime ei d'une mime ardewr (Id.). Qui saii, disaü-il, si de 
Vheure que je varle, eile ne prie paint pour man rival? (M"* de Scud.). 

Von den 9 105, b angeführten Verben ist s*in former de q. de qc, 
(si) oft zu finden, öfters auch arriver de q,, z. B. Cle'ante, arriva toui 
effray^ du malheur qui venait d^ arriver d^un her g er, qui par desespoir 
s'etait precipiie dans la riviere (Racan). (II eiait) fort en peine de ce 
qui arriverait de lui (Scarr., R. C), auch noch das bereits seltene 
s^atiier de, vgl. Quand il s^ est allie de noire humanite, N^a-i-ü pas 
de son sang siane notre aUiance? (Racan), und se revolier de q., wie 
Ils s' ^taient ae ioi revoltäs (Racan). Hinzuzufügen sind se desoblige?* 
de qc, Il se desohlige de famiiie et du respect qu^on Im veut rendre 
(Th^oph.); eclipser qc. de q., N'eclipse poini de nous ies gräces ^er- 
nelles (Racan), sottffrir de q,, On souffre d'un jaUmcc, ü a droit de se 
plaindre (Rotrou), se salisfaire de q., Et de ton assassin et de ton 
subomeur Je saurai par mon bras si bien me satis faire Que etc. 
(Scarr., Com.), oublier de q., Vous devez ouhlier de moi jusqu^ä mon 
nom (Rotrou), remporter la victoire de q., La ghire D'avoir des enne- 
mis remporte' la victoire (Racan). 

de = neufrz. que nach dem Komparativ (§ 105, c) ist nur oft 
nach mSme beobachtet, dasselbe liegt auch vor En rang, comme en 
beaute, d* Argine la seconde (Desmar., Clovis). Anders zu fassen 
scheint dieses de beim Infinitiv De manquer ä ma foi faimerais mieux 
mourir (Racan), denn der Infinitiv kann mit de nach dem Gebrauch 
der damaligen Zeit absolut vorangestellt sein. 

participer ä qc. statt de (§ 105 Anm. 1) findet sich Ceci ou cela 
se fait par la parüdpation de tessence qui lui est propre ä laquelle 
il parlicipe (Th^oph.). Apres qu^il lui eureni acoorde' que chacune 
des especes est quelque chose, et que ce qui leur participe prend d^elles 
sa denomination, il se mit etc. (Id.). 

Zu § 107 füge ich nur einige Beispiele hinzu, wie Le ät t^est 
de besoin (Rotrou). // nous est de b esoin (Id.). (11) la presenta au 
rot, quoigu^ü vüen füt nuUement de besoin (Scarr.). Et n'eussions 
point eu de besoin d^autres demeures que de celies etc. (Racan). Qu'est-ce 
qu'un amant doit trouver d'impossible? (Rotrou). Qui juge rien de 
ferme au monde, vHa point d^yeux (Id.). Lui qui fait tant du subtil 
(Thöoph.). J^ai faii du sou verain (Rotrou). Va chez les ennemis 
faire de la Celeste (Chapel.). Elle avait bien fait de la mere afßigee 
(Scarr., R. C). La Seine enfin ne fut jamais si fiere. Et ne fit tant de 
la grosse riviere (Id., Poäs.). Le prince de Salerne y aila faisani 
autant de l*empechd que s*il eüt e'ie question etc. (Id., Nouv., und so 
unendlich oft bei diesem Autor). 

Auch de ce que (§ 108) mag noch durch wenige Beispiele ver- 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVII. Jahrhunderts, 227 

mehrt werden, wie C^est grand dommage de ce qu*eUe est plus sage 
que Salomon (Scarr., Lettres). Le senUmeni qui me iowniieniait le pms 
etait de ce qu* Alcionide etait posse'de'e par un komme que etc. (M"* de 
(Scud.). Ce qui est cause peui-itre de ce que je suis passable come'dien 
(Scarr., B. C.). Vbus n^y trouverez rien digne d'admiraiion que de ce 
qu*un travaü de si longue haieine a ele etUrepris par un homme de 
man meiier (Racan). Lagreahle Inezüle acheva de lire sa nouveUe ei 
fit regreiter ä ious se ,auditeurs de ce qu'eüe n^ etait pas plus longue 
(Scarr., B. C). Et la croyant cruelle, Par la seule raison de ce qu^eüe 
etait belle (Id., Com.). 

Kausales de in der § 109 berührten Verwendung vgl. noch Je 
vais composer de ireve avec mes douleurs (Botrou). // a conjure 
les siens ß'une paix gen&raU avec les Porciens (Id). Lorsque Dieu 
nous Visite, il en est invite Par sa seule equite (Bacan). // conserve 
pour nous FaUianee ifnmortelle, Pont il s'est oblige par des voßux 
solennels (Id.). Et s'obstiner encore P'un amour qui le perdi 
(Thäoph.). 

Zu § 111 vgl. Rien ne pouvait vous former une aversion de 
moi comme la qualite d^impie (Th^oph.). Je vous donnerais tant d'hor- 
reur de votre haine que etc. (Id.). Vous avez de la compassion de 
mes maux (M^^* de Scud.), und zur Anm. ibid. vgl. Et tout ä votre 
occasion, De vous qui renversez les lais de la nature (Botrou). 

Beim Infinitiv erscheint rf^ (§ 112, 1) nach parattre, wie Madame, 
un cavalie?; ou qui parait de titre (Scarr., Com.). Ils rattraperent 
cet homme qui ne repondit qu^en termes confus aux interrogations que la 
Rapinihre lui fit, mais qui ne parut point de tHre, au contraire, il se 
mit ä rire (Id., B. C, III), nach daigner und jurei* (eine Aussage be- 
schwören) bei Botrou (Sölter S. 55 u. 58). Die Beispiele sind nur zu 
avouer zu vermehren, vgl. J^avoürai donc inge'nument P*avoir oublie 
lourdement L*action la plus h&otque (Scarr., Po^s,). J'avouerai donc 
de ne les pas connattre (Id., Com.), und il fait bon, z. B. // ne faisait 
pas bon de se frotter avec nous (Scarr., B. C, III). 

Statt des neufrz. ä findet sich ele noch (§ 112, 2) Ce qui est 
ridicule de dire (Desmar., D^lices). Ce qui n'est pas ais^ d'entendre 
Sans quelque sentiment de colere (M"« de Scud., II, 588). Ce qui ne 
serait pas si aise d^obtenir d'elle (Ead., 111, 256), Sölter zitiert aus 
Botrou (S. 40) Ce genre d*e'C7Hiure, ä qui tu peux vanter La tienne assez 
conforme, est aisä d'imiter. Ferner Le ne suis pas d^humeur d^Stre 
tant maltraite (Botrou). // etait homme ä prendre son plaisir partout 
oü il le trouve, mSme de le chercher aux ddpens de sa reputation (Scarr., 
B.C.). Ausserdem nach den Verben: autoriser: (Ils) vous autorisaient 
d'en rompre le lien (Botrou). Si de te detrompe?^ je suis autorisee 
(Id.); s'essayer: Et je suis en fureur quand mon discours s^essaye Pe 
ruiner mon maJheur (Thäoph.); s'evertner: Ma pauvre äme . . . s*e' vertue 
De sauver un peu de vigueur (Th^oph.). Ah! quHnutilement mon esprit 
s'^e vertue P*excite7' la vertu (Botrou); se preparer: Je n*ai qu*ä me 
preparer de souffrir tous les supplices etc. (M"* de Scud., III, 576); 
mouvoir: Qui te meut de venir troubler notre amitie? (Th6oph.). — Die 
Beispiele brauchen nur wenig vermehrt zu werden, so Se soumettant 
d'aller apprendre le commencement de cette histoire au rot de Phrygie 
(M"« de Scud.). 11 s'enhardit hier de m'en toucher un mot (Botrou). 
Un homme . . . s^aventura de me tendre les pieges (Thöoph.). If*osant 
pas songer de la mener ä la cour de la reine (M"® de Scud.). — Pe 
= pou9\' Ravi . . . d'avoir ^te assez heureux de luirendre quelque peUt 
Service (Scarr., B. C, 111). Toutes les cendres dilion N'ont point donne 



15 



* » 



228 ^' Haase, 

tont de maiiere De faire des pkuntes aux cieux (Th^oph.). Plus eüe 
faii d*effart (Pen ^branler le fmte. Plus etc. (Racan). 

Zu § 112, 4 vgl. noch Peuveni-üs approuver de se voir en ce 
point? (Rotrou). Ce n'est pas prouver a'avoir combaitu que de se 
vanier de rCHre pcis hlesse (M"« de Scud.). Ausserdem avouer q. de 
faire qc, wie Mais quel droit Vavoue De retenir au ciel les ehoses 
qu'on lui voue? (Rotrou). Ei quel dieu vous avoue d* abandonner les 
fers? (Id.). Sehr oft begegnet bei Rotrou douier de und Infinitiv = 
zweifeln ob, z. B. Je doute de vi vre en Täiat oü Je suis. Aimani bien, 
vous douiez de pouvoir cajoler! Je doute de me voir si pres de 
mon repos. 

De zur Bezeichnung des Mittels (§ 114) kann durch einige gute 
Beispiele vermehrt werden, vgL Cependant Childeric, d^un coursier 
diligent, Ayani passe la Marne . . . Touchait etc. (Desmar.). Ils viennent 
d'une arme'e assieger nos rctraites (Chapcl.). // s*etait sauve avec son 
habit ä la turque dont il pensaii representer le Soliman de Mairet (Scarr., 
R. C). Ferner // me chaut fort peu que CAllemagne se noie de sang 
(Thöoph.). S'ü V empörte sur moi, c*est d*un peu d^apparence (Rotrou). 
Reponds d*un peu d^amour ä Cardem^ qui m'enflamme (Id.). A-t-il rt'fw 
de vous quelque commandement Dont il ait murmure du penser seule- 
ment? (Id.). Mais de quoi peut-on reconnmtre Les biens qu'ü nouft fait 
chaque jour? (Racan). Tout le soin que fy prends ne profite de rien 
(Id.). lovt abonde en tout temps des mens que tu produts (Id.). Les 
yeux, voulant pleurer, sont de larmes steriles (Chapel.). 

Zu einigen Fällen, in welchen das partitive ^^ auftritt, mögen 
auch noch Belege gegeben werden (§ 116, c u. Anm.): Quand il y en a 
deux (femmes) dans une maison, il y en a une irop (Scarr., R. C. 111). 
¥ ayani deux Cents hommes d^un cote, et un komme moins de taaire 
(M"* de Scud.). — J'ai irop d*une nuii nourri son espe'rance (Rotrou). 
La peine oü je me trouve est d*avoir irop d*un gendre (Desmar.). 
Mandane ayani moins d^une couronne, ne paräiira plus etc. (M^** de 
Scud.). Vous demandez irop de la moiiie (Ead.). 

Zahlreich sind die Beispiele zu § 118, vgl. J'etais aUe Chez un 
ami manger un vied de boeuf sale^ Oü fai trouve d^un aü qui seni bien 
mieux que Vamore (Scarr., Com.). Comme Tomyris n'avait que d^une 
espece de sentiments dans tesprit, eile faisait tout servir ä son dessein 
(M^^® de Send.). II y a pourtant d'une espece de aens au monde dont 
pour fordinaire ious les plaisirs consistent etc. (Ead.). Celle qtti offrait 
le sacrifice . . ., 7nii dans ceite cassolette de Fambre, du thym (Ihimiane) 
... et de plusieurs autres parfums (Ead.). Comme d'autre fois en- 
d4)rmi Confusement je Tavais vue (Scarr., Virg.). Ce serait abaisser sa 
valeur ä PextrSme De lui vouloir donner d^autre prix que soitmSme 
(Rotrou). Et si d'autre interii n'e'meutvoire colere, Craignez etc, (Id.). 
Jamals d'autre que moi n'en a porie le nom (Id.). Je ne saurais de 
ma conduite Me fier en d* untre qu*ä ioi (Racan). Elle pensait ne 
pouvoir jamais vivre heureuse avec d^auire qu*avec lui (Id.). Je devrais 
tout ä votre majesie si je ne devais aussi quelque chose ä moi-mtme que 
je ne puis devoir ä d'auire (Scarr., Nouv.). Jamais de plus diane 
prilresse Pour une plus digne deesse Plus dignement h*officia (Id., Poes.). 
Ei cet astre dem se füt mnni du monde Si pour cacher sa honte il avaii 
pu trouver D assez noire demeure aux atümes de Ponde (Racan). 
(Vgl. Zischr. Xi, 255.) 

Übrigens ist der Gebrauch des partitiven de mit dem Artikel 
und ohne denselben hinlänglich durch Beispiele belegt, nur zu § 119, b 
und Anm. 1 vgl. noch Si mon bonheur n^ est f aux, que vous dois-je des 



g 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XV 11. Jahrhunderts, 229 

viBux! (Rotrou). A-t-ü jnäsä iani d*eau que jadis ton courraux T'a fait 
iirer du sang du sein de son dpoux? (Id.). 11 etait bien en peine de 
savair si la femme de Tope'rateur avait heaucoup de Vesprit (Scarr., 
R. C, zitiert von Hellgrewe S. S7). — We renferma sans lui laisser 
de la lumiere (Ibid.). Vavare däsir . . . Lui fait perdre le jowr sans 
gagner des tresors (Send.). EUle connaissait sa heaute sans avoir de 
rorgueil (M"« de Scud.). 

Die Präposition ä in lokaler Bedeutung (§ 120) vgl. 11 dit 
u'une demoiselie de ses amies lui voulait dire un mot ä la rue (Scarr., 
L C. lÜ). Je vis ce mime prince ä un halcon (M"" de Scud.). (11) la 
voit tous les jours , , , ou aans les e'glises ou ä son balcon (Scarr., R. C). 
l\i ne te mettras pas ä la tite que faille heaucoup importuner etc. 
(Id., Nouv.). — (11) criait comme un demoniaque . . . et croyant de 
pouvoir passer au cote droit etc. (Id., R. G. III). Nous trouvämes des 
chevaux ä Vauire cote du fleuve (M"* de Scud.). // porte ä ce cote 
le chätiment de tous (Pepee) (Rotrou). Je me remets aux yeux Les 
justes jugements des hommes et des dieux (Th^oph.). (II) fait paraitre 
ä ses yeux les deux indignes rois (Desmai-.). Votre sang qu*un rival 
r^pandü ä ses yeux (Scarr., Com.). (Ils) se montrent en tous Heux 
Pun ä Pautre voisins (Chapel.). Leur habitation en Vautre monde sera 
quelqtie chose d^approchant ä ce que je vous enai discouru {Th^o-ph.). 
Je jurerais bien qu'arrivant ä VAm^rique, oü mon chien de destin me 
mene, fentendrai parier (Scarr., Lettr.). Als besonders beachtenswert 
ist hervorzuheben EMe peut epouser celui de ses amants A qui de son 
amour eile a ces nuits pass^es (Rotrou). 

In der Übertragung ist ä (§ 121) auch noch in einigen Stellen 
notiert, welche der Aufzeichnung wert scheinen; so erscheint dasselbe 
= de zum Ausdruck des possessiven Verhältnisses (Anm. S) Mais quel 
ecrit trouve''je sous mes pas? D*une vieiäe suivante ä ce Lope de 
Lune, Dont la seule valeur egale Tinfortune (Rotrou, Don Bernard de 
Cabröre V, 8). La fille ä Jean Vincent, Le coUectettr du bourg, seule 
en vaut plus d^un cent (Scarr., D. Japhet d'Armänie II, l). vous, qui 
paraissez en peine Du nom de la bSte ä Sildne (Id., Typh.). C etait 
Pile ä dame Circ^ (Id., Virg. 1. VII). Aux connaisseurs cela fit dire 
Qu'eUe aurait un fort grand empire, La fille au noble roi Latin (Ibid.). 
Femer La presomption qtCen pareiües enireprises on soupqonne ordinatrC' 
ment aux personnes de mon äge (Thäoph.). Est-il posstble que vous 
ayez dormi ä repos dans une affliction si re'cente? (id.). Ses troupes 
ä pleine licence Venaient fouler votre inttocence (Id.). ün proces qtti 
m'attaque ä Vhonneur et ä la vie (Id.), und so noch oft für dans, 
resp. en (§ 121, a), ebenso für avec und pour (§ 121, a, f), z. B. Vous 
lui feriez grand tort de Vamvser ä vous (Racan), [u. = de: A quoi 
se peut ton äme entretenir? (Theoph.)]. // brülait aux attraits dPune 
simple bergere (Rotrou). Votre zhle ä mon salut (Thöoph.). Elle n^eut 
point de rdpugnance ä ce que lui proposa Victoria (Scarr., R. C). 
Auch zu den Anm. 1 berührten Einzelheiten lassen sich noch anführen: 
Le phüosophe qui avait si bien Studie ä la sagesse tonte sa vie, se 
trouverait etc. (Theoph.). Tu n'auras plus ä qui te courroucer (Id.). 
Ebenso Ils se de'piteni ä moi ei me disent des injures (Id.). Das 
temporale ä (§ 122) ist in den Wendungen ä ce matin, ä ce soir, ä 
ce Jour ungemein h&ufig, z. B. Mes juges veulent que je parte ä ce soir 
(Theoph.). J*ai fait ä ce matin ces vers tout dune haieine (Id.). De 
quelle humeur je me trouve ä ce jour! (Rotrou), und sogar Je veux des 
ä ce soir en commencer la fite (Racan). A ce coup ist sehr häufig, 
auch ä Pheure = sur Pheure ist nicht selten, z.B. A Theure les Helfreux 



230 A. Baase, 

rassurtreni lears craintes (Racan). Elle avaii des amis ä Ecbaiane, qtä 
J^en avertirent ä Vheure mime (M"® de Scud.). Je vous supplie tres 
humblement de lui ordonner donc de me le rendre ä r heure mime (Ead., 
und sehr oft im Grand Cyms). Ebenso mit vorangestelltem mime: 
Qu'ü ne falkui que le faire savoir ä la troupe ei en obtenir la faveur 
de Vassociation, ce quü de'sirait faire ä la mime heure (Scarr., R. C. III). 
A mime iemps ist auch nicht selten, z. B. Et fauire ä mime iemps 
dlev^ dans les cieux (Racan). Ils avisent donc ensemble que Lucidas . . . 
tächerait ä mime iemps de lui faire connatire la fauie etc, (Id.). Et 
qui arriva ä mime temps que la lettre de Leandre Im fut rendue 
(Scarr., Nouv.). 

Zur Bezeichnung des Anlasses und des Grundes (§ 12S) konkurriert 
ä mitunter geradezu mit de, z. B. ^ous fümes assez surpris ä cette 
ceremonie = „bei** (Thäoph.). // s^effraye ä ces fieres menaces (Rotron). 
Surpris ä ce rapport . . . Que dirai-je? (Id.). A ce honieux affront je 
demeure e'bahi (Id.). Le roi sans s^emouvoir ä cette aigre censure 
(Scud.). La forit retentit ä ce troxibU nouveau (Rotrou). Esi-ce qu'ä 
ce nom de ftls votre oreille s' offensei (Id.). Ferner ä = sur: Au Heu 
de prendre exemple ä ma fidelite {R3,cü.n), Ähnlich ist A la grandeur 
des dieux leur grandeur se fiaure (Th^oph.). Sehr oft begegnet ä quoi 
:= pourquoi, z. B. A quoi donc tani de tours ä fentour de la porte? 
(Rotrou). A quoi cette froideur et pourquoi tani de suite? (Id.). Mais 
ä quoi tani de soins? A quoi tani repeier ce discours inutile? (Id.). 
Mais ä quoi differer mon tre'pas davantaae? (Scarr., Com.). Auch das 
konjunktionale ä ce que habe ich noch gefunden Je rCak jamais eu assez 
de vanite ni de diligence pour les impressions ä ce qu'on me doive imputer 
tout ce qui est imprime comme mien (Thäoph.). (EUe) donnera bon ordi-e 
ä ce que la couronne Nepese plus au front qui sitdt Pabandonne (Rotrou). 
Statt des modernen en faveur kommt auch ä la faveur vor, z. B. (Je) 
ne puis goüter le fruit Qu*ä la faveur de tous cette saison produit 
(Th^oph.). Redouble ä ma faveur le doux bruit de ton cours, Tani que 
tous les Sylvains en puissent itre sourds (Id.). 

Das Werkzeug (§ 123 Anm.) ist durch ä bezeichnet Le duc . . . 
bieniöt a tranche la tite ... Au fer d'une autre lance aussitot il Feleve 
(Desmar.), und das Mittel (ll) vit ä ses chansons ks Parques 
desarmees (Th^oph.). ThionvUle acquise ä sa prompte vaillance 
(Desmar.). II te ravit un tröne ä ta naissance acquis (Scarr., Com.). 
Et son impatience attend le nouveau jour comme un jour de triomphe 
acquis ä son amour (Scud.). (Vgl. § 125 Anm. 2) wo derselbe Gebrauch 
des ä beim Infinitiv erwähnt ist.) 

A = en: Le vin comme le lait en distille ä ruisseaux (Racan). 
Quels peuples ne viendront ä ta foule offrir leur oraison? (Id.). Les 
biens m'arrivent ä foison (Desmar.). Un tas de faquins . . . se jeter ent 
ä la foule dans notre cabane (Scarr., R. C). 

Hier mag auch tout ä bon = tout de bon erwähnt werden, vgl. 
Mais quand il faUut representer tout ä bon, ü le faUui pousser sur la 
seine par force (Scarr., R. C. III). Mais tout ä bon, ne vous deguisez- 
vous point (M"® de Scud.). Tout ä bon, lui dis-je, Cleonice, que voulez- 
vous qui soit dans cette lettre? (Ead.). 

Beim Infinitiv (§ 124, 1, b) sind Beispiele zu fuir vergessen 
worden, vgl. Ils fuient ä m*exammer (Thäoph.). Ne de'sire donc point, 
fuis mime ä regardei* Tout ce que sans pe'cäe tu ne peux posseder 
(Com.). Hinzuzufügen sind offrir, J'offre ä vous y mener (Racan), 
presser, (II) ne pressait pourtant pas sa ftlle ä Vepouser (Scarr., R. C), 
conseiüer q. ä f. qc. (vgl. § 59), Et rint&it ... Ne conseille jamais 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XV IL Jahrhunderts. 231 

ces ämes bienhetireuses A rompre le Uen qui Joint leurs volontes (RacanX 
craindre, Je ne craindrai point maintenant ä te dire sur guoi je doute 
etc. (Th^oph.), douter, Jones juge gu^il doute ä voir cette actum (Ohapel.). 

Bei Verben der bewegang statfc pour (§ 124 Anm.): It s'e'tait en- 
ferme dans tme chambre, oü je vins ä heurter assez fort avant qu*ü 
voulüt me r^ondre (Th^ph.). Le Pbre Voisin a ete chez plusieurs de 
mes juges ä leur demander ma mort (Id.). 

Den § 125, a angegebenen Verben lassen sich noch hinzufügen 
^i les discours . . . vous ont mieux persuade qu'aux Atheniens 
(Th^oph.). Ceüe de contrarier ä la vötre (volonte) en pareü com- 
mandement a ete tovjours la seule que je me suis re'servee (Id.). lls 
prichent aux gentils, Os prSc/ient a%tx sauvages (Bacan). Je m'etais 
engage pour un nomme savant, Depots sur quelque hruit faisant ici la 
rofide Je rCai pu refuser au plus vaillant du monae (Desmar.). 
Weitere Beispiele sind Ce page votis pourra . . ., mais croirai'je ä 
mes yeux? (E>otrou). 21 ne devait iamais me soup^onner mal apropos, 
ni croire ä ses propres yeux (M"® de Scud.). C*est ä moi que la chose 
touche (Scarr., Virg.). Zu § 125, c vgl. Cela est enc^ore phts e'trange 
d^avoir des imaginations emp-untees pour lui discourir (Th^oph.), und 
zu § 125, d La rigueur dont je leur use (Rotrou). Ne me continue 
point ces raisons dont tu m^uses (Id.). J^eus ä tous mes desseins la 
fortune ennemie (Scarr., Com.). Et tant s'en faut qu^ü füt consen* 
tant ä son enlevement, que etc. (Id., R. G. III). Zu § 125, e Au heu de 
raccourcir ä lafureur du sort Les plaisirs de nos Jours, Sommeü, 
tu les aüonges (Th^oph.). Au Ueu du fier tyran qut fusurpe la 
France (Gbapel.). Vous pillez aux particvMers ce que vous konnex 
au public (Th^oph.). Si j'avais la lächete de mendier ma paix ä mes 
ennemis, je pourrais etc. (Id.). Schliesslich sei das veraltete souffjir 
ä q, de f, qc, erwähnt Tandis que le ciel me souffrira de vivre 
(Thöoph.). VroiS'tu qu*il nous souffrit de vivre? (Id.), und trhve ä qe. 
= de, wie Treve, eher D., ä tout dessein de rire (Rotrou). Treve, 
Cle'andre, ä ces douleurs ameres (Id.). Treve ä ta dotdeur extrime (Id.). 

Das alte es (§ 127, 2, a) findet sich noch: C, de qui la foi ckan- 
ceüe ds choses les plus claires (Th^oph.). Le sceptre eternel qu'ils vous 
ont mis es mains (Racan). Remettez^moi plutöt es mains de ce Satyre 
(Id.). Cet homme . . . Etait des plus grands poHtiques, Ei savant es 
mathematiques (Scarr., Typh.). vor pluralischem Artikel habe ich en 
nur gefunden (ibid., b) Eüe le trouva homme du monde de la meHieure 
mine en les habits de noces (Scarr., R. G. I, c. 22). Vor Städtenamen 
(ibid., c) Lune en quite d'un pere, et Tautre d^un mari, Vinrent, pour 
nous trouver, s'embarquer en Bari (Rotrou). Je me laisse gagner, ß 
depiche en Argos (Id.). IJne personne aussi bien nee Qu*il en futjamais 
en Paris (Scarr., Virg.). 

Sehr viele Fälle sind zu verzeichnen, in denen noch en statt des 
neueren ä (§ 126, 2, d) gebraucht ist, vgl. ausser dem noch durch 
viele Beispiele zu belegenden penser und songer en ^., en qc, noch 
Dites-moi en quoi tendait Le discours etc. (Thloph.). J^ elever ai ton 
frere en un si digne rang (Rotrou). Je ne puis souffrir, en quelque 
rang qt^il monte, Lennemi de magloire (Ib.). iVow sans peine encorje 
reviens en moi-mime (Id.). Bar le mime attentat (ü) en veut en voire 
sang (Id.). Attendant Cheureux jour qui doit en nos de'sirs Permettre 
apres les faux les solides plaisirs (Id.). Ün cmur si releve repugne en 
cet emploi (Id.). Personne ne pouvait rien comprendre en cette 
devote serenade (Scarr., R. C.). Lavocat qui n'entendait rien en ce 
beau discours (Ibid., III). Je souffrirais qu'en moi quelqt^un osät pre- 



232 A, Haase, 

tendre? (Desmar.). Vou$ pre'tenäez encore en sa femme (Scarr., 
Com.). Toujonrs je rive en mon affliciion (Th^oph.). 11 y a apparence 
gu'il rivaii en ses amours (Scarr., Nouv.). // pousse en mon sujet 
(JCinutües sonpirs (Rotrou). Si gueique autre est plus sage en mon 
o pi nio n (Id,). Leandre n'est pas en voire connaissance (Id.). Mais 
commeni est la reine en voire sentimeni? — Ses moindres omements 
surpassent Fexceüence (Id.). Et moi, . . . En tiie de mes compagnons . . . 
Je ioumai etc. ^Scarr., Virg.). Glaugue en t3te de son iroupeau (Id.). 
C^est ce grand ndros dont les soins Feronl porter du Rhin en Gange 
Sans port une lettre de change (Ibid., 1. YI). Zu den gegebenen Stellen 
füge ich hinzu Trouve ä redire ou non en ces propos con/us {Rotrou), 
II trouvait ä redire en tous ceux de sa profession (Scarr., R. C). 
Ma de'votion Confia votre vie en sa protection (ßacan). Etquiluipeut 
ravir un droit en la couronne? (Scarr., Com.). Le temps se rend si 
benin . . ., Qu*en faveur de cette saison, Et par arrit de la nature, 
II les fait sortir (les serpents) de prison (Thöojh.). J'e'coutais, en 
faveur d'une tapisserie, Tout ce que etc. (Rotrou). Clorimond, introduit 
en faveur de cette ombre, Äpprendra etc. (Id.). 

Zu der § 126, 2, e besprochenen Verwendung des en vgl. Mon 
devoir souffre en cette violence (Rotrou). Je demeure confuse en 
cet honneur extrime (Id.). Et beaucoup sont en peine en ce cnangement 
(Id.). Je ne me piain s point en mon sort rigoureux (Id.). Ma colere 
en ton sang ne peut itre assouvie (Chapel.). Lunique espoir de mon 
salut se fonde En la croix de celui qui racheia le monde (Thöoph.). 
Et te repose en moi d^une ferme assurance (Racan). Je ne m^assure- 
rais pas encore en vot?*e affection (M"® de Scud.). Je n*ai point de 
pouvoir en ma propre feUcite'f et par cönsequent je vCen ai g^iere en 
Celle d^autrui (Ead.). Casque en tSte au lieu de bonnet (Scarr., Typh.). 
Je fis voile en Asie (Desmar.). Das veraltete en intention de f. qc. 
noch Vn fils que j^ai eleve avec beaucoup de soin, en intention de le 
re'ndre digne de nilusire sang etc. (M"« ae Scud.). 

Das veraltete en quelque part begegnet noch oft, z. B. EUes ne 
sauraient revenir ä la vie si elles n^e'taieni en quelque part (Th^oph.). 
On me ferme la porte en quelque part que j^aille (Rotrou). Ils 
eclaireni ses pas, en quelque part qu'elle aille (Racan). Me voüä . . . 
tres resolu de vous suivre En quelque part que vous irez (Scarr., 
Virg.). Ebenso en nulle part, z. B. Errer de contree en contree, JN'avoir 
en nulle part entre'e (Ibid.). // sera difficile que fen trouve en nulle 
part (M"® de Scud.). // evita . . . de rencontrer ia princesse Istrine en 
nulle part (Ead.). J*äprouvai ce supplice tres longtemps, sans trouver 
consolation en nulle part (Ead.) Auch en autre part, vgl. Celle que 
Con sait aimer en autre part (Scarr., Com.). 

Dans (§ 126, 3) vgl. Je Vaimai dans V ex ces, et je la hais de 
mSme (Rotrou). (J'ai) Seule atme sans re'serve, el seuie dans Vexces 
(Id.). // me Ca depeint (Pa?nour) comme ü e.st dans ses yeux (Th^oph.). 
Je suis moi-mSme enc kante dans un lieu si plein de charmes (M"^ de 
Scud.). Et moi, pour te parier dans la m^me franchise, Je te hais 
beaucoup moins que je ne te meprise (Scarr., Com.). 

Vers (§ 127, c) findet sich auch rein lokal, z. B. Durant cinq ou 
six ans j*ai garde mes troupeaux Vers un lieu que Rosinde a pres de 
nos hameaux (Rotrou). Vers le prince irrite, la princesse affltgee . . . 
s'etait soudairi rangee (Chapel.). La flotte, ä ce qu'on dit, vers Baye 
est arrivee (Scud.). Bydaspe qui dlait poste vers le pied des montagnes 
oü le roi d'Arme'nie s^e'tait retird (M"® de Scud.). Auch sonst ist vers = ä 
resp. Dativ des Pron. pers. gebraucht (§ 127, Anm.), z. B. Le vieiHard . .. 



Ergänzende Bemerktingen zur Syntax des XV IL Jahrhunderts. 233 

Adresse ainsi vers nous sa parole adordble (Desmarj^ Clovis). Sous 
une fenitre qui repond vers une maison brüle'e {W^^ de Scud.). 

Sur (§ 128 Anm. 3) vgl. Ce sceptre vons e'leve sur les autres 
humains (Botrou). Entre eux un jeune amant vons plaira dessus tous 
(Id.). Nul ne saurait plus haut porter Pambition Que d!oser enmer sur 
ma pre'somption (Desmar., Visionn.). Lucille qui possede un celebre renom, 
ün rang imp&ial ... Et sur toutes grandeurs une extrime sagesse 
(Id., Clovis). Sonst ist sur noch zu beachten in 11 est bien outeux . . . 
De trouver sur tout ä redire (Scarr., Virg.). 11 suivit d^abord une 
longue attee sur laquelle re'pondait la porte du jardin (Id., B. C.)- 
Te souvient'ü . . . D'avoir devant mes ye%ix pille sur les autels? 
(Rotrou). 

Par sus laut (Ibid. Anm. 4) kommt noch vor Mais par sus 
tous, sages Le'vites, Servez ce sauvetir des humains (Racan). 

Outre in lokaler Bedeutung (§ 129, b) ^ous eussiöns fait enfler la 
Seine outre ses bords (Racan). Juparavant ist als Präposition in 
den gelesenen Texten gar nicht selten (§ 130, b), z. B. // n''est point 
incompatible qu'eUes aient e'te auparavant la vie corporelle (Thäoph.). 
JppreneZ'tnoi le crime auparavant P arrit {Uotxo\i). Quand ils ont de 
concert auparavant ma mort . . . Jete ma robe au sort (Racan). Je 
la vis une heure auparavant cette funeste ceremnnie (M"« de Send.). 
Tous ceux qui auparavant nous e'taient alles aprbs le ravisseur etc. 
(Ead.). 

Au- devant de = devant (§ 130, Anm. 1) vgl. Ces legions en haie 
au- devant de mes portes (Racan). Voyant Finfidele Au-devant 
d'Albione, et combattant pour eile (Desmar.). Comme un mole construit 
au'devant d!un rivage Ihur servir de barriere aux assauts de Corage 
(Chapel.). Elles se placerent sur la muraille du cimetiere au-devant 
d^un ormeau (Scarr., R. C. III). 

Zu § 130 Anm. 2 vgl. Peut-Hre esperez-vous qü* apres le sac de 
Troie On vous vienne au -devant recevoir avec joie (Rotiou). faurai 
force pour V aller au-devant Et la noirceur de Vombre etc. (Id.). 
Mais queües gens nous viennent au-devant? (Id.). 

Adverbiales par avant, entsprechend dem § 132, c erwähnten 
par apres, kommt vor Je voudrais par avant avoir connu son äme 
(Thäoph.). 

Präpositionales par devant = devant, z. B. Je passais mille fois 
par deiJant sa maison (Scud.) Je Pai vu cent fois . . . Passer et repasser 
par devant sa maison (Rotrou). 

Parmi in rein lokalem Sinne = au milieu de, dans (§ 131, a) 
ist nicht so selten, z. B. Parmi la cite vaste il entend des clameurs 
(Desmar.). On voit . . . Eciater parmi Tantre une vive lumiere (Chapel.). 
Mais en ayant fait plus de mille, Que fai semes parmi la ville, II 
faut etc. (Scarr., Com.). (Elle) Le promene parmi la ville (Id., Virg.). 
La blancheur de nos habits et de nos chevaux qui nous avait rendus 
invisibles parmi la plaine (M"® de Send.). — Parmi = entre (Ibid. 
Anm. 1) Dans la famüiarite qu'ü y a parmi le sang et la chair, il est ä 
craindre que etc. (Th^oph.). 

Noch heute dient entre mit pluralischem tout zum Ausdruck der 
Steigerung, wie Üne femme, Perdue, abandonne'e, entre toutes infame 
(Rotrou); von hier aus konnte man auch sagen, wobei die ursprüng- 
liche Bedeutung des entre zurücktrat, Ce nom qui, malheureux entre 
tout autre nom, . . . attire le bäton (Rotrou, Les Sosies.). 

Aupres mit dem Akkusativ (§ 132, b) habe ich noch gefunden 
Ainsi le juste aupres Vaulel du Tout- Puissant Semble se rajeunir des 



234 Ä, Haase^ 

§räces qt^ii ressewt (Racan). Zu § 132, d vgl. noch Comme feiais 
apres ä votis empaqueier eic, (Scarr., Com.). Ei ßigez par apres de 
votre defiance i^otrov)^ und zu der Anm. Ecrivains toujours empiche's 
Apres des matteres indipnes etc. (Th^oph.). Tout un siecle les desimees 
Travailltrent apres ses yeux (Id., d. h. eie so schön als möglich 
zu machen). Les dieux, occupes apres toi setdement, Laissent Tetai 
du mande aller ä raventure (Id.). Bivant sur son rivage apres tes 
heaiuc e'crits . . . Je disais etc, (Id.). Je n'ajaute pas tant de foi ä tes 
paroles, gueje voulusse guiiter un hon repas qui m'attend pour m*amnser 
apres une teile esper ance (Desmar.). Je ne crois pas que defunt Phaeton 
aii ele plus em piche apres les quatre chevaux fougueux de son pere 
que Je fui alors notre petit avocat (Scarr., R. C). (Elle) ne manquait 
pas . . . de passer les jours apres des ouvrages qu'elle avait appris ä 
faire (Id., >iouv.). 

Das alte fors (§ 138. a) begegnet auch sonst noch, z. B. Les 
Muses ... Fors le Inen de ton amitie N*oni point felidte si grande etc. 
(Thöoph.). Que Venfer contre lui puisse tout fors la mort (Chapel.). 
Le surplus est francais, et fors le long des flots, On y jouit partout 
d'un glorieux repos (Id.). A tous, fors ä toi. Je suis inaccessible (Scarr., 
Com.). De ces galer es enflammees, Fors quatre dejä consomme'es (Id., 
Virg.). Ce ne fut quasi que tout un, Fors quelques preneurs de petun 
Qui etc. (Ibid.), und sonst. Der Stellung wegen ist zu beachten Uertes, 
le dang er hors, ce passe- temps est rare (Rotrou). Hormis de und 
Infinitiv Vous pouvez tout sur moi, Bormis de mHmposer ceite barbare 
loi (Id.). 

Lokales par in par le chemin = en chemin, z. B. Faisons par 
le chemin ce conte ä Celiandre (Rotrou). Je Ten ouis vanter par le 
chemin (Scan*., R. C). 

Sehr häufig ist bei Scarron, auch in den prosaischen Schriften, ne 
pas avoir pour une chose (§ 134, 2, a), z. B. La ville de Paris n'en a 
pas pour un, eile en a dans chaque quartier (R. C). Cette dorne, belle 
comme eile etait, n' avait pour un amant (Nouv.). // avait ete des amants 
W Helene, car les publiques iCen ont pas pour «n seul (Ibid.). 

Das von Hellgrewe S. 41 zitierte ttte pour tSte =: t. ä t. findet 
sich auch sonst bei Scarron, z. B. Le pauvre gentilhomme revenait de 
courir les hotelleries de la vtlle . . ., quand il trouva Marceüe tite pour 
tSte (Nouv.). (II) avait malheureusement rencontre tite pour tite les 
archers (Ibid.). 

Pour zur Einführung des prädikativen Substantiv. Et la je fus 
nomme pour che f de ce grand corvs (Rotrou). Je fus nomme pour 
chef d'une puissante arme'e (Id.). Ebenso findet sicn sonner pour la 
retraite, z. B. Je fis sonner pour la retraite (Scarr., Virg.). (lls) avaient 
sonne pour la retraite (Ibid.). Statt de vor dem Infinitiv II est temps 
pour vaincre ton erreur (Rotrou). 

Das prädikative Subst. ohne pour bei avoir (§ 134, 2 Anm. 3) 
Leurs innocentes mains^ Qui n' avaient que les cieux complices (Th^oph.) 
A moins que d'en avoir mes propres yeux temoins (Rotrou). Qu*en 
cette heureuse nuit fai la fortune amie (Id.). Je n^avais point eu 
d'autres personnes confidentes de ma passion (M"* de Scud.). 

Zur Verstärkung der Negation findet sich pour tout = du taut, 
z. B. ,,Joint que", vieiue liaison qui sent sa chicane; il n'enfaut point 
user pour tout (Malh..^ zitiert von Littr^ nnteT Joint que). Kien pour 
tout d'assure ni de facHe (Thäoph.). Aprhs que je serai mort, je ne 
comparmtrai plus pour tout (Id.). Tu n*as point pour tout d amitie 
(Id.). Lydias, qui n'y pensait plus pour tout, s'approche (Id.). 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVII. Jahrhunderts. 235 

Zu den § 134, 3 Anm. 2 berührten Einzelheiten sind hinzuzu- 
fügen Les peupies sont heureux Que ce JHeu tout-putssant lUumine des 
en naissant De sa lumiere (Racan). Et des en V ahordant . . . je 
vais Que ce n'est pas ä tort etc. (Chapel.). Bis avant que le prince 
eüt fitä ce langage, on vit etc. (Id.). — Mon espoir toutefois est de^ 
chaque iour, Du depuis que fai vu pre'tendre ä son amour (Rotrou, 
von Sölter S. 40 als Beispiel der YemachläRsigung des Subjekts- 
pronomens zitiert). Je ne resseniis point alors cette mort comme fai 
fait du depuis (Scarr., B. C. III). Taisez-vous, petite putine, Du 
depuis on a dit putain (Scan., Typh.). Pu sortir du depuis il n'a 
(Ibid.) 

Das Bemerkenswerteste ist, daes auch noch ensemble als Präpo- 
sition fungierte, vgl. Ce que fappris par notre confidente, ensemble la 
resoluiian qu'eües avaient prise de me voir toujours et par quels moyens 
(Scarr., R. C. III, c. 18). 

Wie ä travers de qc. vorkam, so auch mitunter au travers qc 
das sich präpositionalem auparavant an die Seite stellt, z. B. Certains 
cris . . . Au travers le süence et Phorreur des tenebres, M*onl transperce 
le ccßur (Thdoph.). II passe au travers la porte (Id.). 

Über die Konjunktionen ist zu bemerken, dass quand bien 
(§ 136 Anm. 2) bei 'älteren Autoren oft und besonders häufig auch bei 
Scarron begegnet, in dessen Dichtungen es fast auf jeder Seite sich 
findet, z. B. Et quand bien fen serais parfaitement savant, ma vie 
serait trop courle etc. (Th^oph.). Quand oien on faccarderait que . . ., 
si peut-on dire enfin etc. (Id.). Et quand bien le destin vous manquerait 
de foi, 11 vous reste etc. (Rotrou). Je retoumai dans la salle du Jardin, 
pour parier ä St, Far, quand bien il me devrait dire quelque chose de 
de'sobUgeant (SctLTr,^ R. C.). // s'en offenserait, Quand bien sa passion 
par lä se flatterait (Id., Com.). Quand bien Artamene serait en etat 
de combattre, il ne trouvaii pas etc. (M^® de Send.). 

Von den § 137, 1 aufgeführten Konjunktionen bedürfen incontinent 
que, soudain que^ desormais que und tant que ^bis" mit dem Indikativ 
noch einiger Beispiele, soudain que und desormais que scheinen haupt- 
sächlich nur in poetischer Rede vorzukommen, vgl. Incontinent 
que mon voyage sera resolu, je ne manquerai pas etc. (Th^oph.). 
Soudain qu'us sont pa7'donnes Ils vont au rang des fortunes (Thäoph.). 
Soudain que Von verrait P heureux choix de mes yeux, Les autres . . . 
Feraient toul retentir de cris (Desmar.). Soudain que les Fran^ais 
ont quitte le saint Heu, Ils fönt etc. (Id.). Mais soudain que du jour 
la barriere est de'close, Roger court aux prelats (Chapel.). Desormais 
que le renouveau fond la glace etc. (Th^oph.). La gloire de ton nom 
plus loin ne peut s^etendre, Desormais que sous toi s^abaisse la fiertS 
(Chapel.). Je tombe, et hors de moi demeure sur la place, Tant 
qu'Üctave passant s'est donne le souci De bander ma blessure et de me 
rendre ici (Rotrou). Et fai sans m^arriter mon äge consommee, Tantot 
par le pays, tantot dans une arme'e, Tant que par le de'cret d^un 
invincibü sort Je suis enfin venu chercher ici la mort (Id.). 

Kausales ä force que: Ce feu brüle si vite ä force qu'il me 
plait Que etc. (Thöoph.). Et ä force que fon Hnterrompait, il se fit 
donner audience (Scarr., R. C). 

Ein gutes Beispiel für mais que (§ 137, 4) ist Be'lasl ma fiUe, 
helas, qui me clorra les yeux, Mais que mon päle esprit soit monte 
dans les cieux? (Racan). 

Konsekutives si que (§ IS 7, 5) kommt auch oft in Scarron's 
Dichtungen vor, z. B. Sa personne . . . Est un peu rudement traiUSe, Si 



236 A. Haase, 

que tepine de son os Ä re^i dommage en ses os (Virg.). Joint oue ist, 
was beiläufig bemerkt werden mag, im Grand Cyrus fast auf jeder 
Seite mehrere Male zu finden. Malherbe verwirft es nach Littr^ in 
schärfster Weise (§ 137, 5 Anm. 2). ffors que mit dem Konjunktiv, 
wofür die neuere Sprache lieber ä moins que sagt, ist oft zu finden, 
vgl. nur Ce n'est pas qt^üs ne /ussent tous aeux de la premiere condiiion, 
ei que hör s que la princesse e'pousät un rot e'tranger, ou Spilridate, 
üs ne pusseni lever les yeux jusqn'ä eile (M"" de Scud.). Ebenso sinon 
que, welches dem si ce n'est que § 81, b an die Seite zu stellen ist, in 
Sätzen wie Vous ne irouverez poini de quoi, Sinon que la faveur du 
roi Tienne Heu de honte et de crime (Thäoph.). Lui-mime semblera 
reiracter ses serments, Sans dessein toutefois, sinon que cette adresse 
Vous fasse suppleer au mal de sa matiresse (Botrou). 

Mit ähnlicher Satz Verkürzung wie § 138 findet sich auch fors 
que, z. B. Dedans ce lamentable Heu, Fors que de soupirer ä Die^t, Je 
n^ai rien qui me divertisse (Th^oph.). Franc de tous les dangers du 
monde, Fors que de toi tant setäement (Id.). 

Nicht als eine Konjunktion ist zu fassen ^aHleurs que in La 
justice se mit en devoir de faire quelques formaUt^s, mais n^ayant trouv^ 
personne, et personne ne se plaignant, d^atlleurs que ceux qui pouvaient 
etre soupgonnes äiaient des principaux gentüshommes de la ville, cela 
demeura dans le silence (Scarr., R. C. III). Mais je n*y voulus pas 
entendre; cor je n^avais plus de parents qui eussent droit de me Com- 
mander. D'ailleurs que mon cceur etait toujours dans ce parc, ou 
je me promenais ordinairement (Ibid.). So nahe auch diese Wendung 
dem outre que scheint, ist sie doch von diesem grundverschieden. In 
beiden Stellen liest adverbiales d'aiUeurs vor; in der ersten ist que 
kausal, wie es in der älteren Sprache und in der heutigen Volkssprache 
noch gewöhnlich ist, während in der neufrz. Schriftsprache nur gewisse 
Beste jenes Gebrauchs sich erhalten haben. In der zweiten Stelle ist 
dieses que ebenso gebraucht wie im Neufrz. nach peut-Hre, heureusement 
u. ä., sodass dasselbe überflüssig erscheint und von einem nicht aus- 
gesprochenen Yerbum des Denkens abhängig zu denken ist, wie ein 
solches que in der heutigen Volkssprache noch sehr gewöhnlich ist. 

Auparavant que (§ 138) ist auffallend häufig bei M"" de Send., 
doch brauchen Beispiele zu diesem und den anderen daselbst behandelten 
Konjunktionen nicht gegeben zu werden, nur mag zu Anm. 2 ange- 
merkt werden, dass man nicht mehr sinon sagt in Sätzen wie Tous 
les dieux ä Tenvi lui versaient du nectar Sinon Bellone et Mars qui 
poursuivaient encore etc. (Racan). Qtioi, Thäaste, tout rit, sinon vous 
seulement! (Rotrou). Tantot que vgl. Ce beau, seigneur, tant dt qu'on 
a dine, A mangä comme un diable (Scarr., Com.)- 

Zu den § 139 Anm. 2 angeführten Sätzen vgl. Je me vis ä 
considSrer ces choses-lä si stupide que rien plus (Thäoph.). Elle se 
leva aussitot que le soleil (Scarr., B. C). Le jeune komme commis 
ä servir mon amour Se rendit en ma chamhre aussitot que le jour 
(Rotrou). Ferner Apres avoir, comme tres sage . . . Dit par trois 
fois etc. (Scarr., Virg.). jEneas lui dit, comme sage, Qu'ü commen^t 
par le jpotage (Ibid.). 

§ 189, 2: Je crois m'^tre trop venge que de m'itre plaint (Thöoph.). 
EUe se pUnt aussi dans son ouvrage, croyant en avoir fait un de grand 
esprit, et digne d^une extrime louange, que d' avoir trouve du mal en 
cette pensee, et de s^etre attache ä la mauvaise interpre'tation (Desmar.). 
(Ils) rendaient encore la chose plus forte, pensant en faire une tires 
avantageuse pour Artamene que de bien exagerer quil faliait sans 



Ergänzende Bemerkungen zur Syntax des XVIL Jahrhunderts, 237 

doute etc, (M"* de Scud.). Vgl. noch Les jeunes esprits h'ont rien de 
dangereux Au prix que decouter un conseil amoureux (Th^oph.). 
C*est faxt que de ses jours ( Rotrou). 

Ainsi que = comme (§ 139, 3) ist häufig, z. B. TJn chacun les doit 
estimer Ainsi qu*un ange tute'laire (Thöoph.). De ces objets cheris . . . 
mon äme est possedee Ainsi que d'un mauvais demon (Eacan). // faut 
de notre sang retrancher ce prodige, Ainsi qu*un mauvais bois indigne 
de sa tige (Id.). Mes grands coups se fönt craindre ainsi que des 
tempitcs (Deeraar.). 11 traite la Navai-re ainsi que PAngleterre (Cbapel.). 
Et je vous traiterai ainsi que je la traite (Rotrou). 

Das veraltete /M moins (9 140 Anm. 1) habe ich noch gefunden 
Cette contume . . . ne me laisse nulpre'texte qui puisse justifier taffection 
d^Arlamene pour moi, ni moins encore Celle de Mandane pour lui (M^^" 
de Scud.). 

Zu dem § 140 Anm. 2 erörterten Gebrauch des ni vgl. Que vous 
puis-je celer, ni que vous puis-je dire? (Racan), Que me sert . . . Que 
les vins ä ruisseaux me coulent des monlagnes, Ni que me sert de voir 
les meiUeurs menagers Admirer mes jardins? (Id.). Et si Cesar pretend 
pqr force, par menace . , , Et toi ni par soupirs, ni par embrassements, 
Ebranler une fois si ferme et si constante, Tous deux vous vous flattez 
d^une inutHe attente (Rotrou). 

Et donc (§ 140 Anm. 5) Bessouviens-toi . . . Que ne vivre ici bas 
\rien que pour eüe seule (la gueule) Est itre pis que bite; et donc, o 
hdelet, Vous n*Stes qu'une bite habille'e en valet (Scarr., (]lom.). Das 
Ldverbiale, sodann zur Konjunktion gewordene si (§ 141) begegnet 
licht nur sehr oft in adversativer Bedeutung, sondern tritt auch noch 
>hne dieselbe in et si auf, das vom Altfrz. bis ins XVI. Jahrhundert 
liuein oft als verstärkte koordinierende Konjunktion vorkam, z. B. 
^n mangea Tout ce qui fut mis sur la table , Et si but-on au prealable 
karr., Virg.). Helas! j^entends du bruit, et si je vois un homme 
[Id., Com.). 

Soit que — ou soit qtie (§ 143, Anm.) ist sehr oft zu finden, z. B. 

nt qu*un triste penser represenle ä mes sens Les lieux ... Ou soit 

[ue mon malheur ait mes mains approchdes Des choses etc, (Rotrou). 

nt qu*au matin Castre de Cunivers . . . Ou soit qu*ü se retire (Racan). 

nt que le jour renaisse au sommet, des rochers ... Ou soit que dans 

eaux sa lumiere finisse (Id.). Aiais soit qu*il craigrät de fwcer . . ., 

soit qu'il en füt empiche , . ., ii ne le fit pas (M"® de Scud.). Auch 

soit que kam vor, z. B. Ou soit qu*ü me punisse, ou soit qu^ü 

pardonne, On ne peut murmurer etc. (Racan). * 

Das aus ursprünglichem Adverbium zur adversativen Konjunktion 

wordene ains (§ 143, Anm.), welches im XVI. Jahrhundert noch sehr 

ifig vorkommt, im XVII. so gut wie verschwunden ist, findet sich 

|h Fieille barbue, et qui comptait Cent ans, et point ne radotait, A in s 

\t femme bien sensee (Scarr., Virg., 1. V.). 



A. Haase. 



Grundzüge der Entwickelung des e sourd. 

Ein Beitrag zur Beantwortung der Frage : Wie sind die französischen 

Verse zu lesen ?^) 



Man erinnert sich der kläglich irrtümlichen Vorstellungen, 
welche bei uns vor nicht langer Zeit über den Versbau der Fran- 
zosen in einigen Köpfen herrschten und in naiver Harmlosigkeit 
hie und da ernsthaft durch den Druck verbreitet wurden. Man 
war, wie auch Humbert in einer Anmerkung S. 3 sagt, geneigt 
im allgemeinen alle Verse jambisch zu lesen. Der (zwölf-, bezw. 
dreizehnsilbige) Alexandriner bestand also aus sechs Jamben: 
und nun hackte man ungehöriger Weise das Metrum nach diesem 
Schema ab, gerade wie wir deutsche Verse von Deutschen (und 
nicht bloss von Kindern) in geschmackloser Weise abhacken 
hören. Bei diesem regelmässigen Wechsel unbetonter und be- 
tonter Silben wurden dann auch sämtliche e sourd, soweit sie 
als Silbe „zählten^, in derselben schwerfälligen Manier zu Gehör 
gebracht. 

Solche Praxis und solche Theorie behaupteten sich nach 
dem Gesetze der Trägheit (der Geister), als man längst ohne 
grosse Mühe das Richtige oder das Richtigere sich aneignen 
konnte, wenn man wollte. Ja, ich bin überzeugt, sie sind auch 
heute nicht ausgestorben. Aber sie wuchern doch wohl nur im 
Verborgenen weiter, und dass noch einmal ein Schriftsetzer 
durch sie irre geleitet werden könnte, ist nicht gut denkbar. 

Wenn nun ein deutscher Jünger der „neueren Philologie** 
mit solchen oder ähnlichen veralteten Anschauungen, vielleicht 
durch eigene Überlegung und das Aufbäumen seines Schönheits- 

1) Zugleich Anzeige der Schrift C. Humbert's: Die Gesetze des 
französischen Verses. Ein Versuch sie aus dem Geiste des Volkes zu 
erklären, mit besonderer Rücksicht auf den Alexandriner und Moliere's 
Misanthrope. Leipzig, 1888. Seemann. 55 S. 8^. 



W, Ricken, Grundzüge der ErUwkkehing des e sourd eic. 239 

Sinnes wider hässliche Übung, oder durch irgend eine gelegent- 
lich gefundene Bemerkung skeptisch geworden, nach Paris reist 
und dort den Brauch der Bühne beobachtet, so wird er sich 
sofort des weiten Abstandes zwischen der natürlichen Betonung 
und Sprache der nationalen Schauspieler und jenem unnatürlichen 
^ Geklapper^ des (nach seinem Wissen) heimischen Deklamations- 
stils deutlich bewusst werden. Aber je grösser dieser Abstand 
ist, je gröber also seine bisherigen Vorstellungen von der Sache, 
je kümmerlicher sein Sinn für geschichtliche Entwickelung, je 
geringer sein lautphysiologisches Wissen und Können, sowie 
seine Kenntnis der einschlägigen Litteratur waren, desto mehr 
ist er in Gefahr, in das entgegengesetzte Extrem hineinzugeraten, 
indem ihm über der Beobachtung der groben Unterschiede alle 
die feinen Nuancen del* Aussprache, welche für eine richtige 
Lösung der von ihm behandelten Frage von massgebender Be- 
deutung sein würden, entgehen. 

So erklärt es sich ohne Zwang, dass in dem Prozesse der 
Reaktion gegen Verkehrtheit und Unnatur, des Sichbesinnens auf 
das Richtige und Natürliche, des allmählichen Durchringens zur 
Wahrheit, auch unerfreulichere Episoden vorkommen, welche von 
dem fast erreichten Ziele wieder abzulenken drohen. Wo immer 
wir die Entwickelungsgeschichte irgend einer Frage verfolgen, 
vollzieht sich ja vor unseren Blicken in mancherlei Variationen 
dasselbe Spiel: ein tüchtiger Kopf ahnt oder sieht das Wahre 
und gibt ihm einen vielleicht noch nicht ganz abgeklärten Aus- 
druck; weniger weitschauende Männer verstehen ihn nicht, ver- 
teidigen die liebe alte Gewohnheit oder wirken, dem miss ver- 
standenen Neueren folgend, doch wieder diesem entgegen. 
Hierhin und dorthin zerrt man den streitigen Gegenstand, bis 
zuletzt die Resultante aller wirkenden Kräfte ihn doch ungefähr 
dahin trägt, wohin er gehört. 

Die Frage der Rhythmik französischer Verse, insbesondere 
soweit sie die Frage der Behandlung des „weiblichen e" bei 
dem Vortrage von Dichtwerken in sich schliesst, ist neuerdings 
von E. 0. Lu barsch in dem nachgelassenen Werke Über 
Deklamation und Rhythmus der französischen Verse. Zur Be- 
antwortung der Frage: Wie sind die französischen Verse zu 
lesen? (Oppeln, 1888, Maske) überzeugend behandelt worden. In 
diesem Buche hat der wahrheitsliebende feinsinnige Metriker, 
indem er sich mit einem Vertreter der extremen Reaktion gegen 
alte Theorie und Praxis (Sonnenburg: Wie sind die französischen 
Verse zu lesen f (Berlin 1885, Springer) auseinandersetzte, eine 
in allen wesentlichen Punkten befriedigende Lösung jenes den neu- 
apracbliohen Lehrer notwendig interessierenden Problems gegeben. 



240 fV. Ricken, 

Die Schrift Hnmbert's, welche veranlasst wurde durch den 
Umstand, dass in eine von dem Verfasser für die Renger'sche 
Sammlung besorgte Ausgabe des Misanthrope gegen seinen 
Willen ein dem Gropp 'sehen Äbriss der Verslehre entlehnter 
^höchst bedenklicher Passus^, das ^völlige Verstummen des e 
muet^ betreffend, aufgenommen wurde, hat freilich bei weitem 
nicht 4ie Bedeutung der Arbeit des verstorbenen Lubarsch. 
Ohne sich um die vorhandene Litteratur über Metrik, Rhythmik, 
den Hiatus und andere Einzelfragen aus der französischen Vers- 
lehre zu kümmern, ohne etwaige phonetische Kenntnisse zu ver- 
werten, versucht indessen der unzweifelhaft mit einem feinen 
Geschmack für französische Poesie begabte Verfasser, das Kind 
eines französischen Vaters, die Gesetze des französischen Verses 
Schritt für Schritt aus der eigentümlichen Anlage der franzö- 
sischen Sprache, welch letztere er vorher in allzu geistreicher 
mich keineswegs überzeugender Weise aus dem Geiste des 
Volkes erklärt, selbständig zu entwickeln. Er zählt nicht, nach 
den in den meisten , Abrissen^ vorliegenden traurigen Mustern, 
die mechanischen äusserlichen Regeln und Gesetze, des in ihnen 
waltenden Geistes beraubt, auf, er will „auf das die Gesetze 
des französischen Verses beherrschende beseelende Band hin- 
weisen; ihren Geist in dem Leser wecken und jene Gesetze, die 
er vielleicht als tote Teile in der Hand hält, mit dem ursprüng- 
lichen Leben wieder erfüllen.'' Und trotzdem die Schrift wegen 
des Vei'fassers allzu geringer Vertrautheit mit mehreren nicht 
etwa unwichtigen Nebenfragen im einzelnen manche Irrtümer auf- 
weist und daher immerhin mit Vorsicht zu benutzen ist, ist es 
mir keinen Augenblick zweifelhaft, dass, wenn die Lehrer des 
Französischen, welche mit ihren Schülern einen Dichter zu lesen 
haben und doch auf dem Gebiete der Metrik und Rhythmik sich 
nicht genügend orientiert wissen, in dieses Büchlein und in das 
schöne Werkchen von Lubarsch einmal sich versenken wollten, 
die Lektüre und der Vortrag und die beiläufige metrische Er- 
klärung des Dichtwerkes ihre Schüler in weit erfreulicherer Weise 
bilden und belehren würde, als die Regeln und Definitionen der 
öden Leitfäden, die das Beste verschweigen, die den Lehrer 
nicht mehr sollten zu unterrichten vermögen und in den Händen 
der Schüler doch nur Unheil anrichten. Die Benutzung solcher 
Abrisse von selten unserer Zöglinge ist ebenso verwerflich wie 
der Gebrauch von Lehrbüchern der Synonymik, von Vokabulaires 
und anderen doktrinären Zusammenstellungen phraseologischen 
Materials. 

Ich übergehe alle diejenigen Ausführungen Humbert's, 
welche zu der von ihm angegriffenen „ Gropp - Dickmann^schen 



Grundzüge der EniwickeiHng des e sourd eic, 241 

Regel ^ über die Aussprache des weiblichen e im Verse nicht 
unmittelbar in Beziehung stehen. Vielleicht gelingt es mir, die 
vorliegende Streitfrage von einigen eigentümlichen Qesichts- 
punkten aus so zu beleuchten, dass manchem die Stellungnahme 
erleichtert und eine Einigung der Parteien eher erzielt wird. 

Bei Gropp, S. 8, lautet die ganze Regel folgendermassen: 
,,Nach der Theorie müsste das als Vokal einer vollen 
Silbe den übrigen Vokalen gleichberechtigte sogenannte stumme 
e stets mit dem Laut des sogenannten dumpfen e (e sourd) ge- 
sprochen werden. In der Praxis jedoch unterscheidet sich heut- 
zutage die Aussprache dieses Lautes nicht wesentlich von der- 
jenigen in der guten Prosa. Sie hängt im allgemeinen von der 
Beschaffenheit der vorhergehenden und folgenden Konsonanten 
ab; häufig beruht sie auch auf der subjektiven Auffassung und 
Stimmung des Sprechenden oder auf der Gattung der Dichtung, 
welcher der betreffende Vers angehört. Im allgemeinen lässt 
sich folgendes Gesetz aufstellen: Wenn die Natur der voran- 
gehenden resp. folgenden Konsonanten in der Prosa ein völliges 
Verstummen des Lautes zulässt, so tritt dies gewöhnlich auch 
in der Poesie ein; höchstens macht sich das Vorhandensein des 
e durch ein längeres Austönen des vorhergehenden Konsonanten 
hörbar, wodurch zugleich eine Verlängerung der vorhergehenden 
Silbe eintritt, z. B.: 

Tons resteni (lies: resf), les hras en haut (Brizeux) 
Voüä notre uniqtie (lies: noir^wiiqu) tre'sor (Lacbambeaudie) 
Comme (lies: comm') Rome (lies: RonC) Coclks vous avez Galgacus 

(Hugo). 

Das e ist mehr oder weniger mit dem dumpfen ö-Laute 

hörbar in den einsilbigen Wörtern je, wc, te etc., femer nach 

muta cum liquida und wenn die Natur des folgenden Konsonanten 

eine deutliche Aussprache des e nötig macht, z. B.: 

Eniraine le plus fori, trouhXQ le plus hardi (SuUy Prudhomme) 
Parl^Aui smis effroi: lui seid peui te comprendre (Lamartine) 
Plus prompts que raquÜon, /bndent de touies paris (Lamartine) 
MaitiQ lenard, par Codeur alleche (Lafontaine) — ." 

Vergleicht man diese Erklärungen mit den Resultaten der 
neuesten Fassung Lubarsch's, so lässt sich allerdings nicht 
leugnen, dass Gropp nicht ohne Glück versucht hat, dem Gesetze 
mit seinen Einschränkungen und Vorbehalten eine Fassung zu 
geben, die der Wahrheit nahe käme, wofern man den Gebrauch 
der Bühne als massgebend ansieht. Dass der Lautwert des e 
sourd der weiblichen Endungen (in der Prosa) beim Vortrag 
von Versen an sich nicht geändert werde, hatte Lubarsch ja 
bereits 1879 hervorgehoben. Er hatte aber auch damals schon 
den für eine richtige Auffassung der Sachlage wesentlichen Zu- 

Zschr. f. frz. Spr. u. Litt. XIi. ^^ 



242 ^. Ricken, 

satz gemacht, dass die. Silbe, der jenes e angehöre, dnrch deut- 
liche von der vorhergehenden Silbe mehr losgelöste Artikulation 
ihrcB konsonantischen Anlautes möglichst selbständig fUr das 
Ohr hervorgebracht werde. Diesen Punkt nun hat er in seiner 
letzten Schrift neuerdings klar und vorzüglich behandelt, so zwar, 
dass von hier aus sicher eine Versöhnung der streitenden Parteien 
wird erzielt werden können. — Trotz seiner etwas gewundenen * 
Erklärungen und der reichlichen Verwendung der verschiedene 
Auswege offen lassenden beschränkenden Adverbien „im allge- 
meinen'', „gewöhnlich**, „häufig", „nicht wesentlich", darf man 
doch wohl behaupten, dass Gropp, da er seine Regel schrieb, 
mit derselben nicht in dem Sinne Lubarsch's die feststehende 
Silbenzahl des Verses zu wahren gedachte, sondern sich mehr 
dem Standpunkte Sonnenburg's näherte, der beispielsweise 
Alexandriner von (9) 10, 11 Silben annahm, (ja einen solchen 
Wechsel der Silbenzahl als notwendig ansah, da auf ihm zum 
grossen Teil der Wohlklang des Verses beruhe). Denn selbst 
wenn „ das längere Austönen des vorhergehenden Konsonanten " als 
ein ungeschickter Ausdruck für die „selbständige von der vorher- 
gehenden Silbe losgelöste Artikulation" desselben betrachtet werden 
dürfte, würde doch das hinzugesetzte „höchstens" einen dement- 
sprechenden Vortrag als einen wohl einmal festzustellenden doch 
keineswegs herrschenden und bindenden Gebrauch charakterisieren. 
Humbert dagegen steht einfach auf dem Standpunkte, den 
Legouvö einnimmt, der da sagt : Le lecteur qui ne prononce pas les 
e intermidiaires faxt un vers fauXy ein Standpunkt, den Banville 
und Leconte de Lisle nach Lubarsch, Deklamation und EhythmuSy 
S. 22 und 28 durchaus teilen. Der unterschied in dem Vor- 
trage des lecteur par excellence und Dichters Legouv6, und der 
Dichter Banville und Leconte de Lisle, der in einer beiläufigen 
(nach der Darstellung bei Lubarsch, S. 25 eigentlich recht un- 
motivierten) Äusserung Banville's zum Ausdruck kommt, scheint 
im Grunde nicht so bedeutend zu sein und sich nur auf die 
„Interpunktion '^ beim Lesen des modernen Verses zu beziehen 
(Lubarsch 38), und betrifi^ auf keinen Fall die Behandlung des 
weiblichen e im Innern der Verse. Es wäre demnach nicht zu 
billigen, wollte man den Versuch, die vorliegende Streitfrage mit 
einiger Sicherheit bei uns zu lösen, mit einem Hinweis auf die 
Meinungsverschiedenheiten französischer Autoritäten als gewagt 
und vergeblich hinstellen. Im Punkte des e sourd sind die drei 
Gewährsmänner Lubarsch's vollständig einig. ^) 

^) Plattner im Gymtiasium VII, 2 (Sp. 52) und Heller in der 
Franco-Gallia VI, 2 (S, 57) scheinen diese Meinungsverschiedenheiten 
zw übertreiben und auch auf die Frage des e so^trd auszudehnen. 



Grundzüge der Entruickelnng des e sourd etc. 243 

• 

Uumbert äussert sich so: „Die neue Regel von Gropp und 
Biekmann widerspricht der Konsonantenscheu, zerstört die Leichtig- 
keit des Rhythmus und der Bewegung"...... „Sie wider- 

sfkricht dem Grundprinzip der französischen Rhythmik, der Silben- 
siählnng, auf welcher der Unterschied der Verse beruht. (?) 
Solche, die .zwötfsilbig sein sollen, werden neun-, zehn-, elf- 
^Ibig;. und mitten zwischen wirklich zwölfsilbige hineingeworfen, 
inn die vom Ohr erwartete und gefprdette Gleichheit zu stören: 
ipQ^' z^efache Missgeburt, wie mitten in der Odyssee oder in 
dem Dialog eines griechischen Trauerspiels ein drei-, vier-, fUnf- 
ffissiger Hexameter oder jambischer Senar." 

„Sie zerstört zugleich den Bau jedes einzelnen Verses selber, 
und im Alexandriner die so wichtige Gleichheit seiner zwei Teile." 

„Nicht einmal in Gassenhauern und Bänkelsängereien lässt 
sich der Franzose das bieten. Selbst da wird das Silbenmass 
lunegehalten, die verschluckten e zählen nicht mit und werden 
auch nicht geschrieben; man ersetzt sie durch einen Apostroph, 
und wenn man sie schreibt, müssen sie selbst in Gassenhauern 
gesprochen werden."^) — Letzteres belegt er mit klaren Bei- 
spielen aus der allerneuesten Zeit. 

Abgesehen davon, dass ich die (für die heutige Sprache 
immer hypothetischer werdende) „Kosonantenscheu" des Fran- 
zosen nicht als einen zureichenden Grund für die Notwendigkeit 

^) Es ist interessant und lehrreich zu beobachten, wie schon vor 
mehr als 200 Jahren Chiflet mit denselben Gründen gegen die Lehre 
eines Grammatikers, nach welcher das e feminin im Innern des Wortes 
und am Ende der einsilbigen Partikeln vollständig verschluckt werde, 
zu Felde zieht. Doch ist nicht zu vergessen, dass Chiflet damals die 
Richtigkeit obiger Lehre selbst in Ansehung der familiären Sprache 
bestreitet, Humbert heute die Richtigkeit einer ähnlichen Lehre in An- 
sehung der getragenen Sprache dichterischen Vortrags, ein Verhältnis, 
auf das wir weiter unten noch mehrmals zurückkommen werden. Die 
Worte Chiflet's (Essai d'une parfaüe grammaxre de la langue fran^oise, 
sixihnie ed,, Cologne 1680, S. 212) lauten: Sur cel e feminm ü iCy aque 
deux choses ä dire, contre une double erreur d'un Grammmrien. La 
jn- emier e est, en ce qu*il dii, que cei e se mange toui-ä-faii au milieu des 
mois, ei qu'il ne se prononce point du toui ä la fin des pariicules mo- 
nosyUahes; et par conse'quent quil faut dire, da pour que la, sla potir 
cela; ack(e)ter pour acneier, Ison pour le^on, eic. Je dis de cette pro- 
npnciation äffe et ee qu'elle est fausse, injurieuse ä nostre langue et 
ioialemeni pernicieuse ä la pocsie FranQoise. EÜe est fausse, parce 
qu'eUe aneantit des syUabes entieres qui ont droit d*estre distingue'es des 
autres, quoy que favou^ qu'eües sont fort courtes; et qu*il les faut pro- 
noncer brie'vement. Elle est injurieuse ä nostre langue : d^auiani qu^eüe 
la rendroii dure, scabrettse, et fremissanie ; ä cause du choc des consonnes, 
contre Fextreme inclifiation qu'elle a ä la douceur. Enfin eile ruineroit 
toute la poesie, estropianl les vers du nombre des syllabes, qui est requis 
ä^leuii me$ur4!* 

' : 16* 



\ 



244 TV, Ricken, 

der Aussprache der weiblichen Endungen im Verse ansehen 
kann, stehe ich prinzipiell auf dem Boden dieser Humbert'schen 
Erwägungen. Es ist nur schade, dass der Verfasser lediglich 
vom Standpunkte des Ästhetikers räsonniert, lediglich seinem 
Geschmack, seinem Schönheitsgefühl, seinem musikalischen Sinn 
folgt und nicht für alle diejenigen, welche sich auf solche Eigen- 
schaften und Fähigkeiten nicht verlassen können und wollen, 
eine Reihe anderer Gründe, die sich aus einer sorgfältigen 
historischen Betrachtung ergeben, beizubringen versucht hat. 
Schade ferner, dass er es versäumte, auf die doch von vorn- 
herein anzunehmende Verschiedenartigkeit des weiblichen e im 
Sinne Lubarsch's hinzuweisen und durch eigentlich philologische 
Betrachtung seine Ansichten zu stützen; zu zeigen, unter welchen 
Voraussetzungen sie auch heute noch allein berechtigt sind, und 
den Punkt zu bestimmen, von dem aus abweichende Meinungen 
einige Körnchen Wahrheit erhalten. Die oben mitgeteilten Stellen 
aus der Regel Gropp*s waren sehr wohl geeignet ihn zu der- 
artigen Untersuchungen zu veranlassen. 

Welche Beleuchtung nun empfängt unsere Frage von der 
sprachgeschichtlichen Forschung? Inwiefern müssen sich unsere 
Anschauungen von der Aussprache des weiblichen e beim Vor- 
trage von Versen klären, wenn wir dieses Problem auch einmal 
aus dem Gesichtspunkte stetiger immer fortschreitender Sprach- 
entwickelung und unter sorgföltiger Beachtung des allgemeinen 
Gesetzes von der Allmählichkeit des Lautwandels betrachten? 
Ob dabei nicht vielleicht einige Analogieschlüsse sich ergeben, 
denen eine grössere Überzeugungskraft innewohnt, als ästhetischen 
Erwägungen und Deduktionen? 

Das „e muet ou obscur''\ wie Richelet sich ausdrückt, hat 
in den verschiedenen Stellungen, die es einnehmen kann, immer 
verschiedenen Wert gehabt, in der Sprache der Konversation wie 
in der Sprache des discours soutenu und der Poesie. Zunächst 
ist es in allen Fällen hörbar, hier weniger, dort mehr. Die 
Tendenz der Unterdrückung des c beginnt dann an einem be- 
stimmten Punkte sich deutlicher fühlbar zu machen. Von hier 
aus geht der Verstummungsprozess, verschiedene Stadien durch- 
laufend, allmählich und unaufhaltsam weiter. Fast immer ist es 
zunächst die familiäre Sprache, welche der Verlust trifft, natür- 
lich ohne dass sie denselben bedauerte. Die Sprache der ge- 
tragenen Rede, die Sprache des langsamen, gemessenen dichterischen 
Vortrags weigert sich lange genug, den neuen Manieren ihrer 
leichten Schwester zu folgen: aber ihr Widerstand ist auf die 
Dauer vergeblich. Täglich, stündlich erobert die junge Mode 
weitere Kreise, grössere Gebiete. Sie befestigt sich in ihrer 



Grundzüge der Eniwickelung des e sourd eic. 245 

Macht, und bald ist sie die unbestrittene Herrin. Wenn bei 
ihrem ersten Auftreten ihre Art als affektiert und geschmacklos 
galt, so ist sie jetzt die allein natürliche und feine. Wenn der 
neuen Aussprache zuvörderst der Vorwurf der Härte gemacht 
wurde, so übt sie nunmehr eine ausserordentlich angenehme 
Wirkung auf das Ohr aus, während die alte Aussprache allge- 
mein als schleppend und abstossend empfunden wird. Da unter- 
werfen sich dann auch Redner und Dichter dem allgemeinen Brauch. 

Wenn nun dies der Lauf der Dinge ist — was ich sogleich 
an einer Reihe von Beispielen darzuthun gedenke — , so ist klar, 
dass eine Zeit kommen muss, in der die früheren weiblichen e 
aus der Volkssprache völlig werden verschwunden sein. Sodann 
ist auch der Tag verhältnismässig nicht mehr so fern — immer- 
hin können mehrere Jahrhunderte darüber hingehen — , wo auch 
der Deklamator und der Dichter sie nicht mehr zu sprechen, 
nicht mehr zu berücksichtigen wagen werden. — Ob wir diesem 
Tage schon jetzt nahe gekommen sind? 

Um das Verhältnis der Vortragssprache zur leichten Um- 
gangssprache und die stufenweise Entwickelung beider immer 
nach derselben Richtung hin darzulegen und zu zeigen, wie jene 
(beispielsweise die Sprache der Poesie) den von dieser diktierten 
Gesetzen schliesslich folgt, führe ich zunächst einiges aus der 
Entwickelungsgeschichte der Endkonsonanten und der inlautenden 
Vokalverbindungen vor.^) 

In den älteren Zeiten der französischen Sprache wurden 
die heute stummen Endkonsonanten noch durchweg gesprochen. 
Allmählich verschwinden die meisten derselben aus der gewöhn- 
lichen Unterhaltungssprache. Verstumpfung und Schwund treten 
bei gewissen Konsonanten etwas früher ein als bei anderen und 
werden andererseits mitbestimmt durch die Natur der vorher- 
gehenden Laute. Besonders aber hat auf die Hörbarkeit des 
Endkonsonanten die Natur des etwa folgenden Lautes Einfluss. 
Seit dem 13. Jahrhundert gilt die Regel, dass die Endkonsonanten 
verstummen, sobald ihnen ein konsonantisch anlautendes Wort 
ohne Pause folgt: anderenfalls aber bleiben sie hörbar. 



1) Die im Folgenden viber die Entwickelnngsgeschichte der aus- 
lautenden Konsonanten, der Vokalverbindungen im Innern französischer 
Wörter und des weiblichen e angegebenen Thatsachen finden sich 
meist schon in meinen Untersuchungen über die metrische Technik 
Corneiile's und ihr Verhältnis zu den Regeln der französischen Vers- 
kunst, Teil I: Silbenzahlung und Hiatus (zu beziehen durch Maske, 
Oppeln. l,öO Mk.) an verschiedenen Stellen belegt. Da indessen jenes 
Buch bedauerlicher Weise in weiteren Kreisen kaum bekannt geworden 
zu sein scheint, so kann ich, will ich verstanden werden, nicht einfach 
darauf verweisen. 



'046 W. Ricken, 

i.; Und noch :!m XVL' ttifd im all^emeiHen auch im Xyil. 
Jahrhundert herrseht flir den style gpuienu in seinen verschiedeQjeti 
Abstufungen weseqtlich da$selbe Gesetz. Aber um diese selbe 
Zeit ist der Endkonsonant in der Sprache des Volkes auoh.v^r 
einer Pause stumm und selbst in der etwas' gemesseneren -fa- 
miliären Sprache der Gebildeteu yerpiögen wenigstens klQipQr^ 
Pausen den Konsonanten nicht zu retten. Ztir Zeit der Corneille, 
Moliöre und Racine kannte die gebildete Unterhaltung die Aus- 
sprache gewisser Endkonsonanten nur noch vor folgendem Vokal 
und auch dann nicht ausnahmslos. Heutzutage gibt es in der 
schneller sich entwickelnden Unterhaltungssprache des grossen 
Haufens nur einen verhältnismässig kleinen Rest der alten 
.„Bindungen^, aber fUr den stple soutenu, fOr den Vortrag und 
dlQ Deklamation eines Stückes ernster Prosa oder gar ernster 
Poesie haben die. von Grammatikern des XVU. Jahrhunderts 
(z. B. Chiflet) nach dein Sprachgebrauch der Gebildeten und des 
Hofes aufgestellten Regeln noch heute ihre volle Gültigkeit. Ja, 
der gtyU soutenu hat sich im einzelnen manchmal einen noch 
älteren Lautstand bewahrt (vgl. W. Ricken, l. c, S. 57 und 58). 
Wie lunge werden sie Geltung behalten? Das vermag niemand 
zu sagen. Aber sie werden fallen, wenn auch langsam. Die 
Scheu vor dem Hiatus und die Schultradition schützen jene Kon- 
sonanten vielleicht ungewöhnlich lange, so dass Legouv6 sagen 
kiinn: II y a trls peu de Uaisons absolument tnutiles» 

Um die Mitte des XVI. Jahrhunderts ist z. B. der End- 
konsonant von Wörtern wie forty aecordj porty renardy arty hctsardy 
Scart in der guten familiären Sprache verstummt. Wird man 
nun in der Poesie sofort or und forty char und Scart mit ein- 
ander reimen lassen? Gewiss nicht, da jener Konsonant in 
feierlich-langsamei;, getragener Rede laut bleibt. Doch die Sprache 
der Litteratnr muss der Volkssprache einmal unweigerlich folgen. 
Der Wendepunkt muss sich also irgendwo, zeigen. Wo wird er 
er sich zuerst zeigen? Es hängt dabei einiges von dem 
herrschenden Kunstgeschmack einer Zeit ab, von ihrem eigen- 
tümlichen gesellschaftlichen Lebep, von den Machtverhältnissen 
der einzelnen Stände, von dem Werte und dem Einfluss der 
schönen Litteratnr, welche frühere Perioden etwa hervorbrachten: 
das ist nicht zu leugnen. Aber doch wird jedes Zeitalter ver- 
schiedene litterarische Gattungen erzeugen, von denen jede die 
ihr naturgemäss zukommende Vortragsweise fordern wird. Und 
zwar wäre es verfehlt anzunehmen, dass die Prosa, welche es 
auch sei, dem Gebrauch der leichten UmgiiDgssprache früher 
folgen werde, als die Poesie, zu welcher Gattung sie immer ge- 
hören möge. Es kommt viel weniger auf die grössere oder 



Grundzüge der Eniwickehing des e sourd etc. 247 

geringere änssere Gebundenheit der Sprache an, als auf den 
inneren Geist und Kern und Charakter der Gedanken und 
Empfindungen, denen man Ausdruck verleihen, auf die Situation, 
der man durch kunstgemässen Gebrauch des feinen Werkzeuges 
der Stimme gerecht werden will. Eine Leichenrede Bossuet's 
wird man also weit ernster, feierlicher, gemessener zum Vortrag 
bringen, wie eine Komödie, die den natürlichen Volkston mög- 
lichst treffen muss. Wollte ein Schauspieler letztere mit ge- 
nauester pedantischer Beobachtung aller Regeln der Versifikation 
auf der Bühne zum Vortrag bringen, so würde man seine Sprache 
auch vor zwei Jahrhunderten schon gezwungen, affektiert und 
unerträglich gefunden haben. 

Ronsard nun, der einer Zeit angehört, in welcher die frlanr 
zösische Muse weniger majestätisch einherschreitet wie in der 
nächstfolgenden Zeit, rät zuerst in seinem Art PoiUque zu or 
und char ^hardiment'''' forty ort, accord — part^ renarty arty fard 
zu reimen. Gewiss hat er, als er diesen Rat erteilte, ei^e 
leichtere Dichtung im Auge gehabt, nicht die pathetische Ode 
eines Malherbe oder die würdevolle klassische Tragödie eines 
Jodelle und Corneille. Es bricht sich denn auch jene Lizenz 
längere Zeit hindurch keineswegs Bahn; bei Racine findet sich 
vereinzelt in der Komödie der Plaideurs III, . 3 der Reim ha^ard: 
cary und bei Möllere ebenso vereinzelt ä licart : DrScar in den 
Fdcheux II, 7. Aber in den recht volkstümlichen Dichtungep 
Llifontaine's treffen wir solcher Reime schon eine erkleckliche 
Zahl an. Heutzutage würde man sie viel weniger meiden, wenn 
nicht der ungeheure Einfluss der klassischen Dichtung de$ 
XVII. Jahrhunderts und der aus ihr abstrahierten Gebote wirk- 
sam gewesen wäre, ein Einfluss, dem auch die genialsten Dichter 
gerade inbezug ai^ manche Äusserlichkelten sich kaum zu ent- 
ziehen gewusst haben. 

Auch an der Entwickelungsgeschichte gewisser Vokal- 
verbindungen im Wortinnern zeigt sich deutlich, wie die Sprache 
der gehobenen Rede, die Sprache der Poesie schliesslich der 
Umgangssprache nachkommen und sich lange gegoltenem. Ge- 
brauch früher oder später fügen muss. In meinen Untersuchuogen 
Über Cornelias metrische Techno cte., S. 23 bis 31, findet 
man auch dafür zahlreiche überzeugende Belege. Zur Veran- 
schaulichung wähle ich hier nur das Wort ancien^ weil der ver- 
änderte Silbenwert seines ie von Humbert S. 12 besprochen, und 
(wie mehreres andere in der Schrift) fal$ch begründiet. wird, 
Humbert sucht darzulegen, wie die Sprache der Foesie, durch 
vergrösserte Scheu vor Konsonanten und vor dem Hiatiis sich 
entschädigt für das, was sie durch den bedächtig-ruhi^ren Gang 



248 W, Ricken, 

und das damit im Zusammeuhang stehende Wiederhervortreten 
des Worttones an Leichtigkeit einbilsst. Nach ungenügender 
kurzer Besprechung des Hiatus (man vergleiche mein oben 
zitiertes Buch 8. 32 bis 67, sowie meine Neuen Beiträge zur 
Hiatusfrage in der Zeitschrift VII ^) handelt er von der Kon- 
sonantenscheu in folgenden Worten: ,,Die Konsonantenscheu ist 
im Vers noch grösser als die vor dem Hiatus ; auch den leisesten 
Schatten von Härte sucht sie zu meiden. — Im Innern der 
Wärter schafft sie gar manchen Hiatus, der in der Prosa nicht 
da war: bei der Aussprache sonst einsilbiger Diphthonge. Im 
Vers sind sie vorwiegend zweisilbig (?) — — — — — — — 

Dass hier überall die Scheu vor der Härte eine ent- 
scheidende Rolle spielt, zeigt eine Bemerkung Voltaire's über 
ancien, zu dem Verse Oorneille's: 

Tai sti toui le detail (Tun ancien valet, 
^Ancien de troi-s sylldbes rend le vers languissant; ancien d^ 
deux syllahes devient dur. On est reduit ä iviter ce moty 
quand on veut faire des vers oö rien ne rehute toreille,^ 

Anfangs gebrauchte man es dreisilbig. Die grossen Dichter 
des silcle de Louis XIV gingen dem Worte wirklich aus dem 
Wege; jetzt wird es zweisilbig gebraucht." — Hierzu wird dann 
noch die Anmerkung gesetzt: „Darin zeigt sich der schon er- 
wähnte wechselnde Begriff von Wohllaut. Die einst zartere, 
aristokratische Sprache hat sich etwas demokratisiert.'' 

Humbert geht also von der Annahme aus, ancien sei eigent- 
lich in der Prosa oder in der Umgangssprache zweisilbig. Die 
Konsonantenscheu habe bewirkt, dass die Dichter es als drei- 
silbiges Wort gebrauchten. Indem sich aber schliesslich die 
Sprache der Poesie vergröberte, Hess sie ancien als zweisilbiges zu. 

Der wahre Sachverhalt ist folgender: Ancien ist ursprüng- 
lich seiner Herkunft entsprechend in der Volkssprache dreisilbig. 
Aber die natürliche Tendenz geht hier wie fast überall dahin, 
die zweisilbige Vokalverbindung zur einsilbigen zu machen. 
Ancien ist schon im XVI. Jahrhundert mit diphthongischer Aus- 
sprache des ie bezeugt. Caucius bezeichnet ancien trisyUabe be- 
reits als licence poetique, Rambaud und Lanoue fordern ebenfalls 
die zweisilbige Aussprache. 

Im vornehmen XVII. Jahrhundert scheint eine schwache 
Reaktion einzutreten, indem das Wort ziemlich allgemein (aber 
wohl für die Litteratur) als dreisilbig hingestellt wird. Corneille 
gebraucht es, gerade wie Jodelle, nur dreisilbig, und dass er 
dem Worte aus dem Wege gehe, ist nicht zu glauben. Ebenso 
spricht er mit Jod eile gardi\en. Das häufig gebrauchte chritien 
aber ist (ebenfalls naturgemäss) in seiner Entwickelung den anderen 



Gnmdzüge der Eniwickelung des e sourd etc. 249 

auf i\m vorangeeilt: und wie schon Jodelle es ausschliesslich 
zweisilbig verwendet, so kennt auch Corneille hier die zweisil- 
bige Aussprache des ie nicht mehr. Hatte doch schon Peletier 

chretien als durchaus gebräuchlich hingestellt, indem er schrieb: 
II U tout commun de dire critiin dissüdbe pour critiin trissüldbe. 

Dass nun auch noch nach Corneille ancien im style soutenu 
den Wert dreier Silben hat, ist ziemlich natürlich. In der 
Unterhaltung aber kennt man diese Aussprache bald nicht mehr. 

Zuerst macht das neue ancien den Eindruck des Affektierten, Ge- 
schmacklosen, des Groben und Abstossenden: es beleidigt das 
„feine" Ohr. Doch der Spiess wendet sich. Man gewöhnt sich 
mehr und mehr an diese Lautform. Es kommt eine Zeit, in der 
man in seinem Urteil schwankt. Jede der beiden Aussprachen 
hat ihre Vorzüge, jede ihre Mängel. In dieser Zeit lebt Voltaire. 
Dort steht der Vers Corneille's. Er liest ihn. Das anci\en 
befriedigt ihn nicht, kann ihn nicht mehr befriedigen. Es 

klingt zu weichlich und zu schleppend. Ancien aber befriedigt 
ihn auch nicht, kann ihn noch nicht befriedigen. Es klingt 
zu „hart". Für eine kurze Zeit mag also, wer will, das Wort 
meiden. Bald wird es überall wieder auftauchen, nur zweisilbig 
gesprochen werden und nur angenehm klingen. Die Poesie ist 
dem allgemeinen Brauche gefolgt. Jene „Demokratisierung^ ist 
also nichts weiter als die natürliche sprachliche Entwickelung. 

Das weibliche e hat, wie man weiss, zu allen Zeiten an 
Gebiet verloren. Ich erinnere nur an die zu bestimmter Zeit 
aufkommenden Schreibungen larcin^ carfour^ courtiery chartier etc, 
die älteren dreisilbigen Formen (larrecin etc.) entsprachen, Wörter, 
in welchen die Volkssprache schon geraume Zeit den Vokallaut 
hat verschwinden lassen, als die Sprache der Poesie ihr folgt. 
Ich erinnere ferner an eaue^ an armeure, cm, reu, seoir^ eage etc, etc, 
des Altfranzösischen. Dass die Silbenzahl ganzer Gruppen von 
Wörtern durch Verstummen eines e verringert wird, ist fUr die 
neuere Sprache zuerst da zu beobachten, wo ein protonisches e 
hinter Vokalen (oder Diphthongen) steht. Dasselbe zeigt schon 
im XIV. Jahrhundert (in der Schriftsprache!) die Tendenz des 
Verstummens. Es wird bald (im XVI. Jahrhundert) gar nicht 
mehr gehört. iDer einflussreichste Grammatiker des XVII. Jahr- 
hunderts, Vaugelas, fordert denn auch 1647, dass es weder ge- 
schrieben noch gesprochen werde, und dass man auch im Verse 
lourat/y nicht lou&ray sagen solle. Nicht dieser Vorschrift, 
sondern nur lange gegoltenem Gebrauche und dem Sprachgefühle 
folgend spricht demgemäss Corneille das e niemals mehr. Wird 
er nun criera, attribtierez, envoierois, paiera, reniementy infiniement, 



250 W, Ricken, 

m 

ägriementy remuement etc» schreiben, das nicht gesprochene le aber 
trotzdem als Silbe zählen und so einen männlichen Alexandriner 
von elf oder einen weiblichen von zwölf Silben bauen? Das 
thut er nicht. Er schreibt mera und crtra, paiera und patra; 
doch wie er auch schreibe, ein e wird nicht gesprochen, das e 
wird nicht „gezählt". Ebensowenig bei Jodelle und Garnier, 
welche es höchstens einmal hinter Diphthongen (auch Meliere 
thut dies noch!) zu Gehör bringen. Wie nun aber, wenn man 
'zu Jodelle's oder Corneille^s Zeit Dichtungen aus der Zeit des 
Marot deklamierte? Drei Möglichkeiten lagen da offenbar vor: 
entweder man liess dem Rhythmus zu Liebe das betreffende e 
ein wenig zur Geltung kommen, was um so eher anging, je näher 
man der Zeit stand, in welcher es in der normalen Sprache ver- 
stummt war (und diese Praxis ist ausdrücklich bezeugt: vgl. 
meine Anführung aus Dhuöz in einer Anmerkung S. 11 und 12 
meiner oben angeführten Untersuchungen), oder man setzte ein 
einsilbiges Wörtchen hinzu oder traf sonst eine kleine Ver- 
änderung, was nicht zu viel Mühe machte, da die Wörter dieser 
Art in den Dichtungen nicht gerade gehäuft sind, öder endlich 
man veränderte nichts, that auch nichts hinzu, liess nichts von 
dem e vernehmlich werden und duldete einmal einen Neunsilbner 
unter Zehnsilbnern. Dieser drei Mittel bediente man sich gewiss 
promiscuey je nach den Umständen, je nach der Art der Dichtung, 
je nach der Stimmung, die ja an den verschiedenen Stellen des 
Kunstwerks sehr verschieden sein kann. 

Das finale weibliche e hinter betontem Vokal oder Diphthong 
hat etwas später zu verstummen begonnen. Es bleibt deshalb 
auch in seiner Entwickelung hinter dem eben behandelten immer 
etwas zurück. Es verschwindet also auch etwas später aus der 
pronondation souienue. Ausgenommen sind besonders einige 
Verbalformen, in welchen das hinter der Tonsilbe stehende e 
mindestens gleichzeitig mit jenem protonischen fällt, nämlich 
das Imperfektum auf -oye (heute -ais), besonders in dßr 3. Pers. 
PI. 'Oyent oder -oient, dann soyent Im XVI. Jahrhundert ist das e 
aller solcher Formen entschieden stumm. In keinem Falle schleppt 
hier ein e sourd nach. Daher kennt schon Jodelle (wie oben!) in 
seinen Dichtungen nur den einsilbigen Gebrauch, ja die Reime 
dieser Wörter gelten ihm, wie Späteren, nur alß männliche. 

Im übrigen besteht das weibliche e hinter Vokal und 
Diphthong noch einige Zeit fort. Es beginnt im nUgem^inen 
erst im XVI. Jahrhundert zu schwinden. In der gemessenen 
Sprache bleibt es immer noch hörbar. Im Anfang des XVII« 
Jahrhunderts ist es in der Sprache der Konversation entschieden 
stumm: in der Sprache der Deklamation (und im Gesang) noch 



Grundzüge der Eniwickelung des e sourd etc. 251 

ifiefat. Doch steht man ihm mit demselben GefUhle gegenüber, 
mit dem Voltaire dag dreisilbige ancien betrachtet: Cei y^efelnUnin 
est' dCun accent trop bas et Ictsche, dont Ü avient que le vet.H qui 
s*€n treuve chargd nest pas coulant^ dous et vigoureux'^ (Deimier 
•im Jahre 1610: vgl. auch Ronsard, (Euvres VII, 327 f). Und 
währepd für Jodelle und Garnier die zweisilbig, gesprochenen 
vie, vue eic, noch erträglich sind, fangen sie an Gomeille nner- 
träglich zu werden, so dass er die wenigen Stellen, in denen 
dieses e in seinen früheren Werken noch seinen vollen Silben- 
wert hut, in der Gesamtausgabe von ^660 zum grössten Teil 
entsprechend verändert. Auch hier also nicht einfache Ver- 
kürzung des Verses um eine Silbe, sondern Änderung desselben 
in der Art, dass trotz der stattgefundenen Verkürzung eines 
Wortes die gehörige Zahl der Silben wahrgenommen wird (vgl. 
hierzu meine ünternuchungen etc.y S. 9 bis 16). 

Und doch — der Prozess des Verstummens ist, wenigstens 
in den letzten Jahrhunderten der Bildung, der Gelehrsamkeit 
und des Unterrichts, in den letzten Jahrhunderten, da das Zeit- 
alter Ludwig's XIV. seinen gewaltigen Einfluss geltend gemacht 
hat, ein so allmählicher, ein so langsamer, und der Konservatis- 
mus der gehobenen Sprache/ein so ausgeprägter, auch der Unter- 
schied zwischen dem ruhigen Ausdruck eines einfachen Ge- 
dankens und dem kunstgemässen Ausdruck des erhabensten 
Ernstes und der höchsten Leidenschaft rein lautlich ein 6o be- 
deutender^ dass selbst dieses e hinter betonten Vokalen, das 
doch durch nichts gestützt wird, nicht unter allen Umständen 
unterdrückt wird: in besonders pathetischer Rede, bei starker 
oratorischer Dehnung des Tonvokals (also auch abgesehen vom 
Gesang) kann man es noch oft genug hören. 

So kommen wir denn zu demjenigen weiblichen e, welches 
inbezug auf die Verstummung auf der letzten Stufe steht, zu 
demjenigen, welches durch die ihm beiderseits beigegebeneh 
Konsonanten geschützt und gestützt wird. Es würde indes irre- 
führen, wollte man jenes Bild allzu wörtlich fassen und nicht 
dessen eingedenk sein, dass eine solche Stufe etwa einem 
Theaterrang entspricht. Es sind da noch verschiedene Höhen- 
verhältnisse zu unterscheiden, je nachdem das weibliche e mehr 
oder weniger von seinen Begleitern geschützt wird. Und anderer- 
seits ist es wohl möglich, dass der Zahn des Volksmundes be- 
reits an dem höchststehenden dieser e nagt, wenn die gemessene 
Sprache feierlich-pathetischen Vortrags kaum das tiefststehende 
zu verschlucken gewagt hat. 

Wie steht die Sache? 

Es ist deutlich zu beobachten, wie schon im XVI. Jahr- 



252 W. Ricken, 

hundert das noch heute zwischen zwei Konsonanten stehende 
weibliche e in der Konversationssprache in einer Anzahl von 
Wörtern und Wortgruppen verstummte. ' Ich habe oben in einer 
Anmerkung gezeigt, wie vor stark zweihundert Ja hren Chiflet gegen 
diese prononciation affedee, fausse^ injurieuse ä nostre langue^ et 
totalement perntcietise ä la poesie Frangoise vorgeht. Er be- 
hauptet, dass jenes e nicht völlig verschluckt werde, wenngleich 
er zugesteht, dass die Silbe, der es angehöre, sehr kurz sei. 
Er denkt dabei an die gebildete Unterhaltnngssprache. Der Ver- 
stnmmungsprozess geht ttuch hier stetig weiter und die voltkommen 
natürliche Umgangssprache des gewöhnlichen Volkes kennt gewiss 
nur noch in wenigen Fällen dieses e^ gerade wie sie nur in 
wenigen Fällen jenen oben behandelten Endkonsonanten vor 
vokalischem Anlaut bewahrt hat. Ist es doch so weit gekommen, 
dass vot, quatj maU statt vo-tre, qua-tre, mat-tre und ähnliche 
Bildungen ganz geläufig geworden sind. Die etwas weniger 
familiäre Umgangssprache gebildeter Kreise, die weniger fliessende 
Sprache der litterarischen oder der wissenschaftlichen Plauderei 
und Diskussion etc. steht naturgeniäss auf Standpunkten, 
welche die gewöhnliche Volkssprache seit ein bis zwei Jahr- 
hunderten verlassen hat. Die Sprache des Lesenden bewegt sich 
im allgemeinen auf den nächsthöheren Stufen, nur dass es doch 
einen bedeutenden Unterschied macht, ob dieses oder jenes, ob 
es vom lecteur par excellence oder von einem wenig gebildeten, 
des feinen Geschmacks ermangelnden Liebhaber gelesen wird. 
Der Schauspieler wird ja nach dem herrschenden Kunstgeschmack 
seiner Zuschauer (Zuschauer mehr vielleicht als Zuhörer: ein 
sehr wichtiger Gegensatz) ein und dieselbe Dichtung verschieden 
vortragen. Ein Lustspiel, das den Volkston treffen soll, in dem 
die handelnden Personen ungefähr so reden, wie sie in Wirklich- 
keit reden könnten, würde, selbst wenn es unnötiger Weise in 
Versen geschrieben wäre, vom Schauspieler doch annähernd im 
Tone und in der Art der flotten, leichten Unterhaltung zum Vor- 
trag gebracht werden. Das Theaterpublikum will schauen und 
hierdurch geniessen. Hörte es nichts, so wäre freilich der Genuss 
ein sehr zweifelhafter; aber wenn es die an das Ohr klingenden 
Worte inhaltlich erfasst, so ist es nach dieser Seite hin im 
allgemeinen befriedigt. Ist das Lustspiel ernsteren Charakters 
(vgl. Moli^re), sind die handelnden Personen würdevoller, so 
wird der schauspielerische Vortrag natürlich langsamer, ge- 
messener, feierlicher, würdevoller: da macht es sich dann ganz 
von selbst, dass jedes Wort, jeder Laut deutlicher zu Gehör 
gebracht, deutlicher artikuliert wird. Handelt es sich auf der 
Bühne um ein Trauerspiel der erhabensten Art, so verstärken 



Grundzüge der Entwickelung des e sourd eic. 253 

sich natargemäss die den gemessenen Vortrag kennzeichnenden 
Eigentümlichkeiten. Aber eine noch höhere Stufe nimmt der 
nicht -szenische Vortrag des Vorlesers oder Deklamators eines 
solchen Trauerspiels oder eines würdigen lyrischen oder epischen 
Gedichtes ein, eine Stufe, die um so weiter über jene hinaus- 
ragt, je mehr die Bühne gerade naturalistischen Tendenzen 
huldigt, je weniger Wert sie der Form im Vergleich zum In- 
halt, der kunstvollen Gliederung im Vergleich zur „Natürlichkeit^ 
der Darstellung beimisst. Der dem Scfaauspielerstande nicht 
angehörige Vorleser oder öffentliche Deklamator darf fast nur 
auf die Stimme als Ausdrucks- und Verständigangsmittel zählen: 
es muss daher auch alles, was er sagt, sorgfUltig abgewogen, 
scharf, klar, ausgemeisselt sein. Er schafft nicht, wie der 
Schauspieler, durch seine Interpretation und durch die über- 
wältigende Macht seines (schauspielerischen) Genies gleichsam 
ein neues Werk, er vertritt nur den Schriftsteller und soll das 
Kunstwerk möglichst so zum Vortrag bringen, wie es der Absicht 
des Dichters entsprochen haben würde. Ich brauche nicht zu 
zeigen, wie sehr durch diese besonderen Verhältnisse die Aus- 
sprache des weiblichen e beeinflusst werden muss. 

Die so gefundene höchste Stufe des Vortrags von Versen 
verlangt nun nach den übereinstimmenden, unzweideutigen, ent- 
schiedenen, von tiefinnerster Überzeugung diktierten Lehren der 
französischen Metriker, auch eines der jüngsten, Quicherat's, 
sowie der ersten gebildetsten Kunstkenner und Dichter unserer 
Zeit (Legouve: IJArt de la Leciure; Banville, Leconte de Lisle 
— vgl. Lubarsch S. 4—7, S. 22 ff., S. 28 ff.), dasö das (mit- 
zählende) weibliche e, wenn auch in sehr verschiedenen Graden 
der Deutlichkeit, gesprochen und wahrgenommen werde. 

Aus diesen Zusammenstellungen, Vergleichen und Betrach- 
tungen ergiebt sich nun besonders folgendes: 

1. Die Aussprache des „sogenannten stummen e^ beim Vor- 
trag von Versen unterscheidet sich allerdings „heutzutage^ nicht 
„wesentlich" von der der „guten Prosa". Ebensowenig 
aber hat sie sich zu irgend einer Zeit „ wesentlich" von der 
der „guten Prosa" unterschieden. Das Verhältnis ist zu allen 
Zeiten ziemlich dasselbe gewesen: und es hat immer nur ein Grad- 
unterschied, niemals ein wesentlicher Unterschied bestanden. 
Und drohte einmal an einem Punkte der Unterschied ein wesent- 
licher zu werden, so gab die würdevolle Sprache erhabener Poesie 
ihre altertümliche Eigenheit eben an diesem Punkte rechtzeitig auf. 

2. Die Frage, ob wir (im Punkte des weiblichen e) in 
unserem Unterrichte alle Verse, insbesondere auch die lyrischen, 
so lesen und lesen sollen wie der Schauspieler seine dramatischen 



354 W, Ricken, 

Verse auf der Btthne zum Vortrag bringt, ist nicht mit Plattner 
(Gymnasium VII, 2, Sp. 52 und 53) unbedingt zu bejahen, 
sondern unbedingt zu verneinen. Wir haben sie so zu 
deklamieren, wie der französische öffentliche Vorleser ausserhalb 
des Theaters sie deklamiert, also in einer Weise, die einem 
früheren Lautstande entspricht. Und wenn Plattner seine Forde- 
rung damit begründet, dass wir doch nickt können französische 
Verse auf zweierlei Art lesen lehren, so erwidere ich: Können« 
wir das nicht, können wir in unseren Schülern, wenn wir sie 
mit dem dürren Inhalt der „Abrisse^ verschonen, nicht wenigstens 
das Gefühl für feinere Unterschiede des Vortrags wecken, wie 
sie den Unterschieden der Dichtungsgattungen und der Stimmungen 
entsprechen, so werden wir in anbetracht der Stufenfolge: schau- 
spielerischer dramatischer Vortrag — öffentliche (nicht-szenische) 
Vorlesung oder Deklamation eines Dramas — öffentliche Vor- 
lesung oder Deklamation eines epischen oder lyrischen würde- 
vollen Gedichtes — die richtige Mitte dann gewählt haben, 
wenn wir die Art der öffentlichen Vorlesung oder Deklamation 
einer ernsteren dramatischen Dichtung unserem Unterricht zu Grunde 
legen. Und was lesen und deklamieren denn unsere Schüler zuerst? 
Doch nicht Moli6re's Komödien, auch nicht Comeille's oder 
Racine 's Tragödien. Wir führen ihnen vielmehr zunächst lyrische 
und epischfi Gedichte vor. Die diesen zukommende Vortrags- 
weise müsste also doch massgebend sein. Oder sollen wir sie 
wirklich so ganz falsch lesen lassen, damit wir in der Prima 
nach französischer Bühnen weise Komödie spielen können, die 
wir doch bloss hören und auch in ihrer musikalischen Schönheit 
im Sinne des Dichters würdigen lernen wollen? 

3. Humbert's Lehre ist also für unsere Tage und für 
unsere Zwecke richtiger oder besser, als die Lehre Gropp's 
oder gar Sonnenburg's. Besonders aber hat Lubarsch, indem er 
sich auf Lehre und Beispiel seiner kompetenten französischen 
Gewährsmänner und auf seine im Thöatre Fran^ais bei Gelegen- 
heit der Aufführung einer Tragödie und eines neueren Lustspiels 
gemachten sorgfältigen Beobachtungen stützte, einen so glücklich 
vermittelnden Standpunkt gesucht und gefunden, dass wir, seinen 
Angaben folgend, unseren Unterricht jedenfalls auch in den nächsten 
Jahrzehnten so richtig wie möglich werden gestalten können. 

4. Die Verstummung des weiblichen e wird weitere Fort- 
schritte machen. Bisher wurde das Existenzrecht des inlautenden e 
und des e der einsilbigen Wörter wie de^ me, que^ von denen, 
die die Praxis der Schauspieler genau festgelegt zu haben be- 
haupteten, noch nicht bestritten. Und doch scheidet auch dieses 
0. aus der Volkssprache und den ^ Gasaenhaiiern und Bänkel% 



Grundzüge der Eniwickelnng des e sourd etc. 255 

sängereien^ seit langem in sehr bedenklichem Masse. Wenn 
wir nun, wie es allerdings den Anschein hat, in die Periode ein- 
getreten sind oder einzutreten im Begriff stehen, für welche das 
am wenigsten gestützte e hinter Konsonanten am Wortschluss 
auch im feierlichen Vortrage so schwach, so wenig vernehmbar, 
d'un accent si hos et lasche ist, dass die Überzeugung allgemein 
sich Bahn bricht, que U vers qui 8*en treuve chargS n'est pas 
coulant, dous et vigoureux, so wird man, Bchliesse ich aas der 
bisherigen historischen Entwickelung, nicht allmählich zu elf-, 
zehn-, neun-, acht-, siebensilbigen Alexandrinern sieh bekehren, 
sondern stufenweise nach dem Vorbilde eines Corneille und aller 
anderen Dichter früherer Zeiten das bisher zweisilbige Wort 
hardiment (wie die Bänkelsänger!) zu einem einsilbigen stempeln 
und doch dem Verse die regelmässige Silbenzahl geben. Da 
diese Entwickelung sich langsam und ganz allmählich vollzieht, 
da der Sensenmann einem Worte nach dem anderen jenes kleine 
Glied abmäht, so ist nicht zu fürchten, die Dichtungen, welche 
wir jetzt noch hochschätzen, würden so bald in einem Masse 
verstümmelt werden, dass wir sie nicht mehr geniessen könnten. 
Wenn die Amputationen in der gehobensten Vortragssprache 
eine Ausdehnung gewonnen haben werden, wie sie jetzt in der 
Volks- und ßänkelsängersprache kaum zu beobachten ist, so wird 
man wohl Corneille und Victor Hugo (um nur diese beiden zu 
nennen) nur noch in der Gelehrtenstube studieren oder den Inhalt 
einiger ihrer Werke in „neufranzösischer^^ Übersetzung und Um- 
bildung dem kunstliebenden Leser ^gänglich machen. 

5. Daher kann ich nicht glauben, dass Passy Recht hat, 
wenn er nach einem Referate Lange's (vgl. Zeitschr. X, 4, 
S. 140) in seiner in den Phonetischen Studien, Heft 1, erschienenen 
Abhandlung Kurze Darstellung des französischen Lautsystems 
[dieser Arbeit bin ich selbst noch nicht habhaft geworden] nur 
die Regelmässigkeit des Nachdrucks als Prinzip der französischen 
Metrik gelten lassen will, indem er bemerkt: „Die französischen 
Verse bestehen heutzutage wesentlich aus einer regelmässigen 
Anzahl von Hebungen, verbunden mit einer unregelmässigen An- 
zahl von Senkungen.^ Da er nach demselben Referat auf die 
interessante Frage zurückzukommen verspricht, so werden wir 
hoffentlich seine Gründe bald hören. Vorläufig bin ich über- 
zeugt, dass, wenn er mit jener Bemerkung beispielsweise sagen 
will, der Alexandriner bestände aus vier Hebungen, zu denen 
drei bis acht Senkungen hinzutreten könnten, er einseitig vom 
Standpunkte des die Umgangssprache analysierenden Phonetikers 
und ohne Berücksichtigung der bisherigen Entwickelung urteilt 

W. RioKVN. 



Antoine Rivarol's Plan einer 
Theorie du corps poliüque. 



Man darf wohl annehmen, dass Rivarol den Gedanken, ein Buch 
über den Staat oder wie er sich ausdrückt „über den politischen Körper" 
zu schreiben, schon in den Zeiten des Journal poliüque national gefasst 
hat, also 1789 oder 1790: einzelne Stücke des Journals wie Nr. 2*2 und 23 
der ersten,^) Nr. 4 der zweiten Serie enthalten theoretische Erörterungen 
über Souveränetät, Begierung, Teilung der Gewalten, die gleichsam einen 
ersten Entwurf des geplanten Buches darstellen. Im Jahre 1791 war 
dann, wie Tilly erzählt, die Souveränetät des Volkes RivaroFs ewiges 
Gedanken- und Gesprächsthema,^) am 30. September dieses Jahres hat es, 
wie er an De la Porte schreibt, auch bereits seine Feder beschäftigt.^ 
Vier Jahre später konnte er auf einem Landsitz bei Hamburg dem 
Dichter Ch§nedollö die ersten vier Kapitel einer Theorie du corps poli- 
üque vorlesen und der enthusiastische Zuhörer fand, dass Rivarol darin 
mit PascaFs Gedanken über den Menschen wetteifere.*) In dem Discours 
pretimifiaire düun nouveau Diciionnaire de la langue franqoise, der 1797 
erschien, gedenkt dann Rivarol selbst wieder des V^erkes einmal im Pro- 
spektns nur ganz flüchtig, ausführlicher aber in einer Note zum Text ge- 
legentlich der Verfassung von 1795: Une Constitution qui place le trone 
si pres des galer es, heisst es da, hi-ite et deg^ade le pouvoir executif, eile 
le rend ä tu fois indigne et ennemi de la nation frangaL^e: il faut q%Cil 
rampe on quil regne, quHl ne soit pas le greffier des de'ux conseils ou 
que ceux-ci deviennent sa chancelerie, il a trop ou trop peu. In ruhigen 
Zeiten, und wenn ein Souverän da sei, qui impose egalemetit aux deux 
conseils et au Directoire, möge eine solche Verfassung Dauer, versprechen, 
aber wenn man bedenke, dass dieser Souverän das Volk ist, habe man 
Ursache zu zittern. Beweise für diese Behauptungen könne er, so schliesst 

^) Ich zitiere nach der 1. Ausgabe von 1789, die sich in der Nat.- 
Bibl. findet. 

2) Tilly, Mem. in der Bibliolheque Barriere, XXV, S. 307: La 
conversation qui avait certainement commence par quelque dissertation 
sur la souverainete' du peuple , . . sujet eternel de ses pense'es et de ses 
discours 

3) S. Poulet- Malassis Ecriis et Pamphlets de Ä. (1877), S. 83: En 
dcrivant dans ma sotilude sur un objet aussi important que celui de la 
souverainet<^ du peuple. 

*) S. Ch§nedollä*8 genauen Bericht über seine erste Begegnung mit 
Rivarol am 15. September 1795 bei Sainte Beuve, Chateaubriand et son 
yroupe Utteraire, I, S. 75. 



E. Gtiglia, Aniome Rivarots Plan einer Theorie du corps poiitiqtte. 257 

er, hier nicht geben, doch verspricht er sie in seinem Buch Sur le Corps 
politique}) 

Ein paar Jahre später zählt Rivarol dieses noch zu den begonnenen 
Unternehmungen, die auszuführen seien, und die ihm grosse Arbeit 
machen: neben dem Wörterbuch, schreibt er an seinen Vater, habe er 
noch eine Geschichte der Revolution und einen grossen Traktat über die 
Natur der politischen Körper (un grand traiie sur la nature des corps 
poUiiques)' auf seinem Pulte.^ 

Endlich berichtete Dampmartin, nach dem Tode RivaroPs, unter 
dem 26. Oktober 1802 an die Eltern des Verstorbenen, sein Werk über 
die Politik gegen die Souveränetät des Volkes sei vollendet.®) 

Dies sind alle Nachrichten, die wir über Entstehung und Fortgang 
des viel genannten Traktates aufgefunden haben. Was ist nun von dem- 
selben erhalten? 

Es sind nur Fragmente davon zu Tage getreten und die beiden, 
welche authentisch sind, stammen aus derselben Quelle: aus den Auf- 
zeichnungen ChSnedoll^'s, der in Hamburg längere Zeit hindurch mit 
Rivarol verkehrte und dessen Äusserungen sorgfältig sammelte. Er trug 
sich schon damals mit dem Plane eines grossen Gedichtes Le Gänie & 
r komme, zu dessen Ausführung ihn Rivarol auch ermunterte*) und das 1802 
bereits vollendet gewesen sein solL^) Im Druck erschien es aber erst 1807. 
Der vierte Gesang handelt von Gesellschaft und Staat, von ihrer Bildung, 
ihrem Blühen, Welken und Vergehen. Gleich am Beginn sagt uns eine 
Note, dass die Ideen dieses Gesanges Rivarol angehören, wie er sie seiner 
Theorie du corps politique entwickelt habe, wo sich eine Fülle grosser 
und neuer Ansichten fänden. Es wäre zu wünschen, sagt der Dichter, 
dass diejenigen, welche im Besitz des Manuskriptes sind, dasselbe endlich 
dem Publikum mitteilten.®) 

Der vierte Gesang hebt denn auch wirklich mit dem, wie wir 
wissen, ganz RivaroVschen Gedanken an, dass die Natur sich in die 
Staatenbildung nicht gemischt habe : der Mensch allein, „dieses schwache 
Wesen", hat die Staaten geschaffen,'') — „merkwürdige Gebilde", nennt 
sie Chenedolld, und „der Gesellschaft geheimnisvolle Bürgen". In dem 
Hunger, der zur Arbeit treibt, sieht er ihren Ursprung. Mensch und 
Erde schlössen den contrat social, auf welchem der politische Körper 
beruht. Was vor diesem lag, den Naturzustand, schildert der Dichter 
nicht mit lockenden Farben, es war ihm kein Blütenalter, keine goldene 
Zeit — , er sieht da nur Kämpfe und Leiden: „Die Politik erbarmte sich", 

^) Discours pre'lim. etc., Hambourg, 1797, S. 235. Rivarol setzt 
noch hinzu: J'eprouve de jour en jour que Us matieres politiques sont 
d'une tout auire difficulie que les abstractions methaphysiques ; U est plus 
mse d'analyser que de composer, et le corps politique ne vit que de com- 
positions ; Cesprit purement analytique lui est funeste, 

2) Lescure, Rivarol, S. 432 N. Der Brief ist ohne Datum, vielleicht 
von 1800. 

®) Dieser Bericht, sowie ein späterer Brief Dampmartin 's , der ihn 
bekräftigt, sind zuerst durch Lescure (Rivarol, S. 495) bekannt geworden. 
Obige Stelle s. S. 500. 

*) Brief an Ch§nedollö von 1800 in den Pensees inddites de Rivarol 
(1836), S. 160. 

^) S. die Notice Sainte-Beuve*s zu seiner Chenedoll^- Ausgabe (1864). 

®) Chdnedollä, (Euvres, 6d. Sainte-Beuve, S. 193. 

^ Journal pol. nat. Öd. von 1790. I. Serie Nr. XVI: Le corps 
politique est un Stre artificiel qui ne doit rien ä la nature. 

Zschr. f. &z. Spr. u. Litt. XIi. ^ 



258 E, GugUa, 

Bie trieb den Menschen zur Rodung der Wälder, zur Bebauung des Bodens 
an und führte ins patriarchalische Zeitalter, wo die Abraham, die Nestor 
und Evander walteten. Dann als diese einfachen Zustande allmählich 
entarteten, traten die grossen Gesetzgeber der Völker auf| die Moses, Ly- 
kurge und Solone. Überall knüpfen diese an die alten religiösen Über- 
lieferungai an: 

Sur les naissants Mais ia main de Dieu tracee 

Par Vhomme, en aucun iemps, rCen doit Hre effacee. 

ün contrat eUrnel, une antique union 

Joignent la Politiqne ei la Religion. 

II faui donc qu*un Etat, vaisseau mysterie^ix 
Jette pour s'affermir ses anaes daiis les cieux. 

Nicht nur RivaroVsche Gedanken werden hier ausgesprochen, es 
sind auch seine Worte: Qy>on ne s*etonne . . . pas, sagt er im Discours 
preliminaire von 1797, que les gouvemefnenis s'accordent facilemefU avec 
les reUgions, mais entr*eux ei nos phüosophes point de traiie — la Philo- 
sophie divise ies hommes par les opinions, la religion les unit dans les 
mimes dogmes ei la poUtique dans les mim es principes; ü y a dmic un 
Contrat eternel entre la politique et la religion. iovt Etat, si Jose le dire, 
est un vaisseau mysie'rieu^ qui a ses ancres dans le ciel.^) 

GhSnedollä wirft nun die alte Frage nach der besten Staatsform auf: 

Quelle forme ä TEUat est la plus favorable? 

Montesquieu wird angerufen und gerühmt, seinen Schritten will 
der Dichter folgen. Wir erinnern uns hier, wie Rivarol in seinen Ge- 
sprächen mit dem Dichter gerade Montesquieu als seinen yornehmsten 
Lehrer und sein grösstes Vorbild bezeichnet: 2) wiederum ein poetischer 
Nachhall längst gesprochener Worte! £s liegt aber gar nichts originelles 
in den Mazimen, die da nun folgen: dass grossen Staaten nur die mo- 
narchisbhe Form gemäss ist, Genfs Verfassung nicht für Frankreich passt, 
ein altes Königtum des königlichen Prunkes nicht entbehren kann, dass 
natürlicher Reichtum den Staaten nichts frommt, wenn Arbeit der Bürger 
fehlt und was dergleichen mehr ist Mehr Interesse erregt die folgende 
Apologie des Staates, der Leben und Eigentum sichert und nach den 
letzten Willen des Sterbenden Gesetzeskraft leiht: 

son demier v(bu devient une puissance 

Du fond de sa tombe il dicte encore des lois. 



^) Disc. prelim,, S. 210 (in Lescure's (Euvres choisies de Rivarol 
I. S. 192). 

^) S. Sainte-Beuve, a. a. 0. n S. 166: Tavoue, sagt Rivarol, que 
je ne fais plus cos que de celui^lä (ei de Pascal ioutefois!) depuis que 
fdcris sur la politique, Montesquieu habe wohl ^ieht alles sogeu können, 
da er diese Revolution nicht erlebte: qui a ouvert les entraUles de la 
societe et qui a toui edaire parce qu'elle a 0ut mis ä nu. U n'avait pas 
pour lui les resuliats de cette vaste et terrUde eicpärience qui a toui verifi^ 
ei toui resume, mais ce qu'ü a vu, il Va superieuremeni vu et vu sous une 
angle immense, 11 a admirablement saisi les grandes phases de Devolution 
sociale. Son regard d^aigle pe'netre ä fond les ohjeis et les iraverse en 
y jeiant la lumitre. Son gänie qui touche ä iout en mime Iemps ressemble 
ä Veclair . . . VoHä mon homme, c'est vraiment le seid que je puisse lire 
aujourdlhui. . . je tC ouvre jamais TEsprit des lois que je rCy puise ou des 
nouvelles ide'es ou de hautes ide'es de style. 



Jnioine Bivarors Plan einer Theorie du corps poiiiiqve, 269 

Aber indem wir weiter lesen, staunen wir: es sind wiedernm Stellen 
ans dem Discours preliminaire , nur gerade soweit verändert, dass Verse 
daraus werden konnten. Der Sinn ist: aus dem nackten, hilflosen 
Menschen der Urzeit hat der Staat ein gottähnliches Wesen gemacht, das 
Meere und Wüsten übersetzt, dem Himmel den Blitz raubt, in Sternen 
liest, seine Gedanken von einem Ende der Erde zur anderen sendet. 
Überflussig, die Stellen wörtlich neben einander aufzuführen, die Überein- 
stimmung ist zu gross und ganz unzweifelhaft.^) 

Dem Zustand des Menschen in Staat und Gesellschaft wird dann 
nochmals in recht grellen Farben das Elend der staatlj^sen Wilden ent- 
gegengesetzt, wobei, wie man wohl erwarten muss, Rousseau's und seiner 
In^mer gedacht wird: auch hier wird man an eine Stelle des Discours 
pre'liminatre gemahnt, doch ist hier die Ähnlichkeit nicht gar so auffallend.^) 

Der Dichter wendet sich nun den grossen Staaten des Altertums 
zu, er schildert ihr Aufkommen, ihre Grösse, ihren Verfall, und schliesst 
mit melancholischen Betrachtungen über die Vergänglichkeit irdischer 
Grösse: 

Toui meuri: les Souvenirs, la puissahce et les arts. 

In einer Note dazu sagt er, er erinnere sich, das Werk RivaroFs ' 
Sur le Corps poliiique endige mit Reflexionen über die Macht des Ver- 
gessens, diese hätten einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, dass er 
sich getraue, sie wiederzugeben: Le temps pre'sent se d^gage du fardeau 
des temps passe's . . . Ainsi pour rtiomme, dans rhomme, autour de fhomme 
tout change, tout s*use, tout perit; les sentiments, les goüis, les opinions, 
les beaux arts, tout va du jjrintemps ä la decrepitude , . . Et cependant 
la Natur e, mere fßconde et constante de tant de fornits fugitives reste 
appuyee sur la Necessite, au sein des moiwements, des vicissitudes et des 
metamorphoses , immobile, invariable, immortelle: wie man sieht, nichts 
von überraschenden politischen Deduktionen, allgemeine Betrachtungen 
in stark rhetorischer Einkleidung, die wohl schön klingen, aber von dem 
Eindruck, den sie auf Chßnedolle machten, verspüren wir nichts.^) 

Dass der Dichter das Christentum, dessen Wirkung auf die poli- 
tische Welt er zu schildern versucht, mit den vollsten Tönen seiner Lyra 
preist, wird man erwarten. Wollte er sich auch hier an Rivarol an- 
schliessen, so bedurfte er kaum der Reminiszenzen an den Traite sur le 
co?'ps politique, schon in dessen ersten Brief an Necker von 1788 konnte 
er eine Apologie des Christentums finden, der Discours preliminaire 
erinnert daran.*) Mit viel mehr Kraft und Wärme hat aber diesen Vor- 
wurf doch unstreitig Chateaubriand behandelt. 

Was nun folgt: die Schilderung der mittleren Zeiten, der Renais- 
sance, der Epoche Ludwig XIV. entbehrt vollends jeder OriginaliiÄt : man 
könnte es allenfalls mit den flüchtigen Ausführungen vergleichen, die 
Rivarol über diese Dinge in seiner preisgekrönten Abhandlung über die 
Universalität der französischen Sprache schon im Jahre 1784 gegeben hat.^) 



^) Man vgl. den Discours bei Lescure a, a. 0., I. S. 216 — 18 mit 
dem Genie de P komme in den (Euvres de Ch. S. 118 u. f. 

^) Man vgl. Discours pre'l. bei Lescure I. S. 205 und Ch§nedollä, 
a. a. 0. S. 122 und die Note S. 198. 

8) Ch§nedolld, a. a. 0. S. 198. 

4) Discours pre'l. bei Lescure, a, a. 0„ S. 201 Note. Die Stelle in 
der Premiere Lettre ä M. Necker s. in den (Euvres compldtes de R, 
(1808) IL S. 122. 

^) (Euvres (1808) II S. 1 u. f., auch bei Lescure, (Euvres chaisies I, 

17* 



260 ^. Guglia, 

Eine lebhaftere Bewegung gewinnt das Gedicht mit der Erzählung 
der Revolution von 1789: sie wird als ein göttliches Strafgericht auf- 
gefasst, wie eine Pest habe sie die Länder ergriffen: 

ce Dieu si formidäble 
Jelie de hin en loin, sur ce Glohe agite 
Des Revoluiions le monstre ensanglante. 

In der pathetischen Schilderung der Schreckenszeit tritt wieder eine 
auffallende Ähnlichkeit mit dem berühmten Abschnitt des Discours pre- 
liminaire hervor^^ der das gleiche Thema behandelt. 

Aus der Anarchie — so spinnt Chönedolle den Faden weiter — er- 
heben sich die Usurpatoren und Despoten. „Ich habe vorausgesehen, dass 
die Revolution durch den Säbel beendigt werden würde", schrieb Rivarol, 
wie wir wissen, im Jahre 1799 oder 1800, „und der erste Konsul weiss 
sich desselben sehr gut zu bedienen. Jetzt heisst es abwarten, wie weit 
ihn der Rausch des Machtgefühls treiben wird."^) Eine ähnliche Betrach- 
tung mochte er zur selben Zeit dem Entwurf seines Werkes eingefugt 
haben, ChlnedoU^ verrät 'es uns. 

Der Schluss des Gesanges, der Napoleon's Macht und seinen Sturz, 
die Wiederherstellung der Bourbonen und die Charte (un pacte du irone 
inehranUible appui) behandelt, berührt uns nicht mehr: Rivarol hat sich 
über diese Dinge nicht mehr äussern können. 

In den Noten bringt ChSnedoUe noch einige, wie er versichert, 
authentische Worte Rivarol 's aus dessen vielberufenem Werk: so eine 
Definition des Gesetzes als la reunion des lumieres et de la force; die 
Regierung (gouvernement) stelle die lumieres, das Volk die force dar. 
Puissance habe Rivarol definirt als force organisee. Von dem politischen 
Körper hätte er einmal gesagt, er sei wie ein Baum: ä mesure qu*il 
s'e'leve, il a auiani hesoin du ciel que de la terre. 

Fassen wir zusammen, was in dem vierten Gesang des Genie de 
r komme aus dem Werke Rivarol's herrührt oder herrühren kann: Der 
Naturzustand ist ein Zustand der Tierheit und des Elends, Glück des 
Menschen hebt erst mit der Gesellschaft, mit dem Staate an; dieser ist 
nicht von der Natur gebildet, sondern von den Menschen, kein Organismus, 
sondern ein künstliches Gebilde. Religion ist seine Grundlage, unter allen 
Religionen das Christentum nicht nur die erhabenste, sondern auch in 
politischer Hinsicht die nützlichste. Es gibt keine absolut beste Staats- 
form, grossen Staaten ist die Monarchie gemäss. Die Staaten sind 
immerwährender Veränderung unterworfen, auf den Trümmern der einen 
erheben sich immer wieder andere. Revolutionen zerrütten den Staatsbau, 
sie nützen nichts, schaden unendlich, sie sind wie Strafgerichte Gottes 
für die Sünden und Irrtümer der Menschheit. Aus der Anarchie der 
Pöbelherrschaft erheben sich Tyrannen und Despoten. 

Gestehen wir es nur: wir sind einigermassen enttäuscht. Denn 
nicht nur, dass ja beinah alles das sich schon in anderen Schriften Ri- 
varoVs findet, es ist auch gar nicht so neu und bedeutend, tiefe politische 
Weisheit wird niemand darin sehen. Schon damals, schon an der Wende 
des Jahrhunderts, waren dies geschichtsphilosophische Gemeinplätze. 
Zwar darüber werden wir nicht erstaunen, dass sie auf Ch^nedoUä eine 
so grosse Wirkung übten: was ihn bezauberte, war gewiss die elegante 
epigrammatische Fassung, die der grosse Sprachkünster denselben offenbar 
zu geben verstanden hat, hie und da auch das schillernde poetische 

1) Lettre ä Vabbe de VtUefori in den Pensees ine'dites de Rivarol 
(1836) S. 157. 



Anioine RivaroTs Plan einer Theorie du corps poliiique, 261 

Kolorit. Wie hätte ein Dichter dem widerstehen können! Ein kritischer 
Kopf aber war Ch§nedoll^ nicht, yielmehr ein weicher Gefühlsmensch, 
an den glänzenden Reden RivaroFs berührte ihn nur dies antipatisch, 
dass dessen Ange kalt und tot blieb, an allem was er sagte nur Verstand, 
gar nicht, das Herz beteiligt schien.^) 

Aber, wird man einwenden, Chdnedoll^ verarbeitete nur die ersten 
vier Kapitel eines grossen Werkes, das um 1800 nicht vollendet war: 
Zwischen diesem Datum und der Zeit, da der Dichter den politischen 
Erörterungen Rivarol's lauschte, liegen fünf Jahre: Wie vieles mag sich 
da nicht aus jenen ersten Anfängen entwickelt, wie reich mögen sich 
diese nicht umgestaltet haben. 

Prüfen wir, was sonst noch, ausser der Ch§nedolM*schen Paraphrase, 
von der Theorie oder dem Traue sur le corps politique erhalten ist. 

Im Jahre 1831 erschien ein Bruchstück davon, betitelt De la Sou- 
Veraineie du Peuple unter dem Namen RivaroFs. Kein Zweifel auch, dass 
es wirklich von ihm ist. Als Herausgeber vermutet Sainte-Beuve Ch§ne- 
doUä, in dessen Papieren er so manchen Restitutionsentwurf des Werkes 
gesehen haben will. Der Herausgeber des Pensees inedites von 1836 
dagegen schreibt diese Edition dem Bruder RivaroFs zu: unter diesen 
ist das Stück wieder abgedruckt. Es trägt als Motto die Worte des Tacitus: 
Cuncias nationes ei urbes ei populos auf primäres aui singuli reguni, delecia 
ex his ei consiiiuia reipubticae forma laudari facilius quam evenire, vel, 
si evenit, haud diuiurna esse poiesi. Lesen wir aber weiter, so merken 
wir gleich: dies ist nur eine Vorrede, entweder zu dem ganzen Buch 
oder zu einem Abschnitt, nichts mehr. Allerdings eine bedeutende Vor- 
rede. Sie geht davon ans, dass die Theorie von der Volkssouverainetät 
von Frankreich aus gleichsam einen Siegeszug durch die Welt gemacht 
und, wie früher einmal das Ptolemäische System, alle Geister eingenommen 
habe. Sie sei aber falsch, sie zu bekämpfen setzt sich der Verfasser zur 
Aufgabe. Dazu ist nötig, dass er sich in die abstrakten Regionen poli- 
tischer Metaphysik begebe, — traurig genug, dass der Friede der Welt, 
die Stabilität der Staaten, die Sicherheit des Eigentums zum Gegenstand 
philosophischer Spekulationen gemacht wird, aber die Gegner haben den 
Streit auf dieses Gebiet getragen, sie recht zu besiegen, müsse man ihnen . 
dahin folgen: couvrons nous de ce bouclier proiecieur des empires, ruft 
er mit schönem Pathos aus, gu*un grand poeie (Tasso) a place dans le 
Ciel et puisque les phUosopnes comme les genies des iempiies se sont 
eleväs jusque dans les plus hautes rdgiofis pottr de lä mieux fondroyer 
Vordre social ei les rdunions poliOques du genre humain, ü est näcessaire 
de les suivre. Staaten gab es freilich vor jeder politischen Theorie, 
demnach heisst es — auch für den Realpolitiker — mit dieser sich ab- 
finden. Die französische Revolution müsse auch in ihrer Idee zerstört 
werden, nicht bloss mit den Waffen, denn wenn Gewalt auch töten kann, 
bekehren kann sie nicht, sie unterjocht, aber sie klärt nicht auf. Earopa 
sei in der grössten Gefahr; wenn die von einem gemeinsamen Unheil 
bedrohten Mächte dieser nicht bewusst werden, wenn sie ihr nicht einig, 
mit tüchtigen Armeen und schlagenden Gründen zugleich entgegentreten, 
wenn sie nicht die wahre politische Aufklärung unter den Gebildeten, 
Religion wieder unter dem Landvolk, Hass gegen die Jakobiner überall 
verbreiten: dann wird freilich alles umsonst gesprochen sein, dann ist di 
Revolution bald die Herrin der Welt. Rivarol rechtfertigt sich, warum 
er — ein einfacher Privatmann — sich unterwinde von so grossen IXngen 
Könige und Völker zu lehren, er verweist auf eine Stelle des Esprit des 

^ S. bei Sainte-Beuve, Chateaubriand a. a, 0, 



26Q E. Guglia, 

lots, wo Montesquieu von den Aufzeichnern der Gesetze Ludwig XI. 
spricht: sie waren blosse Privatleute, aber wie viel Gutes haben sie nicht 
gestiftet.*) 

Das ist nun, man fühlt es gleich, echter Eivarol, wie ganz anders 
wirkt es als die Bearbeitung bei Chdnedollö, die doch eigentlich eine 
Verballhornung ist. Es sind kräftige überzeugende Worte' in edler 
Fassung. Sie stammen aus dem Jahre 1794,^) erinnern sie aber nicht 
ganz an jene, die unser Gentz erst sechs Jahre spater sprechen sollte? 

Viel weiter gekommen sind wir freilich damit in unserer Unter- 
suchung keineswegs: zu den vier ersten Kapiteln haben wir nun die Vor- 
rede, wo bleibt aber der eigentliche Kern? Wo ist das fertige Manuskript, 
das doch Dampmartin gesehen zu haben scheint, hingeraten? 

Es gibt eine Notiz, sie stammt wohl auch aus den handschriftlichen 
Aufzeichnungen Ch§nedolle's, die uns belehrt, ein grosser Teil des Manu- 
skriptes sei in die Hände des ehemaligen Eollaborators von Bivarol, des 
Abb^ Sabatier de Castros übergegangen, der es 1806 in einer entstellenden 
Bearbeitung u^ter dem Titel ie la souverainete veröffentlicht habe.^> 
Ein Brief Dampmartin's an RivaroPs Bruder deutet einen solchen litt€h 
rarischen Diebstahl allerdings an,^) ebenso eine Äusserung De la Platiere^s, 
des ältesten unter den Biographen von Eivarol^). 

Wie nun Sabatier in den Besitz jenes kostbaren Manuskriptes ge- 
langt ist, wüssten wir nicht zu sagen, sind auch nicht in der Lage, an- 
zugeben, ob er zur Zeit von RivaroFs Tode in Berlin war. Wie so viele 
Emigranten hat er wohl alle europäischen Hauptstädte durchzogen; in 
Wiener Polizeiakten erscheint sein Name um 1794,^ er hat da dem 
Fürsten Eaunitz ein Gedicht gewidmet, auch ein Buch herausgegeben: 
der alte unermüdliche Skribent! 

Indes jenes Buch De la SouveraineU existiert wirklich.'') Begierig 
schlagen wir es auf. In der Vorrede aber stutzen wir schon: es wird 
von den grossen Irrtümern Montesquieu's gesprochen, welcher der be- 
schränkten Monarchie den Vorzug gegeben habe. Denn nach der Mei- 
nung des Autors ist die beste Staatsform die absolute Monarchie. Dies 
war früher niemals die Meinung RivaroFs gewesen, sollte er sich in den 
.letzten Jahren seines Lebens so verwandelt haben? Allerdings, wie er 
nach Preussen kam — im Herbst 1800 — schrieb er an einen Freund in 
Frankreich wie anerkennend: »Das Volk (hier) kann nur gehorchen, 
zahlen und fürchten. Die Gesetze sind streng, aber gerecht; niemand 
wagt, ihnen zu trotzen.''^) Aber darf man hierin schon das Symptom einer 
Sinneswandlung in prinzipiellen politischen Fragen sehen? 

1) S. JPlense'es, S. 225. 

^) So vermutet der Herausgeber; es mag wohl sein. 

^) Nach Sainte-Beuve, Chateaubriand a. a. 0. 

*) Lescure, a. a. 0. S. 497: Je crois qtte votre frere ne prevoyait 
p€is qü'un jour on ajouierait ä ses ouvrages. Ceiie hardiesse penetre de 
surprise, Fous, possesseurs des fleches, &est ä vous de venger sa me- 
moire. Der Brief ist bei Lescure nicht datiert. 

fi) Sulpice de la Platifere, Vie phiL, pol, et litt de Rivarol (1802) 
II S. 274: IJne main sacrüege fCosera sans doute pas toucher ä Pcßuvre 
du genie, Por triomphe toujours de tous les amalgames, 

®) S. meine Nachrichten über Die ersten Emigranten in Wien in 
der Oest.' Ungar. Revue, 1888. Juli- August. 

'^ De la souverainete on Connaissance des vrais principes du gouver- 
nement des peuples. Motto : Et nunc. Reges, inteUigite! Pariser Nat.-BibL 

8) Platifere, a, a, 0., I. S. 88. 



Anioine EivaroTs Plan einer Theorie du Corps poUiique. 263 

• 

Sabatier kommt dann auf die Theorie von der Volkssouveränetät 
zn sprechen, die er natürlich verdammt. Hier bemerkt er: „Damit man 
mich nicht etwa anklage, ich hätte mir einige metaphysische Ideen, 
welche — recht am unpassendsten Ort — in dem Discours preHmtnaire 
zu einem eitel versprochenen Wörterbuch der französischen Sprache ein- 
geschaltet sind, glaube ich die litterarische Welt aufmerksam machen zu 
müssen, dass ich während meiner Verbindung mit Bivarol . . . diesem 
mehrere moralische nnd politische Bemerkungen mitgeteilt habe, die auf 
seine Weise — die nicht immer die richtige war — zu verwenden er 
nicht verschmähte/'^) Übrigens habe er schon 17d4 in seinen Petisees et 
Oöservaiions morales das gesagt^ was Rivarol im Jahre 1797 im Biscavrs 
pre'liminaire. 

Diese Pensees habe ich selbst in der Wiener Hof bibliothek — wo 
man sie am ehesten .vermutet, denn sie sind in Wien erschienen — nicht 
finden können: es wäre interressant die Behauptung des selbstbewussten 
Abbd zu prüfen. Aber hier kommt so viel darauf nicht an, ob und was 
Bivarol diesem Sabatier de Castres verdankt; denn darüber kann kein 
Zweifel sein, dass er ihm unendlich überlegen war: ein origineller Kopf 
trotz alledem , eine glänzende ^eder er, der andere ein obskurer Viel- 
schreiber, mit Recht längst vergessen und nie sehr geachtet. Wichtig 
ist für uns nur, ob in dem Buche Sabatier's wirklich Stellen sind, welche 
auf Bivarol deuten. Ich kann es nicht finden! 

Die Noiions pre'liminaires handeln viel von dem Missbrauch gewisser 
Worte wie: Ve'rite, Erreur, mensonge, nature, ne'cessite, peuple, naiimi, 
Despoiisme, Tyran, Pouvoir absohs u. a. Allerdings hatte Rivarol in 
dem Discours auch davon gesprochen, ebenso und melu: Laharpe in seinem 
Bache Du fanatisme, das n. a. auch den revolutionären Jargon kritisiert.^ 
Der zweite Abschnitt handelt vom (Jrsprung und der Natur der Gesell- 
schaft;. Allerdings findet sich da auch der Satz, dass Gesellschafb und 
Staat künstliche Gebilde sind, und davon wird alles folgende abgeleitet, 
aber, wie wir gesehen haben, betonte Bivarol dies bereits 1790 im Jowriuii 
poiitiqueß) Einige andere Sätze, wie: La Souverainite n*est pas un droit 
mais une puissance, oder: la puissance Souveraine n^est pas legitime, mais- 
eile legitiL tout erinnern wohl in ihrer epigrammatischen Fassung an 
Rivarol, aber was daran von Erörterungen geknüpft wird, ist durchaus 
müssiges Gerede, Deklamation: es ist nicht möglich, grössere Abschnitte 
herauszufinden, die man mit gutem Gewissen Rivarol zuschreiben könnte. 
Über eine vage Ähnlichkeit der Ideen geht auch der III. Abschnitt nicht 
hinaus: De la morale, de la justice, de la Religion. So wird die christ- 
liche Auffassung von der Natur des Menschen: dass ihr weder Sittlichkeit 
noch Gerechtigkeit innewohne, sondern dass sie von Grund aus verderbt 
sei, — die nach PascaVs Vorgang Rivarol bereits im Journal politique 
gegenüber der optimistischen Rousseau's als die richtige bezeichnet hatte — 
angenommen. Ein Abschnitt über den Fanatismus der Philosophen 
(S. 215 f.) erinnert allerdings an eine berühmte Stelle des Discours pre- 
liminaire, aber dieser Vorwurf war in den letzten Jahren des ausgehenden 
Jahrhunderts oft genug behandelt worden; der bekehrte Laharpe hatte 
ein ganzes Buch darüber geschrieben, auf keinen Fall brauchte Sabatier 

1) Pr^face, S. 13. 

^) Ich kenne es nur in der deutschen Übersetzung: Vom Fana- 
tismus in der Revolutionssprache. Wien, 1797. S. S. 20 A. 6, S. 51 A. 12. 

^) Die Pensees von 1794 würden aber dagegen nichts beweisen. 
Mö^e indes der Abbä diesen Gedanken seinem Mitarbeiter schon 1789 
geliehen haben, was liegt daran I 



364 E, Gugüa, Antoine RivaroFs Plan einer Theorie du corps poliiique, 

auf das Manuskript des Traite sur le corps poliiique zu warten, um dies 
schreiben zu können. Der vierte Abschnitt endlich Du peuple considere 
relativement ä la Souverainete trägt so wenig den Stempel Rivarorschen 
Geistes wie die übrigen, ja indem Sabatier den Satz aufstellt: Vappli- 
caiion de la force est le premier apanage de la Souverainete (S. 289) 
weicht er zum mindesten von der EivaroPschen Ansicht, wie sie im vierten 
Stück der II. Serie des Journal pol. niedergelegt ist, entschieden ab ; Le 
Souverain est la Source de tous les pouvoii's heisst es dort, le gouveme- 
meni est la force qui les exerce. 

Nein, es kann nicht nachgewiesen werden, dass in dem Sabatier'schen 
Buch der Traue sur le corps politiqae enthalten ist: hie und da sind 
Rivarorsche Gedanken herübergenommen, aus dem Journal politique, dem 
Discours preliminaire, vielleicht auch aus jenem geheimnisvollem Werk — 
warum dann aber nicht aus den ersten vier Kapiteln, die Rivarol schon 
1795 vorlas, in seinen Gesprächen gewiss immer im Munde führte? Auf 
keinen Fall gehörte die Tendenz der Schrift Über die Souverainetät 
Rivarol an : denn diese ist ganz offenbar abgefasst, den despotischen Ge- 
lüsten des neuen Franzosenkaisers zu schmeicheln. Eine Note, die in dem 
Exemplar der Pariser Natlonalbibliothek auf den ersten Blättern einge- 
zeichnet ist, besagt dies ganz ausdrücklich: A sa Majeste Tempereur ei 
Roi Napoleon de la pari de Vauteur, lesen wir da, un des plus anciens 
iribuiaires de la gloire ei qui fauie d'une cinquanie de ducais, est depuis 
irois mois dans Timptässance de faire achever rimpi^ession du second 
volume. Hätte nun vielleicht dieser zweite Band mehr von dem echten 
Rivarol bringen sollen? Wir glauben es nicht. 

Sollen wir es aufrichtig sagen, so zweifeln wir überhaupt, dass 
jenes Werk von ihm vollendet worden ist. Seine Freunde, seine Bio- 
graphen — ältere wie neuere — haben es mit einer Art von Nimbus 
umgeben, angedeutet, dass es wohl etwas ganz grosses Ausserordentliches, 
ein Esprit des lois, der auch die ungeheueren Erfahrungen der Revolution 
theoretisch verwertet hätte, gewesen ist, aber wie hätte er so etwas von 
1797, wo der Discours erschien, bis 1801, wo er starb, machen sollen! 
Dass er überaus träge war, dies sagt er nicht etwa bloss selber, sein 
Verleger Fouche, seine Freunde erzählen davon, über seinen skandalösen 
Lebenswandel auch in der Fremde berichten selbst royalistische Agenten.^) 
Nun aber hätten für ein solches Werk doch alle die Dokumente der 
Revolution , so weit sie- erreichbar waren , die Protokolle der National- 
versammlung, der Legislative, des Konvents etc., alle die Zeitungen und 
Flugblätter, die Dekrete endlich, viele Nachrichten über die Verwaltung 
während eines Zeitraumes von zehn Jahren gesammelt, gesichtet und 
benützt werden müssen. Wer möchte glauben, dass Rivarol das gethan! 
Was er hie und da aufgezeichnet haben mochte, waren wohl nur Aper9us, 
Epigramme, Variationen einiger politischer Maximen, die er gefunden zu 
haben glaubte, die Freunde, denen er davon mitteilte oder die — wie 
Dampmartin im Nachgefühl des Verlustes, den sie durch seinen frühen 
Tod erlitten — davon lasen, konnten leicht dazu geführt werden, diesen 
Bruchstücken einen übertriebenen Wert beizulegen. Wir aber werden 
nach wie vor in dem Journal poliiique und dem Discours preliminaire 
seinen einzigen Ruhmestitel sehen müssen. 

^) S. Thauvenay's Bericht von 1798 an D*Avaray bei Formeron 
Bisioire des emigrds, I, S. 396. 

E. GUGLIA. 



Miszellen. 



Die Bildnisse Moliire's. 

Vor etwa einem Jahre wurden in Dresden zwei Moli^re- Ausstellungen 
vielfach besucht, deren eine in den Räumen des Königlichen Polytech- 
nikum während der Versammlung der deutschen Neuphilologen, deren 
andere im Königlichen Kupferstichkabinet aufgestellt war. Dort konnte 
man den ^^frössten Dichter unseres Nachbarvolkes in zahlreichen Abbil- 
dungen aus verschiedenen Zeiten sehen, aber dem, der mit den Schwierig- 
keiten der sogenannten „Iconographie"^ Moli^re's genügend vertraut war, 
drängte sich nur allzu rasch die Frage auf: »Ist das der wirkliche, echte 
MoliSre oder ist es sein verschönertes oder verzerrtes Abbild?" Die Be- 
antwortung dieser Frage ist auch für den Kenner keine leichte und 
unbedingte, denn die Verschiedenheit der bildlichen Darstellung des 
Dichters ist eine sehr grosse. Die bekannte Sammlung SoleiroFs, eines 
Pariser Kunstschwärmers und Raritätensammlers« zählte allein hundert- 
neunundzwanzig Bilder und Zeichnungen Moli^e's, auf deren unzweifel- 
hafte Treue der glückliche Besitzer, aber kein vorsichtiger Kritiker schwor. 
Selbst der leichtgläubigste aller Moli^reforscher , Paul Lacroix, der des 
Dichters litterarischen Nachlass mit einer Menge namenloser Schriften 
bereichern wollte, an denen Moli^re schwerlich ein Anteil gebührt, setzte 
die Zahl der echten Porträts auf fünfundzwanzig herab; ein Pariser 
Akademiker, Emil Perrin, will nur zwei als zuverlässig anerkennen. 

Diese grellen Gegensätze der Beurteilung erklären sich daraus, dass 
wir von Seiten der Zeitgenossen des Dichters meist nur gehässigei ver- 
zerrende Ülterlieferungen haben , die überdies mehr den Schauspieler, als 
den Menschen schildern, und dass auch von den Porträts, welche bei 
Lebzeiten Moli^re's oder bald nach seinem Tode angefertigt sind, nur 
eins den Dichter ausserhalb der Bühne vorführt. Nicht zu übersehen oder 
gering zu schätzen ist aber eine Beschreibung, welche die Schauspielerin 
Angölique Poisson im Jahre 1740 nach ihrer Jugenderinnerung im 
Mercure de France veröffentlicht hat, denn obwohl sie mit sichtlicher 
Vorliebe und Verschönerungssucht die äussere Erscheinung Molifere's 
schildert, so hat sie doch lediglich den Menschen,* nicht den Schauspieler 
dabei im Auge. Nach ihr hätten wir uns den Dichter als eine auch 
äusserlich harmonische, wohlgebildete Erscheinung vorzustellen, während 
nach manchen Kostümbildem früherer Zeit Molibre eher eine hässliche, 
plumpe und wenig proportionierte Persönlichkeit gewesen sein müsste. 

Mit ihrer Darstellung lässt sich das wahrscheinlich älteste Porträt- 
bild Molibre's, das von seinem Freunde Mignard etwa im Anfange der 
sechsziger Jahre des XVII. Jahrhunderts geschaffen ist, sehr wohl vereinen. 
Kopien desselben sind in französischen und deutschen Moli^reschriften 
häufig genug, und in der Vorstellung der meisten Verehrer des grossen 
Dichters lebt seine äussere Erscheinung so fort, wie sie der Pinsel dieses 
Malers auf die Leinwand geworfen hat. Man darf aber nicht vergessen, 
dass Mignard seinen Freund als Darsteller einer tragischen Rolle, nämlich 
als Cäsar in Corneille's Tod des Pompejus, mit allem theatralischen 
Pomp damaliger Zeit, mit dem Purpurkleide, dem Lorbeerkranze, dem 
Feldherrnstabe, den Flammenaugen uud der Würde des Triumphators 
uns vorführt; — wie kann da von einer realistischen Treue die Rede sein? 
Ohnehin huldigte die französische Porträtmalerei des XVII. Jahrhunderts 
der Neigung, alles nach dem ungeschichtlichen Ideal zu zeichnen, welches 



266 Miszeüen. 

man sich vom Römertam entworfen hatte und legte auf zuverlässige 
Natnrwahrheit wenig W^rt. Nach einer Kopie des Mignard'schen Bildes 
hat Houdon im folgenden Jahrhundert seine unsterbliche Büste Moli^re's 
entworfen, ihm seh Hessen sich die spateren plastischen und malerischen Dar- 
steller des Dichters, namentlich der Schöpfer der Brunnenstatue in der rue 
Richelieu zu Paris, an. Das Übertreibende und Unwahre, welches dem Kostüm- 
bilde seiner Natur nach anhaftet, auch wenn es nicht von einem ideali- 
sierenden Künstler der Zeit Ludwig's XIV. entworfen ist, hat sonach die spätere 
bildliche Darstellung Moli^re's am stärksten und nachhaltigsten beeinflusst. 

Etliche Jahre nach Mignard hat ein uns nicht genau bekannter 
Maler, wahrscheinlich Sebastian Bourdon, ein Porträt des schon schwer 
leidenden Dichters geschaffen, das die Bildergallerie des Herzogs von 
Aumale auf Schloss Chantilly ziert. Hier sehen wir nicht den Schau- 
spieler, sondern den Privatmann vor uns, aber in einem krankhaften 
Zustande, der durch die schweren körperlichen und geistigen Drangsale 
der sieben letzten Lebenerjahre hervorgebracht ist. Sein Gesichtsausdruck 
ist ein schwermütiger, die Stirn gefurcht, die Wangen eingefallen, das 
Haupt geneigt. Gewiss ist die Treue dieses Bildes ungleich grösser, als 
die des von Mignard geschaffenen, aber sie stimmt doch nur mit dem 
Eindrucke überein, welchen die halbtragischen Schöpfungen Moli^re's, 
sein Menschenfeind und sein Schwanengesang, Der eingebildete Kranke, 
uns hinterlassen. Verkehrt würde es sein, die äussere Erscheinung des 
, Dichters zu der Zeit, wo er von dem Ruhme seiner Erstlingsschöpfungen 
emporgehoben, von dem Glänze der königlichen Gunst überstrahlt, durch 
die Zuneigung gleichgerichteter Freunde, wie Boileau und Lafontaine» 
innerlich gesSirkt, von den Enttäuschungen der Freundschaft und Liebe 
noch unberührt, von dem giftigen Hasse der Frommgläubigen und der 
neidischer Berufsgenossen noch wenig getroffen, von den schweren Leiden 
eines hoffnungslosen körperlichen Zustandes noch ungebeugt, ein zukunft- 
reiches, sorgenloses und frohes Dasein führte, nach dem schwermütigen 
Bilde Bourdon 's uns darzustellen. Da nun der jugendfrische, ideal ge- 
zeichnete Molibre die Vorstellung der Spätergeborenen mehr anmuten 
musste als der frühzeitig alternde, mit unverkennbarem Realismus ge- 
schilderte, so hat das Bild Bourdon's unter dem wohlthuenderen Eindruck 
des Mignard'schen leiden müssen und die nachfolgenden bildlichen Dar- 
stellungen des Dichters wenig beeinflusst. 

Ausser diesen beiden Porträts, zu denen der Dichter selbst da« 
Modell gewesen zu sein scheint, haben wir von Zeitgenossen noch eine 
Anzahl von Kostümbildem, denen als solchen eine verhältnismässige Treue 
nicht abzusprechen ist. Dahin gehört zunächst ein Kupferstich von 
Simonin, der nur in einem Exemplar erhalten ist. Auf ihm wird Moli^re 
in rohen, aber unverkennbar naturtreuen Umrissen dargestellt und seine 
äussere Erscheinung würde hiernach eine ziemlich gewöhnliche, unschöne 
gewesen sein. Ähnlich ist der Eindruck, den wir von den Zeichnungen 
Brissart's und Sauvä*s empfangen, welche der Ausgabe der Werke Moli^re*s 
vom Jahre 1682 als Illustrationen eingefügt sind. Sie schildern uns den 
Bühnendarsteller in seinen Hauptrollen und verzichten ebenso sehr auf 
irgend welche Idealisierung , wie auf künstlerische Feinheit. Ein kurzer 
Hals, der fast in den Schultern versinkt, eine ungleichmässige, alltägliche 
Gesiohtsbildnng, vor allem ein auffallendes Missverhältnis des Oberkörpers 
zu den unteren Partieen sind die Hauptkennzeichen seiner Erscheinung, 
wie sie uns in diesen Bildern hervortritt. Verwandt, aber doch mit 
unverkennbarer Gehässigkeit entstellt ist Moli^re's Porträt auf einem 

f rossen KoUektivgemäl& des Jahres 1670, welches die „Spossmacher 
rankreichs und Italiens in den letzten sechzig Jahren^ darstellt, hier ge- 



Mszeüen. 267 

winnen wir von Molibre's Erscheinang auf der Bühne denselben grotesken, 
bisweilen wider Willen komischen Eindruck, der in den verzerrenden 
Beschreibungen seiner bittersten Gegner hervortritt. Man darf weder 
den Menschen, noch den Schauspieler nach diesem Zerrbilde sich vorstellen. 
Eher dürften schon die Eostümbilder Bnssart's und Sauv^'s das Richtige 
treffen, aber auch in ihnen ist der Bühneoerscheinung allein Rechnung ge- 
tragen und wir müssen das abziehen, was der schauspielerische Effekt in 
komischen Rollen dem Mienenspiel und der körperlichen Haltung aufnötigte. 
Soviel ergibt eine Yergleichung dieser verschiedenen, von Begeiste- 
rung und Abneigung, von künstlerischer Meisterschaft und stümperhaftem 
Ungeschick entworfenen Bilder jedenfalls: der grosse Dichter war kein 
schöner Mann. Auch Mignard*s Bild hat nicht ganz das verwischen können, 
was der äusseren Erscheinung Moli^re's sich von seinem Vater her vererbt 
hatte, den fast plumpen Körperbau mit den un verhältnismässig langen und 
dünnen Beinen, das langgezogene Gesicht, mit den stechenden von einander 
weit abstehenden Augen, der zu grossen Nase und den ausgedehnten 
Nasenflügeln, den starkentwickelten Lippen, dem breiten Munde, der 
üppigen Kinnbildung und dem gewöhnlichen Teint. Aber alle diese 
äusseren ünschönheiten sind auf diesem Bilde durch einen echt künstleri- 
schen Gesamtausdruck ausgeglichen und selbst auf dem Portiät Banrdoo's 
sind sie durch die weltschmerzliche Sehwermütigkeit geadelt. Waren 
nun diese verschönernden Züge nur Zuthaten der Künstler oder entsprachen 
sie der Wirklichkeit? Wir können weder das eine noch das andere be- 
stinunt behaupten, da eine völlig unbefangene Schilderung der Zeitge* 
noflsen uns fehlt und da alle Porträtdarstellungen, bis auf Bourdon^s äld 
und den rohen Kupferstich Simonin's, nur den RöUendarsteller im Auge 
haben. Bourdon's Porträt, das man uns öfter für das einzig treue hat 
ausgeben wollen, zeigt aber, wie schon erwähnt, nur den leidenden^ schwer- 
mütigen Dichter in den letzten Lebensjahren, kann also seiner Treue 
nach nur für diese in Frage kommen, aus einem stümperhaften Kupfer- 
stiche können wir überhaupt keine ganz sicheren, unparteiischen Schlüsse 
auf Moliere's äussere Erscheinung machen. Wenn aber neuere Moli^re- 
biographen uns den grossen Dichter als eine Art Cyklop von unfreiwilliger 
Komik des persönlichen Eindrucks schildern, so lawen sie sich lediglich 
durch Darstellungen, wie die jenes Gemäldes vom Jahre 1670, leiten und 
übersehen, dass die Beschreibung, welche Ang^lique Poisson auf Grund 
ihrer Kindheitserinnerungen gibt, damit ganz unvereinbar ist. Die Wahrheit 
scheint auch hier in der Mitte zu liegen. Molibre war nie ein schöner, wohl- 
gestalteter, harmonisch gebildeter Mensch, der den Sinn erregbarer Frauen 
bezaubern konnte, aber trotz seiner äusseren Mängel auch als Persönlichkeit 
für den anziehend, der in der Körperbildung den Ausdruck des geistigen 
Wesens vor allem zu finden sucht. R. Mahäenholtz. 



Eyolntions de la langne franfaise. 

,fSi Meliere revenait sur la terre, il ne comprendrait plus le 
fran^is". Je ne sais plus au juste oü j'ai iu cette asseition; mais je sais 
que je la pris pour une boutade, et je n'j pensai plus. Ce n'est que 
plus tard qu'elle me revint en memoire. Je venais en eftet de mettre 
la main sur un de ces romans contemporains qui semblent sortir de terre 
comme les Champignons aprbs la pluie^ et j'en commenpai la lectnre. 
J'arrivai bien jusqu'ä la dixi^me page, mais impossible draller plus loin: 
je n'en eomprenais pas la moiti^. La honte envahit mon visage, et ce 
n'est qu'en pensant ä Moli^re que je sentis renaltre mon courage, et en 



268 Miszeüen. 

• 

me Bouvenant auBsi vagnement d'uDe annonce ainsi oon^ne: Pour paraitre 
prochainement : Petit glossaire pour servir ä rinteüigence des auteurs 
(iecadents. Ge glossaire n^est ^videmment pas pour moi seul, me disais-je 
en moi-m§ine; dono d'aatres que moi ne comprennent pas non plus. Ca 
fut comme un beaume pour mon äme. 

Ceci se passait au mois d'aoüt de Tann^e demibre, pendant mes 
vacances, et au beau milieu de la France. Certes, je n'en aurais jamais 
dit un mot, si une boutade pareille ne m*ätait tombäe sous la main, il 
j a qninze jours k peine. Elle est un peu longue« mais je ne puis 
r^ister au plaisir de la transcrire, et j'espere qu'elle int^essera plus d'un 
lecteur de la Revue, „k quoi bon s'obstiner a confectionner des diction- 
naires dans un pajs dont la langue n'a plus ni limite, ni frein, ni mesure? 
Avec le däcadentisme, la d^liquescence et autres ^coles nonvellesi chaque 
jour cree deux ou trois centaines de mots, les uns canailles et argotiques, 
les autres archaiques, tous plus extravagants et plus barbarisants les uns 
que les autres. Comme ce joli travail de d^composition ne se ralentira pas, 
les dictionnaires deviendront parfaitement inutiles. Tout sera fran9ais ad 
übitum et au hasard de la fourchette". Ainsi s'exprimait Pierre V^ron dans 
le Journal amüsant, le 27 janvier 1889. F^nelon lui-meme, apr^s avoir dit 
dans sa Lettre ä VÄcademie : „Une langue vivante est une langue sujette k 
de continnels changements", ajoutait: „le Dictionnaire servira, quand notre 
langue sera changäe, k faire entendre les livres Berits de notre temps". 

Ce serait une ^tude tr^s interessante que celle de la rävolution de 
la langue francaise dans ces demi^res ann^es, je veux dire depuis le 
^naturalisme^, le „romantisme", le ndäcadentiBme**. C'est surtout actuelle- 
ment que cette Evolution s'accentue. Le dictionnaire devient radical et 
nous montre des termes insolites, hirsutes, barbarisants. Quelques uns 
de ces näologismes ne manquent pas de beautä, comme par exemple: 
„Victor Hueo prend une envolee süperbe . . . Les contes ^piqnes aux 
larges envots . , . Cette t^te est dessinäe avec une absolue maitrise ..." 
(Figaro). Ce dernier terme n'est sans doute pas nouveau par lui-mgme, 
mais il ^tend sa signification. Je ränge ^galement dans cette catdgone 
cinquantcnaire et centenaire (fünfzig-, hundertjähriges Jubiläum) qui ne 
devraient pas manquer dans Sachs. 

Mais ce n^est pas le vocabulaire seul qui fait des siennes, il me 
semble que le Pamasse s'en m§le aussi quelque peu. En veut^on des 
exemples? Yoici un modMe de vers empruntes k la nouvelle ^cole: ils 
sont adress^ k la Näva: 

Puissante, magnifique, illustre, grave, noble reine! 

Tsaritjsa de glaces et de fastes! souveraine 

Matrone hi^ratique et solennelle et v^näräe! 

Trte chaste, au sein du Temple qui se brise et se r^crie 

Et tr^ riante, en ta parure bleue ou blanche . . . 
Sous prätexte de nous offrir des „heptapodes iambiques*', on arrive k 
nous donner des monstres: cäsure, Vision, mesure, toute la cargaison est 
jetee par dessus bord. 

Mais au moins la grammaire tient-elle bon, eile, contre cet assaut 
livräe k la tradition classique? Oh que nenni! eile aura aussi ses faiblesses; 
eile prend part k cette nuit de Yalpurgis. Si encore ce n'ätait que la 
grammaire des decadents et des ant%'parnassiens, le mal ne serait pas si 
grand; mais malheureusement la grammaire des orateurs et des jour- 
nalistes — celle des joumalistes sourtout — a ävoluä considärablement. 
C^est Ik le seul point que je me proposais de mettre en lumibre. J'ai 
fait une jolie cueillette de eitations k Vappni de cette assertion et je vais 
en reproduire quelques unes. C'est bien la grammaire de Ploetz, je crois, 




Mtszeäen. 269 

qui pr^tend qu*on ne met Jamals iin futur ni un conditionnel apr^s si 
(wenn). Cetait bien cela au boD vienx temps; mais aujourd'hui! Ecoutez 
plntöt: nSi Jamals une mesore libäratrice serait accueillie par le pajs, 
ce serait k coup sür celle-lk'' (Gazette de France), „Mais si Jamals en 
temps de guerre, Ton ne devra appeler sous les drapeaux les ecldslas- 
tiqiies et les institateurs, k quo! bon leur imposer les dpreaves de la 
caserne" (Figaro), J'ai une foule d'autres exemples, mals ceux-lk suf&sent. 
Fassons k Temploi du subjonctif. „Je ne pense pas que de Lille k Menton 
le peuple franpais seräunira dans ses comices pour d^cr^ter . . ." (Figaro), 
„Qui voudrait nier que ce sont de beaux jours" (Figtxro), „M§me en 
admettant que la Cocarde est convaincue, le moment est Inopportun 
pour dire ces choses" (Figaro), „Je n'espöre pas qu'ils se rangeront k 
la forme actuelle du gouvernement; mals 11 me suffit de compter sur 
leur patrlotisme pour ne pas douter qu'ils se refuseront k prSter leurs 
malus k une tentative aventureuse" (Ghallemel-Lacour, Discours au Senatj 
däcembre 1888). „l\ n'y a qu'un seul creancier qui poursuit la vente, 
mals les autres vont se faire repräsenter** (Fig.). „Dans la Marne, 11 n'y 
a que deux arrondlssements sur cinq qui ont re^u des bulletlns'' (Fig.J. 
„Les Mineurs sont furieux de ce quon n'ait pa« permls au gändral de 
descendre dans les puits" (Fig.), 

Mais volci qui devient plus fort, et le pauvre verbe craindre 
lul-meme n'a plus la force de gouverner le subjonctif; 11 est bleu entendu 

les. 

)eau 

depuis 

quinze jours permet de craindre que la France palera encore une fols 
les deplacements mlnistdrlels'* (Fig.). Dans quelques semaines, 11 y a tout 
Heu de craindre que nous connaitrons la rägence de Serble** (Fig). 

Ce n*est pas que je prätende que toutes ces manieres de s'exprimer 
soient condamnables , et certalns academiciens, le crltiqne de la Revue 
des de^uc Mondes par exemple, ont un penchant trfes prononcä pour 
Temploi du conditionnel apr^s la conjonction „si**; mals 11 n'en est pas 
moins vral que la littärature contemporalne accomplit un mouvement 
d*ävolutlon, m^me au point de vue de la grammaire, ainsi que nous 
Tavons constatä par exemple relatlvement k l'emplol du verbe craindre. 
Je ne connais pas d*exemple de cette construction au dlx-septl^me sifecle; 
pour le dlx-huiti^me, je n*en al trouvä qu'un seul, et encore est-il dans 
les OBuvres de Fr^äric le Grand. Le volci: „comme 11 avait k craindre 
qu'il au r alt aussitöt toute l'armde sur les bras ..." On y trouve ägale- 
ment „le malheur voulut que les hussards tombbrent sur l'ennemi . . ." 

.Une autre construction singulifere et que j'al trouväe deux fols dans 
E. Zola est la suivante: „II fallut que le peintre la coupa d'une clolson 
de planches ..." FaUoir, tout comme craindre, gouverne rindlcatif. 
Si ce mouvement continue de ce pled, 11 n'y aura plus de subjonctif au 
XX^^e sifecle. II est bleu entendu que je ne parlerai pas ici, sans cela 
j'aurai trop k faire, de constructions comme: midi sonntrent ... Le 
Saint Pfere lira une messe basse . . . (Fig). Un ouvrier de ronzieme 
beure . . . ; 11 ätait pres d^onze heures (Zola). 

Poursulvra qui voudra cette ötude; quant k mol je n'en ai ni le 
loislr ni Tenvie, et je termine par une citatlon que je lisals hier encore 
dans le Figaro: „Nous sommes envahls par un tas de diseurs de rien et 
de raboteurs de phrases qui encombrent le Parnasse. Parml les jeunes 
ecrivalos, 11 y a, incontestablement, un certaln nombre d'allänes qui sont 
frappäs d'une folie particull^re , la folie du mot . . . C'est en prose et 
en vers, une langue qui est le plus pretentieux des chürabias ... Ih s« 



270 Misteüen, 

contentent de donner aux mots nsuels des significations k eux et de dis- 
ioqner la plirase. Las uns suppriment toute ponctnation , bien que la 
ponctuation soit une Convention d'une absolue logique . . ." (Figaro, 
29 avril 1889). J. Aymebic. 



Ein Roman Victor Cherbnliez'. 

In der Revue des dettx mondes vom 15. Juni y. J. beschliesst der 
auch in Deutschland mit Recht wohl bekannte Victor Gherbuliez seinen 
letzten Roman La vöcaiion du comte de Ghisfain, und ich glaube, dass 
mancher jseiner Verehrer das umfangreiche Werk kopfschüttelnd aus 
der Hand legen wird, da es sich früheren Leistungen des Verfassers 
nicht an die Seite stellen kann. Ist auch die Charakteristik von grosser 
Feinheit, so fehlt doch dem Hauptcharakter, dessen Zeichnung mit be- 
sonderer Breite angelegt ist, jede Eigenschaft, die unser Interesse auf 
die Dauer fesseln könnte. Der Comte de Ghislain ist ein Geistesver- 
wandter von Olivier Maugant, dessen ich im Aprilheft der Franco- 
GäUia 1885 gedacht habe. Die dort angezogenen Worte, welche diesen 
in Kürze zeichnen : vom avez un coßur, heaucoup de ccßur, et mime vous 
en avez irop; mais votis rCavez m discernemeni ni raison ei quand la 
raison ne les garde pas^ ks meilleurs coßurs foni les plus grosses sottises, 
passen auch auf jenen. 

Denn was ist dieser Ghislain anderes als ein wunderlicher Kauz, 
dem nichts weiter fehlt, als dass er zu reich ist, und der daher nicht 
weiss, was er in dieser bösen Welt mit seinem Ich anfangen soll. Die 
voeation, die er glücklich findet, ist in der That nicht besonders neuer 
Art : an der Seite eines braven Mädchens ein guter Ehemann zu werden. 
Doch dies Glück findet er erst spät und nach manchen Irrungen. Als 
einziger Sohn eines nur durch die Gemeinsamkeit der Interessen ver- 
bundenen Paares, von dem jedes seinem eigenen Vergnügen nachgeht, 
aufgewachsen, ohne den Sonnenschein der Elternliebe, gerät der junge 
Graf zunächst ganz in den Strudel des galanten Pariser Lebens, ja es 

felin^t dem beau Ghislain, seinen eigenen Vater bei einer russischen 
ürstm auszustechen. Doch bald folgt der Ekel an diesem hohlen 
Leben. Jl vous a paru que les fleurs que vous attiez eueilUes, n'avaieni 
ni couleur ni par/um, que vos joies e'taient des ombres, ei vous n'aper- 
cevez plus auiour de vous que de irisies ei päles fantomes. So sagt ihm 
jemand und bezeichnet damit trefflich seine Stimmung. In dieser be- 
gegnet Ghislain einem Missionar, einer kraftvollen Gestalt, und, wie 
es schwankenden Menschen eigentümlich ist, will er das Lebensziel, 
das jenes Geist und Gemüt so voll und ganz erfüllt, zu dem seinigen 
machen, ohne zu bedenken, dass ihm dazu dessen sittliche Kraft fehlt. 
Der Menschenkenner durchschaut den Jüngling, der ihm vertrauensvoll 
sein Herz erschliesst; er weiss, dass Ghislain nir den entsagungsreichen 
Beruf eines Heidenbekehrers nicht geschaffen ist, doch lässt er ihn, 
wie Rousseau seinen ^Imile, gewähren, damit er durch eigene Erfahrung 
seinen Irrtum erkenne. Ziemlich leicht wird unser Held mit der Ge- 
wissensfrage fertig, und es ist zu charakteristisch (auch für die Schreib- 
weise Cherbnliez') Ghislain über Protestantismus und Katholizismus 
sprechen zu hören, als dass ich der Versuchung widerstehen könnte, 
die Stelle hierher zu setzen. 

In Religionssachen, so sagt er, wählt man nicht, man verzichtet 
auf seine eigenen Ansichten, beugt sich, unterwirft sich, und diese frei- 
willige Unterwerfung ist vielleicht die wahre Freiheit. Le caikoücisme 



MiszeUen, 271 

se recommande ä nous par sa durde, et ü a Pävidence, la majesU ou, si 
vous faimez mieux, la brutalite (Tun faii. La philosophie est la raison 
contente; le protestantisme est une raison mecontente, qui se donne beau- 
cotip de peine pour remplacer ce qu'eüe a perdu, EUe s'ingenie, eile a 
recours aux succedanes ; eile nofts dit: „Prenez ma chicoree, vous la trou- 
verez plus savoureuse, plus parfumee que le meiäeur cafe de Moka,^ 
Ihur ma pari, so meint dann Ghislain, je ne Supporte pas le caf4, maxs 
je m4prise toutes les Chicorees et toutes les invenOons modernes. 

Doch zu dieser Unterwerfung kommt es nicht, und wir brauchen 
nicht zu fürchten, den Grafen nun bald in der Kutte zu sehen. Ein 
Paar hübsche Augen, ein unschuldiger Kuss, den er irrtümlich von 
einem übermütigen Mädchen empfängt, genügen, um ihn von seinem 
Entschluss abzubringen. Er findet, dass das Glück nicht une chose bien 
compliquee ist, dass man nur darauf zu warten hat und zugreifen muss, 
wenn es sich uns bietet. 

Und Ghislain bietet es sich, er ergreift es auch, und vor ihm 
liegt das reine Glück an der Seite eines geliebten Weibes, M^" de Trä- 
laz^, der Nichte seines geistlichen Freundes, da bringt der Tod seiner 
Mutter, der allerdings unter besonders grausigen Umständen erfolgt, 
einen neuen Umschwung in seinen Lebensansichten hervor. Von neuem 
kommt er auf seine erste Idee zurück. Je veux agir, ruft er aus, ie 
veux souffrvr pour les autres; c^ est par la pitie, par la sainte misMcorde, 
qu*on rachete ses erreurs. 

Und was thut er? Mit einer Grausamkeit, der vor allem schwache, 
„kontemplative'^ Naturen — er nennt sich selbst un me'kmcoligue voui 
ä la contemplation — fähig sind, verlässt er die Geliebte, mit der er 
sich eben verlobt hat, um in Afrika sich auf seine neue Laufbahn vor* 
zubereiten. Doch auch hier findet er nicht das, was er sucht. Sein 
Aufenthalt in Tunis, seine Reisen ins Innere zeigen ihm nur, dass das 
letzte Wort der orientalischen Weisheit ist: Häte-l&i de jouir, la mori 
ie gueite. Zugleich wird er hier das Opfer einer Intrigue, die sein 
Vater mit Eusäbe Furette, seinem Lehrer des Deutschen, einem lüsternen, 
gemeinen Charakter, spielt, um dem Sohn durch seinen Fall zu zeigen, 
dass er nicht besser ist als er, und sich so gleichzeitig für seine früheren 
Erfolge zu rächen. 

Die sentimentale Kokette, die Ghislain nachgereist ist, um ihn 
zu fangen, weiss ihn freilich nur einen Augenblick zn täuschen. Er 
erkennt bald, in welche Schlinge er geraten ist, sieht aber auch zugleich 
ein, wie wenig er der Mann ist, einer hohen sittlichen Aufgabe zu ge- 
nügen. Nun ist er überzeugt, dass er nicht für les vertus difficiles et 
rares geschafPen ist, sondern für les douceurs, les däUoes d^un amour pur, 
d*un amour jeune, qui mSte ä la vie d'habitude des ^motians, des gräces 
toujours nouvelles, et procure aux ämes faUguees du monde des heures 
ä la /bis monotones et pleines, dass er nicht bloss ein ^osser Narr ge- 
wesen ist, sondern auch hart und undankbar gegen die, welche ihm 
ihr reines Herz geschenkt hat. Er meint, er habe nun weiter nichts 
zu thun, als in die Arme der geduldig auf ihn wartenden Geliebten 
zurückzukehren, doch da irrt er sehr. Als er unerwartet heimkehrt, 
ist diese im Begriff, seinem siebzigjährigen Vater die Hand zu reichen, 
und zwar, was die Sache noch unbegreiflicher macht, aus eigenem, 
freiem Entschluss. Freilich sind es nicht die Reichtümer des alten 
unverbesserlichen Lebemannes, die sie reizen, auch ist sie kindlich 
genug zu glauben, sie solle ihm nur die Tochter ersetzen und für sein 
einsames Alter eine Stütze werden, doch lockt sie der Gedanke, an 
dem Geliebten eine kleine Rache zu nehmen, und die Hoffnung, ihm 



272 Miszeüe. 

dadurch, wenn auch als Stiefmutter, näher zu stehen. Als dieser nun 
wiederkommt, da bittet das unschuldige Din^ ihren lieben Gott, er 
möge ein Wunder geschehen lassen, um sie der Erfüllung ihres leicht- 
fertig gegebenen Versprechens zu überheben. Und dieses Gebet geht 
wirklici^ in Erfüllung. Der alte verliebte Geck stirbt zur rechten Zeit; 
ein Herzschlag macht seinem schalen Dasein ein Ende in dem Augen- 
blicke, wo die Liebenden sich wieder gefunden haben. Auch der 
Schatten des Toten , den der strenge Abb^ zwischen ihnen herauf- 
beschwören möchte, stellt sich ihrem Glück nicht entgegen. Ghislain 
beichtet dem Abb^ sein Unrecht, auch M"* de Tr^lazö bereut, nachdem 
auch sie durch das ihr eröffnete Geständnis von Ghislain^s Schwäche 
eine Enttäuschung und damit eine Strafe für ihren eigenen Fehltritt 
bekommen hat. Sie haben sich in der That beide etwas zu vergeben, 
sie sind quitt, und wir zweifeln nun nichts dass beide die vierjährige 
Probezeit, die ihnen der Abb^ auferlegt, wie der Eremit dem Max im 
Freischütz, ebenso glänzend wie dieser bestehen werden. 

Das ist der Inhalt des umfangreichen Romans. In der That wie 
bei dem vorigen, dem schon genannten Olivier Maugant, wenig Hand- 
lung, indessen scheint es auf diese Cherbuliez weniger anzukommen 
als darauf, eine Reihe von Charakteren verschiedenster Art bis in ihre 
kleinsten Falten vor uns offen zu legen. Und diese nimmt er, wo er 
sie findet: keine ausserordentliche Menschen mit starkem Wollen und 
Können, sondern Menschen mit allen den Schwächen, die der Leser an 
sich selbst und anderen Gelegenheit genug hat zu beobachten. Viele 
von diesen Charakteren gefallen uns trotz ihrer Schwächen , vielleicht 
auch wegen derselben, andere stossen uns ab, so der lüsterne Eusäbe 
Furette und der eitle Marquis de Ghislain. Doch ist es im Leben 
anders? Und nach dem Leben will Cherbuliez zeichnen, darin beruht 
auch seine Bedeutung. Doch ist er darum nicht zu den Naturalisten zn 
zählen; er ist zu fein gebildet, um lediglich in naturalistische Roheiten 
zu verfallen, wie er zu vielseitig ist, um das beliebte Ehebruchsthema zu 
variieren. Immerhin ist der Genfer Cherbuliez zu sehr Franzose, um 
seine Natur verleugnen zu können. Seine Anschauungsweise ist häufig 
nicht die unsere, und er spricht manches aus, was unser deutsches 
Gefühl verletzt. Doch sollte man bei der Beurteilung französischer 
Romane nicht so oft vergessen, dass ihre Verfasser zunächst für ihre 
eigenen Landsleute schreiben. Hält man das fest, so wird es vielen 
bei der Lektüre Cherbuliez'scher Werke wie dem Unterzeichneten gehen. 
Die echt französische Form wird über den in mancher Weise anfecht- 
baren und dürftigen Inhalt hinwegsehen lassen. Cherbuliez' Sprache 
gehört meiner Ansicht nach zu dem Besten, was die Revue bietet; sie 
ist jedenfalls echt französisch. 

Auch mutet uns des Verfassers philosophischer Standpunkt an. Den 
schon in la Ferme du Choquard ausgesprochenen Gedanken: le secret du 
bonheur et de la vertu est la äe'sappropriation berührt er auch hier, und in 
dem Abbä tritt uns eine Gestalt entgegen, die, wenn auch nicht ohne 
Schärfen, doch geeignet ist, unsere Bewunderung zu erregen, und welcher 
der Verf. vielleicht manche seiner eigenen Erfahrungen in den Mund legt. 

Jl avait fini par decouvrir qu*ü fCy a pas grand merite ä se passer 
du bonheur, que la vie est par eÜe-mime une chose assez mediocre, que 
les volupte's ameres du sacrifice sont les seulesßies qui ne trompent jamais. 

Liegt darin nicht die Summe aller menschlichen Weisheit, zu 
deren Erkenntnis viele freilich die raschlebige Gegenwart spät oder 
gftr nicht kommen lässt? Lohmann. 



Zeitsclirift; 



fttr 



französische Sprache und Litteratur 



unter besonderer Mitwirkung ilirer Begründer 



Dr. G. Koerting und Dr. E. Koschwiiz 

Professor s. d. Akademie zn Mflnster i. W. Professor s. d. UniTendt&t zu Greif^ald 



herausgegeben 



▼on 



Dr. D. BehreAü und Dr. H. Kcerting 

Privatdozent a. d. UniTersität za Greifiswald. Professor a. d. Universität za Leipzig. 



Band XI. 

Zweite Hälfte: Referate und Rezensionen etc. 



Oppeln und Leipzig. 

Eugen Franck's Buchhandlung 

(€Feorg Maske). 

1889. 



INHALT. 



Refkratg und Rezensionen. 

Seite 
Armbruster, iC,, Geschlechtswandel im Französischen. Maskulinum 

und Femininum (D. Behrens) '. . 165 

Btidke, Die Anfangsgründe im Französischen auf phonetischer 

Gtundiage {M. Walter) :■ . ISK) 

Beyer, Franz, Französische Phonetik für Lehrer und Studierende 

(A. Lange) 289 

Shck, John, Beiträge zu einer Würdigung Diderot*6 als Dramatiker 

(ß. Mahrenholtz) . • 86 

Siignnerhasseit, Ch,, Frau von Sta31, ihre Freunde und ihre Be- 
deutung in Politik und Litteratur (0. Knauer) . . . . 218 

Bo%tnin, Gabriel, LaSoltane. Trauerspiel. Paris 1641 (R. Mahren- 
holtz) 145 

Brenelierie, G, de la, Histoire de Beaumarchais (B. M ah r e n fa o It z) 85 

Carel, Georges, Voltaire und Goethe als Dramatiker (J. Sarrazin) 227 

Cledat, L,, Nouvelle Grammaire historique du fran^ais (£. Ko sch- 
witz) 10 

Bannheisser, Ernst, Studien zu Jean de Mairet*s Leben und Werken 

(J. Frank) 65 

Bmjidet, Alpkonse, Lettres de mon moulin p. p. E. Hönncher 

(J. Aymeric) « 58 

Döhler, E^, Coup d'oeil sur Thistoire de la litterature fran^aise 

(0. Glöde) 248 

Breyling, Gustav, Die Ausdrucks weise der übertriebenen Ver- 
kleinerung im altfranzösischen Karlsepos (F. Perle) . . 884 

Dubislaw, Über Satzbeiordnung für Sat^unterordtiung im Alt- 
französischen' (A. Haase) , « 1T8 



Seite 

Dupin, Luigi, Moli^re, Commedie scelte, con note storiche e filo- 

logiche (H. Fritsche) . . . • 214 

Englich, Die französiBche Grammatik am Gymnasium (F. Hörn e- 

mann) 51 

Foerster, W,, Louis Meigret, Le Trotte de la gramm^re Fran90§ze 

(J, Koch) 261 

Gehrig, Hermann, Jean -Jacques Rousseau, sein Leben und seine 

pädagogische Bedeutung. Ein Beitrag zur Geschichte der 

Pädagogik (R. Mahrenholtz) , . 149 

Greierz, Otto von, Beat Ludwig von Muralt (E. Ritter) . . . 1 

Grosse, Syntaktische Studien zu Jean Calvin (A. Haase) . . . 177 
Groih, J., Jean Antoine de Ba'if's Psaultier, metrische Bearbeitung 

der Psalmen mit Einleitung, Anmerkungen und einem 

Wörterverzeichnis (Gröbedinkel) 213 

Gutersohn, J,, Gegenvorschläge zur Reform des neusprachlichen 

Unterrichts (F. Dörr) 53 

Haase, A,, Französische Syntax des XVII. Jahrhunderts (E. 

Koschwitz) 16 

Harimann's Schulausgaben französischer Schriftsteller. No. 2 

B^ranger (F. Wendelborn) 245 

Horning, Adolf, Die ostfranzösischen Grenzdialekte zwischen Metz 

und Beifort (C. This) 87 

Hämig, Syntaktische Studien zu Rabelais (A. Haase) . • . . 176 

Humbert, C, Molifere, L'Avare (H. Fritsche) . . 147 

Jarmk^ J. ?7.,]^Neuer vollständiger Index zu Diez* etymologischem 

Wörterbuch der romanischen Sprachen (D. Behrens) . 286 
Jespersen, 0,, Fransk Laesebog efter Lydskriftmetoden 

(A. Western) 239 

Junker, Heinrich P., Grundriss der Geschichte der französischen 

Litteratur von ihren Anfängen bis zur Gegenwart (G. 

Bornhak) 143 

Levertin, 0», Studier öfver fars och farsörer i Frankrike mellan 

Renaissance och Moli^re (J. Frank) 193 

Mätschke, Die Nebensätze der Zeit im Altfranzösischen (A« Haase) 174 
MaLmstedi, Om bruket af finit modus hos Raoul de Houdenc 

(A. Haase) 175 

Mangold, W. und Coste, D,, Lehrbuch der französischen Sprache. 

IL Teil (Kalepky) 241 

Morf,H., Aus der Geschichte des französischen Dramas (A. Mager) 9 

Mosen, C, Das französische Verb in der Schale (A. Rambeau) 94 
Mosen, C, Ergänzungsheft zu den Übungen des Lehrbuches : Das 

französische Verb in der Schule (A. Rambeau) .... 94 
Orlopp, Über die Wortstellung bei Rabelais (A. Haase) . . . 188 



S«ite 

Okleri, A., Die Lehre vom franzÖBischen Verb (A. Bambeau) . 94 

— — , Die Behandlung der Verbalflexion im französischen Unter- 
richt (A. Rambeau) 94 

Platiner, Ph., Unsere Fremdwörter vom Standpunkte des fran- 
zösischen Unterrichts betrachtet (E. Weber) » 237 

[Phtdhun, W.], Parlons frangais! Quelques remarques pratiques 

dont on pourra profiter en Suisse et ailleurs (H. Koerting) 43 

Raitkel, Georg, Über den Gebrauch und die begriffliche Ent- 
wickelung der altfranzösischen Präpositionen sor, desor 
(dedesor), ensor ; sus, desus (dedesus), ensus (F. T e n d e r in g) 39 

Rambeau, A., Die Phonetik im französischen und englischen 

Klassenunterricht (M. Walter) 108 

Ricard, A,, Aide -Memoire de la conjugaison des verbes fran9ais 

r^guliers et irr^guliecs (A. Rambeau) 95 

Riese, W., Alliterierender Gleichklang in der französischen 

Sprache alter und neuer Zeit (M. Köhler) 178 

Ringenson, Studier öfver verbets syntax hos Blaise de Monluc 

(A. Haase) 178 

Rislelhvber^ P„ Heidelberg et Strasbourg. Recherches bibliogra- 
phiques et littäraires sur les ^tudiants alsaciens imma- 
tricul^s ä runiversit^ de Heidelberg de 1386 ä 1662 
(Th. Süpfle) 129 

Roth fuchs, Julius, Vom Übersetzen in das Deutsche und von 

manchem andern (F. Home mann) 46 

Sänger, Syntaktische Studien zu Rabelais (A. Haase) . . . . 176 

Sandeau, Jules, Mademoiselle de la Seigli^re p. p. K. A. Martin 

Hartmann (J. Aymeric) 62 

Sarrazin, Joseph, Das moderne Drama der Franzosen in seinen 

Hauptvertretern (E. Hönncher) 153 

Schaefer, Kurt, Französische Schulgrammatik für die Unterstufen 

^E. Mackel) . • 250 

Schulze, A,, Der altfranzösische direkte Fragesatz (F. Kalepky) 19 

Schmidt, Ferdinand, Französisches Elementarbuch (F. T e n d e r i n g) 41 

Schmidt, Otto, Rousseau und Byron (R. Mahre n holt z) . . . 150 

Schulausgaben (C. Th. Lion) 180 

Schumann, W., Übersicht über die französische Formenlehre 

(F. Tendering) 40 

Seelmann, E,, Bibliographie des altfranzösischen Rolandsliedes 

(F. Pakscher) 27 

Sen^chaud, P., Abr^g^ de Thistoire de la litt^rature fran9ai8e ä 
l'usage des ^coles sup^rieurs et de l'instruction priv^e 
(E. V. Sallwürk) 58 

Kollektion Spemann (K. A. Martin Hartmann) 74 



Seite 

Stier, Georg, Kanjugations -Tafeln der fransösischen Verben 

(A. Raxobeau) 94 

Süpfle, Th„ Geschichte des deutschen Eultureinflasses auf Frank- 
reich mit besonderer Berücksichtigung der litterarischen 

Einwirkung (0. Knauer) 136 

Temer, Jules, Nos Poötes (A. Odin) . 98 

Truati, Henri, Les grands äcrivains £ran9ais. Nouvelles lectures 
commentäes en fraKi9ai8 et en langues ^trangäres, alle- 

mand, anglais etc. (A. Mager) 191 

Ullrich, ff,. Die französischen unregelmässigen Verben 

(A. Bambeau) 94 

Fillalie, Cesaire, Parisismen (J. Sarrazin) 30 

VoümöUer, Karl, Jean de Mairet, Sophonisbe (J. Koch) . . . 255 
Waldmann, Bemerkungen zur Syntax Monstrelets (A. Haase) . 175 
Walter, Max, Der französische Klassenunterricht (£. v. Sal Iwür k) 188 
Wespy, Paul, Der Graf Tressan, sein Leben und seine Bear- 
beitungen der französischen Ritterromane des Mittelalters 
(F. Bobertag) 73 

MiSZELLiSN. 

Aymerie, /., Erwldterung 262 

Dan-, F., In Sache J. Gutersohn 283 

Hartmann, K, A. Martin, Zu Maderooiselle de la Seigliere . . 257 
Kraft, Ph,, Verein für das Studium der neueren Sprachen in 

Hamburg-AHona 128 

Berichtigungen 284 



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Referate und Rezensionen. 



Greierz, Otto von, Beat Ludwig von MuraU. Inaugural-Dissertatlon, 
der philosophischen Fakultät der Universität Bern znr 
Erlangung der Doktorwürde eingereicht. Franenfeld, 1888. 
J. Huberts Buchdruckerei. 112 8. 8®. Preis: Fr. 2,40. 

Ici meme, en 1880, j'avais publik sur B6at de Muralt 
quelques pages, oü j'avais recueilli et mis en ordre ce qu*on savait 
de sa vie et de ses oeuvres. Cette revue montrait que beaucoup 
de lacunes existaient encore. Un certain nombre d'entre elles 
ont et^ heureusement combl^es par M. de Greierz, dans Tex- 
cellente dissertation quHl vient de präsenter k la Facult^ des 
Lettres de Berne. 

Parmi les r6sultats de ses recherches, et les points qu^il 
a 6tablis, on remarquera: le fait que B6at de Mnralt, ä seize 
ans, ^tait en s6jour k Gen6ve, et que c'est dans cette vilie qu41 
s'est familiaris^ avec la langue fran^aise; — les relations de 
B6at de Muralt avec le litt^rateur Jacques Bodmer (pages 76 et 77) 
qn41 faut distinguer du pi^tiste Jean -Henri Bodmer (page 78) 
lequel passa ses demiöres ann6es k Colombier, et mourut en 1743, 
dans sa 74® ann^e (voir le Dictionnatre de Leu; les documents 
que j'ai publi^s dans les ^trennes chrStiennes de 1886: Jeanne 
Bonnet, ipisode de thistoire du pietisme ä Gen^ve, avaient d^ji 
stabil les relations du pi^tiste Jean-Henri Bodmer avec B6at de 
Muralt;) — enfin et surtout le premier texte de la 6* des Lettres 
sur les Frangois, qui contient la critique de la Satire de Boileau 
sur les Emharras de Paris, M. de Greierz a retrouv6 cette 
premiöre Edition, imprim^e en Hollande, d'une des Lettres de 
Muralt, dont je parlais ici meme, dans Tarticle rappelt plus haut, 
page 189, note 1. 

A la premiöre page de cette publication, qui dato de 1718, 
,,M. de Muralt, connu des gens de lettres," est nomm6 en toutes 

ZBChr. f. fn. Spr. n. Litt. XI^. . -^ 



2 Referate ufid Rezensionen. E. Ritter, 

lettres: c'est assez ponr montrer que si les Lettres sur les Anglois 
et les Frangois parurent en 1725 sans nom d'auteor, tons ceux 
qni se tenaient au conrant du mouvement litt6raire de r^poqae, 
ont BU facilement le nom de r6crivain snisse. 

Je vais citer sans ordre les observations que j'ai k präsenter 
sur la diasertation de M. de Greierz. La seule errenr grave 
que yj ai trouv6e, se rapporte (page 31, en note) ä la date de 
la premiöre Edition du Tilimaque, qui aurait paru en 1717. 
Dans la Correspondance de F6nelon se trouve une lettre de*** 
(libraire) ä Dubreuil, du 26 mars 1699, oü on lit: ,,11 court 
un manuscrit de monseignenr, intitul6: J^ducaMon ctun princcy ou 
les AverUures de T6Umaque, II fait beaucoup de bruit; Ton dit 
que Jamals il ne s'est imprim6 un plus bei ouvrage.'^ Le Manuel 
de Brunet donne des d^tails sur les ^ditions qui parurent en 
1699, 1700, 1701 etc.; quaut k Tödition de 1717, eile fut 
publice aprös la mort de l'archeveque de Oambraj par son petit- 
neven, le marquis de F6nelon, et donn^e comme la premiöre 
Edition conforme au manuscrit de l'auteur. Dans un 
memoire adress^ au p^re Le Tellier en 1710, F6nelon disait en 
parlant du Tüimaque: „Tout ie monde sait qu'il ne m'a 6chapp^ 
que par Tinfid^litö d'un copiate.'^ 

M. de Greierz n'a pas vu d'exemplaire de la premi^re Edition 
de V Apologie du caractire des Anglois et des Frangois, et il s'appuie 
(page 57, note 2) sur une gazette de Leipzig ponr ^tablir qu'elle 
est de rannte 1726. J'en ai un exemplaire sous les yeux. Gette 
iödition a ^t^ publice k Paris chez Briasson, libraire, 1726: c'est 
un petit volume de 213 pages, qui sont suivies de rapprobation 
du censeur, dat^e du 22 avril 1726, et du privilöge dat^ da 
2 mai 1726. 

Pi^ge 20, M. de Greierz me cite en ces termes: „Ritter 
a. a. 0. S. 188 gibt an (gestützt worauf?), Muralt sei nach ein- 
jährigem Aufenthalt verbannt worden.^ — Je m'appujais sur des 
textes ojfficiels, qui mettent hors de doute ce que j'ai avanc^: 
que Muralt fut banni de Gen^ve aprös une annöe de s6jour. 
J'ai envoj^ la copie de ces textes k M. Charles Berthood, qui 
se prQpose de les publier dans un article sur B6at de Muralt, 
qu'il «pr^pare pour le MusSe neuchäteiois, 

Page 76, k ravant-derni^re ligne, il faut lire: yous r6- 
soudre, et non pas: vous r6pondre. 

La premiöre Edition des Lettres sur les Anglois et les 
Frangois et sur les voyages^ 1725: 543 pages in 8^, pr6o^d6es 
d'une feuille qui contient le titre et la pr^face, a öt^ imprimöe 
k Gen^ve chez Fabri et Barillot C'est ce <)u'^tablit T/examen 
des fleurons, t^tes de pages, lettres om^es et culs-de-lampe, qu'on 



0. von Greierz, Beai Ludwig von Murali, 3 

Yoit dans cette Edition; et qui tous se retronveat daps qnatre 
ouvrages publica en ce temps chez les meines 64iteurB: 

Ezechiel Gallatin , Sermons. Gen^ve , ch^z Fabri & 
Barillot, 1720. 

Benedict Pictet, Priores sur tous les chapüres de VEcnbure 
sairUe. Qenöve, chez Fabri & Barillot, 1726. 

Spon, Eistoire de Oeuhpe^ in -12®^ G^pfeye^ ciez Pabri & 
Barillot, 1730. 

Nouveaux Sermons de feu M, Ja&ques Saurin. Gen^ve, 
chez Fabri & Barillot, 1733. 

Les contemporains savaient d'ailleurs que cette premiöre 
Edition avait paru chez Fabri & Barillot, k 6en6ve (Greierz, 
page 74.) L'abb6 Desfontaines, k la page 6 de son Apologie 
du caractlre des Anglois et des Frangoisy disait: ,,0n a imprin^ 
k Gen6ve, et on vient de r^imprimer k Paris, (chez Briasson, 
libraire) les Lettres sur les Anglois et les Frangois et aur les 
voyages, " 

Quant 4 l'^dition corrig6e de 1728, — M. de Greierz en 
donne le titre exact d^ns la seconde note de la page 34 — 
eile a M imprim6e k Zürich. Le Journal de Trivoux (MdmoireS' 
pour Vhistoire des sciences et des beaux-arts) dans son num^ro 
d'avril 1727, donne panni ses Nou volles litt^raires une lettre 
de Zürich: „.On trayaille ici k une nouvelle Edition des Lettres 
sur les Frangois et les Anglois, L'auteur les a revues, corrigöes, 
et augment^es de quelques Lettres sur les Esprits forts.'^ 

M. de Greierz a cit6 un certain nombre des journaux de 
r^poque, et d'autres t6nu)iguages contemporains, qui 6tablissent 
le succ^s et le retentissement des Lettres sur les Anglois et les 
Frangqis. Les notes suivantes aideront k completer cette liste 
interessante: 

Lettre de Jean Leclerc k J. -A. Turrettini, dat^e d^ Amster- 
dam, 14 mars 1725: „Je n'ai pas encore reQU . . . le livre du 
S' Muralt, que j'ai tu entre les mains d'un Libraire, k qui on 
Tavait envoyö pour le contrefaire ici; mais je n'en ai rien lu." 
— Ce passage a 6t6 laiss6 de c5t6 par M. Engine de Bud^, 
qui vient de publier cette lettre dans le second volume des 
Lettres inidites adressees ä J,'A, Turrettini^ tMologien genevois^ 
Gen6ve, lib. Carey, 1887. 

Lettre de Jacob Vernet k J.-A. Turrettini, dat^ de Paris, 
7 mars 1726: „Les Lettres de M' Muralt sont fort goüt6es ici 
par tous les gens de bon sens. Ceux qui d6clament contre la 
corruption du goüt et du style en France, se plaisent k relever 
ce livre lä, comme un modele de belle et nerveuse simplicit^." 

Mimoires de Trivoux, juin 1726, page 1060— lOSOi — On 

1* 



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4 Referate und Reze^monen, E. Ritter, 

sait que le p6re Sommervogel; S. J., a publik une excellente 
Table de ces Mimoires en trois volumes, 1864 — 65. 

Journal littiraire, annöe 1731. A la Haye, chez P. Gosse 
et J. N6aulme, XVIII, pages 246 et suivantes. 

Mercure suisse^ num^ros de mars 1733, de novembre et 
d^cembre 1736. 

Lettres juives du marquis d'Argens ; la lettre qui parle de 
Muralt est la 68® dans une 6dition, la 72® dans une autre. 

Les cinq annSes littSraires de Pierre Clement. Lettres du 
1®' mars 1751 et du 30 döcembre 1752. 

BibliotMque populaire de la Suisse romande^ num6ro de 
juillet 1885. Article de M. Eugene Mottaz. 

Quant aux Lettres fanatiquesy il en a 6t6 parl6 dans le 
Nouveau Journal ou Recueü littSraire, Gen6ve, 1740, pages 101 
et 102. 

Pages 26, 89, 90 et 91, M. de Greierz attribue au pasteur 
De Koches les fragments (pages XI, XII, XIII) quil cite d'une 
Lettre qui forme la pr6face de la Defense du Christianisme. 
Mais j'avais dit que cette Lettre est d'un autre auteur genevois, 
Pierre Galissard de Marignac ; c'est ce que nous apprend Senebier 
dans sa notice sur celui-ci (Histoire littiraire de Genh)e, III. 249). 

Les Lettres fanatiques n'ont eu qu*une seule Edition: celle 
qui porte sur le titre : A Londres, aux d^pens de la Compagnie, 
1739. Elles ont 6t6 imprim^es par T^diteur genevois Marc- 
Michel Bousquet. En effet, la plupart des t@tes de pages et 
lettres ornees qu'on voit dans les Lettres fanatiques, se retrouvent 
dans le livre du pasteur De Koches: Difense du Christianisme, 
pubK6 k Lausanne et k Gen6ve, chez Marc - Michel Bousquet 
& Comp., 1740. C'est d'ailleurs ce que savaient les contempo- 
rains (Greierz, page 88). 

Les Lettres fanatiques sont un ouvrage qu'on rencontre 
rarement dans les bibtioth^ques et les catalogues des libraires; 
les hommes vivants qui Tont lu pourraient sans doute se compter 
sur les doigts. A ceux qui Tauraient entre les mains, et qui 
ne voudraient pas le lire d'un beut k Tautre, je conseille de 
choisir la premiere moiti^ du second volume (sur le D6mon de 
Socrate, la Keligion naturelle et la Parole Interieure). . Ceux qui 
voudront ne jeter qu'un coup d'oeil sur ce livre, oü Muralt parle 
comme un Nestor, et ne sait plus s'arrSter, seront bien aises 
peut-^tre d^utiliser la liste que j'ai dress6e, des auteurs que 
Muralt a cit6s, en les caract6risant quelquefois d*un trait juste et net: 

Piaton. Apologie de Socrate, I, 106; II, pages 14 et 
suivantes. 

X^nophon. Mimoires sur Socrate. II, 48. 



0, von Greierz, Beat Luduuig von MuralL 5 

Epict^te. 1, 105, 107. 

Marc-AurMe. I, 105, 107. 

Montaigne. II, pages 22 et suivantes. 

Jacob Boßhm. I, 60, 85. 

Antoinette Boorignon. I, 61. 

F6nelon. Dialogues des morts. 11, pages 21 et suivantes. 

Bajle (article David) II, 81. 

La Prädestination calviniste (I, 51) et le Systeme de Des- 
cartes snr Täme des b^tes (I, 52) sont nettement mis de cdt6 
par Mnralt. Enfin, dans les trois chapitres sur le Dömon de 
Socrate, il est parl6 amplement de Rollin, et de denx savants, 
membres de VÄcademie Frangaise, qni ont trait6 de la vie et du 
caractöre du phiiosophe ath^nien: Charpentier et Tabbö Fragnier. 

Quant aux vnes apocalyptiques qui se laissent entrevoir 9a 
et lä dans les Lettres fanatiquesy et qui en remplissent le dernier 
chapitre, j'ai une hypothöse k soumettre au jugement du lecteur. 

Aprös avoir parld de certains ecclösiastiques „qui s'insinuent 
par un doux langage chez ceux qui se laissent gagner et s6duire, 
— intimident ceux qui se laissent intimider, — et dans un esprit 
de vengeance, suscitent des pers6cutions k ceux qui tiennent 
ferme dans ce qu'ils doivent k Dieu^, B^at de Muralt continue, 
en prolongeant sa pens6e comme un tonnerre qui gronde sans 
fin pendant des pages entiöres (II, pages 310 k 318): j'abr6ge, 
et je Gours aux traits les plus expressifs: 

Contre ceux qui pers^cutent, coiitre ceux de Tordre politique 
et de Tordre eccl^siastique qui prennent goüt k dätruire l'CEuvre 
de Dieu dans ces derniers temps, Dieu se pr^pare un vengeur: il 
arme de sa colere et rend plus puissant qu'eux un Prince par qui 
son Bras se manifestera. Sa venue est une des choses terribles 
qui doivent 6tre annonc^es aux hommes. Ici, Monsieur, j'entre 
dans le fanatisme plus avant que je n*ai encore fait. 

Le Prince dont je parle est celui de qui il est dit que Dieu 
Ta suscit^ du Septentrion, qui est le pays de sa naissance. Le 
Periode pour lequel ce Prince est pr^parä, celui oü le Soleil se 
l^ve sur ceux qui sont enfants du Jour, aura en sa personne un 
h^raut, qui hautement fera profession de d^pendre de Tlnt^rieur 
(Muralt, comme madame Guyon, fait un fr^quent emploi de ce 
mot) et qui commencera son r^gne par mettre en ex^oution ce que 
Dieu a prononc^. II marchera sur les Magistrats comme sur le 
mortier; comme un potier il foulera la boue. (En interpr^tant le 
verset d'fisaüe [XLI, 25] auquel il fait allusion, Muralt explique que 
les derniers mots du prophäte s'appliquent aux eccl^siastiques qui 
d^daignaient les pi^tistes.) 

Cette venue est proche: 1' Esprit qui donne la connaissance 
des choses l'annonce comme teile. Je pourrais faire voir que nos 
temps demandent une r^volution, que rScriture la place dans le 
temps oü nous vivons; je pourrais dire des choses plus pr^cises 
encore. Je crois voir une r^yolution s'approcher, et je Tannonce, 



6 Referate und Rezensionen. E. Ritler, 

On se demande quel est le prioce que B^t de Muralt 
avait en vne? C^est un prince du Nord, et en 1739 soti av^ne- 
ment paraissait proohe: voilä les seales donnöes dn probl6me. 
n n'y a pas d'apparence qne Muralt pensät ä la Russie, soamise 
en ce temps k Fimp^ratrice Anne, k qui sncc^da, en octobre 1740, 
an enfant qui n'^tait pas n6 quand Mnralt ^erivait; — ni A la 
Su6de, oü le roi Fr^d6ric P' entrait dans la seconde moiti6 d'un 
rögne inglorienx. En Danemark, k la ccmr du roi Christian VI, 
des pi^tifites tenaient lehautbont; et son fils, le ftitur Fr^d^rie V, 
avait dil-sept ans: est-ce ce jenne prince danois que Muralt 
avait en vne? Je crois plutdt que le gentilhomme bernois, qui 
6cilvait ses r^veries k Colombier, dans la principaut6 de Neu- 
chätel, pensait au futur souverain du pays qui lui donnait asile. 
Fr6d6ric - Guillaume I", roi de Prusse et prince de Neuchätel, 
^tait k la fin de sa vie: le prince royal, si peu semblable k son 
pöre, ^veillait beaucoup d'esp6ranoes ; et la Prasse elle^m^me 
avait de l'avenir. Les grands ^v6nements de l'histoire, au mo- 
memt oü ils se pr^parent, jettent dans Fesprit des hommes qui 
cfaerchent k discemer les signes des temps, une ombre proph^- 
tique qui les annonce, — et qui les d^figure. 

L'aitente de Mnralt a 6tö tromp^e, si, comme je la crois, 
l'imagination ezalt^e de Töminent songeur avait en vne le jeune 
prince qui allait devenir le grand Fr6d6ric. — A-t-elle 6t6 
tromp6e beaucoup plus qne celle de Voltaire qui, mieux que Murält, 
connaissait son auguate correspondant, et qui rSvait pour lui une 
carri^re tranquille, la vie d'un prince ami de la paix et des lettres? 
Qu'on relSse l'^pttre quMi adressait au roi de Prusse, äson av6nement: 

Citoyen couronn^f vouß jurez dans mes malus 
De prot^ger les arts et d*aimer les humains . . , 
Socrate est sur le tröne . . . 

Je ne sais si mon hypoth^se rencontrera Tassentiment du 
lecteur; mais on ne peut la combattre qu^en lui en ^ubstituant 
une autre: car Muralt avait certes quelqu'un en vue. Si cette 
hypothi&se ^tait adopt^e, eile tournerait k T^loge du vieux pi^tiste ; 
il a rSv6 un grand r61e pour le fils de son prince: il a rencontr^ 
juste, et prÄvu Tavenir, lors m^me que ce röle et cet avenir ont 
M tout autres qu'il ne pensait. Le philosophe de Sanssouci, 
le vainqueur de Rossbach ^urait souri de sa prophetie, s'il avait 
jet6 les yeux sur son livre; il ne lui en aurait pas voulu. 

A ce que j'avais dit dans mon premier article, des eitations 
que Rousseau fait de Lettres sur les Anglcds et les FrangoiSy 
j'ajouterai quelques notes que j'ai glan^es depuis lors: 

Dai^s une lettre de Deleyre ä Rousseau, du 2 novembre 1756, 
raou 4e Jean- Jacques promet de lui envoyer cet ouvrage de Muralt. 



0; von Greierz, Beat Ludwig von Mttrali. 7 

Dans la NouvdU Hüoise (partie V, 3* lettre)^ la descqptioi 
d'une matin^e k Tanglaise correspoAd k ce que dit Muralt aox 
pages 112 et 113 de sa premi^re Edition (vers Ia fin de ta 
IV« Lettre). 

Dans une lettre k M. d'Offrevilley dat^e de Montmovency^ 
4 oetobre 1761, Rous&eau, d'aprös Muralt (pages 137 et 138 
de la premiöre Edition , vers la fin de la V* Lettre) döcrit la 
proc6dare des Jurys anglais en matiöre criminelle, et cite une 
anecdote frappante. 

Dans l£miley note 26 du Livre second, Rousseau fait allu- 
sion k un passage de Muralt (page 112 de la premiöre Edition). 
G'est de cette note qu'il est question dans une lettre de Rousseau 
k madame de Bouffiers (aoüt 1762): „J'ai pris sur la nation 
anglaise une libert6 qu^elle ne pardonne k personne, et surtout 
aux ^trangers, c'est d'en dire le mal ainsi que le bien; et vous 
savez qu'il faut Stre buse pour aller vi vre en Aqgleterre, mal 
Youlu du peuple anglais. Je ne doute pas que mon demier livre 
ne m'y fasse d^tester, ne füt-ce qu'4 cause de ma note sur le 
gooäi nahired peopUf*^ — et dans la r^ponse de madame de 
Bouffiers k Rousseau (10 septembre 1762): „Je ne sais pas en- 
core ce qu'on aura dit en Angleterre sur votre note sur le peuple 
anglais. On l'aura trouv^e iiguste^ et c'est aussi mon opinion; 
mais je suis persuad^e que les Anglais s'efforceront de vous 
donner sujet de changer d'avis. U n^est pas d'ailleurs vraisem- 
blable que dans un pays oü 11 est permis de tont dire, on seit 
fort choquö de vos Ubert^s«" 

Bnfin, dans la cinquiöme des Lettves icfrites de la immtagne^ 
quand Rousseau a dit: „On sait combien de eonpabjes 6chappent 
en Angleterre k la faveur de la molndre distinction subtile dans 
les termes de la Loi^^, il faisait aUusion k un passage des Lettres 
sur les Anglais (vers le commencement de la Lettre IV, pages 120 
4 122 de la premi^re Edition). 

Page 37, M. de Greierz cite d'aprös moi ime Edition des 
Lettres sur les Anglois, publice par Charles Pongens en Tan VIII. 
Je ne Tai pas vue, et je Tai cit^e d^apr^s VIntermidiaire des 
cherckeurs et curieux (XIII, 693). Mais j'ai sous les yenx le 
second volume de cette Edition : Lettres de M, de Muralt sur les 
moBurs et le caradlre des Francis; nouveüe idition, abrigie et 
retouchie par un komme de lettves ^ et destinee spedalement ä 
Instruction de la jetinesse du XIX" si^cHe, 8e vend ä Faris, 
chez Charles Pougens; ä Leipssicy chez Adrien Teader; ä Mets^ chez 
JBekmer; et chez les prindpaux lihraires^ de tEuacope, Metz, de 
Vimprmerie de Behtner, An VIII (1800). La d^dicace m^rite 
d'etre cit6e: eile n'est pas seulement interessante pour les mural- 



8 Referate ufid Rezensionen, A. Meiger, 

tistes, qni constituent une espöce rare, comme on dit en botaniqae ; 
mais eile caractörise bien la renaissance intellectaelle qui eut 
lien en France au temps da Oonsulat, et les sentiments qni se 
faisaient jonr k ce moment chez les meilieurs esprits; eile a k 
ce titre une valeur vraiment historique: 

A la Jennesse da XIX® si^cle. 

Jeunes gens, 

La r^volution fran^aise, en changeant toutes les Institution 8 
sociales, vous a rendus comme ^trangers vos autears et vos peres. 
Plus s^par^B d^euz par un intervalle de dix ann^es qu'on ne Pest 
ordinairement par le laps de plnsienrs siäcles, ce n*est plus qiie 
par tradition que vous pouvez connaitre les moeurs et les usages 
en vigueur au temps de votre naiRsänce, quelque entour^s que vous 
soyez d'objets et d'ßtres contemporains a cette ^poque. Comme 
ces traditions ne vous sont gu^res prösent^es qu'au travers le 
prisme des passions, il vous est difficile de les voir sous leur 
vöritable jour. Combien serait pr^cieux, pour un orphelin qui n*a 
jamais connu ses parents, leur portrait trac^ avec la plus parfaite 
ressemblance ! C'est ce portrait que je vous ofiFire, portrait carac- 
täristique de la nation franpaise, et qui ressemble aussi parfaite- 
ment aux Fran^ais du r^gne de Louis XVI qu'a ceux du r^gne 
pr^c^deitt. En applaudissant k l'esprit d'impartialit^ de l'obser- 
vateur qui a fait ressortir finement jusqu'aux plus petites nuances, 
on a trouv^ toutefois le tableau plus severe que flatt^. Jeunes 
gens, je le mets sous vos yeux, moins comme un modele ä imiter 
en tout que comme une ätude: puisse-t-elle vous apprendre ä 
appr^cier vos päres, et k valoir encore plus qu'eux! 

Depuis r^poqne oü Charles Pougens 6crivait cette page 
enthonsiaste, cette esp6ce de proclamation, Muralt n'a pas troav6 
d'öditeür en France. A vrai dire, les Lettres sur les Anglois et 
les Frangoisy — semblables k cet 6gard k quelques -unes deQ 
Oeuvres de notre contemporain Karl Hillebrand, — bien qu'^crites 
en langue fran^aise, sont tont imbues de Tesprit germanique. 
EUes ont ^tö adress6es par un Allemand k des Allemands: car 
les trait6s qui ont s^par^ la Suisse de TEmpire, n'ont pas touch6 
aux liens du sang qui rattachent les Bemois aux races allemandes, 
et c'est k ses amis de Berne que Muralt les avait destin^es 
d'abord. II serait piquant, mais il serait juste que ce füt un 
^diteur allemand qui r^alisät le vcßu de Sainte-Beüve : „On devrait 
bien r^imprimer ces Lettres de M. de Muralt; elles le m^ritent.^ 

Quoiqu'il en soit, la dissertation de M. Otto ,de Oreierz, 
qui est le fruit de consciencieuses recherches, bien conduites et 
couronn6es de r^ussite, a d^sormais sa place au premier rang 
des travaux qu'on a publi^s sur Muralt; et tous les amis de 
Faimable et p6p^trant moraliste doivent lui en etre reconnaissants. 

EüGÄNE RiTTEB. 



B. Morf, Aus der Geschichte des französischen Dramas. 9 

Morf, H. Aus der Geschichte des französischen Dramas. Aka- 
demischer Vortrag, gehalten im Museum zu Bern am 
11. Februar 1886. Heft 21 der Sammlung gemeinver- 
ständlicher wissenschafllicher Vorträge, herausgegeben 
von Rud. Virchow und Fr. v. Holtzendorf. Hamburg^ 
J. F. Richter. 1887. 38 S. kl. 8<^. 

Eine sorgfältige Betrachtung der dramatischen Richtung des 
heutigen Frankreich, als deren Begrenzung V. Hugo's Hemani 
und Sardou's Theodor a genannt werden können, führt zu der 
Entdeckung, dass der Geist, der aus den Dramen Hemani und 
Thiodora spricht, der Geist der Mysterien vergangener Jahr- 
hunderte ist, d. h. dass das heutige Frankreich zu der 
romantischen Bühne des französischen Mittelalters zu- 
rückgekehrt ist. Um den Zusammenhang des heutigen fran- 
zösischen Dramas mit den alten Mysterien zu illustrieren, hat 
Morf die romantische Bühne des französischen Mittelalters in 
einem ihrer Anfange vorgeführt 

Der Verfasser tritt für die massgebende Ansicht ein, dass 
das Schauspiel ein Kind der katholischen Kirche sei, und führt 
einen Sermo des heiligen Augustinus (den die Benediktiner freilich 
für. unecht erklären , trotzdem die mittelalterliche Kirche ihn für 
echt hielt) an, der in seiner dramatischen Handlung einen frucht- 
baren Keim enthielt: die Zahl der Propheten wurde vermehrt, 
einzelne Prophetenzeugnisse erweitert und sogar zu kleinen Szenen 
ausgebildet. Auch die Tendenz zu realistischer romantischer 
Darstellung ist schon vorhanden: der Prophet Bileam kam auf 
einer Eselin in das Chor der Kirche geritten, der König Nebu- 
kadnezar erscheint in prächtigem Schmuck, die drei Jünglinge 
werden in den bereitstehenden Ofen geworfen. 

Durch die Weiterentwickelung einzelner Prophetenszenen 
bildeten sich selbständige Dramen heraus, unter denen das Daniel- 
drama einen hervorragenden Platz einnimmt. Die Inszenierung 
ist hier geradezu kompliziert geworden. Um 1100 zeigt sich 
das Bestreben, die Vulgärsprache, das Französische, in das Drapia 
einzuführen, und die Schauspiele mit den französischen Einschiebseln 
sind die sogenannten epttres fardes. Bald war das erste rein fran- 
zösische Schauspiel Adam vorhanden. Gegen Ende des 12. Jahr- 
hunderts verfasste Jehan Bodel aus Arras ein französisches 
Schauspiel, das weltliche Inspiration zulässt. Dies ist ein ro- 
mantisches Schauspiel (freilich ohne Einheit der Handlung). 
Jehan Bodel ist Laie und mit ihm geht das Kirch - Schauspiel 
vollständig in die Hände von Laien über und wird so zur na- 
tionalen Bühne, deren Erzeugnisse unter dem Namen MysÜres 



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10 Referate und Rezensionen. E. Koschwitz, 

bekannt sindi Als dae GFoteak- Komische das Schauspiel des 
ehristtieheo Glaubens dem Gelächter preisgab, verbot ein Be- 
scblnss des Parlaments von Paris (17. November 1548) die Auf- 
führang' biblischer Mysterien. 

Morf aeigt weiter, wie in dem Zeitalter der Renaissance 
das alte Drama neben der antiken Tragödie einherschritt und 
sich unter dem Namen Tragikomödie weiter entwickelt hat, be- 
rflhrt kurz die Stellung Comeille's und die dramatische Richtung 
des 11, Jahrhunderts und kemmt zu dem Drama der roman- 
tischen Schule, welche glaubte, durch die Verktlndigung des dra- 
maturgischen Prinzips (Victor Hugo's Cromwell) etwas Neues zu 
schaffen, die aber, ohne es zu wissen, nur das Priazip der na- 
tionalen Bühne des Mittelaltere wieder erneuert hat. Somit ist 
das national - religiöse Mysterium aus einem langen Kampfe mit 
der antiken Tragödie in verjüngter Gestalt als Sieger hervor- 
gegangen. 

Der Vortrag bildet, so gedrängt er auch in bezug auf das 
17. und 18. Jahrhundert ist, einen nicht ganz unwesentiiehen Bei- 
trag zur Gesehlehte des fi^anzösischen Dramas und vermehrt die 
genannte Sammlung um ein fruchtbringendes Spross. 

A. MAaEB. 



C^^dat, L«, Nouveüe Grammaire historique du frangais, Pads, 
1889. Garnier. 279 S. 8^ 

Über die in seinem Buche befolgte Absicht gibt Clödat in 
einer kurzen Vorrede die folgende Auskunft: La präsente Oram- 
maire historique paH . . . de la langue modenu pour remaniar 
jusqu'aux origines. Je nigUge les particulariUs de Vandenne 
langue qm ont disparu »ans laisser de traces . . ., mais finsiste 
8ur VexpUcaUon historique de toutes les rlgles de la grammaire 
moderne . . . J*ai essay4 de mettre ä la port6e de tous et de 
formuler aussi brh)ement qu*ü Statt possible les risuttats les plus 
certains et les plus vmportants des travaux contemporains sur les 
questions de phüologie fran^aise. Seinen Plan hat der Verfasser 
auch innegehalten. Nur darf man das toutes les r^gles de la 
grammcnre moderne nicht wörtlich nehmen ; eine solche Vollständig- 
keit würde sich mit dem Zwecke der Grammatik nicht vertragen 
haben. Auch hat sich Cl^dat nicht immer darauf beschränkt, in 
bündiger Kürze die Ergebnisse der neueren Forschung wieder- 
zugeben; in den syntaktischen Kapiteln finden sich auch durchaus 
selbständige Erörterungen, die den Charakter streng wissenschaft- 
licher Abhandlungen besitzen und darum zwar mit dem übrigen 



L. Cledat^ NouveUe Grammaire historique du franfois, 11 

Kontexte dishannonieren, dem Werke aber eben dadurch auch 
für solche Wert verleihen, die, auf der Höhe der heutigen Forschnng 
stehend, einer populären Darstellung derselben entbehren können. 

Im ersten Teil (S. 1— 87( behandelt G16dat „die Laute und 
Buchstaben^. Voraus gehen einige allgemeine phonetische Be- 
trachtungen, die zwar nichts irrtümliches enthalten, aber dem Fach- 
phonetiker hier und dort schwerlich ausreichend erscheinen werden. 
So § 9 die Definition von son, — Bei Betrachtung der französischen 
Vokale hätten in § 11 die Lautnuancen g und g^ cr und q gleich 
mit erwähnt und bei an^ ort, eun (ä, Ö, &) ihre genaue vokatische 
Färbung mit angegeben werden sollen. In den folgenden §§ wird 
allerdings das Fehlende zum Teil nachgeholt, aber der Verfasser 
begeht hier und noch öfter den Fehler, scheinbar eine Unacht- 
samkeit zu begehen, indem er etwas Erwähnenswertes nicht gleich 
beim ersten Male anführt, wo man es erwarten kann, sondern 
sich seine Behandlung für eine andere Oelegenheit aufspart. Es 
nimmt sich dies aus, als habe Cl^dat seine Kritiker absichtlich 
in Aufregung versetzen wollen, die bei solchen Gelegenheiten ihn 
auf einer Vergesslichkeit ertappt zu haben glauben, um einige §§ 
später belehrt zu werden, dass sie sich darin geirrt haben. — 
§15^ wo die mit % gebildeten Halbdiphthongen zur Sprache 
kommen, werden ia und jfa, 2^, j(e, ip, icß, ic§ etc. nicht unter- 
schieden, die mit y bezeichneten jia, ie etc. ausser acht gelassen, 
und wird ihre Zahl beschränkt und werden echte Diphthongen 
aus dem Französischen ganz eliminiert dadurch, dass für er- 
weichtes l noch l als offizielle Aussprache anerkannt wird. Auch 
die verschiedenen orthographischen Darstellungen der mit ^ und ff 
gebildeter Halbdiphthonge sind nicht vollständig berücksichtigt. 
Man vergleiche die entsprechenden Abschnitte meiner Orammaük 
der neufranzösischen Schriftsprache, — Über die Vokalquantität 
geht G16dat § 17 ausserordentlich kurz hinweg; gerade über sie 
hätte man von einem Franzosen von der Kompetenz des Ver- 
fassers gern Aufschluss erhalten. Satzakzent, rhetorischer Akzent 
und Tonhöhe kommen gar nicht zur Sprache. 

Die Beschreibungen der französischen Konsonanten, S. 12 ff., 
sind mehrfach etwas gar zu kurz und darum ungenau ausgefallen. 
So namentlich die in §§ 25, 26, 30, 32 gegebenen. Das volare 
r hat Verfasser ganz übersehen, obgleich es im heutigen Fran- 
zösisch eine ao bedeutende Rolle spielt. — Die Schilderung 
§ 39: Le d latin s'est chang^ en n dans rendre de reddercy et 
nd s'est reduit k n dans prenant de prendentem ist den historischen 
Vorgängen nicht entsprechend: n vor d in rendere (woriaus rädr) 
ist unzweifelhaft epenthe tisch, und n für nd in prenant Auf ana- 



12 Referate und Rezensionen, E, Koschwiiz, 

logischem Wege eingfetreteD. — Anch das volkstümliche drUüme 
für cinquihne (§ 40) ist eine analogische Erscheinung und nicht 
organisch irgendwie zu begründen. 

Mit grösserer Sicherheit als da, wo es sich um die Be- 
schreibung der modernen französischen Laute handelt, tritt Cl^dat 
in den Kapiteln auf, wo er die lateinischen Grundlagen des 
Französischen bespricht (die altgermanischen Elemente sind von 
ihm wohl absichtlich ausser Acht gelassen worden).^) Zum ersten 
Male wird hier in einer französischen Grammatik die Scheidung 
in haupt-, nebentonische und unbetonte Silben durchgeführt, die 
für die Sprachentwickelung von so hervorragender Bedeutung 
war, und werden auch die Pro- und Enklitika als Bestandteile 
von Lautworten aufgefasst und untergebracht. Dadurch, wie 
durch die Beachtung der Vokalstellung in offenen und ge- 
schlossenen Silben (in freier und gedeckter Stellung) gewinnt 
dieser Abschnitt einen Vorsprang vor allen früheren Darstellungen 
dieses Sprachkapitels, und hier, wie überhaupt in dem etymo- 
logischen Teile seiner Grammatik zeigt sich C16dat nicht nur auf 
das genaueste mit der neuesten Forschung vertraut, sondern auch 
für ihre kritische Benutzung auf das beste veranlagt. Es war 
nicht immer leicht, aus der Fülle des Materials das Gate und 
Sichere herauszuwählen und in elementarer Form wiederzugeben. 
— Wir finden demgemäss nur unbedeutende Dinge zu urgieren. 
Die Definition § 69: üne voyelle est dite entravie lorsqu'elle est 
suivie de plusieurs consonnes cons6cutives, ist, wie auch der 
Verfasser weiss, ungenau, da Muta c. Liqu. den Vokal nicht 
decken. — § 74 und vorher wäre eine ausdrückliche Scheidung 
von laminarem (mediopalatälem) und volarem lat. c, g wün- 
schenswert gewesen. — § 83 mumm (prononc6 mourom) soll 
wohl heissen mourom' oder moüromey da om für den Franzosen 
= 5. — Bei Aufzählung der Vokale befolgt C16dat die tradi- 
tionelle Reihenfolge; wissenschaftlicher ist es, vom tiefsten zum 
höchsten (u, o, a, e, i) aufzusteigen, oder umgekehrt, wobei zu- 
gleich ganz von selbst nahe verwandte Erscheinungen auch äusser- 
lich zusammentreten. — § 95 und vorher in Worten wie m^eäleur, 
feignant fasst C16dat ei = ^ auf, während er sonst richtig i zu U 
und gn ^= I, n zieht. — § 100 ist m>on = mö ein Lapsus; es 
soll heissen mon vor Vokal. — § 116, S. 51 Z. 1 ist e long 
besser zu tilgen (vgl. Stella : itoüe), ebenso § 119. — § 120 
hätte man gern gehört, ob auch der Verfasser einen Quantitäts- 



^) In Kapitel 3 über die französischen BucbBtaben fehlen § 58 
Yi. a. f, ^, ^, ei^ und die Halbvokale; in rose, case befindet sich s 
(phon. z) vom rein lautlichen Standpunkte aus betrachtet natürlich 
nicht enire deux voyeües (§ 68). 



L. Cle'dai, Nouveüe Grammaire hisiorique du fran^is. 13 

unterschied zwischen e^^e = afrz. esse und esse = afr. ece vernimmt. 

— § 123 die Erklärung 1° würde auch für ö passen. N darf 
nicht ohne folgenden Vokal (auch stummes e) stehen. — § 135, 
S. 59 Z. 4: 'quand il (ie) termine le mot on qu'il est suivi d'une 
consonne non prononc^e'; auch im letzteren Falle endet ie das 
Wort; hier wie auch sonst einigemale (z. B. § 152, wo in une n 
lautlich nicht zwischen zwei Vokalen steht; s. auch oben zu § 63) 
hält G16dat Lautwort und Schriftwort nicht genügend von einander. 
Bei der traditionellen Gewohnheit, nur das Schriftbild ins Auge 
zu fassen, ist es in der That schwierig, nicht hin und wieder in 
diesen Fehler zu verfallen. — § 146 Anm. ist in au XV' silcle 
XV wohl ein Druckversehen. Vgl. meine Grammatik S. 84. — 
§ 155. 'On ne voit pas bien, d'ailleurs, la raison de cette double 
prononciation' {an und ^ = agn und aign^ on und i^an = ogn, 
oign). Der Grund ist in analogischen Wirkungen zu suchen: 
plaigne nach plaindre, j eigne nach joindre etc., während montagne, 
charogne ohne solche Einwirkungen zur Entwickelung gelangten. 

— § 158 ist in seinen Bestimmungen etwas ungenau; vgl. S. 74 ff. 
meiner Grammatik, — § 164. La graphie ge(=' i) d^rive des 
formes anciennes telles que geuy participe pass6 de gisiry qui se 
pronon9ait jadis geU, et oü ge ^tait devenu le signe d'un simple 
g doux — ist wohl nicht ganz richtig; schon vorher schrieb man 
mangea neben manja wie comencea für nfrz. comm£nga u. dgl. 

— § 178 verdankt pie-t-ä-tere sein t doch nicht der 'euphonie', 
sondern der Analogie oder der Einwirkung des Schriftwortes auf 
die Aussprache, Auch in pouvoir (§ 188) ist v schwerlich 
'purement euphonique'. 

In dem zweiten Teile, in dem (S. 89 — 142) die Wort- 
schöpfung (Ableitung, Zusammensetzung und Bedeutungswandel) 
behandelt werden, stützt sich der Verfasser insbesondere anf die 
Spezialuntersuchungen Darmesteter's (Mots nouveaux^ TraiU de la 
composüion und Vie des mots), aus denen er zugleich unter Be- 
nutzung auch der älteren Litteratur mit seinem gewöhnlichen 
Geschick das Wichtigste heraushebt. Ein böser Lapsus findet 
sich § 199, wo schottisch als ein polnisches Wort angeführt wird; 
doch ist C16dat der Irrtum nicht zu sehr zu verargen, da der 
französische schottisch in Deutschland Ecossaise benannt wird. 
Auch die in Anmerkung zu diesem § gegebene Erklärung, wie 
un houc a 6t^ chang6 en une sorte de chope ist schwerlich richtig; 
die Abkürzung „ein Bock'' für „ein Glas Bockbier'' hat durchaus 
deutsches Gepräge; der Commis voyageur, der das Wort nach 
Frankreich brachte, hat nur die Ausdehnung auf jede Art von 
Bier verschuldet. — S. 93 wird sire als alter Nominativ zu 
seigneur hingestellt; richtiger gehört sire zu (monjsieur^ während 



14 Referate und Rezensionen, E, Koschwiiz, 

der Nominativ zu seigneur : sendre früh verloren ging. — § 235 
kanc man doch nicht allgemein sagen, das Italienische habe 
lat. c vor e, i in ch = $ umgebildet. — Die § 267 adoptierte 
Ansicht Boucherie's, wonach in Worten wie parte-drapeau u. dgl. 
das erste Element ein Adjektiv vorstellen soll, dürfte nicht all- 
gemein als die 'vdritable explication' anerkannt werden. Vielleicht 
aber sind wir sachlich mit dem Verfasser einverstanden und er- 
regt nur seine Formulirung bei uns Anstoss. — Die § 276 ge- 
gebenen Definitionen le savoir = ce qv!on aaii und Ze poüvoir 
= ce qu^on pevJt sind sicher zu eng. — In § 291 hätten wir 
gem die gelehrten Ableitungen vom Stamme fac von den volks- 
tümlichen getrennt gruppiert gesehen. 

Auch zu der Formenlehre (S. 143 — 200) haben wir nur 
minder bedeutsame Ausstellungen zu machen. § 293 würden 
wir für le == *lum ein lu(m) vorziehen, da lum zu Z5 geworden 
wäre. Erst musste ülum zu illo geworden sein, ehe in prokli- 
tischer Stellung ülo entstand. — In den folgenden Abschnitten 
gibt. Cl6dat Flexionsregeln in der hergebrachten Form, ohne 
Rücksicht darauf zu nehmen, wie sich die Dinge gestalten, wenn 
man vom Wortbilde absieht und nur die rein lautlichen Wort- 
körper ins Auge, oder richtiger ins Ohr fasst. Die Abweichungen 
sind, wie wir in unserer Neufranzösischen Formenlehre nach ihrem 
Lautstande gezeigt zu haben glauben, hin und wieder doch recht 
bedeutend und in einer, wenn auch nur propädeutisch, wissen- 
schaftliche Zwecke verfolgenden Grammatik in Zukunft nicht zu 
übergehen. — Die Bindung eresse (§ 298) in pecheresse wird wohl 
richtiger aus dem alten Nominativ pechere erklärt; Cl^dat geht 
vom Obliquus aus, dessen Suffix eur sich zu er geschwächt hätte, 
ehe es^e antrat. — Hat in afrz. mute = miUia je ein I bestanden, 
wie Verfasser § 315 behauptet? Wir glauben nur an ein afrz. 
müie = müie und dann unter Einwirkung des Singular mdl§, — 
§ 322, S. 157 Z. 15 füge man nach pronom relatif ein: ou de la 
pr^position de ein. — § 337 hätte erwähnt werden können, dass 
auch bei nous^ vous eine Scheidung in unbetontes nous^ vous 
und betoutes neus^ ,veus möglich gewesen wäre und nur unter 
analogischen Einflüssen unterblieben ist. — § 364 ist die Be- 
ha.uptung, intervokalisches b in den Imperfekten sei 'd^s Torigine' 
gefallen, etwas einzuschränken. — Das d6doublement de IV 
long final in der 2. Pf. asti (wofür astii) in § 370 erscheint 
uns zweifelhaft und bsauchte wohl nicht vor den anderen eia- 
schlägigen Erklärujigsversuchen bevorzugt zu werden. — In IPve 
für liene ist nicht i, sondern ein i unterdrückt worden (§ 377). 
— § 387. Nur isc konnte vor hellem Vokal is(s) entwickeln, 



L, Cledai, Nouveüe Grammaire hisiorique du fran^ais. 15 

niobt auch isc, das eis, ois ergeben hätte. Dar hier bei^rocbene 
Lantvorgang ist wohl überhaupt etwas zu sumnuuriaeh behandelt. 

Die meisten Schwierigkeiten hatte der Verfasser bei der 
Behandlung der 'Conjugaison morte' zu überwinden, bei der 
er sich erfolgreich bemüht hat, elementare und einfache Dar- 
stellung des neufranzösischen Bestandes und geschichtlich richtige 
Auffassung mit einander zu versöhnen. Dass «s auch ihm nicht 
gelungen ist, hier alle Klippen zu umsegeln, wird niemand 
Wunder nehmen. — § 390, S. 185 liest man: La mouillure de 
Vn (in den Verben auf aindrey eindrej oindre) disparait aussi 
devant s et t). Das ist nicht ganz richtig; ai, ei^ oi vor n ent- 
standen für a, 6, o dadurch, dass die Erweichung von » vor 
Konsonant aufgegeben wurde, und ihr jf- Gehalt auf deu Voraus- 
gehenden Vokal überging. Die Erweichung ist also nicht ver- 
schwunden, ohne Spuren ihres einmaligen Vorhandenseins zu 
hinterlassen. — In Widerspruch mit dem historischen Verhältnis 
ist ClMat geraten z. B. in § 400, wo man nicht sageu darf: 
Vu de la flexion (in r^solu =^ resolutus) a fait disparattre le v 
final; ebenso in § 401 bei Erklärung der Pc. Pf. sußiy hdf nuif 
und in § 403 bei Erklärung der Pc. Pf. «>, acquts^ pris, miß, — 
§ 427, Anm. 2 hätte man gern gehört, dass cUt seine Besonder- 
heit der Analogie zu soit (= sit) verdankt. — § 429, Sollte 
nicht umgekehrt puisse eher dagewesen sein als jmsf 

Im vierten Teile, der Syntax (S. 201—271) veriässt, wie 
schon erwähnt, der Verfasser den sonst in der Grammatik ein- 
genommenen Standpunkt. Mit Rücksicht auf seiiie Grammaire 
du vieux fran^ais hat er die uii veränderlichen Wortarten und die 
Wortstellung ganz übergangen; mit Unrecht, da seine N&rfnm- 
zösische Grammatik vielfach einen anderen Leserkreis finden wird| 
als jene. Artikel, Nomen und Pronomen sind nur skizzenhaft 
behandelt. Die Syntax des Verbums gibt hingegen einige wissen- 
schaftliche Abbandlungen Cl^dat's wieder, die von ihm vorher an 
den S. 211 abgeführten Stellen für sich veröffentlicht worden 
waren. Diese Studien sehen mehrfach von dem historischen 
Werden ab und geben auf spekulativem Wege des Verfassers 
persönliche Auffassungen des modernen Gebrauchs wieder, die, 
so anregend und Interesse erweckend sie sind, in seine Grammatik 
sich nicht recht hineinfUgeii wollen. Der Fachgelahrte wird sie 
gern hier wiederfinden. Besondere Beachtung verdienen dßs 
Verfassers Betrachtungen über die superkomponierten Tempora 
und die Consecutio temporum. Selbst da, wo des Verfassers 
Ansicht zum Wiederspruch reizt, bleibt seine Meinung wertvoll, 
weil sie ein zuverlässiges Zeugnis fttr das Sprachgefühl eiues 
feinfühlenden fr^mzösischen Zeitgenossen ablegt — Deu S, 213 



16 Referate und Rezensionen. E. Koschwiiz, 

Z. 1 angenommenen Einflnss des lateinischen Supinums halten 
wir für unwahrscheinlich; dasselbe besass za wenig Lebenskraft, 
um in der angegebenen Weise wirken zu können. — In seiner 
Analyse des Futurum exactum S. 225 f. lässt der Verfasser ausser 
Acht, dass, wie das einfache Futurum, so auch das Futurum 
exactum oft; in modaler Weise verwendet wird; weil jede in die 
Zukunft fallende Handlung unbestimmt ist, kann ein futurisches 
Tempus überhaupt zum Ausdruck der Unbestimmtheit dienen. 
Auch die Wirkungen der Attraktion werden hier und sonst nicht 
genügend berücksichtigt. — 8. 237 bei der Besprechung des 
Kondizionale in Bedingungsnebensätzen scheint uns der Verfasser 
mit sich selbst in Widerspruch zu geraten, wenn er in ihneu die 
Bedingungen ausschliesslich durch die Konjunktion und nicht 
durch das Verbum ausgedrückt finden will, und in einer An- 
merkung dazu konstatiert, dass in Sätzen wie 'II serait ici qae 
j'agirais de mime' die Konjunktion ganz fehlen kann. Die wert- 
vollen Spezialuntersuchungen von Burgatzky, Thielmann und Vising 
scheinen dem Verfasser noch unbekannt geblieben zu sein. 

Wir haben uns vorzugsweise bei Aufzählung derjenigen 
Punkte aufgehalten, wo wir dem Verfasser für eine sicher bald 
notwendig werdende neue Auflage Besserungen empfehlen wollten. 
Die Billigkeit erfordert, hinzuzufügen, dass wir noch weit mehr 
Stellen gefunden haben, wo wir selbst von dem Verfasser lernten 
und bedauern mussten, nicht schon für unsere Grammatik der 
neufranzö'sischen Schriftsprache aus seinem Buche Nutzen ziehen 
zu können. Das Werk C16dat's, in seiner Gesamtheit genommen, 
ist eine treffliche Leistung und zur Einführung in das wissen- 
schaftliche Studium der französischen Grammatik auf das beste 
geeignet. E. Ko schwitz. 



Haase, A. Französische Syntax des XVJL Jahrhunderts, Oppeln, 
1888. G. Maske. 287 8. 8^ Preis: 7,00 Mk. 

Haase ist den Lesern der Zeitschrift durch seine früheren, 
von guten Kenntnissen, Selbständigkeit und Fleiss zeugenden Mo- 
nographien über Villehardouin und Joinville und über Pascal 
bekannt, und hat ihre Sympathien durch seine objektiven, mit 
gesundem Urteil und peinlicher Gewissenhaftigkeit verfassten Be- 
sprechungen der neueren syntaktischen Untersuchungen gewonnen. 
Nach jahrelanger, höchst mühsamer Vorbereitung, unter Opfern, 
die nur der würdigen kann, der in einer kleinen bücherarmen 
Provinzialstadt eine Arbeit ähnlicher Art unternommen hat, liess 
er das obengenannte Werk erscheinen, mit dem er gewisser- 



J, Haasey Französische Syntax des XVIL Jahrhunderts. 17 

massen den Abschluss seiner Vorstudien gibt, und in dem die 
Vorzüge, die seine früheren Arbeiten zeigten, in erhöhtem 
Grade hervortreten. Mit Bienenfleiss hat er aus dem Wüste der 
oft recht unergiebigen Dissertationslitteratur, die sich in den 
letzten Jahrzehnten mit Einzelfragen der Syntax oder mit der 
Syntax einzelner Autoren beschäftigt hat, das Brauchbare herans- 
gesammelt, hat er die schätzbaren grammatikalischen Beigaben 
der Ausgaben der Grands J^crivains de la France für sich exzer- 
piert und in seinem Werke verwendet, die grammatische fran- 
zösische Litteratur des 17. Jahrhunderts, soweit ihm erreichbar, 
durchforscht und verwertet und mit ausdauerndem Fleisse Au- 
toren selber gelesen und auf ihre Eigenheiten geprüft. Was er 
so in mühevoller Vorarbeit gefunden, hat er dann in bündigster 
Form in seinem Werke zusammengestellt, und soweit es der augen- 
blickliche Zustand unserer Kenntnis der geschichtlichen Sprach- 
entwickelung gestattet, in historischem Lichte vorgeführt. Selten 
wird man ihn auf einem Irrtum ertappen, nur wenige und minder 
wichtige Eigenheiten des syntaktischen Sprachgebrauchs des 
17. Jahrhunderts sind ihm entgangen, und wo die historische 
Deutung fehlt, darf dieselbe entweder als allgemein bekannt an- 
genommen werden, oder gebot der gegenwärtige Wissenszustand 
eine Enthaltsamkeit, die einer voreiligen Deutung bei weitem 
vorzuziehen ist, und die dem bescheidenen Wesen des Verfassers 
auf das beste' ansteht. Sein Werk wird jedem Fachgelehrten 
treffliche Dienste leisten, der hier vereinigt findet, was ihm sonst 
nur in einer viel zersplitterten Einzellitteratur geboten war, und 
jedem Schulmanne, der Autoren des 17. Jahrhunderts zu edieren 
und zu kommentieren unternimmt, und der nun hier eine zuver- 
lässige Quelle für zu gebende Erläuterungen vorfindet. Es wird 
in hohem Grade dem Verfasser zu verdanken sein, wenn nun- 
mehr das oft recht niedrige Niveau der syntaktischen Erklärungen 
in unseren Schulausgaben auf einen höheren Stand gelangt. 

Wo viel Licht ist, kann auch der Schatten nicht fehlen. 
Man findet bei dem Verfasser nichts von jener geistvollen Detail- 
arbeit, an die uns Tobler's syntaktische Aufsätze gewöhnt haben, 
von jener Miniaturmalerei, die auch das Kleinste nicht unbeachtet 
lässt und dadurch oft zu unerwarteten Aufschlüssen führt. Der 
Verfasser wirft auch keine neuen Gesichtspunkte in die syntak- 
tische Forschung hinein : die Fragen z. B., wie phonetische Sprach- 
erscheinungen auf die Syntax einwirkten, wie die Syntax der ge- 
sprochenen Sprache sich zu der, der geschriebenen verhält und 
verhielt, und wie vielfach nur durch Nichtberücksichtigung der 
Lautsprache spitzfindig ausgeklügelte Grammatikregeln ermöglicht 
wurden; wie weit sich dialektische Einflüsse auch in der Syntax 

Zschr. f. frz. Spr. n. Litt. XI^. 2 



18 Referate und Rezensionen. F. Kalepky, 

zur Geltung brachten; wie die Macht der Analogie auch auf syn- 
taktischem Boden in weitem Umfange thätig war, sind von ihm 
entweder gar nicht gestellt oder kaum gestreift worden. Haase 
hat sich ausschliesslich auf dem Standpunkte eines nüchternen 
Sammlers gehalten, dem es an kritischer Begabung und reifem 
Urteil durchaus nicht gebricht; er hat aber nirgends den Zweck 
im Auge gehabt, nach irgend welcher Seite hin bahnbrechend 
vorzugehen. Darum darf man aber sein Werk nicht schmälern; 
es war zu einem solchen Vorgehen seiner ganzen Natur nach 
nicht geeignet, und geriet H. durch Aufwerfung neuer Fragen auf 
bisher unbetretene Bahnen, so lief er Gefahr, sich selbst um die 
Früchte seines Fleisses zu bringen. Aus dem von H. eingehaltenen 
Verfahren ist ihm also kein Vorwurf zu machen. Auch daraus 
nicht, dass er zu nennen unterliess, was nach seinen Untersuchungen 
im Sprachgebrauch des 17. Jahrhunderts mit dem des heutigen über- 
einstimmt. Ferner wäre es auch unbillig, zu verlangen, dass er 
jedesmal die einschlägige Litteratur zitierte, mochte er sich ihrer 
als Grundlage bedienen oder sich ablehnend gegen sie verhalten; 
derartige Quellenbeigaben gehören nur in Spezialuntersuchungen; 
dort allerdings sind sie mit mehr Gewissenhaftigkeit anzuwenden, 
als in neuerer Zeit üblich geworden ist, wo man nicht selten 
findet, dass, in Anfängerarbeiten und auch in anderen, nur das 
Schulhaupt und seine Schule zitiert werden, während die übrigen 
Schriftsteller nur mit Widerstreben, und wenn möglich, nur beim 
Bestreiten ihrer Ansichten genannt werden. Dagegen hätte H. 
eine einmalige Aufzählung der benutzten syntaktischen Litteratur 
nicht unterlassen sollen. Einen grossen und schweren Fehler 
hat er nur dadurch begangen, dass er die von ihm zitierten 
Stellen nur nach den Schriftstellern bezeichnete, ohne Werk, 
Ausgabe und Seitenzahl anzugeben. Dadurch ist eine genaue 
Kontrolle fast zur Unmöglichkeit geworden, und insbesondere 
der Leser ausser Stande gesetzt, sich zu überzeugen, ob nicht 
diese und jene Erscheinung durch den Versbau, durch den Zu- 
sammenhang zu erklären ist, auf welche Möglichkeiten der Ver- 
fasser nicht immer ausreichende Rücksicht genommen hat. Wir 
hoffen, dass dieser Hauptfehler des H.^schen Buches in einer 
zweiten Ausgabe, die wir mit Sicherheit erwarten, verschwinden 
wird, so viel Arbeit auch dadurch dem Verfasser entstehen mag. 

E. EOSOHWITZ. 



A. Schulze, Dei" altfranzösische direkte Fragesatz, 19 

Schulze, Alfred, Der altfranzösiache direkte Fragesatz. Ein 
Beitrag zur Syntax des FVanzö'sischen, Leipzig, 1888. 
Hirzel. VUI, 271 S. 8«. Preis: 5 M. 

Schon der Umstand, dass der Verfasser vorliegender Arbeit 
nicht selten das Neufranzösische vergleichend heranzieht, dürfte 
eine Besprechung derselben in dieser Zeitschrift rechtfertigen.^) 
Aber auch davon abgesehen ist diese syntaktische Studie wegen 
ihrer musterhaften Methode und nicht weniger wegen ihres Reich- 
tums an gesicherten Ergebnissen von solchem Werte, dass nicht 
dringend genug auf sie hingewiesen werden kann. Der Verfasser 
untersucht, nicht blos gelegentlich, sondern durchgehends, die 
sprachlichen Erscheinungen, mit denen er es zu thun hat, bis 
auf ihre letzten erreichbaren Grundlagen. Überall auf reichliches, 
dem gesamten Gebiet der altfranzösischen Litteratur entnommenes 
Material sich stützend, geht er auf die leisesten Unterschiede 
der den Sprachgebilden zugrunde liegenden Vorstellungen und 
Gedanken ein, weist er in anscheinend ganz unbedeutenden 
Modifikationen des sprachlichen Ausdrucks den Einfluss der die 
Rede begleitenden Affekte nach. Die gefundenen Gesetze, sowie 
seine auf den Zusammenhang zwischen den geistigen Vorgängen 
und ihrem sprachlichen Abbild bezüglichen Beobachtungen formu- 
liert er mit grosser Genauigkeit und Schärfe; doch macht die 
Gedrängtheit der Darstellung, das Streben nach lückenloser Aus- 
drucksweise bei dem abstrakten Charakter des Gegenstandes das 
Studium dieser Arbeit zu einem keineswegs leichten; nur wenige 
Abschnitte des Buches werden, wenn Referent von sich auf 
andere schliessen darf, beim ersten Anlauf genommen werden 
können: der grösste Teil erfordert ein ausdauerndes, gründliches 
Studium, das aber mit reichlicher Förderung lohnt. Soviel über 
die Arbeit im allgemeinen. Im Folgenden sollen im Rahmen 
einer knappen Analyse der Arbeit von ihren Ergebnissen vor- 
nehmlich diejenigen vorgeführt werden, welche das Verständnis 
des Neufranzösischen zu fördern geeignet sind. 

Im Kapitel I: „Allgemeines über das Verhältnis des 
Fragenden zur Antwort" schafft sich der Verfasser eine sichere 
psychologische Basis für die Untersuchungen der nächsten Kapitel, 
indem er (nach einem Hinweis auf das Vorhandensein asserierender 
Elemente in beiden Hauptgattungen der Frage, den Bestätigungs- 
fragen und den Bestimmungsfragen) die verschiedenen Möglich- 
keiten der inneren Stellung des Redenden zu seiner Frage 

^) Zur Zeit als Verfasser diese Zeilen schrieb, war die 2^chr. 
noch nicht zu einer Zschr, für franz. Spr. u. Litt, erweitert worden. 



20 Referate und Rezensionen. F. Falepky, 

charakterisiert and namentlich das besondere Wesen der soge- 
nannten ,,Jafragen^ eingehend untersucht und Überzeugend dar* 
legt. Daran schliesst sich eine Erörterung des Begriffes der 
Fragepartikeln, welche Bezeichnung Schulze, im Widerspruch zu 
Imme, auf solche Wörter beschränkt wissen will, deren Form 
oder Funktion in Fragesätzen eine eigenartige ist. 

Kapitel II beschäftigt sich mit den negierten Fragen im 
Altfranzösischen. Schulze sucht die Funktion der sogenannten 
Füllwörter pas^ mie, point festzustellen und liefert den Nachweis, 
dass das Altfranzösische nicht nur denjenigen Unterschied, welcher 
im Neufranzösischen zwischen der Verwendung von pas und point 
in verneinten Fragen besteht (Lücking, Franz, Schulgr,^ § 393), 
nicht kennt, sondern die Füllwörter in Fragen jeder Art ganz 
entbehren kann. Wo sie gesetzt werden — und dies ist also ihr 
ursprünglicher, im Neufranzösischen verdunkelter Sinn — da 
drücken sie der Frage den Stempel des Bescheidenen, Höflichen 
auf, nämlich dadurch, dass sie dem Angeredeten zu verstehen 
geben, es komme das durch das Yerbum zum Ausdruck Gebrachte 
nur in ganz kleinem Umfange in Betracht. Dieser Auffassung der 
Funktion der Füllwörter fügen sich, nach Schulzens Ansicht, auch 
eine grosse Anzahl der neufranzösischen mit ne-point negierten 
direkten Fragen. 

Das Kapitel III: „Fragen mit pas oder point ohne ne^ 
gewährt erwünschte Aufklärung über diejenigen Sätze, in welchen 
nach modernem Sprachgefühl ein pas oder point allein, ohne 
716, zur Negierung ausreichend erscheint. Direkte Fragesätze 
dieser Art finden sich in älterem Neufranzösisch häufig, und noch 
heute treten in der Sprache der ungebildeten Volksschichten 
(auch, wie man hinzufügen darf, in zwangloser Rede bei Gre- 
bildeten) die Füllwörter der Negation in asserierenden Sätzen 
selbständig negierend auf. Schulze legt überzeugend dar, wie 
es zu dieser offenbaren Verwirrung des Sprachgefühls gekommen 
ist. Im Altfranzösischen nämlich finden sich zahlreich direkte 
Fragen mit point ohne ne (später auch mit pas ohne ne), in 
denen point und pas^ weit entfernt die Frage zu verneinen, ledig- 
lich die in Kapitel II nachgewiesene Funktion haben, der Frage 
ein höfliches, bescheidenes Gepräge zu verleihen. Ganz dieselbe 
Wirkung wird aber, wie Schulze in Kapitel I dargethan, auch 
durch Hinzufttgung der Verneinung, also im Altfranzösischen 
durch Hinzufügung von ney oder auch von ne mit pas beziehungs- 
weise point erzielt, so dass man im Altfranzösischen in der Lage 
war, beispielsweise den Satz: „Wisset Ihr?" auf viererlei Weise 
auszudrücken: 1) durch savez (vousjf und ferner, mit dem Cha- 
rakter des Höflichen, 2) durch ne savez (vous)f 3) durch savez 



A, Schulze, Der altfranzösische direkte Fragesatz, 21 

(vous) poirUf 4) durch ne aavez (vous) pointf — Es war nun 
natürlich, dass das NebeneiDanderbestehen dieser verschiedenen 
Ausdracksweisen für den nämlichen Gedanken, und namentlich 
das Zusammengehen von savez pointf und ne aavez pointf das 
Gefühl von der Entbehrlichkeit der Negation ne für direkte Fragen 
wachrief and schliesslich in beschränktem umfange dazu führte, 
auch in Assertionen die Füllwörter mit negierender Kraft zu ver- 
wenden. Wie Vangelas diese sprachliche Angelegenheit ansah, 
und welche Schwierigkeiten sie noch Corneille bereitete, möge 
man bei Schulze (S. 30) selbst nachlesen. 

In Kapitel IV, welches den altfranzösischen Fragepartikeln 
e^, enne, si, donc, donc + nc, oref bten^ oder, wie Tobler zu 
sagen vorschlägt, der Verwendung gewisser Partikeln zur Ein- 
führung von Fragen gewidmet ist, bietet sich dem Verfasser 
verhältnismässig wenig Gelegenheit, auf das Neufranzösische ein- 
zugehen. — Dass auch das Neufranzösische die Konjunktion et 
in eigentümlicher Weise zur Einleitung direkter Fragen verwendet, 
möge folgendes Beispiel zeigen: [J^lhye] MaiSy Monsieur^ qu'est-ce 
que votdait donc dire Pierre^ le cocher de la damef — [Mattre] 
Et qu^est-ce que disait Pierre^ (P. Bert, Instruction civique, p. 12.) 
Mir scheint diese Verwendung von d derjenigen altfranzösischen 
gleich zu sein, für die Schulze in § 37 Beispiele gesammelt 
und in § 38 die zutreffende Erklärung gegeben hat Das Eigen- 
tümliche der Verwendung von et im Vergleich mit der ähnlich 
gebrauchter Fragepartikeln findet Schulze darin, dass durch et, 
indem es die Frage an Vorhergehendes anknüpft, angedeutet 
werde, sie finde ihre Berechtigung lediglich in diesem Vorher- 
gehenden, für dessen Thatsächlichkeit der Fragende, indem er 
sich der Anknüpfung durch et bedient, die Verantwortlichkeit 
ablehnt. Aus dieser Verwendung lassen sich die übrigen Ver- 
wendungen von etj welche Schulze feststellt, leicht begreifen. — 
Bei der Behandlung der Zeitpartikel donc gedenkt Schulze auch 
der Verwendung derselben in neufranzösischen Fragesätzen, wie 
z. B. Oü donc est Catherine f (Erckmann-Chatrian, Waterloo, p.l88) 
und stellt auf Grund eingehender Prüfung des älteren Sprach- 
gebrauches die Ansicht auf, dass die Beifügung dieses donc auf 
dem Wunsche des Fragenden beruht, den Schein zu erwecken, 
als ergebe sich die Frage ungezwungen, ja mit Notwendigkeit, 
aus Vorhergehendem, und sei nicht etwa durch blosse Wiss- 
begierde veranlasst. — Noch ist aus diesem umfangreichen 
Kapitel der § 104 hervorzuheben (bien als Fragepartikel im 
Neufranzösischen), wo Schulze nachweist, dass die von Littr6 
unter bien adv. 4) gegebene Begriffsbestimmung für die richtige 
Auffassung vieler neufranzösischer Beispiele nicht genüge^ viel- 



22 Referate und Rezensionen. F» Kalepky, 

mehr in ihnen hien nach altfranz&sischer Weise verwendet er- 
scheine, um der Frage einen höflichen oder ironisch höflichen 
Charakter zu verleihen. 

Kapitel V handelt von der Erweiterung des Fragesatzes durch 
estrey welchen Gegenstand Schulze unter steter Vergleichung des 
Neufranzösischen behandelt. Die hauptsächlichen Ergebnisse dieses 
Kapitels sind folgende. Zunächst die Bestimmungsfragen. 
Während im Neufranzösischen die erweiternde Umschreibung mit 
dem einfachen Pronomen gleichwertig ist (was sich daraus er- 
gibt, dass das Verbum substantivum in den meisten Fällen nicht 
mehr mit dem Verbum des folgenden Relativ- oder Konjunktional- 
satzes im Tempus kongruieren darf, sowie auch daraus, dass fSr 
den Nominativ des neutralen Interrogativpronomens die Um- 
schreibung obligatorisch ist), war man sich im Altfranzösischen 
des sachlichen Unterschiedes zwischen beiden Ausdrucksweisen 
noch wohl bewusst. So wird z. B. die Erweiterung qui est-ce 
qui (welche eigentlich nicht Angabe des Subjekts, sondern eine 
Aussage über die durch den folgenden Relativsatz bezeichnete 
Person verlangt) nur in solchen Fällen angewendet, wo ein her- 
vorragendes Interesse an der mit qui bezeichneten Person deut- 
lich erkennbar ist. Im Ganzen genommen finden sich die im 
Neufranzösischen gebräuchlichen Ei-weiterungen der Frage auch 
im Altfranzösischen; doch scheint letzterem diejenige Art der 
Umschreibung zu mangeln, welche ein neufranzösischer Satz von 
der Form: De qui est-ce que vous parlezf zeigt. Im Altfranzösi- 
schen sagte man: Qui est cü de cui vo$ parlezf — Andererseits 
besitzt das Altfranzösische viele ihm ausschliesslich eigene Er- 
weiterungen des direkten Fragesatzes. — Was nun die Be- 
stätigungsfragen anlangt, so treten die mit est-ce que einge- 
leiteten Fragen bis zum Ende des 14. Jahrhunderts noch nicht auf; 
doch kennt das Altfranzösische bereits diejenige Erweiterung der 
Frage, durch welche ein Satzglied, dem ein besonderes Interesse 
anhaftet, in prädikative Stellung zu estre und dem formalen Subjekt 
ce gebracht wird, wobei das, was den unerweiterten Satz aus- 
machen würde, als Relativ- oder als Konjunktionalsatz folgt, 
z. B. y^Es'tu go qui parolesf — ähnlich dem neufranzösischen: 
Est'ce toi qui partes f — Interessant ist, dass sich die für das 
Neufranzösische so charakteristische prädikative Verwendung 
explikativer Relativsätze, wie sie etwa der Satz „Le voilä qui 
vient^*" zeigt, altfranzösisch auch — was neufranzösisch unmöglich 
wäre — in der Frage findet, dergestalt, dass der altfranzösisch6 
Satz : Est'ce mon phre qui €a battuf nicht etwa das bedeutet, was 
er im Neufranzösischen bedeuten würde, sondern vielmehr den 
Sinn eines neufranzösischen: Est-ce que mon plre €a battuf hat. 



A, Schulze, Der altfranzösische direkte Fragesatz» 23 

Kapitel VI hat die Tempora und Modi zum Gegenstände, 
soweit ihr Gebrauch im altfranzösischen direkten Fragesatze ein 
eigenartiger ist. — Bei Besprechung des sogenannten jussiven 
Futurums weist Schulze aus Anlass der nicht ganz zutreffenden 
Fassung der bezüglichen Regel bei Lticking (Franz. Schtdgramm^ 
§ 295, 2) darauf hin, dass diese Verwendung des Futurs im 
direkten Fragesätze alt- wie neufranzösisch nur in der 1. und 
3. Person möglich sei. — Nachdem er im ersten Abschnitt 
einige dem Altfranzösischen eigentümliche Verwendungen des 
Futurs erörtert hat, behandelt er im zweiten Abschnitt das 
Präteritum Futuri, in welchem Tempus er, entgegen der von 
Burgatzki und Klapperich vertretenen Ansicht, lediglich einen 
Ersatz für einen von der Sprache nicht ausgeprägten Modus der 
Nichtwirklichkeit sieht, dessen Verwendung durchaus nicht von 
der Verknlipfting mit einem (ausgesprochenen oder verschwiegenen) 
Bedingungssatze abhängig sei. Indem Schulze in Aussicht stellt, 
auf diesen Punkt am anderen Orte ausführlicher einzugehen, führt 
er die Untersuchung über den Gebrauch des Präteritum Futuri 
von seinem soeben kurz gekennzeichneten Standpunkte aus mit 
einem Erfolge, der für die Richtigkeit desselben zu sprechen 
scheint. — Der dritte Abschnitt ist dem Gebrauch des Konjunktivs 
im altfranzösischen direkten Fragesatze gewidmet. Aus diesem 
Abschnitt wollen wir ein wegen der Ähnlichkeit mit dem Ver- 
fahren der englischen Sprache interessantes Beispiel herausheben: 
jfComment autrement peust ü Avoir eschapi du pirü Qua ja 
passSf^ (Mir, ND.^ XXIV 690). — Den im Neufranzösischen so 
beliebten Gebrauch des reinen Infinitivs in direkten Fragesätzen 
weist Schulze im vierten Abschnitt dieses Kapitels auch für das 
Altfranzösische nach und sieht die Erklärung für die in Rede 
stehende Erscheinung darin, dass dem Geiste des Redenden, 
indem er sich des Infinitivs bedient, nur der Thätigkeitsbegriff 
des Verbums, ohne die Vorstellung einer demselben zum Träger 
dienenden Person, vorschwebt, — eine in ihrer Einfachheit völlig 
gentigeleistende Erklärung, die vor den von Diez (III® 222) und 
von Lücking (§ 382) gegebenen Erklärungen meines Erachtens 
den Vorzug verdient. 

Im Kapitel VII „Indirekte Frage an Stelle der direkten" 
knüpft Schulze an das von Tobler (Beiträge S. 56) über diesen 
Gegenstand Gesagte an und bringt ausser zahlreichen neuen 
Beispielen der beregten Erscheinung auch solche Beispiele bei, 
welche das Gegenbild derselben darstellen, nämlich Beispiele von 
indirekter Frage in der Form direkter. Aus dem Gebiete des 
Neufranzösischen gehört hierher Moliöre (MM. m. Z., III 2): ^11 
faut voir de quoy est-ce qu^eUe est malade^ wo die Verwendung 



24 Referate und Rezensionen. F. Kiüepky, 

der oraUo recta anstelle der oratio obliqua sich wohl kaum 
anders als aus der Lebhaftigkeit der Bede erklärt 

Aus Kapitel VIII „Dilemmatische Fragen'' verdient an dieser 
Stelle mitgeteilt zu werden, dass das Altfranzösische in Ent- 
scheidungsfragen, die mit lequel eingeleitet sind, noch fast gamicht 
das unlogische de vor den zur Wahl gestellten Satzgliedern auf- 
weist, welches dem Neufranzösischen kaum noch entbehrlich 
ist und dessen zutreffende Erklärung Lücking (§ 252 A.) ge- 
geben hat. 

Kapitel IX handelt von den Wiederholungsfragen im Alt- 
französischen. Dieselben können hervorgerufen sein durch eine 
Mitteilung, oder durch eine Aufforderung, oder drittens durch 
eine Frage. Gelegentlich der Behandlung des zweiten Falles 
stellt Schulze das Verfahren der altfranzösischen Sprache dem 
des Neufranzösischen gegenüber. Danach kann im Neufranzösischen 
einer Aufforderung wie z. B, Rends-moi la charte! eine Wieder- 
holnngsfrage in dreifacher Form entsprechen, entweder : Moi^ que 
je V0U8 la rendel (nicht la vous^ wie in § 177 aus Versehen 
dreimal steht), oder: Je vous la rendraisf oder: Mdf vous la 
rendref — Die erste und die dritte Form der Wiederholungs- 
frage kennt auch das Altfranzösische; der zweiten Form würde 
im Altfranzösischen am nächsten eine Wiederholungsfrage mit 
jussivem Futurum kommen: Je votis la (oder la vous) rendraif 
Ausserdem aber kann das Altfranzösische noch mit blossem Kon- 
junktiv sagen: Je vous la rendef was neufranzösisch nicht mehr 
angeht. — Wiederholungsfragen, welche durch eine Frage ver- 
anlasst werden, nehmen altfranzösisch wie neufranzösisch die 
Form der indirekten Frage an; nur ein abweichendes alt^an- 
zösisches Beispiel ist Schulze begegnet: La dame li demanda 
Kl cü Chevaliers estoit, — Qui est ü, damef en non Did, on le 
doü bien noumer, (Th, fr, 420.) 

Das den ursprünglichen Ausgangspunkt der Arbeit bildende 
Kapitel X „Die Wortstellung im altÄ^anzösischen Fragesatze'' 
(S. 157 — 245), welches in seinem ersten Abschnitt über die 
Frage- und Aussageform im altfranzösischen Hauptsatze handelt, 
ist für dieses Gebiet der Syntax von solcher Wichtigkeit, dass 
es eine besondere, ausführliche Besprechung verdient Ein 
näheres Eingehen auf dasselbe würde indes die Grenzen dieser An- 
zeige zu weit überschreiten. Hier sei nur angeführt, dass Schulze, 
unter Berufung auf Tobler's Vorlesungen, bei der von ihm ver- 
suchten tieferen Begründung der Gesetze der Wortstellung eine 
neue oder wenigstens der herkömmlichen Grammatik nicht ge- 
läufige Kategorie, die des logischen Subjektes (logisch im eigent- 
lichen Sinne des Wortes) einführt. Schulze nennt nämlich 



A. Schulze, Der altfranzösische direkte Fragesatz. 25 

logisches Subjekt dasjenige, inbezug worauf eine Aussage gethan 
werden soll, dasjenige, was die Grundlage, den Ausgangspunkt 
der Aussage bildet und nicht immer identisch ist mit dem Seienden, 
welches als Träger des durch das Verbum finitum zum Ausdruck 
Gebrachten erscheint. So ist z. B. in dem eine direkte Rede 
einleitenden Satze Dist OUviers (welcher unter Umständen etwas 
ganz anderes besagt, als es der Satz „OUviers dist'"'' thun wtlrde) 
das logische Subjekt in der mit dist verknüpften Vorstellung zu 
sehen; nicht von OUviers geht die Aussage aus, es wird nicht 
das dist von OUviers prädiziert, sondern dist ist das Gegebene 
und OUviers das prädizierte: das Sagen geschah durch Olivier, 
der Sagende war Olivier. Diese manchem vielleicht im ersten 
Augenblicke befremdlich erscheinende, aber logisch unanfechtbare, 
fUr die Lehre von der Wortstellung äusserst fruchtbare Be- 
trachtungsweise setzt Schulze in stand, die sehr mannigfaltigen 
Erscheinungen in der Wortstellung altfranzösischer Sätze unter 
wenige einfache Gesichtspunkte zu begreifen und so dieses 
wichtige Kapitel der Syntax, dem in den letzten Jahren so viele 
Spezialuntersuchungen gewidmet worden sind, zu einem gewissen 
Abschlüsse zu bringen. — Im zweiten Abschnitte dieses Kapitels 
untersucht Schulze die Stellung der einzelnen Satzglieder im 
direkten Fragesatze. Abweichend vom Neufranzösischen trat in 
der altfranzösischen Bestätigungsfrage das Subjekt noch regel- 
mässig hinter das Verbum; daneben aber zeigt sich auch schon 
und greift immer mehr um sich die im Neufranzösischen zur 
Regel gewordene Anakoluthie, vermöge deren das Subjekt dem 
Fragesatze in absoluter Weise vorantritt, um dann innerhalb des- 
selben hinter dem Verbum durch das ihm zukommende Personal- 
pronomen wieder aufgenommen zu werden. Ebenso ist bei alt- 
französischen Bestätigungsfragen einfache Inversion auch eines 
betonten Subjekts die Regel ; von dem neufranzösischen Verfahren, 
demgemäss ein betontes Subjekt zwischen Fragewort und Verbum 
tritt, ist dem Verfasser, abgesehen von einem einzigen, von 
Tobler beigebrachten Beispiele, keine Spur begegnet. — Im dritten 
Abschnitt dieses Kapitels bespricht Schulze die ,,Frage in Aus- 
sageform" und schliesslich die der altfranzösischen Sprache zum 
Ausdruck unseres „nicht wahr?" dienenden Mittel. 

Den Schluss des Werkes bildet ein Anhang, in welchem 
Schulze die Beantwortung der Frage im Altfranzösischen be- 
handelt. Auch dieser Anhang birgt eine Fülle interessanter 
Beobachtungen, so über Entstehung und Verwendung der alt- 
französischen Bejahungs- und Verneinungspartikeln, bei welcher 
Gelegenheit Schulze das von Perle für modern erklärte je dis 
que non auch für das Altfranzösische nachweist, so femer über 



26 Referate und Rezensionen. F, Pakscher, 

die Antwort, welche durch Wiederholung des in Frage gestellten 
zustande kommt, bei welcher Gelegenheit Schulze erwünschte 
Aufklärung über das neufranzösische st fait gibt, so über Be- 
kräftigung der Antwort und über korrigierende Antworten im 
Altiranzösischen. 

Hiermit sind wir zum Schluss der Arbeit gelangt. Die vor- 
stehende Analyse, welche sich auf Hervorhebung des allgemeiner 
Interessierenden, speziell des die neufranzösische Sprache Be- 
treffenden beschränken musste, gibt nur eine unvollkommene 
Vorstellung von dem Reichtum dieser Schrift an feinen sprach- 
lichen Beobachtungen und namentlich von der Förderung, welche 
die Kenntnis des Alt französischen durch dieselbe erfährt. 
Hat doch, um nur eines zu erwähnen, der Verfasser teils auf 
Grund der Resultate seiner den altfranzösischen Fragesatz be- 
treffenden Untersuchungen, teils ganz beiläufig, weit über 100 
altfranzösische Textstellen emendiert (ungerechnet Herstellung 
richtiger Flexion in den angezogenen Beispielen). Neben solchen 
Vorzügen treten die Mängel der Arbeit, die sich lediglich auf 
geringfügige Einzelheiten erstrecken, völlig zurück. An Druck- 
fehlern sind mir aufgefallen S. 21 Z. 9 luis statt Ivi'^ S. 22 Z. 7 
V. u. wollen statt können; S. 40 Z. 10 te statt et Störender ist 
S. 101 Z. 18 das Fehlen des Wortes „andersgeartete" hinter 
„wenn*^; S. 99 Z. 7 das Fehlen von „es" hinter „ist**. Andere 
Druckfehler, wie S. 248 Z. 10 „Verneigungspartikeln** werden 
niemand irre machen. — Der Schluss von § 7 würde verständ- 
licher sein, wenn er lautete: „Und so erklärt sich auch hier des 
Fragenden Interesse, durch Hervorrufung einer nicht bestätigenden 
Antwort zu erweisen, dass der Gefragte ihm gegenüber im Un- 
recht sei und er, der Fragende, nicht Ursache habe, seine Auf- 
fassung zu ändern. ** — Der Schluss von § 29 scheint mir mit 
den Ausführungen des § 9 in Widerspruch zu stehen, insofern 
als hier eine negative Frage, dort aber eine positive Frage 
als das zweckdienlichste Mittel zur Erlangung einer möglichst 
energischen Bestätigung des Gefragten hingestellt wird. — Der 
Anfang des § 33 wird zu lauten haben: ,,Da die Frage nicht, 
wie die Assertion, dem vorstellenden Geiste einen objektiv fass- 
lichen Inhalt bietet" u. s. w. — Auf Anderes, Wichtigeres, hat 
Tobler in seiner Anzeige der Arbeit (Lüteraüirblatt ßir germanische 
und romanische Philologie, Juli 1888) aufmerksam gemacht, auf 
welche Anzeige hiermit noch ausdrücklich hingewiesen sei. 

F. Kalepkt. 



^. 



E. Seelmann, Bibliographie des altfranzösischen Rolandsliedes. 27 



eelmann, Emil, Bibliographie des altfranzösischen Rolandsliedes. 
Heilbronn, 1888. Gebr. Henninger. 113 S. 8^ M. 4,80. 

Diese Schrift gibt einen handgreiflichen Beweis davon, 
welchen Aufschwung die -RoZawcZforschung in den letzten beiden 
Jahrzehnten genommen hat. Der Verfasser war von der Verlags- 
buchhandlung aufgefordert worden, von dem Werkchen Joseph 
Bauquier's, Bibliographie de la chanson de Roland ^ Heilbronn, 
1877, eine neue, ergänzte Ausgabe zn veranstalten, und sah sich 
genötigt, dasselbe durch ein ziemlich umfangreiches Buch zu 
ersetzen. Der grössere Umfang ist allerdings auch dadurch zu- 
stande gekommen, dass der Verfasser sich nicht mit dem Nach- 
trag der inzwischen erschienenen Schriften begnügt hat, sondern 
auch, durch die reiche Göttinger Bibliothek unterstützt, dem älteren 
Teile eine ganz andere Vollständigkeit gegeben hat, als seinem 
mit ungenügenden Hilfsmitteln ausgerüsteten Vorgänger möglich 
gewesen war. Wir können ihm in dieser Beziehung volles Lob 
aussprechen; es ist uns nicht gelungen, irgend eine Lücke zu 
entdecken, und die Kenntnis einiger versteckter, allerdings wenig 
wertvoller Abhandlungen verdanken wir sogar erst seinem Buche. 
Im Prinzip hat er die systematische Anordnung Bauquier's bei- 
behalten, aber das reichere Material machte eine häufigere Glie- 
derung desselben notwendig. Er zerlegte es zunächst in drei 
Hauptabschnitte, die je mehrere Unterabteilungen umfassen. 
A. Das Denkmal und seine Überlieferung verzeichnet die 
Handschriften nebst den Abdrücken, die sie erfahren haben, die 
Ausgaben und die Übersetzungen. In dem Anhang dazu werden 
die dem Roland nahestehenden Litteraturdenkmale aufgeführt, 
also der Turpin in seinen verschiedenen Gestalten, das carmen 
de prodiaione Ghienonis, das deutsche Rolandslied und die Kaiser- 
Chronik, die englischen, niederländischen, nordischen und, was 
besonders verdienstlich ist, auch die spanischen und italienischen 
Bearbeitungen. Bei den (B.) historisch-litterarischen Ar- 
beiten werden sechs Gattungen unterschieden, wodurch die Über- 
sichtlichkeit bedeutend erleichtert wird. Die Überschriften sind 
gut gewählt, mit Ausnahme der letzten „Kulturgeschichtliches 
(Volkskunde)", wofür vielleicht passender „Sitten und Kleidung" 
gesagt worden wäre. In der dritten Abteilung C. Linguistische 
Arbeiten werden ausser den eigentlich grammatischen mit Recht 
auch die über Metrik und Lexikographie aufgeführt, dagegen, 
nach unserer Ansicht, irrtümlich, die über Textkritik, welche in 
den zweiten Hauptabschnitt gehören. Innerhalb der einzelnen 
Kapitel ist die Anordnung, wie bei Bauquier, chronologisch« 



28 Referate und Rezensionen. A. Pakscher, 

Dass die Titel mit erschöpfender Genauigkeit wiedergegeben 
werden, Hess sich bei dem Berufe des Verfassers erwarten, der 
in der umfangreichen Vorrede auch von der grossen Mühe spricht, 
welche das Herbeischaffen schlecht zitierter Bücher verursacht, 
und die oft mit dem, was sie bieten, in keinem Verhältnisse 
steht. Solche Enttäuschungen werden dem, der dies Nachschlage- 
buch benutzt, erspart bleiben. Des Verfassers Streben ist darauf 
gerichtet gewesen, die Bücher möglichst selbst in die Hand zu 
bekommen. Es ist ihm dies bei der grössten Anzahl gelungen 
und er hat dies jedesmal durch ein beigesetztes Sternchen an- 
gegeben. Zugleich hat er bei Schriften, die in verschiedenen 
Ausgaben erschienen sind, wie besonders Dissertationen, er- 
mittelt, inwieweit dieselben mit einander übereinstimmen. Dem 
Titel folgen häufig die Angaben über Besprechungen, welche das 
betreffende Buch erfahren hat; bei einer Reihe von Nummern 
wird auch der Inhalt ausführlicher angegeben, und zwar einer- 
seits bei sehr umfangreichen Werken, andererseits bei kleinen, 
aber schwer erreichbaren Schriften. Ja, ausnahmsweise hat S. 
sogar die Grenzen seines Programms überschritten, z. B. S. 73, 
wo er auf die Deutungen des aoi, und S. 53, wo er auf die ver- 
schiedenen Ansichten über die Repetitionsstrophen eingeht, aber 
diese kurzen Auszüge sind mit Geschick gemacht, und, da sie 
Arbeit ersparen, dankenswert. Den letzten Teil der Schrift 
bildet ein sehr ausführlicher alphabetischer Index (S. 81 — 113). 
Dieser scheint uns besonders gelungen zu sein. Man findet z. B. 
in ihm unter den Stichwörtern der Zeitschriften alle einschlägigen 
Artikel übersichtlich geordnet. Ferner wird der Übelstand, der 
sich aus der detaillierten Einteilung des Textes ergab, dass 
nämlich dasselbe Buch manchmal in verschiedenen Kapiteln zitiert 
werden musste, in dem Register dadurch völlig ausgeglichen, dass 
hier unter dem Namen des Verfassers seine sämtlichen Arbeiten 
und die Seiten, auf denen ihrer Erwähnung geschieht, zusammen- 
gestellt sind. Wir können abschliessend unser Urteil dahin zu- 
sammenfassen, dass wir es mit einem Nachschlagebuch zu thun 
haben, das an praktischer Einrichtung und sorgfältiger Aus- 
führung kaum übertroffen werden kann, und das nur den Wunsch 
erweckt, auch für andere Gebiete der romanischen Philologie 
ähnliche Hilfsmittel zu besitzen. 

Ausserdem bietet das Buch noch den Vorteil, dass man 
durch dasselbe leicht Überblicken kann, welchen Gang die Roland- 
forschung eingeschlagen hat. Der Gesichtspunkt, von dem aus 
man zuerst an das Rolandslied herantrat, war der litterar- 
historische. Wegen der Ansichten der Pasquier, Fauchet und 
anderer Männer des 16. bis 18. Jahrhunderts, die sich nur ver- 



E, Seelmann, Bibliographie des allfranzösischen RolandsUedes, 29 

matungsweise über das damals noch nicht anfgefundene Rolands- 
lied äussern konnten, bezieht sich S. anf Gautier's JapopSes fran- 
gaises und nennt dann einige Schriften aus dem Anfange unseres 
Jahrhunderts. Dabei wird eine Stelle aus Ritson, Äncient English 
metrical romances (1802) wiedergegeben , die für die damalige 
Zeit Anerkennung verdient, r)^^ ^^^^ chanson de Roland 
was, unquestionahlyy a metrical romance, of great length, upon the 
fatal battle of Ronceveaux; of which TaiUefer orUy chanted a part.^ 
Erst in den 30er Jahren wurden die altfranzösischen Epen Gegen- 
stand eingehender litterarhistorischer Betrachtungen. Eine solche 
widmete dem Roland 1832 Henri Monin, dann kamen noch im 
selben und im folgenden Jahre Raynouard, Francisque Michel, 
ühland und Ferdinand Wolf zum Wort. Nachdem schon 1774 
Tyrwhitt gelegentlich der Erklärung des bei Chaucer vorkommenden 
Namens Termagaunt (= Tervagan) von der Oxforder Handschrift 
des Rol. gesprochen hatte, wird dieselbe endlich im Jahre 1837 
durch die Ausgabe MicheFs bekannt. In litterarhistorischer Be- 
ziehung brachten die folgenden Jahre wenig Bedeutendes, bis 
1852 eine interessante Studie von Yitet in der Revue des deux 
mondes und eine solche von Paulin Paris in der Histoire litte- 
raire de la France erscheint. Seitdem häufen sich die wert- 
vollsten Abhandlungen: Rosenberg (1860), Tobler (1864), Gau- 
tier' s Kp, frangaises (zuerst 1865), Pio Rajna, Origini delVepopea 
francese (1884) u. s. w. Nächst diesen müssen, hinsichtlich 
ihres Alters und ihres Umfangs, die textkritischen und die gram- 
matischen Untersuchungen genannt werden. Auf ersterem Gebiete 
finden wir neben den Herausgebern Michel, Gautier, Müller u. a. 
noch viele bewährte Namen, dagegen ist die Grammatik des RoLy 
allerdings vorwiegend in Verbindung mit einigen anderen älteren 
Denkmälern, das Übungsfeld jüngerer Kräfte geworden, indem 
sie ihnen den Stoff zu den verschiedensten Doktordissertationen 
geliefert hat. Fast ganz dem letzten Jahrzehnt gehören Unter- 
suchungen über den Stil und die Technik des Epos an. Während 
man sich früher mit gelegentlichen Bemerkungen begnügte, ist 
von Graevell in einer eigenen Schrift (1880) die Charakteristik 
der Personen im Rol, behandelt worden, von Dietrich die Wieder- 
holungen in den chansons de geste (1881), von Drees der Ge- 
brauch der epUheta omantia (1883) u. s. w. Ebenso haben in 
letzter Zeit, in übertriebener Spezialisierung, einzelne kultur- 
geschichtliche Themata eine gesonderte Behandlung erfahren. 
Die hier einschlägigen Arbeiten sind fast sämtlich in den Mar- 
burger Ausgaben und Abhandlungen erschienen und haben auch 
hinsichtlich ihrer Ausführung von der Kritik nicht gerade viel 
Anerkennung geemtet. Sie beschäftigen sich mit der Stellung 



30 Referate und Rezensionen. J, Sairazin, 

der Frau im altfranzösischen Epos, mit den Tieren, den Sprich- 
wörtern in demselben, den Gebeten und Anrufungen, den täglichen 
Lebensgewohnheiten, den Angriffs- und Verteidigungswaffen. In 
diesem Abschnitte ist auch mit Recht der ebenso schöne als ge- 
haltvolle Aufsatz von G. Paris aufgeführt: La chanson de Roland 
et la nationolite frangaisej der in dem Bande La poesie du moyen 
dge (1885) enthalten ist. Jetzt ist noch auf die verschiedenen 
Abschnitte in dem Manicd d^ancien frangais desselben Verfassers 
zu verweisen, in welchen dem Rol. ausführliche Besprechung ge- 
widmet ist, besonders auf § 36. Diesen Andeutungen lassen 
wir noch den Wunsch folgen, dass eine neue Auflage der Biblio- 
graphie einen Zuwachs von nur wenigen, aber gediegenen, Schriften 
zu verzeichnen haben möge. A. Paksgher. 



Villatte, C^saire, Parisismen. Alphabetisch geordnete Sammlung 
der eigenartigen Ausdrucks weisen des Pariser Argot. — 
Ein Supplement zu allen französisch-deutschen Wörter- 
büchern. Zweite stark vermehrte Auflage. Berlin, 1888. 
Langenscheidt. XVI und 306 S. 8®. Preis: M. 4,60 geb. 

Neben der klaren, durchsichtigen Sprache Voltaire' s hat 
sich schon vor alten Zeiten auf dem unruhigen Boden der fran- 
zösischen Hauptstadt ein Jargon entwickelt, dessen absonderliche 
Blüten im Laufe der Jahre in stets zudringlicherer Weise am 
gesunden Stamme sich festsetzen, so dass B6ranger's scherzhafter 
Ausspruch, im Jahre des Heils 2000 werde man in Paris nicht 
mehr französisch reden, nicht ganz unberechtigt erscheinen darf. 
Die Tagespresse, das moderne Drama, die naturalisti- 
schen Romane — , das sind die drei wirksamen Infektionsträger, 
mit denen die puristische ÄcadSmie mittels ihres Dictionnaire zu 
kämpfen hat. 

Schon vor vielen Jahren hat diese Erscheinung die Auf- 
merksamkeit der mit der raschlebigen Zeit fortschreitenden 
Sprachforscher gefesselt und eine eigene reichhaltige Litteratur 
hervorgebracht. Dass das Werk des Herrn Villatte, welches vor 
sechs Jähren Referent in dieser Zeitschrift (V*'^, 209 ff.) erstmals 
zu besprechen hatte, bereits in zweiter, wesentlich vermehrter 
Auflage vorliegt, ist ein Beweis von der dringenden Notwendigkeit 
solcher Arbeiten über das Pariser Argot in Deutschland. 

Villatte's Werk hat das Ziel verfolgt, dem deutschen Leser 
der französischen Tagesblätter und der mit den malerischen Aus- 
drücken des Pariser Jargon durchsetzten Schriftwerke unserer 



C. ViUaiie, Färisismen. 31 

Zeitgenossen ein getreuer DoUmetsch zu sein, ohne irgend- 
welchen Anspruch auf Gelehrsamkeit zu erheben. Darum blieb das 
ältere Argot ausser Acht, das aus der kraftstrotzenden Sprache eines 
Rabelais dem heutigen Leser so reichlich entgegenquillt und bei 
Villen,^) beiTh^ophile de Viaud, Saint-Amand und anderen lustigen 
Brüdern eine nicht unwichtige Rolle spielt. Was schiert es auch 
Freunde des heutigen Boulevardjargons, oder Leser realistischer 
Romane und Pariser Witzblätter, dass unter dem guten König 
Heinrich IV. und seinem Nachfolger die deshauchia den Wein 
piotj den Tabakdunst petun und in weisser Voraussicht der Zu- 
kunft das Gelage crevaüle nannten? Für Philologen ist ja die 
Villatte'sche Zusammenstellung nicht berechnet, wie aus der 
ganzen Anlage des Werkes und der nur lückenhaften Benützung 
der vorhandenen zugänglichen Litteratur hervorgeht. Der Ver- 
fasser hat einfach das vbn Delvau, Lor^dan Larchey, Rigaud u. a. 
gruppierte moderne Material verarbeitet und mit eigenen Lese- 
früchten bereichert. Wer also mit Hilfe der Parisismen die 
Villon'schen Jargon balladen übersetzen wollte, würde seine Mühe 
verlieren. Nur ein Beispiel: 

Vive David, saint archquani en baboue, 
Jehan mon amy^ — qui les feuüles desnoue, 
Le vendengeur, hessleur comme une choudy 
LOing de son plaid, de ses flos curietdx, 
Noue beaucoup, doni ü regoii fressoue 
lous verdoiant, havre du marieux. 

heisst der akrostichische Eingang einer der von Aug. Vitu a, a, 0, 
edierten Balladen. Allerdings ist dies selbst dem gewiegtesten 
Pariser Argotier ein Buch mit sieben Siegeln, wenn er nicht mit 
der hassa latinitas und der Ausdrucksweise der archisuppöts innig 
vertraut ist. 

Indessen lässt auch in unerwarteten Fällen die zweite Auflage 
der Parisismen^ obwohl „stark vermehrt", nicht selten im Stich. 
„La momignarde qui tette est joliment gouliafre^ sagt in Victor 
Hugo's Quatre-virigt-Treize ein Revolutionsoldat beim Anblick der 
heisshungrigen Georgette. In Pailleron's witzigem Lustspiel Le 
Monde oü ton s'ennuie erzählt die urwüchsige alte Herzogin, 
dass die ganze kaute femellerie zu den Vorträgen des eleganten 
Professor Bellac ( — lies: Caro) sich drängt. Augier stellt in 



1) Vitu, Augustö. Le Jargon du XV sihcle, Eiude phüologique, 
Onze baMades en Jargon atiribue'es ä Frangois ViUony doni cinq baüades 
inädites, pubüees pour ia premiere fois d^ apres le manuscrit de la 
Biblioiheque royale de Stockholm, precede'es aun discours pre'litninaire 
sur rongine des Gueux et forigine du Jargon, et suivies d'un vocabulan^e 
analyiique du mrgon, Paris, 1884. Gharpentier, Gr. in -8. 558 S. 8^. 
25 fr. (Vgl. Zschr. VH», 17 ff.) 



32 Referate und Rezensionen, /. Sai^razin, 

Ceinture dorie dem verhassten tripotage sehr wirkungsvoll le tapo- 
tage, das Brodyirtuosentum, gegenüber. Und alle drei Male suchen 
wir vergeblich bei Villatte Rat, nachdem selbstverständlich Littr6 
und die Acad^mie ebenso vergeblich befragt worden sind. Es hätten 
aber Schriftsteller wie Hugo und die sogenannten Salondramatiker 
vor allen anderen auf Argotismen untersucht werden sollen. 
Leider sind die landläufigen Ansichten von der sprachlichen 
„Reinheit^ des Augier'schen Stiles seit P. Lindau womöglich noch 
mehr befestigt^) 

Eine gründliche Durcharbeitung alier Dramen von Augier, 
Dumas, Sardou, Pailleron, der meisten Schwanke von Labiche, 
Gondinet und der Tag für Tag aus dem Pariser Boden empor- 
schiessenden Possen müsste unseres Erachtens nicht allein 
eine sehr erhebliche Nachlese ergeben, sondern auch für 
das bereits von Villatte gebuchte Material 'die richtigen Quellen 
nachweisen. Man schlage z. B. in der Neuauflage der Parisismen 
vihrion auf: dort wird mit Berufung auf einen Pariser Litteraten 
Kuhn die Bedeutung „jämmerlicher Schriftsteller, Dichter oder 
Künstler, Schwächling, Krüppel" angegeben, während in Dumas' 
Sittendrama Vl^ranglre der Definition dieser Spielart des Lebe- 
manns eine ganze Seite (IL 1) gewidmet ist. Wir drucken den 
betreffenden Passus ab, da Dumas' Dramen kaum in den Händen 
aller Leser dieser Zeitschrift sein dürften : 

B^monin. En realiU ce nest pas un komme! (Es ist die Rede vom 
hohlköpfigen Herzog de Septmonts.) 

M"* de Rumiäres. Ah! . . . Qü'est-ce que (fest donc? . . . 

RJ^monin. Cest un vibrion, 

M"* de Rumiferes. Vous dites? 

Rämonin. Je dis: un vibrion, 

M"** de Rumiöres. Qü'est-ce que c'est que ^a? 

R^monin. Comment! vous lisez mes articles et vous ne connaissez pas 
les vibfions? Je vous en ferai voir^ c'est tres curieux, Ce sont des 
vegeiaux nes de la corruption partielle des corps^ qu'on ne peut 
distinguer qu*au microscope et gu'on a pris longiemps pour des 
animaux, ä cause d^un peiit mouvement ondtdatoire qui leur est 
propre, 11 sont charges kaller corrompre, dissoudre et de'truire les 
parties saines des Corps en question, Ce sont les ouvriers de la mort. 
Eh bien^ les sodetes sont des corps comme les autres, qui se de'compo- 
sent en certaines parties, ä de ceriains moments, et qui produiseni 
des vibrions ä forme humaine, qu^on prend pour des itres, mais qui 
rCen sont pas^ et qui fönt inconsciemment iout ce quüLs peuvent pour 
cofTomprCj dissoudre et de'truire le reste du corps social. Heureuse- 



^) In seinen Skizzen aus dem litterarischen Frankreich behauptet 
Lindau S. 88, Allgier schreibe „das reinste, von der Mode unab- 
hängige*' Französisch und gebrauche keine Neologismen. Diese Be- 
hauptung habe ich in meinemBuche Das moderne Drama der Franzosen 
S. 93 f. mit zahlreichen Beispielen widerlegt. 



C. Viüaite, Jhrisismen. 33 

meni^ la naiure ne veut pas la mori, mais la we, La mort n'esi 
qu*un de ses moyens, la vie est son bui. Elle faxt donc resisiance 
ä ces agenis de la desiruction ei eile retourne contre eux les prmcipes 
morbides qu'ils conUennent Cesi alors qu*on voit le vihrion humain, 
un sair qu'ü a trop hu, prendre sa fetUtre pour sa parte, ei se 
casser ce qui lui servait de iSie sur le pave de la rtie; ou, si le jeu 
le ruine ou que sa vtbrionne le irompey se tirer un coup de pisioki 
dans ce qu^ü croii itre son cosur, ou venir se heurier conire un vtbrion 
plus gros ei plus fori que lui, qui CarrHe et le supprime. Les gens 
distraits ne voieni la qu*un faxi, les gens aiientifs voient lä une loi, 
On eniend alors un ioui peiii bruii . . . quelque chose qui faii 

hu . . . U . . .U , . . U (ü aoufße um peu d'air entre »e» IhvresJ Cesi Ce qu'on 

avaii pris pour fäme du vibrion qui s^envole dans tair . . , pas tres 
haui. M. le duc se meuri, M, le duc esi mori.** 

In demselben Drama hätte Yillatte fQr un type excellent (= ein 
herzensguter Mensch) einen Beleg finden können (I. 2). Ebenso 
' in Augier's JFVZä de Giboyer ein Beispiel für das Adjektiv Sterling 
(= famos I. 7). Viele Argotismen enthält z. B. auch Sardou^s 
Fernande, ferner La FamiUe Benotton etc. etc. Den Kenner 
neuerer Litteratur und den fleissigen Leser illustrierter Witz- 
blätter musB es fernerhin stark befremden, wenn für das so häufige, 
ja alitägliche Wort /wmtÄfene (= Streich) eine Nummer des Journal 
amüsant und wenn für das affektierte fragrance nur die Goncourts 
als Fundquellen angeführt werden. 

Eine wünschenswerte Erweiterung der Parisismen hätte 
auch durch reichlicheres Heranziehen von burschikosen Ausdrücken 
der verschiedenen J^coles der Hauptstadt erfolgen können. Nur 
teilweise richtig ist die vom Verfasser gegebene Verdeutschung 
von bizuty carriy cube. Dieselben sind nicht allein Zöglinge ,,der 
speziellen Mathematik^ an den Gymnasien, sondern eigentlich 
und ursprünglich Schüler des ersten, zweiten, dritten Jahrgangs 
des Polytechnique und der J^cole Centrede. Wer mit dieser fröh- 
lichen Jugend verkehrt hat, wird zu den Parisismen als Nachtrag 
beisteuern: fiss! Ausruf der Zuhörer eines gewagten und unfrei- 
willigen Wortspiels;^) arriver sScant extirieur = arriver trop 
tardj etre en retard; pitaine cinima = capitaine cinimaüqv^, 
oberster Aufseher der Zöglinge etc. etc. Mathematik und Physik 
müssen naturgemäss beim argot des J^coles stark herhalten. 

Ein weiterer Mangel der Neuauflage ist ausser der behag- 
lichen Breite einzelner Artikel (vgl. enfoncer) auch das Aufnehmen 

1) Hierüber schreibt Paul Ginisty in Gil Blas: Le fiss accompagne 
le jeu de mois ne de la renconire d^un ierme sdeniifique avec une ex- 
pression qui a un double sens. II esi Uen difficile de les eviier, dans la 
de'monstraiion mime la plus iechnique; mais aussiioi qu'une de ces phrases 
vient d^e'clore, eüe esi souligne'e par un susurremeni special qui se prodmi 
avec plus ou moins de discreiion, Fissl murmureni iouies les livres, ei 
le professeur s'arrHe ei sourii. 

Zfldur. f. firs. Spr. n. Litt. Xl>. • 



34 Referate und Rezensionen, J, Sarrazin, 

von Wendungen und Metaphern, die eher in ein allgemeines 
Wörterbuch der französischen Sprache gehörten. Z. B. ne pas avoir 
usi ses culottes sur les bancs du colUgej oder un grand travail 
sur les caisaes d'dpargne; travailler des mächoires (kauen); un 
dtner sirieux (reichliches Mahl); troupier^) etc. etc.; ebensowenig 
gehören Fremdwörter wie percentage, ticket y select hierher 
(dies ist die häufigere Form, während Villatte nur selected gibt); 
ebensowenig rasch absterbende humoristische Bildungen wie 
wagndrite. Fand aber die Wagnerschwärmerei willige Aufnahme 
bei Villatte, so war mindestens die houlangite und midanite auch 
aufzunehmen, obwohl die zweite dieser beiden pathologischen 
Bezeichnungen kaum über den Leserkreis des Temps hinausge- 
kommen sein dürfte. Midanite nannte nämlich Francisque Sarcey 
den Grössenwahn des Einsiedlers von M^dan, des Heilands der 
naturalistischen Romanlitteratnr, Zola, nachdem dieser auf eine 
abfällige Kritik seines verunglückten Dramas Renee nur mit 
kernigen Grobheiten reagiert hatte. Wenn ferner für allgemein 
verständliche Zunamen von Verbrechern wie la Terreur de Belle- 
vilhf la Terreur de Vincennes (s. v. terreur) in Villatte 's Parisismen 
Raum war, so hätte viel eher für Bezeichnungen Platz geschafft 
werden sollen, die in Witzblättern zu stehenden Typen geworden 
sind. Wir finden zwar s. v. monsieur allbekannte Redensarten, 
wie Monsieur PHesec, Monsieur Dimanche (hier wäre beizusetzen 
gewesen, dass der Name aus Moli^re's Bourgeois Gentilhomme 
stammt), wir vermissen aber das im Jargon des High-life wohl 
eingebürgerte Monsieur Petdeloup = Pedant, Schulfuchs. Unter 
den Mitgliedern der Äcademie Frangaise unterscheidet man be- 
kanntlich die Fraktionen der cabotins (die acht Dramatiker), 
der ducs (Anmale, Broglie etc.), der petdeloups (Gr6ard etc.) etc. 
Auch vermisst Referent den aus Dumas' Diane de Lys allmählich 
ins Journal amüsant übergegangenen und in allen Boulevard- 
blättern typischen Künstler Taupin j ein Gegenstück zum wohl- 
bekannten Rapiny der zur Bildung von tapin (Trommler) u. a. 
führte. Man vergleiche neuere Jahrgänge des Journal amüsant. 
Eine Reihe mehr oder minder bekannter Parisismen geht 
in der Neuauflage unter allzu spezieller und eingeengter Be- 
deutung um, weil sie dem Verfasser wohl nur in einem einzigen 
Exemplar vorlagen. Viatique ist nicht in Monaco allein das be- 
willigte Reisegeld, sondern ein ganz allgemein gebräuchlicher 
scherzhafter Ausdruck; boule de son ist auch das Brot der 
Soldaten, überhaupt Schwarzbrot geringer Sorte; der Ausdruck 



^) Die 8. V. angegebene Bedeutung ist zudem unrichtig; troupier 
= pioupiou = Soldat, und nicht alter Soldat. 



C. ViUatie, IhrUismen. 35 

vespasienne lebt heute noch und ist zu allgemeinerer Bedeutung 
gelangt; vert-de-gris heisst überhaupt jeder, der eine grünliche 
Uniform trägt; vilo ist allbekannte Abkürzung für vüociplde 
(cfr. VÜO'Cluh); torche-ad gehört keineswegs dem Argot der 
Eisenbahnbeamten allein an (man denke nur an das deutsche 
Äquivalent!); tape-cul ist auch ein leichter, eleganter Zweiräder- 
wagen; la gratte ist nebenbei auch der Profit der Köchin qm 
fait danser Vanse du panier, also allgemein ,,der Schmuh^, wie 
der Deutsche etwa sagen würde. Bei gaffe fehlt die in neuester 
Zeit ungemein häufige Anwendung im Sinne von impertinencej 
oder parole mal ä propoSj die übrigens Delvau in der 1883 
erschienenen Neuauflage des Dictionnaire de la langue verte auch 
noch nicht kennt. Berühmte gaffes erzählt man sich von viel- 
genannten Männern. So war nach der Einweihung des Meusnier* 
denkmals in Tours ein Spottartikel der boulangistischen Cocarde 
vom 3. August 1888 üne gaffe de M. Floquet betitelt wegen 
irgend eines historischen Schnitzers in der Festrede des Minister- 
präsidenten. Im Frühjahr 1888 erschien sogar eine Posse mit 
dem ominösen Titel üne gaffe. 

Da Referent aus Mangel an Zeit nur eine sehr beschränkte 
Anzahl von Artikeln der Parisismen nachschlagen konnte, so 
machen obige Ergänzungen keinerlei Anspruch auf Vollständig- 
keit. Jeder, der sich der zeitraubenden und nicht immer 
fruchtbaren Arbeit unterziehen kann, die Tageslitteratur der 
Weltstadt, die für ganz Frankreich den geistigen Mittelpunkt 
abgibt, mit dem Auge des Sprachforschers genau zu verfolgen, 
wird eine namhafte Anzahl Nachträge zu liefern imstande sein. 
Denn das Pariser Argot erfindet Tag für Tag neue eigenartige 
urwüchsige Ausdrücke, die rasch Aufnahme finden und bald die 
Runde durch Frankreich machen, wenn sie glücklich erdacht 
sind. Die absonderliche, aber sehr glückliche Neubildung hiceptiman 
z. B. ist durch einen langen Artikel von l^mile Faguet in der 
litterarischen Beilage zum Figaro vom 8. September 1888 end- 
giltig sanktioniert. Damit bezeichnet man das eifrige Mitglied 
der seit 1870 zahlreich aufgetauchten patriotischen Tum- ^nd 
Rudervereine. Nach Daudet'« vielgeschmähtem Immortd nennt 
man struggleforlifeur in neuester Zeit den emsigen „Büffler und 
Ochser'^, der um jeden Preis ein gutes Examen machen, den 
Streber, der zu einer höheren Stellung gelangen will etc. 

Referent hegt die Zuversicht, dass schon eine ausgiebigere 
Benützung der bereits vorhandenen Vorarbeiten^) nicht allein 



1) Es scheinen dem Verfasser u. a. die Arbeiten von Charles 
Nisard (nicht zu verwechseln mit dem verstorbenen katholisierenden 

8* 



36 Referate und Rezensionen, J. Sarrazin, 

eine erhebliche Nachlese an „Parisismen" ergeben — da sie ein- 
mal 80 heissen sollen, — sondern auch zur Erklärung einzelner 
Ausdrücke, die einfach als vorhanden verzeichnet worden, manches 
beitragen würde. Hier ist noch sehr viel zu thun übrig. Warum 
heisst ein vortrefflicher Regenschirm parapluie de Tolldef Doch 
wohl nur durch Anlehnung an die lame de ToUde der im idealen 
Spaniertum schwelgenden Romantiker; 

Überhaupt wäre es bei dem immerhin beschränkten Wort- 
vorrat des Argot keine herkulische Arbeit gewesen, für inter- 
essantere Wortgruppen das zu unternehmen, was für die Schrift- 
sprache Darmesteter und Hatzfeld in ihrem Dictionnaire gineral 
in so vortrefflicher Weise geleistet haben, nämlich eine 
systematische, logische Anordnung der einzelnen Wort- 
bedeutungen und Redensarten. Auf manche dunkle Seite des 
Pariser Slang und Cant, auf manchen psychologischen Vorgang 
würde dann ein helleres Licht fallen. Man nehme z. B. die schier 
zahllosen Umschreibungen für die an sich fatale Thatsache des 
Sterbens. Die kühne Metapher toumer de Voeil zeugt von richtiger 
Beobachtung eines bekannten physiologischen Vorganges, während 
z. B. das zynische manger les pissenlits par la radne keinen 
tieferen Gehalt birgt; aus der kriegerischen Zeit des ersten 
Napoleon, da ein jeder Waffen trug, stammt passer Tarnte ä gauche 
(das Gewehr wurde damals rechts getragen). Von grauenhafter 
Anschaulichkeit sind die beliebten Euphemismen casser sa pipe, 
divisser son hillard^ ddboucher sa valise^ fermer son vasistas, di- 
boutonner sa colonne, dimonter son poile oder son chouberskyj 
Idcher la rampe (= Treppengeländer). Einem Verstorbenen ruft 
der Pariser Bummler wehmütig nach : ü est claque (auch ü a claquS 
= geplatzt), ü est nettoyiy fumiy fricasse^ rinci, ratihoisi, oder 
Ü est cuity il est frit, ü est rasibus (vgl. tabula rasa;); den engen 
Sarg nennt er une hotte ä dominos, un paletot sans manches^ was 
an das hölzerne Röcklein von Fischart's liebstem Buhlen erinnern 
mag. Schillerisch mutet hinwiederum das barsche son compte 
est rigli an. 

Doch sind alle diese Argotismen für den Nichteingeweihten 
auch verständlich, da sie zumeist mit dem vorhandenen Wortschatz 



Litterarhistoriker Däsirä Nisard) völlig unbekannt geblieben zu sein. 
[Nisard, C, Ettde sur le langage populaire ou paiois de Paris ei de 
sa banlieue, pre'cddee d^un coup aoeü sur le commerce de la France au 
moyen äge, les chemins qu*il suivait et Pinfluence gu'il a du avoir sur le 
langage. In -8®. Paris, 1872. (7 fr. 50 c.) — Derselbe, De quelques 
^arisianismes populaires, et autres locutiotis non encore ou plus ou moins 
tmparfaitement explique'es des XV 11^, XVIII* et XIX' siecles. In-12^ 
Paris, 1876. (8 fr.)] 



C. Viäaite, Fürisismen. 37 

in eigenartiger Weise umgehen, ähnlich wie das englische Slang 
den Schirm als Pilz bezeichnet, den rotröckigen Soldaten lohster^ 

— der französische Infanterist heisst ecrevisse de rempart, — 
das Kindergeschrei marriage-mimc nnd die Redaktionsscheere 
nicht steel'periy sondern anzüglich steal-pen nennt. 

Von diesem humoristischen und burschikosen Argot wäre 
das streng zu scheiden gewesen, was der Engländer Cant nennt, 
das Rotwälsch, die Sprache der professionsmässigen Gauner und 
Dirnen, der Rougk und der Street Ärabs, der iruands, rifodSs, 
francs-müeux^ courtauds de houtanche des mittelalterlichen Paris 

— vgl. V. Hugo's Notre-Dame — der escarpesj grinches und 
camhrioleurs der heutigen Weltstadt, Dies lichtscheue und un- 
heimliche Jargon ist den Schwankungen des Alltagslebens weniger 
unterworfen und besitzt nur wenige Berührungspunkte mit der 
allgemein verständlichen Sprache. So viel Ref. beurteilen kann, 
ist es mit diesem Zweige des Argot bei Villatte besser bestellt. 
Alle Redensarten, an die Ref. aus dem Lesen von Kriminal- 
romanen und aus den in den has-fonds de Paris^) aufgefangenen 
Brocken sich erinnern konnte, finden sich thatsächlich in den 
Parisismen verzeichnet. Aber ist dies wohl die Aufgabe eines 
unter dem Titel „Parisismen" in die Welt gehenden und für 
deutsche Leser bestimmten Buches? Allerdings ist nicht zu be- 
streiten, dass das eigentliche Rotwälsch der Gauner und sonteneurs 
nicht allein in Kriminalromanen auftritt. Die müssigen Köpfe 
der Chat ^ozV-Gesellschaft — auch eine Pariser Spezialität — 
leisten sich hin und wieder in ihrem Vereinsblatt Cbnfgedichte, 
um zu zeigen, in welcher Gesellschaft sie verkehren. Hier als 
Probe solcher „poetischer" Kraftmeyerei das angebliche Sonett 



1) Kulturhistorisch und sozialpolitisch ist ein Rundgang durch 
die dem allmählichen Untergang geweihten Nebengässchen der Git6 
und der linksufrigen Stadt von grösstem Interesse und auch ungeföhr- 
lich, wenn man beherzt und mit einem kräftigen Stock versehen ist. 
Stellenweise ist der Charakter der alten Cottr des Miracies noch er- 
kennbar. Die krummen Gässchen hinter dem alten Kloster Saint-Möry 
(Rue Brisemiche, Rue Taillepain, Rue de Venise, Rue du Renard etc.), 
die verrufenen Seitenstrassen des Quartier Latin links am Eingang des 
Bour MicK (Rue Huchette, Rue Galande, Rue des Anglaie, Rue du 
Chat qui pöche etc.), überhaupt das ganze Stadtviertel bei der Pktce 
Maubert, wo die Zigarrenstummelbörse früher abgehalten wurde, die 
schmierige BUnne du Phre Luneite, — die übrigens der Verlängerung 
der Rue Monge zum Opfer fallen soll, — die Nachtherberge zum Chäieau 
Rouge sind Fundgruben für den nach Argotismen jagenden Lexiko- 
graphen, und für den vom tiefen Elend der Menschheit unserer Gross» 
städte noch nicht überzeugten Sozialpolitiker. In wenigen Jahren sind 
diese Geschwüre am Leibe der buntschillernden französischen Haupt- 
stadt gewaltsam entfernt — par la pioche du dSmoUsseur, 



■ 



38 Referate und Rezensionen, F. Tendering, 

eines jener Träger der casquette ä irots pantSj die man in Deutsch- 
land Louis nennt: 

SONNET. 

Eh hen! fveux gouaper, moil rturhin c*est pas man flanche; 
ET brich ton, c*est au irepe, et fen veux mon fad*, na ! 
Tveux fnir Vassiette att beurre ä mon tour, pour Nana 
Qui nCpagnot' dans son pieu, sauf la sorgue eV dimanche, 

Qt^eü fit chez un* panache au coin ed* la place Blanche^) 
Ousgu'un birbe tres vioc ecUar* tant qu*il en a 
Pour voir ma gösse au truc avec la yotiir' Dinah, 
ün* menesse ed^ la haute et qui s*en paye un* tranche. 

Vlen/£mmn Nana rappUque, aboulant euT poignon, 

CPqui nCcarre ed* touf la rousse et des vacKs ä Gragnon^ 

Qui m*poiss*raient pour euFschlard comme un d'la dynamiie . . . 

Queu* tourfs que ces gonc*s-lä! ^a rCfait qxCfoutimasser, 
(}a rouspeie et qa r'naud* . . . Taut au lieur ed* masser, 
Qu^ga sfass donc comrrC mezigue: e'cumeur ed^ marmite. 

Aber wer liest in Deutschland das Blatt le Chat Noirf 
Als Käufer der Villatte'schen Parvttsmen denken wir uns Leser 
der naturalistischen Romane und der französischen Tagesblätter. 
So sehr wir demnach die eingehende Berücksichtigung des Gauner- 
jargons anerkennen, ebenso stark müssen wir die Notwendigkeit 
betonen, dass künftige Auflagen der Partsismen eine gründliche 
Umarbeitung erfahren.^) Was Darmesteter in dem hochinter- 
essanten Büchlein La vie des mots (Paris, 1887. Delagrave) 
für die Schriftsprache in grossen Zügen entworfen, iässt sich auf 
dem beschränkten Gebiet der langue verte ziemlich leicht durch- 
führen. Denn auch die ungezogenen Rangen, welche nicht daran 
denken, jemals bei der gestrengen Grossmutter Acad6mie um Auf- 
nahme ins amtliche Dictionnaire zu bitten, beugen sich unwill- 
kürlich den Gesetzen des enchatnement, des rayonnement und wie 
alle semasiologische Faktoren heissen mögen. 



1) Hauptquartier der horizonteUes. 

^ Damaliger Polizeipräfekt. 

B) In der Besprechung der 1. Auflage von Yillatte*s Parisismen 
hatte Ref. einen milderen Massstab der Beurteilung anlegen zu müssen 
geglaubt, der ihm von berufenen Kritikern verübelt worden ist. (Vgl. 
Zeitschrift Bd. V«, 209 ff., dazu Koschwitz, Bd. VP, 45 ff.) Bei der 
zweiten Auflage darf man einem anerkannt tüchtigen und leistungs- 
fähigen Autor schon schärfer auf die Finger sehen. 

J. Sarrazin. 



G, Raithei, Ober den Gebrauch u. die begriffliche Eniwickelung etc. 39 

Raithel, Greorg, Über den Gebrauch und die begriffliche Eni- 
wickelung der altfranzösischen Präpositionen sor^ desor 
(dedesorjj ensor; sus, desus (dedesusjj ensus. Programm 
der Realschule zu Metz. Metz, 1888. 45 8. 4^. 

Auf Grund umfangreicher Lektüre altfranzösischer Texte 
der verschiedensten Litteraturgattungen gibt Raithel eine durch 
zahlreiche Beispiele belegte Darstellung des Gebrauchs und der 
begrifflichen Entwickelung der Präpositionen sor etc. von den 
ältesten Denkmälern bis zu Beginn des 15. Jahrhunderts unter 
Angabe der Zeit, wann eine bestimmte Art der Beziehung dieser 
Präpositionen zuerst in Anwendung kommt. 

Es ist natürlich, dass „die Einreihung der Fälle in die 
einzelnen Kategorien vielfach von der subjektiven Auffassung 
abhängt^ (8. 28). Wenn sich auch im allgemeinen deshalb 
darüber nicht rechten lässt, so möge doch für einige wenige 
Fälle eine abweichende Anschauung dargelegt werden. 

In den Beispielen 8. 9 ü prent le pain quant ü puet sor 
la table etc. kann meines Erachtens zunächst von einer Be- 
deutungsgleichheit der Präposition mit desor in der Bedeutung 
„von (über auf) weg^ nicht die Rede sein. Eine doppelte Auf- 
fassung ist möglich; entweder gehört der präpositionale Ausdruck 
sor la table zu dem Substantiv le pain^ oder er bezeichnet den 
Gegenstand, auf welchem eine Thätigkeit sich vollzieht. Ebenso 
bin ich geneigt, auch die Beispiele für sus und desus (ib.) anzu- 
sehen, bei denen der Verfasser zum Teil auch die letztere Mög- 
lichkeit zugibt. 

Wie bei den meisten in § 10^* aufgeführten Ausdrücken 
scheint mir auch in s^arester sor qn, (§ 11^^) und avoir envie 
sor qn. u. a. (§ IIb) die Präposition nur den Begriff des Räum- 
lichen zum Ausdruck zu bringen, während der Begriff des Feind- 
seligen sich erst aus dem Zusammenhang ergibt, dies erhellt 
auch daraus, dass einerseits s'arester sor sich öfter, wie Raithel 
(ib.) anführt, ohne die Nebenbeziehung der Feindseligkeit findet, 
sowie dass andererseits sor auch bei solchen Ausdrücken ein- 
tritt, welche eine freundliche Gesinnung bezeichnen. Man ver- 
gleiche das Beispiel: il ne me piaist mie qü'ü ait seur vous mde 
cointie § 12 c. 

Wie Raithel in dem Beispiele: or me convient prouver sor 
lui mon vassdage eine doppelte Deutung zulässt, indem er in 
§ 10^ sor gleich „im Kampfe gegen^ setzt, während er in % Ib^ 
die Möglichkeit, sor im Sinne der Macht, Gewalt, welche Jemand 
über eine Person oder Sache hat, zu fassen zugibt, so möchte 
ich in allen in dem betreffenden Abschnitt des § 10^ aufgeführten 



40 Referate und Rezensionen. F. Tendering, 

Beispielen sor zur BezeichnuDg der Überlegenheit, des Hervor- 
ragens über eine Person oder Sache annehmen statt des ans 
dem sor znm Ausdruck der feindlichen Bewegung oder Thätig- 
keit abgeleiteten „im Kampfe gegen. '^ 

Für die Stelle aus Chart. 682 (§ 8 Anm.) d'un grant 
peissun marage^ ki fu fait sure mer bleibe ich noch bei der 
Auffassung »i/re = jenseits stehen. Der an sich naheliegende 
Bedeutungsübergang von sor = „über hinaus" in „jenseits*^ 
scheint mir doppelt gerechtfertigt in Verbindung mit mer über die 
Höhe des Meeres hinweg. 

Zum Schluss noch ein Wort über die Stelle puis m'en istrai 
ensus demie liue large (S. 39 u.) S'en aler ensus als verstärktes 
s^en aler zu betrachten scheint mir nicht zulässig. Es würde 
der Bedeutungsentwickelung von ensus nicht widersprechen, wenn 
man es als „über (das Ziel) hinaus" fasste, also gleich „weiter". 

Ich möchte von der Arbeit Raithers nicht scheiden, ohne 
ausdrücklich volle Befriedigung über die feindurchdachte Leistung 
des Verfassers zu konstatieren, welcher ein klares Bild von dem 
Gebrauch und der logischen Entwickelung der Bedeutung der 
behandelten Präpositionen vor uns entrollt. Möge die in Aussicht 
gestellte Abhandlung über die sämtlichen französischen Präpo- 
sitionen von den ältesten Denkmälern bis auf die Gegenwart 
bald folgen. Von Interesse wäre es, wenn der Verfasser dann 
auch kurze Andeutungen über den Gebrauch der entsprechenden 
lateinischen Präpositionen beifügte. F. Tendering. 



W. Schumann^ Übersicht Über die französische Formenlehre. 
Programm des Progymnasiums zu Trarbach Das., 1888. 
20 S. 4°. 

Die Anstalt, deren Programm die obige Abhandlung beige- 
legt ist, hat die Lehrbücher von Ploetz jetzt neu eingeführt, ge- 
wiss eine Seltenheit heutzutage. Um den Schülern „ein Repeti- 
torium an die Hand zu geben, das alles enthält, was der Gym- 
nasiast auf dem Gebiete der französischen Formenlehre wissen 
muss", hat Schumann die vorliegende Zusammenstellung gemacht. 
Im wesentlichen ist dieselbe nichts anderes als ein Auszug aus 
Ploßtz, nur bezüglich des Verbums unterscheidet er sich etwas 
von seiner Vorlage, insofern die Verben auf — evoir nicht als 
regelmässige 3. Konjugation gezählt, sondern mit den übrigen 
auf — oir als unregelmässig, nach dem Paradigma rompre gehend, 
zusammengestellt werden. Die Auswahl ist nicht ungeschickt, 
einzelne Zusätze scheinen mehr gemacht zu sein, um doch Ploetz 



F. Schmidt, Französisches Elementarbtich. 41 

nicht gar zu trea zu folgen ; so die Vermehrung der Substantive, 
deren Geschlecht von dem Lateinischen abweicht. Warum gibt 
Schumann hier nicht den Akkusativ als lateinische Grundlage 
an? front von frontem^ cendre von cmerem dürfte dem Schüler 
doch auch verständlicher sein, als die Herleitung vom Nominativ, 
ganz abgesehen von der historischen Richtigkeit. Die Erklärung 
grammatischer Erscheinungen ist auch da, wo sie von Ploetz ab- 
weicht, unvollkommen, so wenn § 22 von der Ergänzung einer 
Präposition in Beispielen wie timhre-poste die Rede ist, oder 
wenn es § 25 heisst: „der Genetiv wird gebildet durch Vor- 
setzen von de etc.^, oder endlich § 42: ;,einige Adverbien nehmen 
auf das weibliche e einen accent aigu. Schumann hat versucht, 
Ploötz zu verbessern durch die Regel: (§ 74. 1) „die stamm- 
betonten Formen des Frisent du suhjonctif werden gebildet wie 
die dritte Person Pluralis des Indikativs ... die en düng s betonten 
wie die erste Person Pluralis." 

Da die Schüler nun doch den PloBtz in der Hand haben, 
hätte Schumann seinen Zweck in einfacherer Weise erreichen 
können, wenn er dieselben in ihrem Buche das zu Erlernende 
oder zu Wiederholende anstreichen Hess. Für die notwendige 
Orientierung in ihrer neuen Grammatik wäre das jedenfalls von 
Nutzen gewesen. F. Tendebino. 



Schmidt, Ferdinand, Französisches Elementarbuch. Bielefeld 
und Leipzig, 1888. Velhagen & Klasing. 112 S. 8®. 
Preis: 1 M. 

Der Grundsatz, den Schmidt in diesem Buche vertritt, dass 
die Methode des fremdsprachlichen Unterrichts von der Art, in 
welcher das Kind zur Herrschaft über seine Muttersprache ge- 
langt, zu lernen habe, ist an sich gewiss ein berechtigter. Es 
lässt sich aber aus diesem Grundsatz nicht ableiten, dass aus 
dem Anfangsunterricht in einer fremden Sprache, da das Kind 
seine Muttersprache nur durch Nachahmung erlernt, jede Re- 
flexion ferngehalten werden müsse, und dass alles, was dem 
Kinde gesagt wird, durch die sinnliche Anschauung oder durch 
das Bedürfnis des Lebens in Verbindung stehen müsse. Wir 
haben es im Unterricht nicht mit unmündigen Kindern zu thun, 
sondern mit etwa zehnjährigen Knaben, deren geistige Bethäti- 
gung durch Reflexion zu entwickeln ist; das muss eine der Haupt- 
aufgaben des erziehenden Unterrichts bleiben. Auch ist es eine 
Täuschung zu glauben, der Schüler könne durch blosse Nach- 
ahmung zu einem Beherrschen der fi*6mden Sprache innerhalb 



42 Referate und Rezensionen. H, Kcerting, 

des ihm überlieferten Stoffes kommen, denn es kann ihm in der 
beschränkten Zeit des Unterrichts derselbe Sprachstoff nicht in 
so zahlreichen Fällen vorgeführt werden, dass hierdurch allein 
alle Vokabeln und Formen nebst der Art der Verbindung unter 
einander haften blieben. Es bedarf namentlich für die meisten 
Formen eines besonderen, oft wiederholten Hinweises des Lehrers 
und schliesslich einer Zusammenfassung, wie sie auch der Ver- 
fasser nach der Übersetzung eines in der That recht massen- 
haften Materials eintreten lässt. Das ist doch wieder reflektie- 
rende Aneignung der Sprache, verbunden mit unmittelbarer und 
durch sie in naturgemässer Weise unterstützt, indem die An- 
schauung der Reflexion vorangeht. 

Nur auf dem Wege der Nachahmung die praktischen Ziele 
des fremdsprachlichen Unterrichts erreichen wollen heisst ab- 
sichtlich weite Umwege machen und alle Richtwege, welche zu 
demselben Ziele führen, unberücksichtigt lassen und damit später 
zum Ziele gelangen. So kann denn auch der Umfang des gram- 
matischen Wissens eines nach dem vorliegenden Buche ein Jahr 
lang unterrichteten Realschülers, also nach etwa 320 Stunden, 
nicht als ausreichend betrachtet werden, da er nur weniges von 
der Konjugation, nämlich die er -Verben und avoir und eire mit 
Ausschluss des Konditionalis und des Subjonctivs sich angeeignet 
hat. Den Schüler so lange bei diesem geringen Material festzu- 
halten, denn auch der sonstige grammatische Stoff ist unbedeutend, 
erscheint um so weniger gerechtfertigt, da S. ihn nicht durch die 
Lektüre zusammenhängender Stücke in die lebendige Sprache 
einführt, sondern zum grössten Teile nur Einzelsätze vorlegt, die 
allerdings sich in einer Weise aneinander anschliessen, dass jede 
Lektion doch immer wieder ein Ganzes bildet. Als Ergebnis 
kann aus diesen kaum mehr als die Kenntnis einer Anzahl von 
Vokabeln stammen. 

Das Buch enthält, wie nach den hier erörterten Grund- 
sätzen des Verfassers natürlich ist, keine Übungsstoffe zum Über- 
setzen aus dem Deutschen. Die Einübung des gewonnenen 
Sprachstoffes soll durch Diktate, Sprechübungen, Rückübersetzungen 
und endlich durch freie mündliche und schriftliche Arbeiten statt- 
finden. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Schüler bei ge- 
nügender Vorbereitung im Unterricht bald imstande sein werden, 
einige Gedanken aus dem Gelesenen in französischer Sprache zu 
reproduzieren, aber der Stoff ist doch zu spröde, um etwas 
anderes zu liefern als zusammenhanglose Sätzchen. Wirklich 
zusammenhängende einfache Geschichten würden sich zu einer 
Nacherzählung besser eignen. 

Die methodische Durchführung der Grundsätze des Ver- 



W, Pludhun, Parlons fran^aus! Quelques remarques pratiques etc, 43 



fassers in dem Anschauungsstoffe verdient nneingeschränktes Lob. 
Der Bchüler wird in Gebiete geführt, die seinem Ideenkreise nahe 
liegen, nnd es werden ihm Sätze vorgelegt, die wirklichen Inhalt 
haben und die, wie schon erwähnt, sich zu einem Ganzen zu- 
sammenschliessen; zusammenhängende Erzählungen treten erst in 
den letzten Lektionen, bei der Einübung des Imperfekts und des 
historischen Perfekts, auf. 

Vorausgeschickt sind dem Buche Lauttabeilen, mit deren 
Hilfe die Laute geübt werden sollen. Eine Lautschrift hat der 
Verfasser nicht beigefügt; von den hierfür angeführten Gründen 
stimme ich namentlich dem bei, dass eine neue Schrift ein zehn- 
jähriges Eänd verwirren muss. 

Abgesehen von den grundsätzlichen Bedenken stehen wir 
nicht an, das vorliegende Elementarbuch als eine recht tüchtige 
Leistung zu bezeichnen; der Verfasser hat das, was er gewollt, 
erreicht, und es ist nicht zu bezweifeln, dass in der Hand eines 
eifrigen Lehrers das Buch sich in seiner Art bewähren wird. 

F. Tendebino. 



[Pludhan, W. ,] Parlons fran^ais! Quelques remarques pratiques 
dont on pourra proJUer en Suisse et aiUeurs. Gen6ve, 
1888. Henri Stapelmohr. 25 S. 8o. Preis: 50 cent. 

Ein nicht eben systematisch angelegtes und tief blickendes, 
aber ein nützliclies und teilweise auch recht ergötzliches Büch- 
lein, empfehlenswert nicht nar für solche, die sich mit den Sünden 
eines speziell schweizerischen Französisch behaftet fühlen, oder 
die bei einem Aufenthalte in der französischen Schweiz die Rede 
des Volkes verstehen wollen, sondern für alle diejenigen, die als 
Ausländer französisch zu reden gezwungen sind und sich noch 
nicht wider jeden Verstoss gegen den Sprachgebrauch, die Aus- 
sprache u. s. f. gefeit wissen. Verfasser zeigt zunächst, wie in 
der Schweiz und wohl auch anderwärts gelegentlich „französisch^ 
gesprochen wird^) und fordert dann alle, denen daran liegt, unter 
die Gebildeten gezählt zu werden, dringlich zur Bekehrung auf. 



^) Des fois on y va, mon cousin et moi; on y a äie souvent. 

C*esi quand m^rne tr^s dommage: c^eimt bien tentatif. 

Je lui ai cause — depiiis mon jardm, je m*en rappeUe, 

fai rencontre des beaux equipages, mais dans cette longue lign^e 
de ooiiures, je n'ai personne vu de connaissance. 

Viens d'abord, viens t'aider. Je favais du de venir de snite. 
Jules rCesi pas encore lein. Allez porter ce paquei las deux. 

Si au Ueu de laisser tratner les affaires, tu les r^duisais, si tu les 
soignais dans ta commode ou les crochais dans ton armoire, tu n*aurais 
pas besoin de les faire ranger si souvent. 



44 Referate und Rezensionen. H. Kceriing, 

Sechszehn Seiten lang werden den fehlerhaften Wendungen (Ne 
cUtes paa!) die korrekten (Dites!) gegenübergestellt, bisweilen 
mit einer knappen, dem Laienverstande angemessenen Begründung. 
Verf. hat eine Anordnung versucht, indem er eine Klassifikation 
in Erreurs de verbes, Erreurs de prepositions, Erreurs d^adverbeSy 
Erreurs de noms, d^adjectifs et de pronoms und Erreurs diverses 
vornimmt, aber sehr vieles steht augenscheinlich am unrichtigen 
Platze, und überhaupt erweist sich die Einteilung nicht nur als 
wissenschaftlich ungenügend, sondern auch als in praktischer 
Hinsicht mangelhaft Es waren zunächst wohl diejenigen Fälle zu- 
sammenzustellen, in denen die Rede der minder Gebildeten weniger 
gegen die französische Sprache, als gegen die jeder Sprache zu 
gründe liegende Logik verstösst, wie z. B.: lehnt est remplij dans 
le but de . . ,y traverser le pont, iL ressemhle ä X. comme deitx gouttes 
d^eaUy geler de froid, marcher ä pied u. s. f. ; dann Verschmelzung 
zweier richtiger Redensarten zu einer falschen: la conduite qu'ü a 
men6e aus la condmte qu*ü a tenue und la vie qv!ü a menie; 
donner une confirence aus douTier des legons und faire une con- 
fSrence; un mot de hület aus un mot d^ecrit und un bout de 
billet, etc. Femer: falsche Analogien; z. B. je m'en rappelle 
nach je m'en satwiens, je lui ai causi nach je lui ai parli; partir 
ä, bezw. en, nach dem so konstruierten aUer; u. ä. m. Weiterhin: 
Vertauschung begriffsverwandter Worte, namentlich Verba : je de- 
stre m'^viter cette peine für m'^pargner; ü s'ennuie aprls son 
frlre u. s. w. Daran würden sich offenbare, vom Verf. häufig 
verkannte, Qermanismen zu schliessen haben; z. B.: la tache est 
loin (der Fleck ist weg, = a disparu), ü a marii une instäu- 
tricey choisir une vocation, friquenter Vuniversiti, fixer qn., le thd 
est iiri (hat gezogen), ü brüle ä Y,, ü reste devoir (er bleibt 
schuldig), contre la fin du moiSy saluer avec la main, venez-vous 
aveef, une masse d^enfants, impossible de trouver quelque chose 
de bon. Auch einige Italianismen wären zu verzeichnen (la bonne- 
main [Trinkgeld], la banque /= le comptoir]). Fernerhin syn- 
taktische Verstösse: solche gegen die Tempus- und Moduslehre, 
Simplex des Verbs für das Kompositum und das umgekehrte, 



Voire chambre est crue, ü fait bon chaud ici. Resiez seulemeat 
avec nous ; vous ne voulez pas nous deranger, 

J)u momeni oü vous tenez ä une banne piece, je ne connais per- 
sonne d'autre que je puisse mieux vous recommander ; ü est exceseive- 
uient fori enr sa pariie, et ü travaiUe träs bon march^. Maiheureuse- 
ment, eiani ä. court ä^argeni cee jours, il a tout liquid^ ses montres 
comme celle-ci, mais qu'esi-ce qui empiche qu^il vous en etahlisse une la 
m^me chose? Malgrä qu'il est ires occupe, Je suis sür que vous Cawrez 
encore assez viie, et comme de juste, vous ne la paierez qu^ apres 
livraison. 



fF. Pludhun, Pixrlons fran^ais. Quelques remarques praÜques etc. 45 

Reflexiya für einfache Verba (ein sehr hSafiger Fall), der Transi- 
tiva für die Intransitiva — beides wieder auch umgekehrt — , 
unrichtige Verwendung der Hilfsverba. £inen Unterschied hätte 
übrigens Verf. machen sollen zwischen wirklichen Fehlern und 
entschieden berechtigten dialektischen Ausdrücken. So sind 
ja gewiss falsch: pc^sionner le jeu f= aimer pcLSstonnSment), 
Vaffaire est houclh für bäclie, se revanger ftlr se revancher, des 
carrons für des carreaux, tuüih'e für hdleriej aber gute, freilich 
eben nur landesübliche Worte und Wendungen sind doch z. B. 
sucler = roussir (la barbe), SmoustiUer = exctter, affaner (de 
Vargent), bisquer, jicler^ mailler ^ die interessanten Komposita eu 
pondre: appondre (une corde = attacher), dipondre (sa robe = 
se deskabüler)\ greuler un arbrcy greuler de froidy Mole (== bou- 
leau), une paume de neige. Nicht unrichtig, sondern lediglich 
veraltet sind z. B. : le fils d . . . , tomber ä bouchan (von boucke)^ 
fruit mal mür u. ä. m. 

Für deutsche Leser des Werkchens wertvoll dürften auch die 
Remarques sur la prononciation S. 17 ff. sein, obschon allerdings 
des Verf. 's Angaben ganz elementar vorgetragen werden und eine 
lautphysiologische Schulung vermissen lassen. Ref. scheinen na- 
mentlich die folgenden Behauptungen richtig zu sein und doch von 
französisch sprechenden Deutschen nicht immer beachtet zu werden: 
1) in Formen des Konj. Impf., wie ü aUdt, il füy ü regüt, und des 
Perf., wie nous allämes, vous alldtes, nousftmes, vous re^tes sind 
die mit dem "" versehenen Vokale dennoch nicht lang; 2) nation, 
Station, ovation und andere auf -ation haben langes (geschlossenes) a. 
3) Lang (geschlossen) ist a auch vor ss: passer, passion, lasser, 
casser, tasse wie päcer, pädon u. s. w. (Ausnahmen : chässe, mässe 
und deren Ableitungen). 4) a lang (geschlossen) in Marianne [das 
zweite a], baron, carri, m^nne, gagner, il bat, acdame'^ Sachs ver- 
zeichnet nur halblanges a. Nicht jedem dürfte auch geläufig sein, 
dass man appendice = appindice spricht; dass Europe, Eughne 
== Urope, üghie veraltet sind; dass hdpital kurzes (offenes) o, 
groseille z.B. dagegen langes (geschlossenes) o hat, ebenso /o««e, 
fossoyer; dass ineocpugnable mit gutturaler Media und nicht n 
gesprochen wird; Machiavel mit A;, dagegen maehiavüisme mit 
dem Zischlaute; dass in impromptu das zweite p hörbar, in asüims 
tk stumm ist; dass Xerxes und Xir^s verschieden anlauten; dass 
mark ebenso wie marc (Kaffeesatz) stummen Guttaral hat, 
Madrid und salut stummen auslautenden Dental; dass quidam 
gleich Adam auf nasales a ausgeht, dass in susdit s hörbar ist, 
und von respect, aspect, suspect nicht -t, sondern der Guttural 
übergezogen wird. H. KosBTiNa. 



46 Referate und Rezensionen, F, Homemann, 

Rothfaclis , Julius, Vom Übersetzen in das Deutsche und von 
manchem andern. Programm [No. 333] des evangelischen 
Gymnasiums in Gütersloh. Das., 1887. 4^ 36 S. 

Ein köstliches „Geständnis aus der didaktischen Praxis^, 
kurz, aber sehr inhaltreich, geistvoll, klar und treffend wie 
Jäger's Testament. 

Der Kern der vonRothfncbs entwickelten Übersetzungsmethode 
liegt in dem Satze: „Jedes mündliche und schriftliche ^zVi- 
übersetzen soll von gutem Deutsch ausgehen, und — was 
noch ungleich wichtiger ist — jedes mündliche und schrift- 
liche ITerübersetzen soll zu gutem Deutsch gelangen."^) 

Beim ersten Übersetzen (Yorübersetzen) liest zuerst der 
Lehrer selbst den fremdsprachlichen Text (auch des Prosaikers) 
vor; dann übersetzt der Schüler unter dem Schweigen des 
Lehrers und der Klasse. Nur wenn er stockt, hilft ihm der 
Lehrer (oder lässt ihm helfen), aber nicht durch Vorsagen des 
Richtigen, sondern zunächst nur durch die Frage nach dem 
Grunde seiner Verlegenheit. Häufig genügt dann die Er- 
laubnis, die schwierigen Worte zunächst wegzulassen (vergL 
S. 20, Anm.^)); andernfalls muss auf die Konstruktion des 
Satzes zurückgegangen werden. Von den vier Regeln, welche 
Rothfuchs dafür S. 19 gibt, ist die zweite freilich nicht ohne 
Bedenken ; denn das Interrogativ-, ja selbst das Relativ-Pronomen 
kann auch an der Spitze eines Hauptsatzes stehen, und nicht 
jede Konjunktion ist eine unterordnende. 

Nach Beendigung des Vorübersetzens gibt es noch vieles 
zu verbessern und zu erläutern. Dabei sollen die Schüler 
möglichst selbst arbeiten, indem der Lehrer ihnen durch Dar- 
bietung von Apperzeptions-Stützen und -Leuchten hilft. 

Sind dann die Gedanken des Schriftstellers zu klarer Er- 
kenntnis gebracht, so ist der deutsche Ausdruck festzustellen: 
aus der wortgetreuen Übersetzung muss eine sinngetreue Ver- 
deutschung hervorgehen. Endlich liest der Lehrer am Schluss 
der Stunde die Musterübersetzung unter dem Lauschen, aber nicht 
unter dem Nachschreiben der Klasse noch einmal vor. 



1) Dadurch sollen die Schädigungen vermieden werden, welche 
der deutsche A-usdruck durch den üblichen Betrieb des fremdsprach- 
lichen Unterrichts oft erleidet. Welche dies sind, sagt Rothfuchs S. 22 
Anm.^. Aber es gibt noch eine von ihm nicht angeführte Schädigung, 
gegen die er auch in seiner eigenen Schreibweise wohl etwas strenger 
sein könnte: die Entstellung des deutschen Ausdrucks durch über- 
flüssige Fremdwörter. Ist es z. B. wirklich schön oder notwendig, von 
dem „codex einer bis ins Detail fixierten Methode" zu sprechen, 
wie S. 14 geschieht? 



/. Rothfuchs, Vom Übersetzen in das Deutsche etc. 47 

Ist 80 die erste Übersetzung eines Abschnittes, der inhalt- 
lich eine Einheit bildet, in einer oder wenn nötig in mehreren 
Stunden beendigt, so lasse man den Inhalt mündlich wiedergeben 
und den Gedankengang in seinen Hauptpunkten entwickeln. Zu- 
letzt mögen Konzentrationsfragen zeigen, ob der Inhalt des Ge- 
lesenen auch geistig aufgenommen ist. 

In der nächsten Stunde folgt dann das zweite Über- 
setzen (Nachübersetzen). Dieses geschieht ex cathedra, der 
Schüler liest den Text jetzt selbst vor, jeder Fehler wird ein- 
fach berichtigt, auch nach dem beim ersten Übersetzen Erklärten 
wird kurz gefragt. 

Endlich nach Erledigung grösserer Teile, ganzer Reden, 
Tragödien, Dialoge usw. tritt das dritte Übersetzen (die 
Generalrepetition) ein. Dieses soll nicht hastig, aber sicher und 
schnell (120 — 200 Zeilen Teubnerschen Textes jede Stunde) ge- 
schehen. Erklärt wird gar nichts mehr; die Klasse soll „ge- 
messen wie einer, der eine schöne Gegend wiedersieht^. Jetzt 
mag man, wenn man will, zum Schlüsse auch eine eingehendere 
Einleitung in das gelesene Schriftwerk geben, die vor der Lektüre 
doch nicht verstanden wäre; jetzt soll die Anordnung und der 
Gedankengang des Ganzen in seinen Hauptzügen entwickelt und 
eine ästhetische Gesamtwürdigung gegeben werden; jetzt (nicht 
früher) mag man auch eine weitere Durcharbeitung zur Erregung 
des vielseitigen Interesses versuchen. Namentlich mag jetzt ein 
„warmes Wort" auch das ethische Interesse erwecken, aber hier 
besonders: stt modus in rebus, sint certi denique fines! 

Das sind die Grundzüge, gleichsam das Gerippe von Roth- 
fuchs' Schrift — leider der Kürze halber nur allzu vollständig 
von dem Fleische und Blute entkleidet! Rothfuchs gibt sein 
Verfahren nur als eines von vielen möglichen; meines Erachtens 
erfüllt es die Zwecke des Herübersetzens so vollständig, dass es 
wenigstens in der altsprachlichen Lektüre stets angewandt werden 
sollte. Nur ein, allerdings nicht unwichtiger Funkt scheint mir 
vernachlässigt. Soll die Eingewöhnung in die Formen der 
Fremdsprache nur durch das Übersetzen aus dem Deutschen 
und den grammatischen Unterricht erfolgen? Hat nicht vielmehr 
auch die Lektürestunde dazu mitzuwirken, und wie? Ich glaube, 
dass Rückübersetzungen, fremdsprachliche Fragen und Antworten 
über den Inhalt des Gelesenen, Zusammenfassungen desselben in 
der fremden Sprache an die Lektüre angelehnt werden sollten. 
Im Lateinischen wären sie besonders in den unteren Klassen 
förderlich, um die rechte Grundlage für die Übersetzungen aus 
dem Deutschen zu gewinnen (Perthes empfiehlt sie in Quinta); in 
den neueren Sprachen müssten sie bis zur Prima hinauf ge- 



48 Referate und Rezensionen, F. Hornemann, 

pflegt werden ) als Vorttbungen für freie Arbeiten und für 
etwaiges späteres Sprechenlemen. Sie könnten nach Beendigung 
jeder kleineren Einheit, also in der Regel am Ende jeder Stunde 
eintreten, beziehungsweise einen Teil der Besprechung des Inhalt 
ersetzen. 

Aber Rothfuchs verbindet nut der Darlegung seiner Ge- 
danken über das Herübersetzen besonders in den Anmerkungen 
noch ,, manches andere^, was ^vielleicht weiter vom^ Thema ab, 
aber dem Herzen desto näher, liegt. ^ Einiges davon hängt mit 
der Hauptaufgabe seiner Schrift noch ziemlich eng zusammen; 
so die trefflichen Bemerkungen über das Vokabellernen und den 
Wert des Etymologisierens (S. 15 Anm.^)), sowie der Vorschlag, 
in Prima aus leichten, früher schon gelesenen Schriftstellern 
grössere Abschnitte kursorisch lesen zu lassen (S. 33 Anm.^)^). 
Anderes dagegen hat viel allgemeinere Bedeutung. 

Nach Rothfuchs ist der Zweck der Erziehung die Ent- 
Wickelung der geistigen Kräfte zu freier Bethätigung. In Prima 
soll daher das Motiv des wissenschaftlichen Interesses vorherrschen; 
in den anderen Klassen suche der Lehrer zwar auch Interesse 
zu erregen, lasse aber hinter demselben mehr oder weniger deut- 
lich das „Glück des Müssens'^ stehen (S. 14 Anm.^)). Bei 
schwierigen Stellen bemerke er schon im voraus, dass die Lösung 
nicht verlangt werde. Gerade dann setzen manche Schüler be- 
sonders gern ihre ganze Kraft daran, sie zu finden (S. 15). 
S. 16 Anm.*) gibt Rothfuchs weitere vortreffliche Bemerkungen 
über die Hanptbebel zur Erregung freier Auftnerksamkeit. 

Auch die Persönlichkeit des Lehrers soll sich im 
Unterricht frei entfalten können. „Man soll den Geist 
der Pädagogik nicht dämpfen durch den codex einer bis ins 
Detail fixierten Methode^. „Fremde Erfahrung nützt, doch nur, 
wenn sie sich in der eigenen erprobt.^ Für den angehenden 
Lehrer ist Anleitung zu einer Methode „geradezu nötigt, aber 
sie muss praktisch und so weitherzig sein, dass sie die Persön- 
lichkeit nicht fesselt (S. 13 Anm.^) und S. 14). 

Der Didaktik Herbart's gegenüber teilt Rothfuchs den 
freieren Standpunkt Frick's (S. 28 Anm.^); vergl. auch S. 7 
Anm.^)). Mit den Herbartianern bezeichnet er Erziehung als die 
Aufgabe der Schule; seine allgemeine Äusserung über die 
Methode des Herübersetzens S. 12 f. zeigt ebenfalls, wie nahe 
er Herbart steht; auch die Herbart-Ziller-Stoysche Didaktik findet 
er förderlich, wenn der Lehrer sich von ihr anregen, aber nicht 



1) Vergl. den ähnlichen Vorschlag Heussner's für das Lateinische, 
Schriften des Deutschen Einheiisschulvereins Heft 4, S. 73 und 74. 



/. Roikfuchs, Vom Übersetzen in das Deutsche etc. 49 

fesseln lässt (S. 32). £r richtet sich gegen alle Künstelei mit 
Fonnalstufen- und Interessen-Didaktik (§ 32 — 35), aber — wie 
oben bemerkt — an ihrer rechten Stelle verwertet er auch diese. 
Indem er den Grundsatz hervorhebt, dass Sprachunterricht zu- 
gleich Sachunterricht sei, fordert er doch Masshaltung in Sach- 
erklärungen ; denn das übersetzen ist und bleibt in der Lektüre- 
stunde die Hauptsache. 

So steht Rothfuchs in den didaktischen Tagesfragen frei 
über den Parteien ; dasselbe ist auch der Fall in der Frage der 
Schulreform. Warm tritt er für den Wert der klassischen 
Sprachen ein (§ 14 — 15); er verteidigt die Grammatik, welche 
„ihre Anfeindung mit Ehren, trage", und fordert nicht allein 
grammatisch genaue Erklärung der Schriftsteller, sondern gibt 
ihr auch besondere Stunden, wo sie „Herrin sein soll". Vergl. 
S. 25 Anm.2), S. 27 Anm.*), S. 21 und Anm.^). Vermehrung 
der Lehrstunden für das Deutsche fordert er nicht, aber seine 
ganze Schrift wird beherrscht von dem Gedanken, den fremd- 
sprachlichen Unterricht für die Hebung der Sprachkraft in der 
Muttersprache fruchtbar zu machen. Auch S. 30 Anm.^) ist für 
diesen Zweck wichtig. Doch erwartet Rothfuchs von der Ent- 
Wickelung der Sprachkraft noch eine tiefere Wirkung. „Der 
Mensch '^, sagt er, „bildet den Stil, aber auch der Stil den 
Menschen. '^ Das heisst doch wohl: Durch den Stil influiert 
etwas von dem fremden Wesen in das eigene herüber, prägt 
sich etwas von jenem dem eigenen auf. So präge sich denn 
vom Wesen der klassischen Litteratur der Alten derjenige Cha- 
rakter dem deutschen auf, den unsere beiden grossen Dichter- 
heroen uns raten in dem Worte, welches wir unserem Geständnis 
als Motto^) an die Stirn geschrieben: Römische Kraft und 
griechische Schönheit!" Dies ist der ideale Zweck, dem 
Rothfuchs' Methode dienen soll; darum fordert er, dass der 
fremde Schriftsteller nicht bloss wortgetreu übersetzt, sondern 
durch wirkliche Verdeutschung ganz in den deutschen Geist 
hintibergeführt werden soll. Freilich muss Rothfuchs vom Lehrer 
hervorragende Übersetzungskunst verlangen, um dies Ziel er- 
reichen zu können. Homer soll naiv und lieblich übersetzt 
werden, Herodot einfach und treuherzig, Demosthenes feurig und 
und patriotisch, Sophokles erhaben und geistvoll, Tacitus ernst 
und scharf, bisweilen bitter, Horaz lebensvoll und heiter, Cäsar 
sachlich und gehaltvoll, Plato ideal und tief, alle aber kraftvoll 
und masBvoll. Dies zu leisten, ist die schwerste, aber auch 



^) Ringe, Leutscher, nach römischer Kraft und griechischer Schönheit! 
Beides gelang Dir, doch nie glückte der gallische Sprung, 

Zschr. f. frz. Spr. n. Litt. XI^. a 



50 Referate und Rezensionen, F, Homemann, 

BohöBste Aufgabe; welche RothfuchB uns Schulmännern in vor- 
liegender Schrift stellt; vermögen wir sie zu erfüllen, so werden 
wir auch jenen hohen Zweck verwirklichen können. 

Wer die Bedeutung der SchriftstellerlektUre so tief und 
ideal auffasst, kann kein Freund des modernen Utilitarismus sein. 
Rothfuchs tadelt die Sprachroutiniers, welche von unsern Schulen 
Leistungen fordern, in denen uns die Kellner doch über sind, 
und verweist auch die Aneignung der Vorkenntnisse für das 
Fachstudium — besonders das medizinische und naturwissen- 
schaftliche — auf die Universität (§15 mit Anm.^) und ^)). Die 
Schule soll nur „die Tüchtigkeit verbürgen, sich weiter bilden 
und ein Fachstudium beginnen zu gönnen. "" 

Aber wenn er so den eifrigen Schulreform ern gewiss viel 
zu sehr am Alten zu hängen scheint, freut er sich andererseits 
über Fortschritte, „ welche neues Gute erstreben, ohne altes Gute 
preiszugeben^ (S. 32 Anm.^)). Gerade in den beiden Punkten, 
welche auch ich als die wichtigsten betrachte, scheint er eine 
Weiterentwickelnng des Gymnasiums zu wünschen. Er mahnt, 
das Gymnasium möge in der Pflege des Beobachtens ja nicht 
zu weit hinter dem Realgymnasium zurückbleiben, und er schätzt 
in besonderem Masse das Griechische als ideales Bildnngs- 
mittel. Ganz besonders von dem Werte der griechischen 
Litteratur^) soll der Schüler einen bleibenden Eindruck ge- 
winnen; und der Vergleich^ welcher S. 31 Anm.^) zwischen Cicero 
und Demosthenes inbezug auf den Gehalt ihrer Reden angestellt 
wird, fällt sehr zu gunsten^des Griechen aus. Würde Rothfuchs 
nicht vielleicht zustimmen, wenn man behauptete, der Bildungs- 
wert des Lateinischen liege vorzugsweise in den unteren und 
mittleren Klassen, während es in den oberen Klassen etwas 
verkürzt werden könnte? Hat er doch schon früher seine Mei- 
nung dahin erklärt, man könne den lateinischen Aufsatz 
schenken. (Zur Methodik des altsprachlichen Unterrichts, 2. Aufl., 
S. 44 mit Anm.) 

Doch hierüber wie über manche andere Fragen enthält die 
vorliegende Schrift höchstens Andeutungen; möge Rothfuchs das, 
was dem diesmaligen Thema femer, aber seinem Herzen desto 
näher liegt, in einem weiteren Geständnis aus den Anmerkungen 
entfernen und in vollerer Darstellung als Hauptaufgabe behandeln 1 
Er würde sich den Dank der pädagogischen Welt verdienen und 
dazu mitwirken können, die Reformbewegung auf dem Gebiete 
des Schulwesens in die richtigen Bahnen zu leiten. 

^) Über deren Auswahl S. 28 Anm.*) ausführlicher gesprochen wird. 

F. HOSNEMANN. 



Engtich^ Die französische Grammatik am Gymnasium, 51 

Englich, Die französische Grammatik am Ghymnasium, Progrmmm 
[No. 28] des Eönigl. GymnasianiB in Danzig. Das.; 1886. 
42 S. 40. 

Diese Schrift, die aas langjähriger und vielseitiger Unter- 
richtserfahmng hervorgegangen ist, hat vor allem den Zweck, 
nachzuweisen, dass und in welchen Punkten unsere fran- 
zösischen Schulgrammatiken am Gymnasium gekürzt 
werden müssen. Gerade die besten derselben, wie die Lücking's, 
Flattner's, Knebel - Probst's, bieten viel mehr, als in der dem 
Französischen gewidmeten Zeit durchgenommen werden kann« 
Di^ sogenannten Normalgrammatiken aber sind aus verschiedenen 
Gründen zu verwerfen, darunter auch — was Englich nicht an- 
führt — deshalb, weil sie die dem Schüler so förderliche Über- 
sichtlichkeit kurzer, auf das Notwendige beschränkter Auszüge 
aus der Grammatik nie erreichen können. Allerdings bieten 
xPlcetz' Lehrbücher eine praktischere Auswahl des Stoffes, aber 
„der Weg, den er uns führt, ist ein zu praktischer und zu sehr 
zuHÜliger, ein solcher, welcher das Ziel des Gymnasiums, allge- 
meine Bildung zu geben, zu wenig berücksichtigt und deswegen 
in dem Schüler das Bewusstsein, nach einem bestimmten Ziele 
geleitet zu werden, überhaupt nicht erwachen lässt.'^ So bleibt 
also nur das Mittel, Grammatiken wie die Lücking's oder Knebel- 
Probst's zu verkürzen. Da Englich nach letzterer unterrichtet, 
so schliesst er seine Vorschläge an diese an und zeigt, indem 
er sie Abschnitt für Abschnitt durchmustert, dass sie durch 
Ausmerzung des Überflüssigen, knappere Fassung der Regeln und 
Überweisung zahlreicher Einzelheiten an die Lektürestunde — 
denn was in der besonderen Grammatikstunde einzuüben 
ist, will Englich feststellen — „mindestens um die Hälfte redu- 
ziert werden kann.« Man wird seinen Auslassungen durchweg 
zustimmen, ja, wenn ich nicht irre, noch beträchtlich weiter in 
den Kürzungen gehen können als er. 

Aber Englich beschränkt nicht allein den grammatischen 
Stoff, er schlägt auch Verbesserungen in der Anordnung 
und im Inhalt der Regeln vor. Dabei strebt er mit Recht 
nach schärferer Scheidung der Formenlehre von der Satzlehre — 
z. B. in der Lehre vom Fürworte Kn.-Pr. § 35 ff. — , sowie nach 
Entfernung lexikalischen und stilistischen Stoffes aus der Gram- 
matik; so mehrfach S. 27 und 28. In mehreren Punkten kommt 
er auch den gegenwärtig so lebhaft umstrittenen methodischen 
Reformforderungen auf dem Gebiete des Sprachunterrichts nahe. 
Wiederholt will er an Stelle der vielen Einzelregeln das zu 
Grunde liegende allgemeine Prinzip setzen; so S. 20 in der 

4* 



52 Referate und Rezensioften. F. J)ötT, 

Lehre yob der Wortstellung, S. 33 in der Lehre von den Modi, 
S. 24 in der Lehre von der Stellang des Adjektivs, wobei mir 
freilich zweifelhaft bleibt, ob er das Prinzip ftir die letztere zu- 
treffend bestimmt. Mit vollem Rechte betont Englieh, dass hier- 
durch der Unterricht bildender und interessanter wird. Dabei 
benutzt er die Ergebnisse der neueren Sprachwissenschaft, z. B. 
S. 16 für die Behandlung der unregelmässigen Verben. Freilich will 
er diese erst mechanisch einüben und nachher erläutern, während 
man doch zweckmässiger Verständnis und gedächtnismässige An- 
eignung sich von vornherein gegenseitig untersttitzen lässt. Auch 
verbessert er die unwissenschaftlichen Regeln über die Bildung 
der regelmässigen Verbalformen Kn.-Pr. S. 76 nicht, obwohl doch 
eine denkende Erlernung der unregelmässigen Verbalformen eine 
entsprechende Behandlung der regelmässigen voraussetzt.^) 

Auf das Einzelne näher einzugehen und auszuführen, welche 
von Englich*s Verbesserungsvorschlägen mir gelungen scheinen, 
welche nicht, verbietet mir der dieser Anzeige zugemessene 
Raum; nur auf einen wichtigen allgemeineren Gedanken mache 
ich noch aufmerksam, der die ganze Schrift Englich's durchzieht, 
ich meine das Streben, die französische Grammatik aus 
ihrer Vereinzelung zu befreien und mit der der anderen 
Sprachen, vornehmlich natürlich mit der lateinischen, 
in Beziehung zu setzen. S. 2 bezeichnet er die Anlehnung 
an das Lateinische geradezu als ein wesentliches Erfordernis 
einer französischen Grammatik für Gymnasien; denn durch die- 
selbe werde nicht allein eine bedeutende Entlastung erzielt, 
sondern auch die sprachliche, ja die allgemeine Bildung gefördert, 
da ja dem Schüler der Begriff des Historischen, von dem unsere 
ganze heutige Wissenschaft durchdrungen ist, inbezug auf die 
Sprache dadurch zum Bewusstsein gebracht werde. S. 32 fügt 
er bei Gelegenheit der Lehre von den Tempora hinzu, dass 
auch die Terminologie in der französischen Grammatik soweit 
wie möglich der lateinischen folgen müsse, „da man dadurch 
nicht nur der Verwirrung, die durch neue Namen stets leicht 
herbeigeführt wird, vorbeugt, sondern auch noch die Begriffe, 
welche die lateinische Grammatik mit gewissen Namen verbindet, 
befestigt.^ So ist Englich's Arbeit auch ein Beitrag zu einer 
vergleichenden Darstellung der Grammatik für den Schulunter- 
richt, deren Durchführung fOr alle fünf Schulsprachen (Deutsch, 
Lateinisch, Griechisch, Französisch und Englisch) meines Er- 

^) Sehr zu billigen ist auch der gelegentlich ausgesprochene 
Grundsatz, in V und I v überwiegend viel französisch lesen, wenig aus 
dem Deutschen übersetzen zu lassen, sowie die Forderung S. 17, den 
Schwerpunkt des Unterrichts wirklich in die Klasse zu verlegen. 



J. Gfitersohn, Zur Reform des fremdsprachlichen Unterrichts etc, 53 

achtens eine der bedeutendsten und fruchtbarsten, freilich auch 
schwierigsten Aufgaben der heutigen Methodik ist. Vergleiche 
meine Gedanken und Vorschläge zur Parallelgrammatik im 
3. Hefte der Schriften des deutschen Einheitsschulwesens, sowie 
den soeben bei Alfred Holder in Wien erschienenen Ahrisg der 
französischen Syntax mit Rücksicht auf lateinische und griechische 
Vorkenntnisse, dargestellt von Em. Feichtinger, und die bei Swan 
Sonnenschein in London herausgegebene ParaUd Grammar Series, 
So sei denn die anregende Schrift Englich's allen Fach- 
genossen zur Lektüre und zu eingehender Prüfung bestens 
empfohlen! F. Hobnemann. 



Gntersolin, J«, Gegenvorschläge zur Reform des neusprachüchen 
Unterrichts. Sonderabdruck aus den Verhandlungen des 
Vereins akademisch gebildeter Lehrer an badischen Mittel- 
schulen (Pfingsten, 1887). Karlsruhe, 1888. Braun. 26 S. 8«. 
Preis: 0,60 Mk. 

Guter sehn äussert sich nach einigen einleitenden Worten zuerst 
über „Phonetik", dann über den „Anfangsunterricht", und weiter 
über die „zweite ünterrichtsstufe" (am Schluss folgen noch einige 
Bemerkungen). Der Vortrag soll „vorzugsweise die Bedürfhisse der 
lateinlosen Realschulen berücksichtigen", die nach Gutersohn's Meinung 
„bis jetzt allein noch in keiner Weise ausgesprochene Stellung (wie 
kann man eine Stellung aussprechen?) zu der Frage genommen 
hätten". Die einleitenden Worte bringen „mit Rücksicht auf die Zu- 
sammensetzung der Versammlung, deren grösserer Teil bis jetzt wohl 
der Frage etwas ferner gestanden", „einige kurze Notizen und kritische 
Bemerkungen über den geschichtlichen Verlauf der neusprachlichen 
Reformbewegung". Es werden genannt Perthes (beifällig), Quousque 
Tandem (mit Hinweis auf Ulbrich, der geäussert habe, Quousque Tan- 
dem sei in der Negation und in der Invektive ausführlicher und klarer, 
als in seinen positiven Vorschlägen ; und mit Berufung auf Ickelsamer, 
der schon 1529 auf den Unterschied zwischen Buchstaben und Laut 
hingewiesen habe). Kühn (abfällig), Münch, Rambeau („in mancher 
Hinsicht" beipflichtend); Hornemann, Eidam, Ohlert (als „mehr 
gemässigt" bezeichnet) und die Beschlüsse mehrerer Schul- und Fach- 
männer-Versammlungen, insbesondere der Hauptversammlung des 
Deutschen Vereins für höhere Mädchenschulen in Berlin, 1886, und des 
Neuphilologentags in Frankfurt a/M. , 1887 (beide ebenfalls „mehr ge- 
mässigte Stellungsnahme"). Dann verweist Gutersohn auf die Anord- 
nungen der Badischen Schnlbehörde bezüglich des Betriebs des 
französischen Unterrichts an den Gymnasien und auf die „meist auf 
eigenen Antrieb" durchgeführten Neuerungen an höheren Mädchenschulen 
in Baden. — Auswahl wie Urteil sind natürlich durchaus subjektiv. 
Es konnte noch mancher mehr oder minder hervorragende Vertreter 
und Gegner der „Reform" genannt werden, wenn selbst Eidam in der 
Liste prangen durfte. Manche Versammlung, auf welcher sich weit 
mehr und kompetentere Fachleute befanden, als auf der berühmten 
des Mädchenschulvereins zu Berlin, war zu erwähnen. Und neben dem 
einsamen Ickelsamer konnte auch noch mancher andere genannt werden 



54 ReferaU und Rezensionen, F, Dan-, 

(nebenbei bemerkt ist das „Lautieren*' in unseren Volks- und Vor- 
schulen etwas ganz anderes, als was sich Gutersohn darunter zu denken 
scheint, wenn er meint, Quousque Tandem -Vietor habe sich diese 
Präzedenzfälle entgehen lassen — in Wirklichkeit kennt Vietor nicht 
nur Ickelsamer, sondern auch noch andere Leute ganz gut, wie ich 
weiss, und vielleicht besser als Gutersohn, wie ich mir zu vermuten 
gestatte). Gutersohn nennt auch nachher noch viele und vieles selbst, 
l^ennzeichnend für sein Verfahren ist aber auf diesen ersten zwei 
Seiten, dass er Psychologie und Pädagogik, beziehungsweise Geschichte 
der Methodik fCir sich zu verwenden bestrebt ist ; mit welchem ßrfolge, 
zeigt sich wohl noch später. 

In Abschnitt I „Phonetik" sucht Gutersohn mit Heranziehung 
einzelner Äusserungen verschiedener Reformer und Gegenreformer dar- 
zulegen, dass phonetische Umschrift und Begründung der Formenlehre 
auf die Lautlehre „für die Schule nicht verwertbar** und „vollkommen 
gerichtet" seien. Den Thesen Ahn's vom Neuphilologentag 1886 stimmt 
Gutersohn zu: „Das ist nun wohl ein Standpunkt, der einer besonderen 
Begründung nicht mehr bedarf, dem vielmehr jeder erfahrene Lehrer 
ohne weiteres beistimmen wird." Gutersohn erkennt auch „laut und 
lobend" an, dass Ploetz' „systematische Darstellung der französischen 
Aussprache" „immer noch ein zuverlässiger und unentbehrlicher Rat- 
geber für den Studierenden und den angehenden Lehrer, besonders 
wertvoll auch bei einem Aufenthalt im fremden Lande selbst" bleibt. 
Er findet es „unerklärlich", „wie sich einige der Reformer so sehr 

fegen die sogenannte Ausspracheregeln (bei ^loetz u. a.) ereifern 
önnen." Br erklärt, „es ist wenigstens für das Französische kaum 
eine kläglichere Unterrichtsbrücke (Unterrichtsbröcke — nebenbei be- 
merkt, ein eigener Ausdruck, Gutersohn ist überhaupt nicht immer 
glücklich mit seinen bildlichen Ausdrücken) denkbar, als gerade die 
phonetische Umschrift. Er sagt „getrost": „Wo es bei dem Lehrer 
an der guten Aussprache oder der nötigen phonetischen Schulung fehlt, 
da wird auch mit dem gelungensten Lautschriftsystem in der Schule 
nicht viel erreicht werden" ... Er verlangt, es solle, wie beim ersten 
Unterrichte in der Muttersprache, „Anschauungs-, Schreib- und Lese- 
unterricht" vereinigt sein, so auch im fremdsprachlichen Unterrichte 
an dem Grundsatze festgehalten werden, „dass die Kinder schreibend 
lesen und lesend schreiben lernen sollen" : „nur wenn Laut und Zeichen 
untrennbar vereint bleiben, kann das fremde Wort im Bewusstsein 
haften." Dieses „kann" ist etwas kühn. Welche Zeichen werden 
denn in dem Bewusstsein des Babys untrennbar mit den Lauten: Mama, 
Papa etc. vereint? Und hat Herr Gutersohn nie ein französisches oder 
englisches Wort von einem Franzosen oder Engländer gehört und be- 
halten, ohne dass dieser es ihm mindestens vorbuchstabierte? Das ist 
die unglückselige deutsche Schulmeisterei , für welche die handgreif- 
lichsten Thatsachen, die alle Tage hundertmal geschehen, nicht vor- 
handen sind. Und hat Herr Gutersohn noch nie gehört, dass ein- 
sichtige Volksschnllehrer sehr darüber zu klagen haben, wie verdriess- 
lieh es sei, dass Laut und Schrift einander so weni^ decken? Hat er 
noch nicht bemerkt, dass solche, die weniger einsichtig sind, der Schrift 
zuliebe ganz falsche Laute lehren? Hat er noch nie gesehen, wie die 
ersten schriftlichen Arbeiten z. B. eines englischen kleinen Schuljungen 
sich präsentieren? Es könnte ihm die erste beste Mutter, welche sich 
um ihr 6 jähriges Söhnchen oder Töchterchen ein wenig kümmert, 
verraten, wie sehr sie in Verlegenheit gerät, wenn das kleine Wesen 
lautrichtig: un^, Hun< = bunt etc. schreibt; oder eine Bitte um Ein- 



/. Guiersohn, Zur Reform des fremdsprMhUchen Unterrichts etc. 55 

Bendang eines Aufsatzes eines englischen Schuljungen (es könnten 
als Ersatz einige im Januar- und Februarheft 1889 von Lofwman^e 
Magazine abgedruckte Proben dienen) an einem School Board Teacher 
ihn darüber aufklären, dass Laut und Zeichen sich bei der her- 
kömmlichen Orthographie sehr mit Widerstreben kopulieren lassen. 
Es wäre ein Ziel „aufs innigste zu wünschen'', dass die Phonetiker sich 
über ein möglichst einfaches Standard alphahet einigten und dies dann 
als ,, Orthographie" in den Schulen gelehrt würde, anstatt des Misch- 
masches, der heutigen Tages leider die Köpfe der Lehrer und Kinder 
verwirrt. ^- In Abschnitt I hat Gutersohn also den Vogel nicht ab- 
geschossen.^) 

In Abschnitt II behandelt Gutersohn den Anfangsunterricht. Er 
beginnt mit einem Hinweis auf eine von ihm selbst verfasste fran- 
zösische Leseschule^): „gerade für die Anfangsstufe wird kaum je ein 
wesentlich verschiedenes Lehrverfahren gefunden werden können, das 
ebenso rasch und leicht zu einem befriedigenden Ziele führte/ Dieses 
einzige Lehrverfahren beginnt in § 1 mit dem Alphabet und An- 
weisungen wie folgt : „C c (ce) . . . (sseh), G g (gS) . . . (scheh — sehr 
weich)'* etc., lehrt in der ersten Leseubung einzelne Wörter lesen, die 
ohne Zusammenhang und zum geringsten Teile mit Angabe der deutschen 
Bedeutung erscheinen, darunter: malotru, abrutir, primitif pyramidal, 
matrimonial^) Hoffentlich verzeiht Herr Gutersohn den „Reu>rmem", 
wenn sie kühn genug sind, zu glauben, es könne doch noch ein Lehr- 
verfahren gefunden werden, ja, es sei schon gefunden, das nicht un- 
erheblich anders und besser sei als dieses ^gute, solide und sichere/^) 

Für die späteren Stufen des Unterrichts erklärt Gutersohn, seien 
„grosse und weitgehende'' Reformen „wünschenswert und nötig." Er 
verweist sodann auf die „Prinzipien", welche, „als für die Didaktik 
massgebend nachgewiesen sind": „die Forderung des Unterrichts- 
ganges vom Leichteren zum Schwereren, vom Bekannten zum 
Unbekannten, endlich vom Konkreten zum Abstrakten." Von 
diesen schweren Dingen haben die „Reformer" natürlich nie ett^as 
gehört; deshalb gerät auch Gutersohn alsbald „in schroffen Gegen- 
satz zu einer weiteren Forderung der Sprachreformer, nämlich den 
Lesestoff gleich von Anfang an zum Ausgangs- und Mittelpunkt 
des Unterrichts zu machen." Gutersohn beginnt mit Einzelsätzen, 
weiss sich dabei „im Einklang mit Perthes selbst" und verweist 
auf Herbart und Ziller und die „wissenschaftliche Pädagogik." Es 
folgt eine Belehrung über das „eigentliche Wesen des Lernprozesses", 
über analytisch und synthetisch (was natürlich für akademisch ge- 
bildete Lehrer höchst nötig ist), und es wird auseinandergesetzt, dass 
naturgemäss beim Erlernen der fremden Sprache an die Muttersprache 
anzuknüpfen sei. „Die Sprachform allein ist und bleibt für den 

1) Ich darf nicht versäumen, darauf hinzuweisen, dass er auf 
Seite 3 Vietior gegenüber noch ganz besonderes Unglück hat, indem 
er ihn, ohne den Sachverhalt zu ahnen, durch ein Zitat aus Sweet 
nach Victors eigener Übersetzung belehren will. Vgl. Phonetische 
Studien II 1888, S. 101 f. 

3) Dresden, 1886. Ehlermann. 

8) Vgl. „Mädchenschule"", II 1889, S. 45--4«. 

*) S. 15. „Wie überhaupt die sogenannte „phonetische Schu- 
lung", die ja fast von allen Sprachreformern angestrebt wird, auf einem 
ajidern Wege als dem in der LeseschtUe eingeschlagenen erreichbar 
wäre, ist unerfindlich." 



56 Referate und Rezensionen, F, Dörr, 

Lernenden das Neue, fast gänzlich Unbekannte und darf als solches 
nach allen Gesetzen der Logik und der Psychologie nur auf synthe- 
tischem Wege ihm zugeführt werden." Also „vom Laute oder Buch- 
staben zum Worte, dann zum Satze und zuletzt zum zusammen- 
hängenden Lesestücke." „So scheint uns denn gerade die richtige An- 
wendung der von der „wissenschaffclichen Pädagogik" gebotenen 
Grundwahrheiten im wesentlichen zu einer Bestätigung und tieferen 
Begründung der im geschichtlichen Verlaufe ganz naturgemäss 
entstandenen synthetischen Methode des fremdsprachlichen Unterrichts 
zu führen. Wer nur einigermassen mit der Geschichte der Pädagogik 
bekannt ist, der weiss, dass besonders in diesem Zweige des Unter- 
richts erst nach grenzenlosen Verirrungen und grossartigen Mi^^serfolgen 
ein besserer, psychologisch richtigerer Lehrgang angebahnt worden ist, 
und zwar ist cÜes in erster Linie den Anstrengungen des Comenius, 
den trefflichen Grundsätzen seiner ^Grossen ünierrichislehre ... zu ver- 
danken . . ., durch letztere trat er erfolgreich dem alten Irrweg ent- 
gegen, den Unterricht sofort mit der Lektüre der fremden Klassiker 
zu beginnen . . ." ,,Meine Leseschule . . ." „Im allgemeinen . . . darf . . . 
der Anfangsunterricht nicht von der auf psychologischer Basis ruhenden, 
wesentlich synthetischen Methode abweichen. Wie fest und gut 
aber diese Basis gerade durch die Kerbart -Zillersche Pädagogik be- 
gründet ist, das beweist in letzter Linie noch ein Blick in die Geschichte 
der Pädagogik." Nun folgt ein wiederholter Verweis auf Comenius, 
etwas Polemik gegen Kühn und Plattner und der Rat: „Man lese über- 
haupt in einer ausführlichen Geschichte der Pädagogik, in den Werken 
des Comenius u. dergl. nach, zu welch traurigen Resultaten jene 
Methode des Sprachunterrichts noch immer geführt hat, wo man gleich 
mit dem Lesen eines zusammenhängenden Textes begonnen." Zum 
Schlüsse des Abschnittes II 5 Thesen, die das Vorgetragene zu- 
sammenfassen. 

In diesem Abschnitte verfährt Gutersohn mit wahrhaft ver- 
blüffender Kühnheit. Auf welche Hörer, beziehungsweise Leser rechnet 
er wohl? Danach muss doch der, welchem bis dato Comenius, Uerbart, 
Ziller etc. terra incognita waren, sicher glauben, diese Heroen der 
Pädagogik fingen fremdsprachlichen Unterricht mit Einzelsätzen be- 
liebigen Inhalts an; denn so will es ja der in Geschichte und Theorie 
der Pädagogik so fest gegründete Herr Gutersohn, und auf sie beruft 
er sich ja immerzu. Nun, dann rate ich, gleich ihm, zu einer ge- 
fälligen , wenn auch nur kursorischen Lektüre des Comenius, Herbart's, 
Ziller's etc., da wo die Herren von diesen Dingen sprechen. Dann 
wird die Autorität Gutersohn's in etwas eigenem Lichte dastehen. 

Comenius z. B. hat stets Sätze, welche inhaltlich zusammen- 
hängen; er lehrt nie die Worte ohne die Sache (man sehe sich nur 
den Orbis pictus an und vergleiche damit Gutersohn's Französische 
Leseschule /)^). Herbart verlangt ausdrücklich beim fremdsprachlichen 
Unterricht Ausgehen von inhaltlich bedeutendem, zusammenhängendem 
Lesestoff (Homer ist der erste !). Ziller steht ganz auf Herbart's Stand- 
punkt (man sehe nur, was bei ihm selbst, in den Jahrbüchern des Ver- 
eins für wissenschaftliche Pädagogik^ in den nach seinen Ideen ge- 

^) Vgl. eine etwas ausführlichere Auseinandersetzung in der 
„Mädchenschule"' , II (1889), S. 47-48. 

^ Besonders schlagend von Günther im XIII. Jahrgang, 1881, 
in einem für die Verteidiger der Einseisätze geradezu vernichtendem 
Aufsatze. 



/. Gutersohn, Zur Reform des fremdsprachlichen Unterrichts etc. 57 

arbeiteten Lehrbücherni), hierüber zu finden ist). Ich mass mir ver- 
sagen, dies hier weiter anzuführen; aber ich kann nicht umhin, 
wiederholt zu gestehen, dass die Kühnheit, mit welcher Gutersohn hier 
Comenius, Herbart, Ziller, Geschichte der Pädagogik und Psychologie 
für die Einzelsätze ins Feld führt, wahrhaft atembenehmend ist. Da- 
nach könnte man auch aus Kopernikus und Galilei beweisen, dass die 
Erde still steht. 

Der III. Teil behandelt auf S. 18 — 25 die „zweite Unterrichts- 
stufe''. Jetzt darf auch das zusammenhängende Lesestück seine 
Reverenz machen, und, „was an den Reformbestrebuugen ausser der 
Phonetik wirklich Gutes ist", die „Förderung der Sprechübungen", 
wird ebenfalls gestattet. Ploetz und Comenius, die induktive Be- 
handlung, Masberg, Kemnitz, d'Hargues, Luppe und Ottens, J. Baum- 
garten, H. Breymann u. H. Möller, J. Aymeric, Curt Schäfer, Ricken, 
Löwe, Kühn, ülbrich, Mangold und Coste, Plattner, Schmitz -Aurbach, 
Rufer, A. Baumgartner u. a. werden in schnellem Fluge vorgeführt, 
und 3 weitere Thesen (S. 24) fassen das Gesagte zusammen. Auf 
diesen paar Seiten (18 — 25) lässt sich natürlich über so vieles nur 
aphoristisch handeln, und den Urteilen Gutersohn's liesse sich oft mit 
gleicher Berechtigung die gegenteilige Behauptung gegenüberstellen; 
welchen Wert aber können ein paar Zeilen als Urteil über ein ganzes 
Buch haben, wenn sie lauten wie folgt: „Ein erfolgreicher Anfangs- 
unterricht ist gewiss auch möglich nach den Exercices et Lectures des 
schweizerischen Sekundarlehrers H. Rufer. Eigentümlicher Weise 
wird das Buch auch von Prof. J. Bierbaum, dem Hauptvertreter der 
sogenannten direkten Methode, empfohlen, welche der Theorie 
nach wohl eigentlich das Gegenstück der von uns verteidigten syn- 
thetischen Lehrweise sein sollte. Es ist aber doch zu beachten, dass 
dasselbe bis jetzt vorwiegend in gemischtem Sprachgebiete im Ge- 
brauch ist; auch ist es in ganz anspruchsloser Weise in die Welt ge- 
treten, nicht durch endlose Broschüren als das eine Umwälzung des 
Sprachunterrichts anbahnende Evangelium voraus verkündet" — ?! 

Ich bin mit Gutersohn's Gegenvorschlägen und der in seiner 
Broschüre verkündeten Französischen Leseschule zu Ende. Leider habe 
ich nicht viel freundliches darüber zu sagen gehabt. Vielleicht bin 
ich hier und da scharf gewesen; daran ist aber Gutersohn selbst 
schuld. Warum fordert er zum Studium des Comenius „u. dergl." 
selber auf? Es wäre recht gut, wenn recht viele Herren Kollegen 
Comenius, Herbart, Ziller „u. dergl." recht eifrig studierten; dann 
brauchten wir uns erheblich weniger mit Vorschlägen und Gegenvor- 
schlägen zu beschäftigen, die nicht viel für sich haben ausser dem 
Umstände, dass ihre Herren Verfasser es herzlich gut gemeint haben 
mögen.2) 



^) Zum Beispiel Barth's Lateinisches Lesebuch. 

2) Ich darf nicht versäumen, zu erwähnen, dass die neusprach- 
liche Sektion der Züricher Philologen -Versammlung Gutersohn's Thesen 
mit geringen Änderungen „fast einstimmig" angenommen hat. Vgl. 
Pröscholdt's Bericht i. d. Engl. St., XI, 551—2. 

F. DÖER. 



58 Referate und Rezensionen. J. Aymeric, 

fi^n^ehaad, P», Abrege de Utteratwre fran^aise ä Ftuage des eeoles 
sfiperieures et de finstruction privee, Eisenach, 1889. Bac- 
meister. III, 110 S. kl. 8«. Preis: 1 Mk. 

Das kleine Bach soll wohl den Bedürfnissen höherer Mädchen- 
schulen dienen; es fehlt auch das in derartigen Leitföden herkömm- 
liche Bedauern nicht, dass die französische Litteratur manchmal so 
wenig fromm und anständig sei. Der StofiF ist eigentümlich verteilt. 
S. 10 stehen wir bei Malherbe, S. 13 bei Racine, S. 35 bei Voltaire, S. 61 
bei der Romantik, S. 79 bei Barbier, mit dem das Buch wohl hätte 
schliessen können. Dem Leitfaden geht ein Livre de lecture zur Seite, 
auf welches oft verwiesen wird; dem ungeachtet sind auch hier zahl- 
reiche und manchmal verhältnismässig umfängliche Proben mitgeteilt. 
So nimmt denn Madame de S^vign^ 3 Seiten ein, J.-J. Rousseau 2Y2> 
Voltaire ^g Seite, Diderot 4 Linien, Töpifer dagegen über 5 Seiten. 
Dass dabei eine eigentliche Kenntnis der geistigen Bewegung, welche 
in der Litteratur des französischen Volkes sich ausspricht, nicht erzielt 
werden kann, liegt auf der Hand. Das Biographische überwiegt und 
ist im Ganzen richtig; doch hätten Druckfehler vermieden werden 
sollen wie Ruitebeuf, Cherbulier, Lanfray. Die bekannte Komödie 
von Piron heisst auch nicht Le Meiromane. Wir wollen von den 
ersten Partien schweigen, welche von Troubadours und Trouveres 
sprechen. Aber die Darstellung ist auffallend ungeschickt. Was soll 
sich z. B. ein Schüler denken bei dem Satze (S. 61): Dejä dans Vepoque 
pre'cedante, quelqi^s ecrivains aimient iniroduit dans la liiierature des 
idees qui trouvereni fadlemeni de nombreux imitateurs. Welches diese 
Ideen gewesen sind, erfährt er nirgends. S. 7 liest man den merk- 
würdigen Satz: La tt^oisieme epoque ... est Celle de P&iidition et du 
pe'dantisme, ainsi que celle de la Renaissance par la prise de 
Constantinople par les Turcs. Das sei, fährt der Verfasser fort, 
auch re'poque preparatoire des ecrivains du XVll^ siede gewesen: quant 
ä ceux de ce temps-lä, ce ne sont pour la plupart que des traducteurs 
ou des imitateurs sans jugement et sans aoüi de ces savants fugitifs! -- 
nämlich der aus Konstantinopel entflohenen! Dass Richelieu die 
Akademie gegründet, dass Hötel Rambouillet die Sprache gereinigt, 
qtii laissait heaucoup ä desirer (S. 11), und dass Corneille der wahre 
Schöpfer des französischen Theaters gewesen sei, erfahren wir aus 
diesem Leitfaden, wie aus den unzähligen anderen dieser Art, die 
jedenfalls das gegen sich haben, dass sie der wünschenswerten Aus- 
dehnung der Lektüre und damit einer wirklichen Kenntnis französischer 
Litteratur, wenn auch nur auf eng begrenztem Gebiete, im Wege 
stehen. E. v. Sallwübk. 



Dandet, Alpltonse, Lettres de mon mouän. Ausgewählte Briefe 
mit Einleitung, Anmerkungen und einem Anhang herausgeg. 
von Erwin Hönncher. Leipzig, 1889. E. A. Seemann. 
XU, 81 + 41 S. kl. 8^. (Martin Hartmann's Schulausgaben No. 4.) 

Les ouvrages d'Alphonse Daudet ofFrent parfois beaucoup de 
difficult^s et il faut savoir grö ä M. Hönncher de n'ötre pas trop restö 
au dessouB de sa täche. II a ä peu pr^s rompu avec le Systeme inaugur^ 
dans M^* de la Seiglibre, consistant en de perp^tuelles comparaisons 
— en franfais! — entre les divers ouvrages du m^me auteur. Les 
Lettres de mon moulin sont donc plus ä la portäe des äl^ves; le choix 
en est judicieux et Vöditeur a employö tous les moyens pour s'orienter 



Daudet, Lettres de man mouUn, hernusgeg, van Bönncher^ 69 

dans les ne et cofltumes du midi de la France. II n'y a pas toujourt 
r^usBi, c'est vrai: c^eet une t&che si difficile! G'est surtout dans 
Texplication concernant les choees de T^glise catholique ^- et les 
Lettres de mon moulin en sont remplies — que ses sourceH lui ontfait 
d^faut. De Ik rabsence de notes trös interessantes qu*on aurait pu 
faire sur la plupart des d^tails de ces belles solemnit^s d^crites par 
Daudet. Et malgr^ cela, je ne fais aucune difficultä de le reconnaitre, 
cette Edition est ä recommander et eile dänote des connaissances solides. 

Voici les passages que je crois devoir redresser. P. 4. [das pro- 
venzalische nu^ erklärt der Dichter selbst mit ferme . . .] Daudet met 
bien entre parenthöses le mot ferme ^ cöt^ de mos, mais c'est lä un 
cas iout particulier. Le mot mos d^signe un tont petit yillage, soit 
qu'il consiste en une ou plusieurs maisons; j'en connais qui en ont dix, 
comme aussi qui n^en ont qu'une. — [Le portail von einer Schäferei ge- 
sagt, ist wohl scherzhafb zu verstehen.] Le mot portail ne se rapporte 
pas ici ä la bergerie, mais seulement ä la ferme elle-mSme. — fau 
Paradou. Dieser in Südfrankreich öfters vorkommende Ortsname ent- 
spricht dem in Mittel- und Nordfrankreich sehr häufigen DstraäisJ 
Exceptä ce Paradou, dont il est ici question et qui se trouve dans 
Parrondissement d'Arles, je ne connais aucun autre endroit de ce 
nom. Paradou vient du latin (partes, -etem) et signifie Ueu de defense, 
refuge, rode, — P. 6 fniche = Hundestall, chenü.J En lisant le passage 
dans son entier, il est bien clair que niche et chenil sont bien diff^rents 
Fun de l'autre. La niche est une Bundehütte, en bois, au milieu de la 
cour, et le chenil est une Stahle, en ma^onnerie, dans lequel on enferme 
plusieurs chiens; dans la niche, il n'y en a qu'un. — fla petite porie 
ä claire-voie, kleine Thüre mit Luke.] C'est une porte en treillage, 
gitter förmig ; eile a par consäquent un grand nombre de Luken. 

II est dit (p. 10) que Br^bant n'est plus Restaurateur, Je Vignore, 
mais le Figaro disait la semaine derniero: Br^bant, le c^läbre restau- 
rateur du Boulevard Poissonniäre, ^tablira une succursale sur la tour 
EiflFel ... — P. 7 [gambader . . . verwandt mit jambe. Die altfranzösische 
und noch jetzt südromanische Form lautete mit g an;] Si par süd- 
romanische il faut entendre provenzalische la remarque n^est pas juste: 
le proveuQal dit camba, L'auteur aurait pu comparer avec le mot 
ingambe. — [Das von chevre abgeleitete chevroter wird nur vom Zittern 
der Stimme gebraucht.] Chevroter veut dire encore et en premi^re 
ligne Zickeln. — P. 9 [je me languis ich werde krank.] On aurait pu 
faire remarquer que cette expression n'est pas fran9ai8e, mais proven^ale. 
— [Ce n'est pas la peine = cela ne vaut pas la peine.] Ici, ce n'est 
pas cela. Sesuin dit k sa chevre: Veux-tu que j'allonge la corde? — 
Ce n'est pas la peine.'* Es ist nicht nötig, et non pas: es ist nicht 
der Mühe werth. — P. 8. [Jnsque par dessus les cornes, eine ähnliche 
Umformung des familiären Ausdrucks jusque par dessus les oreilles, wie 
wenn Lafontaine sagt: 

Th^mis n'avait point travaill^, 

De memoire de singe, ä fait plus embrouillä. 

J'avoue que je ne vois lä rien de semblable, et cette explication 
est une ^nigme pour moi.*) — A la p. 14, menager devait §tre traduit 

^) Die Ähnlichkeit liegt doch wohl deutlich genug in de memoire 
de singe, Umformung des Ausdrucks de memoire d'hommes, B, K. 

Die Ähnlickkeit wäre deutlich genug, wenn der Herausgeber de 
memoire d' komme erwähnt hätte, was nicht der Fall ist. Aber die 
Schüler werden sie wohl finden! Aymeric, 



60 Refe^^ate und Rezensionen. J, Aymeric, 

par Hatiswiri, Besitzer, comme il l'a d^jä 6t6 ä la page 2, et non par 
Senner, — [ie train des fites . . . Ergänze : il n*v avaitj On ne eaurait 
employer ici l'imparfait, et il faudrait dire -. il ny a eu. La description 
de la farandole (p. 11) n'est pas träs juete; cette danse n^a lieu que 
8ur les places publiques; c'est ce que dit du reste Daudet dans: le 
poete Mistral. — P. 13 [souche Baumstumpf.] 11 s'agit ici de vigne, et 
souche veut dire Weinstock. — [vin du cru einheimischer Wein.] 
Cela pourrait bien passer, mais dans le cas präsent, ce n'est pas le 
vrai sens: il faut traduire par: eiaenes Gewächs. — dehaucher = 
seduire.] C'est encore vrai, mais devaucher a ici un sens special et 
signifie: die Arbeiter von der Arbeit abziehen, et non pasj moralisch 
verderben. — fla maitrise du pape, Singschule der päpstlichen Chor- 
knaben.] II s'agit ici d'une dignit^, que je comparerais volontiere 
ä Celle de vage. S*il s'agissait d'une e'cole de chant, comment Daudet 
dirait-il: i,la maitrise du pape, oü jamais avant lui on n'avait repn 
que des fils de nobles et des neveux de cardinaux^? — P. 14 [qui lui 
tenait chaud, der ihn warm machte.] Ce lui se rapporte ä la mule du 
pape; or, T^diteur traduit mule par Maultier de sorte que ihn döroute 
Fäläve. La m6me chose se repioduit trois lignes plus loin: er hatte 
Grund ... — P. 22. On y trouve : nagearit des pattes dans le vide . , . 
II s'agit de la mule qu'on descend de la tour avec un cric et des 
Cordes. Ce des est pour moi inezplicable, et je suppose que Daudet 
a äcrit les pattes dans le vide. — P. 1 6 [une belle Ordination, im eigent- 
lichen Sinne: Priesterweihe.] Rien de plus juste, seulement ici c'est 
un sens particulier, et apr^s avoir lu cette remarque, Täl^ve n*cn est 
pas plus avancä. Le sens est ici: Reihenfolge, Zusammenstellung, wie 
bei einer Priesterweihe. — P. 19 [en train, Sinn hier: am Herd, im 
Kessel.] 11 est question d'un marseillais qui a toujours quelque aioli 
en train, ce qui signifie ici, non im Kessel, mais in Vorbereitung, 

— P. 21 [s^archarner apres q. q, sich wild auf jemand stürzen.] Une 
lecture attentive du passage montre que cette traduction ne peut pas 
aller. II est question du vent qui s'acharne (pendant un mois); par 
cons^quent, il me semble que hartnäckig verfolgen irait mieux. — 
[massif de petites lies, hier: starke Grundmauer.] Daudet veut dire 
seulement Inselgruppe, et il n'est nuUement question de Grundmauer, 

— II est dit (p. 22) que aumonier däsigne den Seelsorge?' für eine kleine 
Gemeinde, ce qui n'a jamais 6t4; un aumonier n^est jamais attach^ ä 
une paroisse. — Blaguer (p. 23) ne veut pas dire aufschneiden, mais 
seulement schwatzen, Unsinn sagen. — P. 42 [grand* messe auch haute 
messe . , .] On dit bien grand* m^sse, mais il faut dire: messe haute, 
et non haute messe, — [sa rovge taillole catalane, seine rote kata- 
lanische Schärpe . . .] Ce n^est pas une e'charpe^ mais une ceinture, 
Gürtel, comme en portent les turcos. — Dans la traduction d'un 
passage de Montaigne (p. 26): „souvienne-vous . . /' il y a un contre- 
sens; gub^e de gens a ät^ traduit par niemandes ... au lieu de 
wenigen, einigen, — Le mot aire (p. 27) est pris au figurä et ne saurait 
6tre traduit par Adlerhorst, mais bien par Zufluchtsort, puisqu'il s'agit 
d'un bandit, et non d'un aigU. — Les pänitents ne portent pas un sac 
sur la täte, et ils n'ont pas le visage couvert, comme il est dit (p. 28). 

— Ibid. lies jeux sur Faire, ländliche Spiele auf der Dreschtenne . . .] 
En allemaud, Dreschtenne ^= grange oü Von däpique le bl^; or, en 
France, on däpique le blä sur la place publique, et c'est lä qu'ont lieu 
les jeux dont il est ici question. — II est question^ ä la mSme page, 
d'un Service en fayence de Moustier, et i'^diteur place cette petita 
ville dans le Departement de la Dordogne. Elle est dans les Basses- 



Daudet, Leitres de mon moidin, herausgeg, von ffönncher, 61 

Alpes, et eile est connne par ses fabriques de papier et de fayence. 
— P. 31 [des jours de caveau au ras du sol, Kellerfenster . . .1 on 
remarqiie ici la confusion de caveau,^ Todtengraft, avec cave^ Keller; 
et cette confusion est d'autant plus surprenante que Daudet parle de 
cypres^ de croix et de iombeaux, — P. 33 /ä Vaise au bivouac eomme 
aux soirees de la sous-prefete, d. h. willkommen . . .] Ce n'est pas cela 
qne veut dire Daudet, mais bien sich frei bewegen; comment pourrait-on 
dire d*un soldat qu'il est willkommen au bivouac, oü se trouve sa 
place, ä lui! — Dans Lelixir du Pere Gaucher, Daudet n'a pas voulu, 
comme le prätend l'^diteur (p. 34), faire une sortie contre les indul- 
gences, auxquelles il n'a certainement pas pensä; il a voulu amuser 
ses lecteurs aux d^peus de ce brave Pore, et rien de plus. — II est 
dit ä la page suivante que: etwa 60 Mönche aus Alpenkrduiem den 
berühmten Likör herstellen, II sagit des Chartreuz. En tout, il y a 
bien soixante religieux ä la Grande Chartreuse, mais ce ne sont pas 
euz qui fabriquent laliqueur; ils occupent prös de deux cents ouvriers, 
et un ou deux religieux pr^sident au mdlange. L'öditeur pr^tend (p. 37) 
qu*ils fönt, par an, pour deux millions d'affaires. S'ils n'en faisaient 
pas davantage, ils seraient bientot ruinös, car ils payent pr^s d'un 
million d'impöts au gouvernement seulement. — Pour expliquer: 
chemin de la croix, ou trouve: Eine Reihe von zwölf Bildern . . . 
L'äxplication qui suit n'est pas juste non plus, mais je ne tiens k 
relever qu*un fait, ä savoir qu'il y a 14 stations. — P. 40 fsous le couvert, 
couvert hier in der seltenen Bedeutung von: schattiaer Ilatz, übersetze: 
im Schatten.] Ce sens lä est ici impossible: le soieil n'est pas encore 
levä (i^aux premi^res clart^s de l'aube"). Quelques lignes plus loin, 
Daudet appelle ce couvert: ^fourre^, ,ySous le bois^, C'est donc Dickicht 
des Waldes. — SPen donner q. c. (p. 40) n'est pas fran9ais. — La diane 
froide n'est pas kalte Reveille, mais Morgenwache; le piston du sahn de 
Mars n'est pas Klarinette, ma is Elapphorn. — [Bouisbouis übersetze: 
Tingeltangel.] Bouisbmiis est un mot qui a paru pour la premiöre fois 
en 1854 dans Paris- Anecdote ; il signifie un misärable et ch^tif thäätre; 
je ne saurais dire si Tingeltangel est une expression correspondante. 

A part ces quelques imperfections qui m*ont paru devoir §tre 
relev^es, les remarques de M. H. sont excellentes, claires et ä la port^e 
des ^l^ves. Quelques unes sont, il est vrai, inutiles pour Tintelligence 
du texte; par contre, il y a dans Daudet des passages difficiles que 
V^diteur a oubli^ d'annoter: je cite au hasard les suivants: „une fois 
remis, hon soir^ (Gott befohlen); „On lui faisait respirer ce vin, puis 
quand eile avait les narines pleines, passe, je fai vu.'^ Aucun ^läve 
n'est capable de comprendre cela. Ce coquin de Tistet V^döne ^tait 
charg^ de porter un vin chaud ä la mule du pape; il le lui faisait 
respirer, et, komm in meine Kehle, er ist verschwunden. Je me contente 
de donner le sens. „Frommaoe de montagne^ ; il s'agit lä du fromage 
qu'on fait pendant que les bestiaux passent six mois de l'annäe sur 
les montagnes ; „chajcun revint ä sa chaire"" (Klappstuhl) ; „on chuchottait 
de breviaire ä bre'viaire^, chaque religieux a un pupitre dans le choeur, 
et sur ce pupitre il y a un bröviaire in-folio; „les bons Proven9aux 
que nous faisons,^ 

Je tiens ä dire en terminant que ce fameux „moulin^ d'Alphonse 
Daudet n'est plus une ruine: il a ^tä remis ä neuf, et se trouve sur 
la route d'Arles ä S* Remy, ä 7 kil. d'Arles et ä, 4 de Fontvieille. Le 
village (mos), Montauban, est situä ä 2 kil. de l'abbaye de Mont- 
majour, qui n'est plus qu'une ruine, mais une beUe ruine. Quant ^ 



62 Referate und Rezensionen. /. Aymeric, 

„Pamp^rigOQste", c'est un nom imaginaire; il est mSme pass^ en pro- 
berbe, et on dit „envoyer k Pamp^rigouBte^ pour „envoyer k la 
Yalan9oire" = Jemanden aich vom Halse schaffen. 

J. Aymeric, 



Sandenn, Jules 9 Mademoiseäe de la Seigliere. Comedie en qttaire 
actes et en prose mit Einleitung, Anmerkungen und einem 
Anhang herausgeg. von K.A. Martin Hartmann. Leipzig, 
1887. E. A. Seemann. XV, 120 + 71 S. kl. 8». (Martin 
Hartmann's SchtUausgaben No. 1.) 

Je saisis cette ocuasion pour reparier de Mademoiseüe de la Seigliere 
äditäe'par M. Hartmann: il en a paru un certain nombre de comptes- 
rendus, mais tellement superficiels, que pas un ne rel^^e une erreur ou une 
inexactitude au point de vue du fran^ais. Personne donc n'j ayant trou^ä 
k redire, je me permets de präsenter quelques observations. Ce liyre est 
excellent, je le veux bien» mais la perfection n^ätant pas de ce monde, je 
ne saurais le regarder comme Tidäal k atteindre. D'abord les fautes n'y 
manquent pas non plus, et si les critiques n'ont pas su lee y voir, tant pis 
pour les critiques. En voici quelques -unes. P. 17 [aussi dotix comme 
un mouton bride, lammfromm.] D*abord aussi doux comme est une faute 
dont on a beaucoup de peine k däshabituer un <$l^ve, et Sandeau a äcrit 
aussi doux que; ensuite bride ne signifie pas tenu par la bride. — P. 36 
[aprhs Vavoir fait bassiner: aber lassen sie zuvor eine Wärmflasche (une 
bassinoire) hereinlegen.] Bassiner et bassinoire ne me semblent pas avoir 
ätä bien compris. La bassinoire est un instrument en cuivre, assez 
semblable a une podle, mais fermäe par en haut; on y met de la braise 
et on le promfene dans le lit, au moyen d*un manche, pour Techauffer. 
C'est Ik ce qu'on appelle bassiner, J'ignore si on peut dire Wärmpfanne, 
en allemand, en tont cas, ce n'est pas Wärmflasche. Wärmflasche est 
en fran9ais chaufferette, bouülotte, et si on en met une dans le lit, on ne 
dit pas b€issititr, mais bien chaujfer le lit. — 11 est difc (p. 41): das h 
des Wortes ist stumm wie bei huit, C'est bien la premi^re fois que 
j'entends dire que h est muette dans huit. — P. 58. [Da das fi-anzQeische 
Participe passe nicht einfach substantivirt werden kann . . .] Mais au 
contraire, le fran^ais aime beaucoup cette mani^re de procäder. Est-ce 
que un abrege, un communique, un re^u, le fini, le pointille, un e'migre, 
le passe ^ Cenvoye et cent autres ne sont pas des participes pass^? — 
A la ligne suivante, on trouve: je vous le donne en cent, iah wette 100 
gegen 1, dass Sie nicht erraten. Ce n'est pas cela; le frauQais veut dire: 
Sie können hundert Mal raten, und werden doch es nicht herausbekommen 
(v. Sachs au mot deviner.). Encore k la m§me page: [stupefait ist das 
part. passä zu stupe'fierj Le part. p. de stupe'fier est stupefie\ et stupefait 
est le p. p. de stupefaire. Si ce verbe n'est plus usite a l'infinitif, tant 
pis pour lui. — Encore k la mdme page, pour expliquer et gue vous 
le savez bien, qye madame de Vaubert n*est pas une belle äme on 
trouve: [Das le vor savez que ist eine Feinheit der Umgangssprache.] 
Je suppose que M. H. a voulu dire der Schriflß^rvkche. En voici un 
ezemple dans la R. d. d. M. (1^' aoüt 1888): Comment M. Daudet ue 
/'a-t-il pas senti que de la fa^on dont il les a peints, les personnages de 
Vlmmortel ... — P. 60 [ü est du bois dont on fait les flütes, er hat 
einen sanften Charakter.] Cette expression fraxi^aise veut dire: cW un 
bomme qui fait et dit tont ce qu'on veut (v, Littre); eile contient un 
bläme, En est-il de m§me de: er hat einen sanften Charakter? Si oui. 



Sandeau, M^ de la Seigliere, het^ausgeg. von MarU Hartmann, 63 

je passe condamnation et c^est moi qui ai tort. — P. 61 [au coin du feu, 
so viel als : sous le manteau de la chemmee . . J O'est loin d'dtre la 
mtoe chose; au coin du feu = an Winterabenden, tandis que sous le 
manteau de la chemiuee est une expression figuräe, qui signifie im Ge- 
heimen, et Sandeau ne veut pas exprimer cette pens^. — ?. 69 f. , . je 
veux Hre pendu, oder j*irai dire ä RomeJ On doit ^rire et dire : j'irai 
le dire k Bome. 

Fassons maint^nant auz points, qui sans toe präcis^ment erron^, 
sont kl tout le moins un peu risques. P. 4. [Si monsieur veut passer^ 
Dies ist eine höflichere, im Munde des Dieners angemessenere Form als: 
Si vous voulez passer.) II fiiudrait dire: Dies ist die einzige im Munde 
des Dieners bei hohen Herrschaften zulässige Form. A la page 8, 
r^diteur fait remarquer, dass diahle viel häufiger gebraucht wird als 
Teufel, wie schon ein Blick auf die zwei Artikel in den Wörterbüchern 
lehrt. J'ai eu la curiositä de recourir ä Sachs, et je serais tent^ de dire 
que j'y ai vu justement le contraire. Une remarque du m&me genre 
est la suivante, p. 65. [Die französische Sprache hat viel mehr Redens- 
arten mit loup als die deutsche mit fVolf.J Et M. H. cite onze lignes 
de proverbes fran9ais oü se trouve le mot loup, et il termine en disant: 
Gemeinsam mit dem Deutschen ist wohl nur: m faut hurler avec les loups, 
und appe'iit de loup. Tci encore j*ai recouru k Sachs et j'y ai tronv^ 
d'abord que la colonne au mot Wolf est bien plus nourrie que celle du 
mot loup; et ensuite que presque toutes ces onze lignes de proverbes, 
cit^s comme exelusivemeot franfais, sont ^galement des proverbes alle- 
mands: wenn man vom Wolf spricht, ist er nicht weit; wer sich zum 
Schafe macht, den fressen die Wölfe; der Wolf stirbt in seiner Haut; 
oder: der Wolf ändert sein Haar, aber nicht seine Art; den Wolf bei 
den Ohren halten, u. s. w. II y a en outre quantitä de proverbes allemands 
avec Wolf, sans que le mot loup se trouve dans le proverbe franQais 
correspondant: Er macht es wie der Wolf, der davon läuft, wenn man 
ihn ruft: C*est le chien de Nivelle, qui s'enfuit quand on Tappelle, etc. 
— F. 10. [lä-baSy da, dort ... es kann auch ein unten Stehender la^bas 
auf jemand beziehen, der oben steht.] Je n'ai pas connaissance d'un 
pareil langage; en tout cas, cela ne peut se trouver que dans l'argot, et 
non dans un livre classique. — P. 18. fma fiUe achevait de me donner 
une legon, Achever de faire heisst etwas vollends thun.] De sorte que 
le panvre el^ve doit traduire: Meine Tochter gab mir vollends eine Stunde! 
Si lee Allemands sen contentent, j'aurais mauvaise gräce d'y trouver ä 
redire. — P. 29. [Die französischen Richter, die unabsetzbar sind, wie 
bei uns . . .] M. H. ignore-t-il donc que le ministre de la Justice, Martin 
Fenint, en fit une h^catombe, il y a trois ou quatre ans? Wie bei uns! ! 1 
Et plüt k Dieu qu'il en füt ainsi! Sous un gouvemement regulier, la 
remarque serait juste: sous la Republique, c'est comme dans la chanson: 
„Rien n'est sacie pour un pompier.^ — P. 32. fvoir du monäe, Besuche 
empfangen.] Et pourquoi pas: Besuche machen? L'äditeur parle (p*37) 
de la bataille de Fontenoy et dit: sie wurde bekanntlich nach allen 
Regeln des höfischen Auslandes eingeleitet . . . Apr^ cela vient la tar- 
tine connue: „tirez les premiers, messienrs les Fran^ais**. Le duo de 
Broglie a demonträ dans la R. d. d. M, (15 juin 1884) que cet höfischer 
Anstand n'est qu'une fable, et qu'il ne faut y voir qu une mesure de 
tactique, et non une expression de politesse. — P. 40. [donaiion entre 
vifs . . . sonst wird vif lebendig, sich in der Regel nur auf Sachen be- 
ziehen.] Ce terme entre dans une foule d'expressions pour däsigner des 
personnes: il est plus mort que vif; Stre brulä vif; il est vif comme la 
poudre etc. ?— P. 55. [. . . es berührt geradezu komisch da^s ein Mann, 



64 /. Jymeric, Sandeau, M^ de la SeigÜere, krgg. von Martin Harimann, 

der die Geschichte der Hevohition miterlebt hat, Qber Kleber erat 
ein Lexikon nachschla^n muss.] „Aller aux informations'', ne signifie 
pas absolument ein. Lexikon nachschlagen. Et poarquoi le marquis 
n'aurait-il pas consult^ Raoul, le savant de la pi^ce et le fianc^ de 
sa fiUe? Je seraia tent^ de croire que le marquis, ce bon vivant, ne 
possädait pas de biblioth^qiie et encore moins de dictionnaire de la con- 
versation, s'il en existait k cette äpoqne, ce que j'ignore. — P. 56. [Die 
Geographie Bernard's ist hier nicht richtig. Denn Eckmühl liegt nicht 
am Regen . . . sondern an der grossen Laber . . .] Mais Bemard ne dit 
pas qu* Eckmühl seit situde sur le Regen. Häl^ne lui montre un paysage 
qu'elle yient de faire et dit: Est-ce bien la le cours de la rivi^re? A 
quoi Bernard räpond. »Oui, c'est le Kegen; ici est Nuremberg, la le 
clocher du village d'Eckmühl." ün tableau contient, j'ima^ine, une 
certaine perspective. — M. H. dit (p. 47) que Tidäe de patrie nätait pas 
bien d^velop^e sous la monarchie. Je ne suis ni assez clerc ni assez 
philoaophe pour vouloir le contester, mais cette assertion me semble bien 
hasardee. L^id^e de patrie ^tait si däveloppäe chez les Romains et chez 
les Gtiulois, qu'il semblerait au moins Strange qu'elle ait disparu ensuite 
pour ne reparaitre qu'au 1^^^ si^cle. La vieille Chanson de Roland 
respire d^un bout k Tautre Tamour de la patrie. Le mot ne s'y trouve 
point encore, il est remplac^ par celui de ^France^ : noctis pere, n'en 
laiser hunir France!** Au 15" si^cle Alain Chartier dit: „il est louable 
de combattre pour sa patrie*^, et Ba'if räp^tera un peu plus tard: „Pour 
la patrie. ' c'est un beau mot." Le vieux fran9ais a un proverbe qni dit: 
„fiancer vertu, espouser patrie'^ pour affirmer que Tamour de la patrie 
est ins^parable de celui de la vertu. A mon avis, Tid^e de patrie doit 
gtre aussi vieille que le moude, et parce que le mot aura fait assez tard 
son apparition, ce n'est pas une raison de dire que Tidäe de patrie s'est 
d^veloppee compl^tement au 18** si^cle; car Ch. Fontaine dit d^ja (16** 
sibcle): „Qui a pais, n*a que faire de patrie,'* 

Tels sur les principaux point« que j'ai cru devoir si^naler. Est-ce 
k dire que je trouve cette Edition d^fectueuse? Pas le moins du monde ; 
je la trouve trte bien faite, si bien faite mdme qu'elle me semble §tre 
beaucoup trop savante pour des el^ves. Ces perpätuelles camparaisons 
entre le roman et la comedie peuvent bien Stre utiles k des ätudiants 
de rUni versitz, mais elles ne le sont pas pour de simples elbves. üne 
page enti^re est consacräe au caract^re du Chevalier en g^näral, et du 
Chevalier de Barbanpr^ en particulier, toujours avec citations en fran^ais 
k Tappui. Le Chevalier d'Assas re9oit 60 lignes d*explication dont la 
moitiä en fran^ais. Pour nous apprendre que Tage de vingt ans est 
regardä par les Fran9aia comme la fleur de la jeunesse, l'^iteur nous 
donne une demi page de citations, toigours en fran^ais. N'eut-il pas 
mieux valu pour les äl^ves expliquer une foule de termes di£6ciles et 
qui ont ät^ passäs sous silence? Par exemple: ^tiqueter des simples; 
les palmes de la chicane; j'y mangerai mon dernier cbamp; le duüet 
de leur nid; jeter la science attx oriies, etc. etc. On trouve par contre: 
nicht zu verwechseln le chenil und la chenille. Mais des ^l^ves en etat 
de digärer ces tirades t'ran9aise8 ne feront jamais cette confusion. Comme 
conclusion, je dirai: travail excellent pour les maitres, trop acad^mique 
pour les äl^ves. J. Aymeeic. 



Referate und Rezensionen. 



Daanheisser, Ernst, Studien zu Jean de Maireifs Lehen und 
Wirken. Münchener Dissertation. Ludwigshafen a. Rh., 
1888. Julius Waldkirch's Buchdruckerei (111 S. 8% 

Wir haben es hier eigentlich nur mit der ersten Hälfte 
einer für die Geschichte Mairet's und des älteren französischen 
Theaters, besonders in chronologischen Fragen immerhin recht 
bedeutsamen Arbeit zu thun. Über den Wert der vom Verfasser 
gewonnenen neuen Resultate wird man sich erst dann ein rechtes 
Urteil bilden können, wenn er uns im folgenden Teile die Be- 
weise für die von ihm aufgestellten Ergebnisse erbringen wird. 
Nichts destoweniger darf auch schon dieser erste Teil, der meist 
nur den Pflug der kritischen Forschung tief einsetzt, um die 
bisher überlieferten Angaben umzustürzen, eine eingehende Be- 
achtung in Anspruch nehmen, und Niemand, der sich mit der 
Geschichte der neueren . französischen Litteratur befasst, wird 
ihn übersehen dürfen. 

Es ist besonders die Unzulänglichkeit und Flüchtigkeit der 
älteren Biographen, die den Verfasser veranlasste, sich mit 
Mairef s Leben eingehender zu befassen, denn selbst der jüngste 
dieser Biographen, Gaston Bizos, kann sich von den Irrthümern 
seiner Vorgänger, besonders de Frasne's, nicht recht losmachen 
und hat zu den ersten Quellen zurückzugehen vernachlässigt. 
Wir werden nun die Resultate, zu denen Dannheisser gelangt, 
besonders da, wo er mit den herkömmlichen Traditionen bricht, 
in gedrängtester Kürze wiedergeben und da wo sie uns bedenk- 
lich erscheinen, dies in wenigen Worten andeuten. Mit Recht 
stellt Dannheisser die Abstammung Mairet's aus Westfalen als 
zweifellos hin und verweist Vollmöller, der in seiner Sophonisbe- 
Ausgabe dagegen Einwendungen erhoben hat, auf den von Kaiser 
Leopold für Mairet erneuerten Adelsbrief, sl^b dem dies mit 
Sicherheit hervorgeht. Das Geburtsjahr Mairet's bildete den 

Zechr. £ firz. Spr. u. Litt. XI^. 5 



66 Referate und Rezensionen. J. Frank, 

Gegenstand langer Kontroversen, weil uns ^er Dichter selbst ab- 
sichtlich auf falsche Fährte zu führen bemüht war. Er sagte 
nämlich in einem am 4. Januar 1636 geschriebenen Briefe (der 
Epistre comique et famüüre), er stehe „heute in seinem sechs- 
undzwanzigsten Lebensjahre.^ Da kamen die Parfaict mit der 
Nachricht, ein Neffe Mairet's, M. de Romain, habe in einer ihnen 
zugesendeten Familiendenkschrift das Jahr 1604 (also nicht 1610!) 
als Mairet's Geburtsjahr bezeichnet, und erklärten die falschen 
Angaben Mairet's als einen Ausfluss seiner masslosen Eitelkeit 
Da die Parfaict die Mitteilung de Komain's nicht in ihrem Wort- 
laute veröffentlichten, so suchte Gaspary des letzteren Nachrichten 
auf ein blosses Versehen (de Romain soll anstatt „4. Januar 1636" 
gelesen haben „4. Januar 1630") zurückzuführen, eine Annahme, 
zu der er sich besonders darum berechtigt glaubte, weil auch 
de Romain denselben Tag als Geburtstag angibt, wie Mairet 
selbst. Allen diesen Streitigkeiten nun machte der von Tivier 
zuerst aus amtlichen Quellen veröffentlichte Taufakt Mairet's ein 
Ende, demzufolge Mairet am 10. Mai 1604 getauft wurde 
und wahrscheinlich etwa vierzehn Tage früher geboren worden 
ist. Dies ist also über jeden Zweifel erhaben. Wenn aber 
Dannheisser den Parfaict „Willkür" vorwirft, dass sie als Ge- 
burtstag Mairet^s den 4. Janaar bezeichnet, so thut er ihm 
unseres Erachtens entschieden Unrecht und es scheint uns viel- 
mehr unbillig, die Parfaict so abzukanzeln, anstatt es ihnen zu 
danken, dass sie durch die Veröffentlichung der Angaben de Romain's 
zuerst das richtige Geburtsjahr Mairet's kundgaben. Die Gebrüder 
Parfaict verdienten diesen Tadel um so weniger, als (wie wir 
meinen) in der ihnen mitgeteilten Familiendenkschrift der Ge- 
burtstag Mairet's gar nicht angegeben war und sie wahrschein- 
lich den vom Dichter selbst angegebenen Geburtstag, den 
4. Januar, gelten Hessen. Wenn sie nämlich auch überzeugt 
waren, Mairet habe sein rechtes Geburtsjahr aus Eitelkeit ver- 
leugnet, so lag doch absolut kein Grund vor, dem Dichter eine 
Verleugnung seines wahren Geburtstages zuzumuten! Und so 
konnten die Parfaict neben der neuen Angabe des Geburtsjahres 
mit Recht den früheren Geburtstag gelten lassen. Wir möchten 
auch jetzt noch eher annehmen, Mairet habe seinen wahren Geburts- 
tag nicht gekannt, als er habe ihn absichtlich falsch angegeben. 
Schliesslich wollen wir noch der Bemerkung Raum geben, dass 
ja die Worte Mairet's in der Epistre comique et famüüre vom 
4. Januar 1636: J^ay commenci de faire parier de moy de si 
bonne heure, qu* aujourdhui ä ma vingt-sixiesme annie etc. uns 
gar nicht so unbedingt den 4. Januar als den Geburtstag Mairefs 
bezeichnen. 



E. Dannheisser, Studien zu Jean de Mairefs Leben und Wirken. 67 

Im Jahre 1620 verliess Mairet seinen Geburtsort Besannen 
und begab sich nach Paris. Die von Bizos angegebene Be- 
gründung, er habe der Pest entfliehen wollen, bezeichnet Dann- 
heisser mit Recht als aus der Luft gegriffen und wir möchten 
hinzufügen, dieser Irrtum sei bei Bizos entstanden, weil Mairet 
(wie er in einem seiner Sonnette angibt) vor der Pest aus Paris 
entflohen. Nun wüthete die Pest in Paris im Jahre 1623. 
Wollte man Mairefs Angabe, er sei 1610 geboren, aufrecht er- 
halten, so müsste er (da er in seiner Epistre comique erzählt: 
Blnfin ce fut Vaudacieux desir de porier mes par sur les votres 
qui me persuada de changer comme je fisy ä Vage de 16 ans 
Vair de Besangon ä celuy de Paris etc.) erst 1626 nach Paris 
gekommen sein, was ganz unhaltbar ist, da wir mit Sicherheit 
wissen, er sei 1623 schon im Dienste des Herzogs von Mont- 
morency gestanden. Dass Mairet in derselben Epistre comique, 
wo er sein Alter um 6 Jahre verleugnet, richtig angibt, er sei 
im Alter von 16 Jahren nach Paris gekommen, können wir nicht 
mit Herrn Dannheisser Überraschend finden, denn Mairet konnte 
wohl aus Prahlsucht im Jahre 1636 von sich sagen, er sei schon 
im Alter von 26 Jahren (anstatt der thatsächlichen 32) ein viel- 
bewunderter Dichter gewesen, er konnte doch aber nicht sagen, 
er sei im Alter von 10 Jahren nach Paris gekommen und habe 
in demselben Alter seine Chrisüde geschrieben, da dies eine 
zu läppische Aufschneiderei gewesen wäre. Dass man aber aus 
dieser richtigen Altersangabe von 16 Jahren zur Zeit seiner An- 
kunft in Paris auf das unrichtige Datum seines Geburtsjahres 
in derselben Epistre comique Rückschlüsse ziehen werde, be- 
fürchtete Mairet im Jahre 1636 nicht allzusehr, da er annahm, 
das Jahr seiner ersten Ankunft in Paris sei bereits allgemein 
vergessen. Für den Eintritt Mairet's in die Dienste des Herzogs 
von Montmorency gewinnt Dannheisser mit Recht den Zeitraum 
innerhalb 1623 — 24. Mairet verdankte diesem Herzoge auch 
mannigfache geistige Anregung und wusste sich in dessen Gunst 
auch durch seine heldenmütige Teilnahme bei der Eroberung der 
Insel R6 im Jahre 1625 noch mehr zu befestigen. Da lebte er 
im schattigen Chantilly, im Schlosse des Herzogs, blieb aber mit 
dem Zentrum der litterarischen Bewegung in Paris in Fühlung, 
da der Herzog daselbst ein Haus hatte. Im Jahre 1625 trat 
er auch in innige Beziehungen zu Th^ophile de Viau, der damals 
ebenfalls in Chantilly eine Zuflucht vor seinen Verfolgern gesucht 
hatte. Nichts desto weniger wird man Desbarraux' ver- 
dächtigende Ausstreuungen, als habe zur Sophonisbe, dem ge- 
priesensten Werke Mairet's, dieser nur den Namen, Th^ophile 
aber den Geist hergegeben, als eine blosse Fabel ansehen 



68 Referate und Rezensionen. J. Frank, 

mttSBen. Der schon 1626 erfolgte plötzliche Tod Theophile's 
bedeutete für Mairet jedenfalls einen herben Verlust und nur der 
fast unbestrittene Erfolg bei der im selben Jahre erfolgten Auf- 
führung der Sylvie spendete ihm ' einigen Trost. Ob die Mairet 
von Montmorency erteilte Pension eine Anerkennung für seine 
heldenmütige Haltung im Jahre 1625, oder eine Prämie ftir die 
Sylvie gewesen sei, lässt sich, wie Dannheisser überzeugend 
nachweisst, nicht ermitteln, ebensowenig wie der Zeitpunkt, von 
welchem an sie ausbezahlt worden sei; gewiss sei nur, dass 
letzteres nicht erst nach 1627 der Fall gewesen sei. 1632 
starb Montmorency auf dem Schaffet. Mairet aber gewann so> 
fort einen neuen Gönner in dem Grafen von B6lin, denn die 
Dichter jener Zeit mussten (wie der grosse National Ökonom List 
einmal sagte) ebenso notwendig, wie die Hunde, einen Herrn 
haben. B^lin's gastliches Haus versammelte einen vornehmen 
Zirkel der damaligen litterarischen Berühmtheiten und diese Um- 
gebung wie des Gastgebers geistvolle und bedeutende Persönlich- 
keit selbst wirkte sehr befruchtend auf des Dichters dramatische 
Thätigkeit und so entstanden während des Aufenthaltes bei B61in 
in merkwürdig rascher Aufeinanderfolge innerhalb dreier Jahre 
fünf grosse Dramen, während er im Laufe der neun Jahre, die 
er in Chantilly zugebracht, nur drei Theaterstücke vollendet 
hatte. Das Verhältnis Montmorency^s zu Mairet scheint ein mehr 
gönnerartiges, das B61in*s zu dem Dichter ein mehr herzliches ge- 
wesen zu sein, so dass man in der Dramatisierung des Ariost'schen 
Rasenden Roland eine Konzession an den Geschmack de B^lin's 
für das Romantische erblicken kann. Seinem nunmehrigen Pro- 
tektor zu Liebe scheint Mairet auch seine Vorliebe für das 
Pastorale abgethan zu haben. Besonders in Bezug auf Bühnen- 
technik scheint Mairet bei B^lin sich grosse Routine angeeignet 
zu haben. In desselben Hause machte er auch die Bekanntschaft 
von Rotrou und Scudery, den beiden Anführern der gegen 
Corneille aufgestandenen Klique, und knüpfte er mit beinahe 
allen namhafteren Dichtem seiner Zeit Verbindungen an, wie 
auch seine schon von Chantilly her angebahnten Beziehungen 
zum Hofe jetzt keine Störung erlitten. Ein Umschwung dieser 
Verhältnisse erfolgte im Jahre 1635. In demselben erschienen 
von Mairet CUopdtre und Soliman, Ersteres Stück konnte 
nicht durchschlagen, vom letzteren konnte er trotz aller An- 
strengungen nicht einmal die Aufführung durchsetzen und in 
dieser gegen alle Welt (vielleicht sogar gegen B61in) verbitterten 
Stimmung schrieb Mairet seine schon wiederholt erwähnte Epish'e 
comique, in der er sich förmlich im Selbstlobe berauschte und 
kein Mittel, selbst die Lüge nicht, verschmähte, um seine Vor- 



E, Dannheisser, Studien zu Jean de Moire fs Leben und Wh'ken. 69 

zttge nur recht herauszustreicheii. Wir haben ja oben bereits 
eine Probe aus dieser Schrift kennen gelernt und darin gesehen 
wie sich Mairet nach Art kleinlicher Frauen jünger machen will, 
als er ist. Dass Bizos Mairet's Verstimmung dem Misserfolge 
der Athinats zuschreibt (anstatt dem des Soliman), erklärt Dann- 
heisser als eine Folge der chronologisch unrichtigen Ansetzung 
der Werke Mairet's von Seiten dieses Autors. 

B61in vermittelte auch Mairet's Bekanntschaft mit dem da- 
mals so einflussreichen Kritiker Ghapelain. Während Mairet 
sonst den Sommer über auf den Gütern des Grafen B61in weilte, 
den Winter aber meist im Hause desselben Grafen in Paris zu- 
brachte, scheint er den Winter 1637 — 1638 nicht in Paris zu- 
gebracht zu haben, obwohl gerade damals sein Soliman endlich 
aufgeführt wurde. Wennschon die ehemals so nahen Beziehungen 
Mairet's zu Montmorency ersteren dem Kardinal Richelieu sehr 
entfremdeten, ja verdächtig machten, so hatten doch andererseits 
der beim Kardinal vielvermögende Boisrobert (mit dem Ghapelain 
den Verkehr Mairet's vermittelte), ferner die hochgestellte Herzogin 
von Aiguillon und nicht am wenigsten seine eigenen dramatischen 
Werke ihm den Weg zu demselben geebnet, so dass er einmal 
sogar an einer der Kompagniearbeiten der Cinq auteurs, wahr- 
scheinlich der Grande Pastorale, teilnehmen durfte. Dass Mairet 
von Richelieu eine regelmässige Pension von tausend Francs 
bezogen habe (Parfaict), hält Dannheisser als unnachweisbar. 
Im letzten Viertel des Jahres 1638 starb B61in, ein Verlust, der 
Mairet gewiss sehr empfindlich traf, wenn man auch mit Dann- 
heisser die Bemerkung Ghardon's, dieser Tod habe Mairet's Muse 
zum Schweigen gebracht, wird als zu weitgehend bezeichnen 
müssen. Hier müssen wir Dannheisser eine Flüchtigkeit vorwerfen 
denn während er (S. 37) Belin, wie wir soeben gesehen, im 
letzten Viertel des Jahres 1638 sterben lässt, sagt er 
(S. 93): „Im September 1638 starb der Graf B^lin.'* Welche 
Angabe die richtige ist, sind wir momentan zu konstatieren ausser 
Stande, weil uns das hierzu nötige Büchermaterial nicht zu Ge- 
bote steht. In die Zeit, da Mairet über seinen dahinwelkenden 
Ruhm sich in einer galligen Stimmung befand, fällt die erste 
AuflFührung von Corneille 's Cid. Wenn auch, wie man anzu- 
nehmen Grund hat, bis dahin sogar ein freundschaftlicher Ver- 
kehr zwischen den beiden Dichtern bestanden hat, so musste 
doch der gewaltige verblüffende Erfolg des Cid Mairet's Neid 
in hohem Grade erregen. Wenn Mairet so that, als hätte nur 
der verfrühte Druck des Cid seinen Unwillen erregt, und als 
habe nur die gegen sein den Schauspielern gegebenes Wort 
von Seiten Corneille's erfolgte Publikation und die dadurch er- 



70 Referate und Rezensionen. J, Frank, 

folgte . Schädigung der Akteurs ihn in Bewegung gesetzt, so wird 
man diese Motivierung mit Recht als eine Heuchelei Mairet's 
ansehen, hinter der sich die verwundete Eitelkeit verbarg. 
Dass bei Mairet bei seiner Stellungnahme gegen den Oid auch 
das Bestreben mitwirkte, sich vor dem Kardinal Richelieu von 
dem Verdachte zu reinigen, als finde er, der ans der Franehe 
Comt6 einer damals spanischen Provinz stammte, Gefallen an 
dem spanischen Cid^ wird man plausibel finden können, ohne es 
zu billigen, dass Dannheisser fttr diese Wahrnehmung, als wäre 
sie so bedeutsam, mit Emphase das Recht der Priorität in An- 
spruch nimmt Dass die ganze Polemik zwischen Corneille und 
Mairet einen höchst unerquicklichen Charakter annahm, dass die 
Apologie pour Mairet von letzterem in einem Zustande geschrieben 
wurde, „in welchem der von der* Leidenschaft benebelte Geist 
nur mehr unzusammenhängend zu lallen vermag — im Paroxis- 
mus der Gedankenlosigkeit^ wird man eine zutre fixende Bemerkung 
nennen können; die sonstigen in diesem § 20 aber gemachten De- 
duktionen haben wenigstens auf uns oft den Eindruck des Haar- 
spalterischen und Gezwungenen oder mindestens allzu Gesuchten 
gemacht, so auch jene, die das Datum der Aufführung des Oid 
in den letzten Tagen des Monats November 1636 zu erschüttern 
versucht, und die uns denn doch auf zu schwanken Füssen zu 
stehen scheint. Dannheisser selbst gibt zu, in diesen Fragen 
nichts Abschliessendes bieten zu können. 

Nach dem also 1638 erfolgten Tode des Grafen Bölin 
scheint nach Dannheisser der Aufenthalt Mairet's in Maine im 
Hause von Bölin's Sohne noch einige Zeit fortgedauert zu haben. 
Dagegen soll er zur Zeit der Vollendung der Atkenats (Ende 

1638 oder Anfang 1639) ßölin's Haus schon verlassen haben. 

1639 — 1642 soll er sich meist in Paris aufgehalten, jedoch 
auch innerhalb der Jahre 1640—1642 ein halbes Jahr in Maine 
zugebracht haben, und zwar in der Nähe des eben dahin ver- 
bannten W^^ de Hautefort. Innerhalb der letztgenannten Jahre 
wurde auch Mairet's Sidonie fertig. M^^® de Hautefort sowohl 
als ihre Schwester wurden in einem Sonnette Mairet's mit den 
widerlichsten Schmeicheleien angesungen, in der durchsichtigen 
Tendenz, ihm den Weg zur Rasse der Königin zu ebnen, bei 
der sie vielvermögend waren. Er hatte eben im Laufe der Zeit 
sich vor den Grossen zu erniedrigen gelernt. In der nächsten 
Zeit beschritt Mairet die politische Karriere. Auf die Empfehlung 
des gewandtesten spanischen Diplomaten dieser Zeit, des ihm 
befreundeten Baron Lisola hin, wurde Mairet 1645 zum diplo- 
matischen Agenten in Paris ernannt und entwickelte dabei be- 
sonders eine segensreiche Thätigkeit im Interesse der Franehe- 



E. Dannheisser, Studien zu Jean de Moire fs Leben und Wirken. 71 

Comt6. Mairet's Ehrgeiz jedoch wollte noch höher hinaus, er 
wollte mit Hilfe des Baron Lisola Gesandter des deutschen 
Reichs in Paris werden^ aber der Kardinal Mazarin machte seinem 
diplomatischen Strebertum durch einen Ausweisungsbefehl ein 
Ende, worauf Mairet im Jahre 1658 nach Besan^on übersiedelte. 
In demselben Jahre verlor Mairet auch seine ihm erst seit 1647 
angetraute Gattin ; die Ehe war kinderlos geblieben. Nach dem 
im Jahre 1659 abgeschlossenen pyrenäischen Frieden durfte sich 
der Dichter wieder in Paris zeigen, wo er auch wiederum durch 
mehrere Jahre hindurch seinen Aufenthalt genommen zu haben 
scheint. Die poetische Thätigkeit Mairet's war innerhalb dieser 
Zeit so gut wie erloschen. Er starb am 31. Januar 1686. 

Dannheisser wendet sich nun nach diesem biographischen 
Abrisse Mairet's der Aufgabe zu, die dramatischen Werke 
desselben chronologisch zu fixieren. Er glaubt dies nur 
auf Umwegen thun zu können. Die Zeitbestimmung von Th6ophile's 
Pyrame et Thishi soll der erste Schritt zu diesem Ziele sein. 
Mairet sagte einmal (1637), seine Sylvie habe bei ihrem Er- 
scheinen darum einen so schwierigen Standpunkt gehabt, weil 
die dramatischen Werke Hardy's, Racan's und Th6ophile's ihr 
vorausgegangen seien. Daraus folgt: Fyramus ist vor der Sylvie 
geschrieben worden. Aber wann? Die Parfaict behaupten, 
T^ophile müsse seine Tragödie wenigstens ein Jahr vor seiner 
Abreise nach England geschrieben haben. Den Beweis hierfür 
bleiben sie schuldig. Es lässt sich auch mehr nicht feststellen, 
als dass Th^ophile in den Jahren 1620 — 1621 einmal in England 
war. Das von den Parfaict für Fyramus angesetzte Jahr 1617 
ist also hinfallig. Einen weiteren Stützpunkt zur Frage der Ab- 
fassungszeit von Pyramus könnte man in Theophile's Elegie ä 
une Dame finden wollen, in der er singt: 

Autresfois, quant mes vers ont anime la sceine, 
L ordre oit fesiois contrainet m^a bien faict de (a peine. 
Ce travail importun nCa long-temps martyre, 
Mais en fin, grace aux J)ieux, je nCen suis retire. 

Die Abfassungszeit dieser Elegie wird, wie Dannheisser 
ziemlich überzeugend nachweist, ins Jahr 1620 zu setzen sein. 
Diese Anspielung Theophile's auf eine ihm lästige dramatische 
Thätigkeit muss sich aber durchaus nicht auf den Pyramus 
beziehen; vielmehr lässt sie sich viel natürlicher auf die von 
Theophile erwiesenermassen abgefassten Ballettexte beziehen und 
Th^ophile athmet also in der Elegie nur erlöst auf, von dieser 
Art Bühnendichtung erlöst zu sein; sein Pyramus kann aber 
darum denn doch ganz gut auch später verfasst worden sein! 
Auch ist es Th^ophile gchon zuzumuten, dass er seinen angeb- 



72 Referate utid Rezensionen. F. Bohertag, 

liehen Widerwillen gegen das Theater dem Publikum zu Liebe 
tiberwunden habe. Aus einem Briefe Th^ophile's geht unzweifel- 
haft hervor, dass sein Pyramus im Jahre 1625 oder 1626 einmal 
bei Hofe und ungefähr um dieselbe Zeit auch im H5tel de Mont- 
morency aufgeführt worden sei. Dannheisser ist geneigt zu 
vermuten, dass diese AuflTUhrung für den Hof wenigstens eine 
Novität gewesen sei, will es aber nicht als feststehend annehmen. 
Wenn aber Pyramris schon 1617 tiber die Btihne Hardy's ge- 
gangen wäre, so könnte (nach Dannheisser) 1625 dieselbe Auf- 
führung bei Hofe unmöglich so grossen Eclat hervorgerufen haben. 
Es bleibt also Alles dunkel. Selbst die Angabe, dass Pyramus 
schon 1623 gedruckt gewesen sei, möchte Dannheisser nicht für 
unumstösslich halten. „Vorher aber gewiss nicht!" Auch hier 
gelangt Dannheisser mehr zu negativen Resultaten und möchte 
nur hinter die in den Litteraturgeschichten herkömmliche Zahl 
1617 für Pyramus ein Fragezeichen gemacht wünschen und be- 
wiesen haben, dass diese Zahlenangabe nicht als Substrat für 
die chronologische Fixierung von Mairet's Werken dienen könne. 
Weiter könnte, wie wir aus dem oben zitierten Ausspruche 
Mairet's gesehen haben, die Abfassungszeit von Kacan's Bergeries 
zur chronologischen Aufhellung von Mairef s Werken dienen. 
Dannheisser kommt zu dem Schlüsse, das Racan's Pastorale nicht 
vor 1622 begonnen und erst (wahrscheinlich gegen Ende) 1623 
zum ersten Male aufgeführt wurde. Es wtirde uns denn doch 
zu weit führen, Herrn Dannheisser auch hier in die Details seiner 
Beweisführung zu folgen und wir geben also hier nur das Resultat. 
Wir werden ja ohnehin ein endgültiges urteil tiber Herrn Dann- 
heisser's Studie erst dann abgeben können, wenn er uns im 
zweiten Teile seiner Arbeit das Positive seiner Forschungs- 
resultate: die Beweisführung für seine neuen chronologischen 
Angaben (er ist hierin ganz radikal!) bieten wird. Bis dahin 
können wir Herrn Dannheisser schon grossen Fleiss und hohe 
Gewissenhaftigkeit nachrtihmen. Nur bezüglich seiner Methode 
sind wir nicht einverstanden: seine Auseinandersetzung schleift 
uns oft durch ein wahres Labyrinth und es kostet die grösste 
Anstrengung und Geduld, ihm zu folgen, besonders weil er es 
liebt, einen Beweis in den anderen einzuschachteln. Also mehr 
Etirze und Geschlossenheit der Beweisführung und ein nicht so 
breitbehagliches Verweilen bei Geringftigigem würden seine Arbeit 
viel geniessbarer machen. J. Frank. 



P, Wespy, Der Qraf Tressan, sem Lehen eic, 73 

Wespy, Paul, Der Qraf TVessan, sein Leben und seine Be- 
arbeitungen der französischen Ritterromane des Mittel- 
alters, Leipziger Inaugaral-Dissertation. Reudnitz-Leipzig, 
1889. 50 S. 80. 

Der Inhalt der kleinen Schrift ist wesentlich biographisch. 
Ein einleitender Abschnitt handelt über die Vorgänger Tressan^s 
auf dem Gebiete, welchem er den grössten Teil seiner schrift- 
stellerischen Thätigkeit gewidmet. Dann folgt ein Abschnitt 
„Lebenslauf des Grafen Tressan", in welchem die Biographien, 
welche bis jetzt erschienen sind, besprochen werden. Hierauf 
kommen „Vorbemerkungen über die Familie Tressan's", femer 
„Jugend und Hofleben (1705 — 1732)**, „Periode seiner mili- 
tärischen Thätigkeit (1733—1750)", „Tressan in Lothringen und 
am Hofe Königs Stanislaus von Polen (1750 — 1766)" (in welcher 
Überschrift dem Referenten das Wort „und" vom Übel zu sein 
scheint), „Tressan's Alter (1766—1783)" und endlich ein Über- 
blick der Ausgaben der Werke Tressans. 

Die Schlussbemerkung „Der zweite Teil dieser Arbeit, ent- 
haltend eine Untersuchung über Tressan's Bearbeitungen alt- 
französischer Kitterromane, wird an anderer Stelle erscheinen" 
rechtfertigt den Verfasser dem Vorwurf gegenüber, dass der In- 
halt der Schrift das nicht gebe, was der Titel verspricht. Jener 
zweite Teil wird nun freilich das bei weitem Interessantere und 
Bedeutendere bieten und lässt, wenn man von dem vorliegenden 
biographischen Teile schliessen darf, Gutes erwarten. Denn 
wir erhalten hier einen gedrängten und doch, wie es scheint, 
vollständigen Lebensabriss des interessanten Mannes, U meüleur 
et le plus aimable esprit qui soit en France nach Voltaire's Urteil, 
welches übrigens wohl weniger gut ausgefallen wäre, wenn der 
Herr Graf sich mit dem litterarischen Diktator weniger gut zu 
stellen gewusst hätte. Bei der Feststellung der Thatsachen 
scheint uns der Herr Verfasser mit der erforderlichen kritischen 
Vorsicht zu Werke gegangen zu sein. Über das Misslingen der 
dem Grafen von seinem militärischen Ehrgeiz eingegebenen Pläne 
ist unseres Erachtens aus dem, was an Material vorliegt, keine 
vollständig genügende Einsicht zu gewinnen. Es fehlen uns 
hierzu, die Sache mag an sich so wichtig oder so unwichtig 
sein, wie sie will, zu sehr alle wirklich objektiven Anhaltspunkte, 
denn was der Abb6 V., Grimm und Madame de Genlis erzählen, 
scheint auf einseitiger Auffassung oder ungenauer Kenntnis der 
Sachlage zu beruhen, und gegen Memoirenanekdoten, von beissenden 
Epigrammen, mit denen sich sonst verdiente Leute geschadet 
haben sollen, muss man ein grundsätzliches Misstrauen haben. 



74 Referate und ' Rezewanen, IC, A, M. Hartmann, 

Ml5ge es Herrn Wespy verstattet sein, seine Arbeit über 
den federgewandten Grafen bald zu einem befriedigenden Ab- 
schlüsse zu bringen, dem wir mit Spannung entgegensehen. 

F. BOBESTAO. 



Kollektion Spemann^ 

Siehe hier Band JX^, Seite 93 ff. 

(Fortsetzung.) 

5) A. R. Le Sage, Dei' hinkende Teufel. Mit einer Einleitung von 
Ferdinand Lotheissen. 230 S. 

Dieser Band gehört zu den besten Leistungen der Sammlung. Die 
Einleitung orientiert in knapper, aber vortrefflicher Weise über Leben 
und schriftstellerische Bedeutung des Le Sage und lässt dieselben Eigen- 
schaften hervortreten, welche die Litteraturgescbichte des zu früh heim- 
gegangenen Verfassers in so hohem Ma^se auszeichnen: die auf eigener 
Anschauung beruhende Vertrautheit mit Land und Leuten, die er- 
schöpfende Kenntnis des Gegenstandes, die treffende massvolle Beurteilung, 
und endlich — last, not least, — die edle, gefallige Darstellung. Auch 
die Übersetzung verdient volle Anerkennung. Sie ist erstens in be- 
sonderem Grade korrekt, was man ja nicht von allen Bänden der Spe- 
mannscben Sammlung sagen kann, und sodann gibt sie den einfachen, 
leichten, lebhaften Ton des Originals sehr gut wieder. Die Nachlese, 
die der Kritiker hier halten kann, ist nur ganz unbedeutend: So findet 
man S. 17: der Dämon der Dummen, wo Le Sage hat: le de'mon des 
du^es. Es handelt sich hier wohl nur um einen Druckfehler. Ebenso 
ist S. 116: »in meinem Hause*' zu ändern in: in einem Hause**. S. 203 
wäre der Pentameter des lateinischen Distichons einzurücken gewesen, 
und S. 224 ist zu lesen: „die ich übernehme*' für: „die ich über- 
nahm (dont je me Charge). Ein zweimal (S. 29 und 118) vorkommender 
Übersetzungsfehler ist: „Junggeselle** für: hachelier. Bekanntlich ist 
diesem französischen Worte die Bedeutung des entsprechenden englischen 
Ausdrucks fremd. S. 159 ist: je ne la (d. h. Poccasion) ratei^ai pas (ich 
werde sie nicht verpassen) nicht ganz genau wiedergegeben durch: ich 
werde nichts daran ändern. S. 203 liest man: „Wir können unter- 
haltende Beobachtungen dort anstellen**, was sich nicht völlig deckt mit 
dem Ausdrucke des Originals: nous ferons quelques remarques rejouissanies. 

Der Leser hat selbst schon bemerkt, wie geringfügig diese Aus- 
stellungen sind Dieselben können nur dazu dienen, den Wert des Bandes 
um so mehr hervortreten zu lassen. 



6) J. J. Rousseau's Netw Hetoise. 2 Bde. (312 und 321 SS.) 

Diese Übersetzung, deren Verfasser nicht genannt wird, wäre sicher- 
lich besser ungedruckt geblieben. Denn sie ist auch nicht im entferntesten 
dazu apgethan, dem Leser zu einem wirklich angemessenen Eindrucke eines 
80 bedeutenden Litteraturwerkes zu verhelfen, nicht nur wegen der zahl- 
reich vorhandenen groben Missverständnisse des Originals, das dem Über- 
setzer noch dazu in einer durch Druckfehler arg entstellten Form vor- 
gelegen zu haben scheint, sondern auch wegen der höchst bedenklichen, 
an vielen Stellen geradezu unglücklich zu nennenden stilistischen Form, 



KoUektion Speman». 75 

in die das Ganze gekleidet ist, und endlioh wegen der grossen Menge von 
Barbarismen, 'Gallizismen, Provinzialismen und Archaismen, die einem die 
Lektüre verleiden. Die letzteren machen es wahrscheinlich, dass der Ver- 
leger hier einfach eine Übersetzung älteren Datums abgedruckt hat, mut- 
masslich eine aas dem vorigen Jahrhundert. Leider hat er es aber ver- 
säumt, eine gründliche Überarbeitung des Textes vornehmen zu lassen, und 
so ist ein Werk entstanden, bez. neu auterstanden, das so gut wie un- 
brauchbar ist, und niemandem empfohlen werden kann, auch nicht dem 
anspruchslosesten Leser. An nicht wenigen Stellen ist die Übei'setzung 
geradezu unverständlich, und man muss das Original aufschlagen, um 
Klarheit zu erlangen. Dazu kommt noch, dass die typographische Be- 
handlung des Textes in hohem Grade nachlässig ist, sowohl wegen der 
vielen falschen Buchstaben, die einem aufstossen, als auch wegen der 
zahlreichen Auslassungen von Worten oder gar Sätzen, so dass der Leser 
oft vor Rätseln steht, die nur mit Hülfe von Rousseau 's Wortlaut erst 
gelöst werden können. 

Ein solches Urteil scheint hart, und wer es ausspricht, hat die 
Pflicht, es zu begründen. Freilich können wir nicht daran denken, das 
ganze uns vorliegende Material mitzuteilen, denn das würde den Rahmen 
eines Zeitchrifiienartikels weit überschreiten. Die folgende Blumenlese 
wird aber hinreichen, um den Beweis zu liefern, dass das aasgesprochene 
Urteil durchaus nichts unbilliges hat, sondern lediglich dem wirklichen 
Thatbestande entspricht. 

So sei denn zunächst eine Auswahl aus den vielfachen Entstellungen 
des Originals gegeben: 1, 13 das beständige Absprechen (deraisonnement), 
1, 14 um die Wette (tour ä tour). 1, 15 Der Schlendrian (manage) des 
artigen Betragens. Ib. Die Märchen fcofites), die Romane, die Theater- 
stücke, alles stichelt auf die Provinzbewohner. 1, 35 Das Gewirre meiner 
Umgebungen (mes perplexites) 1, 33 von dem Du mir durchdrungen 
scheinst (as paru). 1, 35 Weiche gute That, die ich um ihrer selost 
willen schon vollbracht hätte, sollte ich jetzt vollbringen, mich Deiner 
würdiger zu machen? (quel bien qne je n'aurois pas fait pour lui-mSme, 
ne ferais-je pas^ mainienani, pour me rendre digne de toi?) 1, 36 Du 
verlierst Deine Zeit in leerer Trauer, und kannst ohne Furcht sein, ob 
Du Dir nicht neue darüber bereitest? (comment ne crains-tu poini de 
fen atiirer d*auires?) 1, 38 Mein dumpfer Leichtsinn fmon diourderie). 
1, 43 Mein Humor (mon humeur), meine Gesundheit haben ihr frohes 
Teil daran (s'en ressentent). 1, 66 Der Tugenden mit der Goldwage 
wägt (au poids de Cor). 1, 57 Ein Taschengeld, das von mir nie be- 
rührt werden darf (ä laqueÜe je n^aijamais besoin de toucher). 1. 60 Ge- 
schäftsträger (commissionnaire). 1, 62 Die Gebirge, soweit (tandis qu* 
elles etc.) sie zugänglich sind. 1, 73 Ich wusste, welche Partie (q%iel 
parti) Sie ergreifen würden. 1, 76 Ich schreibe auf einem Viereck 
(quartier) y welches das Eis vom Felsen abgestossen hat. 1, 98 Dein Haar- 
putz (ajustement). 1, 99 unvermögend, mir selber aufzusehen (me garder), 
1, 196 Das Fagott (violonceUe). 1, 121 Dann werde der Becher mit 
meinem wohlbedachten Willen (ä mon intention) geleert. 1, 133 Diese 
Stürmer (ces hommes si ombrageux). 1, 134 Ausschweifung (extravagance). 
1, 137 verkleinern favilir). 1, 137 Bomston's Zufall (accideni). 1, 138 
Gebärde (attitude). l, 156 verstörte ßouiUanl) Miene. 1, 156 abreisen 
(partir, d. h. fortgehen). 1, 158 sich zu allen hinkauern (s*accrocher). 
Ib. Sie nahm leicht die veränderte Richtung (prit le change). 1, 163 
Was in diesen Rücksichten das Zuträgliche sei, muss er wissen (vaüä 
les convenatices dant U doii connaiire). 1, 165 Den Wunden einige 
Linderung (appareü) versohafifen. 1, ].69 Die ehrenvollste Partie (le parti 



76 Referate und Rezensionen. K. A. M. Hartmann, 

EntschldBs). 1, 170 Die ängstliclie Verwickelung? deiner Lage (tes per- 
plexites). 1, 175 Mein Schicksal hat Ihren Eifer zum besten (C empörte 
sur votre zhle). 1, 177 Sieh zurück (regarde). Ib. Ich darf Deine Wut 
überbieten (j*en puis defier). Ib. Kannst Du mich in Anspruch nehmen 
(fen prendre ä moij. 1, 179 Wie schwach sind die Tröstungen der 
Freundschaft, wo der Liebe Tröstungen entstehen (manquent), 1, 184 
Bin ich es auch fest-ce öien moi) dem Sie Verrat Schuld geben? Ib. 
Übereilung (extrav